Nicanor Parra: Parra Poesie

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Nicanor Parra: Parra Poesie

Parra-Parra Poesie

DIE POESIE
STIRBT
WENN SIE NICHT
BELEIDIGT WIRD

man muss sie
besitzen und
öffentlich erniedrigen

dann wird man sehen
was wird

 

 

 

Verse, geschrieben mit dem Revolver auf dem Schreibtisch

– Ein Nachwort zum Irritationscharakter der Artefactos, der Poesie und Antipoesie Nicanor Parras. –

 Todo lo que se mueve es poesía /
lo que no cambia de lugar es prosa
Alles, was sich bewegt, ist Poesie
was still steht, ist Prosa
Nicanor Parra

Ein Gedicht verträgt weder Arbeit noch Langeweile.
Ingolf Brökel

Wer, wie Nicanor Parra, ,Antipoesie‘ schreibt, muss umso genauer wissen, wie Poesie beschaffen ist. In seine Achterbahn einzusteigen, lohnt sich – er ist immerhin gemeinsam mit allen Poeten vom Olymp herabgestiegen! Aber Achtung, denn (Anti-)Poesie kann Parra zufolge blind machen, die Polizei verwirren, zu Anfällen, schließlich gar zum Tod führen, aber zum Glück kann man damit vorher noch die Umwelt retten und die Kahlköpfigkeit bekämpfen.
2014 erlebte Nicanor Parra seinen einhundertsten Geburtstag. Während man die Feiern des mehrmals zum Nobelpreis für Literatur nominierten Dichters in Chile und anderen lateinamerikanischen Ländern groß anlegte, musste man in Europa schon etwas genauer in die Tagespresse schauen, um einen Hinweis auf das Ereignis zu finden. Um dem schiefen Verhältnis mit mehr Angemessenheit begegnen zu können, legt der Physiker und Dichter Ingolf Brökel im Band, den Sie in den Händen halten, eine Auswahl an freien Übertragungen von Gedichten des Physikers und Dichters Nicanor Parra vor.
Warum ist Parra ein Autor, der uns über die Zeit noch interessieren wird? Seine Gedichte stehen in zahlreichen aktuellen chilenischen Gedichtanthologien. Es sind neben dem Spiel mit intertextuellen Allusionen auf andere Werke, neben den darin vorkommenden poetologischen Verstößen auch die stets vernehmlichen Anspielungen auf hochkomplexe anthropologische Grundthemen, die Literatur umtreiben, auf den Tod etwa und die Liebe. Doch dies, ohne die Themen wortgewaltig zu erörtern, sondern indem Sachverhalte wie ein Begräbnis („En el cementerio“, 1. Fassung von 1962), wie die Grabpflege („El galán imperfecto“) oder die Trennung von der Geliebten („Un hombre“) fast nüchtern geschildert werden und uns als Leserschaft durch diesen Irritationscharakter verstört zurücklassen. Es sind Gedichte, die mit dem Revolver auf dem Schreibtisch entstanden sind, wie es über die Entstehung des Hombre imaginario heißt, den Brökel mit angemessener Freiheit und möglichster Nähe als „der erdachte Mann“ übersetzt.
Nicanor Parra reüssierte bereits 1937 mit seinem Gedichtband Cancionero sin nombre, einem Gedichtband, den er später in einem Wortspiel nicht als Jugendsünde, pecado de juventud, sondern als pescado de juventud (unübersetzbar, etwa ,Jugendfisch‘ oder ,Jugendfischerei‘) bezeichnete und den er in der Werkzusammenstellung seiner bis damals veröffentlichten Anthologien, Obra gruesa von 1969, nicht aufnehmen ließ. Doch bereits im Cancianero sin nombre ist eine Annäherung an ein habla común vernehmlich, das er in seiner großen, erst ganze 17 Jahre darauf vorgelegten zweiten Publikation, den Poemas y antipoemas von 1954, perfektionierte. Bei den so genannten Antipoemas verfuhr Parra nach eigener Aussage so, dass er zunächst testete, ob ein Wort oder eine Wendung auch in der Alltagssprache vorkäme. Wenn das der Fall war, so konnte die Formulierung in einem Antigedicht verwendet werden. Und so entsprechen die Kompositionen der Antigedichte den Wortspielen, die Parra in seiner Kindheit von seinem Vater vernahm und die Parra in späteren Interviews in Witzen oder Verdrehungen wie auch etwa dem pescado de juventud weiterspann. Eine seiner frühesten zur Antipoesie inspirierenden Episoden ist die von seinem Vater stammende Anekdote von zwei ungleichen Brüdern, von denen der eine in der Hauptstadt Santiago de Chile studiert, während der andere auf dem Land bleibt. Nach längerer Zeit sehen sich die beiden auf dem Lande wieder und bei einem Spaziergang sagt der mittlerweile akademisch gebildete Sohn:

Seht ihr nicht in jener Ferne das kristallfarbene Wasser des Flusses Picoiquén? (¿No veis en lontananza las cristalinas aguas del río Picoiquén?)

