Volker Braun: Wir und nicht sie

Braun-Wir und nicht sie

WIR UND NICHT SIE

Eins könnte mich trösten: wir haben das halbe
Land frei für den Frieden. Vor den verbrannten
Ufern der Länder, wo das Gras wächst
Liegt es, das seine Zeitungen loben und die Sprecher
Des Volks, mein Land, nicht mehr gefürchtet
Von seinen Bewohnern. Nach dem Jahrhundert
Des Granatenrechts, das wir brachen
Als die Städte brachen, müßt ich, da Freiheit
Bis heut von fern gefeiert war, ihr Lob stärker
Singen als jeder! aber sie tröstet mich nicht.
Denn wer alles auch sagt, uns kümmere nur
Dies eine, das wir schützen können: ich kenne
Nicht mein und dein vor diesen verletzlichen Ländern
Die kleineren Kriege, die beschreiblichen
Waren. Mich schert
Diese lockere Erde jeglicher Landschaft, die mein Gebein
Befliegen kann schichtweis. Und seis nur eine
Quadratmeile See unterm Raketenschiff:
Oder der Batzen Rhön, fern neben meiner Schulter
Das ist mein Land, das seh ich: und keine Welt
Tröstet mich. Ich versuche es ja, ich halte
Dies Ländchen im Auge, in meinen Händen
Als wenns mir gefiele, und was ihr macht, ich
Mach es, den Beton und den Pudding, ich fahr vom Kap
Zu den Kuppen, ich faste auf Festen, die mit Worten
Den Ruhm des Friedens mästen: es ist da um mich
Klein und lebendig, ich bin dort wie ihr
Mein bebautes Land, zufrieden, nicht schön
Das ein Trost ist, das verletzbare, friedliche
Frei vor den Ufern der Länder! aber es tröstet mich nicht.

 

 

 

Ohne Angst vor Hindernissen

 Nach Provokationen für mich und KriegsErklärung nun der dritte Band des Dichters Volker Braun: Wir und nicht sie – Umkehrung einer Zeile aus jener Ode Klopstocks, in der dieser das revolutionäre Frankreich dem zurückgebliebenen Deutschland gegenüberstellt. Der sozialistische Lyriker aus der DDR kann sich berufen auf fortschrittlich revolutionäre Veränderungen, die in seinem Lande erfolgt sind, schreibt denn auch „Eins könnte mich trösten: wir haben das halbe / Land frei für den Frieden…“, feiert die Freiheit im sozialistischen Staate, klagt an die Herrschaft des reaktionären Imperialismus in Westdeutschland.
Stets auf der Spur des Neuen, bezieht Braun Stellung und vermag es allemal, dieses Neue in eigenständiger Weise zu gestalten, seinen Lesern Haltungen zur Wirklichkeit vorzuführen. Er zeigt im Gedicht den Vollzug des Werdens und Fertigwerdens mit Vergangenheit und Gegenwart. Im Hinblick auf die Zukunft, verschweigt nicht die Schwierigkeiten am Wege, ohne etwa zu resignieren, alles andere als das, schwingt sich auf zu kraftvollem, optimistischem Handeln. Da lesen wir in dem Gedicht „Von Martschuks Leuten“, das den Prozeß des Kampfes mit der Natur beschreibt, die Verse „Zuerst ist nur Wald. Einzeln schlagen wir uns / Zum Fluß durch…“ und erfahren, wie sich bei der Arbeit einer im andern und dann schließlich sich selbst erkennt. Es gelingt Braun – wie so oft schon –, das Wesen der sozialistischen Arbeit, ihre Schönheit und Bedeutung für echtes Menschsein modellhaft zu gestalten, wobei er das „Ich“ und das „Wir“ immer stärker in den dialektischen Entwicklungsprozeß hineinstellt.
In Gedichten wie „Der Notstand“ und „Verständigung“ appelliert Braun an die demokratischen Kräfte Westdeutschlands, wachsam zu sein, nicht die Ohren hängen zu lassen und die Zungen, das Zahlbrett vom Kopf zu nehmen, weniger fern- als weit zu sehen, die Gesetze der Wölfe zu durchschauen und zu vereiteln, sich der Alleinvertretungsanmaßung entgegenzustellen.
In der Nachfolge Brechts vermittelt Volker Braun durch seine Gedichte Bewußtsein als Lebensgefühl, macht er fähig den Leser für die Zeit des Volks.

 Horst Buder, Neue Zeit, 15.4.1971

 

Weitere Beiträge zum Buch:

Heinrich Vormweg: Zuhören beim Reisstampfen
Süddeutsche Zeitung, 17./18.10.1970

Heidrun Loeper: Wir – als der Zukunft Gewißheit
Neues Deutschland, 11.11.1970

Peter W. Jansen: Das Stammeln der Utopie
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8.12.1970

Hans Richter: Fragt ihr uns oft genug?
Forum, Heft 24, 1970

Paul Kersten: Proben ohne Netz
Die Welt der Literatur, 13.5.1971

Menfred Jendryschik: Volker Brauns ‘Wir und nicht sie
Sonntag, 13.6.1971

Rulo Melchert: „Was glaub ich denn, wenn nicht an uns“
Neue Deutsche Literatur, Heft 7, 1971

 

VOLKER BRAUN

vorwärts ist vergessen
das ist kein holz
mehr im kamin
rotkopf ward
gefressen
die jäger
sind befreit
wolf schmatzt
von zeit zu zeit
die revolutionären
kinder die braven
schlafen
unterdessen

Peter Wawerzinek

 

In der Reihe Klassiker der Gegenwartslyrik sprach Volker Braun am 9.12.2013 in der Literaturwerkstatt Berlin mit Thomas Rosenlöcher.

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Bestiarium Literaricum-Der Volker Braun

 

Bestiarium der deutschen Literatur-Braun

 

Richard Pietraß: Dichterleben – Volker Braun

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