Norbert C. Kaser: Gedichte

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Norbert C. Kaser: Gedichte

Kaser-Gedichte

im fruehlingseifer
schrei’n die voegel
im schnee den schnee
hinweg

er faellt & es ist kalt
in ihre
zwiebel
sicher
zieh’n sich
meine dichter-
narzissen zurueck

130478 fuer erika

 

 

 

Zur neuen kaser-Ausgabe

Zehn Jahre nach dem Tod des Dichters norbert conrad kaser beginnt eine zweite Ausgabe seiner Schriften. Sie will einem von vielen Literaturfreunden beklagten Mangel abhelfen: denn Eingeklemmt (1979) und Kalt in mir (1981), die beiden Textsammlungen, die erst kasers Namen und Werk in der kleinen Welt der Literatur, aber im ganzen deutschen Sprachraum bekanntmachen konnten, sind nicht mehr lieferbar; wer Büchern gleich Menschen Schicksale nachsagt, darf sich darob nicht wundern, denn sie wurden „alternativ“ produziert und verbreitet.
Die neue dreibändige Ausgabe der Gesammelten Werke soll jene Vollständigkeit erreichen, die kurz nach dem plötzlichen Tod kasers weder anzustreben noch zu verwirklichen war; damals galt es, der lebendigen Erinnerung an die außergewöhnliche, widerständige, unbequeme Figur des Dichters rasch dessen poetische Texte und so der meist oberflächlichen Anteilnahme am politischen, am menschlichen Fall kaser durch die Präsentation eines Werks, eines schmalen und doch bedeutenden Lebenswerks, den Anlaß zu literaturgemäßerer Beschäftigung nachzureichen. Jetzt ist die Zeit reif für eine Verbreitung von kasers Werk in einem professionellen, den Qualitätskriterien des Buchmarkts genügenden Rahmen.
Diese neue Ausgabe wird am Brenner-Archiv der Universität durch Innsbrucker Germanisten erarbeitet. So können zahlreiche archivalische Anstrengungen, biographische Forschungen und interpretatorische Leistungen in das Vorhaben einfließen; denn im Brenner-Archiv wurde allmählich eine große kaser-Sammlung angelegt, mit Materialien aus dem Nachlaß wie mit verstreuten Dokumenten; viele Forschungsarbeiten wurden und werden dort betreut.
Trotz dieser Vorarbeiten war die Aufgabe der Bandbearbeiter nicht leicht. Dem Dichter kaser war in den gut zehn Jahren seines Schaffens die Publikation eines eigenen Buches nie vergönnt; auf die vereinzelten Drucke von Gedichten hat er wohl nur in seltenen Fällen Einfluß nehmen können. Die Frage, wie er selbst sich die Veröffentlichung seiner Texte vorgestellt hat, läßt sich somit nicht beantworten, nicht einmal die, welche Werke er selbst veröffentlicht hätte. Sorgfältiges Vorgehen wird den Herausgebern in diesem Fall noch über das bei jeder Edition gebotene Maß hinaus zur Pflicht durch die sorgsame Komposition des guten halben Dutzends von, in Maschinschrift in wenigen Exemplaren verfielfältigten, „Gedichtbüchern“, die kaser hinterlassen hat, wird auch zur Verpflichtung durch die Bedeutung, die er der Gestaltung des Typoskripts beigemessen hat. Deren Wichtigkeit für kaser hat die Herausgeber zu dem Versuch bewogen, den Schreibmaschin-Duktus nach Möglichkeit auch im Schriftbild des Drucks zu bewahren.
Durch den von allen Beteiligten angestrebten Erscheinungstermin zur zehnten Wiederkehr des Todestags (21. August 1978) stand vor allem die Herstellung des ersten Bandes unter Zeitdruck, so daß die eine oder andere wünschenswerte Recherche leider unterbleiben mußte. Über die Probleme, die sich bei der Bearbeitung der einzelnen Bände ergeben haben, informieren die Betreuer des jeweiligen Teils der Ausgabe in ihren Nachworten; sie tragen auch die Verantwortung für ihren Anteil an der Edition.
Die Ausgabe umfaßt drei Bände: Lyrik, Prosa, Briefe. Es versteht sich von selbst, daß kasers Gedichte am Beginn des Editionsunternehmens stehen, sind sie doch der zentrale Teil dieses Werks. Gewiß werden die Leserinnen und Leser auch durch die erstmals in ihrer ganzen Breite dargebotene späte polemische Prosa beeindruckt sein, in der kasers Position im heimatlichen Südtirol explizit ausgesprochen wird; gewiß werfen neu veröffentlichte Briefe ein neues Licht auf den Menschen kaser. Berührender noch ist aber das lyrische Werk; vor allem die frühen Gedichte können nun endlich zur Gänze vorgestellt werden, in denen sich der Ausbruch aus jener Dumpfheit vollzieht, die nicht nur Provinzgeist, sondern auch Armut fördert, dieser Ausbruch, der bei kaser nicht zuletzt Ergebnis eines leidenschaftsvollen Privatstudiums der Literatur ist.
Mit einer weitreichenden Ermächtigung hat 1978 die Erbin norbert c. kasers, seine Schwester Monika, die Möglichkeit zur Publikation des gesamten Werkes aufgetan. Ihr ist ebenso zu danken wie allen, die in den vergangenen zehn Jahren verlegerisches Risiko auf sich genommen oder solches von Amts wegen gemildert haben – denn ohne Eingeklemmt wäre diese Ausgabe undenkbar. Daß kasers Namen, Schaffen, Schicksal nicht gleich dem vieler anderer, die nach Maßstäben bürgerlicher Karrieren gescheitert sind, vergessen werde, haben sich viele Künstler bemüht, Paul Flora zuvorderst, Markus Vallazza, Rolf Schneider, Ludwig Harig, Hermann Schürrer, Felix Mitterer, Gerhard Kofler, Josef Haslinger, Anton Prestele, Oswald Egger – die Gesammelten Werke führen auch ihr Wirken fort im Sinne jener Gemeinschaft von Toten und Lebenden, von Autoren und Lesern, die die Literatur als Struktur- und Lebensform konstituiert. Michael Forcher schuf in seinem Haymon-Verlag, unterstützt vom Südtiroler Kultur-Assessorat, die Voraussetzung für den Druck und Vertrieb und damit für einen Gutteil eines möglichen Erfolges.
Es wäre der Erfolg des Dichters kaser, der Anerkennung verzweifelt und verbittert gesucht und zuletzt politischen Selbstverpflichtungen hintangereiht hat.

Hans Haider, Walter Methlagl, Sigurd Paul Scheichl, Vorwort, August 1988

Der Lyriker norbert c. kaser

In einem Kalender kasers findet sich zum 18. Mai 1972 die folgende Eintragung:

aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa23:45
skorpion da
neben meinem bett & der sperrholzwand zwischen
bett und mauer gefunden
farbe: dunkelbraun
groeße ohne schwanz ca. 1,8-2 cm
leicht zu fangen; sofort unter alkohol gesetzt;
luftdicht
lebt noch immer ca. 1/4 stunde vergangen
wetter: kalt fuer diese jahreszeit, regnerisch,
aaaaaneblig; 1100 m meereshoeh
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa02 lebt
auf der unterseite parallel angeordnet 8 punkte

kaser ist in dieser Notiz ganz der Vernuerer Lehrer, der sich für die Naturkunde, die er seinen Kindern vorzutragen hat, auch interessiert.
Innerhalb einer guten halben Stunde verwandelt er sich aber dann in den Lyriker; mit der Zeitangabe „0:25“ steht auf der folgenden Seite des Kalenders das Gedicht „der skorpion“ (S. 389), welches die gleiche Erfahrung verwandelt in eine Begegnung mit dem Außergewöhnlichen, das die Natur für den Menschen im Grunde immer bleibt:

