Volker Braun: Gegen die symmetrische Welt

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Volker Braun: Gegen die symmetrische Welt

Braun-Gegen die symmetrische Welt

ARMSTRONG ALDRIN COLLINS

Drei von uns, 1000m
Über dem Meer der Ruhe
Mensch 1 m/s
Erhabne Metapher
Allein ohne Gott und die Welt

Gelenkt
Zwischen die Krater, die Fleischfüße
Tappen an Land
Weiße Tiere
Betend betend betend
In ihren Kokons: Serien-
Kolumbus, programmiert wie ein deutscher
Kirchenchor

Und funken ihr Bild
Hernieder, wo wir uns erkennen
An den göttlichen
Klimmzügen, kleiner
Schritt für einen Menschen
, Schlußläufer
Des irdischen
Kampfs!

Und auf den Schirm schielen
Mit dröhnendem Magen
Hundefutter im Hals (20 %
Der Gesamtmenge), Harlems Halbmenschen
Geprügelt von härteren Fakten

Und an der Rampe die
Haderer, unter den Stöcken
Niedergeschlagen froh: Richtet den Blick
Auf die Erde!
das entdeckte
Dunkel.

Während die größern
Schlächterkollektive, zwischen
Den Schüssen blinzelnd in die Sterne
Land Land Land
Gleichmachen

Dem Mond. Wo die Überirdischen jetzt
Starten, zündendes
Wort! ungebunden
Der Schwere der Befehle
Schöpfer im Funkschatten:
Mit einem Schub von 1590 kg reißt sie das Triebwerk aus der anziehnden Küste
Nach sieben vollen Minuten auf den

Vorgeschriebenen Strich. Und hinab-
Fahrend zu der Erde
Abhang, aus heiterem Himmel heim-
Trudelnd in die engren
Kreise, wo zwei mal zwei
Drei ist für die Armen
In die wirre
Atmosphäre. (Ach lös dich

Letzte Stufe
Von den leergebrannten
Sätzen.) Fallen
An Riesenschirmen spielerisch
In den Ozean, genannt der Friedliche
In den Hirnen der bläuliche Planet himmel-
Schreind schön. So die Erde
Sehn, und die Menschen würden
Sie schützen.

 

 

 

Lyrik

Seit seinem ersten Auftreten als Lyriker gilt Volker Braun (Jahrgang 1939) in der DDR als Propagandist des Sozialismus, als – wenn auch gelegentlich aufmüpfiger – „Chronist und aktiver Wegbereiter seiner am Aufbau des Sozialismus beteiligten Generation“, wie es im offiziösen Leipziger Schriftsteller-Lexikon heisst. Sein Stil wird als jugendlich forciert und oft subjektiv übersteigert charakterisiert, als wechselnd zwischen satirischer Ueberspitzung, sachlicher Verfremdung und preisendem Pathos. Auch in Brauns 1970 erschienenem Band Wir und nicht sie finden sich noch reichlich Anklänge an die Vorbilder Majakowski, Enzensberger und Brecht in Gedichten, die Stolz und Selbstbewusstsein artikulieren, das Hohelied der Arbeit im Sozialismus singen, Fortschritte und Aufbauleistungen in der DDR preisen und der Ueberzeugung Ausdruck geben, „im bessern / Teil der Welt“ zu leben. Freilich hatte Braun schon in jenen Gedichten den oft bramarbasierenden, nassforschen Ton ein wenig gedämpft, seine Stimme überschlug sich nicht mehr so oft wie früher in einem Pathos, das, bei aller subjektiven Ehrlichkeit des Gefühls, doch oft genug angelesen und nachempfunden wirkte.
In seinem jüngsten Lyrikband Gegen die symmetrische Welt – der Titel spielt an auf ein Hölderlin-Zitat – hat Volker Braun Gedichte aus den Jahren 1969 bis 1973 gesammelt, die zwar auch keinen Zweifel daran lassen, dass der Dichter weiterhin sozialistischen Heilserwartungen anhängt und sicher ist, in einem Gesellschaftssystem zu leben, dem die Zukunft gehört. Nur fragt er jetzt mehr als früher nach der Gegenwart, sieht schärfer die Diskrepanz zwischen der Realität des Heute und den Versprechungen auf ein besseres Morgen: „All unsre Erfolge: nur Abschlagszahlungen / der Geschichte“, sagt er, ein Marx-Wort aufgreifend, und er beginnt sein Buch mit der programmatisch gemeinten Aussage:

Ich lösche die Losung von meinen Wänden
Steig aus den Parolen wie ein Dieb

Zwar versteht Braun das lyrische Ich seiner Verse wohl noch immer als ein stellvertretendes Ich, aber er dürfte wohl kaum so emphatisch, wie er es früher gewiss getan hätte, Hermann Kants Behauptung zustimmen, wer in der DDR zu schreiben beginne, gründe quasi einen volkseigenen Betrieb. Stärker als zuvor spricht Braun in seinen neuen Gedichten von individuellen, privaten Erfahrungen und Problemen, vom Ich und seinen Bedürfnissen, die nicht mit Parolen zu befriedigen sind, spricht vom „Leben zwischen Gier und Abscheu“ und mokiert sich darüber, dass der Mensch allein durch seine Arbeitsleistung definiert wird:

Mensch
Plus Leuna mal drei durch Arbeit
Gleich
Leben.

Auch bei Volker Braun ist eine neue Sensibilisierung zu konstatieren, wie sie sowohl bei der schreibenden (einst so genannten) „Neuen Linken“ im Westen als auch bei einer Reihe jüngerer DDR-Autoren festzustellen ist, die gemerkt haben, dass mit optimistischen Schlagworten allein niemandem geholfen ist.
Besang Braun früher in beinahe romantisch anmutender Manier Maschinen und Hochöfen, so ist jetzt, bei allem Stolz auf das Geleistete; doch auch von „Rauchfahnen“ und „verdreckter Gegend“ in der „Mitteldeutschen Ebene“ die Rede:

Ausgelöffelt die weichen Lager, zerhackt, verschüttet, zersiebt, das Unterste gekehrt nach oben und durchgewalkt, und entseelt und zerklüftet alles.

Beinahe nostalgisch anmutende, leicht wehmütige Gedanken gelten den einst noch unzerstörten Landschaften der Kindheit, und bei einem Text wie „Hans Georg Braun unter anderem“ scheint Brauns Generationsgenosse Wulf Kirsten mit seiner Naturdichtung Pate gestanden zu haben.
Ein Gedicht wie „Undiplomatische Aeusserung“ kann man möglicherweise als eine getarnte politische Attacke Brauns auf Missstände im eigenen Hause deuten, denn der Name Franco, der erst in der letzten Zeile auftaucht, wäre immerhin auch gegen andere Namen austauschbar. In anderen Texten jedoch, die wie Bekenntnisse zwischen die skeptischeren Gedichte eingestreut sind, lässt Braun keinen Zweifel an seiner Treue zum Sozialismus aufkommen, im „Revolutionslied“ etwa. Merkwürdig halbherzig dagegen mutet sein „Prag“-Gedicht an, wo er zwar der DDR-offiziellen Lesart über die Okkupation vom 21. August 1968 beipflichtet und von den Panzern schreibt, sie hätten die Stadt „Gerettet / womöglich, vor sich und der herstürzenden / Flut“; anderseits aber scheint ihm dabei nicht recht wohl zu sein, denn er schreibt:

So war es. Ich sage dafür nicht gut
Oder böse.

Dominierend ist in diesem Buch der Grundton fragender Skepsis: „Das kann nicht alles sein“, heisst es im Blick auf die erreichten materiellen Erfolge, auf die Pläne, Neuerungen und zu hoch hängenden Losungen:

Was erwarte ich noch von mir?

Es klingt eher bitter als aggressiv, wenn Volker Braun in den acht Stücken seines Gedichts „Kontinuität“ unter anderem sagt:

Während wir beinahe gekonnt
Um die Ecke biegen, erklären wir ruhig,
Dass wir die Richtung beibehalten.

Und:

Bei all den schönen Schritten nach vorn
Behaupten wir standhaft unsre Position.

Und:

Wir lernen dazu
Was wir immer gewusst haben.

Das Gedicht schliesst:

Und es wird sich daran nichts ändern
Bis eines schönen Jahrhunderts
Fragt mich nicht wie
Der Kommunismus ausgebrochen ist.

P. S.: Volker Braun hat wegen seines neuen Lyrikbandes Gegen die symmetrische Welt in der DDR, wo das Buch – allerdings um ein wesentliches Gedicht gekürzt – im Mitteldeutschen Verlag (Halle) erschienen ist, Schwierigkeiten bekommen. Die Gedichtsammlung wurde deswegen vorerst auch noch nicht an die Buchhandlungen ausgeliefert. Wie zu hören ist, verlangen einige einflussreiche Leute nach Sanktionen gegen den Autor, Vertreter offenbar nicht nur der symmetrischen, sondern der heilen Welt, die sich von einem Schriftsteller nicht irritieren lassen möchte. Möglicherweise beantworten sie Volker Braun noch auf ihre Weise die Frage, die er in den beiden letzten Zeilen seines Buches gestellt hat:

Und ich frage mich, ob ich zuviel nicht rede

Zuviel nicht rede für unsern Kopf und Kragen.

Jürgen P. Wallmann, Die Tat, 31.10.1975

Aber die Erwartung ist Groß

1.
In Volker Brauns frühen Gedichten lebt eine ungeheure Erwartung. Auch heute noch springt sie dem Leser aus Versen entgegen, die Proklamation und Bekenntnis sind, die sich so direkt und unverhohlen agitatorisch ans Publikum wenden wie folgende:

Unser Glück ist total; es läßt sich
nicht ausrechnen.
Unsre Vorsicht vor uns ist vergeblich:
wir sind maßlos.

(„An die reifere Jugend“)

Der Dichter des „Zyklus an die Jugend“ vertraute darauf, seine Leser mit Lebensgefühl und Selbstbewußtsein anzustecken. Sein „Wir“ gründete auf gemeinsame Aussichten. Die Adressaten von damals gibt es nicht mehr, die Generation ist älter geworden, der gleiche Ton trifft die nachfolgenden nicht. In „Die Leute von Hoywoy“, einem nachdenklichen Aufsatz aus den Notaten, merkt Braun selbst an, wie fremd in einer veränderten Landschaft sich die Gedichte heute ausnehmen. An jener ungeheuren Erwartung gemessen ist die der Gedichte von 1974 gemäßigt. Volker Braun legt mit Gegen die symmetrische Welt eine Sammlung vor, die das frühe Thema aufnimmt wie ein Leitmotiv und zugleich abrechnet. Das fordert zum Vergleich auf. „Allgemeine Erwartung“ heißt das große Gedicht, welches ausdrücklich mit dem Motiv arbeitet. Der darin immer wieder auftauchende Satz „Das kann nicht alles sein“ meldet Ungenügen an, und die lapidare Bilanz „Das meiste ist noch zu erwarten“ zeigt sich nicht befriedigt von Erreichtem, beansprucht aber die Zukunft mit Ungeduld. Wie nimmt sich die Unruhe dieser Erwartung aus neben der Zuversicht, aus der die ungeheure geflossen war? Was gilt die ernüchterte Geste, die nun „Losungen“, „Parolen“, „Verheißungen“ absagt („Freiwillige Aussage“), die vormals Zielangaben sein wollten? Wieviel vom Vorgefühl der Zukunft lebt in diesen Gedichten weiter?
Mit solchen Fragen ist man schon dabei, sich Rechenschaft über eine der poetischen Mitteilungen dieses Bandes zu geben. Er eröffnet die Sicht auf den geschichtlichen Standpunkt der Gegenwart, weil er Anliegen und Anschauungen der sechziger Jahre nicht einfach beiseite schiebt oder verwirft. Braun bricht nicht mit sich und seinen Erfahrungen, er verarbeitet sie. Gegen die symmetrische Welt ist durchzogen von Anspielungen, Selbstzitaten und Zitaten. Was in „Wir und nicht sie“ unter dem Kennwort „Bleibendes“ als Bestandsaufnahme begann, wird jetzt als Selbstkritik weitergeführt, in der wiederholten Auseinandersetzung mit Thema und Text dieses Gedichts.
„Bleibendes“ selbst war schon eine kritische Debatte mit dem früheren, noch ganz im Pathos der ungeheuren Erwartung gefaßten „Vorläufiges“. Es stellte sich Widersprüchen und widersprach selbst. Nur die Schlußverse waren so allgemein, daß man sie für Parole halten könnte, während sie doch Allgemeingültiges fassen wollten: sowohl die Metaphern vom „Kräftesammeln“ und „neuen Sprung“ als auch der unbestimmte Inhalt der Wir-Gemeinschaft, wenn vom „uns immer bleibenden Kampf“ und der „Zeit des Volkes“ die Rede ist. Das wird nun in den wörtlichen Anspielungen von „Freiwillige Aussage“ als Quelle einer Illusion kritisiert, die Unschärfe zwischen Wirklichem und Künftigem angegriffen. Die Zuversicht wird als Glauben an Verheißungen denunziert, und statt „dauernder Kampf“ heißt die tägliche Arbeit „rollende Woche“ oder „größere Mühe“. Ebenso beziehungsreich wird nach dem Bleibenden in „Die Aussicht von Sosa“ gefragt, mit deutlicher Polemik in den Versen „Der weite Winkel des Andenkens / nichts blieb…“ und dieser ungeduldigen Frage am Schluß, die man schon aus „Allgemeine Erwartung“ kennt. Kaum noch polemisch, aber dafür sehr ernst entgegnet die Sicht auf Bleibendes in „Hanß Georg Braun u.a.“.
Mittelbarer sind Bezug und Widerrede in „Unwirsche Auskunft“ und „Die Industrie“ vorgebracht. Beide demontieren idyllische und heroische Bilder von DDR-Geschichte, nicht die eigenen nur, sondern auch andere literarische und außerliterarische. Eine gleiche historische Kritik im Zitat bzw. Selbstzitat ließe sich auch an Gebrauch und Wertwandel der Land-Metapher nachweisen.
Im Ergebnis bekommt man mehr als einen Beleg für die Entwicklung eines Lyrikers. Braun zitiert und bedenkt Haltungen, die DDR-Geschichte sind. Der Zusammenhang seines Werkes, welcher in Gegen die symmetrische Welt fast ausschließlich aus dem Blickwinkel unnachsichtiger Urteile auftaucht, bezeugt unsere Geschichte und ist es wert, selbständig neben Brauns poetisches Urteil gestellt zu werden. Schließlich sind es keine halbfertigen, vorschnellen Gedanken, die da durch späteres Besserwissen korrigiert werden, ebenso wie die frühen Gedichte nicht unbeholfene Poesie sind. Sicher kann man „Provokation für mich“ heute entgegenhalten, daß die Perspektive zu kurz geriet, neuer Mensch und neue Beziehung allzu leicht erreichbar erschienen und die ganze leidige Vorgeschichte sich ausnahm, als bedürfe es nur eines Kraftaktes noch, um sie zu überwinden. Auch sieht man jetzt besser, daß das Ziel uneingeschränkter Selbstverwirklichung noch von fremden Idealen leiht und abstrakt ist angesichts des wirklichen geschichtlichen Weges. Trotzdem ist das Pathos der Gedichte weder komisch noch falsch geworden. Es dokumentiert das ganz eigene Vorgefühl jener Zeit, da das Ende der Übergangsperiode erreicht war. Der Sieg des Sozialismus in der DDR und seine Sicherung zu Beginn der sechziger Jahre machten zum ersten Mal die Sicht auf den Kommunismus konkret und anschaulich. Beispiele dieses hochgestimmten Selbstbewußtseins, das einen geschichtlichen Augenblick lang von den „Mühen der Ebenen“ absah, finden sich in der Literatur jener Zeit mehrfach. Eine ganze Anthologie entstammt dem gleichen Geist (In diesem besseren Lande). Sie alle sagen uns nichts Überholtes, wenn wir sie als eine Stufe von Gesellschaftsverständnis wichtig nehmen.
Gegen die symmetrische Welt organisiert die Selbstbegegnung des Dichters und damit die poetische Reflexion über den Standort der Gegenwart in der Geschichte. Das könnte kaum gelingen, wenn das Subjekt in Brauns Lyrik sich nicht selbst auch gleich bliebe. Das „Ich“ seiner Gedichte ist weder betrachtend noch durchdringt es die Dinge in tiefer Anschauung. Nicht Bildreichtum noch Qualität der Metaphern zeichnen es besonders aus. Dieses „Ich“ hat vorwiegend oratorische Eigenschaften. Es bezieht seine Aktivität aus dem Denken, man folgt stets einem Subjekt, das die Dinge denkend bewegt. An diesem Gestus hat Braun festgehalten, bei allen nötigen Entwicklungen. So wurde seine „arbeitende Subjektivität“ zu einer Persönlichkeit unserer Literatur. Ihre Bedeutung kommt aus der Schärfe eines Denkens, das Fragen stellt, die so noch nicht gestellt wurden und sich immer auf zentrale Anliegen unserer Gesellschaft richten. Sie wuchs mit der Leidenschaft, sich „der politischen Verantwortung“ der Poesie zu stellen. Entsprechend ist auch der Leser jedesmal an der Kommunikation beteiligt, er wird zu Meinungen gefordert und nicht mit Resultaten versehen.
Wie das Subjekt in Brauns Gedichten das Profil einer Persönlichkeit ausbildet, wird gut sichtbar, wo Bezüge zu den Großen der deutschen Lyrik hergestellt werden. Auch dies Thema ist nicht neu in Gegen die symmetrische Welt, aber es bringt neue Resultate. Auf Brecht gehen mehrere Gedichte ein. Sie verarbeiten diese Tradition nicht mehr im Sinne der Nachfolge. Mit „Der Lebenswandel Volker Brauns“ variiert Braun das Muster der „Ballade vom armen B. B.“, wenn er den Gleichklang der Titel sucht, rhythmische Nähe herstellt – mit dem ähnlichen Auftakt beider Gedichte etwa – und schließlich den Gedichtaufbau, fingierter Lebenslauf als Anlaß zu Selbstporträt und Bekenntnis, übernimmt. Zugleich wird auf die Diktion von „An die Nachgeborenen“ angespielt. Der Tonfall einzelner Verse („Ja ich kann von Glück reden, die Gemetzel sind fern.“), vor allem aber das Übertreiben der Bescheidenheit ((„Und was sage ich schon – (Was hab ich zu sagen?)“) und die Rechenschaft vor jedermann erinnern an das große Gedicht Brechts. Braun verarbeitet das Muster weder nachbildend noch parodierend. Er entlehnt vielmehr Gestus und Struktur, um auf eine Weise zu zitieren, die als solche wahrgenommen sein will. Das Zitat hat selbst mitteilende Funktion. Es setzt das „Ich“ aus Brauns Gedichten unbefangen neben das der Gedichte Brechts. Im „Revolutionslied“ dagegen ist das Zitat eingesetzt, um ein antithetisches Verhältnis zu schaffen.
Die strukturelle Übereinstimmung mit „Keiner oder alle“ erstreckt sich auf Strophengliederung, Reimschema und rhythmischen Effekt. Sie bewirkt, daß man Brauns Gedicht liest wie einen neuen Text zur alten Weise. Die Beziehung zu Brechts Gedicht ist polemisch. Sie kann, vorausgesetzt, man vollzieht die Projektion auf Brechts Text von 1934 nach, als geschichtlich bedingte Korrektur verstanden werden. Der Appell des Brecht/Eisler-Liedes an die Arbeiterklasse, die Macht in Initiative umzusetzen, wird neu gefaßt. Durch das Zitat stattet Braun seinen Appell mit einem Bewußtsein historischer Ungleichheit aus, das Gleichheit im Grundsätzlichen einschließt.
Der Gebrauch derselben Techniken: Zitat, Anspielung, Anklang, hat bei Brauns Umgang mit Hölderlin eine ganz andere Bedeutung. Der Titel des Bandes wurde aus dem Gedicht „An Friedrich Hölderlin“ genommen. Das bezeichnet schon die Teilnahme Brauns an Hölderlin. Silvia Schlenstedt nennt das Gedicht ein „Zwiegespräch mit Hölderlin“ und Heinz Czechowski „eine poetische Leistung im Sinne Hölderlins“. Beide drücken aus, daß Braun sich dem Gestus des anderen Poeten nähert wie einem alter ego. Die Situation des Miteinandersprechens im Gedicht leugnet den zeitlichen Abstand nicht, wie es etwa ein Porträtgedicht mit seiner vergleichsweise robusten Vergegenwärtigung täte. Braun nimmt den Einfluß der Sprache Hölderlins bereitwillig auf, aber er kontrastiert sie durch Elemente der zeitgenössischen politischen Sprache („Dein Eigentum auch, Bodenloser… / Ist volkseigen;… Dein Gott in Stahl gehüllt / Geht unter den Werktätigen:“), Im Vergleich dazu ist „Prag“ vom Ton des Hölderlin-Gedichts „Heidelberg“ so durchdrungen, daß unterschiedene Sprachebenen nicht entstehen. Dafür ist die verarbeitete Erfahrung aber auch so aktuell, daß es der ausdrücklichen Gebärde des Aneignens nicht bedarf. „Prag“ verschweigt nichts von dem Schmerz, welchen der wissend bewältigte Widerspruch hinterläßt. Bei den Gedichten gemeinsam ist das innige Verhältnis zu einem wahlverwandten Dichter. Sie nähern sich der Sprache Hölderlins, wie sie auch mit der inneren Spannung übereinstimmen, die jene zeugt. Denn ein gleiches, bis zur Zerreißprobe vorgetriebenes Konfliktbewußtsein zeichnet Braun auch in das Selbstporträt ein, das er „Morgendämmerung“ nennt:

Jeder Schritt, den ich noch tu,
reißt mich auf.

Bekannt ist, daß Braun im Verhältnis zu Goethe einen viel größeren Spielraum aufbaut. „Im Ilmtal“ spricht nicht mit dem Dichter der poetischen Vorlage. Es sucht die vertraute Situation von „An den Mond“ und wandelt sie ab. Das produktive Verhältnis zu seinem Gedicht bewegt nicht das zu Goethe.
Die Beispiele der Varianten zeigen, Volker Braun stellt seinen Platz gegenüber der Tradition selbstbewußt fest. Eine Souveränität gegenüber dem Erbe ist erreicht, die Polemik ebenso wie Nachahmung als jeweils einseitig hinter sich läßt. Da die geschichtliche Funktion der eigenen Poesie mit deutlicher Schärfe begriffen ist, können Epigonalität und Besserwisserei leicht abgetan werden.

2.
Die großen Worte gebühren nicht dem Dichter allein. Der Entwicklungsgrad des Sozialismus macht es möglich, unbefangener als zuvor die Geschichte zu befragen. Er macht es auch nötig, die Gegenwart an den schönen und unfertigen Entwürfen der Vergangenheit zu messen. Es muß aber auch einer genügend kritisches Verständnis der Gegenwart aufbringen und von der Verantwortung der Poesie überzeugt sein, um so unbestechlich zu messen, was erreicht worden ist, was noch aussteht und was sich als Illusion erwiesen hat. Mit diesem Anliegen setzt Braun selbst Maßstäbe für das Gewicht historischer Erfahrungen. Die ernüchterte, ja enttäuschte Haltung, von der viele Gedichte des ersten Teils sprechen, muß wohl als eine solche Erfahrung ernst genommen und nicht als falsches Verhalten getadelt werden. Darum kann nicht von Resignation die Rede sein, wenn der Rückblick auf die vergangenen Jahre wie auch einige Aussagen über weitere Aussichten einigermaßen bitter klingen. Dies war bislang bei Braun ungewohnt. Wenig Glück nur scheint noch verbürgt in den beiden Liebesgedichten („Du liegst so still“ und „Schwierige Forschung“), wenig Hoffnung erhalten in der Bilanz von „Freiwillige Aussage“ oder „Beschäftigung“. Aber der Band verharrt nicht dabei, die Probleme auszubreiten. In der Folge und im Zusammenspiel aller Gedichte werden sie doch verarbeitet, auf produktive Seiten hin befragt und akzeptiert.
Wie die meisten Gedichtbände der jüngsten Zeit will auch dieser als Werk zur Kenntnis genommen werden, einschließlich der Komposition. Diese aber spiegelt sich nicht in den eigenen Schmerzen, sondern entwickelt die Themen. Ungeduldig drückt das „Gleich / Leben, gleich! / Ich habe nur noch wenige Sommer“ („Die Industrie“) aus, wie die Differenz zwischen persönlichem Glücksverlangen und Ferne des Ziels als latenter Konflikt erlebt wird. Dabei stellt dieses Gedicht das Problem in den konkreten Raum eines Geschichtsabschnittes und begründet damit die bitteren Urteile und den elegischen Ton der anderen, die sich sonst leicht als „allgemeine Enttäuschung“ mißverstehen ließen. Braun versachlicht den Konflikt, indem er ihn als Frage seiner Generation zum Beispiel nach der fortdauernden Subordination des Persönlichen unter das Gesellschaftliche aufnimmt. Der Gedanke war zum ersten Mal in dem Gedicht „Schwellen“, da aber thesenhaft ausgesprochen worden. Fällig sei endlich, so in „Schwellen“, Widersprüche zu benennen, statt sie zu verklären. Abgelehnt wurde die Alternative von Einzelglück und Gemeinschaftswohl, widersprochen der Forderung, zugunsten der Zukunft in der Gegenwart zu entsagen. Wenn die gleichen Widersprüche nun als Faktoren in der Praxis beobachtet werden, fällt der Anschein der unversöhnlichen Gegensätze ab. Braun beginnt die Anspruchsproblematik so zu behandeln, daß sie sich verwandelt. In „Haltung einer Arbeiterin“ oder „Allgemeine Erwartung“ kommt er zu den ihr eigenen Inhalten. 

Besonders eindringlich beschreibt „Allgemeine Erwartung“ die Dynamik des unbefriedigten Anspruchs. Die eigenen, noch brachliegenden Fähigkeiten beunruhigen den Arbeiter, er drängt darauf, die Perspektive zu verwirklichen, die seine Arbeit herbeiführt. Sein fragendes „Das kann nicht alles sein“ fordert nichts von der Gesellschaft, was nicht für sie gefordert wäre. Sein Anspruch hat den sozialen Inhalt, Entwicklung voranzutreiben. Dem komplizierten gedanklichen Gefüge entspricht eine komplizierte Struktur. Der Ablauf eines anstrengenden Arbeitstages ist die Wirklichkeit, aus der die Gedanken der Arbeitergestalt entwickelt werden. Und das ist ein Vielfaches mehr, als der unmittelbare Arbeitsablauf ihm abverlangt. Das daraus erwachsende Gefühl, „Allgemeine Erwartung“ genannt, richtet sich nicht auf private, sondern auf gemeinsame Angelegenheiten. Der innere Monolog wird von einem „Ich“ gesprochen, dessen Bewußtsein durch seine Arbeit geformt ist, und der Autor bedient es mit den nötigen Worten. Nicht diesen Worten, sondern dem Vermögen der Gestalt entspringt die Energie, welche über die nahen Ziele der täglichen Planerfüllung hinauswill.
Braun verwendet hier eine Technik, die der Mitschnitt eines Bewußtseinsstroms zu sein scheint. Ungegliedert, unangeglichen begegnen sich verschiedene Sprachschichten, Gedanken, politische Leitworte, Kommentare des Autors. Bewußtsein soll so als Vorgang aufgeschlossen werden, die eindringende Darstellung Genauigkeit garantieren. Der soziale Inhalt Erfahrungswelt macht das Verfahren zweckmäßig: Eine Arbeitergestalt war zu gestalten, ohne die Unterschiede zur sozialen Situation des Dichters zu verwischen. Dieselbe Technik kann aber auch das Verständnis hindern. Wie alle Verfahren, die auf den Eindruck von Authentizität ausgehen, stellt der Text keine faßlichen Zusammenhänge heraus. Die Gefahr, daß der Leser bei der Einzelheit stranden und der antithetischen Gedichtführung nicht gewachsen sein könnte, war nicht auszuschließen bei einer Reihe der umfänglichen Gedichte aus „Wir und nicht sie“, sie ist auch nicht gebannt in den reihenden und argumentierenden Texten wie „Leichter, ungeheuer“ oder selbst „Die Industrie“.
Gedichte so vertrauter Genres wie Chronikballade oder Lied machen die Gedanken Brauns für mehr Leser zugänglich. Erzählende Gedichte wie „Haltung einer Arbeiterin“ oder „Aussage des ungarischen Ingenieurs vor der Konfliktkommission“ führen überzeugende Beispiele für produktive Reaktionen auf Widersprüche an. Besonders einleuchtend ist die Pointe im Bericht von der Weberin, die protestiert, indem sie verändert. Diese Gedichte gehören zu den vielen, die den Sozialismus als gemeinschaftliches Unternehmen vieler Nationen behandeln. Braun kann tatsächlich von sich sagen,· „An ein Land nur verschwend ich mich nicht länger“ („Der Lebenswandel des Volker Braun“), denn seine Gedichte verhalten sich zu diesem neuen Moment unserer Entwicklung eingreifend. Der bloß betrachtenden Haltung der Reiselyrik war dieses Niveau nicht erreichbar. Im Gegensatz zu ihrem verbreitet auftretenden Hang zum Exotismus – andere Länder und Menschen fungieren als Sinnbild schöner Ferne und verlorener Naturnähe – sind Brauns Gedichte konkret. Sie nehmen in allen sozialistischen Ländern die Menschen als soziale Wesen wahr. Fremd ist ihnen auch der allgemeine Appell, da sie mit den Menschen auch Konflikte auffinden.
Braun zeigt Integration als Prozeß im Alltag, zeigt, wie ihr Einfluß um sich greift und jeden betrifft. So beweist er ihre politische Bedeutung, statt sie zu postulieren. Wenn politische Lyrik bedeutet, politisches Denken und Handeln zu veranlassen, so sind seine Gedichte es. Veränderte, neue Verhaltensweisen werden so vorgeführt, daß man angeregt wird, sich selbst zu überprüfen, zum Beispiel auf Reste von Nationalismus. Neue Beziehungen werden demonstriert, daß man die Freude am erweiterten Horizont spürt. Diese Gedichte sind alle heiter. Sie sagen, die Praxis hat hier einen Vorsprung vor der Einsicht, den wahrzunehmen sich lohnt. Welch ein schöner Gedanke in „Gdańsk“, ein Stück zukünftiger Welt beginnt da, wo Heimat aufhört, ein Besitzverhältnis zu sein.
In seinem Gedicht „Karl Marx“ rühmt Braun den „Mangel an Illusionen“, in seinen politischen Gedichten verbreitet er ihn. Dies fördert einen Typ von operativem Gedicht, der polemisch, einseitig und zugespitzt agiert. Damit erweitert Braun seine bisher vorwiegend pathetische Diktion um eine satirische Variante. Beabsichtigt ist, jedermann herauszufordern durch eine unfertige, d.h. unfertige Äußerungen hinstellende Position. Titel wie „Unwirsche Auskunft“, „Undiplomatische Äußerung“, „Freiwillige Aussage“ künden eine Redeweise an, die den spontanen Ausdruck und alltägliche Gesprächsformen als Medium nimmt. Es sind Unmutslieder und Pamphlete, die sich meist ausdrücklich auf den bestimmten Anlaß beziehen. Ähnliche Strukturen, die den unmittelbaren Eindruck und die unsortierte Emotionalität der mündlichen Rede übermitteln sollen, werden in letzter Zeit auch bei anderen Lyrikern verarbeitet, so in der Betonung des Gelegentlichen und Unfeierlichen in Karl Mickels Eisenzeit.
Braun entscheidet sich für provokante Gedichte als Werkzeug einer operativen Absicht: Er kehrt damit, auch das ein Rückbezug, zu Teilen der Poetik der frühen sechziger Jahre zurück. Zugleich wandelt er die dort durchsichtiger und didaktisch angelegte Weise des Provozierens ab. Denn jetzt wird die Selbständigkeit des Lesers so ernst genommen, daß er auch nicht unmerklich auf eine wünschenswerte Lesart gelenkt wird. Der Autor geht das Risiko von Mißverständnissen ein. Angesichts des Literaturverständnisses, das sich in den letzten zwei Jahrzehnten bei uns entwickelt hat, muß das befremdlich wirken. Die Mißverständnisse werden also nicht ausbleiben, sobald nämlich die Gedichte als fertige Aussage genommen werden und nicht als Anreiz zur Debatte. Das betrifft nicht Braun allein. Es wird eine Zeit des Umlernens nötig sein, bis dergleichen Schwierigkeiten im Umgang mit der zeitgenössischen Literatur behoben sind. Am Dichter ist es nicht, die nüchterne Sicht zu beschönigen oder die Provokanz zu mildern, wenn sein „Mangel an Illusionen“ uns erschreckt, statt produktiv empfunden zu werden. Mit der Einseitigkeit und Angriffslust bringt Braun das Profil des politischen Gedichts entschieden voran.

