Otto Nebel: UNFEIG. Eine Neun-Runen-Fuge. Zur Unzeit gegeigt

Nebel/Nebel-UNFEIG. Eine Neun-Runen-Fuge. Zur Unzeit gegeigt

G E F E I T   G E G E N   U N F U G

Gittert nie Ruinen ein
nur eure irren Regierungen gittert in neunzig Erzgitter
eure Teig-Treter gittert ein
eure Enteigner
entgegnet nie euern Zier-Furzern
entfernt eure Triezer
fertig!

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Otto Nebels „Neun-Runen-Fuge“ UNFEIG:

1924/25 in Teildrucken im Sturm erschienen, nun als Compact-Buch, das neben der erstmaligen zeichengetreuen Edition der Endfassung von 1956 eine Lesung durch den Autor und die vier ,Runenfahen‘ umfasst. Die Ausgabe folgt auch in ihrer – eigenwilligen – Gestaltung dem Text des Typoskripts. Das Nachwort der Herausgeber führt in Nebels Runen-Fugen-Poetik ein, die dem anagrammatisch strukturierten Werk zugrundeliegt. Oskar Pastior, selbst ein Meister der Literatur mit Einschränkungsregeln, erweist Otto Nebel mit trutzfinger neunrunenfuge seine Reverenz.

Urs Engeler Editor, Klappentext, 2006

„Ein U / Ein E / Ein I / Ein Enn / Ein Eff /

Ein Ge / Ein Zett / Ein Te / Ein Err / Neun Runen nur / neun nur / nur neun / neun Runen feiern eine freie Fuge nun“: Denkbar einfach scheint Otto Nebels Rezept zu sein, in das er einige wenige auserlesene Zutaten einzuspeisen und so eines der außergewöhnlichsten Gedicht-Gerichte des 20. Jahrhunderts zuzubereiten verstanden hat: die Neun-Runen-Fuge „UNFEIG“. Man nehme neun Buch-Staben, lege sie auf die „Goldwaage der Urdichtung“ und erwäge, ob sie einer „übersinnlichen Zuraunungs-Gruppe von Urgebilden des Wortes als Mitzeuger“ angehören. Sodann füge beziehungsweise fuge man das Ganze auf kleiner Flamme unter stetem lipo- und anagrammatischem Rühren zu einer Schrift-, Sinn-, Bild- und Lautebene umfassenden „harmonikalen Einheit makro- und mikrokosmischen Geschehens“ (Kurt Liebmann). Erstmals seit seiner „Zuraunung“ anno 1923/24 erscheint dieses Werk nun in seiner „druckreifen und endgiltigen“ Gestalt, mit einem Nachwort von Oskar Pastior („eine genial greinende findung … ein feigunfähiges zugefugtes stunden- und sekundenwunder“) sowie einer Lesung durch Nebel selbst auf CD und einer Reproduktion der vier so genannten „Runenfahnen“, die Otto Nebel in den Jahren 1924/25 dem Zyklus als, wie er sagt, „Tanzablauf-Darstellung“ beigegeben hat.

Urs Engeler Editor, Ankündigung, 2006

 

Unfeig. Eine Neun-Runen-Fuge, zur Unzeit gegeigt.

CD Track 1 (0:40)

UNFEIG. EINE NEUN-RUNEN-FUGE ZUR UNZEIT GEGEIGT. EINER ZEIGT EINE NEUN-RUNEN-FUGE.

U E I
N F G
T R Z
Neun Runen nur,
nur neun.
Neun Runen feiern eine freie Fuge nun.

Otto Nebel liest sein berühmtes Gedicht „UNFEIG“ – ein vergessener Dichter, ein vergessenes Werk. Umso größer das Verdienst des Verlags Urs Engeler Editor, der in diesem Frühsommer eine sorgfältige Ausgabe des UNFEIG herausgebracht hat, versehen mit einer Reihe von Beigaben: einem Original-Beitrag von Oskar Pastior, zweifellos ein Seelenverwandter Otto Nebels und vier Faksimiles von visuellen Umsetzungen aus der Hand des Dichters, der auch als Maler hervorgetreten ist. Schönstes Geschenk – die CD mit der kompletten Runen-Fuge in der unschlagbaren Interpretation ihres Schöpfers. Die Aufnahme, eine echte literarische Rarität, besorgte ein früher Pionier der Hörliteratur 1972 in Bern, ein Jahr vor Otto Nebels Tod.

