Ulrich Berkes und Wulf Kirsten (Hrsg.): Vor meinen Augen, hinter sieben Bergen

Berkes & Kirsten–Vor meinen Augen, hinter sieben Bergen

PRINSENGRACHT 263 – ANNE-FRANK HAUS

Das Mirakel hat uns erreicht,
das Wunder uns heimgesucht: Wir
leben. So daß wir nicht fragen, wieso
wir und warum nicht mehr sie.

Nach allerlei mörderischen Unglaublichkeiten
machen wir es uns hier bequem. Manches
brauchen wir, manches nicht: auf
gewisse Gesichter verzichten wir gern,
könnten Namen nennen, wäre Papier
nicht nach wie vor knapp und vorbehalten
dem andern: unserm Sichtbarsein
für uns selbst.

Nur dafür brauchen wir diesen Himmel,
einige Bläue, einige Flaschen, einige
Sterne, Sonne und Regen, der Westerkerk
Kuppel, ihr Glockenspiel,
stündlich der Anfang einer Melodie,
die abbricht: wir sind da
für alle Toten, für die nirgendwo
ein Grab ist
außer in unserm Gedächtnis.

Günter Kunert

 

 

 

Nachbemerkung

Die Welt von Charles Dickens
führt ihr Fortleben am Gleisstrang
in aufgereihten Hinterhöfen
und meldet: kein Gefecht

(Kunert)

Wo die Brandung verstummt und der Alltag anbrandet
in Bombay am Malabar Hill,
ist einer nach zweihundert Schritten gestrandet

(Beetz).

Sydney hat einen großen Hafen Das Wasser
sieht vom Flugzeug schwarz aus

(Laabs)

Irgendwann werde ich hinkommen
… Und so war der Nachmittag vorbeigegangen
Und meine Hoffnung nach Neapel zu gelangen
Hatte sich nicht erfüllt

(Krohn)

Das Schiff nach Astrachan
läßt einen Schweif aus Schaum zurück

(Martin)

Die weißen Gänse von Tihany wandeln gemächlich
Im grünen Wiesenmeer unter dem rötlichen, Himmel
Des Abends

(Otto-Lauterbach)

… ich steh zu Haus, ich sehe Gehn, ich seh die Köpfe wandern fern durch jenaische Linsen
(Elke Erb)

vorbei an grün und links
die zäune heißen alle
und vorn das denkmal heißt
nach einem mann mit namen
(Bartsch)

Vielleicht nur, um einmal außer uns zu sein…
So erheben wir uns zu den unglaublichsten Flügen

(Deicke)

Jetzt weiß ich, daß es breite Flüsse gibt
Die nicht zum Gotterbarmen in den Himmel stinken
Aus denen Mensch und Tier das klarste Wasser trinken

(Mucke)

Wenn schlechte und bessere Tage kommen, Abziehbilder
von bösen und guten Träumen vielleicht,
so haben wir doch
diesen September gehabt

(Wieland)

Wo aus dem Fenster des Zugs ich mich seh
auf dem Bahnsteig stehn voller Erwartung – also kommt auf mich zu, den Begierigen,
das lang von mir erfahrne Gedicht

(Maurer)

Feststellungen, Wünsche, Erfahrungen aus Reisegedichten, die nach Fußtouren, Radwanderungen, Bergbesteigungen, Motorrad-, Auto- und Kahnfahrten, Bahn- und Schiffsreisen, nach Flügen zwischen Dranske auf Rügen und Samarkand, zwischen Tüschen im Flachland vor Leipzig und dem Hooghly von Calcutta entstanden.
Lyriker reisen mit Vorliebe nach Georgien, nach Böhmen und Mähren, nach Ungarn und Polen, wo sie Freundschaften schließen und sich wie zu Hause fühlen. Andere treffen sich im Rilakloster, übersommern im Donaudelta oder werden zu den Tagen der Poesie nach Mazedonien geschickt. Einige kamen bis nach Wien, Mailand oder Paris, waren zehn Minuten vor Dallas oder konnten den Golf von Tunis sehen, während andere sich vorerst mit gedachten Flugreisen via Sydney und Bahnreiseträumen via Neapel begnügen müssen. Alles das Möglichkeiten, sich ein Bild von der Welt zu machen.
Im letzten Jahrzehnt ist bei uns eine Fülle von Reisegedichten entstanden, weit mehr, als in einem Bändchen von zweihundert Seiten Umfang unterzubringen ist. Es wäre leicht möglich gewesen, diese Sammlung mit Gedichten einer Handvoll weitgereister Autoren zu füllen. Wir wollten aber, anknüpfend an die Auswahlprinzipien der vorangegangenen thematischen Anthologien Olympische Spiele (1972) und Don Juan überm Sund (1975), einen möglichst großen Teilnehmerkreis mit neuen Gedichten in die Reiseroute einbeziehen. Zwar waren wir auf thematische Vielfalt bedacht, unser Ehrgeiz konnte aber nicht darin bestehen, geographisch lückenlos sein zu wollen oder Exotik um jeden Preis zu bieten. Da weit mehr Gedichte eingesandt wurden, als in dem Band Platz fanden, können jeweils nur charakteristische Beispiele vorgestellt werden. In einigen wenigen Fällen entschieden wir uns für die Aufnahme von bereits gedruckten Gedichten.
Der Aufenthalt in einer ungewohnten Umgebung, sei es in der Uckermark oder in den Rhodopen, vermag den eigenen Horizont beträchtlich zu erweitern. Ohne Anschluß ans internationale Straßen- und Stromnetz, an Flugrouten und Schiffahrtslinien müßte, ebenso wie die Wirtschaft eines Landes zum Erliegen kommt, dessen Literatur unweigerlich verkümmern. Für den Schriftsteller bedeutet Bewegung in Raum und Zeit gleichzeitig auch geistige Bewegung. Die Begegnung mit einer Landschaft, mit einer Stadt wird oft zu einer Begegnung mit der Geschichte oder mit dem aktuellen Zeitgeschehen an Brennpunkten der Weltpolitik. Nicht zuletzt aber auch werden die Beziehungen zum eigenen Land neu durchdacht, der Blick auf die vertraute Umwelt wird geschärft, man kehrt zurück, weltläufiger, reicher an erfahrener Welt.

Ulrich Berkes und Wulf Kirsten, Nachwort

 

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber Ulrich Berkes
Fakten und Vermutungen zum Herausgeber Wulf Kirsten +
Archiv + KLGInterview
Laudatio 1 + 2 + 3 + 4
Dankesrede 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6 +7 + 8
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum +
Dirk Sibka Autorenporträts
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Richard Pietraß: Dichterleben – Wulf Kirsten

 

Wulf Kirsten – Dichter im Porträt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.