Pablo Neruda: Aufenthalt auf Erden und frühe Gedichte

Neruda-Aufenthalt auf Erden und frühe Gedichte

ES GIBT KEIN VERGESSEN

(Sonate)

Wenn ihr mich fragt, wo ich gewesen bin,
muß ich sagen E s  g e s c h i e h t.
Muß ich vom Erdreich sprechen, das die Steine verdunkeln,
vom Fluß, der in seinem Dauern sich zerstört:
ich kenne nur das, was die Vögel verlieren,
das zurückgelassene Meer oder meine weinende Schwester.
Warum so viele Länder, warum reiht
ein Tag sich an den andern? Warum ballt
sich eine schwarze Nacht im Mund? Und weshalb Tote?
Wenn ihr mich fragt, woher ich komme, so muß ich mit zerbrochnen Dingen mich bereden,
mit allzu peinlichem Werkzeug,
mit oftmals verwesten großen Tieren
und mit meinem bedrückten Herzen.

Nicht Erinnerungen sinds, die sich da kreuzten,
nicht die gelbliche Taube ists, die im Vergessen schläft,
sondern Gesichter voller Tränen,
Finger an der Kehle
und was aus den Blättern da zu Boden sinkt:
die Düsternis eines verstrichenen Tages,
eines mit unserem traurigen Blut ernährten Tages.

Hier gibt es Veilchen wohl und Schwalben,
all das, was uns gefällt und was mit langer Schleppe
auf den hübschen Postkarten erscheint,
auf denen die Zeit und die Lieblichkeit lustwandeln.

Aber laßt uns nicht hinter jene Zähne dringen,
laßt uns die Schalen nicht zerbeißen, die das Schweigen häuft,
denn ich weiß nicht, was antworten:
es gibt so viele Tote
und soviel Molen, zerspalten von der roten Sonne,
und soviel Köpfe, die sich an Schiffen stoßen,
und soviel Hände, die Küsse eingesperrt,
und soviel Dinge, die ich vergessen will.

Nach einer Reise um den halben Erdball

trat der junge Lyriker Pablo Neruda Herbst 1927 in Rangun das Amt eines Konsuls an. Aus innerer Berufung aber blieb er Dichter. In den Versen eines hier begonnenen Werks kündigte sich eine neue schöpferische Phase an. Zurück lag die Zeit, da der Student poetisch ungestüm und in jugendlicher Leidenschaft seine ersten Bücher verfaßt hatte: Morgen- und Abenddämmerungen (1923), Zwanzig Liebesgedichte und ein Lied der Verzweiflung (1924), Versuch des unendlichen Menschen (1925), Ringe (1926), Der Bewohner und seine Hoffnung (1926). Schon hatte er sich in seiner Heimat einen Namen gemacht. Nun lag Weite vor ihm, die erschlossen, in Erfahrung und im dichterischen Wort mitteilbar und umgesetzt sein wollte. Indes: Beklemmung und Düsternis erfaßte ihn beim Anblick von so viel Unbegreiflichem – das vom europäischen Kolonialismus ausgebeutete Asien besaß hundert verschiedene, in Schmerzen verzerrte Gesichter. Später schrieb der Dichter: „Ich lebte getrennt von meiner Welt durch die Entfernung und das Schweigen, ich war außerstande, in die fremde Welt einzudringen, die mich umgab. Mein Buch sammelte als natürliche Episoden die Ergebnisse meines im Leeren hängenden Lebens: ,Näher am Blut als an der Tinte.‘ Aber mein Stil läuterte sich, und in der wiederkehrenden wütenden Schwermut gewann ich Schwingen.“
So entstand in quälender Selbstbefragung die einzigartige Gedichtsammlung Aufenthalt auf Erden. „Trauervoll irdisch“ nannte der Autor die im Orient verfaßten Gedichte. Der Band erfuhr ab 1934, mit dem Wechsel des Diplomaten Neruda nach Madrid, Erweiterung und Aufhellung. Seine Begegnung mit García Lorca, Hernández, Alberti und anderen spanischen Dichtern, sodann das erschütternde Erlebnis eines blutigen Bruderkriegs gaben dem eigenen Aufenthalt auf Erden eine neue Bestimmung, ließen sein Buch mit den flammenden, auf die Kraft des Menschen bauenden Versen von „Spanien im Herzen“ enden.
Der vorliegende Band schlägt einen Bogen von Nerudas lyrischen Anfängen bis zu den überwältigenden späten Gedichten des Aufenthalt auf Erden, er stellt die Schaffensperiode vor, die dem Großen Gesang, Nerudas monumentalem Hauptwerk, vorausging.

