Peter Böthig (Hrsg.): Die Poesie hat immer recht

Die Poesie hat immer recht

Böthig-Die Poesie hat immer recht

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− Gerhard Wolf im Gespräch mit Peter Böthig. −

Peter BöthigDer Titel unseres Almanachs Die Poesie hat immer recht entstand im Gespräch mit Dir. Er läßt ja eine ganze Reihe von Assoziationen zu…

Gerhard Wolf: Der Titel ist natürlich hinterhältig. Es gab bekanntlich das Lied „Die Partei hat immer recht“ von Louis Fürnberg, dem ich sehr viel verdanke und der mich intensiv beschäftigt hat in meiner Studentenzeit.

BöthigWann war das?

Wolf: Ich hatte 1956 das Examen abgelegt, und habe anschließend eine kleine Monographie über Fürnberg geschrieben.

BöthigHattest Du ihn kennengelernt?

Wolf: Ja, ein, zwei Jahre vorher. Fürnberg und F.C. Weiskopf waren nach den Slansky-Prozessen 1952 aus der ČSR in die DDR übergesiedelt. Fürnberg war zuvor hier Kulturattaché gewesen, der tschechische Botschafter war nach den Prozessen erschossen und sein Freund Eduard Goldstücker zu lebenslänglicher Haft verurteilt worden. Er selbst sagte damals, er sei bei den Säuberungen „nur vergessen“ worden. Das waren meist Juden, die damals abgeurteilt wurden. Nach dem XX. Parteitag 1956 starben dann viele aus der Generation der Übriggebliebenen an Herzinfarkten, das war sicher kein Zufall – Uhse, Brecht, Weiskopf, Bredel, dann Fürnberg, mit 49 Jahren! Die hatten aufgeatmet, endlich hätte die Partei Einsicht gezeigt usw., aber dann brachen sie unter dem Schock zusammen.

BöthigUnd die deutsch-tschechischen jüdischen Schriftsteller durften nach den Prozessen in die DDR übersiedeln?

Wolf: Die standen – als deutschschreibende Autoren – in Prag sowieso etwas auf dem toten Gleis, und die DDR hat sie als Antifaschisten aufgenommen. Es gab dann später, nach der Kafka-Konferenz, in Liblice 1965 eine zweite Konferenz über die deutschsprachigen Prager Autoren. Dazu hatte mich Goldstücker eingeladen, den ich nach seiner Haftentlassung kennengelernt hatte. Ich habe zum Werk von Fürnberg gesprochen.

BöthigIn der Anthologie Weltfreunde ist das veröffentlicht? Was für ein Titel!

Wolf: Die ist 1967 erschienen; die Konferenz und die Anthologie waren allerdings nicht so stark politisch aufgeladen wie die Kafka-Konferenz von 1964, aber es war das erste Mal, daß die Tschechen anerkannten, daß es da eine großartige Prager deutsche Enklave gegeben hatte. Nach Kafka, Rilke, Werfel und Brod waren die Autoren wie Fürnberg, Egon Erwin Kisch, F.C. Weiskopf, Rudolf Fuchs und Ernst Weiß die nächste Generation in dieser Literatur.

BöthigAber über das Parteilied von Fürnberg Die Partei hat immer recht haben wir als Schüler gelacht!

Wolf: Für Kenner war da immer ein Witz drin. Es gab doch das ,berühmte‘ Gedicht der Friederike Kempner: „Die Poesie, die Poesie, die Poesie hat immer recht. / Sie ist von höherer Natur, von übermenschlichem Geschlecht!…“ Fürnberg hat sein Lied übrigens als eine Art Selbstermutigung geschrieben, während des Konflikts mit Jugoslawien, wo er Freunde verloren hatte. Fürnberg wird leider immer auf dieses Lied festgelegt, dabei war er ein viel interessanterer Dichter, gerade in der Auseinandersetzung mit Rilke. Er war ein hochgebildeter Mann aus dem jüdischen Bürgertum, der übrigens der Partei wirklich viel zu verdanken hatte. Während der deutschen Besetzung war er verhaftet und mißhandelt worden, indem man ihm die Bücher ausgeräumter Bibliotheken einzeln über den Kopf schlug, so daß er nahezu sein Gehör verlor. Seine Frau hat ihn da raus geholt, er ist über Jugoslawien nach Palästina geflohen, dort saßen sie als deutsche Kommunisten, oder als Linke, wie auch Arnold Zweig, auf verlorenem Posten. Sie gaben eine Zeitschrift heraus: Orient, die wurde ausgebombt von rechten Fanatikern. Fürnberg hat später Arnold Zweig, der aus einer linksbürgerlichen Tradition und dem Zionismus zum Marxismus gekommen war, in die DDR geholt. Zweig war dann als Akademiepräsident eine durchaus integre Persönlichkeit, die kein Blatt vor den Mund nahm – soweit er noch konnte, als ein alter, fast blinder Mann. In der Diskussion um den Lukullus zum Beispiel hat er für Brecht und Dessau eingegriffen. Später wurde er herausgedrängt aus der Akademiefunktion, doch er hat oft durchschaut, was da gespielt wurde.

BöthigNoch einmal zur Ironie des Titels: die Poesie hat immer recht. Hat sie das?

Wolf: Für die Reihe „Märkischer Dichtergarten“ fand ich bei Bettina von Arnim die Zeile „Die Sehnsucht hat allemal Recht.“ Da gab es also noch eine Modifizierung. Und die Zeile von der Kempner hatte uns früher oft gedient, wenn wir uns lustig machen wollten über die politischen Dinge im Lande.

BöthigMir ist aufgefallen, daß es bei Dir oft lange zeitliche Bögen gibt, zwischen Ideen und Titeln. Das Buch Unsere Freunde, die Maler, das wir 1995 gemacht haben, hatte eine Vorläufer-Idee von 1974, und die Figur des Janus, des doppeigesichtigen römischen Türgottes, der jetzt im Namen Deines Verlags steht, erscheint bereits in Deinem Aufsatz „Offener Ausgang. Zur Lyrik der DDR“ von 1973.