er ist ein
ereignis

Selten ist die Spontaneität von kasers sprachlicher Reaktion auf den Augenblick so gut dokumentiert. Zu spüren ist sie in seinen Gedichten immer. Denn sie sind fast ohne Ausnahme bestimmt von der konkreten Wahrnehmung, dem Sinnes-, zumeist dem visuellen Eindruck, der einmaligen Erfahrung, dem ganz persönlichen Erleben.
Schon in den späten sechziger Jahren schreibt so der scheinbar völlig isolierte Lyriker im abgelegenen Bruneck Gedichte im Stil der „Neuen Subjektivität“, die sich eben in Theorie und Praxis der Lyrik vornehmlich der Bundesrepublik Deutschland als neue Tendenz zu etablieren beginnt: eine Lyrik ohne Einengungen durch ein festgelegtes poetisches Instrumentarium, offen für die Erfahrungen wie für die Sprache des Alltags, offen für die Wahrnehmungen des Subjekts.
Nun ist der Nutzen von Etiketten wie „Neue Subjektivität“ für Leserinnen und Leser von Gedichten ein höchst beschränkter, und ich sehe es zuallerletzt als Aufgabe einiger einführender Notizen zum lyrischen Werk norbert c. kasers, dieses Werk irgendwo „einzuordnen“. Erhellend ist nicht die Einordnung als solche, wohl aber die Tatsache, daß die Parallele zur „Neuen Subjektivität“ nicht auf einem Zufall oder auf einem vagen „Zeitgeist“ beruht, sondern daß kaser nach allem, was wir wissen, die literarischen Auseinandersetzungen der sechziger und siebziger Jahre gekannt hat, daß diese Parallele also bewußt ist; kaser hat sich auch einmal ausdrücklich auf Creeley und Olson als Vorbilder berufen, amerikanische Autoren, die wichtige Anreger für die bundesdeutsche „Neue Subjektivität“ gewesen sind. Der Autor aus der Provinz war also kein provinzieller Autor.
kaser hat sich nie an dem bißchen verwaschenen Dichtertum orientiert, das in seiner Umgebung mehr vegetierte als gedieh und mit dessen Provinzialität er in seiner Brixener Rede von 1969 so schonungslos abgerechnet hat. Dessen Sterilität war ihm klar, und zwar von Anfang an klar, denn es gibt bei kaser auch in den frühesten Versen kaum eine Spur der Anlehnung an dieses Epigonentum. Ihn interessierte seit dem Einsetzen seiner Arbeit an Gedichten das, was jenseits der Landes- und Sprachgrenzen geschah; er spürte, daß es galt, neue literarische Verfahrensweisen zu – lernen, wenn Südtirol „eine Literatur haben“ sollte. Für ihn mag dieses Lernen von dichterischen Methoden noch wichtiger gewesen sein als für andere, da seine Thematik ganz die persönlichen Erfahrungen in der Heimat sind, vom Vernuerer Skorpion bis zum Tod eines Brunecker Gastwirts; da konnte und wollte er nichts von anderswo übernehmen.
Mit diesem Bedürfnis nach dem Erlernen und Ausprobieren anderer literarischer Techniken hängen auch kasers Experimente zusammen: die Collagen und die wenigen visuellen Texte, wohl auch die zahlreichen Gedichte in italienischer Sprache (bei denen freilich der Aspekt des politischen Protests nicht übersehen werden darf, den die Wahl dieser Sprache in Südtirol bedeuten muß).
Ein einziges Element aus der Tradition der Tiroler Literatur mag kaser übernommen haben – und nicht eines der „Hochliteratur“. Ich meine die Neigung zu lakonischer Verknappung, die es wohl auch in der Sprechweise vieler Tiroler gibt und die in einer volkstümlichen Form wie den Gedenksprüchen auf den sogenannten Marterln auch schriftlichen Niederschlag gefunden hat. Karl Schönherr hat explizit mit dieser Tradition zu arbeiten versucht.
Aus der Distanz zu allem epigonalen Dichtergetue greift kaser auf die nüchterne Sprechweise des Alltags zurück – nur selten allerdings zum Dialekt −; sie bewahrt ihn vor jedem Abrutschen ins Pathos. Auch subtile Metaforik ist seine Sache nicht; das hermetische, dunkle Gedicht, das in der deutschen Literatur nach 1945 so wichtig gewesen ist und das auch einige seiner Südtiroler Zeitgenossen wie etwa Gerhard Mumelter angeregt hat, hat er eher gemieden. Wo kaser auf den Dialekt zurückgreift, handelt es sich um sehr gezielte Stilbrüche; an besonders bedeutsamen, emotional sehr intensiven Stellen werden einzelne Mundartwörter eingesetzt, übrigens fast nur in späten Gedichten, etwa in „die laerche“ (S. 20: „werrn“) oder in „stegener markt / ausgabe 77“ (S. 41: „plaerren kannt’i!“ als Schlußvers). Durch das Mundartwort erzielt kaser hier zweifellos besonders eindringliche Wirkungen.
Auch wenn er die Technik der Collage im engeren Sinn nach einigen frühen Experimenten kaum noch aufnimmt, so hat er doch immer wieder vorhandenes Sprachmaterial in seine Texte einmontiert, das geschrieben, was andere gesagt haben. Besonders auffällig – und, beim ehemaligen Kapuzinernovizen nicht verwunderlich – ist das Zitieren der Sprache der Kirche, durch das er eine Welt heraufruft, deren Dominanz für seine Umwelt charakteristisch ist und von der auch er selbst stark geprägt ist. (Diese Prägung durch den traditionsverbundenen Tiroler Katholizismus findet nicht nur in den Bibelzitaten ihren Niederschlag, sondern auch in der häufigen Verwendung religiöser Motive, die eine genaue Kenntnis der Bibel wie des kirchlichen Kalenders und seiner Heiligen verrät. Bei aller Distanz zur offiziellen Kirche bleibt dabei doch auch eine tiefe, ja radikale Religiosität spürbar.)
Zur Pathoslosigkeit von kasers lyrischer Sprache paßt auch die Freude am Spiel, die gelegentlich durchscheint, in einem frühen Gedicht wie „bloedsinn“ (S. 223) – schon der Titel ist ein Programm – ebenso wie bei der systematischen Darstellung der unregelmäßigen Verben im Pustertaler Dialekt (S. 76 f.) bei der auch nicht das linguistische Interesse im Vordergrund gestanden haben dürfte. Daher müssen hier auch Verse wie „Der Doppelpascha“ (S. 384) und andere stehen, über deren literarischen Rang sich im Grund nicht einmal streiten läßt (zumal sie ihn auch nicht beanspruchen), welche aber sprachliche Neigungen und Fähigkeiten ihres Autors verraten, die in seinem Bild nicht fehlen dürfen. Auch bei den Gedichten in italienischer Sprache ist dieser Aspekt des Spielerischen zu beachten.
Daß kasers Gedichte der Prosa oft sehr nahe stehen, ja ganz wie Prosa wirken, während andererseits die Prosa sich den Gedichten nähert, ist schließlich ebenfalls in Verbindung mit diesem unpathetischen Sprechen in den Gedichten zu bringen, mit dem Verzicht auch auf das modernisierte Instrumentarium „des Gedichts“. Gedichte bieten kaser mehr syntaktische und grafische Freiheit als die Prosa; darüber hinaus trennt er zwischen den Gattungen nicht, sieht in der Lyrik nicht etwas Besonderes, Höheres. Paradoxerweise wird man so den Lyriker kaser erst dann ganz kennenlernen, wenn auch der Prosaband und die Briefe erschienen sind.
Daß hier so gut wie das gesamte lyrische Werk kasers vorliegt, gestattet einen umfassenden Überblick über seine Themen. Man kann nun genauer als bisher sehen, wie früh in diesem Werk schon Todesmotive anklingen. Die Bedeutung des Körperlichen und vor allem der Sexualität für kaser, die man auch aus dem bisher Vorliegenden schon ahnen konnte, wird nun in ihrem vollen Ausmaß erkennbar; offenes Sprechen, manchmal auch provokantes Sprechen über diese Bereiche der eigenen Existenz sind Merkmal vieler Gedichte. Leichter sind die vielen Gedichte nachzuvollziehen, in denen kaser visuelle Erfahrungen niedergelegt hat: Landschaften, Bauten, immer wieder auch Bilder – wobei sich manche recht rätselhaft wirkende Verse heute nicht mehr identifizierbaren Bildanregungen verdanken dürften, etwa Fotos in Zeitungen und Illustrierten. Bei den Gedichten über Kunstwerke mag manchmal auch der Stolz des Aufsteigers mitspielen, der sich Kernbereiche des bürgerlichen Bildungsbesitzes ganz allein erobert hatte. Wie wichtig kaser die Gedichte über Orte und Bauten gewesen sind, dokumentiert eine „Sammlung“ ,Lokalteil‘, die er, wohl 1968, für eine Bekannte zusammengestellt hat und die ausschließlich Gedichte mit solchen Motiven aus seinen anderen „Sammlungen“ enthält.
Da kaser fast sein ganzes Leben in Südtirol verbracht hat, ist es nicht verwunderlich, daß Südtirol als Motiv seiner Gedichte immer wieder präsent ist. In manchen dieser Texte empfindet man eine elegische Haltung, Trauer über die Entwicklung, die das Land nimmt; andere Gedichte sind, komplementär dazu, unverhohlene Satire. „stegener markt / ausgabe 77“ (S. 41), eines meiner Lieblingsgedichte, vertritt jenen, „lied der einfallslosigkeit“ (S. 59) diesen Typus. Die aggressivsten Gedichte, die fast eine Sonderstellung einnehmen, betreffen allerdings nur am Rande die Heimat: sie finden sich in der in Wien entstandenen und auf Wien bezogenen „Sammlung“ ,klampflaute aus der dusteren provinz und weltstadt‘ (S. 103ff.). Obwohl kaser als Person politisch eindeutig engagiert war – nicht zufällig setzt seine literarische Tätigkeit 1967/68 ein – und auch als Autor kritischer Glossen in Erscheinung trat, hat er im engeren Sinn politische Lyrik doch kaum geschrieben; einen Text dieser Art, „die s. v. p. kultur“ (S. 413), hat er nicht einmal reingeschrieben.
Die Anlaßgebundenheit dieser Gedichte, ihr fast autobiografischer Charakter, den kaser durch die Datierung der meisten Gedichte noch unterstreicht, erschwert allerdings gelegentlich auch den Zugang zu ihnen. Es war deshalb reizvoll, in möglichst vielen Fällen die Anstöße nachzuweisen, von denen er jeweils ausgegangen ist, um so den Arbeitsprozeß nachvollzieh-, die Spannung zwischen Anlaß und Gedicht spürbar zu machen. Die meisten Gedichte bestehen freilich auch, ja gerade, wenn man den Anlaß nicht kennt, der ihnen Konkretheit und Präzision gibt, ohne daß sie auf Privates (und damit mehr oder minder Uninteressantes) reduziert wären. „tisch im eck2 (S. 414) ist so ein Gedicht, wo eine ganz konkrete alltägliche Situation an einem bestimmten Tag – leider ist es eines der relativ wenigen undatierten Gedichte – zum Ausgangspunkt von Versen gemacht wird, die die Frustrationen der 68er Generation sehr wohl auch für Nicht-Brunecker einsichtig machen. Wie dieses wirken die meisten Gedichte kasers auch ohne Kenntnis des genauen Hintergrunds; schlecht beraten wäre daher, wer zuerst den Anhang und dann erst die Gedichte lesen wollte, will doch jener nur ergänzende Informationen geben.
Daß kaser an größeren Formen trotz einigen Versuchen immer gescheitert ist, daß Brief, Kurzprosa und vor allem Gedicht seine Ausdrucksformen geblieben sind, bestätigt das enge Aufeinanderbezogensein von konkretem Anlaß und sprachlicher Gestaltung, das seinen Versen jeder Verblasenheit, alles literarische Getue erspart. (Daß das Scheitern an umfangreicheren Arbeiten auch äußere Gründe hat, vor allem die Aussichtslosigkeit, ein solches Werk auch zu veröffentlichen, soll freilich nicht unterschlagen werden.)
Die große Zahl von Texten, die sich über Jahrzehnte seiner literarischen Arbeit übrigens alles eher als regelmäßig verteilt – der überwiegende Teil der Gedichte entstand zwischen 1967 und 1970 −, ermöglicht nun auch einen Überblick über kasers Entwicklung. Gewiß gibt es in den Anfängen manches mit bloßem Versuchscharakter, einige wenig überzeugende Gedichte, doch ist schon sein (angeblich) erstes Gedicht „Laas für Marijke“ (S. 371) ein sehr vollendetes Gebilde. Die größere Intensität der späten und vor allem der letzten Gedichte ist wohl nicht zuletzt eine Folge von kasers tragischem Leben, eine Folge der frühen Todeskrankheit. Die sprachliche Sicherheit, das fast untrügliche Gespür für das, was ein Autor sagen kann, ohne verlogen oder epigonal zu wirken, ist aber von Anfang an da; kaum eines der Gedichte greift auf Klischees zurück, kaum eines klingt falsch. Es gibt keinen Lyriker, der nur vollendete Gedichte geschrieben hätte; auch kaser ist das nicht gelungen, doch ist er auch kaum je wirklich „ausgerutscht“.
Vorworte sollen zum Lesen anregen, nicht davon abhalten. Vielleicht erleichtern diese Andeutungen der einen oder dem anderen den Zugang zu diesen Gedichten – als deren erstes wir wieder kasers letztes drucken, das daran erinnert, wer der Verfasser dieses umfangreichen und vielseitigen lyrischen Werkes war: ein junger Mensch, der eigentlich immer krank gewesen ist, der immer oder fast immer am Rand der Gesellschaft gelebt hat, der sich gelegentlich sogar selbst als „Spinner“ bezeichnete.
Erfolg – um den kaser wohl auch nicht wirklich gekämpft hat – wurde diesem Werk erst nach dem Tod des Autors zuteil. Die paar Einladungen, auch noch in seinem letzten Lebensjahr, haben ihm den Weg ins literarische Leben nicht ebnen können. Ich selbst habe kaser trotz der räumlichen Nähe nicht kennengelernt, habe zu seinen Lebzeiten gerade die im „Fenster“ veröffentlichten „Stadtstiche“ zur Kenntnis genommen – habe mir sogar ein paar Sätze daraus gemerkt, aber nicht den Namen des Autors. Dieses Übersehen und Verkennen muß hier einbekannt werden, im Sinne eines Satzes von Canetti (über Robert Walser), den ich schon einmal in Zusammenhang mit kaser zitiert habe: „Ich frage mich, ob es unter denen, die ihr gemächliches, sicheres, schnurgerades akademisches Leben auf das eines Dichters bauen, der in Elend und Verzweiflung gelebt hat, einen gibt, der sich schämt.“