3.
Ein Vergleich mit dem 1973 erschienenen Auswahlband Gedichte zeigt, daß Brauns poetische Sprache vielseitiger geworden ist. Dieser Sprache, die einer weit ausholenden, diskursiven Gedichtstruktur entstammt, ist der Lakonismus an sich fremd, nicht dort entfaltet sie ihre Stärke. Durch den Zwang zur Kürze, dem sie jetzt oft unterworfen wird, bekommt sie jedoch den gespannten, die Fülle der Gedanken und Gefühle zusammendrängenden Ausdruck, für den das Hölderlin-Gedicht Beispiel ist. In „Fröhliche Trauer“, dem Gedicht für Georg Maurer, wird die gedrängte Fülle mit einer Metaphorik erreicht, die das Oxymoron zum Grundmuster hat. Die antilogische Verbindung als Bauplan organisiert den gesamten Text. Das „Und meine Brust schreit vor Schmerz / Und, lacht…“ der Schlußverse wiederholt die Grundfigur der Rede. Das Gedicht erhält durch diese Verbindung des Widerstrebenden seine Unruhe, Vermittlerin eines Schmerzes, der nicht gestillt werden soll; einer emotionalen Erfahrung, die dauert.
Auch in „Letzter Aufenthalt auf Erden“ sind die Elemente unvermittelt und gegen die Ordnung der zeitlichen Folge gefügt. Der unheimliche Aufmarsch rings um das Haus Nerudas ist in der Schwebe zwischen Vision und realem Vorgang. Sprunghaft wechseln die Einzugsgebiete der Metaphorik, eine Bildschicht durchdringt die andere oder überlagert sie. („An seinen laubigen Zaun… / Klammern sich Kraken… / … hocken, schwitzend vor Dummheit / Die geheimen Schaben … /“ usw.) Die „Caprichos“ Goyas werden gegenwärtig, die Tiermenschen Daumiers. Der jähe Wechsel unausgeführter Vorstellungen schafft den visionären Raum, von dem sich die Gewißheit des Schlußsatzes um so klarer abhebt.
Insgesamt wird die emotionale Intensität der Vorstellung stärker als zuvor genutzt. Das ist nicht an Anschaulichkeit oder ausführliche Bilder gebunden, sondern geschieht hier durch plötzliche Eingriffe, Verstöße gegen den gewöhnlichen Ablauf der Wahrnehmung. Indem er die Grenze zwischen sinnlicher und vermittelter Realität ignoriert, erzwingt der Dichter die synthetische Aufnahme von Wissen und Fühlen. In „Tag und Nacht“, einem seiner Vietnam-Gedichte, benennt Braun Bewußtsein so:

… das wissend und auch
Fühlend.

Das Thema Vietnam erklärt wie kein anderes das politische Anliegen des poetischen Konzepts. Eine Chance der Poesie ist ihr Einfluß auf die Emotionen, durch ihn befördert sie parteiliche Anschauung der Welt.
Die gleiche Aufgabe erfüllt der imaginative Raum in all den Gedichten, die über das Verhältnis zur Geschichte aussagen. „Landwüst“ gewinnt seine Tiefe durch mehrfache Verwandlung der Landschaft, die Vision überlagert die sich dem Auge darbietende Ansicht. Das Spiel mit dem Doppelsinn der Worte („Natürlich bleibt nichts. / Nichts bleibt natürlich“), das Auftauchen des versunkenen Dorfs inmitten des gegenwärtigen, die sprechende Gebärde der Gegenstände, all das hebt eine unsichtbare Wirklichkeit ans Licht. Die bildlich-emotionale Qualität ist dem Gedankengang nichts Äußerliches. Der Gang durch das Dorf und auf den Hügel ruft die Geschichte hervor, die Gedanken berichtigen das sinnliche Bild, indem die in die Landschaft eingegrabenen Züge ihrer Vergangenheit sichtbar werden.
In „Hanß Georg Braun u.a.“ faßt Braun dieses Durchleuchten der Gegenwart auf ihre Vergangenheit in Worte, die wie Programm klingen:

Und sichre
Die Spuren in mir selbst, der
Ein andres Werk treibt, mit dem Schädel
Gegen den Strich der Zeit

Für die Leute in der Mühle des Lebens

Dieser Zugang zur Gegenwart ist nicht nur irgendein Thema der Literatur, es ist ihre Art, auf die Zukunft zu drängen. Braun begreift seine Erwartungen historisch, das heißt als die gemeinsamen in unserer Gesellschaft. Was sie erreicht hat, kann ihm deshalb nicht genügen, weil er sie als werdende sieht. Für ihre kommunistische Perspektive verwenden sich seine Gedichte mit leidenschaftlicher Bedenklichkeit.

Ursula Heukenkamp, Sinn und Form, Heft 4, Juli/August 1977

Gegen die symmetrische Welt

Der Titel des Lyrikbandes Gegen die symmetrische Welt, der zwischen 1969 und 1973 entstandene Gedichte enthält, bezieht sich auf eine Stelle in einem Brief Hölderlins an seinen Bruder aus dem Jahre 1799. Wie im Fall von Wir und nicht sie bezeugt also bereits das Titelblatt, wie sehr Brauns Bemühungen um Gegenwärtiges von einer Auseinandersetzung mit vergangenen Epochen der deutschen Geschichte geprägt sind, wie wesentlich die Vorstellung der Prozeßhaftigkeit ist. Trotz dieser unübersehbaren Gemeinsamkeit macht sich jedoch eine gewisse Akzentverschiebung bemerkbar: während Braun einst die Aussage Klopstocks im Bewußtsein des inzwischen Erreichten glaubte umkehren zu können, tritt er jetzt eher als Gesinnungsgenosse Hölderlins auf. In der betreffenden Briefstelle heißt es:

… die Besten unter den Deutschen meinen meist noch immer, wenn nur erst die Welt hübsch symmetrisch wäre, so wäre alles geschehen.

Es liegt auf der Hand, daß Braun, der sich seit jeher in der DDR für das Recht auf ,Ecken und Kanten‘ einsetzt, im schönen Satz seines Vorgängers eine noch aktuelle Einsicht erblicken müßte, und eben dieser Satz wird im Gedicht „An Friedrich Hölderlin“ zitiert:

Dein Eigentum auch, Bodenloser
Dein Asyl, das du bebautest
Mit schattenden Bäumen und Wein
Ist volkseigen;
Und deine Hoffnung, gesiedelt
Gegen die
symmetrische Welt!…

Es ist im Grunde dieselbe Stimmung, die in Wir und nicht sie vorherrscht: das Geleistete wird nicht heruntergespielt (der Boden ist volkseigen), doch es ,tröstet‘ den Dichter nicht. Gleichzeitig wird kein Zweifel daran gelassen, daß sich Hölderlins Traum von einer humanen Gemeinschaft, in welcher Menschenliebe mehr gelten sollte als Ordnungsliebe, verwirklichen wird:

… Brust an Brust weitet sich so, daß die aufsprengt diese
eiserne Scheu voreinander!…

Dieses Gedicht ist ein Beispiel dafür, wie ein produktives Verhältnis zum Kulturerbe aussehen sollte: jenseits höflich-musealen Interesses wird Hölderlins Denken und Schaffen nach heute noch Gültigem hin untersucht (das falsche Gefühl historischer Überlegenheit hat hier nichts zu suchen). Zu dieser Einstellung dem Erbe gegenüber gehört allerdings auch der Mut, das historisch Überholte im Werk der ,Olympier‘ ans Licht zu bringen, und das tut Braun auf überzeugende Weise im Gedicht „Im Ilmtal“, das an Goethes „An den Mond“ erinnert. Während Goethe beim Gang durch die schöne Landschaft sich nach verlorenem Liebes- bzw. Freundschaftsglück sehnt („… Selig, wer sich vor der Welt / Ohne Haß verschließt, / Einen Freund am Busen hält / Und mit dem genießt…“), beklagt Braun gerade seine ungewohnte Absonderung von der Welt. Der Grund für die Isolation („… Einmal lebte ich so, freudig / Mit den Genossen…“) bleibt unausgesprochen, und das private Glück reicht zur Beruhigung nicht hin:

… Nicht glücklich kann ich verschließen
Mich mit ihm vor der Welt…

An die Stelle der bürgerlichen Idylle tritt das Ideal einer sozialistischen Lebensweise:

… Zu den verstreuten, tätigen
Gefährten, wer es auch sei, muß ich kommen, und nie
Verlassen den großen Kreis

Und was ich beginne, mit ihnen
Bin ich erst ich
Und kann leben, und fühle wieder
Mich selber in meiner Brust.

Die beiden Gedichte „An Friedrich Hölderlin“ und „Im Ilmtal“ beleuchten zwei Pole des lyrischen Ichs in Gegen die symmetrische Welt: einerseits begegnet man dem Vorwärtsdrängenden, dessen Begeisterung sich von Illusionen freihält, andererseits trifft man auf einen zeitweilig Resignierten, der sich an Hindernissen wund stößt. Erst beide Aspekte zusammen ergeben ein Gesamtbild des lyrischen Ichs.
Die poetischen Erkundungen dieses Bandes werden – auch dies eine Ähnlichkeit mit Wir und nicht sie – von zwei wichtigen Gedichten gleichsam umrahmt, die das Andauern der Kämpfe und die qualitativ neue Stufe der Auseinandersetzung thematisieren. Im früheren „Lagebericht“ wurde die Propaganda-Schlacht der am Status quo Interessierten mit einer Vision der um sich greifenden Masseninitiative von unten kontrastiert. In „Freiwillige Aussage“ wird eine Suche nach der Realität hinter diesen „Lösungen“ und „Parolen“ angekündigt („… Auf der Straße ohne Vorsatz, mit bloßem Auge…“), und der Suchende ist diesmal als Individuum erkennbar:

… Ich schlage (mein Beruf) die Schalungen vom Beton
Von der Brust…

Statt die künftige Entwicklung vorwegzunehmen, richtet der Beobachter seinen Blick auf die Gegenwart, auf die alltäglichsten Dinge:

… Was bleibt? unter den Deckgebirgen
Der Verheißungen, kühl und wirklich das Leben
Die Mühe, die Lust, der kalte Kaffee…

Die Bilanz, die im Schlußgedicht „Der Lebenswandel Volker Brauns“ gezogen wird, fällt auch nicht so positiv aus wie diejenige in „Um sinnloses Wutvergießen zu vermeiden“. Die damalige Zuversicht des kollektiven „Wir“, die trotz aller zur Kenntnis genommenen Gefahren geäußert wurde, weicht jetzt der Unsicherheit eines durchaus verwundbaren Einzelnen:

… Für einen Augenblick im Dämmer seh ich meine
Schienbeine glänzen
Wie Totengebein, und ich liege abwesend von mir
Und ich frage mich, ob ich zuviel nicht rede

Zuviel nicht rede für unsern Kopf und Kragen.

Angesichts der vorherrschenden Stimmung in diesen ,Rahmengedichten‘ kommt man nicht umhin, danach zu fragen, inwiefern der charakteristische Aktivismus des Lyrikers Braun sich mit dem utopischen Hoffen sowie dem Anflug von Resignation in den in Gegen die symmetrische Welt gesammelten Versen vereinbaren ließe.
Die Bestimmung des neuen Standorts zwischen Utopie und Gegenwart ist eine zu schwere Aufgabe, als daß sie in einem Anlauf erledigt werden könnte: verschiedene Perspektiven sind dazu erforderlich. Das Gedicht „Karl Marx“ trägt z.B. zur Orientierung auf der Ebene der revolutionären Theorie bei. In drei Teilen wird angeblich ,objektiv‘ berichtet (die ironische Umkehrung muß vom Leser geleistet werden), was uns Marx abgenommen bzw. überlassen hätte. Nicht mehr nötig wären die „Mühe“ seiner „übermenschlichen Arbeiten“ und die grausame „Härte“ gegen sich selbst, seine Familie und seine Mitarbeiter. Vererbt hätte er uns allerdings eine Haltung, die im Laufe der Zeit immer unentbehrlicher werden müßte:

… Aber was hat er uns überlassen!
Welchen Mangel an Illusionen.
Welchen weltweiten Verlust
An sicheren Werten. Welche verbreitete
Unfähigkeit,
sich zu unterwerfen!
Und wie ausgeschlossen, unter uns
Nicht
an allem zu zweifeln. Seither
All unsre Erfolge:
nur Abschlagszahlungen
Der Geschichte. Dahin die Zeit
Sich nicht
hinzugeben an die Sache
Und wie unmöglich, nicht ans Ende zu gehn:
Und es nicht für den Anfang zu halten!

Entspräche dieses Bild tatsächlich der DDR-Wirklichkeit, dann würde zweifellos passieren, was Wolf Biermann einmal – in einem anderen Zusammenhang – prophezeit hat:

… Zu uns fliehn dann in Massen
Die Menschen, und gelassen
sind wir drauf vorbereit’…

Da die explosive Verquickung von Hingebung und Zweifel jedoch immer noch unerwünscht ist, muß agitiert werden, und das „Revolutionslied“ zeigt, was für eine Agitation vonnöten ist. Braun kämpft hier gegen die Gefahr der Verkleinbürgerlichung:

… Keine Laus im Fell mehr und kein Loch im Bauch
Die warme Stube auch –
Das kann nicht alles sein…

Die „Freie(n)“ – so werden die Genossen und Mitbürger angeredet – wären erst dann wirklich frei, wenn sie den künftigen Kurs selbst bestimmen könnten. Das Volkseigentum an den Produktionsmitteln ist nur der erste Schritt:

… Nicht die Fabriken nur: den Staat…

Die Wir-Form, in der die Weiterführung der Revolution in Richtung sozialistische Demokratie gefordert wird („… Es reicht uns noch nicht aus…“), wirkt wegen seiner Abstraktheit nicht ganz überzeugend; dafür kommt ein Schichtarbeiter in einem anderen Gedicht selbst zu Wort. In „Allgemeine Erwartung“ ist die Botschaft dieselbe (der Vers „Das kann nicht alles sein“ wird sogar sechsmal zitiert), doch diesmal lernt man die konkreten Bedingungen kennen, denen die Forderungen und Hoffnungen entspringen. Der Arbeiter, der „… in einer Halle / Die vor Hitze flirrt…“ laut denkt, ist ein Held, und zwar gerade deshalb, weil er keiner ist:

… Ich Selbstausbeuter, Hennecke, inoffizieller
Held der Arbeit, die eine Sache der Ehre ist
(Die Ventilatoren sind ausgefallen!)…

Bei aller Kritik möchte er das bisher Geleistete nicht bagatellisieren („… Schon das… / Ich hätte es nicht gedacht / Von mir und meinen bedenklichen Brüdern / In diesem besessenen Land…“), doch er wird das Gefühl nicht los, daß das erst der Anfang ist:

… Das meiste
Ist noch zu erwarten.