Wolf: Aha. Übrigens taucht der Janus auch bei Georg Maurer in einem Bericht über den IV. Schriftstellerkongreß 1956 auf. Das war unter uns so eine Denkfigur, die die Doppeldeutigkeit von ,nach vorn‘ und ,zurück‘ verdeutlicht. Mit seinem dritten Gesicht übrigens soll uns mein Janus ins Gesicht blicken! Die Signet – Versuche sollen das auch verdeutlichen.

BöthigIch will noch einmal zurückgehen. Nach Deiner Fürnberg-Monographie bist Du zunächst zum Rundfunk gegangen?

Wolf: Wir bekamen 1952 unser erstes Kind. Da wir beide aber keine Arbeiterkinder waren, hatten wir keine Stipendien. Das hieß, einer mußte Geld verdienen. Und die Rundfunksender hatten keine ausgebildeten Leute. Die Leiter waren Antifaschisten, sie kamen aus den KZ oder Zuchthäusern der Nazis, und in den Redaktionen saßen einige Leute, die unbescholten durch die Nazizeit gekommen waren. Ich bewarb mich als Hilfsredakteur mit einem Anfangsgehalt von 270 Mark beim Sender Leipzig. Allerdings bekam man für eigene Sendungen noch 50% des Honorars. Ich war mit meinen vier Semestern Germanistik fast ein Experte, natürlich an Lukács geschult, und wußte also alles, was in der Literatur zu gelten hatte. Ich stieg mit Elan da ein.

BöthigWar der Rundfunk damals bereits so stark unter Kontrolle wie später?

Wolf: Es gab da eine Anekdote, die die damalige Zeit ganz gut beleuchtet. Wir hatten in einer Sendung ein Rilke-Gedicht. Ich mußte damit zum Chefredakteur, das war Heinz Zöger, der sagte: „Rilke ist spätbürgerlich, das kommt für uns nicht in Frage.“ Ich erwiderte, daß gegen dieses Gedicht doch aber nichts zu sagen sei, und er erzählte, daß er natürlich am Abend zu seiner Erholung auch Rilke lesen würde. Dies nun wurde an einen höheren Funktionär weitergetragen: „Wie finden Sie das – verbietet das für die Sendung, liest es aber privat gern?“ – „Das kommt nun darauf an,“ antwortete dieser, „liest er Rilke, weil er sich weiterbilden will, oder hat er Genuß dabei?“ Das wurde bei uns zum geflügelten Wort für bestimmte Verhaltensweisen: „Ja, der hat Genuß dabei!“ Der Antifaschismus war durch die Leiter sehr präsent, aber er hatte auch groteske Züge. Über Schlager wurden zum Beispiel endlose Diskussionen geführt. Ein Schlager hatte z.B. die Zeilen

Iß nix Fisch mit Messer So du eine Gabel hast Sieht sich aus viel besser Wenn Du bei Dame von Welt zu Gast Iß nix Fisch mit Messer….

Da wurde stundenlang diskutiert, ob die Kapelle Henkels das spielen dürfe, oder ob das nicht etwa rassistisch sei, gegen die ungarischen Zigeuner. Für Humor war da wenig Platz.

BöthigHast Du beim Rundfunk Gegenwartsliteratur senden und rezensieren können?

Wolf: Ja, sehr viel Literaturkritik; Georg Maurer schrieb Sendungen, Hildegard Maria Rauchfuß, Rene Schwachhofer und andere. Maurer war der interessanteste, sehr gebildet, auch mit Skepsis betrachtet, weil er zu schwerverständliche Gedichte schreibe. 1952 wurde das „Staatliche Rundfunkkomitee“ gegründet. Das hing damit zusammen, daß die Engländer das Rundfunkhaus des Berliner Rundfunks in der Masurenallee dicht machten, weil sich dorthin ein aus der DDR Geflüchteter verlaufen hatte, den man zunächst festhielt. Der Osten hatte nun keinen Sender. So wurde sehr schnell in der Nalepastraße in Rummelsburg eine Fabrik zu einem Rundfunkhaus umgebaut. Während das noch geschah, haben wir aus Bootshäusern in Grünau unsere Sendungen gemacht. Das war Kalter Krieg. Die Landessender, wie in Leipzig, wurden danach Regionalredaktionen, und der Berliner Rundfunk, Radio DDR und der Deutschlandsender waren die zentralen Anstalten. Der Deutschlandsender, zu dem ich kam, war der interessanteste, weil der in seinem Programm noch die Einheit Deutschlands propagierte, also ,Eine Deutsche Kultur‘. Dadurch konnten wir auch mit Leuten aus dem Westen arbeiten, mit Günter Bruno Fuchs oder mit Wolfgang Robert Schnell z.B., die kamen zu uns rüber und brachten ihre Texte.

BöthigAus dieser Zeit stammen also auch erste literarische Bekanntschaften?

Wolf: Ja, zum Beispiel mit Heinrich Böll. Er war einer der wenigen, der sich mit einem östlichen Sender überhaupt einließ. Wir besuchten ihn in Köln, er war interessiert an unserer Arbeit. Später hat er uns in Kleinmachnow besucht, es entstand schon damals daraus eine nähere Bekanntschaft. Auch andere Autoren und Verlagsleute aus dem Westen habe ich damals kennengelernt, Helmut Heissenbüttel saß als Lektor im Claassen Verlag, Klaus Roehler bei Luchterhand, Hans Erich Nossak besuchten wir in Hamburg, Autoren wie Britting oder Siegfried Sommer in München. Auch die Bekanntschaft mit Stephan Hermlin stammt aus dieser Zeit. Er machte eine Reihe „Lektüre“ im Deutschlandsender. Diese Beiträge hat er zunächst bei uns gelesen und dann im Sonntag veröffentlicht. Die Theaterkritik machte der berühmte Brecht-Freund Herbert Ihering. Der kam Sonntag früh aus Westberlin und las seine Kritiken, die dann oft auch in Sinn und Form erschienen.

BöthigWie lange ging diese Orientierung an einer einheitlichen deutschen Kultur?