Der Bruder antwortet darauf:

Ich sehe keine verzogenen Nebel, Scheißtyp. (No vi’ que son niebla’ arrastrá, güeón de mierda).

Es ist genau diese Juxtaposition des Ungleichen, die die Antipoesie Parras ausmacht, die Verwendung kolloquialer Ausdrücke und der verschluckten Silbenendungen im Gedicht, die für das chilenische Spanisch typisch sind; maßvoll eingesetzte Mittel visueller Poesie wie in dem Gedicht „Pensamientos“, bei dem Brökel die Wendung „poco a poco“ gekonnt mit „peu á peu“ überträgt; die Verdrehung von Redensarten wie in zahlreichen Artefactos (1972) von Parra oder auch in vielen Titeln von Gedichtsammlungen, etwa den Hojas de Parra (1985), was ,Weinblätter‘ und zugleich ,Blätter von Parra‘ bedeutet. Dabei herrscht stets der Gedanke vor, dass Neues nur einen Moment lang neu sein kann. Aus diesem Grund findet man im Werk Parras auch keine Wiederholung der Stilbrüche mit konventioneller Poesie. In jedem Gedichtband kamen weitere Aspekte hinzu: seine Parodie des chilenischen Nationaltanzes in der Cueca larga (1958), die erfundene Figur des Cristo de Elqui (1977), die so genannte Ecopoesía (1982) oder eben die Artefactos, die kurzen provokanten Sinnsprüche mit Illustrationen von Juán Guillermo Tejeda, die Parra als die Explosion des Antigedichtes bezeichnet hat. Diese wurden auf Postkarten gedruckt, sodass sie nicht in einer Anthologie erschienen, sondern einzeln erworben, verschickt und aufgehängt werden konnten. Parra, so wird berichtet, habe die Texte so schnell beizusteuern vermocht, dass Tejeda Probleme hatte, mit den Illustrationen Schritt zu halten. Die Gedanken flogen Parra nur so zu. Zu Beginn der Pinochet-Diktatur wurden sie eingestampft und erst 2006 konnte man sie in Chile wieder für kurze Zeit in limitierter Auflage erhalten. Auch heute noch schreibt Parra produktiv Sinnsprüche auf seine bandejitas, die kleinen Pappteller für Pommes frites, und in seiner Wohnung findet man zahlreiche dieser Sprüche, die an der Wand hängen. Da er einmal 2009 nicht zu einer literarischen Tagung an der renommierten Universidad Catolica reisen konnte (weil dort ein ihm nicht genehmer Dichter weilte, so sagen manche), aber eigentlich als Ehrengast angekündigt war, sandte er Grüße aus San Antonio, indem er einige just verfasste Artefactos ohne Illustrationen schickte. Darin kommentierte er ganz aktuelle gesellschaftspolitische Themen wie das stets neu zu verhandelnde Fiasko um den öffentlichen Verkehr in Santiago mit dem berüchtigten Namen Transsantiago, die brisante Situation der Studierenden oder Debatten um Präsidentschaftskandidaturen. In der vorliegenden Auswahl von Artefactos wurden sie mit Fotografien von Ulrike Ertel versehen, die in freiem Assoziationskontext zu den Texten stehen und somit Bedeutungszuschreibungen gänzlich offen lassen.
Eine ebenso wie die Artefactos innovativ verfahrende Juxtaposition findet man in Parras Konzeptkunst, den Obras Públicas, die vom 18. August bis zum 6. Oktober 2006 im chilenischen Nationalpalast, dem Palacio de la Moneda, ausgestellt wurden. Parra entnimmt einen Gegenstand des Alltags seiner Umgebung und stellt diesen, mit einer kurzen Bildtafel versehen, ins Museum. Dazu gehört etwa eine von einem Nagel durchbohrte Tomate mit der wörtlich und übertragen zu verstehenden Unterschrift „Naturalza muerta“ (eigentlich „Stillleben“, wörtlich „tote Natur“), die im Laufe der Ausstellung ihrem organischen Verfall und damit einem doppelten Sterben überlassen wurde. Oder aber ein Ei, das eine Unterschrift trägt, bei der man zweimal um die Ecke denken muss:

Entdeckung Amerikas.

