Theodor Kramer: Spätes Lied

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Theodor Kramer: Spätes Lied

Kramer-Spätes Lied

TRINKLIED VORM ABGANG

Schon wird uns oft ums Herz zu eng,
es läßt uns niemals ruhn;
wir konnten manchmal im Gedräng
nicht ganz das Rechte tun.
Laßt in der Runde gehn den Wein,
horcht, wie die Zeit verrinnt;
die Menschen werden kleiner sein,
wenn wir gegangen sind.

Uns wäre eingereiht, behaust
und vorbetreut nicht wohl;
wir konnten noch in unsrer Faust
vereinen Pol und Pol.
Laßt in der Runde gehn den Wein,
horcht, wie die Zeit verrinnt;
die Menschen werden schwächer sein,
wenn wir gegangen sind.

Ob altes Maß, ob neues Maß,
wir müssen bald vergehn;
was schadet’s bleibt nur dies und das
von uns als Zeichen stehn.
Laßt in der Runde gehn den Wein,
horcht, wie die Zeit verrinnt;
die Menschen werden freier sein,
wenn wir gegangen sind.

 

 

 

Nachwort

Die Vielzahl der Facetten, in denen Theodor Kramer die Welt widerspiegelt, mag immer wieder überraschen. Der Dichter, der für die, „die ohne Stimme sind“, spricht, wendet sich mit der gleichen Aufmerksamkeit und mit der gleichen Intensität, mit denen er das Leben der Menschen am Rande der Gesellschaft darstellt, den Zeiten des Jahres zu, um ihre Erscheinung in immer neuen Varianten zu erfassen. „März“ (als Synonym für das Frühjahr), „Sommer“, „Herbst“ und „Winter“ finden sich in zahlreichen Varianten in den Titeln seiner Gedichte. Am häufigsten der Herbst, der für Reife und Vollendung, aber auch für Welken und Vergehen steht und der bei Kramer oft den Winter ahnen läßt.
Früh schon unterlag er der Faszination der Dialektik von Reife und Verfall. Als Kind schon hatte ihn, wie er bei einem letzten Besuch seines Heimatortes Niederhollabrunn dem Herausgeber erzählte, der Anblick des über das morsche holzgezimmerte Geländer der Kirchenstiege wuchernden Strauchwerks – längst sind die Balken durch eine Konstruktion aus Beton und Eisen ersetzt – zugleich angezogen und geängstigt: strotzende Hecken, deren Ranken, einander bedrängend und bedeckend, in ihrem Inneren schon im Sommer Fäulnis und Absterben sichtbar werden ließen. Und er hatte diese Stiege nahezu jeden Tag zu gehen, denn sie führte auch zu seinem hoch über dem Dorf gelegenen Elternhaus.
Er weiß um beides: um den trügerischen Glanz der Oberfläche und um das, was sich dahinter verbirgt. Stärker als uns, die wir dieses Wissen verdrängt haben, ist ihm bewußt, daß die ausgereifte Frucht, auch wenn sie uns in einer Fülle, die die Spreizen der Äste zu brechen droht, erscheint, in Wahrheit ein Ende ist, daß die leuchtenden Farben des Herbstes Zeichen des Verfalles sind, Vorboten des Vergehens.
In unzähligen Anläufen versucht er, der Erscheinungen habhaft zu werden, folgt er den kaum merklichen Veränderungen, gewinnt ihnen neue Schattierungen ab, läßt auf gleichbleibende Versatzstücke anderes Licht fallen, wie ein Maler, der um sein Motiv ringt. Wer ihn dafür der Monotonie beschuldigt, der muß auch einem Memling die Vielzahl seiner zarten Madonnen vorwerfen oder einen Monet dafür tadeln, daß er wechselnde Lichteffekte auf den Fassaden der Kathedralen und auf den Heuhaufen zu erfassen versucht. Nichts anderes tut Theodor Kramer statt mit Farben mit Worten.
Von Anfang an sind seine Beobachtungen herbstlicher Veränderungen in der Natur von den Beschreibungen menschlichen Alterns begleitet. Eintrübungen in der Natur und Betrübnis der menschlichen Seele laufen nebeneinander her. Das Schwinden der Kräfte ist beiden gemein, und doch in Wesentlichem verschieden. Der sichtbare Wandel in der Landschaft ist, naturgegeben, in sich unreflektiert. Der Mensch allein weiß, was mit ihm geschieht. Beobachtung und Erkenntnis der eigenen Verwandlung stehen im Wechselspiel. Dazu wird seine naturbedingte wachsende Schwäche oft durch die Regeln der Gesellschaft verschärft. An den Rand gedrängt, bleibt ihm nur die Sehnsucht nach verlorener Geborgenheit.
Kramers eigener Herbst währte lang. Wenn er auf der Höhe seiner Schaffenskraft und, ihm unbewußt, in der Mitte seines Lebens, resignierend erklärt, daß „die Tage schleißig“ werden, „sobald einmal die Dreißig / erst überschritten sind“, ist das kein billiger Reim, sondern Ausdruck eines Lebensgefühls. Das beweist der Titel eines Gedichtes, knapp ein halbes Jahr danach in seinem 34. Lebensjahr geschrieben:

An einem schönen Herbsttag möcht ich sterben…

Doch wie seine Gestalten erlebt er Zeiten befriedigender Rückbesinnung, Augenblicke der Hoffnung, die aufflammen wie ein klarer Herbsttag inmitten neblig-trüber Wochen. Und so wie sie weiß auch er, daß die reife Frucht Samen birgt, und ihn erfüllt zitternde Gewißheit, weiterzuleben in seinem Werk.

Erwin Chvojka, Nachwort

 

Warme, goldene Tage,

gefolgt von den ersten frostigen Nächten; rot- und gelbblühende Bäume, graue Nebelabende, der Duft von reifem Obst und Holzrauch in der Luft – das sind die Bilder, die Theodor Kramer in seinen Herbstgedichten malt, in seiner unverwechselbaren Sprache.

Europaverlag, Klappentext, 1966

 

Theodor Kramer

EIN DICHTER, der jahrzehntelang fast Tag für Tag Gedicht um Gedicht wie unter manischem Zwange niederschreibt, der jahrelang von den Honoraren der Drucke in den Zeitungen des gesamten deutschen Sprachraumes lebt, ein Dichter, den Carl Zuckmayer als den „stärksten Lyriker Österreichs seit Georg Trakl“ bezeichnen konnte, und den man nun, einige Jahre nach seinem Tode, den Lesern gleichsam neu vorstellen muß? Ist so etwas möglich? Bei Theodor Kramer ist es der Fall.
Seine Gedichtbände sind verschollen, und nur wenige Aufmerksame, auch diese meist den älteren Jahrgängen angehörend, wissen noch von ihnen, der Gaunerzinke, dem Kalendarium und dem Wolhynienband mit den Kriegsgedichten, und von dem Eindruck, den sie an der Wende der Zwanziger- zu den Dreißigerjahren hervorgerufen haben.
Mit der Plötzlichkeit eines Naturereignisses auftretend und die Gewalt seiner Bilder und Gestalten in die verblassenden Formeln des Expressionismus werfend, nach dem ersten Gedichtband in der Berliner Literatur als bisher Unbekannter von Lissauer, dem damals Einflußreichen, als „unverwechselbar“ begrüßt, gedruckt von Zürich bis Königsberg, gesendet von Köln bis Breslau, durch Preise gewürdigt, in Besprechungen gelobt, erlebt Kramer in dieser Zeit, in kurzen sechs Jahren, den Höhepunkt seiner Wirkung und Anerkennung. Kein Nachlassen der schöpferischen Kraft, keine Erstarrung des Geistes, sondern die politische Entwicklung dieser Jahre bereitet diesem Zustand ein nahezu eben so rasches Ende. 1933, 1934, 1938, das sind die Stationen auf dem Wege zum Vergessen werden.
Das Jahr 1933 verschließt ihm, der 1897 als Sohn eines jüdischen Landarztes im niederösterreichischen Weinviertel zur Welt gekommen war, die Spalten der Zeitungen und die Pressen der Verlage im Reich, 1934 gehen für ihn infolge der Ausschaltung der Sozialdemokratie nach den Februarkämpfen in Österreich weitere Veröffentlichungsmöglichkeiten verloren, der Band Mit der Ziehharmonika, sein vorläufig wichtigstes im Druck vorliegendes Werk, findet 1936 nicht mehr den Weg nach Deutschland, und das Jahr 1938 bringt ihm das endgültige Schweigegebot auch in der Heimat, die in seinem Werke lebt, wie vielleicht in keinem zweiten. Nach einem Jahr muß er dem Druck weichen und geht nach London. Was er rettet, ist Leben und Stimme, aber nicht ihr Klang in den Ohren der Menschen. Denn das ist die besondere Tragik im Leben Theodor Kramers, daß ihm der Raum, in dem er seine Stimme erheben kann, immer mehr eingeengt wird, bis ihm zuletzt nur mehr die Wände eines englischen Zimmers bleiben, zwischen denen er, rastlos Heft um Heft mit seinen Gedichten füllend, sich „zu Ende singt“. Aber diese Wände sind taub, und außerhalb von ihnen wird er kaum mehr gehört.
Auch das Jahr 1945 ändert hier nichts. Aus der gewohnten Bahn geworfen, sich verlassen wähnend, der Unentschlossenheit beginnenden Alters immer mehr hingegeben, gelingt es ihm nicht, Gelegenheit und Mut zur Rückkehr zu finden, und so bleibt er in achtzehnjährigem Exil fern dem Ursprung seiner Kraft und den Möglichkeiten seines Wirkens. Erst ein halbes Jahr vor seinem Tode, im Herbst 1957, kehrt er nach Wien zurück, wahrlich bloß um hier zu sterben.
Zwei dünne Heftchen – Die untere Schenke und Wien 1938 – die 1946 in Österreich erschienen, bleiben auf das Erscheinungsland beschränkt, ein ähnliches während des Krieges in London gedrucktes Heft (Verbannt aus Österreich, 1943) ist in England verschollen. Derzeit sind aus Kramers Werk nur zwei schmale Auswahlbände in Auslieferung (Vom schwarzen Wein, herausgegeben von Michael Guttenbrunner, Otto-Müller-Verlag, Salzburg 1956, und Einer bezeugt es… herausgegeben von Erwin Chvojka, Stiasny-Verlag, Graz 1960), viel Wesentliches aber ist überhaupt ungedruckt, und in Deutschland blieb er mit Ausnahme einiger weniger Drucke in Zeitungen und Anthologien seit 1933 unbekannt. So muß dieser Dichter also aufs neue vorgestellt werden.

