Michael Gaeb & Thomas Wohlfahrt (Hrsg.): Weltklang – Nacht der Poesie

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Michael Gaeb & Thomas Wohlfahrt (Hrsg.): Weltklang – Nacht der Poesie

Gaeb & Wohlfahrt (Hrsg.)-Weltklang – Nacht der Poesie

GESTOHLENES LICHT – CHIMANIMANI

Dort oben im Land von meiner Mutter Ahnen
Steht der imposante, mächtige Chimanimani-Berg
Und sein Gipfel trägt eine Krone aus dichtem, grauem
aaaaaNebel

Auf diesem Gipfel sitzen teilnahmslos einige
aaaaazerklüftete Felsen
Jahrein, jahraus hocken sie da im Schatten des Nebels
Ohne jede Hoffnung, je ihren eigenen Schatten zu
aaaaasehen

Man fühlt Mitleid, möchte fast ein Gebet sprechen
Denn wie kann ein so unschuldiger Teil der Schöpfung
Das ganze Leben verbringen, ohne je den eigenen Schatten zu sehen?

Aber wie kann man ihren Schöpfer anflehen
Wenn Schatten nur gestohlenes Licht sind?
Wenn Schatten nur verweigertes Licht sind?

Aber soll man nur abseits stehen und zusehen
Wie der Nebel die Felsen ihres Lichts beraubt?
Wie der Nebel sie mit seinem eigenen Schatten umhüllt?

Chirikuré Chirikuré
übersetzt von Klaus Berr 

 

 

