Øyvind Rimbereid: prostym nozhom

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Øyvind Rimbereid: prostym nozhom

Rimbereid-prostym nozhom

aaaaaHier, wo ick jeh,
seh ich Lenin in’ Mausoleum vor mir,
mit sein linket, balsamiertet Ohr,
zun Schluß nach unten jedreht,
aaaaaaaaaalauschend.
aaaaaWie er damals zu tiefe Nachtzeit
über Zahlen und Bücher jebeugt saß,
als er die Zukunft erlauschte
und ihre elektrische Turbine.

Welcher Lärm isset, den
aaaaaaaaaawir lauschen?
Jetzt als’n abjelaufner Schuh,
jetzt als’n jeneigter Nacken,
jetzt als’n blasset Bild,
aaaaaaaaaaallen Jittern entsprungen?
Die umjekehrte Utopie, Dys-
aaaaatopia, die damals
inne ersten Stunden vonne Nacht
aus mein orangenet Philips-Radio knisterte,
aus seine Schattenwellen, ’ne schnarrende Stimme
durch’n Schleier aus rote Jardinen,
und anne Stimmen von meine Jroßeltern vorbei,
aaaaadie von unten uffjestiegen sind.
Sie war da, und war für mich
identisch mit den Rätselbild:
aaaaaaaaaaaaaaa„Besdomny meshdunarodny!“
aaaaaaaaaaDie Sprache vonne Nacht
mit ihren abjewendeten Gesicht,
ihren schleichenden Körper
und ihre sechstausend allzu wirkliche Sonnen!
Der Klang vonne Unterseite
unsrer menschlichen Klänge,
aaaaatierisch, kühl. Det Jeräusch vonnet „s“ in diese Radiowellen,
det jede Sekunde,
mitten in’ Schlaf, in’ Traum,
unse „s“ kreuzen könnte.
aaaaaaaaaaDer Klang vonne Nacht,
dazu bereit, jede Sprache
zu übertönen.
aaaaaUnd die Dämmerung kam
mit Matsch inne Straßen
und den Jeräusch von’ Automotor.
So halb in’ Schlaf
war jedet Ding immer noch
wie einjeschlossen inne Nacht.
Und deine Sprache
war auch aus „s“.
Und auch dein Name,
als du ihn in’ Reif ant Fenster jeschriem hast,
aaaaaaaaaahatte ein’ deutlich russischen Klang!
aaaaaBis du deine
Kleider jespürt hast,
die Haut drückend,
und die Stimme von dein’ Bruder,
und die von dein’ Vater. Hinaussteigend
aaaaain den Tag, int Land.

Und diese eine Sonne,
ick weeß noch, sie war da,
und zitterte so sehr
über uns, wir rannten rum;
über uns, wir spielten
aaaaain’ Gras und inne Straßen,
und in unse kleinen, unse winzigen
aaaaaaaaaaLabyrinthe. Nach unten konnten wir
aaaaakieken, wo Pflanzen
und Unkraut jewachsen sind. Nach oben
konnten wir kieken, wo Sonne
und Regen jeschwomm’ sind.
aaaaaUnd unse Väter sind jekommen,
und unse Mütter sind jekommen,
unse Brüder, unse Schwestern,
und ’ne Krankenpflegerin mit’n weißen Labrador is jekommen
uff de Wiese hinter unse neugestrichne Schule,
wo wir jelacht ham, wo wir jelegen ham, wo wir jeschlafen ham
aaaaain „the echoing green“.

