Novalis’ Gedicht „Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren“

NOVALIS

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Wenn die so singen, oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freie Leben
Und in die Welt wird zurückbegeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu echter Klarheit wieder gatten,
Und man in Märchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.

1802

 

Konnotation

Die Beschwörung der poetischen Magie durch den Romantiker Friedrich von Hardenberg alias Novalis (1776–1801) hat viele andächtige Nachahmer gefunden. In weit ausgreifenden Wenn-Sätzen und etwas holpernden Knittelversen wird in diesem Gedicht suggeriert, dass die tiefere Wahrheit der Welt in Märchen und Gedichten verborgen liegt, jenseits der Zahlen-Gläubigkeit der exakten Naturwissenschaften.
Dass hier ein Misstrauen gegen „Zahlen und Figuren“ geschürt wird, widerspricht in vielem dem universalpoetischen Ansatz des Dichters. Zwar hat Novalis gegen das scholastische Denken der Aufklärung polemisiert. Andererseits hat er stets die Wesensverwandtschaft von Poesie und Mathematik betont und in seinem „Monolog“ (1798) den immanenten Zauber von Formeln gerühmt: „Wenn man den Leuten nur begreiflich machen könnte, daß es mit der Sprache wie mit den mathematischen Formeln sei – Sie machen eine Welt für sich aus – Sie spielen nur mit sich selbst, drücken nichts als ihre wunderbare Natur aus, und eben darum sind sie so ausdrucksvoll – eben darum spiegelt sich in ihnen das Verhältnißspiel der Dinge.“

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2007, Verlag Das Wunderhorn, 2006

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