Róža Domašcyna: Zwischen gangbein und springbein

Domašcyna/Nagel-Zwischen gangbein und springbein

DIE TOTEN WERDEN UMGEBETTET
aaaaaim andenken an den friedhof Čelno

Wir haben den friedhof mit tüchern verhangen.
wir haben uns an unsern toten vergangen,
mit stopschildern sämtliche wege verstellt −
die enden jetzt kurz vor der anderen welt.

Rings sind die leinwände hoch und ganz dicht.
Im mittelpunkt fördert die bagger ans licht
totes gebein, das von sünden gereinigt,
in ehren begraben, das ist bescheinigt.

Der zwielichtigen raffgierde opfer, geschöpfe
kratzen das erbe in urnen und töpfe.
„Wir nehmen alles und mehr“, hör ich schrein,
und „niemals begraben, verbrannt wolln wir sein!“

Wer abseits sich stellt, der steht auf der lauer −
drum schweigen wir tapfer von unserer trauer.
Ertragen der vorfahren blick im genick,
umklammern das grabscheit, ein halteseil, strick.

Die gräber, sie werden sehr eng und noch tiefer.
Das viereck des himmels wird kleiner und schiefer.
Es wachsen uns kröpfe im leinenen haus.
Die kinder spieln einscharrn und buddeln uns aus.

 

 

Róža Domašcyna,

1951 im sorbischen Dorf Zerna/Sernjany geboren, wuchs mit zwei Sprachen, der sorbischen und der deutschen, auf, mit denen sie als Dichterin arbeitet.

Ihre Verse, Botschaften, Anrufungen, ja Besprechungen; immer wieder – durchgängig – zwei Themen:
Das erste: Natur, die Folgen der Zerstörung – in ihren Gedichten jagt sie im Traum nackt an den Betonwänden der Hochhäuser entlang… Im Dreckgebirge des Tagebaus begegnet ihr Marhata, seit Jahrhunderten Beschützerin der Natur…
Das zweite Thema: die Liebe, ,Religion‘ und ,Erotik‘ zugleich, legen die schönen starken Liebesgedichte Wunden, Verwundungen von Leben und Schreiben boß…
Erkanntwerden als die, die man ist – die große Sehnsucht. Eine spröde, fast herbe Modellierung der Gedichte. In keiner Tradition zu Hause, steht ihr die sorbische Bilder- und Mythenwelt zur Verfügung, nah die Dichtung der Bachmann, der Achmatowa…
Róža Domašcyna wird nicht den sorbischen Clown im mitteleuropäischen Käfig spielen… wird die Zunge nicht tauschen. Der Ort ihres Schreibens: das Dazwischen, Eigenes – Fremdes. Ihr Lebensort: Bautzen, Budyšin, östlicher Osten des Westens…

Sigrid Damm, Klappentext, 1995

 

Spagat zwischen Tradition und Anderssein

− In ihren neuen Gedichten blendet Róža Domašcyna nicht mit aufgesetzten Modernismen. −

„Meine Texte – experimentelle Lyrik?“ Das fragte sich Róža Domašcyna in einem Brief, den sie aus der „Grenzprovinz“ Bautzen in die Hauptstadt Berlin schickte, um sich Gerhard Wolf vorzustellen. „Vielleicht ist experimentell nur das Anderssein…“. Gerhard Wolf wurde ihr Lektor und Verleger, brachte 1991 bei Janus press den Zaungucker heraus; Gedichte, die aufhorchen ließen. Jetzt ist von ihr ein zweiter Gedichtband erschienen; umfangreicher, sinnlicher, frecher.
Róža Domašcyna, 1951 in Zerna/Sernjany geboren, zweisprachig in der Lausitz aufgewachsen, studierte Ingenieurökonomie des Bergbaus und hat als Wirtschaftskauffrau im Kraftwerk Knappenrode gearbeitet. Von 1985 bis 1988 studierte sie am Literaturinstitut Leipzig, und 1990 erschien ihr erstes Buch in sorbischer Sprache. Die deutsche Sprache kam als Arbeitsmaterial dazu. Seither ist Róža Domašcyna ihre eigene Nachdichterin. Ein Einfall: Zwei Gedichte in zwei Sprachen. Wie verschieden sie ausfallen können, ist wenigstens optisch dort nachzuvollziehen, wo beide Fassungen in ihr neues Buch aufgenommen wurden. Zwischen gangbein und springbein – ein guter Titel, weil es nicht Standbein und Spielbein heißt. Die Themen der Domašcyna sind Landschaft und Liebe. Aber ihr eigentliches Thema ist die Poesie im Sinne von Bewahren. Als könnte sie das schon Verlorene und das, was droht verloren zu gehen, festhalten, wenn sie es in Gedichte einbindet:

zeichen des gebannten moments als waffe
gegen die endlichkeit der schritte
aufbewahrt noch nach dem verlust
des erinnerns.