Von Dichtern und Gedichten

… ein Vagabund,
der in nunmehr ernsten Zeiten
doch nur unzulänglich sang.
Ko Un

WELTKLANG – die lange Nacht der Poesie findet zum sechsten Mal statt und eröffnet auch in diesem Jahr das Poesiefestival Berlin. Schaut man sich die eigens zu diesen Veranstaltungen erschienenen Anthologien der vergangenen sechs Jahre noch einmal an, dann lesen diese sich wie Seismographen der jeweiligen Stimmungs- und Gefühlslage der Welt. Dazu ist große Dichtung imstande. Die Welt der letzten drei Jahre erscheint in den Gedichten brüchig, gefährdet und unsicher, im großen Ganzen wie im Persönlichen. Aus vielen Sichtwinkeln ist der Vers geformt, der davon spricht und Angst und Sorge in Kunst verwandelt. Allein das macht diese Ansammlung von Dichtern und Gedichten einzigartig und so unschätzbar wertvoll.
Und in diesem Jahr? Die Färbungen der Texte sind vielfältig, insgesamt vielleicht heller. Schönheit ist hier und da wieder möglich; etwa in den Versen von Clara Janés aus Spanien, in denen es heißt: „Ich möchte den Mondschein / über die Gewässer der Nacht ziehen…“
Die Südafrikanerin Gabeba Baderoon äußert Vertrauen; Vertrauen in den rechten Verlauf von Geschehnissen: „Unsere Fußstapfen führen zurück zu der Tür / sichtbar gemachte Bewegung.“ Ihr lyrisches Sprechen hat sich aus der hoffnungslos globalisierten Welt ganz in die subjektive Wahrnehmung zurückgezogen. Sie zeigt uns, wie mit den Menschen auch die Sprache obdachlos geworden ist.
Dies ist auch ein großes Thema des simbabwischen Performers Chirikuré Chirikuré, der noch in der tiefsten Traurigkeit die klangliche Schönheit der Sprache trotzig feiert.
Aus dialektisch gegenläufigen Beobachtungen und ihrer Interpretation schöpft der Mexikaner Fabio Morábito seine Hoffnung auf ein Bewahrtwerden durch Gemeinschaft: „… und mich nur dorthin traue, / wohin sie sich trauen.“ Seine Gedichte sind leise arbeitende Verwandlungsmaschinen der Wirklichkeit: Dem Alltäglichen, scheinbar Banalen wird hier durch äußerste sprachliche Verdichtung und genaueste Beobachtung das Poetische abgerungen. Es sind Versuche, uns metaphysisch obdachlos Gewordene durch die Feier radikaler Flüchtigkeit so etwas wie eine irdische Transzendenz wenigstens anzudeuten.
„Aber Denken ist nichts als Hoffen / dass das Wissen nicht nachlässt / und das Sprechen sich in Wahrheit dem Sprechen vorbehält“. So konturiert der Franzose Michel Deguy das Problemfeld. Auch hier wieder die Hoffnung, das Poetische möge eine Orientierung sein.
Völlig anders geht es zu in der Welt des Serben Miodrag Pavlović, wenn angesichts des Sichtbaren zur Entscheidung steht: „… den Kopf abwenden / oder / erblinden…“ und sich die Klage „… schöne Städte wird es nicht mehr geben / in unserem Land…“ vermengt mit dem dringenden Wunsch: „Und das Gesetz des steten Herzens soll herrschen / neben der zerstörten Stadt.“
Unbezwungene Gespenster jüngster Vergangenheit bevölkern auch die Welt des in Sachsen geborenen Lutz Seiler, wenn er bekennt: „wir grüßen gagarin, wir / hatten kein glück, abfahrt, zurück / in unsere dörfer…“ Vorausgegangen war die schmerzende ostdeutsche Erkenntnis: „… wir hatten / gagarin, aber gagarin / hatte auch uns.“
Christian Uetz, der unermüdliche Wortverdreher, der in immer neuen Variationen des poetischen Klangs uns die Sprache entfremdet und sie so der bloßen Verfügbarkeit entzieht, wählt eine andere Form, Schönheit zu erzeugen. Sprachfloskeln und formalisierte tote Sprache werden dekliniert, bis sie zu neuem Leben erweckt sind oder gegen die eigene sprachliche Selbstsicherheit ins Feld geführt werden. Die Sprache weiß um einen nicht auflösbaren Widerspruch: „Ich komme nicht zur Existenz“, heißt es, „Ohne Worte komme ich nicht zur Existenz“, um am Ende seiner Deklination zur doppelten Wahrheit vorzustoßen „Ich komme ums Leben, wenn ich nicht zu Wort komme.“
Allen Dichtern ist die Beschäftigung mit Sprache als Material von Dichtung wichtig. Es wird um Sprache gerungen, nach Möglichkeiten von Sprache gesucht und Zuständigkeit von Sprache und Sprechen hinterfragt oder erprobt. Dies gilt besonders für Laurie Anderson, die wie kaum eine andere Künstlerin unserer Zeit die Grenzen der Künste ausgelotet hat. Sie weiß um „Löcher in der Sprache“, die zum Verstecken taugen oder als Lüge im System Sprache installiert sind, Der Sprechakt selbst, das An- und Aussprechen, ist problematisch geworden.
Und schließlich der große koreanische Dichter Ko Un, der fast ein halbes Jahrhundert koreanische Literaturgeschichte hier und heute erfahrbar macht: eine Stimme, die fremd klingt, eine Bilderwelt, die ebenfalls nicht nach falscher Vertrautheit heischt. Und doch: Gibt man sich den gedanklichen Bewegungen, den stillen Bilderwelten und zarten, aber deutlichen Kontrasten dieser Lyrik hin, so wird man auch in ihr den Triumph der Schönheit über die existenzielle Fragilität des Daseins entdecken. Hier nun wird das Motto sinnfällig, das ich dem Vorwort vorangestellt habe. Der aus Südkorea kommende Dichter Ko Un formuliert das Selbstverständnis des Dichters als ein existenziell gefährdetes: „… ein Vagabund, / der in nunmehr ernsten Zeiten / doch nur unzulänglich sang.“ Sich in solcher Mangelhaftigkeit zu begreifen hat menschliche und künstlerische Größe zur Voraussetzung.
WELTKLANG, das große Konzert von Versen in Stimmen und Sprachen, vertraut auf die der Dichtung innewohnende Kraft als eigenständige Kunst. Es sind die musikalischen Elemente, die in den Klang- und Rhythmuslinien, in Verstraditionen und Bilderwelten den Gesetzen der jeweiligen Sprache folgen oder damit artifiziell oder subversiv operieren. WELTKLANG meint: den Klang von Sprachen wie in einem Konzert wahrzunehmen und als besonderen Ton zu begreifen. Deshalb lesen alle Autoren ihre Texte ausschließlich in ihrer Muttersprache.
Natürlich wollen Gedichte auch bedeuten. Die deutschen Fassungen können Sie in einem eigens für diesen Abend und in limitierter Auflage erstellten Buch mit- oder nachlesen, einem tragbaren „Almanach der Weltpoesie“. Viele bisher unveröffentlichte Gedichte werden Sie hier finden, die meisten sind zum ersten Mal überhaupt ins Deutsche übersetzt worden. Dank der großartigen Arbeit der Übersetzerinnen und Übersetzer sind wir in der Lage, dem Wort- und Sprachkonzert auch dann zu folgen, wenn es komplexe Zusammenhänge mitteilt. Alle Autoren des heutigen Abends werden Sie später im Jahr unter der Rubrik WELTKLANG auf www.lyrikline.org, der internationalen Audio- und Bibliothek für Poesie im Internet, wiederhören und -lesen können.
WELTKLANG hat mit dem Potsdamer Platz einen pulsierenden urbanen Ort, an dem alle Bereiche menschlichen Lebens zu Hause sind und auf dem sich die Welt trifft. Entsprechend fühlen sich auch die Künste hier wohl und gestalten ihn mit. Allen Dichtern und Künstlern ein großes Dankeschön dafür, dass sie zu uns gekommen sind.
(…)

Thomas Wohlfahrt, Nachwort, 18.6.2005

Weltklang – Nacht der Poesie

Weltklang ist ein Konzert aus Worten und Stimmen in den verschiedensten Sprachen. Jedes Jahr im Sommer lesen Dichter aus aller Welt, und tausende Menschen lassen sich von Sprache in ihrer dichtesten Form, von Worten, Klängen und Rhythmen verzaubern.
Ein Muss, nicht nur für Berlin und die Poesiefreunde aus aller Welt, sondern auch für lyrikline.org. Die Special Edition  W E L T K L A N G  versucht alle Autoren zu präsentieren, die in den letzten Jahren zu Gast waren und Weltklang zu Gehör gebracht haben. Zu lesen sind alle Gedichte in der Originalsprache und in der Übersetzung.

literaturWERKstatt Berlin, Ankündigung

Fakten und Vermutungen zu Thomas Wohlfahrt
Fakten und Vermutungen zu Michael Gaeb

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.