 

 

 

Chronik der Zone Greifswalder Bodden

und Anrainerplattformen

− Archäohochdeutsche Kurzfassung samt Statusabriß, Ausblick und editorische Notiz. –

Anno 2028 wird Greifswald von interbaltischen Piraten überfallen, eingenommen, kolonisiert und mit Geduld und Spucke der Likedeelerei unterworfen. 2078 werden die pseudo-anarcho-kommunistischen Administrationsreste hinweggefegt und die Verwaltung eingestellt. Als Problem erweist sich in den darauffolgenden Jahren die seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts („Kalter Krieg“) andauernde Invasion verschiedener außerirdischer Lebensformen. Doch 2091 erfolgt die Einstellung des einseitigen Intergalaktischen Jihads, der nach zähen Verhandlungen einen allzu jähen Friedensschluß nach sich zieht. 2124 löst wiederum eine Invasion außerirdischer mikrobionischer Invasoren eine etwas andere Epidemie aus, die zwar nahezu die Population dahinrafft, aber von der Bausoldatenreserve bedingt erfolgreich niedergerungen wird. 2149 werden erneut Friedensverhandlungen mit den intergalaktischen mikrobionischen Horden aufgenommen, deren positiver Abschluß 2171 die Errichtung eines regenerativen Pfahlbautenplexus im Großraum Pommern nach sich zieht. 2200 stürzt aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen der Pfahlbautenkomplex Salina komplett ein. Anno 2204 wird die Besiedelung des Trümmerhaufens Vorpommern vorübergehend eingestellt, teils wegen Baufälligkeit der Besiedelungsreste, teils aber auch wegen des Anblicks. 2261 obsiegt ein Großhirngeschwader der baltischen Anrainer der künstlichen Intelligenz, und die übrigen Fischköppe beginnen zaghaft, wieder selbst zu denken. Anno 2285 halten die mittlerweile errichteten Dämmwerke der neoglazialen Aggression stand. Bahnbrechende Erkenntnisse der Basiskommune der anarchohumanistischen Sektion des Edukationskomplexes Wismar/Stralsund/Wolgast/Szczecin/Połczyn-Zdrój führen 2377 zum endgültigen Triumph über Krankheit und Tod, was wiederum, wie sich herausstellt, nicht jedermanns Sache ist.
Seither leben wir in der Gegenwart vor uns hin und harren der Dinge, die uns bewegen; Zeit haben wir ja genug. Einer der beiden Mäntel, die uns seit der Erübrigung anführen, kam neulich – ich weiß nicht mehr, war’s „Long Black Coat“ oder „Coat of Many Colours“ – und bat mich, ihm eine uralte Edition aus der Wirtschaftssystemzeit um 2480 herum auszuklamüsern. Verarschen kann er sich zwar selber, aber nicht übersetzen. Ich las mich in dem systemvergleichenden Nachwort eines anonymen Warägers fest, darin heißt es: „,Gestorben will werden‘, hört man allseits. Bis zum Horizont, und von dort bis zum nächsten Horizont, und immer so weiter bis Finnland erstrecken sich Energiefelder: Bohrtürme, Erdwärmefabriken überdacht von Sonnenkollektoren, Windräder, Strömungsakkumulatoren, Kataklysmensammler, Plattformen für Individualrhamphorhynchen, Lastgleiter und Raumschiffe. Untereinander wird Pommersch Platt gesprochen und mit den verbündeten Robotern in den arachnokapitalistischen Kolonien in Nordsee und Atlantik Nynorsk. In der versenkbaren Freihandelszone Schleswig-Holstein/Jütland ist das Bier knapp. ,Starwen will warn‘, ik kann’t nich mehr hüren. – Wer an kein’ Korn rankommt und die Synthetisierung nicht beherrscht, beherrscht gar nichts, nicht mal sich selbst, was knapp Sinn machen würde. Der Arachnokap geht den Weg des Stamokap. Vollsperrung für Statoil & Co.! Free Stavanger! Pussy Riot all over the world! Alles für alle! Kein Gott mit uns – und natürlich auch kein Staat. ,Starwen will warn‘, taumindest up de richtige Siet.

