Uwe Greßmann: Schilda Komplex

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Uwe Greßmann: Schilda Komplex

Greßmann/Schlegel-Schilda Komplex

SCHILDAS BEHÖRDEN

Aber es kamen viele Briefe und Beschwerden
Verschiedener Schichten und Stapel ins Rathaus zu
aaaaaSchilda
Und trafen sich an der Ecke eines Schreibtischs.
Da schubberten sich die Ochsen an Hals
Und Brieföffner und brummten: Gott wie
Juckt es dem Fell. Aber der Amtsschimmel
Nahm den Bleistift hinterm Ohr hervor und
Wieherte: Sie bekommen in absehbarer Zeit
Bescheid, geduldigen Sie sich bitte.
Da kamen weitere Briefe und Beschwerden verschiedener
Schichten und Stapel ins Rathaus zu Schilda und
Begrüßten sich an der Ecke eines Schreibtischs wie Bekannte:
Na wenn es so zugeht, wem sollte es dann schaden?

 

 

 

Schildas Klassengesellschaft

− Uwe Greßmanns Gedichte über die ältliche DDR der 60er Jahre. −

„Komplexbilder“ nannte der Maler Heinrich Vogeler seine Aufbaugemälde zum Ruhm der jungen Sowjetrepublik. Da klingt es wie Ironie, wenn Uwe Greßmanns politisch ätzende Gedichte aus den sechziger Jahren auf die langsam alternde DDR den Titel „Schilda Komplex“ tragen. Doch der Titel stammt nicht vom Autor, und auch der Herausgeber Andreas Koziol hat vermutlich keine Anspielung beabsichtigt, sondern nur einen der Themenkomplexe in Greßmanns überreichen Nachlaß benennen wollen. Im Nachlaß des 1969 verstorbenen Dichters finden sich mehre solcher Themenkomplexe, allesamt Fragment geblieben, darunter ein „Faust“-Zyklus und Sagenthemen in großer Zahl.

Zu Lebzeiten publiziert ist nur ein einziger Gedichtband, aber Greßmanns Bedeutung ist schon in den letzten Jahren seines kurzen Lebens (1933-1969) erkannt worden. Zu den Freunden und Kennern seines Werks gehören so gewichtige Autoren wie Adolf Endler, der den ersten Gedichtband „Der Vogel Frühling“ (1966, mit Zeichnungen von Horst Hussel) auf den Weg brachte, Richard Pietraß, der 1987 Greßmanns Biografie „Lebenskünstler“ zusammenstellte, und andere Autoren wie Heinz Czechowski, Elke Erb, Günter Kunert, Karl Mickel und Franz Fühmann, die ihm alle noch selbst begegnet sind. Gerhard Wolf sinnt seit langem über eine Greßmann-Gesamtausgabe nach, Franz Fühmann hat ihn „einen der bedeutendsten Dichter, die wir haben“ genannt und ihn „in der Nähe Bobrowskis“ angesiedelt. Das ist kein bloßes Etikett, denn Greßmann hat diese Nähe selbst gesucht und gefunden. Von Bobrowski erhielt er noch kurz vor dessen Tod die Zusage, sich mit einem Gutachten für sein erstes Buch einzusetzen.

Ob Johannes Bobrowski, der sich in politischen Dingen zurückhielt und sorgsam auf seinen fragilen Frieden mit der DDR achtete, Greßmanns deutliche Charakterisierung der DDR in den „Schilda“-Gedichten gebilligt hätte, ist eine andere Frage. Schon der vergleich DDR-Schilde wäre in der real existierenden DDR als Provokation gelesen worden, desgleichen die meisten Überschriften dieser Gedichte, die dem Zensor mehr als genug vom Inhalt verraten hätten: „Schildas Klassengesellschaft“, „Schildas Zensoren“, „Biermänner in Schildas Dorfkrug“, „Das Ghetto der Beherrschten Schildas“. Gedichtanfänge wie dieser:

Herr Spitzbart Herr Spitzbart
So meckern die sieben Geißlein
Und fassen sich ans Kinn
Wie konnte Herr Wolf nur so tief
In den Brunnen der romantischen Schule stürzen

Diesen Greßmann – nicht den vermeintlich „naiven“ Dichter, als den ihn die drei in der DDR erschienen Auswahlbände vorstellten – kannten nur wenige. Obwohl Greßmann in der DDR kein Unbekannter war, hat Jürgen Serke also recht, der in seinem Sammelband „Zuhause im Exil“ feststellt, „daß alles, was von Greßmann zu DDR Zeiten erschienen ist, nur Proben zu einem Werk sind, das noch entdeckt werden muß.“ Dazu hat auch ein geheimnisvoller Unbekannter beigetragen, der das Bündel der Schilda-Gedichte Greßmanns zu DDR-Zeiten aus dem Nachlaß in der Akademie der Künste entfernt hatte und es nach der Wende stillschweigend wieder zurücklegte. Ob zur Unterdrückung oder zum Schutz der Gedichte darf gerätselt werden.

So waren nur wenige der Schilda-Gedichte – die harmlosesten – in den drei Auswahlbänden der DDR nachzulesen. Etwa die Hälfte sind nach der Wende in einer von Christine Schlegel mit Radierungen illustrierten einmaligen Auflage von 100 Exemplaren (Edition Mariannenprese) erschienen. Daß Andreas Koziol diese Ausgabe – obwohl er auch für die Illustration von „Schilda Komplex“ dort Anleihen gemacht hat – nicht erwähnt, gehört zu den editorischen Mängeln, die man der ersten vollständigen Textausgabe gern nachsieht.

Weniger gern schon die fehlenden Erläuterungen, denen nachgeborene (und besonders westdeutsche) Leser bedürfen, um die zahlreichen Anspielungen zu verstehen. Wen Greßmann in der Gestalt des „Herrn Walther“ versteckt, mag man noch erraten. Aber die „alte Ziege“ mit der dialektischen Piepsstimme“ oder der scheinbar harmlose Teddy („wie / Ernst sieht sein Gesicht aus / dem Anzug“)? Ja, gewiß, das ist Ernst „Teddy“ Thälmann, aber das und vieles andere wird man schon anmerken müssen, um die in Wort- und Namensspielen versteckte Brisanz dieser Gedichte freizulegen. Anderes muß nicht erläutert werden, sondern spricht für sich, vom ersten Absatz des Buches („Wenn man in Schilda anfangen will / Die Staatsbürgerschaft zu erwerben / Und den Lebensunterhalt, Bekommt man am Schlagbaum einen Fragebogen ausgehändigt: Das ist Geld / Von den Antworten hängt alles übrige ab“) bis zum letzten: „Wie Volksmund durch die Gefängnisse Schildas irrt und gewahrt / Das sind ja die Toten die / nichts mehr vom Leben haben.“

Die Gestalt „Volksmund“, die durch die Gedichte des Schilda-Komplex wandert, ist – soviel erklärt der Herausgeber immerhin im Nachwort – niemand anders als Greßmann selbst. Das Gefängnis blieb ihm zwar erspart, weil er die DDR nur auf dem Papier zu verlassen suchte. Nach Westberlin schrieb er 1964: „Ich trage mich seit längerem mit dem Gedanken auszuwandern, sehe aber kein Loch in der Mauer und wende mich deshalb an Sie mit der Frage: ob Ihnen wohl ein nach Westberlin führender Weg bekannt wäre? Grund meines Bedürfnisses auszuwandern ist schriftstellerische Tätigkeit.“ Aber so wenig wie Schildas Rathaus-Fenster hatte Herrn Walthers Mauer ein Loch.

Hannes Schwenger, Der Tagesspiegel, 1998

 