Ihr Erinnern ist beinahe immer ein Spagat hart „an de reißgrenze“, wo Schmerz beginnt und Lust aufhört oder auch umgedreht:

stets bleibt das das flüchten ein nähern
und dein spagat hält balance.

Wo Róža Domašcyna vom Verbrauch der uns umgebenden Landschaft schreibt, ist kaum noch Balance möglich. Raubbau meint hier nicht „nur“ Umweltverschmutzung, sondern den Raub sorbischer Dörfer, die zugunsten der Braunkohle ins Jenseits geschickt werden. Diesen Gedichten ist etwas eigen, was in gegenwärtiger Lyrik rar geworden ist: Sie erzählen ein Stück gelebtes Leben. Die Konflikte werden nicht „cool“ bis an die Oberfläche geglättet, sondern Risse werden gezeigt, die tief in die Mitte zielen. Nicht zufällig heißt es deshalb in „Bilanz“: „wer zu sehr liebt dem wird zu sehr genommen“. Selten geworden im Zeitalter hermetischer Unterkühlung sind auch Liebesgedichte, von denen Róža Domašcyna ein paar geschrieben hat, die das Staunen nicht verlernt haben: „zwei völlig nackt ineinander / unfaßbar“ und wo noch ein Handkuß beschrieben wird:

zwischen handrücken und lippenhaut
die worte die grenze.

Daß sie allerdings in ihrer Schreibweise den „fallus“ um einen Buchstaben entscheidend verkürzt (ebenso hieroglyfe, mondfasen, alfabet, Epitaf), scheint einer unbedachten orthographischen Eigenheit geschuldet. Auch nehmen mitunter die Wortverschmelzungen (Artikel mit Präposition) derart überhand, daß sie dem Sprachklang abträglich sind; z.B. in „Zwischenstadium“: wärs, sichs, kriegts, bleibts, ists. (Wo war da der gestrenge Lektor?) Domašcynas Poesie-Suche mündet nicht in blinder Harmoniesehnsucht. Sie sucht die Auseinandersetzung mit dem Gestern und dem Heute, was durchaus politische Brisanz hat.
Eine ihrer bittersten Aufrechnungen mit sich selbst ist das Gedicht „Bewegt hab ich mich fallfrei, im parcours“, in dem der einstige Knoten des Pionierhalstuches heute zum Knoten im Hals wird. Wo andere ganze Romane brauchen, die letztlich auch noch ungeschrieben bleiben, genügen der Domašcyna zwei Verse, um das In-der-DDR-Bleiben ironisch zu hinterfragen:

dem drang zu bleiben essend nachgegeben,
um frisch am zügel und im zaum zu leben.

Auch wie sie auf bekannte Gedichte älterer „Kollegen“ reagiert und antwortet (z.B. „Eigentum“ von Volker Braun und „Ackerwalze“ von Wulf Kirsten), das hat eine eigene, auch humorige Art. Róža Domašcyna ist eine Dichterin, die nichts schreibt, um die Leser mit aufgesetzten Modernismen zu blenden. Das wird ihren poetischen Weg nicht vereinfachen, auch dann nicht, wenn sie zugibt, „in meiner sprache ohne begriff / für das wort feind“ zu sein, weil ihr Wörter wie „nichtfreund unfreund“ näher sind.