Unterm Laub wohnt der Stamm, unterm Roggen der Grund,
unterm Rasen Gestein und Gewalt;
jedes Jahr, wann im Herbstwind die Stauden sich drehn
und die Kleestoppeln schwarz auf den Lößleiten stehn,
wird urplötzlich das Land wieder alt.

Jedes Bachbett wird steil, jeder Hohlweg wird tief
(und sie hatten sich grün schon verflacht);
aus der Baumgruppe hebt sich der urbare Kern
und die Felsblöcke darben, als wärn sie von fern
in die Ebne gerutscht über Nacht.

Solche Verse, im ersten Gedichtband, der Gaunerzinke, stehend, sind es, die Lissauer 1928 in der erwähnten Besprechung in der Literatur schreiben ließen, es seien die „Kramerschen Gedichte noch über ihre eigentliche dichterische Kraft hinaus ein Ereignis, weil sie sich von einem großen Teil sogenannt junger Lyrik. deutscher wie österreichischer, unterscheiden durch Kraft des Griffs und Mut des Blicks.“
Das Gegenständliche der Erscheinungen, das Fehlen traditioneller Stilfiguren, die Selbstausschaltung des Dichters und seines Gefühls verleihen diesen Versen Kraft und Schärfe. Wir „sehen“ die Landschaft ohne das Medium der dichterischen Stimmung. „Zum Weinen klar“, wie Kramer selbst immer wieder sagt, stehen die Formen vor uns. Und doch ist es kein bloßes Abbild des Landes, in ihm verborgen ahnen wir unter der Oberfläche die Kräfte, die in ihm leben, Keimen und Verfall, unter dem Rasen „wohnt“ nicht nur Gestein, sondern auch Gewalt.
Die ganze weitere Umgebung Wiens, das Lößland im Norden, zwischen dessen Hügeln er geboren wurde, die dunklen Hochflächen des Waldviertels, das Buckelland im Süden, die Kornebene des Marchfelds und die weiten Steppen um den Neusiedlersee im Osten, alle erwandert und erschaut, gestaltet er in solchen Bildern, die bei aller Treue der Wiedergabe unmerklich etwas von ihrem Vorbild verlieren und zur „Landschaft“ an sich werden, gültig auch ohne das Wissen um den besonderen Anlaß. Das Heftchen Kalendarium ist mit solchen Gedichten gefüllt.
Und Kramer bevölkert diese Landschaft mit Gestalten, die in eigentümlicher Weise ihrem geheimen Leben verbunden scheinen, ausgehend aus ihr, keimend, getrieben und verfallend wie sie.

Aus den Städten folge ich den Gleisen
durch das Hügelland, bis meilenweit
die Gehöfte lagern, durch die Schneisen
und die Meiler, wo der Habicht schreit.
Und man dingt auf manchem Hof den Gänger;
denn im Ödland ward noch nicht gemäht.
Aber meines Bleibens ist nicht länger
als des Halms, der auf den Leiten steht.

Wanderarbeiter, Taglöhner, Viehhalter, Vagabunden, Steinbrecher, Häusler, Ziegelbrenner, Schwache und Geschlagene, deren Leben dumpf dahingeht und dennoch von einer Intensität ist, wie sie nur den Kräften der Natur eignet. Ihnen, wie allen jenen, „die ohne Stimme sind“, leiht Kramer die seine, und ihre verhaltene Stärke wirkt gerade durch den einfachen, übersichtlichen Bau der Sätze; gelegentlich durchsetzen sie die Ausdrücke des Landes wie die Findlinge den Boden. Wir erfahren von der „Letzten Wanderschaft“ des Vagabunden, was geschieht, „Wenn ein Pfründner einmal Wein will“, und wie die Lehrlinge der kleinen Gewerbe, den Spielen der Kindheit kaum entwachsen, ausgeliefert einer Umgebung, deren Eintönigkeit und Grauen sie nicht widerstehen können, sich flüchten in ihre Träume. Im Traume und im traumhaften Wunsche lebt die Freiheit der Getretenen. Sie läßt den Schusterlehrling, den Schusterkneip „quer vor der Brust“, durch das Land ziehen und den „Bettgeher“ vor denen, deren Zimmer er teilt und deren intimsten Äußerungen er nicht entrinnen kann, seinen Ausweg suchen in dem Wunsche, er möchte „um ihre Betten stehn, bei Nacht: ein Dornenstrauch.“ Solche Themen, solche Worte hatte es nie zuvor gegeben.
In seinem bisher umfangreichsten gedruckten Werk, Mit der Ziehharmonika, dessen Titel schon programmatisch das Instrument seiner Muse nennt, weitet er den Kreis seiner Menschen am Rande am Rande der Dörfer, am Rande der Gesellschaft, am Rande des Lebens – aus und bezieht den Rand der Stadt, die Gegend an den „Zufahrtsstraßen zwischen den Fabriken“ in seine imaginäre Landkarte ein. Fabriken, Schenken, Ziegelfelder, Schrebergärten, verlassene Länden an den Kanälen, Schuppen, dunkel schimmernde Verschubgeleise reihen sich endlos aneinander, staubüberzogen, lehmbespritzt, rostzerfressen, die Blüten der Bäumchen von Rußkörnern bedeckt, und so sind die Bewohner dieses Gebietes ohne Trost Fabrikarbeiter, Eisenbahner, ihr Gärtchen pflegende Pensionisten, Werkwächter, Strolche und Huren, und da es die Zeit der großen Not ist, viele Arbeitslose.
Wie ein Verhängnis lastet dieses Leben auf ihnen, gegen das sie nicht aufbegehren und nicht aufzubegehren wissen, und selbst in der „Kantine“ liegt es über den Männern wie eine Drohung:

Durch die Dachpappe sickert das Rieseln im Schlackenrevier
und es beugen beim Geben die Männer sich über ihr Bier,
tief als fehlte den Sparren der niedrigen Decke der Baum
und als könnte ein Kran ziehn ganz nah seine Bahn durch den Raum.

Neben dieser Serie, die den Hauptbestand des Bandes ausmacht, und den anderen von der Landschaft und ihren Menschen tauchen jetzt persönliche Gedichte auf, in denen der großstädtische Alltag des kleinen Mannes mit eben derselben Schärfe und Gewalt dargestellt wird wie zuvor die Umwelt der Dörfer. Gerüche und Geräusche (bei Kramer hört man sogar die Stille), der Schein des schwindenden Lichts und der pelzige Griff des Staubes bilden die durchdringende Begleitung der „kleinen“ Sorgen, der Sorgen um Gesundheit und Heim, Liebe und Beruf, wie man sie draußen in der „großen“ Welt nicht ausspricht, sondern nur wo man allein oder zu zweit ist, und die doch die großen Sorgen der Menschen sind. Alles das ist mit einer Bestimmtheit gezeichnet, daß sich jeder Leser selbst im Raume wie im Denken wiederfindet.
Wie es zu dieser Größe des Geringen kommt, sprechen manches Mal die Menschen Kramers selbst aus, wie der Greis in dem Gedicht „Pfingsten für zwei alte Leute“:

Gewaltig, Alte, glaub mir, ist das Leben
in allem, wenn wir es nur richtig tun,
wenn wir dabei sind, wie wir uns erheben,
und ganz dabei, wenn wir ein wenig ruhn,

