Richard Brautigan: Japan bis zum 30. Juni

Brautigan-Japan bis zum 30. Juni

ERDBEERENHAIKU

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Zwölf rote Beeren.

 

 

 

Lebwohl, Onkel Edward, und alle

andern Onkel Edwards auch

Mein Onkel Edward ist tot.
Er starb, als er sechsundzwanzig Jahre alt war.
Er war der Stolz meiner Familie.
Das war im Jahre 1942.
Er wurde indirekt durch das japanische Volk getötet, das Krieg gegen das Volk der Vereinigten Staaten von Amerika führte. Das ist schon lange her.
Er arbeitete als Ingenieur auf der Midway-Insel, als die Japaner am 7. Dezember 1941 die Insel angriffen. Tiefflieger schossen mit ihren Maschinengewehren und warfen Bomben. Man drückte meinem Onkel Edward ein Maschinengewehr in die Hand, damit er mithelfen konnte, die Insel zu verteidigen. Er sah eine gute Stelle, an der er das MG aufstellen konnte, und ging darauf zu. Er erreichte die Stelle nie.
Eine japanische Bombe explodierte in seiner Nähe, und ein Bombensplitter traf, wie ein Schatten, seinen Kopf. Für meinen Onkel Edward wurde alles schemenhaft und leer, und die Stelle, an der er das Maschinengewehr aufstellen wollte, rückte sehr weit weg, wurde dunkel und hatte nichts mehr mit seinem Leben zu tun. Er wurde von Midway evakuiert und mit dem Schiff nach Hawaii gebracht, wo er monatelang bewußtlos im Koma lag. Der Bombensplitter wurde aus seinem Kopf entfernt, und Onkel Edward lag Woche um Woche ohne Bewußtsein mit einem Verband um den Kopf da, bis er endlich die Augen aufmachte und der Welt wiedergegeben wurde, aber das sollte nicht von langer Dauer sein.
Im Frühjahr 1942 erholte er sich einigermaßen von der Verwundung des 7. Dezembers, aber er starb noch im selben Jahr, während er auf einem „geheimen“ Luftwaffenstützpunkt in Sitka, Alaska, arbeitete.
Während seiner Rekonvaleszenz auf Hawaii schrieb er Gedichte in der Manier von Rudyard Kipling, Robert W. Service und Omar Chajjam. Er schrieb sich auch Gedichte dieser Autoren auf, die er noch auswendig wußte. Sie waren bei seinen Sachen, die schließlich bei meiner Mutter landeten. Er war ein glänzender Ingenieur gewesen und ein ziemlicher Romantiker dazu.
Er hatte sich die Gedichte in Spiralblocks aufgeschrieben. Ich weiß noch, daß ich sie in den Jahren gleich nach dem Krieg gelesen habe. Es war ein komisches Gefühl, diese Sachen zu lesen. Der Krieg war vorbei. Wir hatten gewonnen. Mein Onkel Edward war tot, und ich las seine Gedichte.
Als er aus dem Krankenhaus in Honolulu entlassen worden war, ging er nach San Francisco und hatte zwei Wochen lang eine Liebesgeschichte mit einer geschiedenen Frau. Das gemeinsame Band zwischen ihnen bestand, außer in offenkundiger körperlicher Lust, in einer tiefen Zuneigung zu den Gedichten Omar Chajjams, die sie immer abwechselnd deklamierten, hoffentlich nachdem sie es ganz toll und phantastisch miteinander getrieben hatten.
Ich glaube, mein Onkel Edward hatte das verdient, denn er hatte nur noch ein paar Monate zu leben. Er würde im Herbst schon nicht mehr am Leben sein. Ich würde dann in Gestalt eines siebenjährigen Jungen an seinem Sarg stehen und auf sein Gesicht hinunterstarren, das grotesk geschminkt ist, und man würde mich zwingen, den Lippenstift auf seinem toten Mund zu küssen. Ich weigerte mich und rannte schreiend durch den Gang des Leichenhauses davon, weg von seinem Sarg, seinem Tod. Der Stolz und die Zukunft unserer Familie hatte sich in dieses rougegeschminkte und lippenstiftbemalte Leichending verwandelt.
Draußen regnete es.
Es war Nacht.
Das japanische Volk hatte ihn indirekt umgebracht.
Sie hatten eine Bombe auf ihn geworfen.
Nach seiner Liebesgeschichte mit der geschiedenen Frau ging er nach Sitka, Alaska, und arbeitete dort auf dem Luftwaffenstützpunkt.
Und das führte dann zu seinem Tod.
Er trug immer noch einen Verband um den Kopf, als er auf dem Luftwaffenstützpunkt arbeitete. Er hatte sich noch nicht völlig von den Folgen des Bombensplitters erholt, aber er wollte seinem Land helfen, deshalb ging er nach Alaska.
Eines Tages wurde Bauholz auf eine Plattform geladen und mit einem Kran in den zweiten Stock eines Rohbaus hochgezogen.
Mein Onkel Edward stellte sich auf den Holzstapel und ließ sich mit hochziehen. Wahrscheinlich wollte er oben mit jemandem reden oder im Gebäude etwas überprüfen. Als die Plattform fünf Meter über dem Boden war, fiel er herunter und brach sich das Genick.
Tausende von Leuten fallen irgendwo fünf Meter herunter, und es macht ihnen nichts aus. Sie fühlen sich vielleicht ein bißchen gestaucht, aber sie sind nicht verletzt. Andere brechen sich Arme oder Beine. Mein Onkel Edward brach sich das Genick und war auf dem Weg zu einer regnerischen Nacht in Tacoma, Washington, wo ich mich über seinen Sarg beugte und wo man von mir verlangte, daß ich meine Liebe zu ihm zeigte, indem ich den Lippenstift auf seinem toten Mund küßte. Ich weigerte mich und rannte schreiend durch den Gang des Leichenhauses davon.
Man nahm an, daß die Ursache seines Sturzes ein Schwindelgefühl war, die Nachwirkung des japanischen Bombensplitters, der in seinen Kopf eingedrungen war.
Er wurde einfach schwindlig, stürzte ab und brach sich das Genick.
Ich habe einmal ein Gedicht über den Tod meines Onkels Edward geschrieben, als ich ungefähr so alt war wie er. Das Gedicht heißt „1942“, und es geht so:

Pianobaum, spiel
in den dunkeln Konzertsälen
meines Onkels,
sechsundzwanzig Jahre alt, tot
und auf dem Weg nach Hause
auf einem Schiff aus Sitka,
sein Sarg ist
wie die Finger
Beethovens, die über
den Rand eines
Weinglases fahren.

Pianobaum, spiel
in den dunklen Konzertsälen
meines Onkels,
eine Legende meiner Kindheit, tot,
sie schicken ihn zurück
nach Tacoma.

In der Nacht ist sein Sarg
wie die Vögel,
die unter dem Meer fliegen
und nie den Himmel berühren.

Pianobaum, spiel
in den dunklen Konzertsälen
meines Onkels,
nimm sein Herz
als Geliebte
und nimm seinen Tod
als Bett, und schick ihn nach Hause
auf einem Schiff aus Sitka
damit er da begraben wird
wo ich geboren bin.

Indirekt hat ihn das japanische Volk
getötet.
Sie haben eine Bombe auf ihn geworfen.
Er hat sich nie wirklich davon erholt.
Er ist jetzt schon seit dreiundvierzig Jahren tot.

Er war der Stolz unserer Familie.
Er war unsere Zukunft.

Alles, was ich hier gerade aufgeschrieben habe, ist ein Mythos in unserer Familiengeschichte. Fakten und Daten sind möglicherweise etwas ungenau, weil es ja schon so lange her ist und weil Fakten und Daten sich ändern. Sie ändern sich durch die Schwächen des menschlichen Gedächtnisses und durch Ausschmückung, die eine menschliche Eigenart ist, aber eine Sache ist völlig korrekt:
Mein Onkel Edward starb, als er Mitte zwanzig war, und er starb indirekt durch eine Bombe, die die Japaner auf ihn warfen, und nichts in dieser Welt, nicht Macht und nicht Gebet, kann ihn uns wiedergeben.
Er ist tot.
Er ist weg. Für immer.
Das ist eine seltsame Art, ein Gedichtbuch einzuleiten, das meine große Zuneigung für die Japaner ausdrückt, aber ich mußte das schreiben, weil es Teil einer Landkarte ist, die mich nach Japan geführt hat und dazu, dieses Buch hier zu schreiben.
Ich werde jetzt noch andere Orte auf dieser Landkarte beschreiben, die mich im Frühjahr 1976 nach Japan und zu diesen Gedichten gebracht hat.
Ich haßte die Japaner den ganzen Krieg hindurch.
Sie waren für mich Untermenschen, teuflische Wesen, die vernichtet werden mußten, damit die zivilisierte Welt und Freiheit und Gerechtigkeit für alle die Oberhand behalten könnten. In Zeitungskarikaturen wurden die Japaner als Affen mit vorstehenden Zähnen dargestellt. Propaganda regt die Phantasie von Kindern an.
Ich brachte beim Kriegsspielen Tausende von japanischen Soldaten um. Ich schrieb eine Kurzgeschichte mit dem Titel „Die Geisterkinder von Tacoma“, die zeigt, mit welcher Hingabe ich Japaner umbrachte, als ich sechs, sieben, acht, neun und zehn Jahre alt war. Ich war sehr gut darin. Es machte Spaß, sie umzubringen.
Während des Zweiten Weltkriegs tötete ich persönlich 352.892 feindliche Soldaten, Verwundete gab es nicht. Kinder brauchen im Krieg sehr viel weniger Lazarette als Erwachsene. Kinder sehen die Sache mehr von der Alle-tot-keiner-lebt-Seite.
Ich erinnere mich noch an den Tag, an dem der Krieg schließlich zu Ende ging. Ich saß im Kino und schaute mir einen Dennis-Morgan-Film an. Ich glaube, es war ein Fremdenlegionärsfilm mit viel Wüste und Marschliedern, aber ich kann das nicht mehr genau sagen. Plötzlich erschien auf der Leinwand ein Stück gelbes Papier, auf das jemand mit Schreibmaschine geschrieben hatte, daß Japan soeben kapituliert habe und der Zweite Weltkrieg vorbei sei.