Wolf: Mit dem Einmarsch der Russen in Budapest 1956 ging diese ,gesamtdeutsche‘ Orientierung zu Ende. Ich lag damals mit einer Herzmuskelentzündung im Krankenhaus. Als ich raus kam, waren die Prozesse gegen Harich, Just und Janka. Man hat sich entscheiden müssen, entweder beim Rundfunk Karriere machen, oder andere Wege gehen.

BöthigWarum bist Du ausgestiegen?

Wolf: Ein Prüfstein, wo ich merkte, das geht jetzt nicht mehr, war ein Essay von Hans Mayer „Zur Gegenwartslage unserer Literatur“ im November 1956, den wir vom Deutschlandsender initiiert hatten. Das war einen Monat nach dem Einmarsch in Ungarn, aber noch zu einer Zeit, als man noch diskutierte. Als der Essay gesendet werden sollte, – wir hatten Telegramme an Böll und andere verschickt, daß sie sich die Sendung anhören sollten -, saßen wir im Presseklub in der Friedrichstraße und wollten die Sendung feiern. Da kam Peter Huchel, der am Nachbartisch gesessen hatte, zu uns und sagte: „Da habt ihr euch ja wieder was geleistet: Den Hans Mayer rauszuschmeißen und jemand anderen lesen zu lassen!“ Was war passiert? Ich hatte den Essay abgezeichnet, doch diesmal hatte ein leitender Redakteur, Rödel, ihn kurzfristig abgesetzt und dafür selbst einen Kommentar gesprochen. Die Wochenzeitung Sonntag erschien am nächsten Tag, und dort wurde, wie Hans Mayer in seinen Erinnerungen schreibt, der Essay durch eine ,Panne‘ veröffentlicht, weil man ihn nicht mehr herausnehmen konnte. Das war dann im Prozeß in der Anklage gegen Zöger und Just, die Chefredakteure des Sonntag, einer der Vorwürfe. Das war einer der Punkte, daß ich beim Rundfunk nicht bleiben wollte und kündigte.

BöthigDamit wurdest Du damals bereits freischaffend?

Wolf: Ich schrieb die Fürnberg-Biografie und begann, gemeinsam mit der Witwe Fürnbergs, Lotte Fürnberg, seine gesammelten Werke herauszugeben, ich schrieb Kritiken, Lektorate…

BöthigWann bist Du zum Mitteldeutschen Verlag gegangen?

Wolf: Das war 1959. Die suchten damals Lektoren, ich ging dorthin, allerdings nicht festangestellt, sondern als Außenlektor. Kurz darauf gab es die erste ,Bitterfelder Konferenz‘: „Greif zur Feder, Kumpel“. Damals kam eine neue Generation von Autoren auf, Karl-Heinz Jakobs und Werner Bräunig z.B. wurden meine Autoren beim Mitteldeutschen Verlag. Bräunig, der dann später gescheitert ist, in seinem ganzen Leben, an seinem groß angelegten Roman, der unter anderem bei der Wismut spielte. 1965 wurde dieser Roman der Streitpunkt vor dem 11. Plenum. Ein Kapitel hieß Rummelplatz und zeigte ziemlich ungeschminkt die realen Konflikte im Hexenkessel der Wismut: sowjetische Leiter, Parteiaktivisten, alte Nazis, Glücksritter usw. Doch in Halle blieben wir nur drei Jahre. Ich ging einoder zweimal in der Woche in den Verlag, machte meine Programmvorschläge, betreute Autoren und bekam die Möglichkeit, dort eine Lyrik-Reihe aufzubauen.

BöthigDas war sicher im Zusammenhang mit der „Lyrik-Welle“. Wie fing das an?

Wolf: Nach Ungarn und eigentlich auch nach Chrustschow kam noch einmal diese sogenannte ,Tauwetten‘-Zeit, bis Anfang der 60er Jahre. Ein Höhepunkt war die Lyrik-Veranstaltung von Stephan Hermlin in der Akademie der Künste. Auch ich hatte ihm Autoren wie Volker Braun, Uwe Greßmann und andere empfohlen – und konnte dann beim Mitteldeutschen Verlag mit einigen von ihnen weiterarbeiten.

BöthigWie lief das? War der Mitteldeutsche Verlag eine Adresse für Lyrik? Meldeten sich die Autoren bei Dir?

Wolf: So etwas spricht sich ja meist schnell herum, und so schickten mir etliche junge Autoren ihre Texte. Auch hatte der Schriftstellerverband damals „Arbeitsgemeinschaften junger Autoren“ in allen Bezirken. In der AG von Cottbus waren Joochen Laabs und Volker Braun. Ich suchte von einigen Autoren Texte aus, bei Volker Braun übrigens in Zusammenarbeit mit Reiner Kunze, und stellte zuerst die Anthologie Bekanntschaft mit uns selbst und dann Sonnenpferde und Astronauten zusammen. Die zweite war noch brisanter, da durften wir nicht mit Biermann anfangen, so haben wir etwas am Alphabet geschummelt und mit Volker Braun angefangen. Außerdem waren Werner Bräunig, Heinz Czechowski, Karl Mickel, Uwe Greßmann, Bernd Jentzsch, Sarah und Rainer Kirsch vertreten. Von Bernd Jentzsch „Alphabet des Morgens“ war wegen der damals kühnen Liebesgedichte umstritten. Später machte ich zwei schöne Gedichtbände mit Joochen Laabs: Eine Straßenbahn für Nofretete und Himmel sträflicher Leichtsinn, ich betreute die Arbeiten von Hanns Cibulka, Adolf Endler und Walter Werner.

BöthigWir haben bei Unsere Freunde, die Maler schon darüber gesprochen: Damals fing auch Dein Bezug zu den Bildenden Künstlern an.

Wolf: Bei Bekanntschaft mit uns selbst haben wir versucht, für jeden Dichter einen Maler zu finden, zum Beispiel den Jürgen Wittdorf mit seinen Motorrad-Jünglingen. Die Sonnenpferde-Anthologie hat dann Ronald Paris illustriert, der später den ersten Biermann-Band bei Wagenbach gestaltet hat.

BöthigSpäter hast Du auch Hermlin-Bände und Erich Arendt herausgegeben.

Wolf: Bei Reclam. Hermlin war nach den Lyrik-Lesungen in der Akademie der Künste 1962 nicht mehr genehm und etwas isoliert.

