Robert Frost: Promises to keep

Frost-Promises to keep

MAUERN AUSBESSERN

Da ist etwas, das mag die Mauern nicht,
das schickt die Kraft des Frostes drunter,
wirft Steine oben in der Sonne ab,
macht Lücken, breit genug für zwei.
Das Werk der Jäger sieht ganz anders aus:
Ich flickte dort die Mauer hinter ihnen,
wo kein Stein auf dem andern blieb;
sie mussten aus dem Bau den Hasen jagen
fürs Hundeglück. Die Lücken, die ich meine,
hat niemand kommen sehen oder hören,
und sind im Frühjahr doch zum Füllen da.
Ich gab dem Nachbarn hinterm Berg Bescheid,
und tags darauf gehn wir zu zweit entlang,
und zwischen uns erneuern wir die Mauer.
Die Mauer bleibt zur Arbeit zwischen uns,
zu jeder Seite eines jeden Steine.
Wie Laibe manche, andre fast so rund,
dass wir ins Gleichgewicht sie zaubern müssen:
„Bleib, wo du bist, bis wir uns abgewandt!“
Wir scheuern unsere Finger rauh beim Greifen.
Ach, es ist auch nur so ein Spiel für draußen,
je Spielfeld einer – viel mehr ist es nicht.
An diesem Platz bedarf es keiner Mauer:
nur Kiefern er, und ich nur Apfelhain.
Mein Apfelwald wird nie hinübersteigen
und seine Kiefernzapfen fressen.
Er sagt nur: „Gute Zäune, gute Nachbarn.“
Der Frühling weckt den Schalk in mir, vielleicht
setz ich ihm heut mal einen Floh ins Ohr.
Warum sind Zäune gut für Nachbarn? Gilt das
nicht nur, wo Kühe sind? Die seh ich nicht.
Bevor ich eine Mauer baue, frag
ich mich, was mauere ich ein, was aus,
und wen ich etwa damit kränke.
Da ist etwas, das mag die Mauern nicht,
das will sie brechen.“ ,Elfen‘ könnt ich sagen,
doch Elfen sind’s nur fast, und mir wär’s lieb,
er spräch es selber aus. Ich seh ihn dort,
wie er mit beiden Händen einen Stein
grad wie ein Steinzeitmensch in Waffen bringt.
Er geht im Dunkeln, scheint es mir,
nicht nur des Waldes und der Bäume Schatten.
Er sieht nicht hinter seines Vaters Spruch,
und freut sich, wie er sich daran erinnert,
dann wiederholt er: „Gute Zäune, gute Nachbarn.“

 

 

 

Der Zank zweier Liebender:

Robert Frost und seine Welt

Robert Lee Frost wird am 26. März 1874 in San Francisco geboren. Zwei Jahre später kommt seine Schwester Jeanie zur Welt. 1885, als Robert elf Jahre alt ist, stirbt sein Vater – Lehrer, Journalist, Abgeordneter und starker Trinker – eben dreißig Jahre alt an Tuberkulose. Die Mutter – eine Lehrerin – zieht mittellos mit beiden Kindern erst nach Lawrence, Massachusetts, zu den Großeltern väterlicherseits, und kurze Zeit später nach Salem Depot, New Hampshire. 1892, achtzehnjährig, lernt Robert seine zukünftige Frau Elinor Miriam White kennen. Nach dem High School-Abschluss besucht er das Dartmouth College, verlässt es aber – dort gelangweilt und in sich ruhelos – nach weniger als einem Jahr. Er beginnt zu unterrichten und verdingt sich zeitweilig als Reporter. 1895 heiratet er Elinor.
Im Jahr darauf wird der Sohn Elliott geboren. 1897 geht Robert auf das Harvard College, bricht aber nach zwei Jahren wieder ab. Elinor bringt 1899 eine Tochter zur Welt, Lesley. Mit vier Jahren stirbt Elliott im Jahr 1900 an Cholera. Elinor fällt in eine Depression. Roberts Mutter stirbt an Krebs.
Nach dem Tod des Großvaters im folgenden Jahr erhält Robert für zehn Jahre das Nutzungsrecht an einer Farm in Derry, New Hampshire. Während dieser Zeit versucht sich das Ehepaar Frost als Farmer. 1902 wird Sohn Carol geboren, 1903 und 1905 folgen Irma und Marjorie. Im selben Jahr nimmt Frost eine feste Stellung als Lehrer an der Pinkerton Academy an. 1907 kommt Elinor Bettina zur Welt, stirbt aber drei Tage nach der Geburt. Die Derry Farm wird 1911 auf Frost überschrieben. Da er als Farmer nur mäßig erfolgreich ist, verkauft er die Farm und verwendet das Geld für die Übersiedlung der Familie nach England im Jahr 1912.
Bis zu diesem Zeitpunkt waren nur einzelne Texte von Robert Frost veröffentlicht worden, zumeist Gedichte mit ländlichen Motiven. In der Hoffnung auf größere Resonanz bietet er seine Gedichtsammlung A Boy’s Will einem Verleger in England an, der sofort zusagt. Frost ist fast vierzig, als 1913 sein erstes Buch erscheint. Das nächste ist, im Jahr darauf, North of Boston. Es wird hervorragend besprochen.
In England kommt Frost in Kontakt mit Edward Thomas, Rupert Brooke, Robert Graves, William Butler Yeats und Ezra Pound. Aber die Freundschaft mit Pound wird zunehmend schwierig. Pound drängt Frost, in freien Versen zu schreiben:

Er sagt, ich müsse viel mehr so etwas wie vers libre schreiben, oder er werde mich durch Vernachlässigung untergehen lassen. Er droht geradezu.

Währenddessen bringt die amerikanische Dichterin Amy Lowell aus Boston Frosts Bücher, die sie 1914 in England entdeckt, nach Amerika und bespricht North of Boston sehr wohlwollend. Der Name Robert Frost wird nun auch in den Vereinigten Staaten bekannt – ohne Frosts Wissen.
1915 kehrt die Familie Frost in die Heimat zurück. Bei der Ankunft wird Robert Frost überraschend mit dem Ruf konfrontiert, der ihm vorausgeeilt war:

Ich war kaum angekommen, als ich eine Zeitung entdeckte, die ich noch nie gesehen hatte, The New Republic. Mein Name starrte mich von der Titelseite an. Zwei Spalten waren über mich.

Im selben Jahr kauft Frost eine Farm in Franconia, New Hampshire, muss aber zunächst trotz seines wachsenden Erfolgs aus finanziellen Gründen wieder unterrichten. Die Lehr- und Vortragstätigkeit wird in den nächsten zwanzig Jahren zu einer regelmäßigen Beschäftigung, etwa am Amherst College oder der University of Michigan.
Bald wird Frost mit Auszeichnungen und Ehrungen überhäuft. Das Privatleben jedoch bleibt von Tragödien überschattet. Seine Frau Elinor hat 1915 eine Fehlgeburt. 1920 wird seine Schwester Jeanie wegen Störung des öffentlichen Friedens verhaftet und von einem Arzt für unzurechnungsfähig erklärt. Frost lässt Jeanie in die staatliche Irrenanstalt in Augusta, Maine, einweisen.
1923 erhält Frost den Pulitzer-Preis für den Gedichtband New Hampshire. Seine Tochter Marjorie erkrankt 1925 und 1927 schwer, muss lange ins Krankenhaus. 1929 verstirbt Jeanie in der Irrenanstalt. Im folgenden Jahr muss Marjorie wieder ins Krankenhaus – mit Tuberkulose.
Frost wird für Collected Poems mit dem Pulitzer-Preis geehrt. 1931 bekommt Tochter Lesley ihr zweites Kind – und lässt sich scheiden. Marjorie, inzwischen ebenfalls verheiratet, bringt 1934 ein Kind zur Welt und stirbt an Kindbettfieber. Elinor hat einen schweren Anfall von Angina pectoris.
1936 wird der Pulitzer-Preis erneut an Frost vergeben, diesmal für A Further Range. Im Jahr 1938 stirbt Elinor Frost an Herzversagen. Robert bricht zusammen, seine Gesundheit ist in den nächsten Jahren labil. Carol, der schon länger unter Depressionen leidet, besonders seit dem Tod der Mutter, äußert 1940 Selbstmordabsichten. Frost besucht ihn und will ihm diese ausreden, reist zuversichtlich wieder ab – und erfährt kurz darauf, dass Carol sich erschossen hat. Er kehrt zurück, um das Begräbnis zu arrangieren und sich um seinen Enkel Prescott zu kümmern, der den Leichnam entdeckt hatte.
A Witness Tree holt 1942 Frosts vierten Pulitzer-Preis. Mittlerweile nach Cambridge gezogen, laboriert Frost an einer schweren Lungenentzündung. 1946 verschlechtert sich der geistige Zustand Irmas. Im folgenden Jahr lässt ihr Vater sie in die staatliche Irrenanstalt in Concord, New Hampshire, einweisen.
Zur Amtseinführung des amerikanischen Präsidenten J.F. Kennedy 1961 trägt er das Gedicht „The Gift Outright“ vor – als Notlösung, da er das eigens für den Anlass geschriebene Gedicht wegen des blendenden Lichts und seiner Sehschwäche nicht lesen kann.
Frost erkrankt 1962 erneut an einer schweren Lungenentzündung. Prostata- und Blasenkrebs werden diagnostiziert. Im August reist er in die Sowjetunion, wo er Nikita Chruschtschow trifft und in Moskau das Gedicht „Mending Wall“ („Mauern ausbessern“) vorträgt.
Robert Frost stirbt als poeta laureatus der U.S.A. Am 29. Januar 1963 in Boston.