Sigurd Paul Scheichl, Vorwort

 

Zur Edition

Kaser hat seine Gedichte offensichtlich sehr schnell, vielfach in einem Zug geschrieben, auf gerade zur Verfügung stehendem Papier. Später hat er die Texte dann sorgfältig kopiert; solche autografe Reinschriften finden sich vorwiegend in Kalendern und Schulheften. Die dritte und endgültige Stufe der Fixierung seiner Gedichte waren dann die Typoskripte, in denen er die Gedichte für den Freundeskreis „veröffentlichte“ und von denen es zumeist mehrere Durchschriften gibt. Selbst Gedichte, deren Handschrift er verschenkte, scheint kaser nicht selten noch einmal notiert zu haben, um auch für sich selbst über ein Typoskript zu verfügen.
Dieses mehrfache Abschreiben bedeutete manchmal auch ein Überarbeiten, doch ist das keineswegs die Regel. Die Filologie der Fassungen und Textstufen wird im Falle kasers nicht viele Leute nähren; es gibt zwar gelegentlich signifikante Änderungen zwischen Entwürfen und Reinschriften – von denen einige im Materialienteil dokumentiert sind −, doch zumeist hat kaser den ersten Entwurf unverändert beibehalten, allenfalls die Anordnung der Zeilen ein wenig variiert.
In den ersten Jahren seiner literarischen Arbeit hat kaser solche Typoskripte zu „Sammlungen“ vereinigt, kleinen privaten Büchern mit fast bibliofilem Charakter. Auch später gibt es noch Konvolute von Texten, bei denen man allerdings nicht ganz sicher sein kann, ob sie auf den Autor selbst zurückgehen. Die liebevolle Ausstattung der frühen Sammlungen weisen sie jedenfalls nicht auf.
Veröffentlicht hat kaser zu Lebzeiten wenig; darüber gibt die Bibliografie von Benedikt Sauer, in: Sturzflüge (Bozen) Heft 8, 1984, S. 56-63, genaue Auskunft. Für den zunehmend isolierten und sich isolierenden Autor hatten daher die Typoskripte für den Freundekreis tatsächlich Publikationscharakter; mit ihnen konnte er wenigstens einige Leserinnen und Leser, auf die er Wert legte, erreichen. Den Druck der vor 1978 erschienenen Texte dürfte kaser nur in wenigen Fällen überwacht haben; der textkritische Wert dieser Veröffentlichungen ist daher gering.
Dieser Band und die gesamte dreibändige Ausgabe beruhen auf zwei Sammlungen: auf der „Sammlung Haider“ (im Forschungsinstitut Brenner-Archiv der Universität Innsbruck deponiert) und auf dem von Klaus Gasperi verwahrten Teil von kasers nachgelassenen Papieren. Haider hatte seinerzeit für die Vorbereitung von Eingeklemmt und Kalt in mir nicht nur den Nachlaß vollständig kopiert, sondern auch kaser-Papiere im Besitz von anderen zusammengetragen und Kopien davon seiner Sammlung einverleibt, sodaß hier ein großer Teil alles dessen, was kaser je geschrieben hat, in Kopie, vorliegt. Erika Wimmer-Webhofer hat diese Sammlung geordnet und gründlich katalogisiert, sodaß man mit ihr gut arbeiten kann.
Die von Gasperi aufbewahrten Papiere, zum geringeren Teil ebenfalls Kopien, enthalten dennoch manches, was sich in der „Sammlung Haider“ nicht, nicht mehr oder in verändertem Zusammenhang findet. Wertvoll sind vor allem die Kalender und Notizbücher, in die kaser seine Gedichte eingetragen hat.
Ein Kernstück des Nachlasses war für diese Ausgabe leider nicht verfügbar: die Originale der frühen Gedichtsammlungen. Bemühungen, sie alle zu Gesicht zu bekommen, sind leider ergebnislos geblieben.
Neben den Gedichtsammlungen fehlt vor allem das Original des norwegischen Skizzenbuchs vom Sommer 1970, von dem nur eine schlecht lesbare Kopie vorhanden ist. So mußten einige der nur darin enthaltenen Gedichte aus dieser Ausgabe ausgeschlossen bleiben, weil ein vollständiger und verläßlicher Text nicht hätte hergestellt werden können.
Da es in der für diesen Band zur Verfügung stehenden Zeit nicht möglich gewesen ist, die seinerzeitigen Recherchen Hans Haiders bei allen Besitzern von kaser-Autografen und -Typoskripten zu wiederholen und zu ergänzen, muß damit gerechnet werden, daß auch sonst noch das eine oder andere hier fehlende Gedicht aus Privatbesitz auftauchen wird, wahrscheinlicher noch die eine oder andere interessante Fassung (Vorstufe oder endgültiger Text) von hier aufgenommenen Versen, vielleicht, hoffentlich auch leserliche Abschriften der (wenigen) Gedichte, auf deren Abdruck hier verzichtet werden mußte, und insbesondere die derzeit nicht auffindbaren Originale der frühen Sammlungen.
Denn das größte Problem, mit dem diese Ausgabe zu kämpfen hatte, waren die schwer lesbaren Kopien (die zumeist Kopien von Durchschriften sind). Es sind zwar nur einige wenige Gedichte, die hier aus diesem Grund nicht aufgenommen werden konnten; doch anhand der Originale hätte sich aufgrund des Vergleichs von Papier, Tinte und dergleichen mancher Zusammenhang herstellen, manche Einordnung vornehmen lassen, deren Fehlen die Qualität dieser Edition ein wenig beeinträchtigt.