Überschwang und Angst, Liebe und Furcht bändigt Kramer jetzt häufig durch die Form der wiederkehrenden Schlußzeile oder des Kehrreimes. Von nun an beginnt die persönliche Sphäre an Raum zu gewinnen und schließlich gleich stark neben die bis zuletzt entstehenden Landschafts- und „Stadtschafts“-gedichte (ein Ausdruck Kramers) zu treten.
Schon der 1931 erschienene Band Wir lagen in Wolhynien im Morast…, der die Kriegsgedichte Kramers sammelte, zeigt die wachsende Beschäftigung mit dem eigenen Erleben. Keine Kriegsgedichte überkommener Art, keine Ruhmredigkeit, keine Helden- oder Schicksalsmystik, nur der Bericht von dem fremden Geschehen, in das man sich versetzt findet und an das man sich irgendwie gewöhnt, das aber nichts an Furchtbarkeit dadurch verliert, daß es zum Alltag geworden ist.
„Im Viehwaggon, vermacht mit starken Stangen“, „Wir lagen in Reserve vor den Föhren“, „Die erste Verwundung“, „Wir lagen in geräumiger Kaverne“, „Wir irrten, von der Front zurückgenommen“, „Wir dösten auf den Pritschen der Baracken“, „Rückzug über den Plöcken“ sind Titel von Gedichten. Eine Chronik des gemeinen Mannes, erzählt in langen, breit dahinfließenden Zeilen, so als ob sie einer von Kramers Menschen zu Hause oder im Wirtshaus an langen Abenden, sich zurückerinnernd, erzählte. Bei seinem Erscheinen wurde das Buch neben Remarques Im Westen nichts Neues gestellt.
Diese Möglichkeit des Austausches von Dichter und Geschöpf kommt nicht von ungefähr, denn in einem tieferen Sinne sind sie er, und er ist sie. Da sieht er sich 1938 plötzlich aus ihrer Gemeinschaft gerissen, und da nun sein Schicksal das persönlichste wird, wird es auch sein Gedicht, An Stelle des „Wir“ tritt das „Ich“, und es ist nicht mehr eine Stimme, die er verleiht, oder eine Rolle, in die er steigt, eigenstes Erleben ist es, was in dem zwar erst 1946 erschienenen, aber in der Titelzeit geschriebenen Band Wien 1938 Ausdruck gewinnt.
Sein Ausgeschlossensein, die tägliche Bedrohung, deren Ausmaß nicht abzusehen ist, Verstoßenheit und Kränkung führen zur Selbstbefassung. Und so füllt er diese Blätter mit großen Sorgen und mit kleinen, ja kleinlichsten Befürchtungen, was sie umso erschütternder macht, weil sie dadurch noch wahrhaftiger geworden sind.
Jetzt entsteht auch zum ersten Mal ein „Von-Gedicht“, das erste einer später in England fortgesetzten neuen Serie vom Wesen und Wert menschlicher Zustände und Beziehungen,

VON DER ANGST

So gewaltig ist nichts und nichts läßt so nicht ruhn,
wie die Angst, die den Menschen befällt,
wenn es ihm nicht erlaubt ist, sein Tagwerk zu tun
und er gar nichts mehr gilt auf der Welt.
Wie ein Schlafwandler, der jäh erwacht aus dem Traum
auf dem First, steht er da und nichts bietet im Raum
seinem Griff sich, woran er sich hält.


Seinen Reis trägt er früh unterm Mantel scheu heim,
eh gekündigt wird, räumt er das Haus.
Was die Welt von ihm weiß, hält er ängstlich geheim,
und das Heimlichste plaudert er aus.
Wo er niedersitzt, schweigt er und macht sich ganz klein,
und er scharrte am liebsten für immer sich ein
vor der Zeit, wie im Winkel die Maus.

In England setzt er diese Selbstbefassung nach einer schockartigen Schaffensunterbrechung fort und sammelt zusammen mit englischen Land- und Stadtschaften die Gedichte für einen „England“-Band, der nie erschienen ist. Nur einige Stücke sind in die Londoner Veröffentlichung Verbannt aus Österreich gelangt.
Nahezu abgeschnitten vom persönlichen Verkehr mit Menschen, die seine Sprache sprechen, getrennt von den Grundlagen seines bisherigen Schaffens, zuletzt als Bibliothekar an das County Technical College von Guildford, einem Landstädtchen südwestlich von London, gekommen, bleibt ihm nichts als seine Schaffenskraft, um sich selbst aus ihr zu erhalten, und die Sprache, in ihr zu wohnen. Fast alles, was er jetzt schreibt, bleibt ungeordnet und ungedruckt, und es geschieht, was er selbst in einem vom Sender Rot-Weiß-Rot, Salzburg, 1953 gesendeten Vortrag sagte: „Zum Zusammenstellen und Feilen kam es nicht, weil ich zunehmend kränkle. Und weil ich Neues schreiben muß. Ich muß es, wie ein Süchtiger seiner Sucht folgen muß. Geheilt, dauernd geheilt kann er nur werden, wenn ihm ein vollwertiger Ersatz geboten wird für seinen Schnaps, für sein Morphium, für sein Kokain, wenn er selbst einen solchen findet. Was aber könnte mir den Rausch und die Befriedigung des Schaffens ersetzen?“
Dabei entwickeln sich nun alte Motive in einer Weise weiter und entstehen neue Gruppen neben ihnen, daß man geradezu von einem „neuen“ Kramer sprechen könnte. Aus seinen Gestalten bricht das Wort jetzt hervor wie der Schrei des Geringsteten und das Lied des Berauschten.
Von all dem gelangen nur geringste Spuren in den Druck. In der Unteren Schenke“ zeigt sich die nunmehr immer stärker werdende Überhöhung alter Themen, so im hinreißenden Rhythmus der Schlußstrophe des Gedichtes von der „Schnapshütte“, in der die Verfehmten des Dorfes Vergessen suchen:

Und es öffnet den Mund ihm vom Fusel ein weiteres Glas,
und er staunt, denn zu singen auf einmal hebt dies und hebt das
aus ihm an, und er schluchzt, wie das leidige Leben ihn zwackt,
und laut schlagen die andern dazu mit den Feiteln den Takt.

Neu ist auch der Zug, Zyklen, wie es solche schon im Ziehharmonika-Band gab, auf mehrere Personen zu verteilen und etwa die „Heimkehr des Burgenländers“ aus den Blickwinkeln des Buben, des Vaters und der Frau des Heimkehrenden und schließlich aus seinem eigenen zu zeigen. Hier wird nicht berichtet, was einem einzelnen widerfährt, oder, wenn es sich um ein Geschehen zwischen zwei Menschen handelt, der andere zum stummen Empfänger der Rede des Gedichtsprechers gemacht, sondern das Geschehen wird gleichsam in die Mitte gestellt, die Personen herumgruppiert; jeder sieht den gleichen Vorgang nun anders, ohne von dem Standpunkt der anderen zu wissen, und durch die Verschiedenheit der Erlebnisgehalte entsteht eine dramatische Spannung von großer Eigenart. In dem siebenteiligen Gedicht „Der Mitwisser“, das vom Schicksal eines Fallenschnitzers handelt, der einen Einbruch beobachtet hat und sich nun an der Beute beteiligen möchte, und das den Kern eines ebenfalls noch unveröffentlichten kleinen gleichnamigen Bandes bildet, entwickelt sich sogar der Ansatz zu einer kleinen Handlung, aber Kramer hat den Schritt vom Lyrischen zum Dramatischen nie getan.
Zahlreiche Gedichte zeigen nun den Niederschlag der beiden Haupterlebnisse, die dem Dichter noch geblieben sind: des Alterns und der Einsamkeit. „Die alten Leute“, „Die alte Witwe“, „Der alte Packer“, „Der alte Gelehrte“, „Die alte Köchin“, solche Titel häufen sich und werden zum Gegenstück zu den im Erstlingsband gebrachten Lehrlingsgedichten. Verrottung und Verfall, deren Bann schon stets auf Kramer lag, ziehen die Aufmerksamkeit des Alternden immer mehr auf sich: Roßhaar und Seegras, Spinnweben, Rost, Dachpappe, Halden und Baracken, in ihrem Bestand und in ihrem Verwittern, werden zu Gegenständen seiner Dichtung.
Bezeichnend für die Seelenhaltung des Dichters in dieser Zeit ist der Titel eines gleichfalls noch ungedruckten Bandes, in dem sich eine Auswahl der um 1950 geschaffenen Gedichte findet: „Lob der Verzweiflung“. In drei Strophen singt er im gleichnamigen Lied dieses Lob, unerbittlich und hart, und doch strahlend in der Größe der Wahrhaftigkeit:

Du hast gar viele Namen,
bist unter allen groß,
heißt Würfel, Messer, Samen,
heißt Branntwein, Strick und Schoß;
du bist im Klirrn der Scherben,
im Zucken des Gesichts,
du fährst ins träge Sterben
und wirbelst es ins Nichts.