Neben seiner wenig einträglichen Arbeit in der Landwirtschaft (er sah sich selbst als schlechten Farmer) zog es Robert Frost immer wieder zum Unterrichten an Schulen und Universitäten. Die Routine der Lehranstalten war ihm jedoch zeitlebens zuwider. Er vertrat die Ansicht, alles Akademische hungere das Talent aus. Dennoch galt er – wohl (auch) wegen unkonventioneller Unterrichtsmethoden – als ausgezeichneter Lehrer.
Die Anstellung als „Poet in Residence“ 1939–1943 in Harvard, 1943–1949 in Dartmouth und schließlich 1949–1963 in Amherst kam seinen Ansichten von Wissensvermittlung eher entgegen. Ihm lag daran, im Gespräch über die Poesie und die Natur der Dinge den klaren und unverstellten Blick auf das Einfache zu schulen. Sein „Bildungsziel“ war schlicht: Wer lernen will, muss schauen und hören lernen, muss unterscheiden lernen, was wirklich zählt und was nur flüchtig ist.

Im Unterschied zu den Romantikern sieht Frost die Natur nicht schwärmerisch.

Mein Land ist ein Milch- und Sirup-Land. Wir bekommen, was aus den Kühen und aus den Bäumen rinnt.

Ihm geht es um das Werden und Vergehen in der Natur, um die Kreisläufe des Kommens und Gehens, in die die Menschen auf dem Land eingebunden sind. Manchmal wurden Frosts Gedichte in die Tradition der pastoralen Dichtung gestellt. Doch seine ländlichen Idyllen sind keine Schäferpoesie – nicht einmal richtige Idyllen. Frost, ganz Farmer, kennt die Mühsal harter Arbeit auf dem Land; ganz Dichter, sieht er den höheren Lohn dieser Plackerei: Die Erde gibt die Liebe zurück – Momente der Glückseligkeit, der Erkenntnis, Teil von etwas Größerem zu sein. Strenge Religiosität ist ihm dabei fremd. Ihm scheint es müßig, über das Ende hinauszusehen. Der horror vacui liegt nicht draußen, sondern im Menschen selbst. Der wirklichkeitsnahe Blick – hier: auf die Lebensumstände und die Sprache der Neuengländer – und die Psychologisierung der Figuren gelten als ein Kennzeichen der Literatur des 20. Jahrhunderts. Was man aus der literarischen Moderne bei Frost vergeblich sucht, sind lyrische Experimente wie etwa die typographischen Gedichte seines Zeitgenossen E.E. Cummings. Selbst der freie Vers war Frost zeitlebens suspekt. Doch dazu später.

Wir hatten jetzt einhundert Jahre lang Naturlyrik. Nun brauchen wir den menschlichen Vordergrund dazu.

Frost war der Meinung, dass manche Schattierungen eines Charakters nur ein wahrer Poet erkennen könne. Er geht den Menschen auf den Grund, sieht ihre Mühsal oder ihre Zufriedenheit. Er weiß um den Alltag, die Ehe, die Arbeit und das Alter. Er schätzt das Gespräch mit den Nachbarn, kennt das Vertrauen und das Misstrauen zwischen den Menschen. Darum spricht Frost immer auch von seiner eigenen Existenz, seiner Biographie, die manchmal in den Gedichten durchscheint. Seinen Kindern Lesley, Carol, Irma und Marjorie schenkte er beispielsweise einen Vers in „Maple“.
Die tragischen Elemente in Frosts Werk scheinen mit seiner Biographie verwoben zu sein. Einige der Schicksalsschläge finden ihren Niederschlag in seinen Gedichten, tauchen als Szenen oder Bemerkungen in seinen dramatischen Dialogen auf. Nur ein Beispiel sei genannt: Der Verlust zweier Kinder (1900 und 1907) und die Depressionen seiner Frau Elinor haben in „Heimbegräbnis“ (erschienen 1914) ihre Spuren hinterlassen – nicht als Tatsachenbericht, wohl aber als Erfahrungswert. Doch nirgends entsteht der Eindruck, Frost schreibe, um Privates zu erzählen. Das Schreiben ist eher Kontemplation, weniger Aufschrei. Was geschieht, geschieht. Er hadert nicht mit der Natur, hebt nicht die Faust gegen das Schicksal.

Was ich über das Leben gelernt habe, kann ich in drei Wörter fassen: Es geht weiter.

Es war unvermeidlich: Wegen seiner Besinnung auf das Landleben wurde dieser Dichter zum puritanischen Konservativen erklärt. Er sei ein Nostalgiker der sogenannten guten alten Zeit. Ein Missverständnis – denn wie alle große Dichtung überragt auch die von Robert Frost ihre eigenen Topoi; sie ist nicht rückwärts gewandt, sondern zeitlos. Mark Van Doren schreibt in seinem Artikel „Robert Frost’s America“ (The Atlantic Monthly, Juni 1951):

Seine Gedichte beginnen zu Hause, wie alle guten Gedichte; […] aber sie führen überall hin, wie nur die besten.

Frost sagte es irdischer: Ein Gedicht solle „fröhlich beginnen und in Weisheit enden“.

Frost findet seine Anregungen in dem, was ihn jeden Tag umgibt. Seine höchst genauen Beobachtungen fasst er in präzise Worte. „Ich mag es nicht, über etwas zu schreiben, das ich nicht sehe“ wird er im Nachruf der New York Times vom 30. Januar 1963 zitiert. Manchmal sieht er die Natur als wütendes Tier wie in „Sturmangst“, dann wieder als Freudenbringer in „Birken“ oder als ein Ort der Isolation wie in „Eines alten Mannes Winternacht“. Die Liebe zur Schönheit der Natur und der Schrecken vor ihrer harten Wirklichkeit sind dabei nur verschiedene Sichtweisen auf das Selbe. Dabei ist Frost wohl kein Künder des Dunkels, kein „dark poet“, sondern ein Sucher der Helligkeit auch in dunkelster Stunde. Das Glück gleiche durch Höhe aus, was ihm an Dauer fehlt.
Frosts lyrisches Ich arrangiert sich mit der Natur: „Rast am Wald an einem verschneiten Abend“ oder „Nach dem Apfelpflücken“ sind Einblicke des Menschen in seine Vergänglichkeit, „Der Berg“ oder „Zwei schaun auf Zwei“ sind Variationen von Grenzerfahrungen zwischen einem Leben als Teil der Natur und als Eindringling in ihr. Die Rolle der Natur ist es, an die Ursprünge des Lebens, der Liebe und des Todes zu erinnern. Sie gibt Frost immer wieder Anlass zur Zuversicht. Der Wanderer in „Ein Laubtreter“ erkennt im Schicksal des Herbstlaubes das Schicksal allen Lebens: Im Waldspaziergang bildet sich der Gang durchs Leben ab. Doch er verzagt nicht, sondern schickt sich an, die Zeit gut zu nutzen.