Alle Leute im Kino fingen an, zu kreischen und zu lachen und waren völlig außer sich. Wir rannten hinaus auf die Straßen, wo überall Autos hupten. Es war ein heißer Sommernachmittag. Alles war ein einziges Inferno. Leute, die sich völlig fremd waren, umarmten und küßten sich. Alle Autos hupten. Die Straßen waren von Leuten überschwemmt. Der Straßenverkehr kam zum Erliegen. Die Leute schwärmten küssend und lachend wie Ameisen durch die Straßen und krabbelten über hupende Autos, deren Insassen alle in Ekstase waren.
Was hätten wir denn sonst tun können?
Die langen Jahre des Krieges waren vorbei.
Es war aus und vorbei mit dem Krieg. Er war zu Ende.
Wir hatten diese affengesichtigen Untermenschen, die Japaner, besiegt und vernichtet. Gerechtigkeit und Zivilisation hatten über diese Kreaturen triumphiert, die in den Urwald gehörten und nicht in Städte.
Ich war zehn Jahre alt.
Und ich empfand das damals so.
Mein Onkel Edward war gerächt worden.
Sein Tod war durch die Zerstörung Japans verklärt worden.
Hiroshima und Nagasaki waren Kerzen, die stolz auf dem Geburtstagskuchen seines Opfers brannten.
Die Jahre vergingen.
Ich wurde älter.
Ich war nicht mehr zehn.
Ich war plötzlich fünfzehn, und der Krieg wurde eine Sache der Vergangenheit, verschwand in der Erinnerung, und mein Haß auf die Japaner verschwand mit ihm. Die Haßgefühle verflüchtigten sich allmählich.
Die Japaner hatten ihre Lektion gelernt, und wir als barmherzige Christenmenschen gaben ihnen noch mal eine Bewährungschance, und sie sprachen großartig darauf an.
Wir waren wie ihr Vater, und sie waren unsere kleinen Kinder, die wir streng bestraft hatten, wie sie böse waren, aber jetzt waren sie brav, und wir verziehen ihnen, wie sich das für gute Christen gehört.
Schließlich waren sie ja Untermenschen gewesen, und wir brachten ihnen jetzt bei, Menschen zu sein, und sie lernten sehr rasch.
Die Jahre gingen dahin.
Ich war siebzehn und dann achtzehn, und ich begann, japanische Haikus aus dem siebzehnten Jahrhundert zu lesen. Ich las Basho und Issa. Mir gefiel, was sie mit der Sprache machten, wie sie Gefühl, Detail und Bild konzentrierten, bis sie eine Form hatten, die wie Tautropfen aus Stahl war.
Ich sah, daß die Japaner keine Untermenschen waren, sondern daß sie schon Jahrhunderte, bevor sie an jenem 7. Dezember mit uns zusammenstießen, zu Gefühlen und Mitleid fähige zivilisierte Menschen waren.
Der Krieg wurde für mich noch einmal zu einer wichtigen Sache.
Ich verstand allmählich, was vorgefallen war.
Ich begann die Mechanik des Kriegs zu verstehen: daß Vernunft und Logik ausgeschaltet werden, wenn der Krieg beginnt, und daß Wahnsinn und Unlogik herrschen, solange er anhält.
Ich schaute mir japanische Gemälde und Schriftrollen an.
Ich war sehr beeindruckt.
Mir gefiel die Art, wie sie Vögel malten, weil ich Vögel mochte, und dann war ich schließlich nicht mehr ein Kind des Zweiten Weltkriegs, das die Japaner haßte und seinen Onkel gerächt sehen wollte.