BöthigUnd wie hast Du Erich Arendt kennengelernt, über Peter Huchel?

Wolf: Nein, zu Huchel hatte ich keine sehr enge Beziehung. Allerdings haben wir zu meiner Zeit im Rundfunk als einzige einmal seine umfangreiche Chronik Wendisch Luch gesendet. Ich hatte sehr früh eine Besprechung zu Arendts Bergwindballade geschrieben, hatte ihn besucht in der Treptower Wohnung. Arendt hatte über Johannes R. Becher den Nationalpreis bekommen… Becher hatte wohl noch etwas gutzumachen, nachdem Arendt in der Linkskurve Anfang der 30er als Expressionist abgekanzelt worden war.

BöthigZugleich hast Du aber auch weiter geschrieben. Ich würde gern auf Deine eigenen Bücher zu sprechen kommen.

Wolf: Aufsehen hatte ich erregt mit einem Artikel: „Sieg der Dilettanten?“ – übrigens in Adaption einer Bloch’schen Formulierung .. Da hatte ich die Zeitungsgedichte aus den Tageszeitungen hergenommen – die Berliner Zeitung z.B. druckte jeden Tag ein Gedicht -, und in der NDL kritisiert, daß so etwas den literarischen Geschmack prägte. Da kriegten manche – wohl verdiente – Schläge, Reiner Kunze und Günter Kunert waren dabei, für mittelmäßige Gedichte.

BöthigDamit hattest Du Dir einen Namen gemacht als Kritiker?

Wolf: Und später mit den begabten Autoren zusammengearbeitet. Zum Beispiel habe ich drei Bücher mit Reiner Kunze im Mitteldeutschen Verlag gemacht. Mit Günter Kunert Tagwerke, mit Adolf Endler die ersten Bände, mit Bernd Jentzsch, Uwe Greßmann, Walter Werner.

BöthigUnd Ende der 60er Jahre erschienen Deine eigenen Bücher, zum Beispiel: Beschreibung eines Zimmers, mit dem Du als ,Autor‘ bekannt wurdest.

Wolf: Da ging die Arbeit mit dem Mitteldeutschen Verlag zurück. Einige Autoren habe ich zwar weiter betreut, Hanns Cibulka, Heinz Czechowski und Walter Werner bis in die 80er Jahre. Zu Bobrowski schrieb ich zunächst eine Monographie für den Verlag Volk und Wissen und dann das Buch Beschreibung eines Zimmers.

BöthigHast Du über dieses Buch Lew Kopelew kennengelernt, der Dir ja einen sehr begeisterten Brief dazu schrieb?

Wolf: Wir trafen Kopelew im Juni 1968, als wir aus Anlaß eines Gorki-Jubiläums in Moskau waren; Max Frisch hat in seinem Tagebuch über die Fahrt auf der Wolga geschrieben. Kopelew war gerade wieder aus der Partei ausgeschlossen worden; über ihn erfuhren wir auch von Efim Etkind, den wir dann in Leningrad trafen. Mit beiden ist seitdem der Kontakt nie abgerissen und wurde zur Freundschaft.

Böthig1972 erschien Dein Buch Der arme Hölderlin. Wie ist es aufgenommen worden?

Wolf: Das war auch ein Reflex auf die tschechischen Ereignisse von 1968. Es sollte ursprünglich im Aufbau-Verlag erscheinen, aber da gab es ein Gutachten, das die politischen Seiten herausstrich. Das Erscheinen verzögerte sich dann, bis es beim Union-Verlag erschien. Damals gab es eine ganze Hölderlin-Welle, Hermlins Scardanelli erschien vor meinem Buch, obwohl meines eher fertig war, und Peter Weiss’ Stück Hölderlin. Ausgelöst war diese neue Sicht auch durch die Arbeiten zu Hölderlin von Pierre Bertaux. Und bei mir auch durch die Böhlendorff-Novelle von Bobrowski.

BöthigBöhlendorff war doch eine echte Entdeckung von Bobrowski?

Wolf: Ja, er hatte, übrigens von Bernd Jentzsch, eine Anthologie baltischer Autoren geschenkt bekommen, und war dort auf den Hölderlin-Freund Böhlendorff gestoßen. Im Zentrum stand bei ihm der Satz aus dem Hölderlinschen „Entwurf eines Systemprogramms“: „Wie muß eine Welt für ein moralisches Wesen beschaffen sein?“ Ich habe mir später in Vilnius den Nachlaß von Böhlendorff angesehen und kopiert, der liegt bei mir. In meinem Hölderlin-Buch gibt es ein ganzes Kapitel zu Böhlendorff. Ich war auf eine Zeile gestoßen, die ich zum Schlüsseltext machte: „Der Jäger hat mein Junges entfremdet.“ Ich war sehr fasziniert von dieser Einsicht – aber es stimmte leider nicht, es war ein Lesefehler des Böhlendorff-Biographen Freye. Im Originaltext las ich: „entwendet.“

BöthigWillst Du den Böhlendorff vielleicht noch verlegen?

Wolf: Das hätte damals, als eine Art Seitenarm, in den Märkischen Dichtergarten gepaßt, Böhlendorff war ja auch eine Zeit lang in Berlin. Es gibt etliches Mittelmäßige, einiges Interessante und einige großartige Prosa-Stücke und Hymnen. Wenn ich nichts anderes zu tun hätte, würde es mich schon reizen, eine Ausgabe zu machen. Das wäre auch lohnend. Aber das müßte wieder irgendwie gestützt werden, denn verkaufbar wäre so etwas sicher nicht.

BöthigIch würde gern auf die Biermann-Affaire vom November 1976 zu sprechen kommen, auf Euren Protest damals und Deinen Ausschluß aus der Partei daraufhin. Wie ist Deine Erinnerung daran?