Verlag Volk und Welt, Klappentext, 1979

Dichter der Liebe, der Verzweiflung und des Engagements

-Pablo Neruda erhält den Nobelpreis für Literatur.-

Mit dem Chilenen Pablo Neruda erhält zum dritten Mal ein Schriftsteller aus Lateinamerika den Nobelpreis: Nach Gabriela Mistral und Miguel Angel Asturias wurde jetzt der sprachmächtigste, einflußreichste und wandlungsfähigste zeitgenössische Dichter der spanischen Sprache ausgezeichnet. Wie Asturias erreichte Neruda die Entscheidung aus Stockholm als Botschafter seines Landes in Paris. Neruda, seit über dreißig Jahren Kommunist, vertritt die Volksfront-Regierung Salvador Allendes in der französischen Hauptstadt. Seine Partei hatte ihn zunächst als Gegenkandidaten Allendes bei der letzten Wahl aufgestellt, ihn aber dann zugunsten des jetzigen Präsidenten zurückgezogen. Der Politiker Neruda, der sich immer der Parteidisziplin unterworfen hatte, gab sich mit einem diplomatischen Posten zufrieden, der ihm früher gern Anlaß zum Spott war. Politische Ereignisse haben Nerudas Poesie häufig die großen Themen gegeben; doch sind auch seine politischen Gedichte keine kritisch-reflektierte Lyrik. Nerudas Dichtung ist immer Bekenntnis gewesen, in Metaphern umgesetzte Emotionen, die aus seiner Entrüstung und seinem Willen zur Solidarität mit den Besiegten und Unterdrückten entstanden ist. Neruda ist ebenso radikal im Angriff und in der Verdammung wie im grenzenlosen Lob. Das Vokabular für seine Schmähreden und seine bösartigen Wortkarikaturen ist nur mit dem des spanischen Klassikers Quevedo zu vergleichen. Manchmal trifft Preislied und Schmähung die gleiche Person. Etwa Josef Stalin, den der Chilene in langen Hymnen gefeiert hatte und mit dem er erst recht spät (1964 im „Memorial“) abrechnete. Pablo Neruda wurde 1904 im südchilenischen Parral als Sohn eines Lokomotivführers geboren. Nerudas eigentlicher Name ist Neftali Reyes Basualto, sein Pseudonym nahm er von dem tschechischen Schriftsteller Jan Neruda. An Pablo Nerudas mit 16 Jahren begonnenem Gedichtband Crepusculario fielen der neue lyrische Ton auf, die kühne, bisher in Süd- und Mittelamerika unbekannte Benennung der Realität und neue, aus dem Bereich des Sexuellen kommende Metaphern. Das nächste Buch, Zwanzig Liebesgediche und ein Lied der Verzweiflung, ist bis heute das populärste Werk Nerudas geblieben. Mit ihm beginnt die Dichtung der Verzweiflung, des dauernden Todesbewußtseins, der Angst, der Häßlichkeit aller Dinge, die „einsame Poesie einer toten Welt“. „Aufenthalt auf Erden“ (1925-1935) ist das Meisterwerk des frühen Neruda. Es ist dunkle, hermetische Dichtung. Zentrales Thema bleibt die Verzweiflung dessen, der „mit dem gewaltsam und auf schreckliche Weise offengehaltenen Augenlid“ dem Sterben allen Seins beiwohnt. Alle Bewegungen des Lebendigen sind nichts weiter als Schritte auf den Tod zu, Metamorphose der Dinge ist permanentes Sterben. Die Metaphern bleiben dunkel, chaotisch nebeneinandergereiht. Freie Metren dominieren, die Syntax zerbricht feste Formen ohne Rücksicht auf grammatische Richtigkeit. Aufenthalt auf Erden ist ebenso wie Garcia Lorcas Dichter in New York – der andere Höhepunkt der spanischsprachigen Dichtung des Jahrhunderts reich an surrealistischen Elementen. Mit Garcia Lorca und den anderen großen spanischen Dichtern der Generation von 1927 war Neruda befreundet, als er als Diplomat in Madrid lebte. Der Aufenthalt in Madrid wurde zum großen Wendepunkt in Nerudas Werk: Der chilenische Dichter erlebte den Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs. Spanien im Herzen ist das Resultat des Bürgerkriegserlebnisses, ist Zeugnis und