Doch Radikalität kann nicht unbegrenzt weitergeführt werden. Daher finden sich in Parras Werk auch Texte, die weit konventioneller anmuten. Die Poemas y antipoemas enthalten natürlich auch Poemas. Denn schließlich handelt es sich um Antipoesie und nicht um Unpoesie. Parra ist vertraut mit dem Werk großer Vorbilder, die er gar nicht erst nachzuahmen versucht. Und auch seine häufig angenommene Konkurrrenz zum großen Dichter Pablo Neruda ist heute weit versöhnlicher, als es kurz nach der Veröffentlichung der Antipoemas der Fall war, als Parra in der Zweitauflage den Klappentext des poeta-padre, des poetischen Übervaters, löschen ließ, in dem Neruda in gönnerischem und weihevollem Ton von Parra als einem großen Sänger oder Troubadour, einem „gran trovador“, sprach. In einem bekannten Zitat erklärte Parra einmal, Neruda sei wie eine metrische Maßeinheit gehandelt worden. So, wie man von einem Ohm oder einem Newton spricht, habe man sich eine Zeit lang in Chile gefragt, wie viele Nerudas in einen Dichter passten. Überliefert ist gar eine Anekdote, derzufolge ausgerechnet der damals sehr gut mit Parra befreundete Neruda selbst den Koffer mit den Manuskripten der Poemas y antipoemas gerettet haben soll und ohne dessen Zutun Parras Texte offenbar nicht zur Publikation gelangt wären. In jüngster Zeit äußert sich Parra durchaus anerkennend über den Literaturnobelpreisträger von 1971: „Uno de los poetas más grandes de Chile es Neruda“ so Parra in einem Gespräch mit mir in seinem Wohnort Las Cruces am 5. November 2009. In seinem Haus mit Blick auf den Pazifik sammelt Parra weiterhin Fundstücke des Alltages. Auffällig ist etwa eine Regentonne, die bis zum Rand mit alten Glühbirnen gefüllt ist und dort möglicherweise auf einen kommenden Einsatz in einer Ausstellung harrt. Bei Tisch unterhält er sich mit seiner Tochter Colombina, die wie so viele der Familie Parra künstlerisch tätig ist und unter anderem in einer Rockband singt, über griechische Mythologie und sorgt sich darüber, ob das chilenische Gericht prietas, gekochte Blutwurst, auch der Gesundheit zuträglich ist. Zufällig kommen wir im Gespräch auf Violeta Parra, Parras Schwester, die als folkloristische Cueca-Sängerin auch über Chile hinaus bekannt geworden ist und sich 1967 das Leben nahm. Inspiriert vom Gespräch legt Parra eine Schallplatte von ihr auf, die auch Interpretationen Violetas enthält, deren Texte er selbst für sie geschrieben hat. Es heißt, Parra sei einer der letzten Personen gewesen, die Violeta vor ihrem Suizid aufsuchte.
Heute lebt Parra zurückgezogen in Las Cruces unter strenger Berücksichtigung des medizinischen Rates, morgendlich 12 Gramm Askorbinsäure einzunehmen, die er aus einer Apotheke in San Antonio bekommt, mittags ein Glas Milch und abends ein Glas Rotwein zu trinken. Solchermaßen hofft er, sich weitere Jahre bester Gesundheit zu erfreuen, um nach der gelungenen Übersetzung von Shakespeares King Lear (Lear. Rey y mendigo. William Shakespeare, traducción de NP. Santiago de Chile 2004) auch sein Hamlet-Übersetzungsprojekt abschließen zu können.