Volkes Mund in der Unterwelt des sozialistischen Alltags

Die unterschiedlichsten Zeugen der Erscheinung Uwe Greßmanns beschreiben einhellig das Äußere eines Mannes mit vogelartigem Heimkehrergesicht, der in knöchellangem Lodenmantel und seltsamem Schuhwerk die Ostberliner Stadtviertel und Jahreszeiten der Nachkriegsperiode durchwanderte.
Geboren am 1. Mai, im deutschen Schicksalsjahr 1933, trat er bereits nach wenigen Erdentagen eine dann ein halbes Leben lang währende Schattenfahrt durch Waisenhäuser, Kinderheime, Massenquartiere, Krankenstationen und Tbc-Heilstätten an. Ein schweres, unheilbares Lungenleiden zog ihn zeitlebens aus jeglichem geregelten Verkehr eines bürgerlichen Daseins.
Er hielt seinen von dem Katarrh und der Elendsodyssee durch die Anstaltswelt der Ausgeworfenen geprägten Existenzbedarf mit Gelegenheitsarbeiten als Postbote über Wasser und war, der Legende nach, zu jeder freien Stunde über Bücher der Philosophie, der Geschichtsschreibung und der großen Menschheitsmythen vertieft. Sein schmales Zimmer, in dem er zur Untermiete bei drei steinalten Frauen in Berlin-Pankow gehaust hat, soll mit Klassikerausgaben und den absonderlichsten Fundstücken aus buchantiquarischen Beutezügen wie eingemauert gewesen sein.
Erste Zeitschriftenveröffentlichung aus den frühen 60er Jahren zeigen bereits etwas von den Erträgen dieses, gegen die Drohung eines vorzeitigen Todes sich unter stetem Zeitdruck überarbeitenden Originalgenies. Das eigentliche Opus Magnum, ein in zwei Teilen konzipierter, kosmogonischer Faust, mit dem der Dichter ohne Rücksicht gegen Gesundheit und kontemporäre Lehrmeinungen auf das Größte zielte, mußte Fragment bleiben. Fragment geblieben ist auch sein Schildbürgerbuch, aus dessen mit allen semantischen Nerven flackerndem Anspielungsreichtum ein paar ausgewählte Ecken und Enden in unserer Ausgabe stehen. Man stelle sich einmal die folgende Situation vor: Genau in der Periode des sogenannten Bitterfelder-Wegs, gerade also zur Zeit jener auf höchster Politikebene veranlaßten Ausgrabungsexperimenten mit den Fähigkeiten des sozialistischen Produktionsarbeiters zum staatstragenden Freizeitkünstler, sitzt – wenn man so will – unangefochten von der Doktrin der Kunst als Waffe, sitzt also vor den zwielichtigen Hintergründen der Ulbricht-Ära ein ungebetener Wortakrobat und arbeitet unbeirrt an der Erschaffung einer vollkommen aus der Art des ideologisierten Realismus geschlagenen Welt. Er überhört souverän den Debattenlärm, der die Kulturjünger des Ländchens zu den neuesten 1:1 Verhältnissen zwischen Kunst und Willkür ruft und bastelt unterdessen in höchster Konzentriertheit an einem Kosmos aus großangelegten Parabeln, die sich in, gewissermaßen kaleidoskopisch aufreizenden Gleichmut um die Widersprüche und Verzerrungen des Lebens unter den Bedingungen des real existierenden Sozialismus drehen.
In mehreren Zyklen gleichzeitig hat Uwe Greßmann auf eine Vollendung seines, mitunter wie aus der naiven Optik einer Camera Obscura gezauberten Weltbildes hingewirkt. Neben dem Faustfragment und dem Schildbürgerstückwerk gibt es noch einen ganzen Kanon an Schöpfungsgesängen, einschließlich Himmel und Hölle, das Lebenden-Land, das Reich der Toten, das (von den Urmüttern abgeleitete) Reich der Urmunen – sozusagen ganze Ländereien einer säckeweise ausgestreuten und aufgezogenen Traumsaat aus den Hemisphären der Mythenbildung; vermischt allerdings und biografisch begründet oft mit Bildern, wie sie das Nachkriegsberlin der Psyche des Heimkindes eingebrannt hat.
Wer ein Buch dieses Sonderlings mit den legendenverdächtigen Zügen eines heiteren Märtyrers zur Hand nimmt, tritt ein in einen Irrgarten aus idyllischen Bizarritäten und lauschigen Verwinkeltheiten. Der andächtige Tonfall, die oft kindlich ankommende Setzung, ja der immer etwas märchenstundenhaft aufscheinende Zusammenhang seiner Worte, die vor dem Moment ihres Verwunschenwerdens einfach nur Wörter waren – Wörter, wie sie überall gesprochen wurden −: diese augenfälligste Eigenart jener Dichtung darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß wir es an jeder Stelle, an der man den Poeten aufschlägt, zugleich auch meist mit der Dimension des ganz Alltäglichen zu tun bekommen. Eine Realität, die sich durchaus auch zwischen den Zeilen jederzeit auftut, wie ein Abgrund, welcher an Schwindel und an Unheimlichkeit noch der banalsten Verrichtungen nichts zu wünschen übrig läßt. Es ist eine, gleichsam zu fabelhaftem Zweck fortwährend gegeneinander intrigierende Allianz von hochsprachlicher Hymnik und umgangssprachlich sattelfestem Wortwitz, worauf sich Greßmann als der Meister des Idylls mit der spukhaften Kehrseite eingeschworen hat.
Sein Schilda schließlich, was ist es anderes als eine Schilderung der negativen, bürokratischen Seiten des DDR-Alltags in den 50er und 60er Jahren, aufgezogen zum Spuktheater politischer Figuren, die in jenen Jahren die Geschicke der Bevölkerung nach dem eigenem, häufig deppenhaft brutalem Gusto zurechtstutzen? Inmitten der metaphorischen Rollenbesetzung dieses Gruselstücks, unter den Gestalten des Herrn Walter, der Biermänner, des Apis und all der anderen Ochsen, des Amtsschimmels, der alten Ziege mit dem Spitzbart, des Teddy und des sonstigen Personals und Getiers, findet sich immer wieder der Autor selbst als ,Volkes Mund‘, eine sprechende, feste Größe in den Szenen, die er – man staune kopfschüttelnd oder bewundernd – als eine Analogie zu Orpheus verstanden wissen wollte.
Sämtliche Gedichte und Gedichtzyklusteile aber, die in dem einzigen zu Lebzeiten 1966 veröffentlichten Band Der Vogel Frühling enthalten sind, und die zusammen mit den aus dem Nachlaß edierten Folgebänden Das Sonnenauto, Poesiealbum 126, Sagenhafte Geschöpfe sowie des Dokumenten- und Erinnerungsbuches Lebenskünstler das Fundament für den Ruf bilden, den Uwe Greßmann als naiven Dichter, großen Ausnahmekünstler, Ikone des Authentischen u.a.m. einer nie allzugroßen Leserschaft bekannt und teuer werden ließ, – gelten eigentlich nur als Beispiele für das Ganze, sind am Ende nur Proben, die unter Zugzwang aus Zusammenhängen demiurgischen Ausmaßes herauslektoriert wurden. Wir haben uns leider mit der Fama eines durch Krankheit und Tod zunichte gemachten Gesamtentwurfs zu begnügen. Es ist sogar nicht ganz unwahrscheinlich, daß ein Gutteil der Manuskriptpakete durch ahnungslose und die Gefahr einer Ansteckung mit Tbc befürchtende Mitmenschen, die die Wohnung des am 30.10.69 im Alter von 36 Jahren Verstorbenen als erste betraten, unwiederbringlich zum Verschwinden gebracht wurde.
Aus dem unvollendeten Schilda-Komplex entspann sich bald nach der Archivierung des vorgefundenen Nachlasses eine diffuse Affaire mit einem Unbekannten, der den Zutritt zum Archiv dazu mißbrauchte, das Konvolut heimlich mitgehen zu lassen. Nachdem jedoch einige Dichterfreunde damals den entdeckten Verlust mit einem Aufschrei im engeren Kreis der Verdächtigen quittierten, ist jener Diebstahl ebenso heimlich wieder rückgängig gemacht worden.
Etwa 80 Gedichte umfaßt das glücklich wiedergefundene, nie zu Ende komponierte Universum der Schildbürgerstreiche, dieses mit surrealem Schnurren und Grillen überfüllte Sittengemälde der wie verrückt bewegten Zeitbilder und Redensarten aus der Vergangenheit des frühen DDR-Milieus. Manche der Texte treten uns stellenweise, bei aller Wiedererkennbarkeit der Figuren, so entgegen, als wären sie im Begriff, sich in der eigenen Subversivität zu vergraben. Die Vermutung liegt nicht fern, daß Uwe Greßmann sich wenig Hoffnung auf eine baldige Veröffentlichung seines systemkritischen Generalstreiches gemacht hat und daher gelegentlich auch vom Grübeln ins Spinnen und von dort aus nur äußerst mühsam auf den Punkt zurückgekommen ist. Doch selbst dies würde nach allem nur bedeuten, daß noch das Resignierende in dem Schaffen dieses unvergleichlichen Verfassers Spuren hinterließ, die des aufmerksamen Lesens wert sind.
Integrität – jenes verblichne Zauberwort von vorgestern – hier soll es getrost noch einmal leuchten und erwärmen, aus den archivgilben Zügen eines Gedichtwerks, dem nichts Hochkulturelles zu hoch und nichts Volkstümliches zu vulgär war, um es gemeinsam in seiner Anschauung der Welt als einer ebenso urkomischen wie letztlich über alle Gegensätze erhabenen Bildfläche zu integrieren.