Diese Schlußfolgerung rührt nicht zuletzt von höchst persönlichen Überlegungen her: allmählich dämmert es dem Arbeiter, daß der Vorrang, welcher der Intensivierung der Produktion gegeben wird, unweigerlich zu einer ,Programmierung‘ aller Aspekte seines Lebens geführt hat:

… Und am Abend, nach diesem heißen Tag
Sehe ich ein
In etwas Hingestrecktes, mein Leben:
Eine beschlossene Sache…

Diese Vorstellung, daß die ,große Ordnung‘ funktioniert, während die Menschen kaum dazu kommen, nach dem Sinn ihres schnell vorbeifließenden Lebens zu fragen, taucht in Gegen die symmetrische Welt immer wieder auf und wird zum Drehpunkt des ganzen Bandes. Hierin liegt die ,Verpersönlichung‘ von Brauns Lyrik, die Haltung, „die sich nicht so forciert für eine Sache engagiert, sondern für die vielen Sachen, die zum Menschen gehören“.
Die schreibenden Männer in den westlichen Industrieländern haben dank der neuen Frauenbewegung der letzten Jahre gelernt, daß auch das Persönliche ,politisch‘, d.h. wichtig ist. Da es in Osteuropa keine solche Bewegung gibt, ist diese Erkenntnis dort keine Selbstverständlichkeit, und ihre Veranschaulichung in Volker Brauns kurzem Gedicht „Beratung“ ist deshalb um so beachtenswerter:

Zu den Seiten meines Tisches
Hängen zwei Bilder. Den Besucher
Setze ich so, daß er das Massaker von Guernica
Betrachten kann, und während er spricht
Sehe ich den Garten der Lüste.
Über den breiten Tisch
Schwankt das Gespräch.

Diese programmatischen Verse sollten allerdings nicht den Eindruck entstehen lassen, als ließe sich dieses Ideal des ,schwankenden‘ Gesprächs – geschweige denn des in jeder Hinsicht intensiven Lebens – mühelos realisieren. Im spielerischen Gedicht „Die Austern“ erfährt man z.B., daß das Kulinarische eine Kunst ist: die „Wolfs“ werden bewundert, weil sie so „gründlich“ fressen („… Das sind noch Menschen…“), während Braun „die nackten Tierchen“ erst mit Zitrone „betäuben“ muß, ehe er sie „mutlos“ schluckt. Am Ende kommt eine Einsicht, die man schwerlich in früheren Braun-Gedichten hätte finden können:

… So, sage ich nun, das

Leben zwischen Gier und Abscheu
Zergehen lassen auf der Zunge, ja.

Die schon immer gepriesene Dialektik wird nun auch auf das eigene Leben (nicht nur auf die gesellschaftliche Entwicklung) bezogen. Die neue Haltung könnte auch als „fröhliche Trauer“ (so der Titel eines dem verstorbenen Lyriker Georg Maurer gewidmeten Gedichts) bezeichnet werden. Das lyrische Ich, das jetzt eine unerhörte Verwundbarkeit an den Tag legt („Jeder Schritt, den ich noch tu, / reißt mich auf.“ – „Die Morgendämmerung“, sucht unaufhörlich nach dem Sinn des Lebens. Der Mann, der den „Schatz“ bei seiner Geliebten zu finden hofft, ist der Verzweiflung nahe, weil seine „plumpen Schritte“ nichts taugen:

… Wo ist der Gang
In diese Tiefe, der Blick woher
In dies versiegelte Feld?…

(„Schwierige Forschung“).

Das Schatz-Motiv kehrt in „Du liegst so still“ wieder, wo das nächtliche Grübeln zu einer Trennwand zwischen den Partnern wird:

Du liegt so still, in dich versenkt
Schatz, ungehoben, jede Nacht…

Der neue Hang zum Nachsinnen ist hier die Angelegenheit eines Individuums, doch in „Das Eigentliche“ macht Braun deutlich, daß er gegen einen kollektiven Verdrängungsmechanismus ankämpfen will, und die Wir-Form weist darauf hin, daß er sich als Mitverantwortlicher empfindet. Wie schon in „Freiwillige Aussage“ wird von der Scheinwelt der Propaganda Abschied genommen:

… In unsern Redensarten; Freunde
Kann der Sinn nicht ganz liegen…

Da Braun seine Leser zum Nachdenken bringen will, erklärt er nicht, was das „Eigentliche“ ist; man erfährt nur, daß es „mit vielem Getue“ umgebracht, „mit grämlichem Eifer“ zugeschüttet, „in aller Eile“ vergessen und „wie eine Freude“ gescheut wird. Gerade das Letzte, diese Scheu, deutet an, worauf Braun vielleicht hinauswill: das, was die Handwerker, Denker, Priester usw. erst zu Menschen macht, ist nicht das Wohl geordnete, Eingeplante, Glatte, sondern das Spontane, Unerwartete, Naive. Die allzu weit verbreitete Angst vor Innenschau und Selbsterkenntnis, die einst den Idealisten Hölderlin (und dessen Deutschlandbesucher Hyperion) vor Wut und Betrübtheit rasen ließ, zermürbt auch noch den nachgeborenen Materialisten Braun, der als Bürger eines sozialistischen Staates zumindest theoretisch ganz andere Zustände erwarten dürfte. Ein bedeutender Teil der Gedichte in Gegen die symmetrische Welt setzt sich mit einer zählebigen deutschen Hinterlassenschaft auseinander, die von den offiziellen Hütern des ,Kulturerbes‘ geflissentlich übersehen wird.
Vor einigen Jahren meinte die DDR-Kritikerin Sigrid Damm, Braun habe mit diesem Gedichtband „erst am Anfang einer dritten Schaffensphase“ gestanden. Hinzuzufügen wäre, daß er gleichzeitig frühere Schaffensphasen weiterführt. Dazu gehört z.B. das erschütternde Gedicht „Tag und Nacht“ in dem gefragt wird, wie der ,normale‘ DDR-Alltag angesichts der Greuel des Vietnam-Krieges weitergehen sollte:

… Und dieselbe bist du
Oder ich, das wissend und auch
fühlend…

(Vgl. „Elendsquartier“ in Wir und nicht sie.) Der Agitprop-Ton der „Kriegs-Erklärung“ klingt in „Armstrong, Aldrin, Collins“ an, und zwar in einer nicht gerade glücklichen Verbindung mit der Sprache der ,Kosmonauten-Gedichte‘ aus den frühen sechziger Jahren. Neben der Herausbildung der ,neuen Subjektivität‘ ist es aber vor allem der Internationalismus – wie schon in Wir und nicht sie – um den sich Braun bemüht. In „Der Lebenswandel Volker Brauns“ heißt es dazu:

… Was soll die Versessenheit?
An ein Land nur verschwend ich mich länger nicht…

Diese Einstellung paßt ohne weiteres zum oben skizzierten Bild des ,suchenden Subjekts‘, doch es fällt ein anderer Satz, der einen nur befremden könnte:

Als wir eines Tages wußten
Daß das Wichtigste getan war
In unserem Land
Kamen wir uns auf einmal seltsam
Allein vor…

(„Der geflügelte Satz“)

Es ist kaum zu fassen, aber diese Verse stammen vom selben Dichter, der sich zu beißender Kritik verpflichtet fühlt:

… Eingezwängt Hals Knochen Schwanz
In den Apparat.
Bestochen von Bajonetten und schönen
Worten, die jeder wechseln muß
An Denken gar nicht zu denken…
(„Unwirsche Auskunft“)

Durch Gegen die symmetrische Welt geht ein tiefer Riß, der den Genuß der gelungenen Gedichte – vor allem der ersten zwei Teile – im nachhinein relativiert. Jenseits von Zweifel und Analyse wird die sozialistische ökonomische Integration in den RGW-Ländern zum leuchtenden Wegweiser in die Zukunft erhoben. Mittels Humor und Ironie werden die grundlegenden Schwierigkeiten in heitere Mißverständnisse verwandelt (vgl. „Aussage des ungarischen Ingenieurs Lajos K. vor der Konfliktkommission“), und Braun ist sogar nahe daran, die osteuropäische Landschaft als eine regelrechte Märchenwelt darzustellen:

Thrakien, welch Blühn. Die kleinen Bäume
Starren vor roten Apfeln. Der Wein
Mit seinen vielfaltigen Brüstchen, hängt
Vor dem Mund in den Lauben…
(„In aller Freundschaft“).

Um die Annäherung durch wirtschaftliche Zusammenarbeit nicht zu technokratisch-abstrakt erscheinen zu lassen, muß auch eine schöne Liebesgeschichte her: die leidenschaftliche Zuneigung des DDR-Deutschen Roland zur Polin Jana überwindet alle Hindernisse, und auf der Hochzeit ist man sich einig:

… zwei Länder geben mehr
An Spaß her als nur eins, nach so schwieriger
Verbindung.

(„Annäherung“)

In „Leichter, ungeheurer“, einem überlangen Gedicht im Majakowski-Stil, wird zwar Kritisches zu diesem Thema vorgebracht („… Da kann ich mich einpacken / oder die Frau / In brüderliche Entschlüsse / wenn ich nicht rede…“), doch man übersieht es fast inmitten des lyrischen Dickichts. Das rätselhafte Wesen des Braunschen Zwiespalts läßt sich nicht so leicht erhellen, doch der Vergleich von zwei poetischen ,Städtebildern‘ verschafft einem zumindest ein paar Aufschlüsse darüber. Das schöne ,Gdańsk‘ („Meine mögliche Heimat…“) wird nicht nur als „koloriertes Märchen“, sondern auch als ehemaliger Kriegsschauplatz erlebt:

… Wand um Wand stürzt die
Stadt in die Geschichte…

In künftigen Jahren, nachdem die Konflikte zwischen Polen und Deutschen längst vergessen wären, würde die wiederaufgebaute Schönheit der Stadt alle Menschen erfreuen:

… Jedem gehörig
Ihr Glanz…

Solch utopische Zustände können heraufbeschworen werden, weil keine tagespolitischen Unannehmlichkeiten im Wege stehen (man schreibt das Jahr 1973). Anders im Gedicht „Prag“: hier wird so sehr laviert, daß der Leser weder ein Bild der ,goldenen Stadt‘ noch eine eindeutige Stellungnahme zu den Ereignissen des Jahres 1968 bekommt. Die Schrecken werden zwar nicht verschwiegen („… Die Eingebornen wie / Wachsfiguren, blicken / Aus der Wäsche, bleich, auf / Bajonette…“), doch es bleibt unklar, inwiefern sie für den Besucher tatsächlich welche sind:

… So liegt die Stadt
Sicher, darnieder, gerettet
Womöglich, vor sich und der herstürzenden
Flut … Die leisen Frauen
Wen nähren die Brüste noch: freie Knechte
Oder Freie?

Die Verwendung von moralischen Kategorien („So war es. Ich sage dafür nicht gut / Oder böse…“) verschleiert die Notwendigkeit einer politischen Beurteilung von politischen Vorgängen. Man muß leider feststellen, daß Braun trotz seiner Hölderlin-Bewunderung manchmal (unbewußt?) noch zur Verfestigung einer symmetrischen Welt beiträgt. Vgl. dazu das Selbstporträt des Schwankenden:

Mit gemischten Gefühlen harre ich meiner Entschlüsse
(„Der Lebenswandel Volker Brauns“)

Als Gegen die symmetrische Welt 1974 erschien, meinte der Lyriker und Kritiker Yaak Karsunke, Brauns „dialektische Betrachtungsweise“ finde „ihre sprachliche Entsprechung in einer sehr komplexen Bauart der Gedichte, einer äußerst verschränkten Montage“; anders als in Wir und nicht sie führe der neue Band „die komplizierte Technik“ jedoch „in oft schon fast täuschender Einfachheit vor“. Es stimmt schon, daß Braun seine poetische Technik viel sicherer handhabt als im vorigen Band (was nicht zuletzt mit der Themenwahl zusammenhängt), doch die wachsende Virtuosität geht nicht unbedingt mit einer Erleichterung der Leser-Arbeit einher. Die Auseinandersetzung mit den z.T. schwer zugänglichen hymnischen Dichtungen Hölderlins eröffnet neue Perspektiven, fordert aber nicht unbedingt deren Vermittlung. Hinzu kommt, daß die früher intensive Rezeption der Brechtschen Lyrik (außer in den Kurzgedichten „Bauarbeit“, „Beschäftigung“ und „Beratung“, im „Revolutionslied“ oder in „Der Lebenswandel Volker Brauns“) in diesem Band kaum zu Buch schlägt. Die Gefahr einer Hinwendung zum Dialog mit der Elite der sozialistischen Leserschaft ist durchaus da.

Jay Rosellini, aus Jay Rosellini: Volker Braun, Verlag C.H. Beck & Verlag edition text + kritik, 1983

Politische Poesie als Vorgang zwischen Menschen

– Zur Rezeption des Gedichtbandes Gegen die symmetrische Welt. –

Die Jahre, in denen Volker Braun die Gedichte schrieb, die 1974 in dem Band Gegen die symmetrische Welt1 gesammelt vorgelegt wurden, waren für den Autor zugleich Jahre intensiven theoretischen Nachdenkens über die Aufgaben und Möglichkeiten der Poesie in der sozialistischen Gesellschaft. Das bewußte Herausarbeiten weltanschaulich-poetologischer Positionen und poetische Arbeit in allen drei Gattungen waren und sind bis heute bei ihm wie bei kaum einem anderen Dichter der DDR untrennbar verbunden. Braun versteht sich als politischer Dichter, sein theoretisches wie praktisch-poetisches Interesse gilt dem Zusammenhang von Politik und Poesie: 

Die Politik durchdringt das ganze Leben der Gesellschaft im Sozialismus, zieht jeden Bürger in sich, oder vielmehr jeder zieht sie aus sich. Sie bekommt eine andere, ungewohnt universalere Form. Sie ist nicht mehr der Kampf zweier Klassen […], jetzt geht es um die Ausübung der Macht durch die Arbeiterklasse und ihre Verbündeten. Das heißt: um den ganzen Reichtum der möglichen Beziehungen, in die sich die vielen setzen.2

Der Kampf „um den ganzen Reichtum der möglichen Beziehungen“ im Sozialismus als Aufgabe der Literatur – dies war eines der beiden bestimmenden Momente des Konzepts politischer Poesie, das Braun am Beginn der siebziger Jahre entwickelte. Das zweite Moment rückte er in einen unmittelbaren Zusammenhang zum ersten, wenn er betonte:

Eben weil, was die Poesie ausspricht, die empfundenen Beziehungen des Menschen, das Leid und die Lust, nicht durch sie ausgeräumt oder produziert werden kann, muß sie ,nach draußen‘ wirken, aus sich heraus, daß die vielen das praktisch bewältigen. Das ist das politische Wesen der Poesie.3

Sie sei – so der Autor in seinem programmatischen Aufsatz „Wie Poesie?“ von 1970 – in ihrem politischen Wesen ein „Vorgang zwischen Leuten“. Innerhalb eines solchen Verständnisses fungierte das Gedicht für ihn als „Notierung“, es ist an sich noch nicht Poesie: 

[…] Poesie setzt eine Beziehung zwischen Schreiber und Leser (Sprecher und Angesprochenem) voraus, die der Text ermöglicht. Jeder Text wird erst begreiflich, wenn er Vorgang zwischen Menschen wird, in dem sich sein linguistischer Inhalt als Bedeutung realisiert: also der Angesprochene erfährt, worauf der Sprecher hinaus will bei ihm und derart und jetzt.4