Wolf: Das war damals eine sehr aufregende und aufgeregte Zeit. Wir hatten die Nachricht gehört und den ersten furchtbaren Kommentar im Neuen Deutschland gelesen, der die Ausbürgerung Biermanns begründete. Besonders die ehemaligen Emigranten, wie Hermlin und Heym, hat das aufgeregt. Eine ,Ausbürgerung‘ rief bei denen ungute Erinnerungen wach. Daher war es auch Hermlin, der die elf Erstunterzeichner bei sich zusammenrief. Er und Heym hatten Texte vorbereitet; wir haben dann Hermlins Text diskutiert, noch verändert und abgestimmt. Der Text wurde zu ADN (die DDR-Nachrichten-Agentur) und zu AFP gebracht, und nach einer Sperrfrist, in der die Regierung hätte reagieren können, von AFP veröffentlicht. Die Hauptrolle bei den späteren Ausschlußverfahren und Bestrafungen hat die Frage der Veröffentlichung gespielt das war natürlich vorgeschoben. Wir mußten damit rechnen, daß ADN unsere Erklärung nicht veröffentlichen würde. Außerdem wollten wir es nicht im kleinen Kreis der Autoren belassen, so daß Hermlin mit mir zu dem Bildhauer Fritz Cremer fuhr, der als Querdenker bekannt war. Er war zu der Zeit krank, aber zu Hause. Von ihm kam der Einwand, nicht zu sagen, „Wir fordern“, sondern „Wir bitten darum, die Ausbürgerung zu überdenken…“ Später wurde das alles anders dargestellt, wir hätten ihn im Krankenhaus unter Druck gesetzt usw. Das ist Unsinn, und der ganze Vorgang ist inzwischen auch gut dokumentiert. Der Hintergrund, daß Cremer später seine Unterschrift zurückzog, war, daß sein Schwiegersohn verhaftet worden war, und Cremer ihn rausholen konnte, wenn er sich distanzierte. Dazu gibt es auch einen Briefwechsel zwischen Stephan Hermlin und Fritz Cremer.

BöthigWarum hat man Dich damals aus der Partei geworfen, während man mit anderen gnädiger umging?

Wolf: ,Streichung‘ war sozusagen die mildere Form, sich zu trennen, während ,Ausschluß‘ die Variante mit einem Fußtritt war. Auf mich war man wohl besonders wütend, weil ich mit Hermlin zu Cremer gefahren war, und ich war auch immer für die Veröffentlichung über AFP gewesen. Auch hatte ich mich in den Aussprachen überhaupt nicht eingelassen auf die Abmilderungen, zum Beispiel Hermlins, daß es „sein“ Fehler gewesen sei, die Erklärung zu veröffentlichen. Das wurde ja alles gegeneinander ausgespielt, und auch Hermlin wurde dabei, gegen seinen Willen, benutzt. Niemand hatte wohl damit gerechnet, daß die Ausbürgerung wirklich rückgängig gemacht wird. Aber wir hatten auch nicht in Rechnung gestellt, daß unser Brief ein so riesiges Echo finden würde in Künstler- und Intellektuellenkreisen, auch unter Studenten, daß daraus so etwas wie eine Protestbewegung entstehen würde. BöthigAber warum gab es diese Differenzierungen bei den Partei -Ausschlüssen, zwischen ,Streichung der Mitgliedschaft‘ und ,Ausschluß‘?

Wolf: Es ging der Partei auch um ,Schadensbegrenzung‘. Einige Autoren wollte man möglichst nicht verlieren, Honecker sprach selber mit Hermlin, andere wollte man möglichst unauffällig loswerden. Zur Ausschlußversammlung waren Günter Kunert und Christa Wolf aus dem Verfahren ausgegliedert worden, Christa war ernsthaft krank geworden, und man wollte wohl auch nicht alle auf einmal abstrafen. Ich erinnere mich, daß neben mir Jurek Becker saß, der laut Antrag ,nur‘ gestrichen werden sollte, der sagte zu mir: „Warte mal ab“, und gab dann eine solche deutliche Stellungnahme ab, daß er auch einen ,Ausschluß‘ bekam. Das war eine richtige Kampfstimmung. Ein alter Spanienkämpfer, Walter Gorrisch, rief Hermlin zu: „Solche Verräter wie Euch hätte man in Spanien erschossen!“

BöthigHaben sich nach dem Ausschluß Deine Arbeitsbedingungen verändert?

Wolf: Ich war insofern nicht so schlecht dran, weil ich an keine Institution fest gebunden war. Ich habe noch einige Autoren, wie Hanns Cibulka, als Lektor weiterbetreut. Am meisten hatte ich mit dem Union-Verlag zu tun, der der „Blockpartei“ CDU gehörte, und der Verlagsleiter hatte den Auftrag, mit mir ein Gespräch zu führen. Aber der lehnte das ab. Die Arendt-Bücher konnte ich später bei Reclam Leipzig herausgeben.

BöthigIn Deiner Bibliographie fällt auf, daß nach 1976 einige Jahre keine Bücher von Dir erscheinen, erst 1980 beginnt die Reihe Märkischer Dichtergarten.

Wolf: Wir hatten die Idee, mit dem Märkischer Dichtergarten in ein ,entferntes‘ Gebiet auszuweichen, als eine zweite Schiene. Aber schon damals, Ende der siebziger Jahre, lernte ich die jungen Autoren vom Prenzlauer Berg kennen, die liefen bei uns durch die Wohnung. Ich sah, daß da ganz neu angesetzt wurde, auch das politische Engagement von Biermann war denen schon fremd. Ich habe 1978/79 an der Bremer Universität auf Einladung von Wolfgang Emmerich Vorlesungen zur DDR-Literatur gehalten, die durch Ulla Hahn von Radio Bremen gesendet wurden. Wenn ich damals ein entsprechendes Angebot bekommen hätte, wäre es vielleicht auch denkbar gewesen, eine Zeitlang dort zu leben. Christa hielt dann 1980 an der Frankfurter Universität die Poetik-Vorlesungen, und ihr Kassandra-Buch mit den Vorlesungen erschien bereits zuerst im Westen. Das war dann schon ganz selbstverständlich. In der DDR erschienen die Vorlesungen verspätet und mit Kürzungen, 63 Zeilen, die als gestrichen gekennzeichnet waren. Das gabs wohl nur einmal in der DDR-Literatur…

BöthigDu sagst, zwei Schienen, also einerseits die junge Avantgarde und andererseits die märkischen Poeten?