Nils Bernstein, Nachwort

Vorgabe

Es muß 2005/2006 gewesen sein, als ich im 2001-Laden in der Kantstraße nach dem Buch Das Wassserzeichen der Poesie griff. Ein Handbuch der Poetik von Andreas Thalmayr alias Hans Magnus Enzensberger. Das Buch gefiel mir auf Anhieb. Nun gab es darin doch eine Reihe von Dichtern, die ich nicht kannte und die ich, merkwürdigerweise, ohne im Inhalts- oder Quellenverzeichnis zu suchen, gleich HME als Pseudonyme zuschrieb. So auch ,Nicanor Parra‘ mit dem unverzeihlich schönen Gedicht „Schnee“. Das russische Pathos durch Ironie aufgeweicht schwebte bedeutungsschwer und lächerlich vor dem Abgrund. Auch das andere Gedicht unter diesem Namen zeichnete sich durch seine große Belanglosigkeit aus. Eine Bestenliste, „Meine zehn Gedichte“, kam mir, so glaube ich, erstmals in den Sinn. In der Folge las ich noch oft in diesen Spielweisen der Poesie und immer wieder „Schnee“ und immer fiel mir die Bestenliste ein.
Im Dezember 2011 tauchte nun tatsächlich der Name Nicanor Parra in einer Zeitung auf: Cervantes-Preisträger 2011! Das Internet war voll davon. Und Parra, las ich, war auch Physiker. Schon am nächsten Tag war ich in einem Berliner Antiquariat, das nach Auskunft des Internets das Parra-Buch Und Chile ist eine Wüste hatte und der Inhaber mir noch heilig am Telefon schwor, es für mich zurückzuhalten. Wer ist Nicanor Parra? fragte er dann vor mir erstaunt –, es hätten noch einige nach mir danach gerufen. Das Buch aus dem Fischer Taschenbuch Verlag, das deutsche Übertragungen u.a. von HME und Nicolas Born enthält, begeisterte mich wie wahrscheinlich nur Jahrzehnte davor das kleine aber von Günter Kunert.
Ironie, Lakonie und Witz und jedes Wort spielte und kämpfte erfolgreich um seine Gleichberechtigung. Insbesondere die Artefactos. Ähnlich wie meine „Kurz-Schlüsse“ oder „Oden an Deutschland“ aus dem Band deutsch, der gerade davor bei Galrev erschienen war: hochgradig epigrammatische Verdichtungen, Poesie als lakonische Verknappung. Zu dieser Resonanz kam noch eine weitere: Parra lehrte wie ich auch Physik an einer Universität und kam auch aus der Theorie.
Nun hatte ich großes Interesse Originaltexte zu lesen. Seine „obras completas“ fand ich in der Bibliothek des Cervantes-Institutes in Berlin. Ein guter Bekannter riet mir dann, Parra nach Interlinearübersetzungen zu übertragen. So begann ich eines schönen Tages damit, in seinem 99. Lebensjahr.
Dass dieses Bändchen schon zum 100. Geburtstag vorlag, ist eine andere Geschichte.

Dank zu sagen habe ich Brigitte Klose, die die Interlinearübersetzungen der Artefactos besorgte, auch Nils Bernstein, der immer ein offenes Ohr für Übersetzungsprobleme hatte und Ulrike Ertel für Ihre Fotografien, die die Artefactos in anderen Bildern als gewohnt erscheinen lassen. Last but not least gilt mein Dank Catharine J. Nicely, die das Buchprojekt beharrlich und zielstrebig verfolgt und durchgesetzt hat.

Ingolf Brökel, Vorwort, Juni 2016

 

Beitrag zu diesem Buch:

Lukas Hermann: Nicanor Parra: „Parra Poesie“
wortedeswiderstands.org, 2.10.2017

 

PARRAS SCHRITTE

Jetzt geht Parra
Jetzt geht er nach Las Cruces
Marcial und ich, wir sind ganz still und lauschen seinem Schreiten
Chile ist ein langer, enger Korridor
Ohne Ausgang wie es scheint
Das indische Flandern, das dort in der Ferne lodert
Eine Feuersbrunst umkreist von Spuren
Oder Überresten eines Feuers
Oder Spurenresten
Die der Wind verwischt
Verwässert
Niemand heißt dich willkommen in Dänemark
Alle machen wir
Das Unsagbare
Niemand heißt dich willkommen in Dänemark
Es regnet hier
Und an den Kreuzen hängen Spuren
Von Ameisen und Feuersbrünsten
Oh, Flandern, Indisches,
Endloser Korridor unseres Missvergnügens
Wo alles Getane scheint als wie vertan
Das Land Zuritas und der gebratenen Kordilleren
Das Land der ewigen Jugend
Und trotzdem regnet es und keiner hier wird nass
Nur Parra,
Der sie abschreitet
Die Drecklöcher in Flammen
Versteinert
Friedhöfe, umgepflügt von Ochsen
Unbeweglichen
Oh Indisches Flandern unserer schizophrenen Sprache
Jeder Schritt hinterlässt Spuren
Aber jede Spur ist starr
Hat nichts vom Menschen oder jenem Schatten
Der mal hier vorüberkam
Oder mit seinem letzten Atemzug versuchte
Die Kobra des unbeweglichen Traums
Oder was davon im Traum noch übrig war
Zu materialisieren
Bilder, Bilder
Ohne Substanz
Im Indischen Flandern der unendlichen
Fraktur
Aber wir wissen, dass alle
Unsere Angelegenheiten
Endlich sind (fröhlich, ja, wüst
Aber endlich)
Die Revolution nennt sich Atlantis
Und ist wüst, unendlich
Taugt aber nichts mehr
Also los, Lateinamerikaner,
Laufen, auf geht’s
Sucht die in die Irre gegangenen Schritte
Jener verlorenen Dichter
Im starren Morast
Verlieren wir uns im Nichts
Oder in der Rose des Nichts
Dort, wo man nur die Schritte hört
VonParra
Und die Träume jener Generationen
Die unter die Räder kamen
Und vergessen wurden.