Andreas Koziol, aus Uwe Greßmann: Schilda, Mariannenpresse, 1996

Verspäteter Nachruf auf Uwe Greßmann

Es ist der Stempel „Naiver Dichter“, der sein Andenken verzerrt, und der doch nur seine Verwender bloßstellt, weil in der so verwandten Bezeichnung vorausgesetzt wird, Naivität wäre eo ipso etwas Minderes, selbstsicherer Weitläufigkeit unterlegen, und der solchermaßen Bezeichnete ein Produzent auf niedrigerer Ebene, in eine Reihe gestellt mit Holzfigurenschnitzern und Sonntagsmalern: dem ist aber nicht so.
Es gibt eine Unschuld des Gemüts, welche die Welt so anschaut und erkennt, wie sie wünschbar wäre, ja wie sie vielleicht sogar potentiell ist und wie nur wir, in stärkerem oder geringerem Maße von den Mittätern der Historie um unsere Unschuld gebracht, sie nicht mehr zu sehen vermögen: nämlich mit angstlosem Staunen.
So also erscheint Welt in Greßmanns Gedichten: hell und unversehrt im unverlogenem Sinne, ins Kosmische geweitet, von Planeten und Sonnen behütet statt bedroht, eingebettet ins Universum, in den höheren Zusammenhang unumstößlicher Gesetze: eine evozierte Gegend, in der selbst die Bürokratie und die repressive Hypertrophie der Ämter heiter eingeordnet sind, denn: es herrscht Ordnung in den Gedichten Greßmanns – keine disziplinierend-unmenschliche, sondern die geheime und selbstverständliche Ordnung, der Dinge und der Natur.
Greßmann war einer, der die seelische Substanz besaß, die zu einem Spitzenplatz in der Hierarchie der Literatur berechtigt, von seiner Epoche und Umständen; jedoch gehandikapt, zu früh verstorben, so daß er diesem legitimen „Zug zum Höheren“ nicht seiner Anlage entsprechend zu folgen, vermochte: ein Autodidakt, befaßt mit Platon und Kant, Hegel und Marx. Greßmann war tendenziell ein bedeutender Dichter, unbeeindruckt von oberflächlich-ideologischer Pseudokunst und intellektueller Verblendung; ein Zurückgesetzter und Verkannter; eine Gestalt mit langen, glatt über den Kopf gekämmten ungepflegten Haaren, seine magere Erscheinung versteckt in einem Viel zu weiten abgetragenen Regenmantel wie in einem transportablen Zelt, jede Vorstellung von seiner Körperlichkeit durch solche Bekleidung abwehrend oder zurückweisend: am Telefon die hohe Stimme, im berlinischen Tonfall sprach ernsthaft davon, daß ihr Besitzer nun an einer neuen Kosmogonie arbeite – einem weitgespannten Unternehmen, das von großer geistiger Kühnheit, einem scharfen und empfindlichen Epochenbewußtsein und – ich sagte es schon – zugleich von der Unschuld des Gemüts zeugte.
Greßmann war, mit einer etwas leichtfertigen und etwas beiläufigen Bemerkung gesagt: ein pures Humanum, wie es ganz selten auftritt und wie es wohl auch nur in Gedichten vorkommt.

Günter Kunter, 1974, aus: Uwe Greßmann: Lebenskünstler, Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig, 1982

Erinnerung an Uwe

Berlinische Intimitäten: Diese Häuser, Hinterhäuser, so alt und mürbe, daß sie mit dieser Berlinischen Sand-Erde, auf die sie gestellt sind, fast schon wieder versöhnt scheinen, eins mit ihr. In einem wohnte Greßmann, ein Poet. Ein Körper, hoch, dünn wie ein Brett. Ich konnte ihn kaum wahrnehmen, als ich ihn sah: in den Raum geschoben, senkrecht zwischen die verteilt anwesenden Möbel im Zimmer der Wirtin, als ich ihn besuchte – die Greisin hatte uns auf ein Segment ihres runden Tisches zwei Tassen Kaffee gestellt. Sie saß entfernt, am Fenster, sah uns zu; in den Spiegel blickend, und im Spiegel sah ich die Greisin am Fenster, wie sie uns zusah; während G., sich vorbeugend, mir, der ungläubigen Lektorin, die Verkettung theoretischer Begründungen für seine Verse Fuß für Fuß anzeigte, der Verse auf dem vierten grünen Durchschlag zwischen uns auf dem Tisch, von welchem das Tuch ein Stück für uns zurückgeschlagen war: die Stimme trocken, die Begründung Philosophie, die Kette fest. „Dergestalt, da?“ sprach der Junge.
In seiner Kammer war kein Platz für Besuch, schon gar nicht Damen, er hatte zu achten, wenn er sich wusch, daß er, mit dem Wasser aus der Kanne und der Schüssel die gestapelten weltweisen Bücher nicht bespritzte (wenn der Waschlappen in sein Gesicht kam, welches dem eines hölzernen Heiligen glich, verzehrt, und ein ewiges Leben; aus allen seinen immer elternlosen Armuten gewonnen). Ich sah ihn lange nicht wieder. Wir gingen einmal, im Walde von Pankow, welcher im nackten Winter überall Bilder der finsteren Wirrnis zeigt, da ihm das Unterholz bis in die Kronen hineinsteht, über eine Stunde spazieren. Ich rief ihn später an in seiner Arbeitsstelle HO-Stadtmitte, für die er ging als Bote. Er habe keine Zeit, sprach er hart dahinten am anderen Ende der Leitung, er schreibe eine Phänomenologie, „auf Hegel fußend“.
Ich träumte von ihm: im Traum hatte ich, um meine Schwester mit ihren Kindern einladen zu können, im Literatur-Kalender nachsehen wollen, auf welchen Wochentag mein Geburtstag fiel, aber das Register, wie ich auch aufschlug, verwischte sich unter dem Bild, und das Blatt wurde weiß. Es gab mich nicht. Im nächsten Traum dann fand ich ein kleines Buch, geschrieben von Greßmann, vor mir, in das ich hineinblickte, während Greßmann, welcher hinter mir stand, mir die Seiten aufschlug. Wieder sah ich die Schrift nicht, und doch spürte ich, daß ich las: eine reine und deutliche Güte kam, fühlte ich, zu mir aus diesem Lesen, die Umkehrung der vorigen Feindschaft.

Elke Erb, März 78, aus: Uwe Greßmann: Lebenskünstler, Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig, 1982

Fischzug nach den Worten des Paradieses

Doch das Paradies, das verriegelt ist, hat er gesehen – auf seiner Reise um die Welt, die eine Reise war durch Waisenhäuser, Kinderheime, Krankenhäuser, Heilstätten und Matratzengrüfte. Als der 33jährige Lyriker Uwe Greßmann 1966, drei Jahre vor seinem Tod, seinen Vogel Frühling fliegen lassen darf, da schwingt sich franziskanischer Geist auf in der deutschen Literatur dieses Jahrhunderts und wird abgedrängt als wunderliche Unschuldvermutung. Durch Greßmanns Hintertür, die den Weg freigibt zur Wiederherstellung der paradiesischen Beziehung zur Kreatur, mag keiner gehen. Zu abseitig diese Spielart des Urkommunismus, allenfalls Stoff für die Legende.
Die Legende will Uwe Greßmann als einen Künstler ohne Entwicklung, als den in seiner Naivität ungebrochenen Dichter. In seinem Vorwort zum Gedichtband Der Vogel Frühling macht Adolf Endler ihn zum „Henri Rousseau der Poeten“. Für Günter Kunert ist Greßmann „ein pures Humanum, eine Unschuld, welche die Welt so anschaut und erkennt, wie sie wünschbar wäre“. Für Stephan Hermlin sind Greßmanns Gedichte „einfach da“, keiner Richtung zuzuordnen. Karl Mickel schließt sich dem Urteil Eckart Krumbholz’ an, für den die Krankheit das eigentliche Wesen der Naturdichter „bestimmt“. Krankheit, in der die Seele „treibhausmäßig“ reift.
In den Erinnerungen jener Schriftsteller wandelt da ein von der Tuberkulose Gezeichneter mit knöchellangem, viel zu weitem und auch sommers zugeknöpftem Lodenmantel durch Berlin. Und wie es die Legende will, haben sie das Elend so schaurig schön beschrieben, als sei der Dreck, in dem Uwe Greßmann leben mußte, Sternenstaub gewesen. Beate Stanislau, die geflohen ist, als sich Uwe Greßmann ihr zu nähern versucht, ist offener, wenn sie sagt, er sei ihr vorgekommen wie „ein klappriges Gespenst“. Der Widerwille gegen diese Gestalt ist nicht nur bei ihr, sondern bei fast allen größer als seine Anziehungskraft.
Im Klartext: Vor wirklicher Nähe ekelte man sich. Dieser Dichter, umweht von Medikamenten, Salben und Ölen, seit frühester Kindheit vielfache Tode gestorben, bleibt mit Tod infiziert. In den Worten Karl Mickels:

Der Kranke ist die Krankheit; und wird gemieden.

Zwei sind die Ausnahme: der Bibliothekar Hans Laessig, der Uwe Greßmann entdeckte und bestärkte in dem, was er schrieb, und Laessigs Frau Edith, die ihn bekochte, ärztliche Hilfe für ihn suchte und schließlich eine menschenwürdige Wohnung für ihn fand.