Michael Wüstefeld, Dresdner Neueste Nachrichten, 8./9.7.1995

Zwischen innen und außen, Lust, Gier und Überdruß

Auch von dem, was der Titel Zwischen gangbein und springbein zu versprechen scheint, handelt der zweite Gedichtband in deutscher Sprache der sorbischen Dichterin Róža Domašcyna: von Körperlichkeit. Solche, die als Gleichnis für Liebe steht, solche, für die Liebe als Gleichnis steht. Aber Erotik ist nur ein Aspekt ihrer lyrischen Welt. Sie bewegt sich zwischen innen und außen, du und ich, gestern und morgen, Lust, Gier und Überdruß, zwischen den Kulturen und Sprachen. Oft verwirren sich die Bilder zu Labyrinthen, und es sind doch zumeist einfache Worte, nicht mal Symbole, sondern Realien mit Namen und Geruch. Das lyrische Ich ist immer anwesend in seinen Handlungen, Wertungen, Sichten. Aber der Beschreibung entzieht es sich gerade dann am meisten, wenn es den Inhalt des Spiegels beschreibt. „ich sah mich alt die haare züchtig kurz / und grau im spiegel fremde kreatur“ beginnt ein Gedicht, es endet, „ich ging doch kitt und farbe blieben“. „verrückt bin ich aus der mitte geraten“ heißt es anderswo. Die Autorin ist auf dem Sprung, suchend das tatsächliche Ich, die Wurzeln, die immer nur momentelang im Wort zu finden sind. Kindheit, Name, Ort, Legenden und selbstbewußtes Frauentum, mit dem sie sich Freiheiten jenseits der vorgegebenen Definitionen setzt.
Manche der Gedichte gibt es zweimal im Buch, sorbisch und deutsch. Die deutsche Fassung ist dann keine bloße Nachdichtung, es ist ein neues Gedicht zu einem verwandten Thema. Dabei erscheinen die Gedichte in der sorbischen Muttersprache einfacher, ursprünglicher im Bildbau.
Liegt das nun an der deutschen Sprache selbst, oder daran, daß sie der Autorin eine, quasi, Fremdsprache ist? Zwingt sie sich gerade deshalb dazu, deutsch zu schreiben, um zum allzu eigenen Distanz zu gewinnen? Manchmal klingt so etwas aus den Zeilen heraus, aus den deutschen freilich. Ebenso aber Selbstvorwürfe wegen dieser Distanz.
Róža Domašcynas voriges Buch erschien auf sorbisch und hatte Erfolg. Dennoch vermute ich, das Deutsche sei für die Dichterin eine ebenso starke (vielleicht nur nicht so selbstverständliche) Heimat für ihr Denken. Zwischen den Sprachen besteht eine nie zu vollendende Arbeitsteilung und zugleich ein Konflikt. Der Schwächere wehrt sich gegen den Stärkeren, indem er sich ihm anverwandelt – kann das gutgehen? Hier geht es gut, aber es macht den bleibenden Schmerz der Gedichte aus. Die Konstellation kehrt wieder in anderen Motiven: Der „handwarski wandrowski“, der wandernde Handwerksbursche oder Landstreicher, als der sie durch die Texte streift, hat keinen festen Ort, nur das Ich. Dieses ist in Wahrheit nicht im Labyrinth verloren, es ist das Labyrinth. Die sorbischen Motive, die in den Gedichten stecken, sind zwar ihr Ureigenes, aber genauso wie jede spezifische Herkunft eines Dichters es ist. Ist in der Verflechtung der Motive, in Stimme und Rhythmus ein sorbischer Unterton, oder ist es nur der subjektive der Dichterin? Geschieht es bewußt, wenn deutsche Begriffe in ihrer Bedeutungs-Aura ungewöhnlich zusammengesetzt werden, oder ist es die Sprödigkeit der Nicht-Muttersprache? Vielleicht darf man so nicht fragen, doch die Gedichte selbst rufen die Fragen hervor:

wendisch ist gestorben sagst du und speist
die worte mir ins gesicht daß es stumm wird
und silbe um silbe verschluckt…

Gundula Sell, Sächsische Zeitung, 14.7.1995

Zwischen gangbein und springbein

Róža Domašcyna, 1951 in der Oberlausitz geboren und in Bautzen/Budissin ansässig, veröffentlichte 1991 bei der Berliner Janus press von Gerhard Wolf erstmals Lyrik und Prosa in deutscher Sprache, den Band Zaungucker. Wie bereits damals nutzt sie auch in ihrem neuen Buch Zwischen gangbein und springbein den spannungsgeladenen Ort des „Dazwischen“ als Raum ihrer poetischen Visionen. Die Benennung und Besiedelung eines eigenen dichterischen Terrains zwischen der deutschen und sorbischen Kultur und Sprache, eines Terrains an Länder-, Zeit- und Körpergrenzen ist das poetische Programm vieler neuer lyrischer Texte, die zum Teil zweisprachig abgedruckt sind.

