Bertolt Brechts Gedicht „Heißer Tag“

BERTOLT BRECHT

Heißer Tag

Heißer Tag. Auf den Knien die Schreibmappe
Sitze ich im Pavillon. Ein grüner Kahn
Kommt durch die Weide in Sicht. Im Heck
Eine dicke Nonne, dick gekleidet. Vor ihr
Ein ältlicher Mensch im Schwimmanzug,
Wahrscheinlich ein Priester.
An der Ruderbank, aus vollen Kräften rudernd
Ein Kind. Wie in alten Zeiten! denke ich
Wie in alten Zeiten!

1953

aus: Bertolt Brecht: Gedichte 7. Suhrkamp Verlag. Frankfurt a.M. 1964

 

Konnotation

Über die im Sommer 1953 entstandenen Gedichte Bertolt Brechts (1898–1956), die als Buckower Elegien überliefert sind, die der Dichter jedoch als komplette Sammlung nie veröffentlichen wollte, ist viel gerätselt worden. Von der Motivik her deutet vieles auf den Rückzug in eine Idylle hin. Der Blick des lyrischen Ich begrenzt sich scheinbar auf das Refugium im märkischen Buckow: zwei große Häuser unter Bäumen am See, vom Dach steigt Rauch. Aber die unspektakulären Vorgänge haben etwas Parabelhaftes.
Auf den ersten Blick geht es um eine Zufallsbeobachtung aus der Gartenidylle: Ein Kahn fährt auf dem See, an Bord zwei Geistliche und ein Kind. Aus der Nahoptik wird die Szene rätselhaft und provoziert eine politische Reflexion des lyrischen Subjekts. Beim Anblick der Nonne und des Priesters und des „aus vollen Kräften rudernden Kinds“ kehren die „alten Zeiten“ zurück. Ist die sommerliche Szene ein Hinweis auf alte Knechtschaftsverhältnisse, auf alte, längst obsolete Hierarchien, die der SED-Staat längst überwunden glaubte? Die „neuen Zeiten“ jedenfalls scheinen noch nicht wirkungsmächtig genug.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2008, Verlag Das Wunderhorn, 2007

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