Die Auswahl der Texte ist einmal durch die vorhandenen Materialien bestimmt: was in der „Sammlung Haider“ und in den Papieren bei Klaus Gasperi fehlt, kann hier nicht erscheinen. Doch ist davon auszugehen, daß diese beiden Bestände annähernd das vollständige Werk des Brunecker Dichters enthalten.
Vollständigkeit im Zusammentragen des Vorliegenden war erstrebt, konnte aber nicht erreicht werden. Manche Texte haben ausgesprochenen Entwurfscharakter, einige wenige scheinen Fragmente geblieben zu sein, sodaß es wenig sinnvoll ist, eine Ausgabe wie diese mit ihnen zu belasten. Die schlechte Lesbarkeit einzelner Kopien führte zu weiteren Lücken, denn es wäre nicht zu verantworten gewesen, in diesem Band kaser-Texte mit ungesichertem Wortlaut in Umlauf zu setzen. In einem Fall wird ein Gedicht aus Rücksicht auf lebende Personen nicht veröffentlicht. Verzichtet wird ausschließlich auf Texte, die nur in Handschriften erhalten sind; alle Typoskripte, also die von kaser „veröffentlichten“ Texte sind hier enthalten, mit Ausnahme des einleitenden Gedichts zum Prosafragment „die kleine trute“ und dem langen „de vita oswaldi von wolkenstein“, das, wiewohl sein Verscharakter unbestreitbar ist, doch besser in den Prosaband, in den Zusammenhang der Schultexte, passen dürfte. Aus den schon erwähnten Gründen mußten vor allem Gedichte aus dem Sommer 1970 (Norwegen) ausgeschieden werden; aus praktischen Gründen wurde auch von den Übersetzungen aus dem Norwegischen nur ein einziges Beispiel aufgenommen, da die Qualität dieser Übertragungen wohl nur von den wenigsten kaser-Lesern gewürdigt werden könnte. In keinem Fall habe ich nur deshalb auf ein Gedicht verzichtet, weil es mir weniger gut gelungen schien. Auch die italienischen Gedichte sind alle aufgenommen worden, soweit sie eben lesbar waren. Insgesamt dürften mit dieser Ausgabe weit mehr als 90 Prozent von kasers Gedichten in einem verläßlichen Text zugänglich sein.
Zwei besondere Probleme der Textauswahl sind noch zu nennen. Einmal macht der Charakter von kasers Schreiben manchmal die Entscheidung schwer, ob man bei einem bestimmten Text von einem Gedicht oder doch von Prosa sprechen sollte. „fruehling der terraferma“ etwa ist auch von Erika Wimmer-Webhofer im Katalog der „Sammlung Haider“ als lyrischer Text eingestuft worden; nach dem Kriterium der grafischen Präsentation habe ich mich dann doch entschlossen, diesen Text der Prosa zuzuordnen, wohl wissend, daß ich damit den Entscheidungsspielraum der Herausgeber des Prosa-Bands einschränke.
Das zweite Problem betrifft die Gedichtsammlung „Wortschnitte“ in den von Haider zusammengetragenen Kopien. Nichts in dieser Sammlung weist darauf hin, daß sie nicht von kaser stammt; ihr Verfasser ist jedoch Karl Erlacher. Haider hat (in: jetzt müßte der kirschbaum blühen. Zürich 1983, S. 66) ein Gedicht daraus abgedruckt, „autofahrt“, das aus dieser Ausgabe selbstverständlich ausgeschlossen bleiben mußte.
Auf jeden Fall enthält dieser Band alle Gedichte, die kaser selbst veröffentlicht hat oder die nach seinem Tod wo immer im Druck erschienen sind.

Die Anordnung der Texte ergibt sich einerseits aus der Textüberlieferung, andererseits aus dem Kanon der kaserschen Lyrik, der zweifellos durch Haiders Edition von Eingeklemmt mitgeprägt ist: die Umkehrung der Chronologie, das Einsetzen der posthumen Werkauswahl mit „ich krieg ein kind“ war sicherlich für die starke Wirkung dieser Ausgabe mitbestimmend. Diese Anordnung scheint mir, auch wenn sie nicht auf den Dichter selbst zurückgeht, so sehr zum kaser-Bild zu gehören, daß ich mich zu ihrer Beibehaltung entschlossen habe. Sie bietet zudem den Vorteil, daß die Gedichte nicht als fortlaufende Illustration zur Biografie gelesen werden können.
In dieser Umdrehung der Chronologie erscheinen also die letzten Gedichte am Anfang; auch bei der Darbietung der Sammlungen (in denen es wohl am meisten neu zu entdecken gibt) ist dieses Prinzip beibehalten worden, allerdings nur was die Abfolge der Sammlungen als ganze betrifft. Innerhalb der einzelnen Sammlungen bleibt die Anordnung kasers bewahrt, die manchmal, aber nicht immer auf den Entstehungsdaten der einzelnen Gedichte beruht. Soweit die Sammlungen Prosatexte enthalten, sind auch diese aufgenommen; auch von kaser einer Sammlung einverleibte Gedichte von Freunden wollte ich nicht ausschließen. Da mir die Originale der Sammlungen nicht zur Verfügung standen, habe ich auf die Wiedergabe von Widmungen und Inhaltsverzeichnissen verzichtet; solche gibt es ja möglicherweise auch dort, wo sie in den Kopien nicht aufscheinen. Der Vergleich des Exemplars von „miniaturen & hymnen“ aus dem Besitz von Clemens Auer mit Haiders Kopie des von kaser selbst aufbewahrten (Brenner-Archiv) zeigt jedenfalls, daß es zwischen verschiedenen Exemplaren der einzelnen Sammlungen gewichtige Unterschiede geben kann. Schließlich habe ich die wenigen Gedichte, die kaser in zwei Sammlungen eingetragen hat, nur einmal abgedruckt, stets bei der späteren.
Auf diesen Hauptbestand der Gedichte folgen jene, die nur in Autografen kasers enthalten sind, wiederum beginnend mit den letzten, endend mit den frühesten. Das Kriterium, daß das Typoskript für kaser die Veröffentlichung bedeutet haben dürfte, habe ich konsequent beibehalten, selbst dort wo die Schönschrift eines eigenhändigen Manuskripts jeden Zweifel daran ausschließt, daß es sich hier um eine Reinschrift, um einen in kasers Augen autorisierten Text handelt, beispielsweise in „bitte um einen flora krah“ (S. 378). In den meisten Fällen ließ sich der Status der Handschrift, so sorgfältig sie auch scheinen mag, nicht so eindeutig bestimmen, weil mir eben nur Kopien vorlagen. Mir ist durchaus klar, daß ich durch diese Trennung von Typoskripten und Handschriften Zusammenhänge zerreiße, besonders in einer Ausgabe, die sich nicht als wissenschaftliche verstehen kann; doch schien es mir schließlich doch wichtiger, den unterschiedlichen Grad der Autorisierung der Texte durch den Autor unmißverständlich zu markieren, auch auf die Gefahr hin, pedantisch zu erscheinen. Gedichte, die sich nur sehr ungefähr datieren lassen – das sind recht wenige – sind in einer dritten Abteilung zusammengefaßt; dadurch soll verhindert werden, daß falsche Zusammenhänge hergestellt werden. Der Anordnung mußte allerdings doch wieder eine mögliche Chronologie zugrundegelegt werden. Darauf folgen noch die Werbetexte für die Pension Schmieder in Innichen und ein Leserbrief in Versen, den kaser an den Alto Adige gerichtet hat.
Den Abschluß der Ausgabe bilden die Übersetzungen; die Übersetzungen aus der italienischen Literatur werden vollständig gedruckt (soweit es sich nicht um, mindestens auf den Kopien, undurchschaubare und wohl auch fragmentarische Entwürfe handelt und soweit sich die Übersetzungen nicht schon in einer der Sammlungen finden). Dem Prinzip, alles von kaser im Druck Erschienene hier zu versammeln, folge ich auch im Falle der Übersetzungen von Gedichten Nino Floramos, obwohl kaser offensichtlich von der Qualität des italienischen Lyrikers nicht überzeugt und auf diese Übersetzung nicht so recht stolz gewesen ist. Einige Übersetzungsarbeiten eher scherzhaften Charakters sind ebenfalls aufgenommen.