Ich, Mensch, ein kleiner Kosmos, wie Philosophen sagten,
Trug die Erde am Schuh und in mir die Idee der Schöpfung;
Da ging ich auf der Straße des Himmels bummeln.

So eröffnet Uwe Greßmann seinen Debütband. Mehr als ein Jahrzehnt hat er warten müssen, er, der in einem unverwechselbaren Ton noch einmal Sonne, Mond und Sterne feiert, der sich ausdrücklich in seinen Gedichten als Volkes Mund versteht:

Und war ihm das Herze voll
Von Lust und Klage und Blut,
Trat Volksmund auf
Die Straße, der sagenhafte Schlagersänger,
Und schob den Leierkasten
Von Hof zu Hof der Mieter
Wie früher der Fürsten,
Da er zur Leier, zur Kithara… auch sang
Und klangvoll in die Saiten griff.

Und er hatte einen guten Ruf,
Wenn er den Mund auftat.
Denn in den fernsten Ländern noch der Welt dort
Hörte man die Worte seines Tonbands
Und summte leise mit.

Die Kulturfunktionäre in der DDR schauten mit Argwohn auf Greßmanns Gedichte. Solcherlei Weltheiligung und Naturbeseelung erschien ihnen reaktionär. Doch unübersehbar war in der DDR auch: Uwe Greßmann hatte ein Publikum gefunden. Was er schrieb, war ein neuartiges Buchstabieren mit dem Herzen. Ein hymnischer Gesang, immer wieder gerichtet an den Vogel Frühling:

Daunen dringen aus dir.
Davon kommen die Blumen und Gräser.

Federn grünen an dir.
Davon kommt der Wald.

Grüne Lampen leuchten in deinem Gefieder.
Davon bist du so jung.

Mit Perlen hat dich dein Bruder behaucht, der Morgen.
Davon bist du so reich.

Uralter, du kommst aus dem Reich der mächtigen Sonne.
Darum kommen Menschen und Tiere, und: Erde,
Dich zu empfangen.

Da du sie eine Weile besuchst,
Sind sie erlöst und dürfen das weiße Gefängnis verlassen,
In das sie der Winter gesperrt hat.
Und davon kommen die Sänger,
Die dich besingen.

Daß der Mensch ohne Leid nicht zu seinen äußersten Möglichkeiten gelangt, wird zu einer banalen Feststellung, wenn man auf das 36jährige Leben Uwe Greßmanns schaut. Es beginnt mit einer Totalenteignung des Vertrauens. Und immer dann, wenn sich in dieser Kindheit etwas Vertrauen einstellt, wird es zerschlagen.
Uwe Greßmann kommt am 1. Mai 1933 in Berlin als uneheliches Kind zur Welt. Seine ledige Mutter verschwindet nach der Entbindung in einer Nervenklinik. Der Vater, ein Autosattler, hat sich bereits vor der Geburt des Jungen davongemacht, Uwe Greßmann kommt drei Wochen nach seiner Geburt in ein Waisenhaus.
Später wird er schreiben:

Meine Mutter war
eine Rose.
Von Dornen hatte
Ich eine Wiege;
Und: verwelkte.
Mein Vater kam nicht,
Sie zu besuchen,
Als sie gebar.
Wo blieb er denn?

Nach sechs Monaten Aufenthalt im Waisenhaus wird Uwe Greßmann von Pflegeeltern aufgenommen. 1939 begeht seine Pflegemutter Selbstmord. Wieder landet der Junge in einem Waisenhaus und wird wegen seines „schwächlichen Zustands“ nach Niendorf an die Ostsee in das Kinderheim Nazareth verschickt.
Nach seiner Rückkehr nimmt die leibliche Mutter, inzwischen mit einem anderen Mann verheiratet und Mutter zweier weiterer Kinder, den Sechsjährigen in die Familie auf. Ein Streit zwischen beiden führt dazu, daß die Mutter ihn nach acht Tagen Aufenthalt wieder beim Jugendamt abgibt, von wo aus er ins Kinderheim Hohen Neuendorf bei Berlin kommt.
Später, als ihn seine Mutter nach Veröffentlichung eines Gedichts aus Der Vogel Frühling in der Wochenpost wiederentdeckt, wird ihr Uwe Greßmann schreiben:

So hart wie Du zu mir gewesen bist, so kalt und lieblos o Eis des Winters, so viel beschäftigst Du mich, als liefe ich auf Schlittschuhen… Die Tränen aber, mit denen ich mich damals im Jugendamt an Dich hängte und Dich bat, mich nicht zu verlassen, haben Dich kalt gelassen…

Als Neunjähriger bekommt Uwe Greßmann neue Pflegeeltern, kommt ins heute polnische Schöningsbruch, wird als billige Arbeitskraft benutzt, geschlagen und mißhandelt. In den Jahren 1945 und 1946 erlebt der Junge die Umsiedlerlager Küstrin, Demmin, Berlin, Beeskow bei Storkow. Von Eystetten bei Augsburg, wohin er schließlich mit seiner Pflegemutter verschlagen wird, flieht er angesichts neuer Brutalitäten, tippelt auf Bahnschienen in Richtung Norden. Im Hamburger Durchgangslager Volksdorf findet er Zuflucht, kommt von dort ins nahe Wentorf in ein Kinderheim. Er will zu seiner Mutter nach Berlin. Doch die Mutter kommt nicht, als er in einem Berliner Durchgangslager auf sie wartet. Er wird weitergeschickt, findet Unterkunft in der Märkischen Schweiz im Kinderheim Haus Tornow, wo er nach der achten Klasse die Schule verläßt. Uwe Greßmann ist zu diesem Zeitpunkt fünfzehn Jahre alt.
Er beginnt eine Lehre als Elektroinstallateur, lebt in einem Lehrlingsheim im Ostberliner Stadtteil Pankow. Die Lehre muß er abbrechen. Mit einer schweren Lungentuberkulose kommt er ins Krankenhaus und kann erst nach fünf Jahren wieder entlassen werden – mit einer Ölplombe in der Lunge, die endlich den Entzündungsprozeß in der Lunge stoppen soll. Der 21jährige wird Montierer. 1956 muß er wieder ins Krankenhaus, diesmal für zwei Jahre. 1958 wird er Bote bei den HO-Gaststätten Berlin-Mitte, 1960 übernimmt er dort die Poststelle und den Telefondienst.
Längst schreibt er Gedichte, die niemand drucken will. Der Autodidakt wühlt sich kreuz und quer durch die Weltliteratur. Einem siebzehnjährigen ungarischen Gymnasiasten schreibt der 29jährige, daß er im ersten Halbjahr 1962 dreiunddreißig Bücher gelesen habe, darunter Byron und Carlyle, Cervantes und Hašek, Borchert und Camus, Hemingway und Cummings, Dürrenmatt und Scholem-Alejchem. Den Namen Kafka versieht Greßmann mit zwei Ausrufungszeichen. Er gräbt sich durch die Edda und das Hildebrandslied, das Nibelungenlied und Walther von der Vogelweide. Er vertieft sich in Laotse und Konfuzius, und er exzerpiert Kant und Hegel. Er wälzt das Faust-Thema hin und her und konzipiert einen Faust, der sich von niemanden verpflichten läßt.

Aber Faust malte astronomische Zahlen
An den Rand des Weltalls Zeiten
Und sprach: Das Jahr ,eins‘ erlebst du gegenwärtig
Und das All(es) ist schon vor dir gewesen
Aber da du auf die Welt kommst ihr guten Tag sagst
Beginnst du die Zeiten für dich von neuem
Zu zählen…

Nahezu alles, was Uwe Greßmann geschrieben hat, ist in einem winzigen Zimmer in der Berliner Straße 122 im Stadtteil Pankow entstanden. Edith Laessig, die den ausgezehrten Uwe Greßmann immer wieder zu sich in die Wohnung holt, um ihn „aufzupäppeln“, erinnert sich an dieses Elendsquartier so:

Ins Zimmer gingen hinein: ein Bett, ein Schrank, ein altes Gründersofa, aus dem die Sprungfedern unten herausguckten, ein Berliner Ofen mit weißen Kacheln, ein schwarzeisernes Bettgestell… Alles blieb stehen an dem Ort, an den es ursprünglich hingestellt worden war. Und es muß nie saubergemacht worden sein, denn es waren da riesige Spinnweben, die ihn zu skurrilen Überlegungen veranlaßten… In dem Zimmer war ein fast unerträglicher Geruch nach ätherischen Ölen, Sanopin, Pulmotin, was man so nimmt, um Katharre der Luftwege zu beseitigen. Die Bücher, die er von seinen wenigen Einkünften kaufte, waren in Stapeln übereinandergetürmt. Uwe wußte aber genau, wo jedes Buch lag.