JA

außerhalb der sprachlosigkeit der totalen
verstummung der totalen hörigkeit
wetz ich mir gangbein und springbein
aus dem stand komm ich sag mir laß mich
nicht mal tot sein wenn ich gestorben bin

Er scheint unruhig geworden und in Bewegung geraten zu sein, der geduldig beobachtende Zaungucker aus Róža Domašcynas gleichnamigen Gedichtband, der 1991 in Gerhard Wolfs Berliner Janus press erschien und seiner Verfasserin erste literarische Erfolge bescherte. Denn Jahre später weist die deutsch-sorbische Autorin ihren Lesern und Leserinnen mit ihrem neuen Buch Zwischen gangbein und springbein einen weit unbequemeren Ort für die poetische Eigen- und Fremdbeobachtung an: das Gehen und Springen „An der reißgrenze“ nämlich.

AN DIE REISSGRENZE

nimm die haut eines winterapfels im märz
die warnrufe der vögel
das in hast notierte unausgesprochene wort
die unverhoffte begegnung ihre folge
die im zeitraffer immer wieder sich zeigt

stets bleibt dir das flüchten ein nähern
und dein spagat hält balance

Von Grenzen war ja bereits im Zaungucker die Rede; von Rissen und Spalten, die es jedoch nicht in trügerischer Sehnsucht nach Harmonie zu überwinden, sondern auszuhalten gilt. Róža Domašcyna registriert kühl das Nicht-Deckungsgleiche. Als Sorbin, die in der DDR aufwuchs und zunächst sorbisch zu schreiben begann, formt sie das permanente Lavieren zwischen der Annäherung an die sorbische Identität und der Flucht vor der drohenden Vereinnahmung im Namen der Folklore um in eine Poetik des Dazwischen. Ob und wie es sich im Zwischenraum der Sprachen und Kulturen, der Zeiten und Ideologien, des eigenen und des fremden Körpers poetisch einrichten läßt – das ist Thema von über einhundert neuen Gedichten und lyrischen Prosatexten der Autorin aus der Oberlausitz.

WENDISCH

wendisch ist gestorben sagst du und speist
die worte mir ins gesicht daß es stumm wird
und silbe um silbe verschluckt die kinder
reden nur noch in zeichen
da ist keine fluchtmöglichkeit da ist der tausch
sagst du und weist auf die windigen gesellen
die glücklichen vögel mit ihren wendemanövern
die nester in tarnkappen baun

Weit mehr noch als zu DDR-Zeiten scheint der Ort der sorbischen Minderheit in Deutschland nach 1989 im „nirgendwomehr und nochnicht“ angesiedelt zu sein, wie es im dialogischen Gedicht „Tot bleibt ja nichts“ nur vordergründig optimistisch heißt. Nach wie vor bedroht der Braunkohlebergbau, dem viele sorbische Dörfer zum Opfer fielen, die äußere und der Zwang, „die zunge tauschen“ zu müssen, wie es die Autorin ausdrückt, die innere Existenz der Sorben. Weit davon entfernt, sich einer nostalgischen Wehmut hinzugeben, erteilt Róža Domašcyna jedem noch so zaghaften Geborgenheitsversprechen, das von den ererbten sorbischen Mythen und Ritualen ausgehen könnte, eine immer deutlicher zu spürende Absage. Im Zaungucker glaubte man die Autorin sogar noch in solcher Verweigerung aufgehoben, weil sich trotz aller Verfälschungen und Vereinnahmungsversuche in alten Rhythmen und Märchen, die in vielen der Texte verarbeitet sind, doch etwas von einer „wahren Leben“ zu konservieren schien. Mit dessen Beschwörung transportierte Róža Domašcyna gleichzeitig und sozusagen ex negativo die Klage über einen unwiederbringlichen Verlust. Wagt die Autorin im neuen Band den Zeitensprung in die Vergangenheit, was im Vergleich zu ihrem ersten Buch weniger oft vorkommt, so handeln die Texte fast immer von staatlich disziplinierten Freiheitssehnsüchten, von den Schmerzen des Erwachsenwerdens, von der Nähe der Kindheit zur Katastrophe.

UNTERM WEISSLEINENEN TUCH

es war winter
als der fleischer kam
ich floh auf den oberboden
faltete aus zeitungen schiffe
die schenkte ich dir
du holtest aus der schürzentasche
klebriges süßzeug
das schmeckte nach schafen
(die nannte ich Lizka)
ihr meckern die letzten hohen schreie
hörte ich mit dem daumen im ohr
an deinem körper
bekam das schlachten den geruch von leinwand
die duftete nach wind und buchsbaum
nach sonne und kerzen
noch heute
hält sich im haus das wetzen des messers
wie im fleisch der schrei
sind hochzeiten schlachtfeste
sitz ich auf dem oberboden
schluck rotz und wasser
und falte mir linkisch
segel zur welt