Die Natur um den Menschen ist ein Spiegel seiner inneren Natur. Frost ist fasziniert von äußeren und, mehr noch, inneren Naturgewalten. Der Blick auf das, was das lyrische Ich und die Figuren umgibt, richtet sich oft nach innen wie etwa in „Öde Orte“ oder „Die Nacht gekannt“. In besonderem Maße tritt diese innere Gewalt jedoch in den langen Dialogen hervor, deren Charakterkonflikte meist aus der Vorgeschichte erwachsen:

In fast allen dramatischen Dialogen erkennen wir aus der aktuellen Situation, was vorher schon alles geschehen sein muss im Leben der Redenden, was sie durchlebt haben müssen, welche Gefühle und Umstände ihre Handlungen und Einstellungen geformt haben. (Edward Garnett: „A New American Poet“, The Atlantic Monthly, August 1915)

Durch das Ringen des Menschen mit seinen inneren Dämonen zerbrechen Seelen, Sehnsüchte scheitern an der harten Wirklichkeit, ein Verstehen im Gespräch scheint unmöglich. Eindringliche Beispiele sind die missglückte Rückkehr Amys zur Normalität in „Heimbegräbnis“ oder die Angst vor dem familiären Erbe einer Geisteskrankheit in „Im Dienst der Arbeiter“ oder „Die gestürzte Blume“. Die dramatischen Dialoge enden aber keineswegs immer unglücklich. In „Der Tod des Tagelöhners“ etwa wird die sachliche Einstellung des Farmers durch die Menschlichkeit seiner Frau überwunden. In „Maple“ gelangt die Protagonistin zu der Erkenntnis, dass der eigene Lebensweg auch von Dingen bestimmt wird, die nicht immer erklärbar sind.
„Heimbegräbnis“ zählt dabei wohl zu den beeindruckendsten Gedichten und demonstriert auf unheimliche Weise, wie zwei Menschen ohne einen Hauch gegenseitigen Verstehens ihre Probleme besprechen wollen und, im Fall des Ehemanns, nicht begreifen, was ihre Taten und Worte anrichten. Joseph Brodsky analysiert (in Von Schmerz und Vernunft. Über Hardy, Rilke, Frost und andere. München: Hanser, 1996), wie bereits die räumliche Positionierung der Figuren zu Beginn von „Heimbegräbnis“ eine Einschätzung der Situation erlaubt, des Abstands, des Unterschieds zwischen den Rollen. Besonders fasziniert Brodsky die Szene, in der der Mann die Grabsteine im Garten durch das Fenster sieht: Wie ein gerahmtes Bild an der Wand erscheinen die Gräber draußen – und die Größe des Friedhofs wird mit der des Schlafzimmers verglichen. Kein weiteres Wort ist nötig, um die Beziehung dieser beiden Menschen, den Zustand ihrer Ehe zu erklären.

Robert Frost hatte eine persönliche Maxime: Tue das, was man von dir verlangt, aber tu es auf deine Weise. Dies beherzigte er auch bei der formalen Gestaltung seiner Gedichte. Er war mit den klassischen Formen von Metrum und Reim vertraut, schaffte es aber, dieses Instrumentarium auf eine eigene Art und Weise anzuwenden. Nach seiner Ansicht lagen die traditionelle literarische Sprache und die tatsächlich gesprochene Sprache unnötig weit auseinander. Sein Bestreben war, eine dichterische Sprache zu verwenden, die nahe an die natürlich gesprochene seiner Neuengländer reichte.
Frost hat die Poesie der Alltagssprache freigelegt, weil er die Poesie darin sah. Für ihn sollte die Kunst die Form des Lebens herausarbeiten. So wie ein Kamm ungeordnete Haare in eine gleichmäßige Ordnung bringt, wird das Poetische in den alltäglichen Wörtern und Sätzen durch das Metrum deutlich sichtbar und hörbar:

Die Kunst sollte den Linien der Natur folgen, wie ein Axtstiel der Maserung. Falsche Kunst krümmt Dinge, die nicht gekrümmt sind.

Um einen natürlichen, organischen Sprachfluss zu erzeugen, weicht Frost zugunsten des Rhythmus gelegentlich vom Versmaß ab; er fügt etwa in einen Blankvers (fünfmal je eine unbetonte und eine betonte Silbe) einen Anapäst (unbetont, unbetont, betont) oder einen Daktylos (betont, unbetont, unbetont) ein.
Dem freien Vers hat sich Frost stets widersetzt, da er ihm nicht geeignet schien, diese Kunst-Leistung zu erbringen. Frosts oft zitierte Abrechnung mit dem freien Vers:

Da könnte ich ebensogut Tennis ohne Netz spielen.

So unkünstlich die poetische Sprache Frosts auch wirkt, man darf doch nicht übersehen, dass es dabei keineswegs um eine naturalistische Nachahmung von Mündlichkeit ging. Frost erlaubt sich gelegentlich eine stilistisch komplexe Syntax – schließlich ist das durchgängige Metrum keine natürliche Erscheinungsform. Was ihm unübertroffen gelingt, ist die Kombination von Rhythmus und Tonfall der gesprochenen Sprache mit den Gesetzmäßigkeiten des Metrums. Alles fügt sich scheinbar mühelos ineinander und macht fast immer die im Grunde strenge Form der Texte vergessen. Von „Alltagssprache“ zu sprechen, wäre verkehrt – niemand spricht so wie in Frosts Gedichten. Aber sie wirken wie gesprochen. Sie klingen, weil sie Rhythmus, Tonfall, Lautstärke, Geschwindigkeit entwickeln. Frosts Begründung:

Ich höre alles, was ich schreibe. Poesie ist für mich zuerst eine Sache des Klangs. Ich höre meine Sachen gesprochen. Ich schreibe Verse, die man ,frei‘ nennen könnte – die Freiversler haben mich akzeptiert –, aber ich glaube dennoch, dass in allem, das überhaupt Poesie sein soll, eine Kadenz sein muss, ein Rhythmus.

Als Beispiel sei ein dramatischer Moment in „Heimbegräbnis“ angeführt: Amy erzählt, wie ihr Mann das Grab aushob und die Erde Schaufel um Schaufel heraufkam, und wie er vom faulenden Birkenzaun sprach. Da kann ihre Stimme nicht ruhig und verhalten bleiben. Im Stakkato feuert sie Salven von Silben auf ihr Gegenüber.
Frost nennt dieses Prinzip des natürlichen Klangs und Tonfalls „sound-posturing“ (Klang-Pose oder -Haltung) oder „getting the sound of sense“ (den Sinn des Klangs einfangen). Er erklärt es so: Wenn man durch eine geschlossene Tür ein Gespräch hört und dabei zwar die Stimmen vernimmt, nicht aber die einzelnen Wörter, könne allein der Klang der Wörter und Sätze viel von der Bedeutung des Gesprächs vermitteln. Diesen Klang will Frost einfangen. Dazu gehört besonders der Sprechrhythmus der vom Metrum deutlich abweichen kann. Frost schreibt mit dem Ohr an der Stimme („writing with your ear to the voice“) und greift dafür aus dem Leben: Die Leute sprechen musikalisch („all folk speech is musical“).

Frosts „alltägliche“ Sprache mit ihrem Klang und ihrer Musikalität in eine andere Sprache zu übersetzen, ist im Grunde nicht möglich. Die grundlegenden Unterschiede des deutschen Sprachsystems zum englischen (zum Beispiel haben wir mehr Silben durch die Flexion mittels Endsilben) zeigen sehr schnell die räumliche Enge der Verse auf. Will man im Metrum des Blankverses bleiben (der ja im Deutschen durchaus vertraut ist), stößt man bald an die Grenzen der Vereinbarkeit von Metrum und Struktur der normalen, mündlichen Sprache. Ein Kompromiss muss gefunden, der inhaltliche Verlust muss so gering wie möglich gehalten werden.
Aus diesem Grund wurde bei den Übersetzungen m dieser Ausgabe auf den Reim fast durchweg verzichtet. Im Vordergrund standen stets die Geschichten, die erzählt werden, die Bilder, die poetischen Reflexionen, kurz: die Welt Robert Frosts. Je näher man formal an Frost herangerückt wäre, desto mehr Frost wäre an anderer Stelle verloren gegangen. Als eine Art editorisches Experiment wurde jedoch bei fünf Gedichten der ungereimten Übersetzung eine gereimte nachgestellt. Dies soll dem Leser ermöglichen, die unvermeidlichen inhaltlichen Kompromisse nachzuvollziehen, die das enge Korsett von Metrum und Reim einer Übersetzung leider viel zu oft abverlangt.
Für Robert Frost waren Gedichte „a momentary stay against confusion“, ein kurzes Aufhalten der Verwirrung. Seine Hoffnung auf die Wirkung seiner Lyrik hat sich gewiss erfüllt: Er schuf „some poems that will be hard to get rid of“ – einige Gedichte, die man nur schwer wieder los wird. Viele Verse konnten sich auch außerhalb ihrer Strophen im Volksmund etablieren, etwa „Gute Zäune, gute Nachbarn“ oder die Definition von Zuhause aus dem „Tod des Tagelöhners“:

Home is the place where, when you have to go there, they have to take you in („Daheim ist, wo man, wenn du hingehn musst, dich einzulassen hat“).

