Oda Schaefers Gedicht „Im Hades“

ODA SCHAEFER

Im Hades

Viele kehrten nicht wieder. Ich weiß.
Du auch bliebest am düsteren Ort.
Ach, er gibt das Geheimnis nicht preis,
Nicht das im Munde verdorrende Wort.

Schweigen. Sausen des Windes im Ohr
Flüstert Antwort und schauert und lacht.
Schatten, den ich vergebens beschwor,
Ungewiss stürzest du ab in die Nacht.

Wandte zärtlich zu früh mein Gesicht
Ich nach deinem, Verblassender du?
Auf der Leier verlöscht nun das Licht.
Ferne schon brüllen die Tiere mir zu.

1930er Jahre

aus: Oda Schaefer: Ausgewählte Gedichte. Piper Verlag, München 1985

 

Konnotation

Die heute vollkommen vergessene Dichterin Oda Schaefer (1900–1988) gehörte in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts zu den prominenten Autoren der „Inneren Emigration“, die trotz demonstrativer Distanz zum Nazi-Regime im Land blieben und weiter in den offiziellen Publikationen des „Dritten Reichs“ publizierten. Ihre Neubestimmung des Naturgedichts zielte auf eine Beschwörung der elementaren Energien der Erde und des Wassers. Diese düstere Romantik begreift den Tod als Verwandlung und Durchgangsstadium zur Wiederkehr des Lebendigen.
In einer Variation auf die berühmte Orpheus-Sage vom Sänger, der seine geliebte Eurydike aus dem Totenreich ins Leben zurückholen will, hat Oda Schaefer hier die mythische Erzählung neu akzentuiert. Im Zentrum der lyrischen Reflexion steht nicht mehr die Trauer des Sängers um die verlorene Geliebte – nun kreist die poetische Rede um die Beschaffenheit des Totenreichs. Der Hades selbst wird zum Fixpunkt des lyrischen Denkens.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2009, Verlag Das Wunderhorn, 2008

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