Die drei Zitate aus theoretischen Arbeiten Brauns vom Beginn der siebziger Jahre sind nicht grundlos an den Anfang dieses Beitrages über den Gedichtband Gegen die symmetrische Welt und seine Rezeptionsgeschichte gesetzt. Erweist sich doch der programmatisch formulierte Anspruch auf eine breite öffentliche Wirksamkeit politischer Poesie als Maßstab, der auch in das eigene Werk und seine Aufnahme in der literarischen Öffentlichkeit anzulegen ist. Eine umfassende und kontroverse Diskussion um Brauns Gedichtband hat es – im Vergleich zu anderen Beispielen, die in unserem Band untersucht werden –5 nicht gegeben. Die öffentliche Aufnahme geschah eher unauffällig, zurückhaltend, so daß von einer Diskrepanz zwischen dem so nachdrücklich formulierten Wirkungsanspruch und der tatsächlichen Aufnahme gesprochen werden muß. Von hier aus erwächst auch das Interesse an Brauns Band im Kontext unserer allgemeinen Fragestellung: Wie realisiert Braun sein Konzept von der Funktion politischer Poesie? Wie schreibt der Autor seine Vorstellungen von öffentlicher Wirksamkeit in die Gedichte ein? Wie stellt er die Adressatenbeziehung im Text her? Darüber hinaus kann an der Rezeptionsgeschichte des Gedichtbandes wenigstens andeutungsweise darauf verwiesen werden, wie weit gefächert Wirkungsbereiche von Literatur sein können. Geht man davon aus, daß heutzutage bei uns Lyrik im Vergleich zu Prosa und Dramatik ohnehin die Gattung mit der geringsten Publizität ist, so können Brauns Gedichte schon Erstaunliches für sich verbuchen: Immerhin erschien der Band bereits 1980 in einer vierten Auflage, die – ebenso wie die vorausgegangenen – schnell vergriffen war. Schon 1972 war im Reclam-Verlag eine chronologische Auswahl Braunscher Lyrik erschienen, die bereits einen großen Teil jener Gedichte enthielt, die zwei Jahre später in der Symmetrischen Welt in anderer Anordnung präsentiert wurden.6 So erklärt sich auch, daß bereits vor dem Erscheinen des Bandes eine intensive literaturwissenschaftliche Beschäftigung mit Brauns neuen Gedichten stattfand, die sich nach 1974 fortsetzte und bis in die Gegenwart anhält. Dies geschah auf unterschiedlichen Ebenen: Zum einen wurden häufig einzelne Gedichte unter ausgewählten thematischen Gesichtspunkten für die Untersuchung der Entwicklung der DDR-Literatur herangezogen, so, wenn es um die Gestaltung der Arbeiterklasse in der Literatur oder um Traditionsbeziehungen ging.7 Zum anderen war Braun als Lyriker mit einem ausgeprägten poetologischen Interesse stets in der – über die Literaturwissenschaft hinausgehenden – öffentlichen Diskussion um die Funktion der Literatur in der entwickelten sozialistischen Gesellschaft, wie sie seit dem VIII. Parteitag und dem 5. Plenum 1972 verstärkt geführt wurde. In einer Reihe literaturwissenschaftlicher Arbeiten fungierte er mit seinen Texten aus den sechziger und siebziger Jahren als eine Art „Vorzeigefigur“ im Sinne eines Beispiels für charakteristische Positionen innerhalb der neueren Literatur der DDR.8 Dabei ging es nur selten um einzelne Gedichte aus der Symmetrischen Welt oder anderen Bänden, sondern vor allem um Brauns poetologisches Konzept, um seine Haltung als sozialistischer Poet in den Kämpfen dieser Zeit. Die Tatsache, daß er wiederholt zum exemplarischen Bezugspunkt für literaturwissenschaftliche Überlegungen wurde, ist nicht allein aus den erwähnten theoretischen Implikationen seiner Poesie heraus zu begründen. Vielmehr steckt dahinter ein Phänomen, das für die siebziger Jahre charakteristisch ist: die Parallelität gesellschaftswissenschaftlichen und künstlerischen Nachdenkens über den erreichten Stand der gesellschaftlichen Entwicklung und ihre Bewegungsrichtung.9
Wirkung erzielte der Band auch auf anderen Ebenen: Verschiedene Autoren setzten sich, zum Teil polemisch, zu Texten bzw. Haltungen in Beziehung; Komponisten vertonten Gedichte; das Berliner Ensemble gestaltete zwei Volker-Braun-Abende, unter anderem mit Gedichten aus diesem Band.
Schließlich ist zu verweisen auf die internationale Resonanz, die der Band erfahren hat. Volker Brauns Lyrik hat an dem Ansehen, das sich DDR-Literatur im Ausland seit den siebziger Jahren zunehmend erworben hat, einen beträchtlichen Anteil. Das ist um so bemerkenswerter, als sich die Kenntnis unserer Literatur, insbesondere in den Ländern, in denen sie in Übersetzungen erscheint, vorrangig auf Prosatexte bezieht. Die germanistische Literaturwissenschaft des Auslands und der BRD hat Brauns Band Gegen die symmetrische Welt immer wieder herangezogen, wenn es um die Charakteristik der DDR-Literatur der siebziger Jahre ging. In einem war man sich einig: Brauns Band fungierte als „symptomatisches Buch“10 innerhalb eines neuen Entwicklungsabschnitts unserer Literatur. Daß mit einer solchen Einschätzung unterschiedliche Deutungen verbunden sind, wird später zu beschreiben sein.
Kommen wir zunächst zurück zu der Hauptfrage, der unsere Untersuchung des Gedichtbandes und seiner Aufnahme in der literarischen Öffentlichkeit gilt: Wie der Autor seine Wirkungsintention, seine Vorstellung von einer breiten öffentlichen Wirksamkeit politischer Lyrik in den Gedichten anzulegen sucht.
Bereits im Eröffnungsgedicht des Bandes, „Freiwillige Aussage“, ist als charakteristisches Moment erkennbar: ein Gestus der Unruhe und Ungeduld, mit dem nach dem Befinden der Menschen in einem konkreten gesellschaftlichen Entwicklungsstadium – der Phase der weiteren Gestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft – gefragt wird: Das lyrische Ich, das in der ersten Strophe kraftvoll ins Bild tritt, wird in seinem hartnäckigen Fragen unversehens zum „Wir“: 

Ich lösche die Losung von meinen Wänden
Steig aus den Parolen wie ein Dieb
Auf der Straße ohne Vorsatz, mit bloßem Auge.

Was ist denn mit uns? was bleibt
Von der rollenden Woche, was wird, unter uns
Von den Plänen, Plenen und Konstruktionen?
(S. 7) 

Dieser selbstverständliche Übergang von einem Sprecher-Ich zum lyrischen Wir, der sich auch in anderen Gedichten des Bandes findet, ist eines jener poetischen Mittel, die der Autor bewußt einsetzt, um über die Struktur des Textes eine Beziehung zum Leser zu stiften. Dieser wird auf verschiedene Weise herangezogen: über zahlreiche Fragen, die seinen unmittelbaren Erfahrungshorizont betreffen; über lyrische Strukturen und rhythmische Formen, die herkömmliche Denkmodelle in Bewegung geraten lassen; über eine Diskussionsstruktur der Texte, in der These und Antithese durchgespielt werden; über sprachliche Mittel, die bewußt mit Elementen der Alltagssprache arbeiten. Der lyrische Sprecher – so unterschiedlich er in den einzelnen Texten des Bandes angelegt ist – gibt sich stets als einer von vielen zu erkennen, ist jedoch zugleich eine exemplarische Gestalt.
Die Gemeinsamkeit von lyrischer Sprecherfigur und vorausgesetztem Leser wird im Eröffnungsgedicht auf der Grundlage eines gemeinsamen Interesses an den alltäglichen Begebenheiten des Lebens gestiftet. Im Verlauf des Bandes werden zunehmend größere politische und philosophische Dimensionen aufgetan. Alle Gedichte sind im Sinne des Autors poetische Gebilde, deren eigentliche Funktion sich erst in einer tatsächlich hergestellten Beziehung zum Leser verwirklicht. Erstaunlich ist, mit welcher Selbstverständlichkeit die einzelnen Gedichte auf die Überzeugung gebaut sind, daß dieses Prinzip in der Rezeption tatsächlich funktioniert. Wo nahm der Autor dieses Selbstbewußtsein her? 

Erfahrungen der sechziger Jahre
Braun hatte als junger Poet einer neuen Lyrikergeneration der DDR Anfang der sechziger Jahre erlebt, welch immenses Interesse Gedichte in einer großen Öffentlichkeit finden können. Ende 1962 stellte Stephan Hermlin auf einem Lyrikabend in der Akademie der Künste damals noch wenig bekannte Autoren wie Volker Braun, Karl Mickel, Sarah und Rainer Kirsch, Heinz Czechowski und andere vor. Diese Veranstaltung galt im nachhinein als der Beginn jener „Lyrikwelle“, die sich in den folgenden Jahren ausweitete. In vielen Städten traten die jungen Dichter gemeinsam auf und fanden große Resonanz. Volker Braun erwies sich innerhalb dieser Gruppe als herausragendes Talent. Er erschien – so Heinz Czechowski – „zu Beginn seiner Laufbahn in der öffentlichen Resonanz wie ein Stern auf einsamer Höhe“.11 Der Versuch, über Gedichte neuartige Beziehungen zum Publikum herzustellen, war für Braun und seine Lyriker-Kollegen erfolgreich. Dabei fanden sie auf ihren Lesungen und anläßlich der publizierten Texte keineswegs ausschließlich Zuspruch und Ermunterung. Es gab auch Streit und heftige Kritik, ja Empörung – vor allem über den Ton, den selbstbewußten Gestus der Gedichte sowie über den Anspruch, mit dem die jungen Autoren auftraten. Volker Brauns Gedichte „Jazz“ und „Kommt uns nicht mit Fertigem“ z.B. standen im Mittelpunkt solcher Diskussionen. Letzteres kann bis heute als exemplarisch für die Haltung jener neuen Lyrikergeneration und ihrer Wendung an eine breite Öffentlichkeit gelten. Bereits einige wenige Verse lassen das erkennen: 

Kommt uns nicht mit Fertigem! Wir brauchen Halbfabrikate!
Weg mit dem faden Braten – her mit dem Wald und dem Messer!
Hier herrscht das Experiment und keine steife Routine.
Hier schreit eure Wünsche aus: Empfang beim Leben.
[…]
Hier wird täglich das alte Leben abgeblasen.
12

Solche Töne waren neu. Das sich lauthals aussprechende lyrische Wir vieler Gedichte war nicht nur ein Kunstgriff, um die Texte prononciert an ein Kollektiv von Rezipienten zu adressieren, sondern vereinnahmte zugleich in suggestiver Weise die Lebenserfahrungen dieser Adressaten, setzte bestimmte Lebenshaltungen als gegeben bzw. als überholt voraus. Rückblickend führte der Lyriker Günter Deicke 1970 diese ungewohnte Haltung seiner jüngeren Kollegen auf eine generationsbedingt unterschiedliche Sicht auf den erreichten gesellschaftlichen Entwicklungsstand zurück: 

Volker Braun und seine Altersgenossen wuchsen bereits in dieser Welt auf – und wo wir uns noch vornehmlich mit der Vergangenheit auseinandersetzen, fanden sie in dieser ihrer Gegenwart bereits ihre Reibungsflächen, entdeckten, wo wir Fortschritt sahen, schon Unvollkommenheiten, sie griffen ein, stritten sich mit ihresgleichen und Gleichgesinnten und demonstrierten in der Praxis, was wir erst mühsam theoretisch begreifen mußten: die Schärfe und Härte und Lösbarkeit der nichtantagonistischen Konflikte.13

Der Aufbau der sozialistischen Gesellschaft war für diese jungen Autoren bereits das prägende Grunderlebnis. Die Erfahrung gesellschaftlicher Wirksamkeit der ersten eigenen poetischen Bemühungen war untrennbar damit verbunden: Es förderte Brauns weitere Entwicklung als sozialistischer Autor, der sich stets aktueller gesellschaftlicher Fragestellungen annahm, der „um den ganzen Reichtum der möglichen Beziehungen“ im Sozialismus rang und im Interesse der Fortentwicklung dieser Gesellschaft ihre Widersprüche bewußt ausstellte. Insofern waren bereits seine frühen Gedichte von einem Gestus produktiver Unruhe getragen. Wo er zur poetischen Provokation wurde, nahm der Autor sich stets mit in sie hinein – nicht von ungefähr heißt sein erster Band von 1965 Provokation für mich. Durch die große öffentliche Resonanz sah er sich in seiner Intention bestätigt, die auf die Veränderung von Haltungen, auf ein Eingreifen in den praktischen Prozeß aus war. Seine theoretischen Äußerungen über das Verhältnis von Autor und Leser bzw. Gedicht und Leser, die eingangs zitiert wurden, sind in diesem Zusammenhang zu sehen.
Im Gefolge der „Lyrikwelle“ kam es 1965 im Forum und 1971 in der Zeitschrift Sinn und Form zu theoretischen Debatten, in denen Fragen der Lyrikentwicklung in den sechziger Jahren und der Funktion der Lyrik in der sozialistischen Gesellschaft teilweise sehr kontrovers und heftig diskutiert wurden.14 Auf diese Diskussionen kann hier nicht näher eingegangen werden. Eine neue Erfahrung stellten sie im öffentlichen Umgang mit Lyrik insofern dar, als die Debatte nunmehr – vor allem die in Sinn und Form – in einem wesentlich kleineren Kreis verlief, der größtenteils aus Literaturwissenschaftlern bestand. Dies zeigte sich auch an den Gegenständen der Diskussionen, die mit jenen aus den öffentlichen Diskussionen im Umfeld der Lyriklesungen nur noch bedingt vergleichbar waren. Jetzt ging es mehr um speziellere literarische und „gattungsinterne“ Fragen. Braun bezeichnete diese Diskussion auf dem VII. Schriftstellerkongreß 1973 rückblickend als „theorievernebelte Feldschlacht“.15 Hatte das Verhältnis Lyrik und Öffentlichkeit in den frühen sechziger Jahren wie selbstverständlich funktioniert, wurde es aufgrund späterer gegenläufiger Erfahrungen nun selbst zum Gegenstand der Diskussion. Wilhelm Girnus, der damalige Chefredakteur von Sinn und Form, verwies über alle Kontroversen der Diskussionsteilnehmer hinaus auf eine übereinstimmende Grundüberzeugung: Er betonte nachdrücklich, „daß Literatur im Gegensatz zu einer Reihe anderer Bereiche der gesellschaftlichen Tätigkeit“, „ihrer Funktion, ihrem Ursprung, ihrer Wirkung nach eine öffentliche Angelegenheit“ sei. „Macht man sie zum Gegenstand einer Geheimdiplomatie, dann erwürgt man sie […]“ – „Es gehört zum Wesen der Literatur, daß sie nicht nur für die Öffentlichkeit wirke, sondern auch in voller Öffentlichkeit, aus deren Problematik hervorwachse und deshalb ohne öffentliche Diskussion ihrer Probleme, geleitet von der Partei, lebensunfähig sei.“16 

Hölderlins Metapher und die polemische Haltung des lyrischen Ich bei Braun
Der Titel Gegen die symmetrische Welt macht stutzen; er lenkt, so läßt sich vorstellen, das Interesse des Lesers zunächst auf die Frage, was denn das für eine „symmetrische Welt“ sei, gegen die da in Versen etwas vorgebracht werden soll. Das Eröffnungsgedicht „Freiwillige Aussage“ bekräftigt den schon durch den Titel suggerierten Eindruck einer polemischen Haltung, wenngleich Inhalt und Ziel, um dessentwillen sie eingenommen wird, zunächst im Vagen bleiben. In dem Gedicht ist das lyrische Ich an einem Umbruchspunkt angelangt: Dem „schönen Schein“ – im Doppelsinn des Wortes –, in dem es sich bisher gefangen sah, soll aufgekündigt werden. Nunmehr erscheint es dem lyrischen Ich im Interesse der Gesellschaft geboten, nach der Beschaffenheit des wirklichen, alltäglichen Lebens zu fragen. Hinter den bereits zitierten drängenden Fragen – vom Gestus her wieder im Namen „der vielen“ vorgebracht – steht eine polemische Haltung. Sie erwächst aus der Sorge, daß es im alltäglichen individuellen wie gesellschaftlichen Leben Erscheinungen und Verhaltensweisen gibt, die der Entfaltung des „ganzen Reichtum[s] der möglichen Beziehungen“ unter sozialistischen Bedingungen entgegenstehen könnten. Der poetische Impuls des praktischen Eingreifens ist darauf aus, solche Hemmnisse und Gefährdungen ins Bild zu setzen, sie ins gesellschaftliche Bewußtsein zu heben, um dadurch Veränderungen anzuregen.
Der Zeitpunkt, auf den sich die im Eingangsgedicht angekündigte Erkundungshaltung des lyrischen Sprechers bezieht, ist mit Hilfe auch anderer Gedichte, wesentlich aber über die leitmotivische Metapher der „symmetrischen Welt“, präzise bestimmbar. Im Gedicht „An Friedrich Hölderlin“ heißt es: 