Gedichte wie „Rast am Wald an einem verschneiten Abend“ oder „Der nicht genommene Weg“ haben ihren Platz in der Weltliteratur gefunden.

Lars Vollert, Nachwort

 

Meilen zu gehen

Als Robert Frost 1915 nach drei Jahren England in die USA zurückkehrte, bemerkte er, daß er dort inzwischen berühmt geworden war. Ihm fiel die Zeitung The New Republic in die Hand:

Mein Name starrte mich von der Titelseite an. Zwei Spalten waren über mich.

Die vorübergehende Auswanderung des gescheiterten Farmers und erfolglosen Poeten hatte sich gelohnt. In England hatte der fast Vierzigjährige 1913 für sein erstes Gedichtbuch einen Verleger gefunden. Frosts zweites Buch, North of Boston, das ein Jahr später erschien, erhielt sogleich glänzende Rezensionen. Die Lyrikerin Amy Lowell sorgte dafür, daß Frost auch in Amerika bekannt wurde. Ezra Pound, damals das Londoner Haupt der amerikanischen Avantgarde, schrieb hellsichtig:

Was er zu sagen hat, bleibt im Gedächtnis haften – nicht der Wortlaut, nicht der Tonfall, aber die Sache.

Es war der Anfang einer glänzenden und, wie es schien, ungetrübten Karriere.
Zehn Jahre nach seinem Debüt erhielt Frost für den Band New Hampshire den Pulitzer-Preis. Drei weitere Pulitzer-Preise sollten folgen. Dazu, 1963, im Jahr seines Todes, der ebenso renommierte Bollingen-Preis. Hinzu kamen die Ehrendoktorate verschiedener Universitäten, der Titel des Poeta laureatus oder die Ehre, bei Kennedys Amtsübernahme 1961 eines seiner Gedichte zu sprechen. Dabei war Frost alles andere als ein akademischer Dichter, seine Lesungen waren überfüllt, er war wirklich populär, ein Dichter für alle. Es mußte der Kritiker Lionel Trilling kommen, der an Frosts 85. Geburtstag auf die versteckte Problematik, die dunklere Seite der scheinbar schlichten und eingängigen Gedichte aufmerksam machte.
Frosts Leben liefert zu dieser Deutung mehr als genug Material. Schlimmer: Es erweist sich als eine kaum unterbrochene Folge privater Tragödien. Ein erster Sohn stirbt vierjährig an der Cholera, Frosts Frau Elinor fällt in Depression, seine Mutter stirbt an Krebs. 1907 verlieren die Frosts ein Töchterchen, drei Tage nach der Geburt. Frosts Schwester Jeanie stirbt 1929 in der Irrenanstalt, seine Tochter Marjorie, lange tuberkulosekrank, 1934 an Kindbettfieber. 1938 stirbt seine Frau an Herzversagen, zwei Jahre später erschießt sich der Sohn Carol, der schon lange unter Depressionen litt. 1947 schließlich muß Frost auch seine erstgeborene Tochter Irma in eine Anstalt einweisen lassen. „Was ich über das Leben gelernt habe“, schreibt Frost stoisch, „kann ich in drei Wörter fassen: Es geht weiter.“
Frost, oft als bukolischer Dichter, als Nachfolger Theokrits und Vergils, Wordsworths und Thoreau gefeiert, hat die Tragödien seines privaten Lebens zu objektivieren vermocht. „Heimbegräbnis“ schildert den Hader zwischen zwei Eheleuten, die mit dem Tod ihres Kindes nicht zurande kommen. Das Gedicht „Im Dienst der Arbeiter“ zeigt Frosts Angst vor dem Erbe einer Geisteskrankheit. Er legt sie einem weiblichen Ich in den Mund:

Ich habe Macken – nun, das liegt in der Familie.

Wo es um Schmerz oder Destruktion geht, spricht der Dichter durch Masken. Das Leben, wie es viele dieser Gedichte zeigen, ist schwer, aber es ist das Beste, das seine Figuren sich vorstellen können. „Er hat ihre Tragik für Tragik und ihren Eigensinn für Eigensinn genommen“, schrieb Pound, der das Extravagante dem Alltäglichen vorzog. Mit leichtem Degout, aber untrüglicher Sensibilität kommentierte er:

Frosts Personen sind unverkennbar echt. Ihre Sprache ist echt, er hat sie alle gekannt. Ich verspüre keine große Lust, ihnen zu begegnen.

Frosts Leser dürften von seiner biographischen Tragik wenig gewußt oder erfahren haben. Sie mögen sich an des Dichters Satz gehalten haben, wonach ein Gedicht „Fröhlich beginnen und in Weisheit enden“ solle. Sie schätzten Frost als Sänger des Landlebens, als puritanischen Konservativen, auch als Antipoden zur lyrischen Moderne. Frost ist kein Dichter der Pastorale, sentimentale Verklärung der Natur ist ihm fremd. Er war schließlich Farmer, mehrfach und für längere Zeit, auch wenn er sich selbst als schlechten Farmer sah. Er sieht mit etwas Neid auf Existenzen, die freier scheinen, etwa den Harzsammler, der ihm die „Klumpen voller Duft wie rohe Edelsteine“ vorzeigt:

Da rühmte ich sein schönes Leben.

Der Farmer Frost aber weiß, daß er vom Markt abhängt, und auch von der Erschließung der Landschaft. Er besingt nicht, wie Wilhelm Lehmann, den Grünen Gott. Er besingt „The Line-Gang“, den Kabeltrupp, der in die Wildnis den Lebensfaden einer Telefonleitung bringt. Aber er akzeptiert auch die Wildnis, wenn sie das Zivilisatorische zurücknimmt, etwa eine aufgelassene Farm.
Frosts Stärke liegt in seinen Langgedichten, in ihrer präzisen Deskription, der Einfühlung in die Figuren. Anthologie-mäßigen Ruhm genießen einige seiner kürzeren Stücke, wie „The Road Not Taken“ oder „Stopping by Woods on an Snowy Evening“. Auch diese Gedichte, die reine Lyrik scheinen, verweisen in ihrem Anspielungsreichtum auf die existentiellen Probleme ihres Verfassers. „Der Weg, den ich nicht nahm“ gibt dem alten Motiv vom Scheideweg einen neuen Akzent: „Ich nahm dann den, der kaum begangen war.“ „Rast am Wald an einem verschneiten Abend“ endet mit den berühmt gewordenen Zeilen:

The woods are lovely, dark, and deep,
But I have promises to keep,
And miles to go before I sleep,
And miles to go before I sleep.

Wir sind gebannt von der Musik der Verse, auch wenn wir nicht erfahren, was den Sprecher an dem verschneiten Wald fasziniert, noch um welche Versprechen es sich handelt. Frost ist alles andere als ein naiver Poet. Er ist ein Kenner der Tradition, ein Meister der verborgenen Bezüge, ein Meister auch von Versbau und Reim, deren scheinbare Simplizität er raffiniert behandelt. Frost verstand es, seine Modernität in tradierten Mustern zu verstecken. Pound hätte ihn aber trotzdem gern zum vers libre überredet. Frost hielt dagegen: „Da könnte ich ebensogut Tennis ohne Netz spielen.“ Diese nicht aufgesetzte Modernität, die sich am alltäglichen Sprechen orientiert („all folk speech is musical“) wirkt immer noch aktuell. Nicht umsonst hat Joseph Brodsky einen großen Essay über Frost geschrieben.
Bei uns hat es seit den fünfziger Jahren Versuche gegeben, Frost bekanntzumachen, ja einzubürgern. Unter anderem haben Wilhelm Lehmann und Paul Celan einzelne Gedichte übertragen. Der neue Versuch, den Lars Vollert mit seiner Auswahl unternimmt, kommt zur rechten Zeit und verdient es, weite Beachtung zu finden. Vollert bringt Frosts schönste und wichtigste Gedichte und läßt das blasse, weitgehend meditative Spätwerk beiseite. Er hält sich weitgehend ans Metrum, etwa an den Blankvers, verzichtet aber fast durchweg auf den Reim. Eine richtige Entscheidung, doch auch ein schmerzlicher Verlust. Und so hat es den Übersetzer wohl gejuckt, auch ein paar gereimte Versionen zu versuchen. Fünf Texte erscheinen in beiderlei Gestalt. Der Leser hat das Vergnügen des Vergleichens. Etwa beim Schluß von „Stopping by Woods on an Snowy Evening“:

Der Wald ist lieblich, schwarz und tief,
doch ich muss tun, was ich versprach,
und Meilen gehn, bevor ich schlaf,
und Meilen gehn, bevor ich schlaf.