Und alle Dinge im Raum mögt ihr da sehen:
Die Tische, Blumen, Früchte in der Schale…
Und jedes, das kleinste selbst,
Das ihr noch faßt
Mit diesen eueren Händen,
Ist da von einer Fülle,
Daß ihr darüber ganz vergeßt,
Wie leer es um euch ist,
Wie alles von euch Abstand nimmt,
Als wollte es von euch nichts wissen,
So tief sind Licht und Duft in euch gedrungen,
Daß ihr nun sagen könnt:
Die Dinge haben einen Sinn,
Weil sie uns so erfreuen.

Aus den Qualen des Sterbens, das ihn seit Kindheit an begleitet, gewinnt dieser Uwe Greßmann sein Leben. Im Untergang muß gesungen werden. So widerlegt dieser Mann den Tod. So wird aus einer Matratzengruft Geborgenheit:

Ziehen viele in
Andere Straßen
Auch, weine nicht.
Altes Haus, ich
Bleibe noch.

Leidenserfahrung und Leidensfähigkeit treffen auf den Formwillen eines unbeirrbaren Menschen, der „den Himmel aufspannt“ für die Heimkehr der Schöpfung.

Ein Himmel ist der Waldweg,
Darauf die Sterne kreisen –
So nahe sind sie –
Auch abseits im All,
Zwischen den Gräsern.

Winde sind Füße;
Und manchmal hältst du sie still,
Um keinen Stern zu zertreten.
Manche erlöschen davon.
Hinter dir leuchten sie auf,
Da du vorbei bist.
Wie Geäst knackt unter dir Donner,
Du streckst eines Blitzes Arm aus
Und greifst einen Glühwurm
Und legst ihn auf den Wolkenteller deiner Hand.
Davon wird es dort hell und tagt.

Und so bestimmst du die Tage,
Die Wetter, den Wuchs einer Erde,
Die da in dir auch irgendwo sein muß.
Und sei’s an den Sohlen des Weltalls.

Eckart Krumbholz (1937–1992), selbst ein Dichter von beträchtlicher Skurrilität, beschreibt 1978 in seinem Essay „Sehnsucht ins Große und Weite“, wie bei ihm im Frühsommer 1960 in der Redaktion Junge Kunst das Telefon klingelte, ein Mann namens Greßmann am anderen Ende der Leitung war, „eine etwas hohe Männerstimme, er müsse mich unbedingt und ohne Aufschub sprechen“. Bei den langen redaktionellen Vorlaufzeiten gab es nichts, was eilig hätte erledigt werden müssen.
Doch Eckart Krumbholz ließ den Anrufer kommen und sah sich einer Figur gegenüber „mit einer Art Gasmaskenbrille im eckig gelben Gesicht“:

Wirklich, er sah aus, wie man sich den Heimkehrer Beckmann 1946/47 in Wolfgang Borcherts Draußen vor der Tür denkt. Er zog ein Bündel beschriebenes Papier aus der Tasche und sagte hastig: „Ich komme auf Empfehlung.“

Paul Wiens von der neuen deutschen literatur, der Zeitschrift des Schriftstellerverbandes, hatte ihn an Krumbholz verwiesen.
Krumbholz schreibt in seinem Greßmann-Essay:

Er zelebrierte mir ein höchst eigenartiges, eigenwilliges Kolleg über Hölderlin und Rilke, die er derzeit als literarische Vorbilder betrachtete. Gebärdete sich wie der Prediger in der Wüste… Selten in unserer neuen Dichtung wurde das totale Sich-nicht-abfinden-Können mit der vorgefundenen Welt treuherziger, rührender – dabei genau und ohne Schrille – ausgesprochen.

Krumbholz versuchte, Gedichte von Greßmann wieder und wieder in sein Blatt einzurücken, ohne sich durchsetzen zu können.
Wenn Krumbholz ihn zu Fuß auf dem Weg von der Friedrichstraße im Zentrum zu seiner Behausung in Pankow sah, dann legte sich über das Bild von Borcherts Heimkehrer Beckmann das von Barlachs „Wanderer im Wind“. Die U-Bahn sei ihm zu voll und zu stickig, begründete er Krumbholz seine stundenlangen Wanderschaften. War er in seinem Beruf als Bote in den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs, dann konnte man ihn beobachten, wie er vertieft war in das Gilgamesch-Epos. Im Pankower Antiquariat, wo er oft anzutreffen war, nannte man ihn wegen seiner Begeisterung für das Rolandslied „Herr Rolandslied“.
Im vom Übersetzer Erich Fetter geleiteten Literaturzirkel im Pankower Erich-Weinert-Haus sah man ihn immer wieder, wußte aber eine Zeitlang nicht, daß er ein umfangreiches eigenes lyrisches Werk mit sich herumtrug. Krumbholz beobachtete:

So schüchtern oder verschlossen Greßmann sonst war, seine Arbeiten verteidigte er hartnäckig und kompromißlos, er besaß eine hohe Meinung von seinem Tun und Lassen. Mit Recht, sie bedeuteten einen kolossalen Triumph über persönliche Erbärmlichkeit und Miserabilität.

Im Zirkel von Erich Fetter erlebte auch der Bibliothekar Hans Laessig die erste Lesung Uwe Greßmanns. „Alles Volk saß kopfschüttelnd und voll Unverständnis vor diesen Produktionen“, so erfuhr es Edith Laessig von ihrem Mann.

Nach der Veranstaltung ging mein Mann mit Uwe eine anderthalb Stunde die Berliner Straße rauf und runter und hat ihm Mut gemacht und hat versucht, die Verbindung zu knüpfen zu den Leuten, die in der Lage waren, Uwe zu fordern.

Im Dezember-Heft 1961 der neuen deutschen literatur brachte Paul Wiens erstmals Gedichte von Greßmann an die Öffentlichkeit:

Die Straßen sind des Stadtbaumes Äste,
Wie Blätter wogen die Lichter daran,
Vom Lärm zittert der Wald,
Der Mund eines Kindes, das Auto spielt.

Mitten in der Spielstube
Umarmen sich zwei wie in einer Haustür,
Als ob sie es schon ernst meinten;
Auch richtige Schaufenster gibt es da,
An denen wir Kinder vorbeigehen
Oder stehenbleiben.
Aber niemand sieht das Glück.

Und die Kinder räumen das Gebirge weg
Und die Bäume und Wiesen, die künstlich sind,
Und holen den Baukasten,
In dem die Stadt von morgen eingepackt ist,
Und machen es den Erwachsenen nach
Und bauen tatsächlich eine Zivilisation auf.

Und da es Zeit ist, schlafen zu gehen,
Knattert der Erzieher wie ein Moped,
Das eine Straße fährt: Dein Spiel ist zu Ende,
Arkadia; wie schade um dich.

Ein Jahr später bringt die ndl weitere Gedichte Greßmanns. Noch vier Jahre vergehen, ehe seine erste Gedichtsammlung mit dem Titel Der Vogel Frühling im Mitteldeutschen Verlag erscheinen konnte. Als Lektorin suchte Elke Erb den Dichter in der Berliner Straße auf. In der Küche der achtzigjährigen Wirtin ging man die Gedichte durch. Elke Erb:

In seiner Kammer war kein Platz für Besuch, schon gar nicht für Damen, er hatte zu achten, wenn er sich wusch, daß er, mit dem Wasser aus der Kanne und der Schüssel, die gestapelten weltweisen Bücher nicht bespritzte, wenn der Waschlappen in sein Gesicht kam, welches dem eines Heiligen glich, verzehrt und ein ewiges Leben; aus allen seinen immer elternlosen Armuten gewonnen.

Es ist jene Zeit, in der Uwe Greßmann die 23jährige Beate Stanislau, damals noch unverheiratete Bell, im Erich-Weinert-Haus kennenlernt. Auch ihr fällt an der hageren Figur erst einmal der Lodenmantel mit den Fledermausflügeln auf, dann seine mottenzerfressene Pelzmütze. Schlecht rasiert erscheint er ihr, mit eingefallenen Wangen, stark hervortretenden Jochbeinen und einem überaus beweglichen Adamsapfel. Die Augenränder entzündet, die Ränder der Fingernägel schwarz. Sie hält ihn einfach erst mal für nicht wichtig und sagt wohl mehr aus Verlegenheit zu Greßmann:

Kommen Sie doch vorbei.

Uwe Greßmann kommt. Beate Stanislau erinnert sich:

Er saß bei mir herum und breitete Manuskript um Manuskript aus, eins kalligraphisch interessanter als das andere, in blauen Hieroglyphen mit dicken roten Korrekturen.

Endlich ist da jemand, der für ihn viel Zeit übrig hat, der zuhört und Fragen stellt, die tiefer gehen als die der denn doch nicht so interessierten Profiautoren. Und die Gesprächspartnerin ist eine schöne Frau, die er in sein Zimmer einlädt.
Beate Bell arbeitet neben ihrem Studium an der Humboldt-Universität in drei Schichten als Radbotin des Berliner Verlages, kommt kurz vor Mitternacht nach Hause. Uwe Greßmann wartet im Garten. Und wenn sie einmal nicht kommt, so erinnert sich Edith Laessig, harrt Uwe Greßmann bis in den Morgen aus.