Dein Eigentum auch, Bodenloser
Dein Asyl, das du bebautest
Mit schattenden Bäumen und Wein
Ist volkseigen;
Und deine Hoffnung, gesiedelt
Gegen die
symmetrische Welt! (S. 18) 

Braun verweist in den Anmerkungen zu diesem Gedicht darauf, daß er sich mehrfach direkt auf Texte von Hölderlin bezieht, so auf dessen Gedicht „Mein Eigentum“ (1799) und „Der Rhein“ (1801) sowie auf einen Brief an den Bruder vom 1. Januar 1799. Die Vielschichtigkeit dieser Bezüge ist durch einen Vergleich der Gedichte Hölderlins mit dem Text von Braun bereits untersucht worden.17 Im Zusammenhang mit dem Begriff „symmetrische Welt“ ist der Hölderlinsche Brief von Bedeutung, zumal Braun dieses Dokument offenbar als programmatisch und aktuell für seine Situation empfunden hat. In der Anmerkung zitiert er folgende Passage aus dem Brief:

Nicht wahr, Lieber, so eine Panazee (Allheilmittel; er meint die Poesie) könnten die Deutschen wohl brauchen, auch nach der politisch-philosophischen Kur; denn alles andre abgerechnet, so hat die philosophisch-politische Bildung schon in sich selbst die Inkonvenienz, daß sie zwar die Menschen zu den wesentlichen, unumgänglich notwendigen Verhältnissen, zu Pflicht und Recht zusammenknüpft, aber wie viel ist dann zur Menschenharmonie noch übrig?… Aber die Besten unter den Deutschen meinen meist noch immer, wenn nur erst die Welt hübsch symmetrisch wäre, so wäre alles geschehen. (S. 82) 

In Brauns Gedicht, das eine programmatische Ansprache an den Dichter Hölderlin darstellt, erscheint die Gegenwart des Sprechenden als neue Zeit – gemessen an jenen Hoffnungen des Vorfahren, die dieser nur in eine ferne Zeit zu projizieren vermochte. Braun verwendet die Hölderlinsche Metapher von der „symmetrischen Welt“, da sie ihm geeignet erscheint, Fragen und Probleme ins lyrische Bild zu setzen, deren Diskussion er in einem größeren Kreis von Gleichgesinnten für dringlich erachtet. Worauf kommt es ihm dabei an? Die gesellschaftliche Wirklichkeit, so wie der Autor sie in der zweiten Hälfte der sechziger bzw. der Wende zu den siebziger Jahren in der DDR erlebt, erscheint im poetischen Bild als Errungenschaft, als entscheidender Fortschritt gegenüber früheren Entwicklungsphasen. An den Gedichten „Revolutionslied“, „Durchgearbeitete Landschaft“, „Annäherung“, „Gdańsk“, „Der geflügelte Satz“ u.a. ist dies ablesbar. Die Gegenwart wird vorgeführt als Resultat eines historischen Prozesses, eines kraftvollen Aufbauwerkes. Der lyrische Sprecher legt Wert darauf, sich als ein Beteiligter an diesem Prozeß zu erkennen zu geben. (In Gedichten wie „Ilmtal“ und „Durchgearbeitete Landschaft“ wird bekenntnishaft, aber in gewisser Hinsicht auch elegisch an diese frühen Jahre erinnert.)
Mit der Metapher der „symmetrischen Welt“ vereint der Autor im Band mehrere konzeptionelle Momente, die für die Interpretation des gedanklichen Zusammenhangs, in dem alle Gedichte des Bandes stehen, wichtig sind. Sie wird verwendet als Bewertung eines Zustands, der als wenig dynamisch, als eingerichtet empfunden wird. Menschliches Dasein erscheint in ihm als vordergründig zweckbestimmt, allein den Erfordernissen der Produktion untergeordnet. Sie steht für eine – so der Eindruck des lyrischen Ich – verbreitete Haltung, die durch Bescheidung, Bequemlichkeit und Preisgabe von perspektivischen Herausforderungen geprägt ist. Sie bezieht sich auf ein Bild von Wirklichkeit, das im gesellschaftlichen Bewußtsein existiert und als fixierte Größe in der Öffentlichkeit vermittelt wird. Ein wesentlicher Unterschied zu den früheren Bänden von Braun besteht darin, daß es in diesem Band vorrangig um Probleme der geistigen Verarbeitung, eines allgemeinen Bewußtseinsstandes und bestimmter Reaktionen auf einen erreichten gesellschaftlichen Entwicklungsstand geht. Doch dazu später.
Die polemische Haltung, die das lyrische Ich in einer Reihe der Gedichte des Bandes ausstellt, erinnert an Brauns Texte aus den sechziger Jahren. Dabei erscheint diese Haltung jetzt ästhetisch differenzierter gewertet, sie wird in den einzelnen Gedichten an unterschiedlichen Gegenständen variiert und präzisiert. Sie erhält auch dadurch eine größere Dimension, daß der Autor den Blick seines lyrischen Ich über die Grenzen des eigenen Landes hinauslenkt auf Vorgänge in der Welt, auf Veränderungen in der sozialistischen Staatengemeinschaft. Die in der Metapher von der symmetrischen Welt enthaltene Polemik erfährt gerade dadurch ihre poetische Relativierung.
Die gewonnene Vielgestaltigkeit, der im einzelnen nachzugehen sein wird, ist eines der auffälligsten Merkmale des Gedichtbandes und verweist auf Veränderungen in der Auffassung von dem, was Braun Ende der sechziger Jahre unter politischer Poesie verstand. Der Autor versuchte nunmehr, verschiedene Momente und Bezüge einer gegebenen Lebensqualität in ihrer Verflochtenheit und Widersprüchlichkeit ins Gedicht zu bringen. Die Weiterungen in den Gegenständen der Gedichte, ihrer Sprechweise und den lyrischen Formen resultieren aus diesem neuen Ansatz. Der poetische Grundgestus blieb erhalten als fortgesetzter Versuch, große Massen anzusprechen. Gleichzeitig sensibilisierte sich der Sinn für die alltäglichen Angelegenheiten „der vielen“. Die Gedichte des Bandes Gegen die symmetrische Welt zeigen die große Spannweite der politischen Poesie Brauns aus jener Phase seiner Entwicklung. Sie schloß das große, philosophisch angelegte Weltanschauungsgedicht, die Erörterung von übergreifenden wie aktuellen Menschheitsfragen ebenso ein wie das Liebesgedicht, das intime menschliche Beziehungen auszuleuchten sucht.
Mit Recht wurde in den nicht sehr zahlreichen Besprechungen des Bandes der Hauptakzent auf die Neuansätze und Weiterungen in den neuen Gedichten des Autors gelegt. Im Vergleich zu Brauns früheren Bänden Provokation für mich und Wir und nicht sie (1969) wurde ein gereifter Autor konstatiert, dessen „gewachsene dialektische Sicht“ auf gesellschaftliche Entwicklungsverläufe im eigenen Land und die Ausweitung des poetischen Blickfeldes über die Grenzen der DDR hinaus verweist.18 Der Fortschritt, den die Rezensenten übereinstimmend in Brauns neuen Gedichten vermerkten, wurde in Beziehung gesetzt zu einem insgesamt veränderten gesellschaftlichen Bewußtsein, einem vertieften, fortgeschrittenen Selbstverständnis der sozialistischen Gesellschaft über Erreichtes und die weitere Entwicklung.

Geschichte und deren Zusammenhänge, die in der sozialistischen Poesie als nichts Abgeschlossenes verstanden werden, häufen Fragen und Widersprüche auf, die dem gewachsenen Selbstverständnis dieser Zeit und Gesellschaft nicht fremd sind, nicht fremd sein dürfen. (Volkhard Bode)19

Den Zug zum Realismus als Abrücken vom Wunschdenken früherer Jahre finden wir allenthalben in unserer Politik. Diesem Zug sind auch die Gedichte Volker Brauns durchgängig verpflichtet. Ihnen wohnt eine bewußte Aktivität inne. Sie wollen Anstöße geben von einem, der selbst aktiv in unserer sozialistischen Gesellschaft tätig ist. (Rulo Melchert)20

Die freundliche Resonanz, die der Band in den Besprechungen erfuhr, beruhte auf einer allgemeinen Beschreibung ausgewählter Themen, die in den Gedichten aufgegriffen werden. Die zentrale Metapher der „symmetrischen Welt“ wurde lediglich unter dem Gesichts-punkt der „Erbeaneignung“ erwähnt. Warum Braun sie von Hölderlin übernimmt und für die eigene, auf Gegenwärtiges ausgerichtete poetische Intention produktiv macht, blieb unbesprochen. Der drängende und kritisch-engagierte Gestus einer ganzen Reihe von Gedichten wurde lediglich in der Besprechung im Berliner Rundfunk in einen Zusammenhang gerückt mit der Tatsache, daß Braun in den Gedichten Fragen zur Diskussion stellt, die in Neuland vorstoßen.21 Mit Verweisen auf die Gedichte „Karl Marx“, „Revolutionslied“ und „Allgemeine Erwartung“ wurde versucht, Widersprüche, um die es Braun geht, zu benennen. Der Rezensent scheute sich auch nicht, einen Bezug zwischen diesen Gedichten und dem Vers „Das meiste ist noch zu erwarten“ aus dem Gedicht „Allgemeine Erwartung“ anzubieten: „Und gemeint ist […] die zukünftige Beschaffenheit, der universelle und beileibe noch nicht hinreichend zur Wirklichkeit gewordene Reichtum der menschlichen Möglichkeiten in einer freien Gesellschaft.“22 – Dies ist unter den unmittelbar nach Erscheinen des Bandes veröffentlichten Besprechungen die einzige, die den Intentionen der Gedichte wirklich nahekommt. Erkannt wurde hier vor allem, daß der Leser als Partner des Autors in seinem „analytisch-kritischen Verständnis“, als Mensch mit ähnlichen sozialen, politischen und gesellschaftlichen Erfahrungen gefordert ist. 

„Was erwarte ich noch von mir / Oder von euch?“
Die dem lyrischen Ich des Bandes so dringliche Frage nach der Qualität, den Werten des individuellen, einmaligen Lebens in dieser Phase der sozialistischen Entwicklung erscheint in dem Band in sehr vielgestaltiger Form. Sie läßt sich bei genauerer Betrachtung nicht schlechthin auf den Nenner einer „polemischen Haltung“ bringen. Vielmehr ist die neu erreichte Formenvielfalt Ausdruck der erwähnten Differenziertheit von Wirklichkeitsbeziehungen. Gerade die Vielfalt der Sujets, Formen und Sprechweisen ist ein herausragendes Merkmal dieses Bandes: Neben Spruch, Kurzgedicht, strukturell geschlossenen (z.T. liedhaften) Formen stehen monologische Großgedichte; neben Liebesgedichten Widmungs- und Naturgedichte. Jedes Gedicht steht für sich, ist auch ohne die Kenntnis der Zusammenhänge zu den anderen Texten zu verstehen. In dem aber, was es z.B. thematisch oder formal aufgreift bzw. ausspart, hat es innerhalb des Bandes einen über sich hinausweisenden tieferen Bezug. Die Häufung bestimmter Metaphern, die Wiederholung oder Variation von Fragen, die Abwechslung von strengen und freieren lyrischen Formen usw. – dies kennzeichnet ein lyrisches Kompositionsprinzip, das in der Geschichte neuerer DDR-Lyrik herausragend ist.
Die Gedichte sind drei Gruppen zugeordnet, die ein eigenständiges Profil haben, aber durch die Komposition miteinander in Beziehung gesetzt werden. Das Gedicht „Der Lebenswandel Volker Brauns“ bildet einen sogenannten Anhang (mit Bezug auf Brechts „Anhang: Vom armen B. B.“ aus der Hauspostille). Der erste Teil ist nach dem Eröffnungsgedicht „Freiwillige Aussage“ benannt und umfaßt fünfzehn, zum Teil recht kurze Texte. Neben dem bereits erwähnten Hölderlin-Gedicht waren es aus dem ersten Teil des Bandes das „Ilmtal“-Gedicht und das Gedicht „Die Industrie“, die in Rezensionen und Aufsätzen relativ isoliert betrachtet wurden. Um das „Ilmtal“-Gedicht, einen der frühen Texte, zu dem Silvia Schlenstedt bereits 1972 eine Interpretation vorlegte, gab es in der Nachfolge eine Art „Gelehrtenstreit“ unter den Literaturwissenschaftlern über den Charakter des Goethe-Bezugs in ihm. Dieser Gesichtspunkt sei hier außer acht gelassen. An dieser Stelle interessiert das Gedicht vor allem deshalb, weil es auf eines der erwähnten neuen Momente in Brauns Band Gegen die symmetrische Welt aufmerksam macht.
Thema des Gedichts ist die Sehnsucht des lyrischen Ich nach tätigen, erfüllten zwischenmenschlichen Beziehungen. Silvia Schlenstedt verwies darauf, „daß Literatur die Möglichkeit und die Chance hat, die vielleicht keine andere Äußerungsform des Menschen besitzt, Sehnsucht zu machen nach Beziehungen und durch das Beklagen des Mangels Lust zu machen nach der Überwindung des Mangels“.23 In diesem Gedicht geschieht das insofern, als sich das lyrische Ich an das Erlebnis intensiver kollektiver Beziehungen während der gemeinsamen Arbeit beim Aufbau des Sozialismus erinnert. Aus dieser prägenden Erinnerung heraus empfindet es nunmehr einen Mangel an menschlichen, kollektiven Beziehungen. Es signalisiert die Gefahr einer Entfernung der Menschen voneinander, eines Verlustes an bereits gelebten erfüllten Beziehungen. Im „Ilmtal“-Gedicht werden die Ursachen für das vom lyrischen Ich artikulierte Gefühl des Mangels an gesellschaftlichen Beziehungen nicht benannt. In der Gegenüberstellung von Erinnerung („Einmal lebte ich so, freudig / Mit den Genossen […]“) und gegenwärtigem Empfinden („In der gebauten Natur / Geh ich allein […]“) wird ein Zustand bezeichnet, der – durch das eindringlich artikulierte Unbehagen des lyrischen Ich – bereits das Moment seiner Auflösung enthält. An diesem Punkt spielt die polemische Wendung gegen Goethes „Selig, wer sich vor der Welt / Ohne Haß verschließt, / Einen Freund am Busen hält / Und mit dem genießt […]“ eine wichtige Rolle:

Und nicht langt mir, nicht ruhig
Macht nun der eine mich;
Nicht glücklich kann ich verschließen
Mich mit ihm vor der Welt.
(S. 16)