Wem das zu nüchtern und bar jeder Magie scheint, lese die gereimte Version:

Der Wald ist schwarz und lieblich nun.
Was ich versprochen, muss ich tun,
und Meilen gehn, dann kann ich ruhn,
und Meilen gehn, dann kann ich ruhn.

Ist das nun die Quadratur des Kreises? Wird der Reimklang nicht durch einen recht konventionellen Duktus erkauft? Wie auch immer. Der Leser hat ja zum Vergleich die Originale in dieser sorgfältig und schön gemachten Ausgabe. Frost hatte gehofft, manche seiner Gedichte würde der Leser nicht so bald los werden. Hier gibt es sie.

Harald Hartung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.1.2003

Der Vergil aus New Hampshire

– Unsentimentaler, untouristischer kann man Landschaftslyrik nicht schreiben. Der Dichter Robert Frost. –

Der Wald? Wie war das noch mal mit dem unverrückbaren deutschen Gedichtwald? Der „steht schwarz“, klassisch, „und schweiget“; wird einem steil die Höhe ausmessenden, ehrfurchtgebietenden Dom verglichen, in dem traurig, manchmal auch tranig, ein romantisches Post- oder Jagdhorn erschallt. Im deutschen Wald um 1900 legt sich der Wilhelminische Dichter-Hippie Peter Hille auf die faule Haut und läßt den lieben Gott einen guten Mann sein:

Wie deine grüngoldnen Augen funkeln,
Wald, du moosiger Träumer!

Vor dem Ersten Weltkrieg hat dann die große Stadt den Wald zum Schweigen gebracht – als großes Thema wird er aus dem deutschen Gedicht gedrängt.
Und wie steht es mit dem amerikanischen Wald? Den Wäldern im Nordosten der USA, in Neuengland? Die stehen im Wege – die müssen weg! Die Zivilisation kommt, und mit ihr die Kommunikationsmittel, der Telegraf und das Telefon – auch in die Wildnis. Das heißt aber: durch die Wildnis. Sie kommt zunächst in Gestalt der line-gang, eines Schneisen schlagenden „Kabeltrupps“. Diesen entschiedenen Vorgang, das entscheidende Vorgehen, ja planierende. Vorstürmen gegen die Großmacht Natur, diese ungestüme, zutiefst amerikanische Pionierleistung – „Here comes the line-gang pioneering by“ – beschreibt der Amerikaner Robert Frost (1874 bis 1963) in seinem Gedicht:

THE LINE-GANG / DER KABELTRUPP

Da kommt der Kabeltrupp und bricht sich Bahn.
Der Wald scheint ungefällt vor ihm zu stürzen.
Sie pflanzen dafür schon gestorbne Bäume,
verknüpfen sie mit einem Lebensfaden.
Ein Instrument besaiten sie vorm Himmel,
worin, gehämmert und gesprochen, Wörter
wie die Gedanken schweigend laufen werden.
Doch noch schweigt nichts. Die Männer ziehn vorbei
mit Rufen in die Ferne, das Kabel straff
und fest zu halten, bis sie es verzurrt,
zu lockern – da, sie haben’s. Mit Gelächter,
dem Stadtfluch, der die Wildnis macht zu Nichts,
wird Telefon und Telegraf gebracht.

Frosts meist endgereimte Lyrik suchte immer den Anschluß an das öffentliche Netz, er suchte Breitenwirkung. Das heißt, er hält sich ans Handfeste, stützt sich auf Gesichertes – in oft ungesichertem Gelände. Damit bewegt er sich weitab von avantgardistischen Unternehmungen, wie sie zum Erscheinungsdatum (1916) seines Gedichtbandes Mountain Interval en vogue waren: Wir erinnern uns an die Abrißunternehmungen der Dadaisten in der neutralen Schweiz und an den strudelnden „Vortizismus“ in London um die Amerikaner Ezra Pound und Thomas Stearns Eliot, in deren Umkreis sich der Familienvater kurz aufgehalten hat. In Europa herrscht und lähmt der Erste Weltkrieg (der Krieg als Zeit dehnende Geduldsprobe: Das ist das Unfaßbarste am Stellungs- und Grabenkrieg der Generation Verdun). In den Gedichten des Mühsal gewohnten Farmers Robert Lee Frost (Stichwort „struggle for life“) herrscht Krieg in direktester Konfrontation mit der Natur: Das geschieht hoch rhythmisch und Timing-sicher, klanggewiß und stets mit Blick auf das Tempo – ganz gleich, ob der Text ein trottendes Arbeitsvorgehen verlangt oder die hastige Fließ- und Sturzgeschwindigkeit eines Gebirgsflusses vorgegeben ist. Ergebnis sind allerdings keineswegs gehetzte Textkonglomerate: Der lebenslange Landwirt hat, was Wunder, mit Experimenten nichts am Hut. Weder neuromantische Verdunkelungsstrategien noch bräsiger Zynismus sind seine Sache; auch hat er nichts zu schaffen mit dem überlegen lächelnden Lyrik-Dealertum, das freigebig die stark abhängig machende humanistische Bildungsinjektion ausgibt. Man gewinnt den Eindruck, hier gilt „ein Mann, ein Wort“, bloß kein Rumgehampel bitte.
So scheint sein Werk eine hoch elaborierte Version von I Did It My Way zu sein. Bodenständigkeit auf jeden Fall – allerdings für Schollen-Propaganda ist es nicht zu haben. Es ist eine bestechende, bestechend wortgenaue Dichtung, die Entdeckung wert. Überraschend sind die Naturschilderungen und Landschaftsumsetzungen, die unsentimentaler, untouristischer kaum geschrieben werden können; überraschend auch, mit welch liebevollen Detail-Beobachtungen sie aufwarten, die von inniger Wahrnehmungsgabe, von Beobachtungsschulung Zeugnis ablegen. Überraschend ist Frost nicht zuletzt in ebenso wortkargen wie psychologisch treffsicheren Dialoggedichten („The Mountain“) und effizienten, bei näherem Hinsehen nicht unkritischen Berufsporträts.
Stark ist der Dichter, wenn er maskuline Alltagswelt zu seiner Sache macht. Zu den in das (oder: aus dem) Holz New Englands geschnittenen, hoch gelungenen Berufsbildern gehört das balladeske Stück über den sterbenden Tagelöhner („The Death of the Hired Man“, beide aus dem ebenfalls 1916 publizierten Band North of Boston). Hier entsteht über den konfliktträchtigen, bezeichnenden Dialog zwischen einem Farmerpaar indirekt auch das Porträt eines halb nomadisch sein Dasein fristenden Wanderarbeiters. Möglicherweise ist die Figur des entscheidungsstarken Mannes mit selbstporträthaften Zügen ausgestattet, die vorderhand zänkische, in Hysterienähe gezeichnete Frau bekommt ganz klar den Schwarzen Peter, partielle Deckungsgleichheit, könnte gefragt werden, von Leben und Werk? Tatsache ist, daß Frost mehr als einmal weibliche Blutsverwandte in Heilanstalten einweisen ließ.
Frosts Dichtung ist eine des Über-Tönens. „All folk speech is musical“: Das Programm einer demokratischen Alltagssprachlichkeit, und damit das Abrücken von als hochfahrend begriffener Artifizialität, durchzieht und grundiert in Gestalt des inszenierten O-Tons die Gedichtbücher des Amerikaners. Inszenierter O-Ton, der präzise erlauscht werden muß und seine Epiphanie auch dann erfährt, wenn das Gedicht gar keine Menschenstimmen zu verstehen gibt: dann nämlich, wenn die Natur so übermächtig lautlich in Erscheinung tritt, wie es in „Der Harzsammler“ („The Gum-Gatherer“) der Fall ist.
Frosts Dichtung ist eine des Über-Tönens: Man denke an die line-gang, an die Verständigung erleichternde Verdrahtung der Landschaft durch die Kabelleger, der, in beachtlicher Geschwindigkeit, das Umwuchten der Wälder, das Schlagen der Kommunikationsschneisen, vorausgeht, vorausgehen muß. Es sind die vom Pioniergeist ebenso beseelten wie besessenen Menschen (Pioniere? In der Herkunft des Wortes sind Schanzarbeiter gemeint), Menschen, die letztlich selbst den Himmel als Resonanzkörper einbeziehen.
Eine Dichtung, eine geradezu aggressive Dichterlandschaft des Über-Tönens finden wir auch im „Gum-Gatherer“. Eine Landschaft der hohen Fließgeschwindigkeit: Hier ist es ein Gebirgsfluß, der mit kolossalem Krach das im Laufschritt geführte Gespräch nahezu vereitelt, das der Berichtende und der Mann mit dem schlackernden Sack, der dem Pechwald, seinem Arbeitsplatz, zustrebt, führen. Ein Gespräch? Ist kaum möglich. Eher eben ein vormenschlicher (unausgesprochen: vorsprachlich-archaischer) in die harte, hart fordernde Berggegend „gebellter“ Informationsaustausch, auf das Allernotwendigste beschränkt:

We talked like barking above the din
Of water we walked along beside.

