Friedrich Christian Delius’ Gedicht „IMMER mehr Bettler, …“

FRIEDRICH CHRISTIAN DELIUS

IMMER mehr Bettler,
immer mehr Millionäre.
Wenige Toren,
die sich die Augen reiben:
Welches Land und welche Zeit?

1987/88

aus: F.C. Delius: Japanische Rolltreppen, Rowohlt Verlag, Reinbek 1989

 

Konnotation

Als Dichter mit politischer Inspiration und zeitkritischer Intelligenz hat sich der 1943 geborene Schriftsteller Friedrich Christian Delius schon in seinen frühen Gedichten exponiert. Die Möglichkeiten aufklärerischer und satirischer Erhellung der gesellschaftlichen Verhältnisse hat er seither in vielen Formen durchgespielt. So auch in dieser Miniatur über die Folgen des modernen Turbo-Kapitalismus.
Delius greift hier auf japanische Form-Vorbilder zurück: Die meditative, auf sinnliche Momentaufnahmen konzentrierte Form des japanischen „Tanka“ versucht er ästhetisch zu erweitern und politisch aufzuladen. Dabei hat er wenig Spielraum: Das „Tanka“ umfasst stets 31 Silben, verteilt auf fünf Zeilen von fünf- und siebensilbiger Länge. „Ich wollte“, so der Autor im Nachwort zu seinen Gedichten, „die japanische Form nicht nachahmen, sondern von ihr Gebrauch machen. Die Zeigegeste, die Technik des Offenlassens üben – ohne das europäische Temperament zu verleugnen.“

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2007, Verlag Das Wunderhorn, 2006

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