Ich ging nach San Francisco und hatte Umgang mit Leuten, die sich mit Zen-Buddhismus beschäftigten und sehr davon beeinflußt waren. Ich habe den Buddhismus langsam durch Osmose kennengelernt, indem ich beobachtete, wie meine Freunde lebten.
Ich bin kein religiöser Dialektiker. Ich habe mich sehr wenig mit Philosophie beschäftigt.
Ich beobachtete, wie meine Freunde ihr Leben einrichteten, wie sie wohnten und wie sie mit sich selber umgingen. Ich habe den Buddhismus kennengelernt so wie Indianerkinder etwas über die Welt lernten, bevor der weiße Mann nach Amerika kam. Sie lernten durch Beobachtung.
Ich habe den Buddhismus durch Beobachtung kennengelernt.
Und ich habe japanisches Essen und japanische Filme schätzen gelernt. Ich habe über fünfhundert japanische Filme gesehen. Ich habe gelernt, Untertitel so schnell zu lesen, daß es mir schon so vorkommt, als ob die Schauspieler in den Filmen englisch sprächen.
Ich hatte japanische Freunde.
Ich war nicht mehr der haßerfüllte Junge der Kriegszeit.
Mein Onkel Edward war tot; der Stolz und die Zukunft unserer Familie zerstört in der Blüte seines Lebens. Was sollten wir denn ohne ihn anfangen?
Über eine Million junger Japaner, der Stolz und die Zukunft ihrer Familien, waren auch tot, und dazu noch Hunderttausende von unschuldigen Frauen und Kindern, die bei den Brandbombenangriffen auf Japan und durch die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki ums Leben gekommen sind.
Was sollte Japan denn ohne sie anfangen?
Ich wollte, daß nichts von alledem jemals passiert wäre.
Ich las japanische Romane, Tanizaki etc.
Ich wußte, daß ich eines Tages nach Japan gehen müßte.
Der japanische Teil meines Lebens lag noch vor mir. Meine Bücher waren ins Japanische übersetzt worden, und die Reaktionen waren sehr klug und intelligent. Sie gaben mir Auftrieb und machten mir Mut, meine einsame Fährte weiter zu verfolgen wie ein Wolf, der geräuschlos durch die Wälder streift.
Ich reise nicht gerne.
Japan ist weit entfernt.
Aber ich wußte, daß ich eines Tages hingehen müßte. Japan war wie ein Magnet, der meine Seele an einen Ort zog, an dem sie noch nie gewesen war.
Eines Tages stieg ich in ein Flugzeug und flog über den Pazifischen Ozean. Diese Gedichte hier sind das, was sich ereignete, nachdem ich aus dem Flugzeug gestiegen war und den Boden Japans betreten hatte. Die Gedichte sind datiert und bilden eine Art Tagebuch.
Sie sind anders als andere Gedichte, die ich geschrieben habe. Wenigstens glaube ich, daß sie anders sind, aber ich bin wahrscheinlich der letzte auf der Welt, der das entscheiden kann. Sie sind von sehr unterschiedlicher Qualität, aber ich habe sie trotzdem alle drucken lassen, weil sie ein Tagebuch sind, das meine Gefühle und Stimmungen in Japan ausdrückt, und weil die Qualität dessen, was wir erleben, auch oft sehr unterschiedlich ist.
Sie sind meinem Onkel Edward gewidmet.
Sie sind allen japanischen Onkel Edwards gewidmet, denen zwischen dem 7. Dezember 1941 und dem 14. August 1945, als der Krieg zu Ende ging, das Leben genommen wurde.
Das war vor einunddreißig Jahren.
Fast ein Dritteljahrhundert ist seither vergangen.
Der Krieg ist vorbei.
Mögen die Toten in ewigem Frieden ruhen und unsere Ankunft erwarten.