Wolf: Günter de Bruyn und ich wollten mit dem Märkischen Dichtergarten auch die auf den klassischen Realismus orientierte Linie durchbrechen, wir haben das in den Nachworten auch begründet. Wir wollten auf eine ganz andere Literaturtradition hinweisen. Diese Reihe wurde zu Anfang sogar von S. Fischer als Taschenbuch übernommen.

BöthigKonnten diese märkischen Dichter auch als Bezugsfiguren für Eure Situation damals hergenommen werden?

Wolf: Zum Beispiel eine Figur wie Ewald von Kleist war bedeutsam für Autoren wie Karl Mickel und Heinz Czechowski, da gab es eine Menge von Signalen. Der Titel meiner Ausgabe hieß dann Ihn foltert Schwermut, weil er lebt. Nach der Biermann-Ausbürgerung 1976 gab es in der DDR einen neuen Schub in der Romantik-Rezeption.

BöthigIch habe das immer so gesehen, daß da Eure Generation auch Bilder für die Einsamkeit des Künstlers in der Gesellschaft gesucht und gefunden hat, für das Nicht-Gebraucht-Werden.

Wolf: Ja, Ins Ungebundene gehet eine Sehnsucht erschien 1985 – ein Band, in dem unsere Texte zur Romantik versammelt waren. Christas Kein Ort. Nirgends., ihr Günderrode- und Bettina von Arnim-Essay, ihre Arbeit zu Kleists Penthesila, meine Essays zu Achim von Arnim, über Bettine und über Heine, Der arme Hölderlin, eine kleine Kleist-Studie.

BöthigDavor waren Deine beiden Bücher über Maler erschienen, 1974 das Buch über Albert Ebert und 1978 über Elena Liessner-Blomberg.

Wolf: Auch angeregt durch Bobrowski. Bei dem gab es in der Wohnung eine Albert-Ebert-Ecke. Elena Liessner hatte ich in Kleinmachnow kennengelernt. Darüber haben wir ja in dem Buch Unsere Freunde, die Maler gesprochen.

BöthigUnd parallel hast Du etliche Arbeiten für den Film geschrieben…

Wolf: Wir hatten nach der Verfilmung von Der geteilte Himmel einige Exposés geschrieben, die alle scheiterten oder zurückgewiesen wurden. Ein Exposé war zum Beispiel nach Der Verfolger von Günter Weisenborn entstanden. Relativ weit war zuvor der Film Fräulein Schmetterling gediehen, als er nach dem 11. Plenum verboten wurde. Der lag fast fertig vor. Leider war er auch künstlerisch nicht zufriedensteIlend gelungen, so daß es schwierig war, ihn ganz überzeugend zu verteidigen. Aber das Verbot hatte rein ideologische Gründe. Mit Konrad Wolf hatten wir dann die Idee zu einem Film: Ein Mann kehrt heim – über einen Spätheimkehrer aus der Sowjetunion, der sich in Deutschland nur schwer orientier kann. Das war bis zum Treatment entwickelt worden. Zuvo war die Moskauer Novelle als Drehbuch ebenfalls nicht realisiert worden, da war der sowjetische Held zu negativ.

BöthigDas Eulenspiegel-Buch erschien 1972 als eine Art Film-im-Kopf. Ist das direkt als Drehbuch für eine Verfilmung geschrieben?

Wolf: Das war von Anfang an als Film gedacht; übrigens auf Anregung von Walter Janka, der damals Dramaturg bei der DEFA war, und mit dem wir immer im Gespräch waren. Rainer Simon war Assistent von Konrad Wolf gewesen. Er realisierte den Eulenspiegel. Zunächst war das für zwei Teile gedacht, aber das ließ sich nicht machen. Winfried Glatzeder spielt die Hauptrolle in diesem Film, der eindrucksvoll gelungen ist. Leider ist von dem lustigen Eulenspiegel fast nichts übrig geblieben. Der Film ist stark von der Auseinandersetzung Rainer Simons mit der DDR geprägt, er ist insgesamt sehr düster geworden. In der Schlußszene wird Eulenspiegel vom Galgen befreit, und er verbeugt sich vor dem Publikum, und in seinen kahlgeschorenen Schädel ist das Wort ,Ende‘ eingraviert. Das ist schon ein schön bitterer Film, der übrigens recht erfolgreich lief. Ich habe bei Konrad Wolf auch bei seinen Filmen Ich war neunzehn und Der nackte Mann auf dem Sportplatz als Dramaturg mitgearbeitet.

BöthigDein Libretto Litauische Claviere entstand nach dem Roman von Bobrowski. Ist das als ein Auftrag für die Bühne geschrieben worden?

Wolf: Rainer Kunad war Theaterkomponist in Dresden. Er und der Schauspieler Friedrich Wilhelm Junge suchten nach Stoffen. Nun hatten sie in Dresden den Wolfgang Dehler und den Rolf Hoppe, die beide singen konnten. Die Art des Romans, der ja kein richtiger Fabel-Roman ist, regte ebenfalls dazu an, nun keine ,richtige‘ Oper daraus zu machen, wie es ja zu Levins Mühle bereits eine Oper gab. Also entschlossen wir uns, eine Oper für Schauspieler aus dem Stoff zu entwickeln. Die ist in Dresden sehr gut gelaufen – nur leider niemals woanders wiederaufgeführt worden. Man benötigt wohl eine glückliche Konstellation für so etwas, singende Schauspieler, einen interessierten Regisseur, und ziemlich viel personellen Aufwand – leider. Der Regisseur war Klaus Dieter Kirst, der das sehr kräftig inszenierte, für mich etwas zu ,realistisch‘. Rainer Kunad war immer ein Antipode des Dresdner Komponisten Udo Zimmermann, er ging später sehr verärgert in den Westen, wo er bis zu seinem Tode in Tübingen lebte, und wo es ziemlich still um ihn wurde.