Das Streben nach der „Entfaltung des Individuums in der Gemeinschaft, für sie und durch sie, und de[m] Aufbau von Gemeinschaftsbeziehungen, die die besonderen Möglichkeiten und Fähigkeiten der einzelnen fordert und fördert, (der) Betätigung des Menschen als kollektives Subjekt, die der Gemeinschaft wie dem einzelnen erst eine neue Freiheit in der Beherrschung all seiner Lebensbeziehungen gibt.“24 – so wurde der Grundimpuls dieses Gedichts gekennzeichnet. Sosehr er ohne Zweifel polemisch gegen jene Proklamierung einer „sozialistischen Menschengemeinschaft“ als bereits erreichtem Zustand in den sechziger Jahren gerichtet war, erschöpft sich das Gedicht darin jedoch nicht. Vielmehr wird hier die Haltung eines lyrischen Subjekts vorgeführt, das (bereits mit Erfahrungen bei der Gestaltung der sozialistischen Gesellschaft ausgestattet und an dieser weiter wirkend) den Sozialismus als die menschenwürdigste Gesellschaft auch in der Forderung nach Veränderung immer neu ins Bewußtsein hebt.
Eigentümlicherweise ist niemals darauf geachtet worden, wie das „Ilmtal“-Gedicht innerhalb des ersten Teils des Bandes angesiedelt ist. Es wurde zwar sehr zutreffend in seinen Sinnbezügen zu Gedichten der folgenden beiden Teile aufgeschlossen, jedoch nicht nach seinen poetischen Voraussetzungen innerhalb des Bandes befragt. Ihm voraus gehen „Die Austern“ und die vier Liebesgedichte „Entscheidende Entdeckung“, „Schwierige Forschung“, „Hingebung“ und „Du liegst so still“ – Gedichte, die in fast allen Rezensionen nur nebenbei erwähnt wurden. Dies ist bedauerlich, ist es doch vorstellbar, daß gerade diese Texte manchem Leser eher zugänglich sind als das „Ilmtal“-Gedicht (das sich ohne Kenntnis des Goethe-Gedichts „An den Mond“ in seiner tieferen Bedeutung kaum begreifen läßt) oder die großen Gedichte des Bandes. Daß Braun den Liebesgedichten nach dem Eingangsgedicht „Freiwillige Aussage“ (danach stehen noch zwei Kurzgedichte) eine wichtige Position gibt – indem er sie zusammenrückt und vor das „Ilmtal“-Gedicht setzt –, ist mehr als nur eine einladende Geste an den Leser. Es handelt sich ja nicht schlechthin um Liebesgedichte, es sind erotische Gedichte, in denen die Sinnlichkeit der beschriebenen Liebesbeziehung für universellen Lebensanspruch steht, in dem Sinnenfreude und Sinn des Lebens als zusammengehörig erscheinen.
Das Gedicht „Entscheidende Entdeckung“ macht dies deutlich: Der Morgen nach der Liebesnacht ist für das lyrische Ich die überschwengliche Feier einer befreienden, Kräfte freisetzenden Sicht auf das Leben. Die empfundene Erotisierung aller Beziehungen, wie sie in der Metaphorik des Gedichts zum Ausdruck kommt, ist nicht nur der Nachklang des zu zweit Erlebten, sondern Vision veränderter Beziehungen zwischen vielen:

Die Menschen blühn auf einmal aus sich
Wie ein Feld von Mohn, wie ein Feld
Von zarten Gedanken, die sich einander zudrehn
Und aneinander entfalten
[…] (S. 12)

Auch außerhalb solcher Liebesgedichte entwerfenden Charakters – in der späteren Lyrik Brauns fehlen sie ganz – ist das erotische Moment immer präsent: in der Metaphorik und in teilweise sehr direkten, derben Anspielungen.
Sinnlichkeit ist in Brauns Gedichten nicht auf das Erotische begrenzt, obgleich oft die Metaphorik aus diesem Bereich verwendet wird. Insbesondere im ersten Teil des Bandes werden mosaikartig Akzente gesetzt, in denen der Zusammenhang von Sinnlichkeit und Sinn des Lebens auf je unterschiedliche Weise gesetzt wird, etwa in den Gedichten „Bauarbeit“, „Die Austern“, „Fröhliche Trauer“, „Tag und Nacht“. Der Leser wird einbezogen in die Freude und das Lustempfinden des lyrischen Ich: beim Essen („Die Austern“), im Liebeserlebnis, in der Begegnung mit Menschen, der Anspannung der Kräfte bei körperlicher Arbeit („Bauarbeit“) usw. Diese Gedichte sind Aufforderung an den Leser insofern, als sie auf Weiterungen individueller und kollektiver Erlebnisfähigkeit aus sind. Genußmöglichkeit und Genußfähigkeit (auch die Fähigkeit, dem Leid einen produktiven Impuls abzuringen, gehört dazu, wie im Gedicht „Fröhliche Trauer“ für Georg Maurer). Lebensmöglichkeit und in einem weiten Sinn die Fähigkeit, dem Leben einen Sinn zu geben – hier schließen sich Privates und Öffentliches zusammen. Die Arbeitsbeziehungen als Beziehungen zwischen Menschen, als entscheidendes Tätigkeitsfeld in einem konkreten gesellschaftlichen Produktionszusammenhang sind in die Suche nach solchen Weiterungen immer eingeschlossen. Im ersten Teil des Bandes ist angelegt, was sich in den folgenden entwickelt. Hier beginnt der Bogen, der sich bis hin zu den „Integrationsgedichten“ im dritten Teil spannt: „An ein Land nur verschwend ich mich länger nicht“ („Der Lebenswandel Volker Brauns“, S. 80), „denn zwei Länder geben mehr / An Spaß her, als nur eins“ („Annäherung“, S. 59). Das „Hineintauchen in die persönlichsten Dinge“ und das „Ausweiten des Blickfelds auf die Weltgeschichte dieser Zeit“25 gehören für Braun nunmehr untrennbar zusammen.
„Jeder Schritt, den ich noch tu, / reißt mich auf.“ – Spätestens die Ambivalenz dieses kürzesten aller Texte („Morgendämmerung“, S. 22) verweist darauf, daß bei allem vorhandenen und geforderten Bekenntnis zu Lebens- und Sinnenfreude keine Veranlassung zu idyllischer Verklärung besteht. Der Text meint sowohl die Bereitschaft zu freudiger, weil voranbringender Kraftanspannung als auch das Wissen um Widersprüche und Konflikte, die das lyrische Ich an die Grenze dessen treiben, was es auszuhalten vermag. Das Beschwören der Sinnenfreude, die Benennung eines Mangels an menschlichen Beziehungen – wie im „Ilmtal“-Gedicht – usw. sind immer auch gegen die Angst gesetzt, nicht „eigentlich“ zu leben. In den Gedichten des Bandes werden verschiedene Sinnkontexte und Bezugsfelder des Begriffs „Leben“ in der Verflechtung von Privatem und Öffentlichem, Individuellem und Menschheitlichem ausgeschritten. Dabei werden deutlich auch Gefahrenpunkte und Hemmnisse ins Bild gerückt. Ein thematischer Hauptstrang rückt hierbei ins Zentrum: der Zusammenhang von Arbeit und Sinn des Lebens. Das Gedicht „Die Industrie“, das den ersten Abschnitt der Sammlung beschließt, treibt auf die Spitze, was im Eröffnungsgedicht als Frage nach dem Sinn des Lebens bereits anklang:

[…] Mensch
Plus Leuna mal drei durch Arbeit
Gleich
Leben
(S. 23).

Eine extreme Situation wird vorgeführt, in der individuelles Leben „reduziertes“ Leben ist: Menschen arbeiten unter härtesten Bedingungen in der materiellen Produktion. Solche Lebenssituationen werden auch in aller Härte ausgestellt (vgl. das Gedicht „Allgemeine Erwartung“ u.a.), aber nicht abstrakt und unhistorisch kritisiert. Braun weiß, so 1969, „[…] daß in den nächsten Jahren die soziale Lage nicht schlechthin günstiger wird, daß es Härten geben wird für Tausende Arbeiter […]“. Er setzt die Aufgabe der Literatur dagegen, das „Gefühl des Zuhauseseins“, ein „neues Wohngefühl“ in der sozialistischen Gesellschaft zu stiften.26
Ziel der angestrebten und vorausgesetzten Wirkung der Gedichte Brauns war, „daß die vielen das praktisch bewältigen“, was nötig ist, um die Vorzüge des Sozialismus für alle Menschen wirksam und in ihrem Alltag erlebbar werden zu lassen. In diesem Sinne tragen die Gedichte des Bandes eine perspektivische Herausforderung in sich. „Der volle Winkel der Zukunft“ – wie es in dem Gedicht „Landwüst“ heißt – ist das aus perspektivischen Vorstellungen gewonnene Maß für das Heutige. Die Gedichte sind unbequem, weil sie hartnäckig auf Bewußtseinsveränderungen aus sind, weil sie das wirkliche Ausmaß aller Veränderungen, die sich im gesellschaftlichen Leben Ende der sechziger/Anfang der siebziger Jahre in der DDR vollzogen, zum Gegenstand kollektiver Verständigung machen wollten. Darum das Engagement: gegen verfestigte menschliche Haltungen, gegen erstarrte Bilder und jegliche Verharmlosungen eines sich in ungeheurer Bewegung befindlichen Prozesses. 

„Preisgabe von Gewißheiten“
Eine Reihe von Gedichten aus dem zweiten Teil des Bandes gab offenbar für den öffentlichen Umgang besondere Probleme auf, wurden sie doch in der Regel in den Besprechungen ausgespart. Dabei handelte es sich um Texte, in denen geistige Prozesse, Haltungen, Aussagen, Begriffe usw. die Gedichtgegenstände bildeten, wie z.B. „Freiwillige Aussage“, „Undiplomatische Äußerung“, „Das Eigentliche“, „Allgemeine Erwartung“, „Der geflügelte Satz“, „Eigene Kontinuität“ u.a. Diese Gedichte polemisieren gegen erstarrte, überholte, dem realen Entwicklungsprozeß nicht mehr entsprechende Denkmuster, sprachliche Fixierungen, propagandistische Verfahren. Wenn Volker Braun in bezug auf die Absicht dieser Gedichte von einer „Preisgabe von Gewißheiten“ sprach, so meinte er mit der zugespitzten Formulierung folgendes: Zur Diskussion gestellt werden sollte ein Bild von der Wirklichkeit, das im gesellschaftlichen Bewußtsein vorhanden ist und unter Umständen Gefahr laufen kann, die wirkliche Bewegung nicht mehr zu fassen. Die Probleme, die verhandelt werden, beziehen sich auf das Verhältnis von praktischem Tun und dessen ideologischer Reflexion. Insofern wandten sich diese Gedichte sozusagen im „Klartext“ den offenen und unerledigten Fragen der sozialistischen Revolution zu, darunter auch dem Verhältnis von Strategie und Taktik.
Die Gedichte „Eigene Kontinuität“ und „Das Eigentliche“ gewinnen ihre Spannung und Brisanz aus einer Direktheit, Zuspitzung und Ausschließlichkeit. Braun unterstellt, daß der öffentliche (vor allem propagandistische) Sprachgebrauch, die Art und Weise der sprachlichen Kennzeichnung dessen, was sich in unserem Lande vollzieht, der tatsächlichen Dimension und Neuartigkeit dieses Prozesses nicht entsprechen. In „Eigene Kontinuität“ arbeitet Braun mit dem Begriff der Kontinuität, der als Kennzeichnung für den Charakter einer Seite sozialistischer Entwicklung durchaus zutreffend ist: der fortschreitende, an den erreichten Stand und fortschrittliche Traditionen anknüpfende Verlauf dieser Entwicklung. Wenn Braun diesen Begriff in seinem unangemessenen Gebrauch mit beißender Ironie versieht, so deshalb, weil die dialektische Sicht auf diesen Entwicklungsprozeß das Bewußtsein von Widersprüchen, Konflikten, gegenläufigen Tendenzen, Qualitätssprüngen ebenso einschließen muß. Am Beginn der siebziger Jahre ist die theoretische Erkenntnis über das noch zu Leistende und den Verlauf der sozialistischen Revolution in Bewegung gekommen. Die Erfahrungen aus der Entwicklungsetappe, in der die Grundlagen des Sozialismus geschaffen wurden, flossen ein in dieses wachsende dialektische Verständnis, das sich im weiteren Verlauf des Jahrzehnts vertiefte.
Braun empfindet eine Diskrepanz zwischen dem, was sich praktisch vollzieht, und dem, was sich davon im geistigen Leben dieser Gesellschaft, z.B. auch in der alltäglichen propagandistischen Arbeit, niederschlägt. Seine ironisch-satirisch angelegte Kritik entspricht der Überzeugung, daß über die komplizierten Fragen der gesellschaftlichen Entwicklung offener, produktiver diskutiert werden müßte. 

1
Während wir beinahe gekonnt
Um die Ecke biegen, erklären wir ruhig
Daß wir die Richtung beibehalten.

[…]

4
Wir lernen dazu
Was wir immer gewußt haben.

[…] 

7
So verändern wir, vorgeblich unverändert
Die Welt, die es braucht.

8
Und es wird sich daran nichts ändern
Bis eines schönen Jahrhunderts
Fragt mich nicht wie
Der Kommunismus ausgebrochen ist.
(S. 36) 

Der Autor behauptet, daß derartiges Verhalten hemmend auf den Prozeß selbst zurückwirkt:

[…] aber eigentlich
Geht es uns nur um das
Was wir umbringen mit viel Getue
[…]
(„Das Eigentliche“).

Die polemische Wendung gegen „Die großen Worte“,27 gegen harmonisierende, verhüllende sprachliche Wendungen, stereotype Redensarten erfolgt aus dem Wunsch (und der Überzeugung, daß dies notwendig ist), den gegenwärtigen Prozeß öffentlich und in aller Offenheit zwischen „Gleichen“ (eben Beteiligten) als einen in sich widersprüchlichen dialektisch zu fassen. In einem solchen Umgang vermag sich das Individuum wirklich zu engagieren und als politisches Wesen zu bewähren.
Das „Revolutionslied“ und das „Marx“-Gedicht fragen in größerer Dimension nach dem Erreichten. Das „Marx“-Gedicht hat – insbesondere in den ersten beiden Abschnitten – pathetischen Charakter. Das Zentrum der Aussage liegt jedoch im dritten Teil. Hier werden die würdigenden Worte über die Leistungen des großen Denkers und Führers der Arbeiterbewegung abrupt beendet und der Bezug zum Gegenwärtigen hergestellt. An dem, was noch zu leisten ist, hat sich ein wirklicher Marxist für Braun zu erweisen:

Aber was hat er uns überlassen!
Welchen Mangel an Illusionen.
Welchen weltweiten Verlust
An sicheren Werten
[…]
[…]
Und wie unmöglich, nicht ans Ende zu gehn:
Und es nicht für den Anfang zu halten!
(S. 43) 

Diese Fragestellung durchzieht den gesamten Band und betrifft die realistische Einschätzung des gegenwärtig Erreichten in bezug auf das, wofür die Massen den Kampf antraten. Was bleibt noch zu tun? Was ist noch zu erwarten? Diese Fragen werden im „Revolutionslied“ im Vergleich zum Gedicht „Allgemeine Erwartung“ generalisiert und konkretisiert. Das geschieht einerseits, indem wirklich im Namen der ganzen Klasse, aller „Freie[n]“ gefragt wird, und andererseits nach dem Anteil der Massen an den Staatsgeschäften, nach dem Entwicklungsstand der sozialistischen Demokratie. Die Antwort korrespondiert mit derjenigen, die in „Allgemeine Erwartung“ gegeben wird:

Das kann nicht alles sein.