Datierungen sind bei kaser zumeist Bestandteil des Textes; sie werden daher stets angegeben, gelegentlich auch ergänzt, was nicht immer ausdrücklich gekennzeichnet ist, da die Datierung gelegentlich zwar auf der Satzvorlage fehlt, aber auf einem anderen Typoskript zu finden ist. Wenn ein Datum ergänzt ist – z.B. aufgrund der handschriftlichen Eintragung in einem Kalender −, steht es in eckigen Klammern. Dieses Prinzip ließ sich allerdings nicht konsequent durchhalten, u.a. deshalb, weil schon bei den Datierungen auf den Kopien der Typoskripte nicht immer mit letzter Sicherheit gesagt werden kann, ob sie auf kaser selbst zurückgehen oder von anderen hinzugefügt worden sind.
Die Ausgabe greift ausnahmslos auf die Typoskripte bzw. Autografen zurück, wobei bei Abweichungen nicht immer mit Sicherheit gesagt werden kann, ob als Satzvorlage wirklich die letzte Fassung gewählt worden ist. Wer im Brenner-Archiv die Kopien von Durchschriften gelegentlich leicht voneinander abweichender Abschriften von Gedichten, jeweils mit der gleichen Datierung, in Händen hält, wird diese Unsicherheit verstehen. Die Satzvorlagen, die sich ausnahmslos in den oben angegebenen kaser-Beständen befinden, werden in den Materialien nicht ausdrücklich beschrieben; Textkritik ist nicht die vordringliche Aufgabe dieser Edition. Korrekturen von Haiders Ausgaben haben sich nur an ganz wenigen Stellen als notwendig erwiesen.
Trotz der außerordentlichen Sorgfalt, die kaser seinen Texten angedeihen ließ – es gibt in den Typoskripten kaum Korrekturen −, könnten die Satzvorlagen in einigen Fällen Fehler enthalten. Bei Typoskripten habe ich dennoch zumeist auf korrigierende Herausgebereingriffe verzichtet und nur bei ganz offensichtlichen Versehen verbessert (vgl. z.B. die Anmerkung zu „troestliches fuer maridl“, S. 494), aber beispielsweise die in früheren Gedichten nicht seltenen Inkonsequenzen, etwa bei der Schreibung der Umlaute, belassen. Bei der Wiedergabe von Autografen habe ich einige solche Stellen bezeichnet…

Sigurd Paul Scheichl, Nachwort

 

Als Norbert C. Kaser

am 21. August 1978 in Bruneck starb, war nur einigen Freunden wirklich bewußt, daß mit dem 31jährigen die stärkste literarische Begabung Südtirols verstummt war, ein Autor, vor allem ein Lyriker, der Aufmerksamkeit auch weit über seine Heimat hinaus beanspruchen durfte. Als nach seinem Tod zwei Auswahlbände erschienen, wurde ihm diese Aufmerksamkeit denn auch zuteil: die beiden Bücher fanden die Zustimmung des Publikums wie der Literaturkritik weit über Südtirol und Österreich hinaus. Inzwischen erkennen selbst Kasers einstige menschliche, literarische und politische Gegner seinen Rang an.
Zum 10. Todestag wird dieses Werk nun neuerlich zur Diskussion gestellt, nicht mehr in einer notgedrungen schmalen Auswahl, sondern in seiner Gesamtheit, wobei den Gedichten die Bände „Prosa“ und „Briefe“ folgen werden.
Durch den ersten Band der Gesamtausgabe werden Hunderte von Gedichten erstmals einem größeren Kreis von Lesern zugänglich. Sie gehen durchwegs von der Lebenserfahrung Kasers aus und sind doch repräsentativ für seine ganze Generation. Es gehört zum Reiz dieser Gedichte, daß sie sich stets auf die konkrete Umwelt des für viele doch recht fernen Südtirol beziehen und daß man sich in ihrer intensiven Sprache dennoch auch wiedererkennt, wenn man mit Kasers Heimat nicht vertraut ist.
Erstmals läßt sich nun auch die Entwicklung Kasers überblicken, die sich in der Provinz vollzogen hat, aber fern aller Provinzialität in einer gründlichen Auseinandersetzung mit den literarischen Techniken der Zeit.
Daß die Ausgabe an einem wissenschaftlichen Institut erarbeitet worden ist, braucht niemanden abzuschrecken: sie wendet sich nicht in erster Linie an die Fachkolleginnen und –kollegen, sondern an alle, die moderne Gedichte lieben. Sie gibt Kasers Versen allerdings einige Lesehilfen bei, die vor allem die Entschlüsselung der vielen Anspielungen (auf Lokales, Religiöses, Kunstgeschichtliches) erleichtern sollen.
Mit diesem Band ist es möglich, ein reiches lyrisches Werk zu entdecken.

Haymon-Verlag, Klappentext, 1988

 

Poetische Geographie im kleinen

– Die Lyrik von Norbert C. Kaser. –

Armeleutekind, Vorzugsschüler, Sitzenbleiber, scheiternder Student, Klostereintritt, Kirchenaustritt, Kommunist und Trinkertod mit 31 Jahren. Der Südtiroler N.C. Kaser (1947-1978) teilt seine Stationen freilich mit anderen Lebensläufen und Wunschbiografien im katholischen Bildungsbereich. Die Alpen, Metaphernschwelle für so viele Schriftsteller dieser Generation, haben den Lyriker zumindest postum als Geheimtip passieren lassen und dem regionalen Raster entrissen.
Nach einigen mehr und minder umfangreichen Sammlungen, durch die der Herausgeber Hans Haider einen präzisen und prägnanten Einblick in Kasers Arbeiten geben konnte, folgen jetzt, zum 10. Todestag, die Gesammelten Werke. Der erste Band – die Gedichte −, bearbeitet von Univ. Doz. Scheichl, mit Lesehilfen und Übersetzung der italienischen Texte versehen von Robert Huez, ist bereits erhältlich.
Kasers Œuvre ist ein Konvulut einfacher Formen, welche spezifisch rurale Erscheinungsformen von kollektivem Gedächtnis und die Anwendung von interkulturell verfügbarem Wissen um sich gruppieren. „Stadtstiche“, „Poetische Protokolle von Verona bis Weimar“ und minimalistische Wahrnehmung markieren seinen Ereignishorizonte im – Wunsch: „gerne waer ich eine laerche“.
Die Morphologie der Formeln aus Märchen, Sage, Lied einerseits und Versatzstücken katholischer Gedächtniskunst (Gebet, Beschwörung) andererseits, berührt die phänomenologische Betrachtung im „Idiotikon“ einer bizarren Verweigerung: „ein Lied / liegt in mir / ich singe / nicht / amen.“
Die bislang entdeckt geglaubten Väter heißen also nicht: Trakl, Tumler, Benn, Brecht – George gar. Entgegen allen hagiografischen Verklärungs-Versuchen ist Kasers Lyrik Lebenswelt auflesende Erfahrung und am mutterländischen Terrain orientiert. Sie entzündet sich am „Ort“, austauschbar: exakte Lokalisierungen bleiben immer eine Einschränkung und hinter dem verborgenen Gegenstand des Sprechens variabel: „der ort an dem ich sein werde.“
Analog dazu geht die gleichzeitige urbane Texttradition vom Wort aus. Das Variable ist gegenständlich thematisierte Beschreibung und hält hinter der Sprache jedes Ereignis verborgen.
Kaser und Reinhard Priessnitz sind die exponiertesten Vertreter dieser – antagonistischen – Schreibpraktiken. Die versteckte, seltsamerweise nie ermittelte Ähnlichkeit zeigt sich in der Mikrostruktur beider Sprechweisen, wo sie auch wirksam wird: am Hauthorizont eines bewegten Ichs (oder welche Ursprung der Sprache man anehmen will). Hier berühren und übersetzen sich wechselseitig Perzeption und Poesie in die Gestalt der Sprache: mit einer Radikalität, die nicht am Inhalt schreibt, sondern in der Abstraktion des buchstäblichen Politischen liegt – bis hin zu Minimalformen, die einen unbeschränkten Aktionsradius garantieren: „die ungeborenen / gediche sind immer die besten.“
Die geschriebenen aber tönen beim Lesen nah und vertraut; atavistische Erinnerungen und eigene, im Gedächtnis verfestigte Gedanken, erscheinen wieder – erneuert: „scherzo fuer Kinder, beschneites land; einschlaf des kindes.“
Kasers Lyrik ist Volksgut. Sie lebt auf, wenn Widerstand wächst. Das kann überall sein: In Wien war vor Jahren, auf eine Mauer gesprüht, zu lesen: „kalt in mir“ – der Titel des 1981 erschienenen Briefbandes. Die autografische Anonymität dieser Lettern verschwindet lokal in der Berührung mit der Provinz. Die in aller Munde liegt. Und beweist, daß N.C. Kaser ein in gewisser Hinsicht bekannter und trotzdem kaum gelesener Autor geblieben ist.

Oswald Egger, Der Standart, 2.12.1988

„feurige melancholie“.