Aber unaufhörlich fließt auch nach diesem Bande Gedicht um Gedicht; neue Formen werden erprobt, wie das litaneimäßige Aneinanderreihen gleicher Zeilenanfänge durch fast alle Strophen, neue Themen werden neben die alten, die in immer anderen Abwandlungen durchgespielt werden, gestellt. Nicht nur die Alternden, alle Einsamen treten nun in Kramers Gedicht. Hoch und niedrig, alt und jung, nirgends hat er mehr eine Grenze gezogen, Beruf, Amt und Stand fallen ab und das Geschöpf wird sichtbar: einsame Zeitungsverkäufer und alte Klosettfrauen, Bordellmütter und Bürovorstände, Lehrer und Saufbrüder, Ärzte und Huren, Strolche und Bibliothekare, ein junges Mädchen, dessen Wange ein Brandmal bedeckt, ein Arbeiter, dem ein Unfall das Gesicht zerschmetterte, ein Gelehrter, dessen Spezialgebiet die Erforschung der Spinnen ist und dem der Krieg ein Bein weg riß, sie alle vereinen sich zu einem betäubenden Sang von den Nöten und Ängsten des einsamen Menschen.
Neue Gestalten stehen auf, die sich so weit festigen, daß sie, was bei Kramer bisher nie geschah, einen Namen erhalten, und nun stets aufs neue von ihrem Leid, ihrem Haß, ihrer Trauer und ihrer Liebe sagen könnte, wie Veronika und Rosmarie, die beiden kokainschnupfenden, lesbischen Mädchen, oder Marie, die Verkörperung des Traumes von der mütterlichen Geliebten, bei der auch der Strolch, mit sich und der Welt zerfallen, Geborgenheit findet. Dazwischen gelegentlich noch ein Auftrumpfen wie in vergangenen Tagen, ein Dröhnen und Grölen, erbarmungslose Lieder von der Wildheit des Geschlechtes und seinem Zwange, Lebensregeln einer männlichen Bitterkeit, Liebesgedichte, zart und bang. Gedicht auf Gedicht, ausgeworfen, hingeschleudert, oft ungefeilt, meist ungedruckt, ein Werk, dessen Sichtung noch vieles wertvolle zu Tage fördern wird, und aus dem, zu Abend, auch immer wieder Töne aufsteigen, rein, klar und unendlich traurig, wie in den Strophen des „Späten Liedes“:

Nun sich die Steige verfärben
und sich die Helle verzieht,
zähl ich am Stecken die Kerben,
sing ein verspätetes Lied;
höre den Fraß im Gemäuer,
hör, wie die Zeit mir verrinnt,
lausche dem sinkenden Feuer
und in den Bäumen dem Wind.

Erwin Chvojka, in Akzente. Zeitschrift für Dichtung, Heft 2, April 1962

Für die, die ohne Stimme sind

– Theodor Kramer (1897–1958). –

Vielleicht habe ich es leicht, weil schwer gehabt. Auf dem Land geboren, aber Sohn des jüdischen Arztes. Dann lebte ich in der Stadt. Ich gehörte nie ganz dazu und nicht nur sah ich deshalb besser, sogar meine Empfindungen, ja meine Triebe waren heftiger…
Theodor Kramer, 1955

Der „Ankömmling“ in Bertolt Brechts Gedicht „Besuch bei den verbannten Dichtern“ war erblasst, als aus der dunkelsten Ecke der Hütte der Ruf zu hören war:

Du, wissen sie auch
Deine Verse auswendig? Und die sie wissen
Werden sie der Verfolgung entrinnen?“ – „Das
Sind die Vergessenen“, sagte der Dante leise

Das Vergessen, diese große Macht, mit der wir das Übermaß unserer Eindrücke aufs Handhabbare reduzieren können, speist seine Kräfte aus ach so vielen Quellen. Mal ist es ein Totschweigen, mal ein Desinteresse, ein andermal Verdrängen. Wie viele Gedanken und Verse, wie viele Hoffnungen mögen verloren gegangen sein in der Geschichte der Menschheit? Eine Frage; die nichts bewirkt, die uns aber die Vergangenheit zu öffnen vermag in das Reich der Utopien. Manchmal tauchen diese Kostbarkeiten unerwartet wieder auf und wir erstaunen, was uns plötzlich zuteil wird.
Als der Ankömmling Theodor Kramer aus dem Exil zurück kam nach Wien, er hatte lange gewartet, der Schreck über seine Mitbürger saß tief, war er ein kranker Mann. Er hatte lange auf eine Rente gehofft, damit er den Rest seines Lebens in der verlorenen Heimat verbringe könne. Freunde bemühten sich, ihn zur Rückkehr zu bewegen. Kramer wusste sich sicher auf seinem verlorenen Posten. Er besaß ein feines Gespür dafür. Seine Gedichte belegen diesen Instinkt. Als hätte er sein eigenes Verschwinden vorausgesehen:

Es ist so ungeheuer viel Material, dass es jahrelang dauern würde, das Material nach Gruppen zu ordnen, das Schlechte auszuscheiden, das Gute zu sichten, das Verbesserbare zu verbessern… Es wäre sehr schade um den besseren Teil meines Werkes, wenn er verloren gehen sollte.

Die Gedichte, die er in seinen Büchern, Anthologien oder Zeitschriften veröffentlichen konnte, waren nur ein kleiner Teil seines Werkes. Er hatte, wie ein Pianist, der täglich üben müsse, jeden Tag ein Gedicht geschrieben. Berge von Zetteln. Ungeordnete Skizzen. Immer die strenge Liedform, auf ein Auditorium aus, auf eine Gemeinschaft, der er beraubt worden war, und er fand lange über seinen Tod hinaus nicht mehr in sie zurück.

Theodor Kramer, geboren am Neujahrstag 1897 als Sohn eines jüdischen Gemeindearztes in Niederösterreich, war dem Ersten Weltkrieg lebend, aber schwer verwundet entkommen. In allerlei Anstellungen als Student, Beamter, Buchhändler und zielloser Wanderer durch seine Heimat suchte er nach den verborgenen Schätzen des alltäglichen Lebens. 1927 trat er mit ersten Gedichten an die Öffentlichkeit und mit der „Plötzlichkeit eines Naturereignisses“ (E. Schreiber) wurde er zu einer unverwechselbaren Stimme. Nachdrucke und Besprechungen ermutigen ihn, vier Jahre später entschließt er sich, freier Schriftsteller zu werden. Seine Gedichte erlangen schnell im gesamten deutschsprachigen Raum Aufmerksamkeit. Es bleiben ihm acht Jahre, dann muss er, bedroht und bedrängt als Jude, seine Heimat verlassen –

Die Wahrheit ist, man hat mir nichts getan.
ich darf schon lang in keiner Zeitung schreiben

[…]
Es öffnet sich mir in kein Land die Bahn,
Ich kann mich nicht von selbst von hinnen heben:
ich habe einfach keinen Raum zum Leben.
Die Wahrheit ist, man hat mir nichts getan.

Viele Autoren, unter anderem Thomas Mann, setzen sich für ihn ein. 1939, im Alter von 42 Jahren, gelingt ihm die Flucht nach London. Selbstmordversuche und schwere Depressionen hat er überlebt. Er muss sich neu ordnen; die alten Gewissheiten sind verloren. In diesem Moment, da er sein Leben zu retten vermag, da er seine Landschaft und seine Gemeinschaft aufgeben muss, beginnt das Vergessen. Noch kann er sich bemerkbar machen in Exilzeitschriften und bei Lesungen, doch er weiß, dass er ein Verlorener ist, dass er nun noch weiter an den Rand gedrängt werden wird, dass sein Name zu verschwinden beginnt in den Listen, wo die Dichter gewertet werden.
Wie lebt man als deutschsprachiger Dichter im englischen Exil? Womit kann er seinen Lebensunterhalt verdienen? 1940/41 wird er als „feindlicher Ausländer“ interniert. Wieder eine Trennung von der Welt! Immerfort ist er von Selektion bedrängt, immer wieder fällt er durch das Raster. Von 1943 bis 1957 bekommt er eine Anstellung als Bibliothekar in Guildford. Er verkriecht sich in einem kleinen Zimmer nach der Arbeit mit den Studenten. All die Jahre schreibt er wie ein Besessener. Jeden Tag. Ein Manischer, der sich an die verlorene Wirklichkeit kettet. Die Quellen seiner Poesie, das Leben der einfachen Leute, denen er Solidarität und Ausdruck schenkte, waren verlorengegangen. Die frühen Rollengedichte, fremde Erfahrungen aus dem Privaten ins Öffentliche zu heben, wurden nun von Versen eines vereinsamten, ausgesperrten ICH abgelöst. Immer blieben aber seine Wurzeln in die karge Welt Niederösterreichs erhalten, wurden sie auch fremder und bedenklicher, sehnsuchtsvoller und verlorener. Ein Vergessener. Als er 1957 endlich nach Wien zurückgekommen war, geriet er sogleich in die Fehden der Exilanten. Der kalte Krieg kühlte nicht nur die Weltenreiche aus, er zwang auch Sozialdemokraten, Konservative und Kommunisten zu Grenzziehungen. Die Freude über das zusammengebrochene Jahrtausendreich währte nur kurz. Es galt, das Land neu zu vermessen.

Kramer hatte in England bei verschiedenen Exilvereinigungen gelesen, die sich nun nicht mehr achten wollten und in der Neuordnung des Literaturbetriebes nach Plätzen Ausschau hielten. Auch war das Interesse Österreichs an seiner Exilliteratur nicht sehr groß. Galt es doch, die eigenen Verstrickungen, die eigene Schuld, unsichtbar zu machen. Kramer passte nicht dazu. Die neue Weltaufteilung wies ihm eine kleine Wohnung ganz am Rande von Wien zu. Kein Tram-Anschluss an die Stadt.