CD Track 22 (0:37)

FREIZÜGIG

(gut gegen Fettnieren)
Einen Zentner reifer Entengrütze in eine Eiertüte tun
in eine reine Enteneier-Tüte tun
fünf feinzertretene Ziegen-Eier
einige Unzen Nierentee
gute, giftgrüne Ziertinte hinzufügen
Tigerfett rin
uff’t Feuer ruff
fertig!
Ein feinet Futter für Ringer.

Wie man hört, war Otto Nebel Berliner. 1892 in der Hauptstadt geboren, absolviert er zunächst ein Hochbau- und Architekturstudium, bevor er über den Schauspielunterricht am Lessing-Theater zur Literatur kommt. Ab 1919 lebt er als Maler und Dichter in Berlin, unterhält Kontakte zum Kreis um Herwarth Waldens Kunstzeitschrift „Der Sturm“, später steht er dem Bauhaus nahe. 1923/24 notiert er seine „Runen-Fuge“, der er den Titel UNFEIG gibt und sie größtenteils im „Sturm“ veröffentlicht. 1933 emigriert Otto Nebel in die Schweiz, für die Nationalsozialisten ist er ein „entarteter Künstler“.
Als er 1956 seine Runen-Fuge abschließend bearbeitete und mit „einweisenden und abschließenden Worten“ über „Sinn, Wert und Tragweite“ des Werks versah, stellte Otto Nebel befriedigt fest, bei ihrem erstem Erscheinen sei die Wirkung „eine wahrhaft erfrischende“ gewesen. Aus nur neun Buchstaben, die der Dichter zu Runen adelte,hatte er die Wörter und Sätze seines großen Gedichts gebaut – um in der Beschränkung die unbeschränkten Möglichkeiten sprachlichen Schöpfertums zu entfalten.

CD Track 21 (0:20)

GEGEN UNTIERE

Zett
zigitt
zett-zett-zigitt
tiri
zigitt-zigitt
turrr
zigitt-zigitt-zigitt
rugu-zigitt
turru
zigitt
Tier.

UNFEIGS gelegentliche Ausflüge in den scheinbaren Nonsens der Lautpoesie dürfen nicht darüber hinweg täuschen, dass Otto Nebel sich als Hoher Priester und Geburtshelfer des sprachlichen Schöpfungsakts verstand. Oberflächliche Nachahmer seiner Kunst drehten sich, wie er verächtlich schrieb, „albern im kleinsten Kreise um Zufälliges“ – während er seine neun Runen, die er „eine tragende Zeugergruppe“ nannte, von der Sprache selbst, durch demütiges Schauen und Lauschen empfangen habe, und keinesfalls „auf dem Schleichwege einer willkürlichen, vernünftlerischäußerlichen Zusammenklaubung von ixbeliebigen Buchstaben“. Schrift und Schriftbild waren für den dichtenden Maler Nebel von großer Bedeutung: So bilden die neun „berufenen“ Buchstaben eine Art magisches Quadrat: drei mal drei, die heilige Zahl der göttlichen Vollendung im Quadrat. In vier ein mal zweieinhalb Meter messenden „Runenfahnen“ schuf Nebel vier verschiedene visuelle Codierungen ein und derselben Passage des UNFEIG. Das Riesenformat, so hoffte der Dichtermaler, werde den Betrachter aufrichten und zum Tanz animieren, „gesetzt, dass sein Körper locker genug ist“.
Ihm ging es um die Aufhebung von Grenzen, zwischen den Künsten, zwischen den Genres, zwischen Schrift, Laut und Bedeutung, um die Kreation von Symbiosen, die neu erschienen, aber so uralt wie die Sprache selbst waren.
In Anlehnung an die altgermanischen Schriftzeichen mit ihrer magisch-zauberischen Aura nennt er die durch „Zuraunung“ empfangenen Buchstaben „Runen“ und setzt sie zu seiner „freien“ Fuge, in dem Bewusstsein, dass „der Tondichter dem Worte eine etwas andere, doch nicht widersprechende Bedeutung beizumessen gewohnt ist“. Der Laut- und Wortsetzer Nebel versichert seine Leser, ihn habe das „allerwachste Wahlbewusstsein“ geleitet, „die Grenze zu ziehen zwischen kunstwürdiger, geistheller Wortfügung“ und „einer bei Geisteskranken gelegentlich vorkommenden triebhaften Wortformerei“. Der Dichter lallt nicht, er gebietet aber auch nicht selbstherrlich über sein Material. Er ist ein Erfüllungsgehilfe, der „das Wunder der Laut-, Sinn- und Schriftbildung vollzieht.“ Am ehesten verwandt ist Otto Nebel mit dem russischen Dichter Velimir Chlebnikov, dem futuristischen Mathematiker und Mystiker, der in seinen kunstvoll regelwidrigen Sprachgebilden die russische Sprache in ihrer ganzen Tiefe auslotete.
Wie bei Chlebnikov verbinden sich in Otto Nebels UNFEIG Laut, Bedeutung und Schrift zu einem komplexen, quasi räumlichen, multiperspektivischen Kunstwerk, zu einer „pulsierenden“ Einheit, „der analytisch nur bedingt beizukommen ist“, wie die Herausgeber der Runen-Fuge bekennen. Das exkulpiert den reinen Genießer, der auch ohne zum Scheitern verurteilte Analyse-Mühen seine Freude an Otto Nebels grandioser Runen-Fuge hat – an ihrer bei allem Spiel dezidierten Zeit- und Sprachkritik und ihrem bei allem Runengeraune herzhaft diesseitigen Witz:

CD Track 13 (0:30)

GEFEIT GEGEN UNFUG

Gittert nie Ruinen ein
nur eure irren Regierungen gittert in neunzig Erzgitter
eure Teig-Treter gittert ein
eure Enteigner
entgegnet nie euern Zier-Furzern
entfernt eure Triezer
fertig!

Brigitte van Kann, Deutschlandfunkt, Büchermarkt, 25.7.2006

Kreative Sprachforschung.

Setzen Sie sich in einen Sessel, legen Sie die CD ein und hören Sie einfach nur zu: „Ein U / Ein E / Ein I / Ein Enn / Ein Eff / Ein Ge / Ein Zett / Ein Te / Ein Err / Neun Runen nur / neun nur / nur neun / neun Runen feiern eine freie Fuge nun / Unfug erfriert / Feuer fing Engen / Unfug zerfriert / Enge fing Feuer / neunzig Zentner runtertreten …“
Neun Buchstaben nur benötigt der 1892 in Berlin geborene Otto Nebel, um im Klang der Worte eine ebenso verblüffende wie irritierende, zuweilen auch abstrus-witzige Sprachwelt zu erschaffen. Zu entdecken ist diese musikalisch-sprachliche Forschungsreise in seinem Zyklus „Unfeig. Eine Neun-Runen-Fuge, zu Unzeit gegeigt“, aus dem auch die oben zitierten Zeilen stammen.
Entstanden ist „Unfeig“ in den Jahren 1923/24, als, so Otto Nebel, „Ergebnis umfangreicher Sprachforschungen“. Der Band umfasst 25 Texte mit unterschiedlichem Umfang, erdichtet allesamt mit dem Material der neun Buchstaben (siehe oben). Teile davon erschienen damals in der Zeitschrift „Sturm“.
Nebel, der in Berlin auch als Maler wirkte, musste 1933 in die Schweiz emigrieren, wo er bis zu seinem Tod 1973 in Bern lebte. Daniel Berner und Andreas Mauz haben nun den vollständigen Text nach der Endfassung von 1956 (inklusive einer Lesung des Autors auf CD) neu ediert – eine überaus lohnenswerte (Wieder-)Entdeckung nicht nur für passionierte Lyrik-Lesende. Im aufschlussreichen Nachwort erörtern die Herausgeber Nebels eigenwillige Runen-Fugen-Poetik, die für das dichterische Schaffen des Autors von grosser Bedeutung ist. Nebel selbst schreibt: „Der verbildete Mensch unserer Tage ist worttaub und bildblind. Was er liest, das hört er nicht. Was er schreibt, das sieht er nicht (…). Schon das schöne Wort „Buch-Stabe“ erlebt er nicht mehr. Sieht die Buche weder, noch den Stab. Hört die Buche nicht mehr rauschen (…)“.
Zwischen Text und Ton ereignet sich Welt. Nebels unkonventionelles Schreibverfahren zielt denn auch auf den klanglich-rhythmischen Sprachgebrauch, zwischen Wort und Klang entstehen Sinnebenen – unerwartet und neu. Oder anders: Nebels Texte offenbaren sich in ihrer Musikalität, dort ist das Ereignis, das über den buchstäblichen Wortgehalt hinausweist.
Bei allem Ernst der Sache: Die streng komponierten Fugen sind auch ein Spiel mit Buchstaben und Lauten, welches die Möglichkeiten von „neun Runen nur“, immer wieder anders feiert und dabei Klang- und Bedeutungsebenen findet – und neu erfindet.