Roberto Bolaño

 

ANRUF IN LAS CRUCES 2009 – NACHRUF 2018

Was sagt Don Nica, wenn man bei ihm anruft?
Nix, er geht nicht ran.
Was sagte Don Nica, wenn man bei ihm anrief?
Nix, er ging nicht selber ran.
Er schickte jemanden. Der sagte:
Lo siento, Don Nica está cagando.
Tut mir leid, Don Nica kackt gerade.

Und wenn er dann selbst ranging, sagte er:
Heil Hitler!
Als Beweis seiner Deutschkenntnisse.
Und: Alle Kultur nach Auschwitz ist Muhl.
Hitler-Adorno. Das kann man auch nur als Chilene.
Und als Antipoet, der fehlen wird.

Nils Bernstein (23.1.2018)

 

Fakten und Vermutungen zum Übersetzer

 

Ingolf Brökel (Text) & Erhard Ertel (Video/Musik)
Trailer zu Häschen in der Grube – Ein Stück Abend aufgeführt am 23. Oktober 2004

 

Zum 95. Geburtstag des Autors.

Zum 99. Geburtstag des Autors:

Witz nah am Abgrund

– Nicanor Parra zum 99. –

Man hört nie auf
geboren zu werden

daran hat sich Nicanor Parra scheinbar gehalten: Er wird heute 99 Jahre, wohl der zur Zeit Älteste unter den großen Dichtern der Welt.
Parra wurde am 5. September 1914 in der Nähe von Chillán, einer Stadt in Mittelchile, geboren, die für sein ganzes Leben und Wirken wichtig blieb.
Bekannt wurde Parra durch sein zweites Buch, den Gedichtband Poemas y antipoemas, der 1954 herauskam und die Antipoesie verkündete:

Alles ist Poesie
außer die Poesie

Die dort enthaltenen Gedichte brechen mit der erhobenen Sprache, mit den Konventionen der Lyrik, mit dem großem Gesang eines Pablo Neruda.

Achterbahn

Ein halbes Jahrhundert
War die Poesie
Ein Paradies für feierliche Trottel.
Dann bin ich gekommen
Mit meiner Achterbahn
Steigen Sie ein, wenn Sie Lust haben.
Allerdings: ich hafte nicht, wenn Sie am Ende
Aus Mund und Nase bluten.

So klingt das programmatische Antigedicht: Es hebt sich von der ursprünglichen Lyrik durch die Alltagssprache ab, eine lyrische Überhöhung findet nicht statt, man spricht, wie man spricht mit dem Nachbarn, nur: ironisch, radikal, illusionslos und provozierend. Dabei klingt immer ein Witz dicht neben dem Abgrund. Parra gelingt es in seinen Gedichten, allein durch seine „herunter genommene Sprache“, die Ambivalenz seiner Worte, durch Paarung von Wider-Spruch und Kontro-Verse überraschende Einsichten in die Wirklichkeit zu schaffen.
Den Antipoeten hat Parra nie abgelegt: die „Artefactos“, kleine Verse, Sprüche oder Satzgebilde, erscheinen Ende der sechziger Jahre als neue provokante lyrische Form. Redewendungen, Sprüche und Zitate von der Straße, von Häuserwänden, Parks und Klos, aus der Werbung, der Literatur sammelt Parra auf, verändert diese leicht und verdichtet sie epigrammatisch.