Wie soll ich mir hier Schnürsenkel kaufen können? Ich bin ein kranker Mann!

Sein Zorn über das Unrecht, das ihn ein Leben lang antrieb, für die, die ohne Stimme sind, zu schreiben, brannte seine letzten Tage aus. Die Kisten mit unfertigen Manuskripten unterm Bett.
Die Wirtin, bei der er untergebracht war, rief Bekannte des Dichters an. Kramer sei wahnsinnig geworden. Er liefe schreiend den Tag über durch sein Zimmer. Man lieferte ihn ins Hospital. Ein Schlaganfall. Der junge Germanistikstudent Erwin Chvojka besucht ihn. Kramer überträgt ihm spontan und in größter Not sämtliche Rechte an seinem Nachlass. Kramer stirbt am 3. April 1958 und das Vergessen breitete sein Tuch über das Werk von mehr als 13.000 Gedichten.
Fünfundzwanzig Jahre nach seinem Tod erscheint die erste Ausgabe seiner Gedichte in drei Bänden, herausgegeben von Erwin Chvojka, der unermüdlich all die Jahre darum gekämpft hat, diese einmalige Stimme der österreichischen Literatur wieder vernehmbar zu machen. Es scheint mehr als verwunderlich, dass dieser Dichter so lange dem Vergessen anheim gegeben war.
Seine Poesie hat etwas Blitzhaftes. Es gibt Dichter, denen nähert man sich Schritt um Schritt oder – genauer gesagt –: Vers um Vers. Kramer ist ein Draufgänger, seine Poesie erobert abrupt. Es treffen im Text Sehnsucht und Beobachtung auf ungewohnte Art zusammen, also: Bericht und Klage, Melancholie und Bild. Diese Melange erzeugt, wie zwei Pole einer Batterie, Spannung, die sich im Blitzhaften überraschend entlädt. Mögen seine Sujets auch als „alt“ angesehen werden, seine Art zu sehen und zu sprechen ist modern. Dennoch gehörte er weder in Deutschland noch in Österreich zur offiziellen Nachkriegsliteratur. Warum passte er nicht in den neu entstehenden Betrieb? Trägt seine Eigensinnigkeit daran Schuld? Zufälle? Unglücke?
Das „Moderne“, was immer das heißen mag, hatte plötzlich nicht mehr seinen Ton. Man war des Gleichklangs der deutschen Sprache überdrüssig und vertrug einen Reim gerade noch, wenn er „Urin“ auf „Hölderlin“ lautete. Inventur war angesagt. Was soll da einer, dem die Emphase, das brausende Einfordern von Lebenssinn, nähersteht als der kühle Blick auf die Trümmer? Warum wurde er vergessen? Die Frage trägt das Unverständnis in sich, das wir aller Ungerechtigkeit entgegenbringen –

als Hofpoet der Demokratie und Verherrlicher der Roten Armee wurde er missachtet, als ahnungsloser Ästhet, der im jüdischen Jargon mehr zu Hause sei, als Spießer, Naturlyriker, Sauf- und Schollendichter, der sich fast jeder aktuellen Stellungsnahme enthalten und nichts Neues gewagt habe. (Erich Hackl)

Die Missdeutungen lassen sich beliebig fortführen. Aber vor allem entmündigte ihn Desinteresse. Seinen Versen merkt man an, dass sie vom Gesang angefeuert werden, durch Rhythmus und Gestus am Sprechen gehalten. Dort, wo die Sprache verstummen könnte, nimmt sie das Mechanische der Form in die Pflicht. Die Worte treiben ins Offene, in die Welt. Dialoge zwischen Wort und Klang, zwischen Zeit und dem Raum, wo sie erklingen. Er hat aufgegriffen, was lange die Volkspoesie bestimmte. Er hat die Erfahrungen des Lebens in den modernen Zeiten hinzugenommen, die Erfahrungen von Flucht, Naturkatastrophen, sozialer Ungerechtigkeit und gescheiterten Utopien. Lange wollten die Tempelwächter der Dichtkunst so etwas nicht mehr als Poesie gelten lassen, weil sie sich gemein macht mit dem einfachen Volk und weil sie nicht die Ewigkeit im Auge hat, sondern den Augenblick. Eine Art soziologische Enzyklopädie sind seine Gedichte. Sie nehmen alles in sich auf, was die Wirklichkeit an Unrecht, Schönheit oder Schmerz bereithält. Sein Impuls ist das Glück. Das Glück für jeden. Das ist ein Paradoxon, wissen wir, aber genau hier brennt das Feuer, das alle Utopien wärmt.
In den Gedichten Kramers lebt eine verlorene Welt mit all ihren klaren Details weiter. Er entreißt sie singend dem Vergessen, wohl wissend, dass sie verloren sind. Als beschriebe er sein eigenes Leben:

Vom fremden Leid, vom Leid, das mich befiel,
schrieb ich, so wie man sich besäuft: zu viel.

Hans-Eckardt Wenzel, die horen, Heft 253, 1. Quartal 2014

Theodor Kramer in 5 Minuten

Meine Bekanntschaft mit Theodor Kramer verdanke ich dem Schuleschwänzen. Also, nicht direkt Schwänzen, aber richtig krank war ich auch nicht. Es war in der fünften oder sechsten Klasse, damals gab es im Fernsehen noch den sogenannten Schulfunk. Eine halbstündige Sendung war dem Weinviertler Dichter Theodor Kramer gewidmet. Man sah die Landschaft rund um seinen Geburtsort Niederhollabrunn – Hügel, Weingärten, Lößgräben, Ackerwege, geduckte Dörfer – und man hörte seine Gedichte, die ebendieser Landschaft plastisch und sinnlich Gestalt verliehen. Ich war fasziniert und beschloß, mich mit dieser eigentümlichen, irgendwie „unlyrischen“ Lyrik einmal eingehender zu beschäftigen.
Als es dann gegen Ende meines Germanistik-Studiums darum ging, ein Dissertationsthema zu finden, kam ich darauf zurück – nicht unbedingt zur Freude meines Doktorvaters Wendelin Schmidt-Dengler, der mir als Folge einer Lektüre von zweitausend Kramer-Gedichten (so viele etwa lagen gedruckt vor) eine Art Gehirnerweichung prophezeite. Er ließ aber mit sich reden, und so stürzte ich mich in die Kramersche Welt der Taglöhner und Weinmägde, der Markthelfer und „Ausgesteuerten“, der durchs „Buckelland“ wandernden Liebespaare, der Stromer und Huren. Kramer, so entdeckte ich, ist der Sänger der Erde und der Branntweinschenke, der Ziegelbrennerei und des Schützengrabens, er liebt die Peripherie, das Niemandsland zwischen Acker und Stadt, er ist melancholisch und aufmüpfig, zart und derb, bodenständig und „wurzellos“. Seine Widersprüche wollte ich im Titel meines Buches zumindest andeuten:  Wo niemand zuhaus ist, dort bin ich zuhaus. Theodor Kramer – Heimatdichter und Sozialdemokrat zwischen den Fronten.
Es kommt nicht von ungefähr, daß mich diese Gedichte zuerst rein vom Zuhören angesprochen hatten, als akustische Gebilde. Gerade das, was manchen daran auf die Nerven ging, das Eintönige und Repetitive, die Begrenzung des Raums und des Milieus, hat mich gepackt und nicht losgelassen, bis heute. Man kann Kramers Sound auf sich wirken lassen wie einen guten Blues, und wie ein guter Blues umfaßt er die ganze Spannweite des Lebens, dunkel getönt, aber umso glühender in der Beschwörung des „schönen Überschwangs“, der das menschliche Dasein trotz aller Mühsal rechtfertigt.
Dabei sah Kramer, Jahrgang 1897, als Dichter über sein eigenes Schicksal fast immer programmatisch hinweg. Aufgewachsen als Sohn eines jüdischen Landarztes, wurde er im Krieg schwer verwundet, studierte, arbeitete im Buchhandel, verlegte sich ganz aufs Schreiben. Gleich mit seinem Erstling, dem Gedichtband  Die Gaunerzinke, machte er 1929 Furore als ein Meister des Rollengedichts. „All dies mundet wie Schwarzbrot und Rettig, herb und schwer auf all das lauliche, unbestimmte Zeug, das vielfach wieder als Lyrik ausgeboten wird“, schrieb der Kritiker Ernst Lissauer. Nach  Wir lagen in Wolhynien im Morast  (1931) und  Mit der Ziehharmonika  (1936) gehörte Kramer zu den berühmtesten Dichtern des deutschen Sprachraums. Der Anschluß brachte ihn dazu, sich, wie er meinte, in persönlichen Versen „gehen zu lassen“, er trieb ihn, den Juden und Sozialdemokraten, nach England, wo er fast zwanzig Jahre blieb und als College-Bibliothekar sein Leben fristete, obwohl er dort nie heimisch wurde und in hunderten Gedichten sein ihm verloren gegangenes Werk der zwanziger und dreißiger Jahre gleichsam noch einmal schrieb. Erst ein halbes Jahr vor seinem Tod 1958 kehrte Kramer krank und zerrüttet nach Wien zurück.
Mehr als zehntausend Gedichte hat er geschrieben und damit ein unverwechselbares Werk geschaffen, „gute glaubwürdige Dichtung zwischen den Moden von Heimatkunst und Neuer Sachlichkeit“ (Andreas Okopenko). Kramer selbst positionierte sich als „Chronist meiner Zeit“ und als poetischer Realist gegen die schöngeistige Lyrik der Rilke-Epigonen, er wagte einiges in Sujet und Thema, in der Form setzte er auf Bewährtes, auf die Liedstrophe und den Reim. Er pflegte aber auch einen Wortschatz des Ländlich-Besonderen, mitunter Musealen. Kramers Engagement „für die, die ohne Stimme sind“, ist nicht mit parteipolitischer Propaganda zu verwechseln. Seinen Genossen waren seine Gedichte zu wenig kämpferisch, den Nazis waren sie zu marxistisch und zu „jüdisch“. Alfred Rosenberg wollte Kramer gar zum „Hofpoeten der Demokratie“ ernennen, ein schlimmeres Verdikt war ihm nicht vorstellbar.
Theodor Kramers Verschwinden im Exil gehört zu den peinlichen Kapiteln der an Peinlichkeiten nicht armen österreichischen Nachkriegsgeschichte. Auch den Akteuren des Wiederaufbaus war dieser plebejische Dichter zu düster, der folgenden Generation erschien er wiederum zu altmodisch. Erst mit der dreibändigen Ausgabe des Europaverlags begann 1984 die langsame Heimkehr des jüdischen Heimatdichters nach Österreich. Im Vorwort zu Band I bekennt Bruno Kreisky, Kramers Lyrik gehöre „zu den großen literarischen Erlebnissen meiner Jugend“.
Als wahrer Volksdichter, dessen Begriff von Heimat niemanden ausschließt, ist Kramer in einer Zeit, da österreichische Bundeskanzler auf Fragen nach ihren Lieblingsbüchern diplomatisch zu schweigen belieben, jeder Leseempfehlung wert.