Das kann in der Übersetzung (Lars Vollert: „Wir bellten ein Gespräch am Fluß, / der mit Getöse uns flankiert“) fast nicht adäquat rüberkommen. Die bewundernswerte Effizienz, die Instant-Knappheit, die treffsichere Organisiertheit der amerikanischen Sprache, darüber hinaus die komplexe Bauart der Frostschen Sprache verhindern das so ziemlich. Der Übersetzer hat schwierige Probleme zu meistern. Beim Gedichtübersetzen geht es dabei gerade auch um kleinste Sinneinheiten des Rhythmus.
Zoomen wir die genannte Originalsequenz heran, nehmen wir ein Beispiel heraus: Der gerissen mitten in den Vers plazierte Stolperer („above the din“), der den unebenen Weg ebenso wie Laufgeschwindigkeit und -art der Figuren und die ungestüme Fließgeschwindigkeit des (Gedicht-)Flusses markieren, bleibt ausgeblendet. Von der herrlichen Stabreimfülle abgesehen, die leider ausgedünnt wird, fällt das deutsche Ergebnis, gegenüber dem wesentlich schrundigeren Original, enttäuschend harmlos aus; zudem – das Über-Tönen fehlt! Unschärfen und Qualligkeiten in der Beherrschung der deutschen Sprache gesellen sich hinzu: Die blocks des Flusses werden verkleinert zu „Brocken“, und Gestein wird vom Wasser, das weder Drache noch Schredder ist, nicht „zermalmt“, das wird wohl eher „zermahlen“.
Die vorliegende Sammlung (Promises to keep. Poems – Gedichte; aus dem Englischen von Lars Vollert) aber ist natürlich in jedem Fall empfehlenswert, haben wir doch endlich eine – die Originaltexte enthaltende – Auswahl von Robert Frost, der in den USA weite Verbreitung gefunden hat, bis hin zu John F. Kennedy, der den grandiosen und eben auch subtilen Tonmeister von New England würdigte. Nordamerikanische Georgica-Versionen? Ein Vergil in New Hampshire? Aber hallo! Und würden wir vergleichbare Arbeiten aus der bildenden Kunst heranziehen, wir müßten auf Edward Hoppers energetische Landschaftsbilder aus Maine verweisen, die fast zeitgleich mit einem der Hauptwerke Robert Frosts, North of Boston, entstanden sind.

Thomas Kling, Die Zeit, 12.12.2002

„Wann war das je ein Grund, / nicht Ausschau zu halten?“

Erst recht vor anderen können wir immer nur scheinen.
(Ernst Bloch in: Spuren, Motive der Verborgenheit)

Robert Frost (1874–1963) ist amerikanischer Poet, ein Dichter der Natur und des Lebens, zu nennen in einem Atemzug von Wallace Stevens, T.S. Eliot oder Hart Crane. So jedenfalls stuft der große Literaturwissenschaftler Harold Bloom ihn ein. Sicher ein Großer seiner Zeit und ein Bewunderer seines Vorgängers Ralph W. Emerson. Ob es eine Wahlverwandtschaft war oder aber eine Entgegnung in der Poesie soll nicht erörtert werden. Lassen wir es bei Frost, der sich der Natur, ihrer Stärke, ihrer Durchdringung widmet. Frost ist Natur pur, er ist im Leben, seine Spaziergänge durch die Wälder sind von immenser Kraft, bebilderter Kraft; seine Bilder des Inneren sind Naturgewalten der Seele. Er schreibt Verse an den Tauwind, an den Sonnenstürmer, dem Schmetterling, er sucht das Werk vereint, ob einzeln oder gemeinsam. Er weiß, was Heimat ist:

Daheim ist, wo man, wenn du hingehn musst, dich einzulassen hat.

Kann schöner sich sicher fühlen, sich geborgen fühlen sein?

Er weiß um die Entscheidung, um den Weg, den er nicht nahm, „Ein Weg war zwei im Wald, und ich – / ich nahm den einsamen für mich, / das hat den Unterschied gemacht“. „Ein Licht war er nur für sich“, schreibt er weiter in den Zeilen „Eines alten Mannes Winternacht“. Und doch gilt ihm alle Hoffnung, wenn der „Ofenvogel“ fragt:

Was fängt man mit Vergangenem an?

Was spricht Fünfzig? Diese Frage beantwortet Frost für eine Gesellschaft mit den Herausforderungen der Demographie:

Ich lerne jetzt die Zukunft bei der Jugend.

In allem aber weiß er um den Optimismus, gerade wenn es um die Alternativen geht:

Weit können sie nicht sehn.
Tief können sie nicht sehn.
Wann war das je ein Grund,
nicht Ausschau zu halten?

Robert Frost lebte mit einer Maxime: Tue das, was man von dir verlangt, aber tue es auf deine Weise. Nun, das ist bekannt, selbst unter dem Motto des großen Frankie: I did it my way.
Wer Interesse an der Poesie der Alltagssprache hat, ist hier richtig. Warum Alltagssprache? Weil Frost darin bereits die Poesie sah. Ein Blick, der Neues zeigt. Ein Hören mit neuem Klang.

kopac, amazon.de, 8.4.2011

„Give the buried flower a dream“ oder:

Amerikas poetischer, stillfließender Gigant

I have been treading on leaves all day until I am autumntired. (Den ganzen Tag bin ich auf Laub getreten; jetzt bin ich herbstmüde.)
God knows all the color and form of leaves I have trodden on and mired. (Gott kennt die Farb und Form der Blätter, die ich in den Schmutz trat.)
Perhaps I have put forth too much strength or been too fierce from fear. (Vielleicht bin ich zu kräftig vorgegangen, war aus Furcht zu grimmig.)
I have safely trodden underfoot the leaves of another year. (Ich hab die Blätter eines Jahres unbesorgt zertreten.)

All summer long they were overhead, more lifted up than I. (Den Sommer lang warn sie da oben, weit erhabener als ich.)
To come to their final place in earth they had to pass me by. (Den Weg zu ihrer letzten Ruhe gingen sie an mir vorbei.)

Der Name Robert Frost steht in der Allgemeinbildung vor allem für Sätze wie „The best way out is always through“ oder „Happines makes up in height for what it lacks in length“ oder auch die bekannten Zeilen aus Der Club der toten Dichter: „Two roads diverged in a wood, and I – / I took the one less travelled by, / And that has made all the difference“ entnommen dem großartigen Gedicht „The road not taken“. [was haben Filme nicht schon alles für anglo-amerikanische Dichtung getan, siehe z.B. auch W.H. Auden (Vier Hochzeiten und ein Todesfall), E.E. Cummings (Hannah und ihre Schwestern) oder William Blake (indirekt durch die Vorstellung von Roberto Benigni bei der Oscarverleihung)].
Ansonsten gilt Robert Frost auch unter deutschen Poesieliebhabern natürlich schon lange nicht mehr als Geheimtipp. Doch bisher mangelte es, wie bei vielen englischen Dichtern, an guten oder zumindest reiferen Übersetzungen (wobei meine ganz persönliche Ansicht ist, dass man Frost nur anleiten und nicht wirklich übertragen kann). Mit diesem Band aus der Paperback Reihe textura (Bücher mit sehr angenehmer englischer Paperbackart) wurde dieser Not sicherlich kein komplettes Ende bereitet, doch allein schon für den Versuch und der damit einhergehenden Gelegenheit, die Verse auf Englisch zu lesen und dabei Wörter und Zusammenhänge mithilfe der Deutschen Fassung besser verstehen zu können, dürften die Frost- und Gedichtfans sehr dankbar sein.

The people along the sand (Die Menschen dort am Strand)
All turn and look one way. (sehn alle in eine Richtung.)
They turn their back on the land. (Dem Lande abgewandt sehn sie)
They look at the sea all day. (den ganzen Tag aufs Meer.)
[…]
They cannot look out far. (Weit können sie nicht sehn.)
They cannot look in deep. (Tief können sie nicht sehn.)
But when was that ever a bar (Wann war das je ein Grund,)
To any watch they keep? (nicht doch Ausschau zu halten?)