BöthigAm Ende der 70er Jahre hast Du die jungen Autoren kennengelernt, die Du ein Jahrzehnt später bei Aufbau „außer der reihe“ verlegen konntest

Wolf: Der Titel war ja nicht von mir. Ich lernte diese an der Sprache arbeitenden Autoren Mitte der 70er Jahre kennen und fand, daß da etwas Neues beginnt. Sie waren mir die interessantesten und wichtigsten Autoren in ihrer Generation. Beim AufbauVerlag hoffte ich, gäbe es die besten Chancen, diese Autoren zu verlegen, der Mitteldeutsche Verlag traute sich immer weniger. Beim Aufbau-Verlag hatten die Manuskripte jahrelang mit unseren Gutachten herumgelegen…

BöthigEs gab ja nach der gescheiterten Fühmann-Anthologie an der Akademie der Künste von 1981 sogar einen Politbüro-Beschluß, wie man mit diesen Autoren verfahren sollte.

Wolf: Das wurde natürlich immer verleugnet, daß es so etwas gäbe inzwischen ist das alles dokumentiert. Ich habe das Manuskript, zusammengestellt von Uwe Kolbe und Sascha Anderson, das mir Franz Fühmann gab, übrigens hier. Er wollte es ja wenigstens als Arbeitsheft der Akademie der Künste erscheinen lassen, was ihm aber auch nicht gelang. Der zweite Versuch war die Anthologie Berührung ist nur eine Randerscheinung, die parallel bei Aufbau im Osten und bei Kiepenheuer & Witsch im Westen erscheinen sollte. Als es dann soweit war, war die Hälfte der Autoren bereits im Westen, und Aufbau durfte das nicht mehr machen.

BöthigDie Anthologie erschien dann 1985 nur im Westen.

Wolf: Ja, und 1987 war es endlich soweit, daß auch bei Aufbau neu darüber diskutiert wurde. Es gab dann diese berühmte Versammlung, zu der viele der betroffenen Autoren vom Verlagsleiter Elmar Faber in den Aufbau-Verlag eingeladen wurden. Doch die sagten, sie wollten jetzt keine Anthologie mehr, sondern wenn schon, dann endlich eigene Bücher. Und da das Lektorat sich nicht so ganz in der Lage fühlte, wurde ich gebeten, als Herausgeber zu fungieren – was ich natürlich gern tat. 1988 erschienen dann die ersten Bände.

Wen die Poesie braucht

Die Poesie hat immer recht – hat sie das? Als ich am Anfang der 80er Jahre als junger Germanist begann, die Dichtung und die Dichter meiner Generation zu begleiten, an ihnen teilzunehmen und über sie zu arbeiten, gab es genügend Stimmen, die mich warnten: zu gefährlich, belanglos, unfertig, abseitig. Doch die Fäden, die ich gesponnen hatte, waren nicht mehr zu durchtrennen – und zum Glück gab es einige wenige, die diese Wege schon vorher gegangen und nun bereit – und in der Lage – waren, nicht nur poetischen, sondern auch praktischen Rückhalt zu bieten. Gerhard Wolf war von ihnen der Wichtigste.

Das Poetische – vorausgesetzt, daß man etwas anderes darunter versteht als meine Freundin Jenny Treibel -, das Poetische hat immer recht; es wächst weit über das Historische hinaus…

Dieser Satz aus Theodor Fontanes Roman tauchte irgendwann bei der Arbeit an diesem Buch auf – wie zur Bestätigung eines Themas, das der, dem der Almanach gewidmet ist, zu seiner Lebensmaxime gewählt hat. Gerhard Wolf ist einer, der dem Poetischen zu seinem Recht verholfen hat und verhilft, auch in Zeiten, die ihm weniger gesonnen waren, – aber welche Zeiten sind schon der Poesie gesonnen. Er ist in der Vergangenheit dafür Risiken eingegangen und hat sich auch neuerdings ins Ungewisse gewagt, neugierig angetrieben von einer inneren Stimme, die ihn geleitet haben muß durch politische und ökonomische Unwägbarkeiten. Schon als Lektor der „Sächsischen Dichterschule“, als Herausgeber der im klaustrophobischen Kunstverständnis der DDR-Oberen nur „außer der reihe“ erträglichen Prenzlauer Berg-Rebellen und als Verleger der schönen Janus press-Bücher: er hat Entdeckungen gemacht (die Möglichkeit von Irrtümern eingeschlossen) und Freunde gewonnen, die seiner anspornenden Förderung gewiß sein konnten und können. Autor, Herausgeber, Verleger – so der Untertitel unseres Almanachs; er könnte erweitert werden mit: Freund und Anreger vieler Autoren und Künstler, Familienvater, Opa, Autofahrer, Koch und Gourmet, Kunstmanager, Sammler, Mäzen und unermüdliches Zentrum einer ,factory‘ produktiver Unruhestiftung. Gerhard Wolfs schweifender Geist, an den Avantgarden orientiert, spannt sein Verständnis weit aus – vor allem für die ,gebrochenen‘ Figuren, für die ,Unangepaßten‘ und Unanpaßbaren, die poetischen Naturen, die ,nicht anders können‘. Ein Mentor des Poetischen, der es versteht, das Bateau ivre der Dichtung zwischen dem „Märkischen Dichtergarten“ und den „Vibrationstexten“ von Carlfriedrich Claus zu navigieren. Er ist auf der Suche -, und ständig sucht er etwas, einen Brief, eine Telefonnummer, ein gerade erhaltenes Fax, seine Brille, ein Buch, dessen Inhaltsverzeichnis er nachschlagen will… Ein Unruhe- und ein Anstifter ist er bis heute geblieben nur eines ist er nicht mehr geworden: ein cleverer Geschäftsmann. Er hat seine Leidenschaft anders ,investiert‘ als in Geschäftssinn; in die Dichtung, in Kunst, überall dort, wo er Individualität und Grenzerweiterung spürt. Daß Dichtung zwar keineswegs zeitlos ist, sich aber dennoch universal um die Existenz des Menschen in seiner Zeit zu kümmern habe, diese Ansicht teilt er mit befreundeten Literaturförderern wie Georg Maurer und Franz Fühmann und mit den von ihm geförderten Autoren mehrerer Generationen. Diejenigen, die mit ihm arbeiten, wissen: es ist nicht immer leicht – Gerhard Wolf folgt seiner inneren Stimme, auch gegen wirtschaftliche Vernunft‘ und gegen scheinbar naheliegende Einwände, wenn sie seinen Vorstellungen nicht entsprechen. Doch vom Argument läßt er sich überzeugen. Das ganz eigene Kapitel deutscher Literaturgeschichte mit dem Namen „DDR-Literatur“ wäre ohne das Wirken Gerhard Wolfs um etliche Absätze und Facetten ärmer. Viele Texte des vorliegenden Buches geben davon Zeugnis. Diese Wirkung wäre nicht möglich ohne sein weit über das Germanistische hinausreichende Gespür fürs Poetische. Er hat als Autor, Lektor und als Verleger konsequent bis hartnäckig, beharrlich an seinen Entdeckungen festgehalten und Literatur durchgesetzt, die es ohne ihn schwerer gehabt hätte. Dies war das Movens, Gerhard Wolf zu seinem 70. Geburtstag ein Buch zu überreichen, zu dem beizutragen der Verlag befreundete Autoren bat. Ein Buch wie das vorliegende muß gleichwohl Fragment bleiben, ein Patchwork aus Textsplittern und situativen Einlassungen. Aber es sollte mehr sein als eine retrospektive Huldigung. Das Fragmenthafte, Situationsbedingte gibt Auskunft und zeigt Ausschnitte aus laufenden Produktionen und Beziehungen. Geflechte sollten aufscheinen, langanhaltende, unterbrochene und erst beginnende, die Zukünftiges enthalten. Der doppeigesichtige römische Türstehergott Janus, den sich Gerhard Wolf zum Patron seines Verlags gewählt hat, ist eine Figur des Übergangs, und auch der Vermittlung und Medialisierung. Mit dem Blick zurück und nach vorn weist er Wege hinein und hinaus aus dem Haus der Poesie. Und das zeichnet das Leben und Arbeiten Gerhard Wolfs aus, daß er Übergänge nicht scheut, sondern sie immer wieder sucht und erspürt, mit dem Wissen, daß Wege dadurch entstehen, daß sie begangen werden. Solange sie Wege des Poetischen sind, werden die, die sie beschreiten, auch im Sinne Gerhard Wolfs, recht behalten.