Daniela Strigl, Literaturhaus Graz, 6.4.2018

Was nicht vorbei ist

– Erinnerung einer Wiederentdeckung: Der österreichische Lyriker Theodor Kramer (1897–1958) und sein verdrossener Fürsprecher.
Dieser Beitrag ist die leicht gekürzte Fassung der Dankesrede, die Erich Hackl bei der Entgegennahme des Theodor-Kramer-Preises für Schreiben im Widerstand und Exil am Freitag, den 11. September gehalten hat. –

Wenn man alt und müd wird, fängt man an, sich selbst über die Schulter zu blicken. Der pensionsreife Schriftsteller also dem zweiundzwanzigjährigen Lehramtskandidaten für Deutsch und Spanisch, der in der Wohnung seiner Freunde Adalbert und Karl-Markus Gauß in der Salzburger Hans-Sachs-Gasse einen Aufsatz zu schreiben beginnt:

Zum erstenmal las ich Theodor Kramers Gedichte auf dem Umschlag eines schmales Hefts, das ich zufällig aus einem Buchregal zog, über einer wunderschönen Titelvignette, auf der ein ländlich wirkendes Paar abgebildet war, die Frau trug ein Kopftuch und hielt einen Strauß langstieliger Wiesenblumen, der Mann hatte den rechten Arm um sie gelegt und schaute ein wenig missmutig, als sei er von der Zeichnerin – Ruth Knorr – eben bei einer Unschicklichkeit ertappt worden, vielleicht lächelte er auch bloß unter dem gesträubten Schnurrbart. Das Kind neben ihm sah mich neugierig an, mit der einen Hand hielt es eine kleine Fahne, mit der anderen führte es eine Ziege mit prallem Euter. Die Katze vor dem Ziehbrunnen saß gespannt und aufrecht am unteren Bildrand, aber ihr Schwanz lag ruhig am Boden. Im Hintergrund saßen vor der strohgedeckten Hütte zwei Menschen an einem roh gezimmerten Tisch, sie hielten riesige Gläser prostend erhoben. Die beiden Vögel auf dem Dach waren voneinander abgewandt und blickten in entgegengesetzte Richtungen. Dahinter war der Zwiebelturm einer Kirche zu sehen, und am Horizont ging die Landschaft in den ein wenig helleren Himmel über. – Diese naive, ruhige Zeichnung stellt zweifellos eine Idylle dar; dem Beschauer wird ein Ausschnitt aus einem friedlichen und einfachen ländlichen Leben geboten. Dass so ein Leben nicht immer friedlich und auch nicht immer so einfach abläuft, das erfuhr ich auf den knapp dreißig Seiten dieses Poesiealbums 96. Die darin enthaltenen Gedichte stammen von einem bei uns immer noch vergessenen Schriftsteller, vom Österreicher Theodor Kramer.

Wie aus dem Eigenzitat und dem Erscheinungsjahr des Aufsatzes, 1977, hervorgeht, liegt meine Entdeckung Kramers lange zurück. Mit der Begeisterung für seine Gedichte habe ich als ersten Karl-Markus Gauß angesteckt, der sechs Jahre später einen grundlegenden Essay über „Theodor Kramer und einige Stereotypien der Literaturwissenschaft“ schreiben sollte – ich werde darauf noch zu sprechen kommen. Unvergesslich sind mir unsere mehrtägigen Wanderungen durch die Wachau und das Weinviertel geblieben, 1976 zu Fuß, 1977 mit dem Rad, die Gauß und mich von Melk über Krems nach Niederhollabrunn führten, wo Kramer als Sohn des jüdischen Gemeindearztes Max Kramer und seiner Frau Babette achtzig Jahre zuvor geboren war. Insgeheim hofften wir, in dem niederösterreichischen Marktflecken noch Spuren von ihm zu finden, aber ich vermag nicht mehr zu sagen, ob wir das ebenerdige Gebäude auf dem Kirchberg, in dem ein Kindergarten untergebracht war, als das ehemalige Doktorhaus erkannten oder ahnungslos an ihm vorübergingen, ehe wir leicht enttäuscht über die Diskrepanz zwischen Kramers lebensvollen Gedichten und der aufreizenden Leere im Dorf nach Wien weiterradelten. Dort trennten sich unsere Wege; während Gauß mit dem Zug zurück nach Salzburg fuhr, nahm ich tags darauf am Protestmarsch gegen das Atomkraftwerk Zwentendorf teil. Ich nenne diesen nicht nur deshalb, weil er mir als Erinnerungsstütze für die Datierung unserer säkularen Wallfahrt gedient hat, sondern weil er auch den gesellschaftlichen Kontext andeutet, in dem sich die Kramer-Renaissance in der Folgezeit entfalten sollte. Mit ihrer Modernisierungsideologie stimmte die Sozialdemokratie, die mit Bruno Kreisky den Kanzler stellte, der Beseitigung all dessen zu, was ökonomisch nicht verwertbar schien, und stand damit in schroffem Gegensatz zu Kramers Dichtung. Deshalb erschien mir die Strecke von Tulln nach Zwentendorf, die der Demonstrationszug an einem glühend heißen Junitag zurücklegte, auch als weitere Etappe unserer Wanderungen auf Lehm, Löß und Asphalt. Ich war mir sicher, dass Kramer mit den AKW-Gegnern sympathisiert hätte; lebte er noch – dachte ich –, dann würde er ein Gedicht über sie schreiben.
Elf Jahre später kehrte ich nach Niederhollabrunn zurück, um bei einer Tagung der inzwischen gegründeten Theodor-Kramer-Gesellschaft einen Vortrag zu halten, in dem ich drei Aspekte seines Werks hervorhob, die mich besonders ergriffen hatten. Erstens war ich in den Versen der Welt meiner Eltern wiederbegegnet, und damit ihrer auf dem Land, im bäuerlichen oder handwerklichen Milieu, aufgewachsenen Generation, und hatte dabei vieles von dem gefunden, das durch ihre Erzählungen aus Kindheit und Jugend auf mich gekommen war: Härte und Verlassenheit, Mangel und Übermut, Eigensinn und Sehnsucht nach Gemeinschaft. Zweitens die Einforderung einer betörend schlichten, geographisch klar umrissenen Landschaft, die für mich – von Steyr aus gesehen – jenseits der Enns begann und Weinviertel, Marchfeld und Burgenland einschloss, Gegenden also, die den weiten Horizont versprachen, der mir zwischen den Tälern und Almen der Voralpen fehlte. Dazu die Randbezirke der Großstadt, staubige Straßen, Brachen, Hinterhöfe, all das, was mir als Kind, das einmal im Jahr die Großtante in Ottakring besuchen durfte, Wien bedeutete. Auch in meiner Geburtsstadt hatten mich solche Viertel früh angezogen, die verwinkelten Gassen von Steyrdorf und der Wehrgraben mit seinen Gerinnen, alten Fabriken und ewig feuchten Arbeiterwohnungen. Drittens die Überzeugung, dass Kramer seinem Anspruch, Stimme derer ohne Stimme zu sein, gerecht wurde. Was er schrieb, war keine Elendsdichtung, keine lyrische Genremalerei, keine Anbiederung an die Stromer, Schnitter, Kellnerinnen, Zimmermaler, Eisenbahner, Prostituierten, die seine Gedichte bevölkern.
Unbewusst aber hatte ich in meinem frühen Aufsatz Kramers Dichtung in ihrer Bedeutung noch höher eingeschätzt, das verraten die Namen anderer Schriftsteller, mit denen ich sie aus dem Käfig der Heimatkunst bzw. der „Neuen Sachlichkeit“, in den die Philologen sie sicherheitshalber gesperrt hatten, holen und in die Weite der Weltliteratur stellen wollte: des Ungarn Attila József, des Peruaners César Vallejo, des in London ansässigen Österreichers Erich Fried (von dessen Exilfreundschaft mit Kramer ich damals nichts wusste). Nicht zufällig zitierte ich mit Stephan Hermlin und Bernd Jentzsch zwei Schriftsteller aus der DDR – ich hätte auch ihre Landsleute, den Dichter Wulf Kirsten, die Literaturwissenschaftlerin Silvia Schlenstedt oder die Lektorin Marianne Dreifuß, nennen können, denn dort, im nachmalig verunglückten Arbeiter- und Bauernstaat, wurde Kramer in den siebziger Jahren viel stärker wahrgenommen als in Österreich. Dass fast gleichzeitig mit mir der Autor und Musiker Hans-Eckardt Wenzel Kramer für sich entdeckt hat, sollte ich erst Jahre später erfahren.
Haltbar an meiner Kramer-Verehrung war die Einsicht, dass der Dichter aus einem immensen Fundus an beobachteten, erlebten oder erlesenen Handlungen, Fertigkeiten und Regungen geschöpft und dafür eine Sprache gefunden hat, die möglichst einfach und zugleich vielfältig ist, reich an Nuancen und Begriffen. Die feste Bauart seiner Gedichte, ihr balladesker Ton, der Endreim war nicht dem Festhalten an Konventionen geschuldet, sondern Ausdruck seiner Überzeugung, dass die Menschen am Rand ungeachtet aller Bedrängnis imstande sind, sich einen Reim auf ihre Existenz, und die ihrer Lebens- und Leidensgefährten, zu machen. Trotz seiner bildmächtigen Sprache kam Kramer ohne Metaphern aus. Lernen ließ sich von ihm, dass die Zuneigung, Fürsorglichkeit des Autors gegenüber seinen Helden, Heldinnen aus der Formgebung des Materials resultieren muss. Bezeichnend ist, in diesem Zusammenhang, der Hinweis des Musiksoziologen Kurt Blaukopf – in einem ungemein anregenden Gesprächsprotokoll von Konstantin Kaiser aus dem Jahr 1983 –, dass Kramer behauptet habe, beim Schreiben eines Gedichts als erstes das Metrum zu verzeichnen. Auf sein Formbewusstsein verweist auch Kramers poetologische Skizze von 1931, derzufolge er den Gefühlsinhalt eines Gedichts in den Aufbau zu verlegen versuche; „die Worte wähle ich möglichst karg und dinglich“. Das erinnert mich an die Arbeitsweise der uruguayischen Lyrikerin Idea Vilariño, deren Gedichte ich übersetzt und mit der ich mich angefreundet hatte. Für sie war die Beschäftigung mit den prosodischen Elementen eines Gedichts wichtiger als dessen Inhalt.