Robert Frost ist ein Meister der aufrichtigen Zeile und einer der wenigen Dichter, bei dem einem Reime so natürlich vorkommen und so bewusst in ihrer Wirkung sind (was auch die Übersetzung wiederum so delikat macht), dass sie sich hier und da in ihren Rhythmen von den Verschlingungen der Wörter befreien, als wären Reime der natürliche Ausdruck der Bilder und Impressionen, die er einfängt und fähig, genau die Botschaft übermitteln, die Frost anstrebte.
Diese Botschaft hat immer etwas Subtiles, etwas mehr Geahntes als Offenkundiges, obwohl sie einem ganz nahesteht, spätestens in der Schlüsselzeile oder der letzten Strophe, wenn man dann fast mit dem lyrischen Ich verschmilzt. Dabei ist Frost keiner der die Metaphysik übermäßig zu bemühen scheint, wenn er von Wanderungen, von Naturschauspielen berichtet oder seine längeren, erzählenden Gedichte ausbreitet, die wie vollendete, moderne Balladen wirken und doch so intim und filigran sind wie eine grandiose Filmszene.
Auf jeden Fall sind es beinahe stets Dialoge, zwischen zwei Menschen innerhalb des Gedicht, zwischen Frost und der Natur, zwischen dem Sein oder der Zeit und den kleinen Aspekten ihrer Anwesenheit, die die Themen seiner Gedichte herausarbeiten.
Eines seiner Gedichte beschäftigt sich zum Beispiel mit einem „disused graveyard“, also einem alten Friedhof, auf dem man niemanden mehr begräbt (der quasi voll ist) und das Gedicht endet mit der unnachahmlich schönen Strophe (an die Grabsteine):

It would be easy to be clever (Ein leichtes wär’s, dem Stein zu sagen,)
And tell the stones: Men hate to die (die Menschen hassen es zu sterben)
And have stopped dying now forever. (und haben mit dem Sterben aufgehört.)
I think they would believed the lie. (Er würde wohl die Lüge glauben.)

Das ist Frost, diese feine Mischung aus Metaphysik und greifbarer Poesie – und natürlich einem Schuss augenzwinkernder Lakonie.
Wenn man die Übersetzung mit dem Original vergleicht, ist schnell klar, dass für eine gewisse Magie, für die raue, sanfte, lächelnde Stärke dieser Verse, sehr schwer eine Entsprechung zu finden ist; jedenfalls ohne nachzudichten, was wiederum eigene Problematiken mit sich bringen würde. Dennoch ist in dieser Ausgabe nie etwas wirklich falsch oder schlecht übersetzt – der Übersetzter hat sich Gedanken gemacht „wie“ es im Deutschen lauten könnte, sollte, müsste, das merkt man. Das Problem liegt in der Distanz zwischen diesem Versuch und dem Original, zwischen dem beinahe schon erklärend wirkenden Deutschen und der langsamen, leichten, fast schon lakonischen Brisanz des Englischen. Man muss auch eine Übersetzung an den Möglichkeiten messen, die dem Übersetzer in seiner Sprache zustehen. Er, der gleichsam Nachdichten, die Form Übertragen und Übersetzen muss und keinen dieser drei Aspekte vernachlässigen darf.
Robert Frost ist ein Gigant, anders lässt es sich kaum sagen. Und dass er dies nicht aus Sprachverdrehungen und -innovationen, sondern aus der Sprache selbst herausholt, erklärt wohl den tiefen Reiz, den seine Verse immer noch ausüben und noch lange ausüben werden – es steckt etwas ungeheuer „Bleibendes“ in seinen Gedichten, etwas Zeitloses. Ähnlich wie im Deutschen Rilke und Benn (der späte Benn) hat er es geschafft aus gereimten Versen eine höhere Struktur von Empfinden zu schaffen, als trüge jede Strophe einen näher an die Worte heran, ließe den Leser an der Wahrhaftigkeit teilhaben, die nicht nur der Sprache, sondern auch dem was sie abbildet, inne ist und sich hier im Lesen des Gedichts verbindet. Die Dinge und ihr innerer Horizont…

There was never a sound beside the woods but one, (Am Wald war kein Geräusch außer dem einen:)
And that was my long scythe whispering to the ground. (die Sense beim Geflüster mit dem Grund.)
What was it, it whispered? I knew not well myself; (Was sie wohl flüsterte? Ich wusste es nicht.)
Perhaps it was something about the heat of the sun, (Vielleicht ging’s um die Hitze dieser Sonne,)
Something, perhaps, about the lack of the sound – (vielleicht ging es um nicht vorhandene Laute)
And that was why it whispered and did not speak (weshalb die Sense flüsterte, nicht sprach.)

Wer mehr über Frost erfahren will und seine Gedichte (und Gedichte allgemein) gerne noch detaillierter und schöner nähergebracht bekommen möchte, sollte Joseph Brodskys Buch Von Schmerz und Vernunft: Über Hardys, Rilke, Frost lesen – die nachhaltigste, angenehmste und beste Art das Lesen von Gedichten noch zu vertiefen, die ich kenne. Mit einem wunderbaren Text über Gedichte von Frost.
Von Brodsky, einem ebenfalls fabelhaften Dichter, habe ich auch jenen ersten Anstoß zu Frost erhalten. Er berichtet nämlich in einem anderen Essay über seine Jugend, wie er einmal das Gedicht: „Stopping by woods on a snowy evening“ las und dort erstmals die Magie der Dichtung Begriff, die elementare Kraft, die über Äonen hinweg durch eine bloße Zeile flüstern kann. Am Ende des Gedichts, in dem ein Reiter mitten in einer Schneenacht an einem Wald hält, von dem unruhigen Pferd in den Wald blickt und seine Verlockung verspürt, heißt es:

The woods are lovely, dark and deep.
But I have promises to keep,
And miles to go before I sleep,
And miles to go before I sleep.

Und Brodsky schrieb:

Mir wurde klar, dass hier der Schlüssel der Dichtkunst lag, in jenen letzten beiden wiederholten Zeilen, die gleich sind und doch nicht gleich sind; klar, einmal ist der Weg nach Hause gemeint – und dann? Wiederholt der Dichter nur, was voraus liegt, um es abzumildern? Redet er hier von Langweile? Nein, natürlich denkt er an etwas ganz anderes, fast unbewusst, während er in den dunklen, schönen Wald starrt: er denkt an das Leben, das er noch leben muss, bevor er dann am Ende „schlafen“ kann. Und dieser Moment ist ihm Furcht und Sehnsucht zugleich.
Das ist natürlich nur eine Interpretation. Aber allein, dass eine solche Interpretation möglich ist, verschaffte mir eine Vorstellung von der großen Anwesenheit des Lebens in der Dichtung.

Some say the world will end in fire, (So mancher sagt, die Welt vergeht in Feuer,)
Some say in ice. (So mancher sagt, in Eis.)
From what I’ve tasted of desire, (Nachdem, was ich von Lust gekostet,)
I hold with those who favor fire. (halt ich’s mit denen, die das Feuer vorziehn.)
But if I had to perish twice, (Doch müsst sie zweimal untergehn,)
I think I know enough of hate (kenn ich den Hass wohl gut genug,)
To know that for destrution ice (zu wissen, dass für die Zerstörung Eis)
Is also great (auch bestens ist)
and would suffice. (und sicher reicht.)

Berührend, auch das sind seine Gedichte. Sehr. Es ist wiederum eine ursprüngliche Rührung, fast schon, als wären seine Betrachtungen und Geschichten etwas, das man auch am Wegrand des eigenen Lebens auflesen könnte, unverstellt und wie immer bei Frost: daherkommend im Gewand eines langsamen, wegweisenden, beinahe zärtlichen Aufbaus, der sich vor dir auftürmt „like a little wonder, what is no meaning / but a dream.“ (William Carlos Williams)
Zur Edition: Ich habe die Übersetzung hier meistens dazugegeben, damit jeder mit sich selbst die Debatte der Übersetzungsfrage führen kann. Letztlich sollte man die Übersetzung vielleicht als Unterstützung ansehen um die wunderbaren Originale in Klang und Sinn in Einklang zu bringen und lesen zu können. Ansonsten wurden hier und da bei einem besonders schwierigen Fall eine freie Übersetzung und eine Nachdichtung angefertigt und hintereinander abgedruckt, sodass man sogar wählen kann. Das Nachwort ist im biographischen Teil sehr aufschlussreich mit dem Rest konnte ich eher wenig anfangen, will aber nicht ausschließen, dass es für viele andere äußerst wertvoll ist. Vielleicht bin ich einfach zu sehr von der Kraft und der unwillkürlichen Wirkung der Worte eingenommen, um metaphilologisch über Frosts Gedichte nachdenken zu können.
Lesen sie Frost! Es wird eine poetische (und darüber hinausgehende) Bereicherung ihres Lebens sein, das kann man von diesem Dichter ganz ohne Floskelbeilage sagen.