Empörung über sinnloses Leiden und Zerstörung, aber auch wütende Schmähung der rechten Generale. Für sie – Franco, Mola, Queipo de Llano – erfindet Neruda in langen Poemen die schrecklichsten und empfindlichsten Höllenqualen. Für Neruda beginnt nun die Zeit des entschiedenen Engagements. Vielleicht war das auch für den Dichter ein Akt der Selbstrettung. Die verzweifelte Ausweglosigkeit des „Aufenthaltes“ mit der Negation Gottes, des Menschen und der Natur mußte gradlinig zur Selbstvernichtung führen. Statt Verzweiflung finden sich nun Parteinahme und Gericht. Im letzten Jahr des Spanienkriegs schreibt Neruda, wieder in seine chilenische Heimat zurückgekehrt, die ersten Gedichte des Canto General, des großen Gesangs Iberoamerikas: einen Hymnus auf Fauna und Flora des Halbkontinents, historische Chronik und politische Anklage – eine auch noch in der künstlerischen Ungleichwertigkeit der einzelnen Teile faszinierende Mischung… Im Canto General akzeptiert Neruda nur den indianischen Anteil an Geschichte und Kultur Südamerikas: Von der Verdammung alles Europäischen nimmt er selbst die spanische Sprache nicht aus. Er belegt das Instrument seines Schaffens, die Sprache, deren wortgewaltigster Vertreter er heute ist, mit immer neuen Schmähungen. Nur kurze Zeit versucht Neruda die Doktrin des sozialistischen Realismus streng zu befolgen: Es entstanden dabei seine schwächsten Gedichte … In den Büchern der letzten Jahrzehnte findet sich glücklicherweise nichts mehr von der aufdringlichen Didaktik der stalinistischen Epoche. Es erscheinen wieder Ironie, pikaresker Humor, Satire, ja manchmal selbst ein Ton des Zweifels, obwohl der grundsätzliche Glaube an das politische Ideal geblieben ist. Viele der letzten Gedichte sind wieder Liebesgedichte. Die erotische Thematik ist vielleicht neben dem sprachlichen Virtuosentum das konstanteste Merkmal der Dichtung Nerudas. Literarisch ist Nerudas Werk der Weg vom spanischen Modernismus unter dem Einfluß Rubén Daríos über die „Poésie impure“ zur „Poésie engagée“ – ein Weg mit manchen Irrungen, der möglicherweise noch nicht zu Ende gegangen ist. Pablo Neruda hat viele Richtungen und Tendenzen der zeitgenössischen Literatur in seinem Werk assimiliert. Dabei ersetzt eine extreme Sensibilität meistens die kritische Reflexion. Neruda ist bereits ein Klassiker der spanischen Sprache und der hispanoamerikanischen Literatur. Er weiß diese Literatur in imposanter Selbststilisierung zu repräsentieren. Bis vor kurzem lebte er in seinem Haus auf der „Schwarzen Insel“ – Wallfahrtsort für Literaten – und seit kurzem als Botschafter in Paris. An Angriffen hat es auch in der letzten Zeit nicht gefehlt: Die jungen kubafreundlichen Schriftsteller Lateinamerikas haben öffentlich und vehement Nerudas politische Seitensprünge denunziert. An der Dichtung des Patriarchen wagt aber niemand zu zweifeln. Ohne Neruda hätte fast die gesamte zeitgenössische spanische und hispanoamerikanische Lyrik ein anderes Gesicht. In Deutschland ist ein beträchtlicher Teil des Werkes in der Übersetzung von Erich Arendt erschienen. Die Übersetzung ist ein Beispiel für strenge Treue dem Original gegenüber, wobei allerdings, obwohl Arendt selbst Lyriker ist, die poetische Qualität der deutschen Version beeinträchtigt wird. Die Zeit für die Übersetzung des Gesamtwerkes scheint jetzt wohl endlich gekommen.

Walter Haubrich, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.10.1971

Fakten und Vermutungen zum Übersetzer
Fakten und Vermutungen zum Autor

Pablo Neruda – Lesung und Interview des Literaturnobelpreisträgers 1971.

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