– Der Südtiroler Lyriker Norbert C. Kaser (1947–1978). –

Das Werk Norbert Conrad Kasers, in seiner eigenen Schreibweise „norbert c. kaser“, erlebt in letzter Zeit insbesondere in Österreich eine Renaissance – die Spannweite reicht von Gedichtvertonungen bis zu umfangreichen Dissertationen. Von Wiedergeburt zu sprechen scheint bei einem Dichter, den zu Lebzeiten kein Verlag, nur einige Zeitschriften mit Einzeltexten veröffentlichten, übertrieben; angesichts der Tatsache, daß der 1978 31jährig verstorbene Kaser zu Lebzeiten nur einem kleinen Kreis bekannt war und in den zwei Jahren nach seinem frühen Tod einzig zwei kleinere, schnell vergriffene Bücher erschienen sind, und der nun fertiggestellten Gesammelten Werke ist man vielmehr versucht, emphatisch von Kasers literarischer Geburt für ein größeres Publikum zu sprechen. Der Innsbrucker Haymon Verlag begann 1988 mit der Herausgabe der Gedichte Kasers Werke zu veröffentlichen, im selben Jahr folgte der Prosa-Band, und soeben wurde die Edition der Briefe abgeschlossen.
Betrachtet man den letzten Band, so zeigt sich, daß Kasers Briefe weit über den gewohnten Anhang-Charakter mancher Briefbände von Gesamtwerken hinausreichen, allein die Schreibweise, außer in Anreden nur Kleinschreibung, keine Beistriche und das Ausschreiben der Umlaute, belegt, wie Kaser bis hinein in die Privatkorrespondenz minutiös seinem puristischen, vieler grammatikalischer Denotate entledigten Sprachgebrauch folgte. Die Briefe geben vor allem Aufschluß über seine oft tragisch zu nennenden Lebensumstände, die ja inzwischen zu einer Art Legendenbildung, insbesondere im Umkreis seiner ehemaligen Wirkstätten, geführt haben.

ich krieg ein kind
ein kind krieg ich
mit rebenrotem kopf
mit biergelben fueßen
mit traminer goldnen haendchen
& glaesernem leib
wie klarer schnaps
zu allem lust
& auch zu nichts

ein kind krieg ich
es schreit nie
lallet sanft
ewig sind
die windeln
von dem kind
feucht & naß

ich bin ein faß

Die Biographie ist auch in den Gedichten, dem „eigentlichen Genre“ Kasers, präsent; „ich krieg ein kind“, das letzte Gedicht des Dichters vom Juni 1978, zeigt die zunehmenden physischen Zerfallserscheinungen aufgrund Kasers Alkoholismus: Der Bauch ist aufgedunsen, das lyrische Ich assoziiert voller Zynismus eine Schwangerschaft. Es bleibt bei Kaser allerdings nie bei einer bloßen Abschilderung der Umstände oder spontaner Gedankengänge im Sinne jener Alltagslyrik, die das lyrische Ich am Kneipentisch oder im Zugrestaurant schnoddrig dahinphilosophierend antrifft. Das weiß allein schon die Verfremdung herkömmlicher Sprachmuster zu verhindern, die durch die stets spürbare Künstlichkeit der Texte forciert wird, man merkt den Gedichten ihre sorgfältige Komposition an.
Kaser war zeit seines Lebens ein Heimatloser, auch in seinem Geburtsort Bruneck, in den es ihn in Zeiten ärgster materieller Not immer wieder verschlug, erst recht in der Großstadt Wien während des Studiums; vor allem aber fand er keine geistige Heimat, das kulturelle Umfeld in Südtirol nannte er in einer seiner zahlreichen Polemiken zum Thema schlicht „scheiße“. Er suchte früh Zuflucht in der Religion, trat unter anderem in ein Kloster ein, doch war seine Religiosität nicht die der katholischen Kirche, er verließ den Orden nach acht Monaten. Dennoch bleibt Religion und Glaube thematisch und formal für viele seiner Gedichte konstituierend; wie in „am morgen“ drängt sich der Gebetscharakter des Gedichtes aber nicht in den Vordergrund, sondern bildet eine Facette in der Auseinandersetzung mit der existentiellen Bedrückung des Ich:

AM MORGEN

mein tag ist aussatz
meine nacht tod
rette meine traeume
meinen schlaf das wachen
nimm meine angst

auch allen anderen
mein tag ist aussatz
meine nacht auch

Da er sich der Kirche zunehmend entfremdete, verließ er sie schließlich 1976 und trat beinahe gleichzeitig der kommunistischen Partei bei. Doch auch dort blieb einem Einzelgänger wie Kaser das Gefühl des Zuhause-Seins versagt, das Schreiben allein bot ihm Zuflucht. Es entstand ein umfangreiches Œuvre, in dem nicht alle Texte von gleicher Stringenz und poetischer Kraft sind, sein oft notizhaftes Schreiben hinterließ sicherlich einige Eintagsfliegen. Doch meist gelingt Kaser in seinen Texten eine prägnante Verdichtung, die sich der Sentenz oder dem Aphorismus nähert, er zielt oft pointierte Ausgänge an, ohne durch diese Verknappung eine poetische Welterfahrung vermissen zu lassen. Eine Kürze, durch die parataktische Syntax einfacher Aussagesätze verstärkt, die, wie bei folgender Landschaftsbeschreibung, dennoch eine Welt auftut, kraftvoll, farbig und sinnlich:

BURGENLAND

das glas der hitze
blendet den blick
die keller atmen kuehl
den dunst des weins

die straßen sind leer
und weisen nach ungarn
von wo esterhazy kam
und die ebene weite

und der klang das kleid
die feurige melancholie
schwarzbrauner nackter maenner

Wolfgang Straub, Park, Heft 41/42, Mai 1992

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Ingeborg Teuffenbach: Blattschuß mit Wörtern
Tiroler Tageszeitung, 20.10.1988

Rüdiger Görner: Melancholische Rebellion
Neue Zürcher Zeitung, 30.12.1988

Krista Hauser: Längst kein Tiroler Geheimtip mehr
Die Presse, 1./2.4.1989

Ulrich Weinzierl: Jaeh gelebt & jaeh gestorben. Norbert C. Kaseres poetische Verzweiflungsrufe aus Südtirol
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.5.1989

Manfred Scheuch: Das tragische Leben des Norbert C. Kaser
Arbeiterzeitung, 9.12.1989

Oliver vom Hove: Dichter der eingeklemmten Generation
Die Weltwoche, 12.4.1990

Gerd Holzheimer: Draußen Nacht, innen Himmel
Rheinischer Merkur / Christ und Welt, 27.4.1990

Gabriel Grüner: norbert c. kaser, „gedichte“
Sturzflüge (Bozen), Heft 26, 1989

 

Ein zorniger Poet

– Das kurze Leben des Südtiroler Lyrikers Norbert Conrad Kaser war ein verzweifelter Versuch, seinen Zustand der Armut zu überwinden. Heute gehören seine Gedichte zu den Kostbarkeiten der deutschsprachigen Literatur. –

Am 21. August 1978 starb im Krankenhaus von Bruneck, Siebentausend-Seelen-Gemeinde des Südtiroler Pustertals, ein einunddreißigjähriger Mann. Als Todesursache wurden Lungenödem und Leberversagen in der Folge von chronischem Alkoholismus festgestellt.
Zwei Tage später erfolgte die Beisetzung. Zur Trauergesellschaft gehörten der Graphiker Paul Flora und der Wiener Kulturredakteur Hans Haider, zwei Tiroler. Im Anschluß an die Beerdigung versprachen sie einander, die schriftliche Hinterlassenschaft des Toten herauszugeben. Der Name des Verstorbenen war Norbert Conrad Kaser.
Das geplante Buch erschien bereits im folgenden Jahr. Seither besitzt Südtirol einen bedeutenden modernen Dichter, die Linksalternativen zwischen Etsch und Eisack erhielten eine Identifikationsfigur, und die deutschsprachige Poesie hat eine starkes eigentümliches Talent mehr.

mit gespreizten beinen
es zuckt etwas dunkles
und blutete
stark
da
der kopf
das kind
wie etwas braunrot erbrochenes

Derart hat er eine Geburt beschrieben, vielleicht die eigene. Die wiedergebenen Verse zeigen mancherlei: die eingenwillig-modernistische Schreibweise, deren er sich zumeist bediente, und einen erbarmungslos bösen Blick. Den besaß er von Anfang an. Norbert C. Kaser kam aus finsteren Verhältnissen.
Geboren wurde er im April 1947, als unehelicher Sohn der damals 34jährigen Paula Thum. Der Ort seiner Geburt war Brixen, die alte Bischofsstadt, schwer von Geschichte, Kultur und römisch-katholischer Frömmigkeit.

ein kreuzgang ohne fehl & tadel – brixen eigentlich gehoerst Du gekueßt… indes: schlafe weiter friedlich mit pfaffen & schafen schließlich hast Du ja ein lamm im wappen & mich den ersten schrei tun lassen.

Zeilen aus einem jener Prosastücke, die zwischen 1975 und 1978 für eine Bozener Zeitschrift entstanden, unter dem Titel „Stadtstiche“. Norberts Mutter würde ein halbes Jahr nach der Entbindung heiraten, nicht jenen Alois Mairunteregger, der leiblicher Vater ihres Kindes war, sondern Franz Kaser, einen schwerbeschädigten aus dem Kriege heimgekehrten Mann.
Das Kind befand sich zu jener Zeit noch in Obhut bei den Grauen Schwestern der heiligen Elisabeth in Brixen.

warum mußte ich mich von nonnen im jahr 47 verpaeppeln lassen so daß ich tagweise in nassen windeln lag & dafuer zu dem gerippe wurde das ich noch heute bin waehrend die frommen himmelhennen die lebensmittel unterschlugen die meine eltern lieferten.

