Peter Maiwald: Zu Karl Mickels Gedicht „Maischnee“

Im Kern

Im Kern

– Zu Karl Mickels Gedicht „Maischnee“ aus dem Band Karl Mickel: Odyssee in Ithaka.

 

 

 

 

KARL MICKEL

Maischnee

Sie sagte nichts, als ich ihr offen sagte:
„Es hängt von mir ab, wann ich wieder geh“
Ihr damit sagend, anstatt daß ich klagte
Wie gern ich sie besäh von Kopf bis Zeh.

Der Regen wärmte, als wir raschen Schrittes
Uns suchten einen Ort, daß dies gescheh.
Da sagte sie: „Nur dieses und kein Drittes:
Bis morgen oder bis zum ersten Schnee.“

Sie lag im weißen Laken und sie litt es.
Erst nach der ersten Frühe sprach sie: „Ach
Ich bin ein Haus mit siebenfachem Dach.“
Dann sahen wir: Es schneite.
aaaSie bestritt es.

Ich merkte wohl: Es ist mit ihr was Bittres
Und war zum Gehen wiederum zu schwach.

 

Lob der Inkonsequenz

Ein gutes Gedicht von der Liebe ist eines, das uns über die Unklarheit seines Gegenstandes im klaren läßt. Der Lyriker Karl Mickel, Jahrgang 1935, in der DDR lebend und schreibend, bei uns weniger bekannt, als uns guttut, hat, nicht nur in diesem Gedicht, einen gediegenen Sinn für das Nahrhafte der Liebe, den Widerspruch.
Die Begebenheit, die das Gedicht in Gang und Spannung setzt, ist gewöhnlich. Zwei, die nicht ohne Zuneigung sind, handeln die Bedingungen ihres Verhältnisses aus. Da die dargestellten Interessen und Vorstellungen sehr unterschiedlich sind, bewegt den Leser die Frage, wer wohl was durchsetzt und/oder welcher Kompromiß am Ende fault.
Mickel läßt uns nicht ohne Ironie an der Verhandlung teilnehmen. Die Darstellung der Personen geschieht mit historischer wie gegenwärtiger Distanz. Ihre Selbstdarstellung ist etwas einfältig und folgt darin älteren Vorschriften, wie sie etwa noch Schillers „Glocke“ für das Verhalten von Männern und Frauen vorsieht. Hier wie dort findet üble Nachrede statt, haften an den Männern Ungestüm, Selbst-ist-der-Mann-Gebärden, Kraftmeierei, kleben an den Frauen die Etiketten Duldertum, Dauerwurst und Bindungssucht.
Der Dichter ist kein Richter. Er macht seinen Personen nicht den Prozeß. Er läßt sie sich selbst den Prozeß machen. So handelt das Gedicht vom Ungenügen der Liebenden und läßt es genug sein. Die Moral von der Geschichte ist eben die Geschichte.
Aber die Geschichte ist die einer Denunziation. Denunziert wird ein im Deutschen bis zur Fruchtbarkeit sehr geehrter Begriff, die Konsequenz. Und ihre undialektische Handhabung. Denunziert wird ihr Harmoniebedürfnis, ihr ständiges Im-Einklang-sein-Wollen, ihre Widerspruchsfreiheit, letztlich ihr Unrealismus. An diese Erörterung privater Angelegenheiten lassen sich gut und unschwer tagespolitische, öffentliche anschließen.
Mickels Gedicht ist eine Warntafel. Es meldet starken Zweifel an, daß die, die immer stolz und konsequent handeln, sich und anderen guttun. Es räumt der als Schwäche und Opportunismus geltenden Inkonsequenz die Kraft zum Überleben ein. Und nicht nur: auch zum Erkennen der Wirklichkeit.
Grau, so konstatiert das Gedicht vergnügt, sind alle Theorien, Rollen und Selbststilisierungen und grün des Lebens Baum, jedenfalls solange sich daraus noch Bettstätten herstellen lassen. Das ist sehr tröstlich. Und klassische Kunst, die im Ansatz darin besteht, daß sie von den Menschen und ihren Möglichkeiten weiß.

Peter Maiwald, aus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Über die Liebe, Insel Verlag, 1985

2 Antworten : Peter Maiwald: Zu Karl Mickels Gedicht „Maischnee“”

  1. Michael Schrinner sagt:

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    manchmal passieren Druckfehler, auf der Seite: http://www.planetlyrik.de/peter-maiwald-zu-karl-mickels-gedicht-maischnee/2015/03/ ist mir einer aufgefallen.
    Bitte korrigieren Sie: statt „Denunziert wird ein im Deutschen Fruchtbarkeit sehr geehrter Begriff“ muss es richtig heißen: „Denunziert wird ein im Deutschen bis zur Furchtbarkeit sehr geehrter Begriff“

    Mit freundlichen Grüßen
    Michael Schrinner

  2. Redaktion sagt:

    Sehr geehrter Herr Schrinner,

    Vielen Dank für ihr wachsames Auge. Die Korrektur ist erfolgt.

    Beste Grüße
    Egmont Hesse

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