Revolution, Revolution
wie viele Konterrevolutionen
begeht man in deinem Namen?

Parra hatte Physik studiert und arbeitete u.a. als Physik-Professor an der Universität in Santiago de Chile. Seine klare und präzise Auswahl der Worte, ihren treffsicheren Einsatz im Bemühen, das Wesentliche zu sagen, erinnert daran, wie auch die „Antipoesie“ selbst. In den 80er Jahren wendet er sich angesichts der globalen Zerstörung der Natur der „Ökopoesie“ zu.

… Sozialisten und Kapitalisten
vereinigt euch
bevor es zu spät ist…

heißt es am Ende eines Gedichts.

Im Jahre 2011 bekam Nicanor Parra die höchste Literaturauszeichnung der spanisch sprechenden Welt, den Cervantes-Preis. Mehrfach wurde er von unterschiedlichen Universitäten für den Nobelpreis für Literatur vorgeschlagen.

Ingolf Brökel, neues deutschland 5.9.2013

Zum 100. Geburtstag des Autors:

Nicanor Parra – 100 Jahre

Als ich geboren wurde starb ich
zum Glück bin ich dann auferstanden
.

Parra sei Dank –, sonst hätten wir nicht diesen ältesten lebenden Dichter, der am 5. September dieses Jahres in Las Cruses sein hundertstes Lebensjahr lächelnd mit einem Glas Rotwein vollendete.
Parra wurde 1914 in der Nähe von Chillan, einer Stadt in Mittelchile, geboren und wuchs in einer sehr musischen Familie auf, aus der auch die Sängerin Viola Parra hervorging.
Bekannt wurde Parra durch sein zweites Buch, den Gedichtband Poemas y antipoemas, der 1954 heraus kam und die Antipoesie verkündete:

Alles ist Poesie
außer die Poesie

Die Gedichte brechen mit der erhobenen Sprache, mit den Konventionen der Lyrik, mit dem großen Gesang etwa eines Pablo Neruda.

ACHTERBAHN

Ein halbes Jahrhundert
War die Poesie
Das Paradies für feierliche Narren
Bis ich kam
Mit meiner Achterbahn.

Steigen Sie nur ruhig ein
Ich halte den Kopf nicht hin wenn Sie danach
Aus Mund und Nase bluten.

So klingt das programmatische Antigedicht: es hebt sich von der ursprünglichen Lyrik durch die Alltagssprache ab, eine lyrische Überhöhung findet nicht statt, man spricht wie man spricht mit dem Nachbarn, nur: ironisch, radikal, illusionslos und provozierend. Dabei klingt immer ein Witz dicht neben dem Abgrund.
Parra hatte Physik studiert und lehrte, nach umfangreichen Studien und Lehrtätigkeiten  in den USA und England, Theoretische Physik an der Universität in Santiago de Chile. Seine klare und präzise Auswahl der Worte, ihren treffsicheren Einsatz im Bemühen das Wesentliche zu sagen, erinnert schon daran, wie auch die Antipoesie selbst.

GEDANKEN

Was ist der Mensch
aaaaafragt sich Pascal:
Eine Potenz mit dem Exponenten Null.
Eins
aaaaaim Vergleich zu Allem
Eins
aaaaaim Vergleich zum Nichts:
Geburt plus Sterben:
Lärm mal Schweigen:
Mittelwert zwischen Allem und Nichts.

Den Antipoeten hat Parra nie abgelegt: die Artefactos, kleine Verse, Sprüche oder Satzgebilde, erscheinen Ende der sechziger Jahre als neue provokante lyrische Form. Redewendungen, Sprüche und Zitate von der Straße, von Häuserwänden, Parks und Klos, aus der Werbung, der Literatur sammelt Parra auf, verändert diese leicht und verdichtet sie epigrammatisch.

Neue Menschen
Neuer Hunger

death has no future 

Revolution, Revolution
wie viele Konterrevolutionen
begeht man in deinem Namen?

Das Los Chiles mitteilsam und zugleich kunstvoll zu beschreiben, setzt einen unabhängigen Geist voraus.

Wo die Dichter singen und tanzen
misch dich nicht ein Allende
misch dich nicht ein.

Parra entscheidet sich gegen den politischen Auftritt und für das stille Wirken. In der Pinochet-Zeit bleibt er in Chile. Als Dichter ist er natürlich bemüht, eine andere Bewertung des Sehens und all der anderen Dinge zu verbreiten als die der öffentlichen Meinung, die schnell wechseln kann wie die verkehrten Männer an der Spitze.