Er wurde dann noch in eine andere Pflegestelle gebracht, nach Kastelruth. Schließlich kam er zu seiner Mutter. Franz Kaser hatte ihm seinen Namen gegeben. Die Familie wohnte in der Stadtgasse von Bruneck.

wie bist Du mir traurig & fremd geworden in diesen letzten Jahren wo ich jedes haus in Dir kannte wußte wer mit wem darin schlief was er aß.

Eindrücke Kasers von Bruneck, vier Jahre vor seinem Tod. Die Zustände der Stadt zu Zeiten seiner Kindheit, denen er da hinterhertrauert, waren weder idyllischer noch humaner. Sie waren bloß ehrlicher insofern, als die Region noch mit sich selbst einigermaßen identisch blieb.
Inzwischen hat der Tourismus Reichtum noch in die entlegensten und ärmsten Bergdörfer Südtirols getragen. Der Preis, dort wie überhaupt, war die Aufgabe kultureller Ursprünge zugunsten einer austauschbaren Fremdenverkehrszivilisation. Dieser Wandel fiel mitten in Kasers Biographie, und er hat ihn mit Worten des Abscheus bedacht:

mein lieber boden will mich nicht mehr tragen & keine trotzmauern wollen mich umfangen.

Er redet vom

flutlicht des fremdenverkehrs & wie maulwurf maus & ratz verkriecht der buerger sich der handwerksmann nur fett & feist im sonnenlicht der guten gassen steht der wirt…

Er sah das gleichsam von außen, da er davon ausgeschlossen blieb. Der invalide Stiefvater des kleinen Norbert war gelernter Tischler. Er konnte seinen Beruf nicht mehr ausüben, wurde daher Pförtner bei einer Schafwollfabrik in Bruneck. Die Familie erhielt dort auch eine Dienstwohnung. Kaser hat das Milieu lyrisch vermessen:

großmutter bauchgrippe
tante schnitt am knie
mutter gesprengter arm
vater war betrunken
zu hause.

1953 wird er eingeschult. Er hat eine schwere Nierenerkrankung. 1958 tritt er in die Mittelschule ein, drei Jahre später ins Klassische Gymnasium. Damit gehört er zur heranwachsenden Elite von Bruneck, die sich nicht so sehr durch intellektuelle Vorgaben definiert, sondern durch elterlichen Wohlstand. Norbert ist der Außenseiter. Er ist das Kind armer Leute.
Hier beginnt der lebenslange Kampf des Norbert Kaser, mit diesem Handicap fertig zu werden, und seine erste Anstrengung bestand in einer außerordentlichen intellektuellen Strebsamkeit. Er las. Er sammelte Bücher. Er legte sich eine eigene Bibliothek zu. Sein Lesefleiß war ebenso bemerkenswert wie systematisch: Das Arme-Leute-Kind wurde ein literarisch hochgebildeter Mensch.
Kaser konnte seine Lektüre nicht mit den bescheidenen Mitteln seiner Familie alimentieren. Er mußte, um Geld zu haben, in den Schulferien arbeiten, und er tat dies über mehrere Jahre hin, als Autowäscher, als Hilfskraft in einem Geschirrladen und in einer Pension in Ligurien, einmal als Hilfskontorist bei den Pfalzwerken in Ludwigshafen, also im deutschen Rheinland-Pfalz. Wurde er für seine Armut verachtet, vielleicht gar geächtet? In Bruneck bestreitet man dies, rundheraus. Als Beleg soll der Umstand dienen, daß die angesehendste Familie der Stadt, eine alte Aristokratensippe, ihn als Gefährten der eigenen Kinder freundlich aufnahm. Man habe sich gegenseitig geduzt. Alles sei sehr familiär verlaufen.
Solche Argumentation vergißt, daß soziales Deklassement auch eine Sache der subjektiven Befindlichkeit ist, wo dann selbst das offene menschliche Entgegenkommen bloß noch als eine Heuchelei oder eine besonders raffiniert maskierte Erniedrigungsgebärde begriffen werden kann.
Kaser hat später den Angehörigen jener Adelsfamilie eine Abfolge von elf ziemlich erbarmungslosen Miniaturen gewidmet. Einer aus der Sippe:

ungeschlachter grober kerl; uebernahm mit erreichter volljaehrigkeit den vaeterlichen gutshof, heiratete zwei jahre darauf ein ebenso ungeschlachtes bauernweib, von dem er zwei zarte kinder hat. er hat ein auto und nimmt es nicht ernst mit der ehe. schwach praktizierender katholik, politische einstellung keine.

Eines der Kinder, Kasers Mitschüler:

kuenstlerisch sehr begabt, hat das studium aufgegeben, wollte tierarzt werden, will maler werden, macht sich sehr viel aus maedchen, guter maler, bildschoen, konfessionslos, nimmt haschisch, zum leidwesen der familie schon zweifacher vater, immer ein anderes maedchen, trinker.

Dann noch dessen Zwillingsbruder:

hochintelligent, studiert in oxford, macht sich nichts aus maedchen, bildschoen, zweieiiger zwilling zu freiherrr gabriel, unmusikalisch, guter kalkulator, atheist, zum leidwesen der familie stark marxistisch ausgerichtet, humorvoll. er hat sich heute frueh in der remise erhaengt. heute am 23. mai 1969 in der bluete der jahre. die baronin hat ihn mit den orgelspielerhaenden abgeschnitten.

Diese Notate Kasers stammen aus einer Zeit, da das Südtiroler Establishment das Gleichberechtigungsbegehren des Arme-Leute-Kinds bereits schmerzhaft zurückgewiesen hatte. Zweimal, 1966 und 1967, ließ man ihn das Abitur nicht bestehen. Es wird berichtet, er habe sich bei dieser Gelegenheit höchst störrisch und unangepaßt benommen. Als sicher darf gelten, daß den Prüfern seine intellektuelle Begabung ebenso bekannt war wie sein gesellschaftlicher Außenseiterstatus. Wenn er also schon wollte, daß man ihn akzeptierte, wollte man ihn demütig haben. Für den Weigerungsfall ließ man erbarmungslos die Regularien sprechen.
Die Verwunderung bei dem jungen Kaser saß tief. Sie würde auch nicht so bald heilen. Er sah seine Mitschüler davonziehen, auf die Universitäten, und einem schrieb er von daheim diesen Brief:

Ich bin das einzige Relikt unserer geliebten Klasse; ein Relikt aus einer anderen Welt, ein Wundertier oder nur ein Esel? Es gibt Fragen, die niemand beantworten kann. Jedenfalls fühle ich mich sehr einsam, ihr geht mir alle ab…

Im folgenden würde er sich eigentlich nur noch damit beschäftigen, seine besondere Situation zu bewältigen, wie auch immer.
Das geschah zunächst vergleichsweise traditionell. Kaser kam aus einer tief katholischen Region.

Gelobt seist Du, Herr, für alle, die Dir zuliebe vergeben, und Krankheiten ertragen und Not; selig, die Frieden bewahren, den sie werden, Höchster, von Dir gekrönt.

So heißt es im Sonnengesang des heiligen Franz von Assisi. Bei der zitierten Fassung handelt es sich um einen Versuch Kasers, aus dem Italienischen zu übersetzen.
Er tritt in das Kapuzinerkloster von Bruneck ein, am 18. September 1968, als Frater Christoph Kaser a Brunopoli. Er ist älter als die anderen Novizen. Er bringt eine Diskussion über kleine Reformen im klösterlichen Alltag zuwege:

Nach der Matutin beten wir mit erhobenen Händen: aber wir halten in Wirklichkeit nur die Hände hoch und warten bis wir sie herunternehmen können… Im Bozener Gefängnis sitzen verlassene Menschen; herausgerissen aus ihrer Umwelt und oft vernachlässigt und vergessen. Mit ihnen könnten wir korrespondieren.

Er wünscht sich die Versetzung in ein abgelegenes Kloster, wo er studieren kann. Er wünscht sich das Abitur.
Die Reaktionen der Ordensoberen sind bekannt. Gänzlich abweisend können sie nicht gewesen sein, jedenfalls läßt man dem Frater Christoph verschiedene Freiheiten. Er hat inzwischen einige kleine Sammlungen eigener Lyrik zusammengestellt und darf Anfang 1969, zusammen mit drei Brunecker Mitbrüdern, zu einer öffentlichen Lesung nach Innsbruck reisen. Ein paar Wochen später nimmt er an einer Tagung der Cusanus-Akademie in Brixen teil und ärgert sich dort, daß man jede linke Strömung im Land ignoriert.
Ostern 1969 tritt er aus dem Orden wieder aus. Die genauen Gründe dafür lassen sich nicht mehr ermitteln, einen teilt Kaser selber mit, in einem Briefgedicht: Ich will fort. Nun endlich, im dritten Anlauf, besteht er das Abitur. Im Oktober beginnt er an der Universität Wien zu studieren.
Er studiert Kunstgeschichte. Er ist im Zeichnen begabt.

aus byzanz eingeflogener formalismus
auf einem purpurparament
form zwischen kreuz und vogel,

beschreibt er, kennerisch und genau, in einem seiner Gedichte das Meßgewand des heiligen Albuin aus dem Brixener Domschatzmuseum. Ebenso groß wie sein sprachlicher Schönheitssinn ist sein visueller.
Er hat kaum Geld. Mit seiner Familie entzweit er sich wegen zuenehmender boesartigkeit. In Wien wohnt er in einem Schrebergartenhaus, weil das am billigsten kommt. Er verschuldet sich. Er bekommt einmal ein kleines Stipendium aus Südtirol,

da habe ich sofort 100 S versoffen. Es war mein erster Luxus hier in Wien, und im Gasthaus habe ich so lange geweint, bis das Bierglas wieder voll war. Du weißt ja, wie Besoffene so vor sich hinheulen können.

