Peter von Matt: Zu Theodor Kramers Gedicht „Oh, wer geht mit mir rasch noch ins Kino vor Nacht“

Im Kern

Im Kern

– Zu Theodor Kramers Gedicht „Oh, wer geht mit mir rasch noch ins Kino vor Nacht“. –

 

 

 

 

THEODOR KRAMER

Oh, wer geht mit mir rasch noch ins Kino vor Nacht

Im Speiseraum muffelt’s, die Zunge verdorrt
beim Kaffee mir und hart ist der Platz;
der eine bezahlt und der andre geht fort
und ein jeder hier hat einen Schatz.
aaaaaOh, wer geht mit mir rasch noch ins Kino vor Nacht,
aaaaadenn das Hocken allein hat mich traurig gemacht
aaaaaund grün blinken im black-out die Lichter.

Die andern sind Flüchtlinge, ich aber bin
fremd in London dazu… es erstirbt
das Geräusch in den Gassen; es zuckt mir das Kinn,
da ganz nah es im Finstern aufzirpt.
aaaaaOh, wer geht mit mir in den Hyde Park zur Nacht,
aaaaadenn es hat sich im Ziergrün ein Wind aufgemacht
aaaaaund grün blinken im black-out die Lichter.

Bis aufs Bröckeln des Mörtels vom Sims ist es still
vor den Häusern; ich kann es verstehn,
daß kein Mädel mit mir was zu tun haben will,
doch allein muß noch heut ich vergehn.
aaaaaOh, wer geht mit mir in die Bar noch vor Nacht,
aaaaadenn betrunken schon hat selbst das ale mich gemacht
aaaaaund grün blinken im black-out die Lichter.

Ich hab kein Arbeit, kein Heim, es zerreibt
das Gedärm mir im Leib… was ich kann,
ist: Gedichte zu schreiben wie keiner sie schreibt;
in ganz London kein Hund prunzt mich an.
aaaaaOh, wer schlägt mir rasch ins Gesicht noch zur Nacht,
aaaaadenn das Herz ist mir nur zum Zerspringen gemacht,
aaaaaund grün blinken im black-out die Lichter.

 

Die Nacht des Emigranten

Man achte auf den letzten Vers. Er kehrt viermal unverändert wieder und weist eine merkwürdige Stolperstelle auf. Weil man den Rhythmus des ganzen Gedichts rasch im Ohr hat, hört man das Kurz-kurz-lang dieses Vers anfangs schon im voraus. Umso mehr irritiert, daß das bedeutungsstarke Wort „grün“ auf eine Senkung fällt. Der Schlußvers läßt sich auf diese Weise gar nicht sprechen. Ein metrischer Fehler? Das kann einem so offensichtlichen Virtuosen der Metrik nicht passieren. Tatsächlich geht der Vers rhythmisch auf, sobald man „grün“ betont und das anschließende „blinken“ ebenfalls mit einer Hebung beginnen läßt. Zwei Hebungen also nacheinander. Das erzwingt eine Zäsur dazwischen, eine winzige Pause, und gibt der Zeile einen überzeugenden Takt. Eigentlich wäre sie so zu schreiben:

und grün – blinken im black-out die Lichter.

Das Wort „grün“ wird dadurch zu einem herausgehobenen Klang, vier Mal an empfindlichster Stelle. Jeder weiß, es steht für die Hoffnung. Diese scheint hier zu erwachen, aber sie wird gleich wieder zunichte gemacht. Das Grün verdankt sich dem black-out, der Verdunkelung Londons im Krieg, die alles weiße Licht zu einem gefärbten Schimmer dämpfte. Das Aufblinken der Hoffnungsfarbe besiegelt nur die Hoffnungslosigkeit.
Theodor Kramer, Sozialist, Jude und verdienter Soldat im Ersten Weltkrieg, hatte 1939 mit knapper Not aus dem Nazi-Wien nach England entkommen können. Der Ruhm, den ihm seine Gedichtbände seit 1929 eingetragen hatten, war hier nicht einmal ein Gerücht. Er schleppte sich durch die Jahre, auch unter den Emigranten einsam, hungerte viel und schrieb unentwegt Gedichte. Tausende. Versemachen war ihm wie Atmen oder Trinken, auch ohne Aussicht auf Publikation. Das macht die überlieferten Texte so ergreifend, auch das vorliegende Beispiel. Sie sind Dichtung und Dokument zugleich.
Auch wenn er nie als Sänger auftrat, war er im Grunde ein Chansonnier. Man meint eine Melodie zu hören beim Lesen, leichte Töne, die sich trällern lassen. Aber parodistisch wie bei Wedekind oder Brecht sind diese Chansons nie. Theodor Kramer besteht die Welt nur, indem er sie zum Gedicht macht, Tag für Tag, und dieses Gedicht muß in Rhythmen und Reimen schwingen. Modern oder nicht modern – das ist keine Frage, wo es um das Überleben geht. Rhythmen und Reime werden ihm zu einem fragilen Zuhause. Auch wenn sie von der schwarzen Verlassenheit reden, wohnt in ihnen noch ein Echo von guter Ordnung. Wie im kleinen Klang des Wortes „grün“.
Das Gedicht entsteht im August 1942. Die Not ist ungeschminkt. Alles wird beim Namen genannt. Wenigstens zu zweit ins Kino! Oder in den Hyde Park. Oder in eine Bar. Nur nicht so allein in der totenstillen Stadt! Bei diesen Versen merkt man plötzlich, wie luxuriös die Flaneure leben, von denen immer so viel Aufhebens gemacht wird. Sie genießen ihre Einzelgängerei, weil sie es jederzeit anders haben könnten. Auch dieser Flüchtling besitzt den scharfen Blick der Flaneure. Auch er registriert die Nuancen der Metropole: wie der Mörtel von den alten Häusern rieselt, oder daß irgendwo ein Grille aufzirpt. Aber wo der Flaneur sich an seiner Einsamkeit delektiert, leidet der Flüchtling daran wie ein Hund.
Das zeigt die schreckliche Steigerung in der vierten Strophe. Vorher brachte das Beschreiben der nächtlichen Stadt noch etwas wie Ruhe in die Rede. Jetzt bricht der Jammer wild heraus. Der Verlassene begreift sich als Dichter, stolz sogar:

Was ich kann,
ist: Gedichte zu schreiben wie keiner sie schreibt;

Aber das ist keine Selbstversicherung, es weiß ja niemand etwas davon. Kein Gegenüber hat er unter Millionen. Selbst Feindschaft, Streit, ein Schlag ins Gesicht wären erlösend. Da könnte im Innern doch etwas auflodern; das Herz könnte zu bersten glauben in einem mächtigen Gefühl. Die Parallelität dieses „Oh, wer schlägt mir…“ zu den drei vorhergehenden „Oh, wer geht mit mir…“ ist entsetzlich.
Theodor Kramer kehrte erst 1957 nach Österreich zurück, mit Bergen von Gedichten. Das Interesse daran hielt sich in Grenzen. Sechs Monate später war er tot.

Peter von Matt, aus Peter von Matt: Wörterleuchten, Carl Hanser Verlag, 2009

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