Richard Brautigan, 6. August 1976, Nachwort

 

Einer der speziellsten, aber auch liebeswertesten Dichter

aller Zeiten

Richard Brautigan war einer verrücktesten, unkonventionellsten Schriftsteller aller Zeiten und beinahe alles, was er geschrieben hat, besitzt diesen leichten Einschlag von liebenswerten Kult, der zwischen Poesie und Trash hin- und herpendelt. Sehr zu empfehlen ist auch sein Tokio – Montana – Express.

Ich reise nicht gerne.
Japan ist weit entfernt.
Aber ich wusste, dass ich eines Tages hingehen müsste. Japan war wie ein Magnet, der meine Seele an einen Ort zog, an dem sie noch nie gewesen war.
Eines Tages stieg ich in ein Flugzeug und flog über den pazifischen Ozean. Diese Gedichte hier sind das, was sich ereignete, nachdem ich aus dem Flugzeug gestiegen war und den Boden Japans betreten hatte. Die Gedichte sind datiert und bilden eine Art Tagebuch. (Aus dem Vorwort)

Als Dichter war Brautigan nie ganz so extravagant wie als Kurzgeschichtenschreiber und Romancier, dafür sind seine Gedichte so etwas wie kleine Weisheiten, fast schon subtile Impressionen von Stimmungen bis hinüber zu erwähnenswerten Kleinigkeiten. Wie schon von einigen Vorrezensenten angemerkt, sind sie oft melancholisch oder zumindest leicht in Schräglage, auch weil sie nicht selten bei Gelegenheiten entstanden, in denen Brautigan nichts anderes zu tun oder bloß eine plötzliche Idee hatte.

Beim Blättern
in meinem englisch-japanischen Wörterbuch
kann ich das Wort Frosch nicht finden.
Es ist nicht da.
Heißt das, dass Japan keine Frösche hat?

Alles in allem ist Japan bis zum 30. Juni eine kleine heiter bis traurige Reise durch Brautigans Japanaufenthalt. Viel steckt hier in Kleinigkeiten und liebenswert-nebensächlichen Gedanken und Momenten, die aber etwas Bezeichnendes ausstrahlen. Also zweifellos ein Lesevergnügen.

Ich mag diesen Taxifahrer,
der durch die dunklen Straßen Tokios rast
als hätte das Leben keinen Sinn.
Mir ist genauso zumute.