Und von den Sternen, vielen
In uns – glühen Wangen:

träumt er.

Du und ich – als seien
Sie wirklich so
Die weite Welt
.

UM EIN HAUS EREIGNET SICH ALLES

Drinnen:
Da du den blauen Vorhang
Am Fensterhimmel
Beiseite schiebst;
Wo der Leuchter mit dem Mond
Und den Sternen brennt, und
Vielleicht hat das ein Elektriker
Vor Jahrmillionen einmal angelegt.

Und draußen:
Da ich zu dir hinaufschaue
Und wie ein Wald stehe.
Ach, wie stille ist es in mir geworden,
Seit die Bäume schwarz sind.

Beate Stanislau erinnert sich:

Dann kam die Zeit seiner ersten Erfolge. Ich weiß es noch wie heute: Es war ein sonniger, warmer Tag. Er saß auf meinem winzigen Stilsofa… Sein Gesicht strahlte wie das Hauptgestirn selbst. Er wirkte wesentlich sicherer und lebhafter als sonst. Seine Gestik war lockerer, obwohl er eigentlich in seiner üblichen Grundhaltung blieb. Für einen Augenblick wurde er sogar für mich schön.

Über den Schriftstellerverband, der ihn als Mitglied aufnahm, hat er drei Tonnen Kohle geliefert bekommen:

Er freute sich wie ein Kind und wurde großzügig wie ein Kind.

Beate Stanislau hört ihn sagen:

Ich gebe dir die Kohlen. Was soll ich denn mit drei Tonnen bei nur einem Ofen. Nur mußt du noch überlegen, wie du sie transportierst.

Dann ist da irgendwann jene Nacht, in der Beate Bell müde von der Arbeit kommt und auf den wartenden Uwe Greßmann trifft:

Greßmann war ekstatisch. Er redete und redete. Es war schon morgens um vier. Er beugte sich zu mir. Der Abstand zwischen ihm und mir verringerte sich. Ich rutschte weg. Er rutschte nach. Auf einmal stieß seine Hand vorsichtig an mein Knie, was noch niemals geschehen war. Nein, dachte ich, das kann ich wirklich nicht.

„Entschuldige bitte. Du mußt jetzt gehen“, sagt sie zu ihm. „Ich brauch noch ein paar Stunden Schlaf.“ Die nächste Verabredung hält sie nicht ein und schläft längere Zeit bei einer Freundin.

Und mancher, der postlagernd Briefe schicken ließ,
Weil es zu Hause keiner wissen sollte,
Ging selber zur Post
Und wartete sein Leben
An den Schaltern.

Und kam so mancher Bescheid;
Doch der, den er von ihr erwartete,
Öffnete die Tür und sprach:
Sie sind gestorben,
Gehen Sie Gräber pflegen.
Da drüben ist der Friedhof.
Melden Sie sich bei Herrn Charon

Und sollte noch ein Brief des Gerichts mit
Zustellungsurkunde kommen,
Werde ich Sie wieder rufen lassen,
Damit Sie zum Termin da sind.

Das ist die Liebe gewesen. Etwas beginnt und ist schon abgebrochen. Wie damals, als er zur Welt gekommen ist. „Wo die Fremde wohnte“, schreibt Greßmann, „Irrte ihr Sohn, der Gehende, / Da umher und fand sie nicht, / Die doch seine Heimat war.“ Der Dichter erinnert sich an seine fünfjährige Zeit in den Heilstätten von Beelitz:

Die Krankheit kam mir wie eine Erlösung vor, die mir in fünf Jahren Kraft gab, mich zu finden… Nur an den Nadelstichen und Eingriffen, die ich bekam, merkte ich die Krankheit und an den Tabletten, die ich einnehmen mußte (wie eine Festung). Sonst war sie die freundliche Schwester innerer Anlagen. Und wie sie mich unterhielt, mich hieß zu zeichnen und zu dichten…

Uwe Greßmann weiß um seine gestundete Zeit. Irgend etwas treibt ihn, den aus der Liebe Verstoßenen, seinen Platz in dieser Welt zu behaupten. So arbeitet er besessen an seinem Faust, einem Werk, das in zwei Teilen konzipiert ist und auch als Fragment in diesem Jahrhundert wunderbar zum „Ich und Ich“-Werk der Else Lasker-Schüler in Beziehung steht. Die Dichterin in Jerusalem, die auf den einen Totalitarismus in Deutschland antwortete, und der Dichter in Berlin, der auf den anderen eine Antwort gibt.
Uwe Greßmann freilich gibt Antworten so weit weg von allem Fortschrittsdenken der Literatur, daß er all jenen fremd bleibt, die es von der Moderne in die Postmoderne treibt. Als Analogie zu Orpheus will Greßmann seine Figur Volkes Mund verstanden wissen, die er durch seinen Gedichtzyklus Schilda gehen läßt. Dieses Werk, das achtzig Gedichte umfaßt, ist ein systemkritischer Schildbürgerstreich. Nur weniges davon konnte in der DDR veröffentlicht werden.
Beate Stanislau erinnert sich an Greßmann so:

Seine gesamte Freizeit füllte Lesen und Schreiben aus. Das Schreiben fiel ihm schwer. Er grübelte stunden- und tagelang. Er verwarf, stellte um, was ich sehr an ihm bewunderte. Er sezierte regelrecht seine Gedichte. Und schon aus diesem Arbeitsgang heraus läßt sich die beinahe Heiligsprechung des eigenen Erzeugnisses erklären. Mir schien, daß, außer wahrscheinlich die Stunden bei mir, das Gedicht die einzige Möglichkeit war, sich auszusprechen. Es war sein Sprachrohr und seine Messe.

Beate Stanislau sieht als einzige klar und präzis Weg und Ausweglosigkeit dieses Menschen, dem die Dichterkollegen generös das Fach „Naiver“ zugewiesen haben. Er ist zwar ein „gebranntes Kind“, das von Schmerzstation zu Schmerzstation gegangen ist, aber naiv ist er gerade deshalb nicht. Uwe Greßmann lebt in der Erfahrung einer Enteignung, die tief in die Sprache hineinreicht. Er hat sich seine Sprache mühselig schaffen müssen, um sein Dasein ausbalancieren zu können, um seine katastrophale Existenz in eine kunstvolle An-Ordnung zu bringen:

Aber der Vogel Frühling singt in den Zweigen
Der Grünstraße und beflügelt die Träumer nicht mehr
Es so zu tun: Ikaros sagt er ist Delphin geworden
Und jetzt bei den Tiefseeetauchern beschäftigt…

Uwe Greßmann taucht hin zu Rilke, zu Hölderlin, zu Klopstock und zu Walther von der Vogelweide. Die Würde und die Wucht alter Wahrheit macht er für sich neu. Auch deren Versbaukunst des großen Atems. Die Sprache, die er auf diesem Weg gefunden und der er seine eigenartige Melodie gegeben hat, ist der einzige Grund, auf dem er steht. In der Erfahrung seines geliebten Franz Kafka in diesem Jahrhundert:

Die Lüge wird zur Weltordnung gemacht.

Nach allen „Rennereien mit dem Schein“, die Stufen aufwärts bis zur letzten Behörde, stellt der Lyriker Greßmann die „ewige Frage“:

Was mag wohl hinter diesen Himmeln sein?
Und ich sehe kein Ende
Doch das soll sich ändern, sagt man hier,
Wenn man ruft: der nächste bitte.

Und sinkst du nun auch erdewärts,
Wie du vorher himmelwärts gestiegen bist,
Als wärest du ein Paternoster,
So stehst du, als gäbst du den Passierschein ab,
Im nächsten Augenblick auch schon;
Und: siehst dann draußen in dem Raum ein Haus,
Das kleiner wird, je mehr du dich entfernst.

Und so gehst du von Raum zu Raum,
Die Angelegenheit zu erledigen,
Und betrachtest das alles.

Greßmann, der sich hintersinnig einen Idylliker genannt hat, faßt das Zerrüttete in den Harmonierahmen seiner Horizonte:

… Die Herde wie einst dort zu hüten,
Meint ihr: Die Zeit ist eben vorbei.
Sicherlich, sage ich dann,
Du stehst nicht mehr am Baum,
Der Weide, die kleinen Freuden zu grasen,
Die Natur.

Nein, jetzt bist du ein Mensch;
Doch das ist heute vielleicht noch wie damals –
Selbst wenn der Urwald grünt und glüht von seinen Augen
Und mit Jaguargesichtern in den Blättern faucht –,
Daß die Landschaft Erdes auch ihre guten Launen hat…

„Die Klassengesellschaft“ vergeht für Greßmann nie:

Grün ist Gesellschaft
Und unter Bäumen von Kerlen
Und dicht gedrängt.

