Richard Dehmels Gedicht „Frecher Bengel“

RICHARD DEHMEL

Frecher Bengel

Ich bin ein kleiner Junge,
ich bin ein großer Lump.
Ich habe eine Zunge
und keinen Strump.

Ihr braucht mir keinen schenken,
dann reiß ich mir kein Loch.
Ihr könnt euch ruhig denken:
Jottedoch!

Ich denk von euch dasselbe.
Ich kuck euch durch den Lack.
Ich spuck euch aufs Gewölbe.
Pack!

1891

 

Konnotation

Die literarische Karriere des Lyrikers Richard Dehmel (1863–1920) begann mit einem Skandal: Seine ersten Gedichtbände beschäftigten wegen angeblicher „Verletzung der religiösen und sittlichen Gefühle“ die Gerichte. Lange vor den Expressionisten propagierte Dehmel den „neuen Menschen“, der libertäre Ideale verwirklichen will und von erotischer Unbedingtheit träumt. Der „freche Bengel“ aus seiner ersten Sammlung Erlösungen (1891) huldigt einem antibürgerlichen Lebensprogramm.
Als Vorbilder adoptierte Dehmel die „vogelfreien Dichter“ und Bohème-Idole Paul Verlaine und François Villon, deren Exzentrik ihm imponierte. Der Eigensinn des literarischen Provokateurs verflüchtigte sich rasch, als der Erste Weltkrieg unter Europas Intellektuellen die politische Vernunft aushebelte. Als Kriegsfreiwilliger der „Generation Verdun“ wandelte sich Dehmel zu einem Propagandisten deutscher Selbstherrlichkeit und eines imperialistischen Nationalismus.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2008, Verlag Das Wunderhorn, 2007

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