Timo Brandt, amazon.de, 31.3.2013

„Kurzes Aufhalten der Verwirrung“

Lars Vollert, der Übersetzer hat Recht, wenn er diesen Terminus wählt, der ja von Robert Frost selbst stammt, „a momentary stay against confusion“.
Hier hat ein ganz Großer gedichtet. Und zwar einer, der Lyrisches immer in sich zu verspüren schien.Von Beruf war Frost lange Zeit Farmer.
Und das merkt man seinen Poemen an.
Gut, in seiner Zeit, als er in England auch mit Ezra Pound zusammentraf und dieser ihn in Richtung „vers libre“ schieben wollte (wir müssen das vielleicht als Hilfestellung ansehen, nicht mehr und nicht weniger!), da war er schon einer, auf den man hörte (im wahrsten Sinn).
Vorher, in Amerika nämlich gingen seine ersten Werke solala, wie man’s eben kennt bei Dichtern.
Jetzt aber, als er aus England zurückkommt, ist er bekannt und zwar derart, daß er erschrickt.
Nichts kann es ihm und seinem Wirken jedoch anhaben derart, daß er nun vielleicht anders schreibt, nein er bleibt sich treu und zwar so, daß einem der Atem stockt an manchen Stellen seiner Gedichte.
Er beobachtet genau und zwar haargenau und fällt tief in sich hinein, aber wie.
So enstehen immer wieder auch Zwiegespräche und Gebilde von äußerster Zartheit.
Es mag angehen, daß ich fast noch nie derart gesungene Sprache hörte oder besser gesagt, las.
Ein wahrer Skalde ist hier am Werk.
Jeder, der ihn (immer wieder) liest, wird irgendwie auch gesunden. Das ist mehr, als man erwarten kann.
Unglaublich schön!

Klaus Grunenberg, amazon.de 3.2.2003

Unbegangene Pfade

Die Gedichte von Robert Frost sind mal kurz und erhellend wie Aphorismen, mal lang, pointiert und entlarvend wie Kurzgeschichten.
Berühmt ist etwa das knappe Gedicht „Fire and Ice“, in dem in neun knappen Versen Humor, scharfsichtige Analyse des Menschen und eine Anklingende Warnung zusammenkommen.
Mich beeindruckt immer wieder die Mischung aus heiterer Phantasie, Träumerei, Nüchternheit und scharfer Analyse. Das alles gefasst in eine schwungvolle Sprache mit vollendeten Reimen.
Die im C.H.Beck Verlag erschienene Ausgabe Promises to keep – Gedichte/Poems versammelt eine große Auswahl von Gedichten aus allen Lebensphasen des bedeutenden amerikanischen Dichters. Es ist ein schön gestaltetes Taschenbuch mit den Originaltexten und sehr gelungenen – gereimten! – Übersetzungen der Gedichte ins deutsche. So werden die Gedichte auch Lesern erschlossen, die weniger gut Englisch sprechen. Aber auch für manchen der im Englischen zuhause ist, ist die Übersetzung eine willkommene Verständnishilfe, etwa bei umgangssprachlichen Formulierungen die heute nicht mehr geläufig sind.
Zwei Neuentdeckte Lieblinge von Robert Frost waren für mich „Mending Wall – Mauern Ausbessern“ und „The Telephone“, diese beiden habe ich auf meinem Blog illustriert. Eine uneingeschränkte Leseempfehlung!

Leselöwin, amazon.de 26.7.2013

Gewaltige Bilder, gewaltige Sprache, tolle Übersetzung

Als Robert Frost Neuling war ich gleich von den Collected Poems begeistert. Zum Einstieg empfiehlt sich, zunächst das Nachwort zu lesen. Auf wenigen Seiten gibt Vollert einen klaren, präzisen und kompakten Einblick in die Biographie und das Werk des Dichters.
In den Gedichten selbst geht es um den Menschen und seine Eingebundenheit in die Kreisläufe der Natur. Genauer: die Natur um den Menschen als Spiegel seiner inneren Natur. Ehe, Arbeit, Alltag, Alter – diesen offenbar so eindeutigen, klaren und alten Themen geht Frost mit einer einfachen und daher wahrhaftigen und gewaltigen Sprache auf den Grund.
Die Zweisprachigkeit dieses Bandes macht einen (zeilengenauen) Vergleich zwischen Original und Übersetzung möglich. Schnell wird klar, wie gelungen die deutsche Fassung geworden ist. Nur drei Gedichte sind (zusätzlich) in Reimform übersetzt worden. Das ist auch gut so, denn eine Reim getreue Übersetzung wäre vielleicht auch zu verkrampft geworden. Alles in allem hat Vollert für seine Übersetzung alles aus dem Frost’schen Klang der deutschen Sprache herausgeholt. Also: Buch kaufen, Tee kochen, Telefon ausstölpseln und lesen.

Ein Kunde, 15.10.2002

Schlagstockübersetzung

Hallo liebe Käufergemeinschaft!

Ich bin ja sonst nicht kleinlich, jedoch muss ich zu diesem Buch jetzt mal ein paar Takte kundtun. Immerhin ist nicht das gesamte Geld beim Erwerb dieses Stückes zum Fenster hinausgeflogen. Man erhält immerhin alle wichtigen Werke von Robert Frost in einem angenehmen Gesamtpaket verschnürt. Das war es denn aber auch schon mit positiven Nachrichten.
Solch ein Buch erwirbt derjenige, welcher sich, vielleicht aus Unkenntnis der englischen Sprache, trotzdem die überwältigende und bildhafte Erzählweise eines Robert Frost zu Gemüte führen möchte. Oder, wie in meinem Fall, jemand der sich mit Übersetzungslehre beschäftigt und in diesem Buch ein paar Ansätze gesucht hat, wie Gedichte mit bildhaftem Charakter ins deutsche interpretiert werden können. Beide Charaktere werden hier enttäuscht
Schockierterweise musste ich feststellen, dass sich der deutsche Teil des Buches auf dem Niveau einer Hausarbeit einer Achtklässlerin mit Wörterbuch befindet. Alle Gedichte, ob kurz oder lang, sind fast ausschliesslich Wortwörtlich übersetzt. Der wunderbare Klang der Worte wird nicht im Ansatz ins Deutsche übertragen. Teilweise klingen die Übersetzungen wie Google-Translations.
Ich weiss, dass das Übersetzen von Gedichten die höchste Form der Kunst ist, jedoch geht es doch genau darum, die Reimform zu retten; den Sinn und die Gefühlswelt genau umzusetzen und dabei ein ebenso wohlklingendes Werk zu schaffen. Beispiel:

Auf dem Buch Seite 108, eines meiner Lieblingsgedichte:

NOTHING GOLD CAN STAY

Nature’s first green is gold,
Her hardest hue to hold,
Her early leaf’s a flower;
But only so an hour.
Than leaf subsides to leaf.
So Eden sank to grief,
So dawn goes down to day.
Nothing gold can stay.

Herrlich! Nun die freche Übersetzung:

Das erste Grün in der Natur ist Gold,
die Farbe, die nicht währt.
Ihr erstes Blatt ist eine Blume
doch nur für eine Stunde.
Dann senkt sich Blatt auf Blatt.
So sank Eden in den Gram,
So ging das Morgenrot zum Tag.
Nichts Goldenes hat Bestand.

??????? Seid ehrlich… es klingt schrecklich. Für so ein Gedicht hätte man sich in der Schule gleich wieder mit einer 6 hinsetzen können. An dieser Stelle mal eine sehr viel bessere Gedichtinterpretation:

Gold ist das erste Grün der Fluren,
Vergänglichste der frühen Morgenspuren.
Die ersten Blätter sind zarte Blüten;
ihr Glanz läßt sich Sekunden nur behüten.
Bald folgen tausend Blätter wie mit einem Schlage.
Die Dämmerung vergeht und wird zum Tage.
So sank das Paradies aus Lust und Trauer.
Nichts Goldnes bleibt. Nichts ist von Dauer.

Ich denke der Unterschied ist deutlich. Ich entschuldige mich an dieser Stelle für die ausladende Rezension. Wer jedoch ein Buch sucht, welches den Sprachschatz eines Robert Frost versucht ins deutsche zu bringen, der muss weiter suchen.

vogelbeere, amazon.de 22.12.2011

 

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