23. November

Herta Müller als Nobelpreisträgerin! Der schwarze Hungerengel auf dem Weltgebäude der Literatur! Man braucht bloß ein halbes … ein Dutzend starker Autoren aufzuzählen, die auch diesmal leer ausgehen, um sich die Peinlichkeit der Wahl bewusst zu machen. Die Preisträgerin selbst wird es zweifellos auch tun, und sie wird sich darüber hinaus an ein weiteres Dutzend bereits verstorbener Autoren erinnern, die ebenfalls nicht in die Kränze gekommen sind. Vermutlich wären die vom Nobelkomitee verschmähten oder nur einfach vergessenen Autoren ohnehin die würdigeren Laureaten gewesen. Rainer Maria Rilke. Aleksandr Blok. Clarice Lispector. Marina Zwetajewa. Robert Musil. Andrej Platonow. Michel Leiris. René Char. Jorge Luis Borges. Vladimir Nabokov. Julio Cortázar. Franz Kafka. Michail Prischwin. Alain Robbe-Grillet. Ossip Mandelstam. Joseph Roth. Fast ist man geneigt zu sagen, der bessere Teil der neueren und neusten Weltliteratur sei um den Nobelpreis herumgekommen. Ich meinerseits hätte auch Stilisten vom Rang eines Claude Lévi-Strauss, eines Michel Foucault, eines Arno Borst oder Roland Barthes für valable Nobelkandidaten gehalten. Nun sind sie alle tot, gehören also zu den »größeren Heeren« und sind für keine Preisverleihung mehr zu haben. Eigentlich besser so! – Mailnotiz von Eleonore Frey: »Unser Gespräch in der Bahn über den Namen Pereswon erinnere ich deutlich. Beim Lesen des Gedichts, das Du mir geschickt hast, fiel mir ein, ob ›das Durchklungene‹ nicht auch ein Wort für das Gedicht sein könnte? Ich werde es noch ein paarmal wieder lesen. So und anders zum Klingen gebracht. Bin noch etwas müde. Telefonieren ist anstrengend. Morgen gehe ich zum ersten Mal wieder allein ins Freie. Wie war Deine Lesung am letzten Donnerstag? Wie geht es Dir, wo bist Du?« Ja, wo bin ich? Bin immer da, wo ich mir meiner nicht ganz sicher sein kann. – Großer Traum mit Autofahrten, Versteckspielen, Lügengebäuden, spanischen Schlössern und dazu – wie auf einer riesigen, ruckartig sich bewegenden Plakatwand – die zahllosen Visagen meines bevorzugten und herzlich gehassten Zeitgenossen. – Peer Steinbrück, rühriger Kanzlerkandidat der SPD, startet mit massiven Fehlleistungen in den Wahlkampf, verdirbt sich sein Rating und die Sympathie mancher Parteigenossen durch unbedachte rhetorische Schlenker. Der Mann schadet sich ohne Grund und Not, und er tut es im Wissen, dass es ihn und seine Partei die Wahl kosten kann. Steinbrücks Ausreißer wirken lachhaft, sie sind aber auf verquere Weise auch tragisch, weil er, der Superkluge, natürlich weiß, wie lachhaft er gegen seinen Willen agiert. Gegen seinen Willen? Ja; aber entsprechend seinem Charakter, der ihn unabweisbar daran hindert, all diese peinlichen Fehler weit unter seinem intellektuellen Niveau nicht zu machen. Ich habe eine ähnliche Charakterschwäche – zu beklagen! – Diverses von Pierre Klossowski gelesen, auch wiedergelesen; und alles enttäuscht mich – das vor Überanstrengung qualmende Denken, der penible schulmäßige Diskurs, die abstrusen Themen und Interessen dieses Autors, der unentwegt im Uneigentlichen wühlt. Aber einst war ich begeistert von Klossowskis Kunstfigur Roberte, von seinem ›Widerruf des Edikts von Nantes‹, von seiner Erotologie des Geldes, sogar von seinem zeichnerischen Werk, dessen lachhafte, aber völlig ironiefreie Erhabenheit – kalte sexuelle Dispositive mit Buntstift auf großformatige Papiere gestrichelt – ich heute nur noch peinlich finden kann. Was hat sich da bei mir im Lauf der Jahre, der Jahrzehnte gewandelt? Der Geschmack? Das Interesse? Die Erwartung? Die Optik? Aber ich sehe noch immer, nah wie fern, ohne Brille, lese auch weiterhin mit bloßem Auge! Mindestens einmal muss ich mich getäuscht haben – sei’s bei meinen frühen Lektüren, sei’s heute, da ich Klossowskis Nietzschebuch beim Wiederlesen ernüchtert zur Seite legte. Doch damit ist die Enttäuschung noch lange nicht aufgeklärt. Bleibt die Frage, was beim Wiederlesen tatsächlich geschieht und wodurch die Neubewertung wiedergelesener Texte – ob positiv oder negativ – bedingt ist. Der Text steht ja da, und als solcher bleibt er auch – Schwarz auf Weiß – unverändert stehen. Geändert hat sich aber seit der Erstlektüre meine Optik, mein Interesse; meine Leseerfahrungen und damit meine Vergleichsmöglichkeiten sind größer geworden, ich sehe, verstehe, beurteile vieles anders als damals. Damals las ich Klossowski mit der Bewunderung und dem Enthusiasmus des Jüngeren, der sich an seinen Vorbildern abarbeitet. Heute brauche ich keine Vorbilder mehr; heute – und nicht erst heute – geht es umgekehrt darum, mit Vorbildern aufzuräumen, Schluss zu machen mit unkritischer Verehrung und Nachfolge … ernst zu machen mit mir selbst, die eigenen Stärken und Defizite optimal zu nutzen. Tatsächlich tendiere ich mehr und mehr dazu, in meinen einstigen Vorbildern meine heutigen Nachfolger zu erkennen. Nicht woher ich komme, ist die aktuelle Frage, sondern wohin ich unterwegs bin; nicht wem ich nachfolge, sondern wer mir nachfolgt. Meine jüngste diesbezügliche Erfahrung betrifft Raymond Roussel. Roussel steht seit Jahrzehnten mit mehreren seiner Bücher bei mir ungelesen im Regal, doch jetzt, da ich ›Noch ein Leben für John Potocki‹ fertiggestellt habe, realisiere ich endlich, wie viel dieser Autor mir zu verdanken hat … realisiere, dass Roussels ›Eindrücke aus Afrika‹ ein literarisches Erbe aus der Zukunft sind, mithin ein Nachhall und keineswegs ein Vorbild. Ich habe viel gelesen, werde aber nie genug gelesen haben, um nicht immer wieder eben diese Erfahrung … diese Entdeckung zu machen – dass ich etwas geschrieben habe, das in vergleichbarem Geist und in vergleichbarer Form längst geschrieben, aber noch nicht gelesen war. Ich will hinzufügen, dass beim Wiederlesen, anders als im Fall von Pierre Klossowski oder Thomas Mann, auch die positive Enttäuschung eintreten kann: Der sentimentale Bildungsroman ›Anton Reiser‹ von Karl Philipp Moritz, den ich als Student im Seminar von Robert Minder in mühseligem Exerzitium durchgearbeitet hatte, ist für mich erst bei der dritten Lektüre als ein Meisterwerk deutscher Prosa und zugleich deutscher Poetik erkennbar geworden. – Nachbarn, Verwandte waren mir als Kind immer viel fremder als die Helden meiner Fantasien, Träume und Lektüren. Der Zauberer von Oz, die Rote Zora, Onkel Tom, Becky Becker, Prinz und Bettelknabe, auch Indianerhäuptlinge und Kriegsflieger zog ich meinen Schulkumpanen, meinen Lehrern, Tanten und Cousins bei weitem vor. Menschen in meiner nächsten Umgebung nahm ich wie im umgekehrten Fernrohr wahr – weit hinten am Horizont waren sie nebeneinander aufgereiht wie abgeschobene Spielfiguren. Turi Dreyfus, der gehbehinderte Frisör, der seine blitzende Schere auch dann klappern ließ, wenn er nichts zu schneiden hatte. Herr Böswald, der angebliche Altnazi und Landesverräter. Der Milchmann, der es mit der Mutter meiner Schulfreundin Nessi hatte. Onkel Georges mit dem violetten Gesicht und der riesigen Briefmarkensammlung. Der mongoloide Fritz, der durch bloßes Händeringen Furzgeräusche erzeugen konnte. Reb Schüle in seiner Büchergruft am Pestalozziweg. Frau Tschan, die Nachbarin mit dem stinkenden Krebsgeschwür im Gesicht. Mein Großvater als Paukist bei der Allianzmusik. Herr Pollak, Hauslieferant meiner Mutter, mit seinen duftenden Stoffballen. Der Kolonialwarenverkäufer Pitou mit dem Süßholzstängel zwischen den Zähnen. Fräulein Doktor Bonadurer mit ihren Haarschnecken beidseitig über den Ohren. Der kleinwüchsige Herr Buol, der stets den neusten Studebaker fuhr. Tante Doris, die für die Partei der Arbeit Wahlplakate klebte. Tante Elisabeth, die ein wenig Englisch konnte und immer wieder behauptete: »A Rolls-Royce axe never breaks!« Und nochmals mein Großvater, der mich gelegentlich ins Bordell mitnahm, wo ich jeweils für eine endlos lange halbe Stunde mit türkischem Honig und Magenbrot und einem bunten Luftballon ruhiggestellt wurde. Auf befremdliche Weise war ich mit all diesen Menschen vertraut. Zu meiner Welt gehörten sie nicht. – Friedrich Schlegel (›Athenäum Fragmente‹ usf.), Arthur Schopenhauer (›Parerga‹ usf.) – solche Intelligenz in solchem Stil sich ausleben zu lassen: Da kann ich – kein Paradox! – nur kopfschüttelnd nicken.

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