Er hat ein paar öffentliche Lesungen, fungiert als Dolmetscher bei einer Monarchistentagung, schreibt weiter eigene Lyrik und versucht sich an anspruchsvollen Nachichtungen aus dem Italienischen, Leopardi und Quasimodo.
Noch im Sommer 1969 hat er in Brixen bei einem öffentlichen Vortrag sein Urteil über die in seiner Heimat gemachte schöngeistige Literatur abgegeben:

Selten liest man so etwas Verschrobenes, Borniertes und Falsches – unlesbar und unmöglich – Schweinerei. Gesamtwertung 99% unserer Südtiroler Literaten wären am besten nie geboren, meinetwegen könnten sie heute noch ins heimatliche Gras beißen, um nicht weiteres Unheil anzurichten.

Man möchte es für die übliche Kraftmeierei literarischer Debütanten halten, aber Kaser wird von solchem Ton auch später nicht lassen.
Im März 1971 bricht er sein universitäres Studium ab. Er lebt fortan wieder in Südtirol. Er ist arbeitslos oder übernimmt Gelegenheitstätigkeiten. Einmal wirkt er als Nebendarsteller in einem Spielfilm mit. Verschiedentlich ist er Lehrer, freilich ohne das entsprechende Befähigungszeugnis: „Supplent“, so heißt der Aushilfslehrerstatus in Südtirol, war er schon einmal, vor seinem Klostereintritt, im Vinschgau, er wird es jetzt wieder, zunächst in der Nähe von Meran und schließlich, 1973 bis 1975 in Flaas am Tschögglberg.

viele meinen ich wuerde bald versauern ich merke noch nicht die geringsten anzeichen davon. es ist wohl ein verlassenes dorf & es verlangt mich nicht nach der Stadt… viel wird uebers wetter geredet viel uebers vieh wovon ich nichts verstehe viel wird kartengespielt was ich leidlich kann… ich habe einen hund als gesellschaftsdame bin mit dem mesmer & dem wirt gut freund der pfarrer mag mich & die leute auch…

Er widmet sich seiner Arbeit mit großer Intensität. Er hängt an den Kindern. Aus Protest gegen die unerträglichen Texte der offiziellen Fibeln entwirft er eigene Lesestücke und Kinderverse; sie gehören zum schönsten, was er überhaupt verfaßt hat. Es scheint, die Pädagogik könnte so etwas wie eine reale Existenzchance für ihn werden, er besitzt Neigung dazu, auch Talent. Er scheitert infolge einer anderen seiner Eigenarten.
Er ist ein hemmungsloser Trinker, schon seit längerem. Die Verse über Bierzelte, Wirtshäuser, Gastwirte, über Suff und dessen Folgen sind unter seinen Gedichten häufig, viel häufiger als etwa Verse über die Liebe, die es erstaunlich selten gibt. Bereits 1974 muß er sich einer ärztlichen Behandlung unterziehen. Während der Unterrichtsstunden in Flaas steht ständig die Rotweinflasche auf seinem Pult. Im Sommer 1975 wird er ins Bozener Krankenhaus eingewiesen, wegen akuter Hepatitis und wegen schwerer psychischer Störungen.
Er ist nicht mehr dienstfähig. Er wird Patient einer Veroneser Klinik für Psychiatrie und unternimmt eine Entziehungskur.

ach ich bin in ein richtiggehendes narrenhaus geraten… verona ist eine bigotte stadt & unsympathisch.

Die Kur wird nicht viel Erfolg haben. Schon während sie läuft, bricht Kaser immer wieder heimlich aus, um in Verona seinen Wein zu trinken.
Er tritt – da ich ein religoeser mensch bin – aus der katholischen Kirche aus.
Er gibt sich ausführlichen Gefühlen der Rebellion hin. Die emotionale Bereitschaft dazu war bei ihm immer vorhanden,

wie ich das hasse dieses ,arme-leute-denken‘ dieses abputzbare plastiktischtuch worauf ich schreibe dieser ausgediente krumme tisch…

Mit solchem Empfinden findet er nun auch als eine neue Kirche, der er beitreten kann, den PCI, die italienische kommunistische Partei.
Er schreibt Gedichte, Prosa, Briefe. Die italienische Tageszeitung der Region. Alto Adige, veröffentlicht einmal die Woche eine Kolumne von ihm. Das österreichische Ministerium für Kunst setzt ihm eine größere Unterstützung aus. Einmal verfaßt er Werbetexte für die von ihm verachtete Fremdenindustrie. Für eine kurze Zeit wird er nochmals Aushilfslehrer. Sonst hockt er in den kleinen Kneipen von Bruneck, längst verzankt mit dem reichsten Gastwirt, der auch der Bürgermeister ist. Er wird unleidlich, unberechenbar: zuletzt sucht er bloß noch nach Leuten, die ihm ein Viertel Wein bezahlen.
Er haßt das deutschnationale katholische Establishment südlich des Brenners und dessen selbstgerechte Tüchtigkeit.

Für kaum einen Landstrich Mitteleuropas trifft der Begriff ,reaktionär‘ in so voller Wucht zu wie für unser hochscheinheiliges Südtirol.

Er schreibt italienische Verse und Prosa. Überhaupt verstärkt er die Verbindungen zur verachteten Welt der „Walschen“ immer mehr, da er ihre Angehörigen in ähnlichen Umständen des Deklassements sieht wie sich selbst. Mit einer selbstzerstörerischen Hartnäckigkeit kehrt er auch sonst alles heraus, was sein Außenseitertum betont, einschließlich seiner homosexuellen Erfahrungen. Den gewaltsamen Tod des schwulen Dichters und Filmregisseurs Pasolini erfährt er wie einen persönlichen Schicksalsschlag.
Durch die Vermittlung des PCI wird er zu einem Kuraufenthalt ins thüringische Bad Berka geschickt, also in die DDR. Von dort fährt er ins nahe Weimar und geht kopfschüttelnd in den Gedenkstätten der deutschen Klassik umher; der einzige Platz, der ihn tief berührt, ist Buchenwald.
Er lernt eine Mitpatientin kennen, ein einfaches Mädchen aus Ost-Berlin, dem er lange zärtliche Briefe schreibt.

liebe rosemarie meine leber wird immer groeßer und mein geldbeutel immer duenner ich saufe zuviel aber endlich ist der sommer ausgebrochen den ich mit vollen zuegen genieße wie wein.

Da ist er schon wieder heimgekehrt nach Bruneck. Seine letzten Verse thematisieren seine Wassersucht, Folge des Leberversagens.
Kurz darauf begibt er sich ins Krankenhaus, um zu sterben. Der 1979 erschienene Nachlaßband mit dem Titel Eingeklemmt, herausgegeben von Hans Haider, erregt dann ein ganz ungewöhnliches Aufsehen und erreicht die erstaunliche Verkaufszahl von achttausend. Es folgen ein Briefband, eine Taschenbuchausgabe, Sonderdrucke, Übersetzungen.
Inzwischen ist Kaser in Südtirol Schullektüre. Ein Literaturpreis trägt seinen Namen. Zu seinem zehnten Todestag fanden öffentliche Ehrungen und Symposien statt, auch der erste Band gedichte seiner dreiteiligen gesammelten werke ist inzwischen erschienen.
Langsam brechen die Vorurteile uns gegenüber ein, sagte Kaser schon 1969. Wir haben als Literaten die Pflicht, sie weiter einzureißen. Er hat sich an diese Programm gehalten. Seine Verse handeln von alltäglichen Dingen, von Natur und Leuten, von Verhunzung und Grausamkeit, von Haß, Lethargie, Lüge, von Sehnsüchten.
Kaser ist ein radikal plebejischer Lyriker und darin der gewiß begabteste aus seiner Generation, im gesamten deutschen Sprachraum. Seine Sprache ist schmucklos, unsentimental, genau. Häufig hält sie sich nahe an Umgangssprache und Dialekt. Südtirol wird eine Literatur haben, sagt er mit einundzwanzig, wie gut daß niemand weiß. Auch damit, auch mit der letzten Behauptung, sollte er, seine Person betreffend, recht behalten, solange er lebte.

Rolf Schneider, Die Zeit, 31.3.1989

 

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber
Fakten und Vermutungen zum Autor + Archiv + KLG
shi 詩 yan 言 kou 口

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

0:00
0:00