Gut
und nun, wer befreit uns von unseren Befreiern.

Parra verschreibt sich, wie kaum ein Dichter, dem Land seiner Geburt.
Wenn er über Frauen und Männern schreibt, die Sehnsucht nach Liebe haben, sich auf Parkbänken herumdrücken, auf Friedhöfen, auf Bahnhöfen, im Stadtgerangel, über Gott und seine Stellvertreter,  Leben und Tod, setzt er die Umgangssprache so gekonnt in Verse, dass diese authentisch bleibt. Ein wichtiges Gedicht ist sicher „El hombre imaginario“ („Der erdachte Mann“).

DER ERDACHTE MANN

Der Mann den ich mir erdacht
lebt in einem Landhaus das er sich erdacht
umgeben von Bäumen die er sich erdacht
am Ufer eines Flusses den er sich erdacht

an den Wänden die er sich erdacht
hängen alte Bilder die er sich erdacht
voller Risse und Kratzer die er sich erdacht
von Ereignissen die er sich erdacht
die geschahen in Welten die er sich erdacht
an Orten und zu Zeiten die er sich erdacht

jeden Tag Tage die er sich erdacht
steigt er Treppen hoch die er sich erdacht
tritt auf den Balkon den er sich erdacht
um die Landschaft zu betrachten die er sich erdacht
ein Tal das er sich erdacht
umgeben von Bergen die er sich erdacht

Schatten die er sich erdacht
kommen den Weg entlang den er sich erdacht
stimmen Lieder an die er sich erdacht
beim Tod der Sonne den er sich erdacht

und in den Mondnächten die er sich erdacht
träumt er von der Frau die er sich erdacht
die ihm ihre Liebe gab die er sich erdacht
verspürt er wieder den gleichen Schmerz
das gleiche Vergnügen das er sich erdacht
und wieder schlägt das Herz
des Mannes den ich mir erdacht.

Parras ständiger Kampf gegen die Mittelmäßigkeit und die Provinzialität ist eine der Ursachen für seine Antipoesie.

Antipoesie: Masken gegen Erstickungsgas.

Er  sieht gerade „das Poetische“ als größte Gefahr für die Poesie.

Erwarten Sie nichts Konkretes von mir
ich bin nicht gekommen die Bibel lächerlich zu machen
noch der Mona Lisa einen Schnurrbart anzumalen
ein halbes Dutzend Knaller zur Explosion zu bringen
genügt mir.

Immer wieder sucht er neue Wege in der Poesie.
In den 80er Jahren wendet er sich angesichts der globalen Zerstörung der Natur der ,Ökopoesie‘ zu.

Gute Nachrichten:
Die Erde erholt sich
in 1000000 Jahren
Was verschwindet
sind wir.

Und am Ende des Gedichts „Der Christus von El Qui verteidigt sich mit Händen und Füßen“ heißt es:

… Sozialisten und Kapitalisten
vereinigt euch
bevor es zu spät ist…

Die Bedeutung von Parras Werk innerhalb der chilenischen, aber auch der süd-amerikanischen Dichtung ist außerordentlich groß. Auch in den USA sind schon die frühen Antigedichte  von William Carlos Williams, Allen Ginsberg und Lawrence  Ferlinghetti übersetzt worden. Hans Magnus Enzensberger und Nicolas Born u.a. übertrugen ihn ins Deutsche.
Im Jahre 2011 bekam Nicanor Parra die höchste Literaturauszeichnung der spanisch sprechenden Welt, den Cervantes-Preis. Mehrfach wurde er schon in der Vergangenheit von unterschiedlichen Universitäten für den Nobelpreis für Literatur vorgeschlagen.

ARS POÈTIQUE

Du silence avant toute chose
et tout le reste es musique
moderniste

Ingolf Brökel, September 2014

Bem.:
Die Gedichte  „Achterbahn“, „Gedanken“ und „Der erdachte Mann“ sowie die Artefactos sind Übertragungen von mir. Die Interlinearübersetzungen dazu besorgte Brigitte Klose.

Raus aus dem Trottel-Paradies!