Róža Domašcyna wendet sich „zwischen gangbein und springbein“ verstärkt gegenwartsbezogenen Themen zu und weitet dadurch sicherlich ihr literarisches Spektrum aus. Sie sieht Verbindungen zwischen neuem und altem Nazitum „Unter symbolen und heilslehren“ – so der Titel eines Gedichts – und stellt einen Akt von Selbstverbrennung als Protesthandlung zur Diskussion. Vor allem aber beschäftigt sie die verordnete Integration nicht nur des sorbischen Ostens in die westliche Konsumgesellschaft. Auch hier wirft sie Fragen auf: Welcher Freiraum bleibt dem einzelnen im Übergang von der realsozialistischen Diktatur zur Diktatur des Konsums? Wohin mit den enttäuschten Hoffnungen auf tiefgreifende Veränderung?

AUF PIRSCH

aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaagenormt sind die hinweisschilder
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaadie begrenzujngssteine aus einem guß
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaadie katzenaugen im gleichen licht
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaader himmel gestirnt

Was lach ich wie gedrillt, mir ist nicht lachen.
Ich soll die taschen wenden, kopfstand machen
und pommesreste kratzen. Vom papier
fällt mir des mammons süß verheißnes manna
versalzen und in krumen: Nimm und friß!
Die sprüche kenn ich: bin ein nichts. Noch immer.
Bin ich denn dafür auf die straße raus?
Im flutlicht ohne chance – dann im glimmer
wächst in den fingerkuppen stahl sich aus.

Gefragt ist, damals wie heute, die Bereitschaft, einer trügerischen Sicherheit zu vertrauen; die Fähigkeit, sich „fallfrei, im parcours“ und „frisch am zügel und im Zaum“ bewegen zu können, wie es bei Róža Domašcyna heißt. Verdrängungsarbeit muß geleistet werden, nun unter anderen ideologischen vorzeichen. Die „zaungrenze“ hat sich, so die Autorin, mit ihren „selbstschußanlagen“ und „nachtsichtgeräten“ lediglich nach Osten verlagert. Róža Domašcyna, die in Bautzen lebt, ist täglich mit den sozialen Problemen von Ost-Einwanderern konfrontiert: „Ein gut geknöpfter knoten bleibt im hals“, schreibt sie.
Um Konkurrenzverhalten, Gleichgültigkeit und Fernsehsucht als Kennzeichen einer um sich greifenden Normierung zu brandmarken, begibt sich die Autorin leider auf die mittlerweile etwas ausgetretenen Pfade der literarischen Konsumkritik aus den 70er und 80er Jahren. Für West-Ohren klingen Begriffe wie „freßbuden“, „einkaufspagoden“, „kaufhallen wie tempel“ – besonders in Kombination mit metrisch gebundener Sprache (die Róža Domašcyna übrigens souverän beherrscht) – dann doch etwas altmodisch und moralinsauer, die kritische Intention ungewollt konterkarierend statt unterstützend. Nicht immer überzeugt der Weg vom „wir“ zum „ich“, den die Autorin in diesen dezidiert gesellschaftskritisch angelegten Gedichten einschlägt. Vertraut sie bar umgekehrt auf die Kraft ihrer persönlichen Mythen, auf die schmerzlich in die Erinnerung eingeschriebenen Bilder aus der Kindheit, folgt sie also eher dem „ich“ zum „wir“, entstehen Gedichte, die auf subtile Weise ein anarchisches Potentail freisetzen. „Zampern ohne zaum“ etwa, ein rhythmisch-skandierendes Gebilde, das auf das Faschingstreiben in der Niederlausitz anspielt, erinnert an die subversive Funktion, die – nach Bachtin – dem Lachen und dem Karneval in der Gesellschaft der Renaissance und des Barock zukam.

ZAMPERN OHNE ZAUN

zampa zampa in der gasse
eier in den kober geld in die tasche
branntwein in die flasche
zampern daß die schwarte kracht
leib und larv in geberlaune
hier im schauland: nimm und staune
zampadu zapzerap machst immerzu
nimmst mirs feld und gibst almosen
brätst dir einen storch in hosen
zampadie laß die tapse stehn im schnee
mein schnee dein schnee schon setzts hiebe
schnee tut bloß den füßen weh

zampabog und wockenstock
wer steckt unterm weiberrrock?
schlägst mich vorn triffst du nur siebe
zapada und falera triffst du hinten ebenda
deine kleider tragen striemen
von der geldtasche mit riemen
meine schenkel trägt der stock
pferdehals und kopf mit bock
kleb mir einen flachsbart an
kraut wächst aus dem körper raus
fährst in die grube oder steigst noch aus