Peter Böthig, Vorwort

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Das Poetische und das Praktische

Als ich 1998 zu Gerhard Wolfs siebzigstem Geburtstag den Band Die Poesie hat immer Recht herausgeben durfte, haben wir als Motto den Satz aus Theodor Fontanes Jenny Treibel gewählt:

Das Poetische […] hat immer recht; es wächst weit über das Historische hinaus.

Dieser Satz, das gilt auch heute noch, kann die Lebensmaxime Gerhard Wolfs genannt werden. Ich habe ihn kennengelernt als einen unermüdlichen Motor im fein gesponnenen Netz der schriftstellerischen Existenz der Familie Wolf. Es herrschte im Hause Wolf ein ständiger Energiefluss. Das Gehäuse, die Wohnung, ist bis unter die Decken vollgestopft mit Büchern und Bildern. Im Flur ein Telefon und ein altertümliches Fax-Gerät, das unablässig – jedenfalls immer mitten in einem Satz oder einer Überlegung – dazwischenklingelt. Manchmal war es schwer vorstellbar, wie die beiden bei all den vielfältigen Beschäftigungen die Konzentration für ihr umfangreiches und bedeutendes Werk gefunden haben mögen. Christa Wolf hat in der Prosa-Miniatur Er und ich von 1988 und in dem zu seinem 75. Geburtstag erschienenen Text Herr Wolf erwartet Gäste und bereitet für sie ein Essen vor auf amüsante Weise Auskunft gegeben über das symbiotische Verhältnis des Ehepaares. Man kann das nachlesen.
Dass Gerhard Wolf sich – bis heute – nicht nur vielfältig im Geistigen, sondern auch im ganz Praktischen für die Rechte der Poesie einsetzt, ist bekannt. Ich will dieses Bild nur mit folgender Anekdote ergänzen:
1988 war in der DDR noch Winter. Im Januar und Februar waren nach der Luxemburg-Demo („Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“] etliche Bürgerrechtler und Oppositionelle verhaftet und ausgebürgert worden. Auch ich hatte mit Freunden den Bogen überspannt. Gemeinsam wollten wir die Bewilligung unserer Ausreiseanträge forcieren und gründeten ein „Zentralkomitee für subversive Heiterkeit“. In Offenen Briefen an Honecker, Stoph und Sindermann forderten wir nicht etwa die freie Ausreise für alle, sondern die freie Rückreise für alle Ausgereisten. Solche DADA-Spielereien fand die Stasi aber nicht lustig. Wir wurden verhaftet und nach § 214 des DDR-Strafgesetzbuchs wegen „Behinderung der Tätigkeit staatlicher Organe und Aufruf zur Veränderung von Gesetzen“ angeklagt. Weil Freunde im Westen unser Verschwinden schnell bemerkten und die Medien alarmierten (Meldungen über erneute Verhaftungen bei BBC World News waren bei der Stasi nicht beliebt), kamen wir nach einigen Tagen Untersuchungshaft mit einem sogenannten Strafbefehl wieder heraus. Allerdings waren 2.500 Mark Geldstrafe, zahlbar innerhalb einer Woche, kein Pappenstiel. Ich lief herum und versuchte, Geld zu borgen.
Gerhard Wolf hatte von dem „Fall“ gehört und lud mich ein, ihnen beiden zu erzählen, was vorgefallen war. Ich besuchte sie also, damals noch in der Friedrichstraße, und berichtete. Gerhard schmunzelte gelegentlich und wiegte auch bedenklich den Kopf Als ich mich verabschiedete und schon in der Tür stand, steckte er mir einen Briefumschlag in die Tasche. Darin war Geld für den Strafbefehl. Das sah ich aber erst auf der Treppe. Gerhard hatte die Tür so schnell geschlossen, dass ich mich nicht einmal richtig bedanken konnte…

Peter Böthig aus Friedrich Dieckmann (Hrsg.): Stimmen der Freunde. Gerhard Wolf zum 85. Geburtstag, verlag für berlin-brandenburg, 2013

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