Und auf dem Waldweg stiefeln viele
Zu unterdrücken
Mit den Sohlen;
Denn klein und für sich wächst man da auf:
Jeder ein Grashalm.

Aber die Fußspur deutet noch an:
So muß der Mensch dort gewesen sein
Auf der Erde.

Wie die Versöhnung selbst geht Uwe Greßmann durch die Welt. Aus dem erlittenen Schmerz holt er nicht Aggression, sondern schöpft daraus die Kraft seines Mitleids. Dieses Mitleid gilt auch seiner leiblichen Mutter, die dem 33jährigen wiederentdeckten Sohn mit Selbstgerechtigkeit und Selbstmitleid begegnet. Unter den falschen Tönen ihrer Briefe sucht Greßmann die wahren:

Das Leben, das uns von Anfang getrennt hat, läßt uns nicht mehr zusammenkommen. Das ist das Ergebnis Deiner unglücklichen Liebe. Was mich dabei tröstet, ist der Umstand, daß ich ein Gegenstand Deiner Liebe bin; was mich betrübt, daß ich dies nun erst erkenne, nach 34 Jahren! meiner Geburt.

Doch Uwe Greßmann will die Mutter nicht sehen. Seinen Verlag hat er angewiesen, seine Adresse nicht herauszugeben. Er empfängt ihre Briefe „postlagernd“. Er will ihre Nähe in dem, was sie ihm schreibt:

von Deinem Antlitz gleichsam ein Schattenbild

Er schreibt ihr, daß er über die Frage, warum sie ihn verlassen habe, fast „wahnsinnig“ geworden sei, und sagt auch:

Es gibt nicht viele Menschen, denen ich in meiner Erinnerung solche Bedeutung einräume. Trotz der wenigen Tage, die ich Dich gesehen habe, bist Du mir ein Sinnbild, ohne das meine Dichtung um vieles ärmer wäre.

Aber naiv stellt sich das Sinnbild nicht her:

Rose bin ich;
Drehe mich um,
Sonne, zu dir,
Blühende.

Von deiner Wärme,
Deinem Treibhaus,
Träume ich,
Als stiege ich aus dem Bett Erdes

Was aber hält mich ab von dir
So tief in mir,
So tief?

Hätte ich nur
Augen, zu sehen,
Ohren, zu hören;
Kann es nur ahnen.

Aber ich fühle dich
Nahe,
Du.

„Was man über mich erzählt“, hört Heinz Czechowski den Außenseiter Greßmann sprechen, „stimmt nicht. Ich will keine Botschaften bringen, ich bin tatsächlich Bote.“ In seinem „Gedenkblatt für Uwe Greßmann“ aus dem Jahre 1978 geht Czechowski nun seinerseits zum sinnbildlichen Handeln über. „Aber lassen wir das Biographische“, läßt er seinen Greßmann sprechen, „haben Sie Kant gelesen? Hegel?“ Doch so, als habe sein Greßmann auf diese Frage keine Antwort erwartet, sagt der zu Czechowski:

Die dialektische Vernunft, von der ich ausgehe, gründet sich auf zwei Begriffe: Welt und Natur. Diese versuche ich in Übereinstimmung zu bringen, indem ich den Worten ihren alten Sinn zurückgebe.

Heinz Czechowski wird knapp zwei Jahrzehnte später in seinem Gedicht mit dem Titel „Greßmanns Mantel“ genau die Qualität jenes Dichters in seiner Beziehung zur DDR-Gesellschaft erfassen:

Er
Weht noch immer
Durch die Geschichte
Dieses vergangenen Lands:

So viele
Formulare nicht ausgefüllt
So viele Fragen
Nicht beantwortet.

Trauerarbeit
Die zu leisten
Gewesen wäre im Land
Der verlorenen Seelen.

Die vergessenen Jahre,
Aufgewärmt
Im Sud der Vergangenheit.

Allein
Greßmanns Mantel
Weht immer noch,
Darin er
Die Toten Seelen
Verbarg.

 

 

 

Uwe Greßmann hat noch miterlebt, wie mühsam die Vorbereitung seines zweiten Gedichtbandes im Mitteldeutschen Verlag verlief. Immerhin: Nun gehört er der Welt der Literatur an. Er hat miterlebt, wie ihn 1966 Adolf Endler und Karl Mickel in ihre Anthologie In diesem besseren Land aufgenommen haben. Das bessere ist es für ihn nicht. Aber fort wie 1964, als er nach Westberlin geschrieben hat, will er auch nicht mehr:

Ich trage mich seit längerem mit dem Gedanken auszuwandern, sehe aber kein Loch in der Mauer und wende mich daher an Sie mit der Frage: ob Ihnen wohl ein nach Westberlin führender Weg bekannt wäre? Grund meines Bedürfnisses auszuwandern, ist schriftstellerische Tätigkeit.

Richard Pietraß, selbst Lyriker und nach dem Tode Greßmanns Herausgeber zweier Bände von ihm, sagt:

Nach Erscheinen von Vogel Frühling schwebte Greßmann auf Wolken und suchte sich seine Partner nicht in der DDR, sondern in der Welt, schrieb an Nelly Sachs und Peter Weiss, an Max Frisch und Carl Friedrich von Weizsäcker. Trotzdem ging er beim Lyrik-Klub ein und aus.

Er suchte einen Verlag im Westen.
Unbeobachtet blieben Greßmanns literarische Fluchtversuche nicht. Lektor Martin Reso vom Mitteldeutschen Verlag schreibt seinem Autoren kurz vor dessen Tod:

In diesem Zusammenhang möchten wir Ihnen auch unsere Meinung zu den Gedichten „Reich des Todes“ sagen, die Sie uns mit der Bitte um Ablehnung zugestellt haben. Lassen Sie mich gleich etwas zu dieser Situation sagen, damit es zu keinen Mißdeutungen kommt. Wir halten das Ansinnen für nicht akzeptabel, da es letztlich darauf hinausgeht, mit Hilfe eines formalen Aktes eine Bestimmung unserer staatlichen, Organe (des Ministeriums für Kultur) zu umgehen, um dann etwas Nichtpublizierbares in Westdeutschland veröffentlichen zu können. Wir sind nicht bereit, derartige Manipulationen zu unterstützen…

Martin Reso rügt an den Gedichten die „mythisch-mystische Komponente, das Zusammentragen von ganz unterschiedlichen Ideologien und die naiv-wissende Sicht des Autors“, spricht von der „Möglichkeit zur Fehlinterpretation und zur offen-verdeckten ideologischen Aufweichung“, so daß es keine Chance zur Veröffentlichung dieser Lyrik gebe.

Deshalb sollten Sie von dem Plan, diese Gedichte der westdeutschen Zeitschrift Akzente zur Verfügung zu stellen, Abstand nehmen, da ganz sicher angenommen werden darf, daß Sie auf diesem Wege zum ,Vorkämpfer‘ des Antikommunismus, zum Gegner der DDR und zum Vertreter einer ideologie- und wertfreien Kunst manipuliert werden. Sie würden also sich selbst, vor allem aber unserer Republik und unserer gemeinsamen Sache schaden…

Als dieser Brief in der Gaillard-Straße 17, Hinterhaus, 3. Stock eintrifft, liegt der 36jährige Greßmann bereits seit Wochen im Hufelandkrankenhaus, Station 207a, in Berlin-Buch. Seit November 1968 hat Greßmann erstmals in seinem Leben eine menschenwürdige Wohnung, nur kann er sie nicht mehr benutzen: eine Küche mit Speisekammer, eine Innentoilette, ein Flur und ein zweifenstriges Zimmer mit Balkon und Blick auf den Friedhof, auf dem er kurze Zeit später beigesetzt werden sollte. Im Blickfang des Zimmers eine Reproduktion: Osiris wägt die Seelen der Abgestorbenen.
Uwe Greßmann bekommt nur wenig Besuch im Krankenhaus. Der Schriftsteller Jo Schulz fährt hinaus, um den Sterbenskranken davon zu unterrichten, daß ihm vom Schriftstellerverband eine Rente in Höhe von 300 Mark ausgesetzt worden sei. Sarah Kirsch besucht ihn und schreibt:

Ich habe zwei Kästen voller Karten, die wollen auch mal in die Welt. Mir ging es etwas schlecht, da fand ich alles beschissen und ließ Geschirr zu Boden fallen, aber nun geht es wieder, zumal ich ja immer freundlich sein muß wegen meines Kindes, das wird gleich traurig. Es lernt die Fortbewegung und hat 5 Zähne.