Corina Lanfranchi, PROGRAMMzeitung, Juli/August 2006

Neun Buchstaben

– KINDERSPIEL – Otto Nebels wundersame Fugen-Dichtung UNFEIG. Eine Neun-Runen-Fuge, zur Unzeit gegeigt. –

Was kitzelt einen, jedenfalls einen „Unfeigen“ an Wortfolgen wie „in Regierungen gerinnen Neuerungen“ oder „Gegner retten nur Getue. Tintenfritzen triefen gerne“? Was um Himmels Willen soll eine „Neun-Runen-Fuge“ sein?
Ihr Schöpfer Otto Nebel wurde 1892 in Berlin geboren, floh als „entarteter“ Dichter vor den Nazis nach Bern und lebte dort bis zu seinem Tod 1973. Er gehört zur literarischen Avantgarde am Anfang des 20. Jahrhunderts, und in seinem Umfeld, dem „Sturm“-Kreis um Herwarth Walden, war man weniger daran interessiert, Inhalte mittels Sprache darzustellen; vielmehr versuchte man, Inhalte durch Sprache überhaupt erst zu gewinnen.
Nebel erklärte, dass ihm der Satz „einer zeigt eine Runen-Fuge“ quasi zu-fiel, und diesen sonderbaren Satz belauschte er. Er fand neun Buchstaben oder Runen = Geheimnisse. Wobei Nebel wegen des Wortes „Rune“ keinesfalls in eine restaurative, tümelnde Ecke gehört, im Gegenteil: Seine Dichtung Zuginsfeld von 1918/19 ist ein präzise aggressives antimilitaristisches Meisterwerk, und mit seinem späteren Interesse an der Mystik, speziell den Schriften Emanuel Swedenborgs steht er nicht allein; die Bewegung politisch wie ästhetisch revolutionärer Künstler in Richtung Mystik ist ein rätselhaftes Phänomen, das eine eigene Untersuchung verlangte.
Nebel findet also sechs Konsonanten und drei Vokale. Seine Runen-Fugen-Poetik folgt den Regeln der anagrammatischen Dichtung. Schlichter gesagt, handelt es sich hier um das arbeitsame Kinderspiel „gefüllte Gänsebrust“. Aus vorgegebenen Buchstabenfolgen oder Wörtern werden andere Wörter, dabei entstehen immer auch Neologismen. Neun Buchstaben werden zu einem neuen Alphabet, zum Schlüssel für eine Welt, die die Rezensentin als beglückend erlebt. Aber: „Feige nennen Fugen: Unfug“. Wie gut, dass es in Nebels wundersam bestrickenden Text eine Art Subjekt gibt, Herrn oder Frau „Unfeig“. An Unfeigs Hand wird man staunend verrückt; es gibt zwar noch Bedeutungen, Behauptungen und „Sinn“, aber er dominiert nicht mehr. Lautmalerische, rhythmische Elemente spielen eine gleichberechtigte Rolle in diesem Text. Wie bei der musikalischen Fuge wird ein zentrales Thema, werden die neun Runen umspielt. Die Kunst der Kombinatorik und der Permutation setzt eine Eigendynamik frei, bei der so ziemlich alle Stricke reißen. Wörter und Wortfolgen, mit denen man gurgeln und dann feuerspeien möchte. „Ein Tiefer fing Feuer tief innen“. „Nie geizt ein Feuerzeuger… Teifi Teifi / Zeiger irrt nie / Zigeuner reiten Ziegen fertig / Euterziegen / Tittenziegen / Nutten / gern greinen reizige Zierziegen / Tiere / Tiere greinen nie / Zeterziege / Zitzentier zurzeit / Ritter zeigen Eifer/ Ritter neigen zur Treue / Ziegen zertreten Enteneier / zur Ziegenreue Ritter geigen fein“. Ist das vielleicht keine Welt voll dramatischer Begebenheiten? Gehen einem da nicht Augen und Ohren auf?
Man macht hier eine ganz eigenartige Lese- und Hörerfahrung – dem Buch liegt eine CD bei, gelesen von Nebel selbst. Eigentlich könnte man doch vermuten, dass die Reduktion von 26 auf nur neun Buchstaben einen Autor fesselt, seine Sprache ausdünnt. Statt dessen hat man es mit Auf- und Ausbruch zu tun. Als erlaube erst die Einschränkung so etwas wie Freiheit und Exzess. „Nun tritt Regine Tietze ein / eine gute Nutte zur Unzeit / trifft rein nie einen guten Nutter unter Ziegenreitern.“ Otto Nebels Runenfuge umkreist verschiedene Inhalte: Koch- und andere Rezepte, Zurufe, Zaubersprüche, den Auftritt von fünfzig Irren, Polemik gegen Regierungen und Zeitungen, und immer wieder die Besinnung auf das Runenmaterial selbst.
Nebel setzt seinen Lesern kein fertiges Ergebnis vor, sondern lässt sie teilnehmen am Prozess des Suchens und überraschenden Findens. So findet, beziehungsweise schafft der beglückte Unfeig schließlich auch noch die „Unter-Rune“ ü: „UNFEIGEN genügt eine einzige ü-Rune, grüne Fernen zu treffen / RÜGEN in einiger Ferne zu erinnern“. Die Runen-Fuge entstand 1923/24; eine letzte Reinschrift des Autors im Jahr 1956 brachte kleine Änderungen, die Nebel selbst mit einem „gärtnerischen Betreuen“ verglich. Es sagt etwas über den Literaturbetrieb, dass es auch hier wieder ein kleiner Verlag ist, der den Mut aufbringt, nein, der die Lust hat, Lesern Lust auf Sprache zu machen. „UNFEIG entreitet zu neuen Ernten. / Neue Runen er rettet. Einen RING NEUER FUGEN er rettet für innige Freie. / Neue Zeiten reifen für Ernter!“

