Unica Zürns Gedicht „Das Leben, ein schlechter Traum“

UNICA ZÜRN

Das Leben, ein schlechter Traum

Der Mensch ist Rauch. Alle beten,
sterbend um Rache. Alle! Nichts
als Nacht. Ich Elender sterbe um
all’ diese Scherben. Nacht! Mut! Er,
der Nebel lacht mich aus. Sterne,
ernste Sterne, bald lache ich um
den Irrtum, lache! Lache bestens!
Breche alles mittendurch: Nase,
Bauch, rechten Arm. Elende List
des Liebens! Marter! Ach, Leuchten
des bleichen Traums – er lachte
mich an, der Lebenstaeuscher
und brachte nichts. Arme Seele.

1954

aus: Unica Zürn: Gesamtausgabe Bd. I Anagramme, Brinkmann & Bose, Berlin 1988

 

Konnotation

Nach dreiundvierzig Lebensjahren ist dieses Leben nicht MEIN Leben geworden. Es könnte ebenso gut das Leben eines anderen sein. Erst dann, wenn es keine Wiederholung der Ereignisse gibt, wird es mein Leben sein… Und das wird nie eintreten, bis zum Tod.“ Das Leben blieb für die aus Berlin stammende und lange in Paris ansässige Schriftstellerin und Malerin Unica Zürn (1916–1970) unerreichbar, „ein schlechter Traum“. Denn die „Wiederholung bestimmter Ereignisse“, das bedeutete die Wiederkehr furchtbarer Traumata: den Ekel vor der aggressiven Mutter und den Hass auf den Bruder, der seine Schwester vergewaltigt hatte.
Einen Ausweg aus den tragischen Verdunkelungen ihres Daseins bot die Kunst, vor allem das „semiotische Würfelspiel“ (Julia Kristeva) der „Anagramme“. Diese Stellung von Buchstaben eines vorgegebenen Satzes poetische Funken zu schlagen, entwickelte Unica Zürn zuerst 1954, als sie ihre „Hexentexte“ veröffentlichte. Die „Marter“ des Lebens beendete Unica Zürn 1970 mit einem Sprung aus ihrer Pariser Wohnung.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2007, Verlag Das Wunderhorn, 2006

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