So wandern Bilder zu Uwe Greßmann von James Ensor bis zu Paul Klee. Auf eines, das die „Feuerprobe des heiligen Franziskus vor dem Sultan“ zeigt und von Fra Angelico da Fiesole aus dem 15. Jahrhundert stammt, geht Sarah Kirsch ein:

Lieber U. G. noch ein Genesungsbildchen, wo ein angenehmes Feuer im Gras wächst. Ich glaube, es ist immer hohl. Man sollte das Bild sich ansehen, ehe es verbrannt ist. Dichten Sie was? Ich übersetze und bin völlig verjambt…

Am 30. Oktober 1969 stirbt Uwe Greßmann. 1972 erscheint der zu Lebzeiten geplante Gedichtband Das Sonnenauto im Mitteldeutschen Verlag, dann 1978 Sagenhafte Geschöpfe und im selben Jahr ein von Richard Pietraß herausgegebener Band in der Lyrikreihe Poesiealbum. 1982 bringt Pietraß im Leipziger Reclam-Verlag unter dem Titel Uwe Greßmann – Lebenskünstler einen Materialienband mit einer Auswahl der bisher erschienenen Gedichte heraus – und Teile des Faust-Fragments, gegen dessen Veröffentlichung es Widerstände gibt. Franz Fühmann setzt sich ein und durch.
Hubert Witt, damals Lektor im Reclam-Verlag, sagt:

Was Greßmann geschrieben hat, war ungewohnt, außenseiterisch und verquer. Es war nicht das, was man unbedingt fördern wollte.

Richard Pietraß, der im Verlag Neues Leben drei Anläufe brauchte, um das Poesiealbum 126 mit Greßmann-Gedichten zu erreichen, und der mit seiner Mischung aus Materialien und Gedichten zum Thema Greßmann bei der Zeitschrift TEMPERAMENTE abgewiesen wurde, sagt:

Es war die falsche Traditionswahl. Ein Aussteiger konnte kein Vorbild sein. Es gab da ein tiefgreifendes Mißtrauen gegen Greßmann. Einer, der sich in sich selbst eingesponnen und von fast nichts gelebt hat, verstieß gegen die offiziellen Konzepte.

Aber die Sterne sind ja nur Teilchen
Und Staub im Leeren
Winken wir auch mit dem Staubtuch
Als wollten wir die Welt säubern
Da wir durch die Räume ziehn
Und in der Tür stehn
Sind wir auf Erden
Eines Fußbodens kühl
Ja ganz auf Abstand bedacht
Doch ist all das wirklich so weit
In diesem Raum?
Wie wäre es sonst möglich
Daß nun als Lampe Mond
Und Sonne brennt
Rund ist
Was in der Ferne uns noch schien
Ein Staub im Leeren
Dem wir schon mit dem Staubtuch winkten
Als wollten wir gleich säubern.

Ein solches Verhältnis von „Nähe und Ferne“ paßte nicht ins System. Auch nicht Greßmanns kosmische Brüderlichkeit, die sich in den altmodischen Dimensionen des Abendlandes bewegte und auf jene franziskanische Leidensgenossenschaft aller Dinge zielte. Andreas Koziol, Lyriker des Jahrgangs 1957, für den Greßmann fürs eigene Schreiben von Bedeutung war, urteilt:

Genau in der Periode des sogenannten Bitterfelder Wegs, gerade also zur Zeit jener auf höchster Politikebene veranlaßten Ausgrabungsexperimente mit den Fähigkeiten des sozialistischen Produktionsarbeiters zum staatstragenden Freizeitkünstler, sitzt – wenn man so will – unangefochten von der Doktrin der Kunst als Waffe, sitzt also vor den zwielichtigen Hintergründen der Ulbricht-Ära ein ungebetener Wortakrobat und arbeitet unbeirrt an der Erschaffung einer vollkommen aus der Art des ideologisierten Realismus geschlagenen Welt. Er hört souverän den Debattenlärm, der die Kulturjünger des Ländchens zu den neuesten 1:1 Verhältnissen zwischen Kunst und Willkür ruft, und bastelt unterdessen in höchster Konzentriertheit an einem Kosmos aus großangelegten Parabeln, die sich in gewissermaßen kaleidoskopisch aufreizendem Gleichmut um die Widersprüche und Verzerrungen des Lebens unter den Bedingungen des real existierenden Sozialismus drehen.

Thomas Rosenlöcher, Jahrgang 1947, hat seinen Greßmann so in Erinnerung:

Sein Vogel Frühling war grandios. Als ich das las, sagte ich mir, der weiß von den Märchen, schreibt doch ganz direkt. Er spielte mit den Verhältnissen. Recht hat er gehabt. Das Spiel war das Angemessene.

Gleichmut und Spiel: Das ist der Blick einer jüngeren Generation auf eine Bedrohung, die nicht mehr ihre war. Der idyllische Weitwinkel Uwe Greßmanns ist gewonnen aus seiner besonderen Lebensgefahr, aus einer permanenten Todesbedrohung, der die Entscheidung für das Leben, „die Schönheit auf Erden“, abgerungen ist. Uwe Greßmann liebt seine Schildbürger in den Schilda-Gedichten. Er liebt sie als Figuren, die dem 1597 erschienenen Lalebuch entwachsen sind, den „Wunderseltzsamen, abentheuerlichen, unerhörten und bißher unbeschriebenen Geschichten und Thaten der Lalen zu Laleburg“. Die Lalen, aus denen später die Schildbürger wurden, sind eigentlich weise Leute, die sich als Narren verstellen und die sich so den Fürstendiensten entziehen. In der Berliner Edition Mariannenpresse hat Andreas Koziol 1996 eine Auswahl von dreißig Gedichten aus dem nachgelassenen Schilda-Zyklus Uwe Greßmanns in einer Auflage von hundert Exemplaren mit Kaltnadelradierungen von Christine Schlegel veröffentlicht. Gedichte, die zeigen, daß alles, was von Greßmann zu DDR-Zeiten erschienen ist, nur Proben zu einem Werk sind, das noch entdeckt werden muß.

Da verstummte des Volkes Mund
Und dachte seiner Toten
Es kam nämlich ein Brief
Aus dem gelben Elend
Totenreichs und sprach zu Volksmund: Weil sie so gesungen haben Sie sind gestorben und dürfen nicht mehr im Leben stehen…

Das „gelbe Elend“ – das Zuchthaus in Bautzen, wo verschwand, wer sich dem SED-System nicht fügte oder in seiner Art auch nur suspekt erschien: Uwe Greßmann hat das mörderische Tollhaus DDR beschrieben und sich, der er als Volkes Mund durch seine Gedichte geht, Walther von der Vogelweide als Begleiter beigegeben.
Uwe Greßmann – Lebenskünstler – das Buch aus dem Jahre 1982 im Leipziger Reclam-Verlag wurde 1992 neu aufgelegt. Von den 4.000 Exemplaren wurden 800 verkauft. Der Rest wurde verramscht. Für seinen Vogel Frühling wächst hinter der Gaillardstraße vor Greßmanns Grabstein eine Konifere. Nicht mehr lange. Die Liegezeit von 25 Jahren ist abgelaufen. „Wir hätten das Grab schon abräumen müssen“, heißt es beim Friedhofsamt.

Aber wir warten noch. Vielleicht zahlt ja noch jemand die Verlängerungszeit.

Jürgen Serke, aus Jürgen Serke: Zu Hause im Exil. Dichter, die eigenmächtig blieben in der DDR, Piper Verlag, 1998

 

GEDICHT AUF EINE ZEICHNUNG HUSSELS
nach einem Gedicht Gressmanns

Wie weiße Kühe stehn die Stühle und
drehn sich ihre runden Rücken
zu.

Dazwischen, ebenfalls der Wiese
zugehörig, wächst ein Tisch, auf
dessen glatter Platte eine weiße
Taube, vergleichbar einer Henne
lagert.

Der Baum spricht französisch. „Qui, qui
plou, Madame?“

Dessen Blätter sind Büschel,
der Schritt etwas servil, und
die Schokolade in der Tasse mit den roten
Punkten serviert er ohne jeden Tadel.
„Qui, qui plou, Madame?“

Aber der Vogel aus dem Süden sitzt
in seinem Käfig, von dessen Baldachin ein
Silberglöckchen niederhängt. Dem Käfig
fehlen die Stäbe. Der Vogel
schaut nach Westen.

Dort, auf dem Hügel, steht noch
ein Stuhl.

Bernd Wagner

 

 

 

Und so empfingen [uns] Schildas Witze
Die Autoren Andreas Koziol und Richard Pietraß im Gespräch über Uwe Greßmann
(Kurzer Ausschnitt der Veranstaltung vom 18.4.2013 in der Galerie Pankow)
Moderation: Martin Jankowski (Berliner Literarische Aktion)

 

Fakten und Vermutungen  zum Autor + Archiv + Kalliope

 

Fakten und Vermutungen zum HerausgeberNachgeblätterte Zeiten +
Laudatio
Porträtgalerie: Autorenarchiv Susanne Schleyer +
deutsche FOTOTHEK
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Bild von Juliane Duda mit den Übermalungen von C.M.P. Schleime und den Texten von Andreas Koziol aus seinem Bestiarium Literaricum. Hier „Die A.koziol“.

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