Sabine Peters, der Freitag, 9.3.2007

Poesie-Archäologie

– Zur Wiederentdeckung von Otto Nebels Ursonate Unfeig. –

Zum Gestus der Moderne gehört es, Prinzipien freilegen zu wollen: In principio principium erat, wer es kennt, kennt das Wesen dessen, worüber er räsoniert. „Logik des Produziertseins“ – das ist, was denn auch Otto Nebel (1892-1973) seine Ursonate verfassen ließ; wer aber heute die historisch gewordene Moderne nochmals reanimieren will, der geht zu derlei frühen Zeugnissen, die darüber belehren, wie es war, als die Moderne noch versprach, statt Fakten und Gebräuchen Funktionen und Strukturen zu geben, nein: sie bloß freizulegen.
Otto Nebel: Keiner, der heute im Zentrum der Aufmerksamkeit stünde, es aber verdiente. Vielseitig (Zeichner, Maler, Dichter, Schauspieler) und konsequent ist sein Schaffen, das hier wortkombinatorisch und konkret an die Wurzel geht.
Beides prägt diesen Band, worin der wieder entdeckte, wie zu ahnen ist, eben wieder-entdeckt, was im Laut alles geborgen ist: an Denkmöglichem, das auf das Gewisse gerichtet dieses dann als allenfalls denkwahrscheinlich, mehr oder weniger plausibel zeigt. So rekurriert Nebel auf Klanggebilde, die Sinn nicht etwa zerstören, sondern überhaupt erst generieren – im Zusammenspiel mit dem Leser. Die Herausgeber wiederum rekurrieren auf dieses Verfahren, das durch einen anschließenden Versuch des leider jüngst verstorbenen Oskar Pastior nochmals quasi geadelt wird. Der Sinnlichkeit gebührt dabei der Vorrang; so haben die Herausgeber denn auch eine Aufnahme der Lesung auf CD beigefügt, übrigens formschön am Buchdeckel befestigt, was doch unbedingt den CD-Tüten in Büchern vorzuziehen ist, denen den Silberling entnehmen zu wollen meist entweder das Kuvert oder den Geduldsfaden reißen lässt. Die CD enthält historische Aufnahmen der quasi a-historischen Lautarbeit, die archäologisch einen Anfang, ein Prinzip, eben: eine arche sucht.
Dabei zeigt sich in der Tat die Natur der Sprache, und sie ist: Unnatur, nämlich Kultur und Technik. „Es war die Nachtigall, und nicht der Wecker“, so wäre diese Natur in Abwandlung Shakespeares zu begrüßen, doch: Die Nachtigall singt so, dass der Hinweis, hier schrille kein Wecker, vonnöten ist. Jedenfalls: ein moderner Weckruf.
Der verklammert den Ernst mit dem Spiel; das Spiel, Silben Permutationen zu unterziehen, wird dabei vom Ernst ebenso kontaminiert, wie der Ernst umgekehrt von dem, was da auf den ersten Blick unsinnig ist: Denn das Spiel wird in der konsequenten Anwendung zum Generator von Realem, das aber als gemachtes nun dem Ernst gleichsam wegbricht. Das ist dann wohl die Engführung dieser Fuge, die von „Zeterenten“ zu „Zentner-Enten“ voranschreitet, Mikrodramen am Ort, wo Sinn der Form extrahiert und geschaffen, aber auch wieder ins Material eingeschmolzen wird. Lauter „Urgut-Rufe“ hallen da bis in die Vernunft und ihre Metaphysik.