Timo Brandt, amazon.de, 23.11.2012

Für jeden sein eigenes Gedicht

Der Autor und Dichter Richard Brautigan hatte Zeit seines Lebens eine besondere Beziehung zu Japan. Er wurde nicht zuletzt durch die östliche Philosophie beeinflußt und – das versteckt er nur notdürftig – er war ein Verehrer der japanischen Frauen, wie man nicht nur seinem Roman Sombrero vom Himmel sondern auch dieser Gedichtsammlung deutlich anmerkt.
So wundert es nicht, daß er besonders inspiriert war, wenn er in Japan war. Japan bis zum 30. Juni (dem Datum seines Rückflugs im Jahr 1976) ist eine Sammlung von Gedichten, die er in dort schrieb und die sich auf seine Art mit dem Land beschäftigen und mit ihm selbst. Brautigan schafft es, ein Bild des Landes zu zeichnen, ohne wirklich darüber zu erzählen. Er liefert Momentaufnahmen, kurze Gedanken und ordnet diese zu kurzen Texten, die Lyrik sind, obwohl sie wie Prosa klingen.
Die Gedichte in diesem Sammelband reichen von nachdenklichen Tönen bis zu ausgelassenen Nonsens-Texten. Oft habe ich beobachtet, daß es anderen ging wie mir: Beim Lesen hält man inne, ergriffen von einem Text, der einen anspricht, der irgendwie für einen selbst geschrieben zu sein scheint. Schon dafür lohnt sich dieses kleine Buch in jeder Sammlung. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)

Ein Kunde, amazon.de, 22.7.1999

Eher schwache Gedichte des sonst so guten Autors

Über Richard Brautigan ließe sich so manches sagen; Schlechtes ist wenig dabei, wenn man eine gewisse Offenheit für Lebensstile und auch Schreibweisen mitbringt, und ich speziell will mich mangels geeigneter Kenntnisse lieber zurückhalten. Was ich von Brautigan kenne, sind einige Prosatexte (sehr empfehlenswert: „Die Abtreibung“) und zwei Gedichtbände, neben der Pille gegen das Grubenunglück von Springhill noch diesen Band. Leider ist er bedeutend schlechter. Es finden sich hier Gedichte die, als Tagebuch angeordnet und, darf man dem Vorwort glauben, auch gedacht sind. Sie sollen die Zeit einfangen, die Brautigan (vom 13. bis zum 30. Juni 1976) in Japan auf Lesereise verbrachte. – Ein Vorwort stimmt den geneigten Leser auf die weiteren Hintergründe der Reise sowie insbesondere auf die zwiespältigen Gefühle des Autors gegenüber Japan ein. Leider sind die Gedichte aber lange nicht so schöne kleine, skurrile Kostbarkeiten wie sonst; stattdessen haben wir es mit eher langweiligen Alltagsbeobachtungen zu tun, die nur selten zu aberwitzigen poetischen Höhen aufsteigen. Die Gedichte seien „von sehr unterschiedlicher Qualität“, schreibt Brautigan selbst im Vorwort, aber er wolle sie als Tagebuch verstanden wissen. Auch dazu taugen sie allerdings leider wenig. Schade. Von dem Geld, das man für dieses Buch nicht ausgibt, kann man sich dann aber einen anderen Brautigan kaufen. Oder verschenken. Auch gut. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)

Ein Kunde, amazon.de, 17.8.1999

Nie schrieb Brautigan bessere Gedichte

Brautigan beschreibt in seinen Gedichten kleine Sequenzen seines Aufenthalts in Tokio. Die Gedichte vermitteln dem Leser sehr intensiv die Gemütslage des Autors. – Oft ist Brautigan sehr depressiv und einsam. Der Autor verwendet bei einzelnen Gedichten die japanische Haiku-Gedichtform, was für den Leser so gewöhnungsbedürftig wie auch interessant ist. Diese Gedichte zeichnen von allen seinen Geschichten und Gedichten wahrscheinlich am deutlichsten ein Bild des Kultautors. – Vor allem lassen Sie den Leser Tokio ,erleben‘ so wie es der Autor erlebt hat. – Dieses Buch ist ein ,Muss‘ für Brautigan Fans und solche die es werden wollen.

Ein Kunde, amazon.de 17.2.1999

 

Fakten und Vermutungen zum Übersetzer
Fakten und  Vermutungen zum AutorErdbeeren

 

Richard Brautigan in Lesung und Interview bei Swiss TV 1983.

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