,arg geschiemannt nehmen wir willkommen
der bodden blüht, die rotte modert
sechsundsechzig & siebzehnundvier
wisch du ma’ mir; alles ist bier

der schiefe blick des terroristen bricht
bilchrat ersetzt uns ab sofort gagat
& ausgekippt den vater mit dem staat
gevatter tod erstattet lagebericht‘“

Nun, wir haben heute mehr Energie als genug, und Aufbegehren auf Begehren, aber der vorwärts skeptizierende Rundumimpetus des Nachworts richtete mein Interesse auf den eigentlichen Text Solaris korrigiert, der den religiösen Arbeitsalltag eines, wohl menschlichen, ausgebeuteten Individuums in der Nekroindustrie schildert. Allem Verblichenen zum Gedenken, uns zum Gruße und den Lesern zum Trotz sei der Text hier in der damaligen Nordseesprache und einer antikisierenden baltischen Mundart wiedergegeben. Verstehe es, wer will. Ich mache mir Gedanken über den Verbleib menschlicher Eitelkeit. „Die einen sitzen auf Rohren, die anderen brauchen Geld“, was war das noch? Alles Geschriebene ist kein Geheimnis. Da kommt ja schon der Hornstrom.

Bert Papenfuß, Море Вapяжcкое, 20.1.2557

 

Als Bert Papenfuß

das lange Gedicht „Solaris korrigiert“ des Norwegers Øyvind Rimbereid zur Übersetzung vorschlug, brannte im Golf von Mexiko gerade eine Ölplattform. Fast 36 Monate später hat er Rimbereids Synthese aus Stavanger-Dialekt, Lowland Scots, Englisch, Niederländisch und Dänisch, gemischt mit Formen der Altnordischen Sprache, diesen „sprachlichen Zirkel um Ekofisk“, in eine Mixtur aus Pommersch Platt, Russisch, Polnisch, Kaschubisch und Mittelhochdeutsch transportiert: Der glückliche Fall der Übersetzung einer synthetischen Nordseesprache in eine utopische Ostseesprache, die im Feuerschein des Originals lesbar wird. Auch das zweite Langgedicht „St. Petersburg Wasser“, von Papenfuß in die Hauptstadtsprache übersetzt, beschäftigt sich mit dem In-, Durch- und Auseinander von Natur und Kultur, Zeit und Geschichte, Autobiographie und Politik: „Welcher Lärm isset, den / wir lauschen? / Jetzt als’n abjelaufner Schuh, / jetzt als’n jeneigter Nacken, / jetzt als’n blasset Bild, / allen Jittern entsprungen? / Die umjekehrte Utopie, Dys- / topia, die damals / inne ersten Stunden vonne Nacht / aus mein orangenet Philips-Radio knisterte, / aus seine Schattenwellen, ’ne schnarrende Stimme / durch’n Schleier aus rote Jardinen, / und anne Stimmen von meine Jroßeltern vorbei, / die von unten uffjestiegen sind.“

roughbook, Ankündigung

Im roughblog können Sie weitere aktuelle Informationen zu diesem Buch erfahren.

 

 

Fakten und Vermutungen zur Herausgeberin
Porträtgalerie
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Fakten und Vermutungen zum Übersetzer + Archiv + KLGIMDb
Porträtgalerie: Autorenarchiv Susanne Schleyer + Keystone-SDA +
Autorenarchiv Isolde OhlbaumDirk Skibas Autorenporträts +
deutsche FOTOTHEK
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Bild von Juliane Duda mit den Übermalungen von C.M.P. Schleime und den Texten von Andreas Koziol aus seinem Bestiarium Literaricum. Hier „Das Papenfuß-Gorek“.

 

Beitragsbild von Juliane Duda zu Richard Pietraß: Dichterleben – Bert Papenfuß

 

Bert Papenfuß liest bei OST meets WEST – Festival der freien Künste, 6.11.2009.

 

Bert Papenfuß, einer der damals dabei war und immer noch ein Teil der „Prenzlauer Berg-Connection“ ist, spricht 2009 über die literarische Subkultur der ’80er Jahre in Ostberlin.

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + Facebook + PIA +
Internet Archive
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Øyvind Rimbereid liest das Gedicht „Jimmer“.

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