Jenseits der Silbe sind es auch Symbole, die wie Hieroglyphen, freilich zentriert, Muster ergeben, Sinn suggerieren, befragbar machen, und zwar bis ins Letzte, nämlich die ästhetische Evidenz jener Ordnungswelten – kosmoi? – die sich über die mehrfach gefalteten Runenfahnen im Buch hin entwickeln. Freilich ist es, so Herausgeber Mauz, zugleich primär des Lesers „Begriffspragmatik“, die „alle möglichen ,Texte‘ ,sakralisieren‘“ kann – also eine Nabelschau, ein subtiler, konkret poetisch vollzogener Omphalozentrismus.
Der entdeckt dann eben das Faszinosum des Textes auch in sich – ohne, dass der Text im Lesen aufginge. Denn das Lesen zählt, schreibt Pastior in „Das Unding an sich“, dass hier „gezählt wird“, doch: „Texte sind generell Primzahlen. Je primer umso besser.“ Und so, wie in der Folge sich nur Thesen aufstellen lassen, welche Muster, welche sie generierenden Kombinatoriken hier unergiebig wären – eine totale, alle 26 Zeichen durcharbeitende, aber auch eine „nullrunenfuge[n]“ −, so bleibt auch der Text nur im Lesen jene Erfahrung, die ihm eigen ist.
So werden „(e)in Tee, ein Err, ein Zett“ zum Laut-Terzett, eine Methode, die sich blendend mit jener verträgt, die Pastior entwickelt, wobei immer wieder zu sagen ist, dass eine Methode als etwas hinterm Weg (meta & hodos) hier nicht besteht, es sei denn, man würde die Evidenz selbst zu etwas erklären, das metaphysisch hinter sich selbst steht. Die Form ist also Provokation, freilich nicht in dem Sinne, den die Bürgerlichkeit im Dadaismus vermutete; sondern hervorgerufen, provoziert und evoziert wird das Denken, das seine Materialität erlebt, sich über sich selbst beugt, indem es die Form als das Holz untersucht, aus dem es geschnitzt ist. Aus dem die „Gere“, von denen das lyrische Ich den „Ting-Zeugen“ erzählt, gedrechselt sind: die Speere, die die Kombinatorik hervorbringt, dabei Lexeme und ganze Lexika neu entdeckend.
Holz: Das ist dann das, was in dieser totalen Kunst doch das fühlbare Moment von Natur sein mag, dass diese Texte so unverbrauchbar sind, heute noch immer wie neu sich lesen. Mit etwas Patina zwar, wie sie das Holz kennt, weil es mit dem Gebrauchenden eine Synthese eingeht, kurz: vom Schweiß gebeizt wird; hier: vom Denken am Leben erhalten, das in solchem Wandel besteht. Denn die Überraschung bleibt, doch der Schock ist genommen, weshalb erst jetzt eine breite Leserschaft aufgeregt im Sinne erregter Neugier nun den Spuren jener Wortkunst folgen kann.
Folgen kann – – – und folgen soll, jetzt. Mit den Herausgebern: „Hat UNFEIG sein Werk getan, ist es am Leser, (…) das seine zu tun.“

Martin A. Hainz, literaturkritik.de, November 2006

 

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