– Der chilenische „Anti-Poet“ Nicanor Parra wird 100 Jahre alt. –

Literatur allein genügt nicht. Mathematik muss dazukommen und vielleicht auch Physik. Imagination und Logik. In Lateinamerika jedenfalls scheint darin eine Art Geheimformel zu liegen – für langes, sehr langes Leben. Der argentinische Schriftsteller Ernesto Sabato, zugleich Mathematiker und Physiker, hat 2011 seinen 100. Geburtstag nur um wenige Wochen verfehlt. Der chilenische Dichter Nicanor Parra aber, auch er Mathematiker und Physiker, hat die Formel nun tatsächlich gefunden: An diesem Freitag wird er 100. So bekannt wie Sabato ist Parra bei uns nie geworden. Aber die Lateinamerikaner verehren ihn als selbsternannten Anti-Poeten. Im Werk von Roberto Bolaño taucht er immer wieder auf, auch in Die wilden Detektive:

Nicanor Parra: Schwuchtel mit echt schwulen Zügen.

Poemas y antipoemas, 1954 erschienen, markiert einen Bruch in der lateinamerikanischen Lyrik. Der Band ist mit Phrasen, Spott und alltäglichem Geplapper durchsetzt, Gedichte wie von der Straße: Doch ganz wollte Parra vom hohen Ton nicht lassen, Gedichte halt und Anti-Gedichte, so wie der Mathematiker das Plus- ebenso wie das Minuszeichen braucht. In „La montaña rusa“ („Achterbahn“) gibt Parra offen den Anti-Poeten:

Ein halbes Jahrhundert
War die Poesie
Ein Paradies für feierliche Trottel.
Dann bin ich gekommen
Mit meiner Achterbahn.
Steigen Sie ein,
Wenn Sie Lust haben.
Allerdings: ich hafte nicht, wenn Sie am Ende
Aus Mund und Nase bluten.

Die Beatniks mochten ihn sofort, Allen Ginsberg und Lawrence Ferlinghetti übersetzten ihn ins Englische. Umgekehrt aber, wie unter guten Kumpels unüblich, hat Parra nichts für sie getan, sondern fürs Übersetzen lieber nach Shakespeare gegriffen. Mit Pablo Neruda muss ihn eine gespannte Freundschaft verbunden haben, er ließ sich von ihm einen Klappentext schenken, nur um diesen in weiteren Auflagen zu streichen. Wie Ohm oder Newton in der Physik als Maßeinheit dienten, sagte er, so diene Neruda als Maßeinheit für Poesie. Klar, Parra hatte keine Lust, seine Gedichte auf der Neruda-Skala messen zu lassen.
Artefactos hätten die Skala sowieso gesprengt. 1973 publizierte Parra kurze Sinnsprüche auf illustrierten Postkarten – zum Verschicken und an die Wand heften. Viel später wurde er dann von einer Boulevardzeitung um einen neuen, exklusiven Artefacto gebeten. Geantwortet hat er mit einer Kritzelei, darauf ein Journalist, der am Galgen baumelt. Kaum war das Militär unter Pinochet an der Macht, wurde die Sammlung Artefactos eingestampft.
Doch Nicanor Parra ging nicht, wie so viele andere Künstler, ins Exil. Er blieb in Chile und durfte seinen Job an der Universität behalten. Politisch ist er nicht so leicht einzuordnen, denn er schaut jeweils von Neuem hin, was er von den Dingen zu halten hat. Sind die Linke und die Rechte vereint, lächelt er einst zynisch, werden sie niemals besiegt sein. Es ist gut, das Parra vor drei Jahren 97 geworden ist, denn sonst hätte er den Cervantes-Preis niemals bekommen. Es ist auch gut, dass er jetzt 100 wird, denn so können sie ihn wieder, wie mehrmals geschehen, für den Literaturnobelpreis nominieren.

Ralph Hammerthaler, Süddeutsche Zeitung 5.9.2014

Weiterer Beitrag zum 100. Geburtstag des Autors:

Nicanor Parra entflieht Ehrungen zum 100. Geburtstag
dpa, 5.9.2014

Zum 103. Geburtstag des Autors:

Arne Dettmann:Der alte Schelm lässt das Feixen nicht
Condor, 1.9.2017

Fakten und Vermutungen zum Autor + KLfGIMDb
Nachrufe auf Nicanor Parra: Tagesspiegel ✝︎ NZZ ✝︎ nd

 

Nicanor Parra – Dokumentarfilm Cachureos von Guillermo Cahn 1981, Teil 1/3.

 

Nicanor Parra – Dokumentarfilm Cachureos von Guillermo Cahn 1981, Teil 2/3.

 

Nicanor Parra – Dokumentarfilm Cachureos von Guillermo Cahn 1981, Teil 3/3.

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