Der Liebe in allen seelischen Zwischentönen und Spielarten begegnet man in den zahlreichen Liebesgedichten des neuen Bandes. Natürlich ist die Liebe auch dort mal zart, mal Kampf und Wagnis, oft desillusionierend und enttäuschend, immer aber irritierend und nicht am Gängelband zu führen. Hauptsächlich aber feiert Róža Domašcyna die flüchtige Begegnung; den Augenblick, in dem die eigentliche Erfüllung der Liebessehnsucht gerade nicht stattfindet. Der gewahrte Zwischenraum von „ich“ und „du“ scheint mehr dichterische Lust zu versprechen als die glückliche Vereinigung der Liebenden: „zwischen handrücken und lippenhaut / die worte die grenze“ heißt es im Gedicht „Wohin und adieu“. Dort – wir kennen viele Beispiele quer durch Liebes- und Literaturgeschichte −, wo das Begehrte nicht zustande kommt, bleibt etwas in Bewegung, ist so etwas wie „Wahrheit“ in der Nähe. So entsteht Poesie. Sind in der Wirklichkeit „fußangeln und falleisen“ auf dem Weg in die Zweisamkeit ausgelegt, wie Róža Domašcyna sagt, so kann man sich in der Literatur umso lustvoller dem Saltoschlagen und Spagatüben hingeben. Vorsicht ist trotzdem geboten. Hier wie dort bremsen eingefahrene Muster allzu kühne Versuche von Grenzüberschreitung.

FOLGE BLOSSER UMKEHR

bin ich die freierin bist du der hure
nach meinem turnus kommt uns atem liebe
jetzt treib ich dich du laß dich besser treiben
ich nehm dich auf den arm und laß dich falln
am kurzen oder langen faden tanzen yoyo
bist du statt mir nun und nichts weiter
wir sterben nach wie vor an blei und himmel

Auch neue Töne sind „zwischen gangbein und springbein“ zu vernehmen. In manchen Gedichten verläßt Róža Domašcyna die Zuständigkeit der „schönen Seele“ für gereimte Liebesangelegenheiten bewußt und gibt sich ungeduldig-fordernd, frech und ironisch. Leider, so möchte man fast sagen, wahren einige der gewagteren Texte die Grenze zur Obszönität allzu diskret, darin den Zeichnungen Maja Nagels folgend, die das Buch begleiten. Neu auch die Experimentierfreudigkeit der Autorin auf formaler Ebene: Vorsichtige Sprachspiele einerseits – etwa in den auf einem sorbischen Text beruhenden „Variationen zum grünen zet“ – und Auslotung eines Raums zwischen den literarischen Gattungen andererseits. Immer häufiger wendet sich Róža Domašcyna dem lyrischen Prosatext zu. Darin entwirft sie surreale Szenarien, deren oft sehr persönlicher, traumhaft-hermetischer Inhalt die Grenze zum Überpersönlichen kaum sprengen kann. Zugänglicher dagegen ist „Rindfleisch mit meerrettich“, ein Prosastück, das mit den Vorzügen der besten neuen Texte der sorbischen Autorin ausgestattet ist. Ausgehend von der Zubereitung des traditionellen sorbischen Hochzeitsgerichts spielt Róža Domašcyna ironisch mit ihrer Rolle als östlich-exotischer Dichterin, die dazu verführt werden soll, „den sorbischen Clown im mitteleuropäischen Käfig zu spielen“, wie Sigrid Damm es in einer Laudatio einmal ausdrückte. Verführung und Verweigerung, Liebe und Essen, Lust und Poesie mischen sich zu einem sinnlichen Lesegenuß…