Denn wie transzendent oder intensiv seine Aussage auch sein mag, ob es wirklich ein Gedicht ist oder nicht, hängt von der Abfolge seiner Laute ab, von seinem Rhythmus, davon, wie es gesagt wird.

Dabei wurden Vilariños Verse, wie die Kramers, gerade wegen ihrer Eindringlichkeit als kunstlos wahrgenommen. Jedenfalls sind nicht der Einfall, die Fabel oder der Stoff für das Gelingen eines literarischen Vorhabens ausschlaggebend, sondern deren gestalterische Anverwandlung. Eine Binsenweisheit, könnte man meinen. Nur wird sie in der Literaturkritik zumeist auf Ratgeber- und Nörglerniveau behandelt.
Meiner Kramer-Verehrung lag auch das Bedürfnis zugrunde, auf der Suche nach Gleichgesinnten in die Geschichte zurückzugehen. Ich sah das nicht als Flucht aus einer farblosen, widrigen Gegenwart, sondern als Übernahme einer rebellischen Tradition, die einem helfen kann, nicht klein beizugeben. „Es gilt, Österreichs Vergangenheit nach republikanischen, demokratischen und sozialistischen Elementen zu durchforschen“, hatte ich, etwas vollmundig, in meinem ersten Aufsatz geschrieben. Gefährten, Gefährtinnen für dieses Unterfangen sollte ich – von Karl-Markus Gauß abgesehen – einige Jahre später unter den Proponenten und Aktivisten der Theodor-Kramer-Gesellschaft finden. Ihre geistreichen Studien zu Kramers Leben und Werk und ihre Hinwendung zu anderen vertriebenen und vergessenen Schriftstellern haben mich angespornt und bestärkt.
Das trifft in erster Linie auf Konstantin Kaiser zu. Wir lernten uns im Herbst 1982 kennen, in Wien, wo er in der Galerie in der Künstlerhauspassage arbeitete und ich meinen Zivildienst ableistete. Kurz darauf besuchten Gauß und ich ihn und seine Frau Siglinde Bolbecher in ihrer Wohnung in der Engerthstraße; noch ahnte ich nicht, dass wir dort einige Jahre später Nachbarn werden sollten. Hier ist nicht der Platz, um über Höhen und Lücken unserer Freundschaft zu sprechen; wohl aber dafür, Kaisers Bedeutung für meine geistige Entwicklung zu bezeugen. So schwer es mir fiel, seinen Ausführungen zu Literatur, Geschichte, Philosophie, Politik – überhaupt zu allen Aspekten des Menschseins – zu folgen, so bereichernd waren diese für mein schwerfälliges Denken, das eher, nach einem Wort Eduardo Galeanos, eine Art Fühldenken war und bis heute geblieben ist. Kaisers Einfluss auf mich erweist sich daran, dass er unter allen Autorenkollegen derjenige ist, den ich in meinen Schriften am meisten zitiert habe: weil mir seine Überlegungen und Erkenntnisse immer dann auf die Sprünge geholfen haben, wenn ich nicht weiterwusste.
Kaiser war es auch, der Gauß und mir vorschlug, einen Aufsatz über „Theodor Kramers literaturgeschichtliche Stellung“ zu verfassen. Er war auf uns gekommen, weil wir ihm als Bundesgenossen im Streit um „Arten und Unarten einer Literaturbetrachtung“ erschienen. Unter diesem Titel hatte ich im Juni/August-Heft 1982 des Wiener Tagebuchs Wendelin Schmidt-Denglers Fleißarbeit über „Gedicht und Veränderung. Zur österreichischen Lyrik der Zwischenkriegszeit“ zerzaust. Der künftige Wiener Germanistikpapst hatte darin ein haarsträubendes Fehlurteil über Kramer gefällt, indem er ihn und andere antifaschistische Dichter mit den Nazibarden Weinheber, Billinger und Konsorten zusammengewürfelt und allen zusammen „keine Veränderung in sprachlicher Hinsicht, Ablehnung der Stadt und Technik, Idyllisierung der Natur, Abstinenz von nahezu jeglicher aktualitätsgebundenen Aussage“ attestiert hatte.
Gauß nahm Kaisers Vorschlag sofort an und schickte mir als Arbeitsgrundlage ein achtseitiges Konzept, das in seinem kritischen Gehalt, seiner Klarheit und Stoßrichtung schon alles enthielt und übertraf, was ich zur Sache beitragen hätte können. Deshalb zog ich mich aus dem Projekt zurück; Gauß’ Aufsatz erschien im Jahr darauf unter dem Titel „Natur, Provinz, Ungleichzeitigkeit“ im Theodor Kramer-Sonderband der Zeitschrift Zirkular. Er stellt nicht nur deshalb eine Zäsur dar, weil in ihm der Nachweis erbracht wurde, dass sowohl Kramers Aufwertung von konservativer als auch seine Abwertung von pseudoprogressiver Seite wie der Schmidt-Denglers – jeweils mit den gleichen, nur konträr bewerteten Befunden – jeder Grundlage entbehrten, sondern weil Gauß das von Ernst Bloch entlehnte Konzept der Ungleichzeitigkeit einbringt, um in der „dingversessenen Lyrik“ Kramers einen Autor auszumachen, der sich der Widersprüchlichkeit seiner Zeit gestellt hat; einen, „der weit über das Bestehende, weit auch über dessen Negation hinausweist, ein auch heute noch: zukünftiger Autor, der selbst in den traurigsten Liedern mehr Utopie von menschlichen Zuständen gestaltet als die meisten Rhetoriker der Befreiung“.
Anders als bei Gauß und bei mir, standen bei Kaiser von Anfang an Kramers Exilerfahrung und die daran geknüpften Ängste, Erschütterungen und Enttäuschungen nach 1945 im Zentrum seiner Arbeit. Einmal wollte er mich für ein Projekt über „Die Rückkehr des Theodor K.“ gewinnen. Ihm schwebte die dramatische Weiterführung eines Essays vor, den er im September 1983 unter dem Titel „Warum einer nicht nach Hause kommt. Theodor Kramers langsame Heimkehr aus dem Exil“ veröffentlicht hatte. Das Elend Österreichs nach der Befreiung vom Faschismus, die Übereinkunft der hegemonialen politischen Lager, die Vertriebenen nicht heimzuholen und wenn doch, dann nur auf Basis einer Versorgungsexistenz, also bloß unter Befriedigung der „stofflichen Lebensbedürfnisse“, jedenfalls nicht, um ihre Mitarbeit, Mitgestaltung am gesellschaftlichen Leben zu erbitten – diese Verdrehungen und Versäumnisse zu durchleuchten, ihre Auswirkungen auf die Gegenwart darzustellen und vor allem in der Gegenwart aufzuheben: Das ist Kaisers, das war Bolbechers verwegenes Ziel, und das ist es für die seit 1984 bestehende Theodor-Kramer-Gesellschaft bis heute geblieben.
Unmittelbar mit diesem Anspruch verbunden waren die unverhofften Begegnungen, die sich infolge unseres leidenschaftlichen Interesses an den Verfolgten und Vertriebenen ergaben. Die Zeit reichte nicht, sie alle aufzuzählen, die mir im Lauf der Jahre, Jahrzehnte das Leben versüßt oder gewürzt haben, die uns und die vielleicht auch wir ein Stück weit gestärkt haben: die Lyriker Frederick Brainin in New York, Yaffa Zins in Tel Aviv und Stella Rotenberg in Leeds; die in ihre Geburtsstadt Wien zurückgekehrten Erzähler Elisabeth Freundlich und Fred Wander; Ruth Tassoni in Bergamo; Theo Waldinger, der allerjüngste einer Gruppe junger Intellektueller, die Elias Canetti als Felonen bezeichnet hat, und die Psychotherapeutin Else Leichter, die im Roten Wien als Fürsorgerin gearbeitet hatte, in den USA; der Ethnologe Friedrich Katz, der in Wien, Berlin/DDR, Chicago die Geschichte seines Exillandes Mexiko erforscht hat; die Schriftsteller Alfredo Bauer in Buenos Aires und Fritz Kalmar in Montevideo; ihr Kollege, der oberösterreichische Widerstandskämpfer Franz Kain… Oder Erwin Chvojka, Kramers Freund und Nachlassverwalter, erster Vorsitzender auch der Kramer-Gesellschaft, der sich infolge unseres Überschwangs aus der Defensive wagte, in die ihn die falschen Kramer-Interpreten getrieben hatten. In die freudige Erinnerung an sie alle mischen sich Wehmut, Trauer und auch eine Spur Angst, im Wissen darum, dass man nun, ohne ihre Gegenwart, näher zur Wand steht. Weil sie, paradoxerweise, wenn man ihr Alter bedenkt, uns die Zukunft offengehalten haben.
Einige von ihnen sind erst durch uns auf Theodor Kramer gekommen. Dann gibt es auch die Bruderschaften, die aus der gemeinsamen Passion für seine Gedichte entstanden sind. Ich für meinen Teil erinnere mich, wie mir nach einer Lesung in Aachen, im Wirtshaus, der Maler Rudolf Schönwald – den ich schon vorher geschätzt, aber nicht gekannt hatte – zu meiner Überraschung einige Kramer-Gedichte frei aus dem Gedächtnis vorgesagt hat, in seiner einzigartigen Redekunst. Seither sind wir – wie Kain sagen würde – miteinander „in der Freundschaft“. Ich erinnere mich auch an die erste Begegnung mit Peter und Renate Zwetkoff, im Café Sperl, an einem Fenstertisch neben bärbeißigen Billardspielern. Frühe Kramer-Verehrer, hatten die Zwetkoffs den Dichter um den Jahreswechsel 1957/58 in seinem ärmlichen Wiener Pensionszimmer besucht. Peter spielte ihm tags darauf seine Vertonungen von sieben Gedichten aus dem Zyklus „Die untere Schenke“ auf dem Klavier vor. Peter Zwetkoff, der Widerstandskämpfer, Kommunist, Komponist und junge Welt-Leser, ist vor acht Jahren verstorben. Aber Renate ist da, und das Band der Freundschaft, das uns hält.
Alt und müd, so habe ich meine Rede begonnen. So alt ist der Preisträger, dass Kramers Geburtstagsgedichte – „Mit Fünfzig“, „Fünfundfünfzig“, „Von Fünfzig bis Sechzig“ – ihn glatt verfehlen. Einen, der für alles immer länger braucht und oft ratlos ist, ich könnte auch sagen: verdrossen, weil nichts weitergeht – in die erträumte Richtung, auf einem Weg, der in eine Welt ohne Kriege und Ungerechtigkeiten münden soll, in der die Menschen, und überhaupt alles, was kreucht und fleucht, genug zum Leben haben sollen, alle ungefähr gleich viel, jedoch zum Trinken und zum Lesen ganz nach Bedarf.
In seinem schon erwähnten Blaukopf-Protokoll hatte Konstantin Kaiser eine frühe Spur zu meiner Verdrossenheit gelegt:

Zu vieles, scheint es, ist Privatangelegenheit geworden, was doch jedermann zugänglich, öffentliches Interesse sein sollte. Vielleicht haben zu viele zu früh aufgehört zu kämpfen, im Vertrauen auf eine neue Generation von Kämpfern, die eben nicht herangewachsen ist.

Siebenunddreißig Jahre später ist die Privatisierung öffentlichen Interesses weiter vorangeschritten. Das wirft Fragen auch hinsichtlich der Aktualität Kramers auf: Haben seine Gedichte inzwischen nur noch einen archäologischen Wert, nämlich für die, die ihren sozialutopischen Gehalt nicht einmal mehr leugnen, sondern ihn einfach nicht mehr begreifen? Oder anders gefragt, haben sich durch die politischen und wirtschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte die gleichen falschen Oppositionen in unser Dasein geschlichen, von denen wir glaubten, sie in der Auseinandersetzung um die „richtige“ Lesart Kramers für immer überwunden zu haben? Daran musste ich denken, als ich unlängst – aus Anlass des Erscheinens seiner „Beskiden-Chronik“ auf deutsch – einen Kommentar des polnischen Schriftstellers Andrzej Stasiuk las. Dieser stellte mit Sorge und Ingrimm fest, dass sich seine Landsleute in der Gewissheit, den Wettlauf mit dem Westen endgültig verloren zu haben, auf die Beschwörung der ins Ruhmreiche verzerrten nationalen Vergangenheit zurückgezogen hätten. Und die Vergangenheit sei „das, was vorbei ist“. Stasiuks Skepsis ist uns vertraut, wir kennen sie seit Beginn des scheinbar unaufhaltsamen Aufstiegs der extremen Rechten in Österreich, Haider, dann Strache, hintennach ein langer Rattenschwanz, als ein Großteil derer, die sich für kritisch und oppositionell hielten, eine Rettung nur noch von außen erhofften, vom Aufgehen Österreichs in ein europäisches Imperium, das sie sich als eine Art großdeutsches Disneyland vorstellten, das von wackeren Antideutschen angeführt wird.
Kramer hatte mit Europa nichts am Hut. Er war Patriot und Internationalist in einem, wie Attila József und César Vallejo, und die Vergangenheit war ihm etwas, das eben nicht vergangen ist: Geschichte, die Chancen für die Zukunft bereithält, solange sie in der Gegenwart umstritten ist. Aber nicht sein dialektisches Weltverständnis, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der Legionen von Intellektuellen Europa (den „Westen“) mit Fortschritt, Nation mit Verderben und Geschichte mit Vorbeisein gleichsetzen, ist mehrheitsfähig, ist es längst geworden. Wie seinerzeit im Urteil über Kramers Gedichte sind sich die Liberalen und die Reaktionäre einig im Befund ihrer Völker, nur dass diese gutfinden, was jene verabscheuen. Und die Linke ist hilflos.
Ich muss mich für den trüben Ausklang entschuldigen. Aber die Zeiten eignen sich eben wirklich nicht für einen besseren. Was den fälligen Dank des Preisträgers angeht, der sich wegen des Namensgebers über eine Auszeichnung noch nie so gefreut hat wie jetzt, so will er es mit Theodor Kramer halten. Blaukopf zufolge hatte Kramer die Honorare für Privatlesungen, die er zwischen 1934 und 1938 in wechselnden Wohnungen seiner Gönner abhielt, „dankbar, weder kniefällig ergeben noch olympisch erhaben“ angenommen, „… er hat das anerkannt“. So wie ich die Entscheidung der Jury.

Erich Hackl, junge Welt, 12.9.2020

 

REQUIEM

Vom dunklen Walde komm ich her.
Mein Schnappsack, der ist leer.
Mein Bauch das ist ein Loch.
Im Kotter saß ich gestern noch.
Und tret ans Licht im Abendrot.
Und beiß zuerst die Oma tot.
Das lindert meine Not.

Peter Wawerzinek

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber

Zum 50. Todestag des Autors:

Günther Doliwa: Gewaltig ist das Leben
literaturkritik.de, April 2008

Fakten und Vermutungen zum Autor + ÖM + Archiv 1 + 2

 

Theodor Kramers Gedicht „Geboren ward ich in die Wende“ gesungen von Wenzel.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

0:00
0:00