Sabine Göttel, Saarländischer Rundfunk, 5.8.1995

„Ich gehöre nicht wirklich dazu.“

− Ein Porträt der sorbischen Dichterin Róža Domašcyna. −

Im Blick auf die faszinierend vieldeutigen Sonette Shakespeares hat kürzlich der Dichter Peter Waterhouse eine sehr eigenwillige Theorie der Übersetzung vorgelegt. Den poetischen Übersetzer, so resümierte Waterhouse, dürfen wir uns nicht als triumphierenden Seefahrer auf Eroberungsreise vorstellen, sondern eher als glücklichen Schiffbrüchigen. Entgegen einem weit verbreiteten Missverständnis sei der Übersetzer nicht zuständig für den Brückenschlag zwischen zwei getrennten Sprachwelten, oder gar für einen funktionalen Wörter-Transport von A nach B, sondern er bewege sich in einem Zwischenraum mit offenen, fließenden Grenzen, in den Bezirken des Instabilen und Unverfestigten. Waterhouse verweist auf Prospero, den Helden in Shakespeares letztem Drama Der Sturm, der als Herzog von Mailand ins Exil gejagt wird und auf einer menschenleeren, namenlosen Insel landet, aber gerade das Landloswerden als Bereicherung seines Daseins erfährt. Für Poesie wie Übersetzung gelte: Die Potentiale des Poetischen leuchten nur im großen Transitraum der Zweisprachigkeit auf. Das einzige Asyl, in dem Poesie unterkommen kann, ist die Zweisprachigkeit, der ständige Aufbruch ins Ungewisse zwischen den Sprachen.
Eine ideale Bewohnerin des poetischen Zwischenraums der Zweisprachigkeit ist die sorbische Dichterin Róža Domašcyna. Sie spricht und schreibt „im zwieland mit doppelzüngiger duellität“, ständig zwischen ihrer sorbischen Muttersprache und den Vatersprachen des alten und neuen Deutschland hin- und herpendelnd. 1951 als Rosa Domaschke in Zerna in der Oberlausitz geboren, wuchs die Dichterin in einer Landschaft auf, deren verwunschene Schönheit durch den exzessiven Braunkohlenabbau schwer versehrt worden war. Die forcierte Industrialisierungspolitik der DDR hatte in der Lausitz ausgehöhlte Landschaften und zerstörte Dörfer hinterlassen; den offiziell als Vorzeige-Minderheit geförderten Sorben wurde immer mehr Siedlungsraum entzogen. Als Ingenieur-Ökonomin im Braunkohlenrevier von Hoyerswerda erhielt die junge Rosa Domaschke ihre ersten Lektionen in politischer Desillusionierung. Der Blick auf das ökologische Desaster der Lausitz provozierte in ihr ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber der Rhetorik offizieller Verlautbarungen und standardsprachlicher Schablonen. Die bedrohte dörfliche Kultur der Sorben in der Lausitz bildete dann später den existenziellen Erfahrungsgrund, in den die Texte der Lyrikerin, Märchenerzählerin und Sprachspielerin Róža Domašcyna immer wieder eintauchen.
Die Rede von der „sorbischen Muttersprache“ der Róža Domašcyna ist freilich schon eine Ungenauigkeit, existiert doch das Sorbische, das die Linguisten zur westslawischen Sprachengruppe rechnen, in zwei Varianten, die erheblich voneinander abweichen. Das Obersorbische, das im Süden gesprochen wird, ist dem Tschechischen verwandt, das Niedersorbische des Nordens ähnelt dagegen dem Polnischen. Der Aufbruch in das instabile Terrain zwischen den Sprachen vollzog sich irgendwann in den achtziger Jahren, als Rosa Domaschke am Leipziger Literaturinstitut studierte und sich – in subtiler Mimesis an ihre spachliche Herkunft – in die Dichterin Domašcyna verwandelte. Seither vagabundiert sie als literarische „Landstreicherin über Traditions- und Sprachgrenzen hinweg“ (Gerhard Wolf) – und wechselt mitten im Vers von einer Sprache in die andere.
Über ihren ersten Gedichtband Zaungucker (1991) bemerkte ihr Verleger Gerhard Wolf, hier wirkten manche Zeilen wie aus dem Sorbischen ins Deutsche übersetzt. Dieser sprachhungrige Wechsel zwischen den Sphären ist ja gerade das Erkennungszeichen des Dichters der Zweisprachigkeit, der die Legitimität der Sprachgrenzen in seinen Texten ständig in Frage stellt. Poetische Bilingualität bedeutet aber auch die lebenslange Erfahrung des Fremdseins, des grundsätzlichen Sprachexils, das in keinem besänftigenden Heimatgefühl Zuflucht finden kann.
„Wir sind ein Volksrätsel“, hat Domašcynas sorbischer Dichterkollege Kito Lorenc einmal lapidar notiert – und diese Rätselhaftigkeit des Sorbischen hat sich auch als Leitmotiv in die Texte Róža Domašcyna eingeschrieben. In ihrem Gedicht Triangel regional, das in ihrem jüngsten Band selbstredend selbzweit selbdritt (1998) zu finden ist, spricht das lyrische Ich von der unaufhebbaren Fremdheit nicht nur des eigenen Namens, sondern auch der Physiognomie und des körperlichen Habitus. Der Text setzt ein mit dem Eingeständnis der prinzipiellen Unzugehörigkeit: „Ich gehöre nicht wirklich dazu“. Dann folgen programmatische Sequenzen über die lautliche Exotik des Namens „Domašcyna“, der sich mit „Häusler“ übersetzen ließe:

diese kschtschrschkombination in meinem namen
hat man hier nicht
und habe ich nicht auch schrägstehende augen
eine etwas verlängerte nase
ein fliehendes
kinn
ich könnte mich freilich
Häusler Hausmann Hauser nennen
dann wären die augen wie sie sein sollen
oder ich könnte mich ausschließlich
Keschroschasch nennen
dann wäre die schrägstellung wie sie sein muss…

Die Gedichte der Róža Domašcyna stehen in denkbar weitester Entfernung zur sorbischen Heimatfolklore und zu allen naiven Versuchen, in den „jenseitigen Dörfern“ der Lausitz (Kito Lorenc) ein idyllisches Paradiesgärtlein zu verorten. Dagegen sind es immer wieder vokabuläre Reize, fremde Laute, bizarre Wörter-Funde, an denen sich die poetische Phantasie der Dichterin entzündet und ihr Nomadisieren zwischen den Sprachwelten in Gang setzt. Wie ihre Dichterfreunde Kito Lorenc und Benedikt Dyrlich hat sie Variationen auf ein Rätselgedicht des sorbischen Klassikers Jurij Chezka geschrieben: „Variationen zum grünen zet“ („Zelene Zet“). Während hier aber nur ein Buchstabe der sorbischen Sprache, das „z“ zum Anlass einer poetischen Abschweifung wird, erfindet sich Róža Domašcyna in ihrem Gedicht „wortall“ ihre eigene lyrische Schöpfungsgeschichte. Auch dieses Gedicht überschreitet konsequent die Sprachgrenzen, erprobt die Parallelführung und die symbiotische Koexistenz des Sorbischen und des Deutschen. Etymologisch verwandte Wörter aus beiden Sphären werden in spielerischer Manier durchbuchstabiert – dabei entstehen im Niemandsland des poetischen Zwischenraums auch neue Wörter einer Kunstsprache:

atest a avenue
bomy die bäume im baumeln
der blätter w bubnjowanju beben
die bettelsmannlaus schlec bidens tripartitus…

So bahnt sich die onomatopoetisch beflügelte Rede ihre mäandrierende Bahn, und es lassen sich in diesem sprachobsessiven Assoziationsspiel durchaus Ähnlichkeiten zu den poetischen Verfahrensweisen des polyglotten Sprachzauberers Oskar Pastior finden. Wie bei Pastior stellen sich aber bald Anzeichen von lyrischer Materialermüdung ein, wenn die Domašcyna ihre deutsch-sorbische Wörterwelt in seriellen Techniken aufrufen will. Da kommt es dann zu lyrischem Leerlauf, endlosen Wiederholungsreihen, die in einer Art Fleißübung (zum Beispiel im Gedicht „unterm doppelstern“ mit seinen endlosen „Doppel“-Wortbildungen) vorgeführt werden.
Wenn umgekehrt die Domašcyna gefühlszentrierte Körper- und Liebesgedichte ausprobiert, wie in einigen Texten aus der zweiten Abteilung von selbstredend selbzweit selbdritt, dann kommt es zu keinen vokabulären Reibungsprozessen mehr, aus denen sich sprachspielerische Funken schlagen ließen. Dann herrscht die schiere Konventionalität. Wo aber die Dichterin die Wörter aus ihren nationalsprachlichen Verankerungen löst und sie in ihr poetisches Zwischenreich der vokabulären Unruhe entführt, in dem staunenswerte poetische Metamorphosen stattfinden, da präsentiert sie sich als Autorin von europäischem Rang. Nomadisierend in ihrem sorbischen Wortall, bewegt sich die Domascyna dann „quer durch die ganze grammatik“ um immer wieder aus unseren blinden Sprachroutinen und Kommunikations-Begrenzungen auszubrechen:

ich soll mit demut das wort salschik sprechen?!
mein inventar wird das genüg dir brechen.

Michael Braun, der Freitag, 23.3.2001

Zu einem Gedicht aus diesem Band Jayne-Ann Igel: Wo sich die Geister scheiden

Fakten und Vermutungen zur Autorin + Interview
Porträtgalerie
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Richard Pietraß: Dichterleben – Roža Domašcyna

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