Die theoretisch formulierte Auffassung von der sozialistischen Revolution als unabgeschlossenem Prozeß wird von Braun poetisch gefaßt. In der dreifachen Abwandlung des Refrains (insbesondere des einen entscheidenden Verses: 1. und 2. „Und nicht für die Klasse sondern mit der Klasse“; 4. „[…] wir werden eine Klasse / In den Fabriken und im Staat“) zeigt sich jedoch, daß Braun weitergeht als z.B. in der „Allgemeinen Erwartung“: Das Zukunftsbild wird in seiner klassenmäßigen Bestimmung (Aufhebung der Klassen) als kommunistisches gegeben. An ihm wird der gegenwärtig erreichte Stand gemessen und die Aufgabe bestimmt. „Es liegt in unsrer Hand: / Es ist niemals genug“ (S. 44f.). Aus der polemischen Entgegensetzung zu Brechts Gedicht „Keiner oder alle“ (insbesondere der Eingangsfrage „Sklave, wer wird dich befrein?“)28 gewinnt die Fragestellung bei Braun zusätzliche Dringlichkeit. Gefragt wird nicht allgemein-philosophisch, sondern konkret: nach dem Wohlergehen des Volkes, nach seiner Macht und Mächtigkeit, nach den Beziehungen zwischen den Menschen.
Gegenwärtiges wird jedoch nicht ausschließlich an Künftigem gemessen. Auch der zweite Teil der Sammlung ist so komponiert, daß verschiedene Akzente nebeneinander gesetzt sind. Die Gedichte „Landwüst“, „Durchgearbeitete Landschaft“, „Die Aussicht von Sosa“ z.B. blenden den „weiten Winkel des Andenkens“ ein, geprägt durch das kollektive Erlebnis des Aufbaus des Sozialismus: „Hier sind wir durchgegangen / Mit unsern verschiedenen Werkzeugen […]“ (S. 32). – Hans Kaufmann verwies mit Bezug auf Braun und andere Autoren in der ersten Hälfte der siebziger Jahre auf eine „Vorliebe für die ,Gründerjahre‘ der DDR oder für ,Gründer‘-Situationen (z.B. „Baustellen“) […], für Zustände, in denen der Zusammenhang von persönlichem Einsatz und Ergebnis direkt zutage tritt, in denen das gesellschaftlich Neue gleichsam flüssig ist und seine Form unmittelbar durch den Zugriff der Handelnden erhält“.29 Während in den früheren Gedichten Brauns (auch im Band Provokation für mich) der Glaube noch unerschüttert ist, daß die „Haltung des praktischen Eingreifens“ schnell und sichtbar Veränderungen bewirken kann, ist dies in der Symmetrischen Welt nicht mehr der Fall. In den vorangegangenen Bänden erwuchs daraus ein Gestus, der Kraft, Bereitschaft und Erfolgsgewißheit verkündet; all dies wurde dem Leser oder Zuhörer entgegengeschleudert. Der Gestus der – im produktiven Sinn – Vereinnahmung des Lesers wird auch in den 1974 veröffentlichten Gedichten beibehalten, jedoch unter anderen Voraussetzungen.
Kaufmanns These, Braun habe „auf besondere Weise den Gestus der ,Gründerjahre‘ unter den Bedingungen der entwickelten sozialistischen Gesellschaft neu [etabliert]“,30 muß von daher geprüft werden – läßt sich doch dieser Gestus angesichts der veränderten gesellschaftlichen Bedingungen nicht einfach reproduzieren. Aufrechterhalten bleibt der Anspruch auf Veränderung der Gesellschaft; darin zeigt sich Braun als kommunistischer Dichter. In stärkerem Maße als in der „Gründer“-Situation werden jetzt Momente einer „formierten“ Gesellschaft, die sich auf eine längerfristige Entwicklungsphase einzustellen hat, in den Gedichten reflektiert. Der Gestus erscheint nun zunehmend gebrochen, insofern er widersprüchliche Bewegungsabläufe einschließt. Seine Dynamik (die es als berechtigt erscheinen läßt, von seiner Neu-Etablierung zu sprechen) gewinnt er aus einer vertieften dialektischen Sicht auf die Entwicklungsprozesse in der DDR, aus deren Einbeziehung in die der sozialistischen Staatengemeinschaft, aus dem Bewußtmachen des Noch-zu-Leistenden und aus dem Aufspüren der „Dimension Zukunft“ in der Gegenwart.

Diskussionsstruktur in „Allgemeine Erwartung“
Betrachten wir ein einzelnes Gedicht näher in bezug auf die Frage, wie durch die Anlage des lyrischen Sprechers und durch eine besondere Form der Sprachverwendung jene eigentümliche Struktur entsteht, die bereits als Diskusionsstruktur bezeichnet wurde. Bei Allgemeine Erwartung handelt es sich um ein Rollengedicht, d.h. das lyrische Ich soll vom Leser nicht als identisch mit dem Autor verstanden werden; der Autor hat sich deutlich in die Mentalität und Lage einer anderen Figur versetzt. Die Beschaffenheit dieser Sprecherfigur ist für die Interpretation des Gedichts von zentraler Bedeutung.
Weiträumig angelegt, durchläuft das Gedicht mehrere gestische Steigerungen. Es setzt ein mit einer für ein Gedicht relativ ausführlichen Schilderung der Situation, aus der heraus gesprochen wird:

An diesem Arbeitstag frage ich mich
Unerwarteterweise, in einer Halle
Die vor Hitze flirrt, daß ich die Hände verwechsle:
Was erwarte ich noch von mir
Oder von euch? Beschäftigt
Mit diesen beseßnen Maschinen
Diesen angeeigneten Griffen
In die jeweilige Zukunft, frage ich mich
(Den ich womöglich verwechsle): was wollen wir noch
Über die harten Pläne hinaus?
(S. 51)

Die lyrische Rede selbst beginnt erst in der fünften Verszeile mit der Frage „Was erwarte ich noch von mir / Oder von euch?“ Jedoch ist es nur eine Funktion der ersten Strophe, über die äußeren Bedingungen der Redesituation zu informieren. Sie charakterisiert nicht nur die lyrische Rede als ein Sprechen, das aus dem alltäglichen, automatisierten, anstrengenden Tun des Arbeiters erwächst. Durch die modale Bestimmung „Unerwarteterweise“, die vor die Information gesetzt ist, wird das Nachfolgende bereits herausgehoben aus dem sich jeden Tag gleichförmig vollziehenden Arbeitsprozeß. Es signalisiert Besonderes, den Umschlag im Bewußtsein des Sprechers in eine bislang noch nicht dagewesene Qualität.
Die Anforderungen, die diese Arbeit an den Arbeiter stellt sind extrem (Lärm, Hitze, Arbeitstempo, Isolierung von den Kollegen). Sie fordert ihm Letztes ab, aber sie fordert ihn nicht ganz. Es bleibt nicht nur ein Restbestand an freiem Reflexionsvermögen, sondern es besteht sogar das Bedürfnis, sich gedanklich aus den Begrenzungen der Situation zu lösen und über perspektivische Erwartungen nachzudenken. Das Gedicht führt eine lyrische Figur vor, die in vielerlei Hinsicht ein exemplarischer, zugleich aber auch ein extremer Fall ist: Sie ist erstens ein Arbeiter unter besonders schwierigen Produktionsbedingungen, ein „Härtefall“; zweitens ein besonders guter Arbeiter – „Ich Selbstausbeuter, Hennecke, inoffizieller/ Held der Arbeit […]“ – und insofern ein Vorbild; drittens ist sie sowohl Sonderfall, als auch Beispiel eines Individuums, das über seine Tätigkeit reflektiert, das versucht, das eigene – in gewisser Weise beschränkende – Tun innerhalb der größeren Bewegungsabläufe der Gesellschaft zu plazieren. Damit tritt das lyrische Ich aus seiner konkreten sozialen Gebundenheit heraus und wird zur repräsentativen Gestalt.
Die Eingangsfrage, die im Verlauf des Gedichts in mehrfacher Variation wiederkehrt – „Was erwarte ich noch von mir / Oder von euch?“ – hat vorantreibende Funktion, sie schafft gedankliche Unruhe. Ihr Gegenstück ist die in den folgenden Strophen mehrfach auftauchende Setzung „Das kann nicht alles sein“, die eine den Gedankengang klärende, das Gedicht gliedernde, refrainartige Funktion hat. In ihrem Inhalt laufen Frage und Setzung auf dasselbe hinaus, in ihrer Funktion für den Gedichtablauf hat der Autor sie deutlich unterschieden. Im abschließenden Teil des Gedichts, in den letzten sechs Strophen, tauchen beide nicht mehr auf. Das ist eines der charakteristischen Merkmale, die den Schlußteil vom Vorhergehenden abheben. Weitere Merkmale sind ein deutlich gesteigerter Sprechrhythmus, die Verknappung der Formulierungen, das Verschwinden der ironischen Wertung, die in den ersten Teilen des Gedichts vorherrschte. Statt dessen gewinnt die lyrische Rede Pathos, das in die beiden Schlußverse gipfelt:

Das meiste
Ist noch zu erwarten.

Die Beschaffenheit des Schlußteils, sein Verhältnis zum ersten Teil sind wesentlicher Ausdruck der Konstitution des lyrischen Sprechers. Das hartnäckige Pochen auf die Frage „Das kann doch nicht alles sein?“ in einer Zeit und Situation, in der – um im Bild zu bleiben – das alles ist, beschwört eine Zukunftsvorstellung, die dann aber nicht vorgeführt wird. Der pathetische Ausklang entwirft nicht das Bild einer solchen Zukunft, sondern gilt der Haltung der Zukunftsgewißheit. So gesehen, erscheint die folgende – von einer Interpretin vorgeschlagene – Lesart kaum belegbar: „Dieses Gesellschaftsideal ist metaphorisch benannt als ,Allgemeine Erwartung‘ […] Demzufolge müßte sich bei einem aktiven, bewußt in unserer Zeit lebenden Rezipienten dieses Zukunftsbild einstellen […]“.31 Braun geht es um Haltungen, die in den Prozeß eingreifen. Dem „schönen Bild“ des Künftigen mißt er keine Kraft bei. Die „allgemeine Erwartung“ seines lyrischen Ich ist eine Grundhaltung, die sich mit dem Gegebenen nicht abfindet. Sie geht aus dem gegenwärtigen Prozeß hervor und wirkt verändernd auf ihn zurück. Zukünftiges wird insofern avisiert, als es in den gegenwärtigen Beziehungen schon enthalten ist. Braun hat sich zu dieser Frage 1970 ausdrücklich geäußert: 

Die Poesie, die teilhat an der Emanzipation aller menschlichen Sinne und Eigenschaften, die wie nichts andres den Reichtum der gesellschaftlichen Beziehungen bewußt macht, schreibt sich also nicht aus Vergangnem her, sondern aus Zukünftigem, das in den wirklichen Beziehungen schon enthalten ist. Sie selbst Organ der Veränderungen, und Veränderungen zeigend, wird schon in ihrer Notierung die Dialektik dieser Prozesse vorgeben […].32

Das ist ein komplizierter Sachverhalt, der besonders dann ins Gewicht fällt, wenn man auf die wichtige Frage nach der Sprecherfigur des Gedichts zurückkommt.

Die Hand des von kapitalistischer Ausbeutung befreiten Arbeiters vermag die Griffe an der Maschine nur deshalb willig zu tun, weil der Kopf weiß: „Das kann nicht alles sein“.33

In diesem Interpretationsansatz wird davon ausgegangen, daß es sich bei der Sprecherfigur um einen Arbeiter handelt. Der Zusammenhang zwischen Redesituation und „Vision“ wird hergestellt, indem von der „allgemeinen Erwartung“ auf das gegenwärtige Tun rückgekoppelt wird: Die Erwartung wird als bereits „handhabbar“ aufgefaßt. Ein anderer Interpretationsansatz ist denkbar, wenn das lyrische Subjekt stärker unter philosophisch-menschheitlichem Aspekt gesehen wird. Dabei wird jedoch der Zusammenhang von Schlußpassage und dem im ersten Teil vorgegebenen und mitzudenkenden sozialen Beziehungsgefüge zertrennt.
Beide Auffassungen beleuchten jeweils nur eine Seite. Die Spezifik des Gedichts, seiner dialektischen Struktur wie seiner philosophischen Aussage tritt erst hervor, wenn man davon ausgeht, daß es beide Momente enthält. Der lyrische Sprecher ist eine „Montage“ von sozial-empirisch bestimmtem Arbeitersubjekt einerseits und einem philosophisch-klassenmäßig begriffenen Subjekt andererseits, das Angehöriger der zur Machtausübung berufenen Klasse ist.
Wenn es um die Diskussionsstruktur des Gedichts geht, die den Leser einbeziehen will, so ist auch auf die Eigenart der Sprachverwendung zu achten, die mehr oder minder für den gesamten Band charakteristisch ist. Am Beispiel eines Ausschnitts aus der „Allgemeinen Erwartung“ soll auf solche Momente verwiesen werden:

Ich, der schweißtriefend die Ausfallzeit senkt
Und den Stromverbrauch oder den Krankenstand
Der, materiell angereizt, die Initiative ergreift
Der das Volkseigentum vor sich schützt sowie mehrt
Womöglich, der sich Gedanken macht und den Schritt
Vom Ich zum Wir, der den Bitterfelder Weg
Nicht mehr Bitterfelder Weg nennt, doch im Prinzip
Weiter geht, und voll Vertrauen, und an der Seite, und, wie gesagt, im Prinzip
Vorwärtsschreitet, wobei uns der Wind
Nicht ins Gesicht bläst, falls wir die Dokumente richtig
Auswerten und, womöglich, auch lesen
Und Stellung beziehen am Arbeitsplatz
Wo es nicht zweiunddreißig gibt
Sondern nur eine
[…] (S. 51f.) 

Es ist auffällig, daß Braun hier mit vertrauten, teilweise automatisierten und stereotypen Redewendungen, Losungen, Parolen aus der Alltagssprache oder aus der Sprache der Politik arbeitet: „den Krankenstand senken“, „Schritt vom Ich zum Wir“ usw. Der Gebrauch solcher Elemente schafft einen Grundbestand an Einvernehmen zwischen Autor und Leser, eine gemeinsame Ebene, von der beide ausgehen können. Jedoch werden diese vertrauten Wendungen in unterschiedlicher Weise verfremdet, ironisch aufgebrochen: beispielsweise durch sinn- oder (stilistisch bzw. grammatikalisch) regelwidrige Kombinationen („Ich, der […] den Krankenstand senkt“ – diese Kombination macht besonders stutzen, weil zuvor zwei korrektive Zuordnungen zum Verb erfolgten: „[…] wobei uns der Wind / Nicht ins Gesicht bläst, falls wir die Dokumente richtig / Auswerten und, womöglich auch lesen […]“); des weiteren durch verfremdende Einschübe („[…] Der das Volkeigentum vor sich schützt“). Und schließlich nutzt Braun häufig den Doppelsinn von Wörtern, läßt beide Bedeutungen aufeinanderprallen, bricht dadurch einen Gedankengang ab und springt in einen neuen hinein („Stellung“, „Seite“ u.a.).
Scheinbar willkürliche Interpunktion (vor allem Kommasetzung) und Zeilenbrechung dienen oft demselben Zweck: den Ablauf einer Aussage, eines Satzes – zumeist an ganz überraschender, befremdender Stelle – zu unterbrechen, um von daher der gesamten Aussage, dem Satz eine veränderte ( das kann sein: entgegengesetzte, doppelsinnige, ungewisse) Bedeutung zu geben. Kommata sind für Braun keine Satzzeichen sondern Sinnzeichen bzw. sie haben rhetorische Funktion.
Das ironische Moment, das den größten Teil des Textes durchzieht, erscheint nicht ungebrochen: Die Wertung wechselt ständig zwischen einem Ernstnehmen der gebrauchten Wendungen (indem sie ja wirklich reale und bejahte Tatbestände bezeichnen) und ihrer ironisch-verfremdenden Aufbrechung. Floskelhafte Einschübe („wie gesagt“, „beziehungsweise“ und bevorzugt „womöglich“), antonymische Zusammenstellungen („Auf alte Weise, wenn es um das Neue geht / Oder auf neue Weise um das Alte“) bewirken eine ständige Ambivalenz. Diese Grundformen Braunschen Sprachgebrauchs – selbst in ein und demselben Gedicht in immer neuen Varianten – geben dem Text „Allgemeine Erwartung“ ein hervorstechendes Moment von Unruhe: sowohl in der Art und Weise des Sprechens (Nähe zur Rede als etwas aus dem Augenblick heraus Formuliertes, auch Vorläufiges, Zurücknehmbares, gegebenenfalls zu Präzisierendes) als auch in der Form der Gedankenführung (die Argumentation ist scheinbar nicht nach logischen Gesichtspunkten aufgebaut, gibt sich eher als ein diffuses Netz von Gedankensplittern). All das läuft darauf hinaus, daß der Text den Vorschlag macht, über Neuartiges, Widersprüchliches nachzudenken, sich – angeregt durch das Gedicht, auch angesteckt von dessen Unruhe – in die Diskussion einzuschalten.
Die benannten Merkmale des Sprachgebrauchs in der „Allgemeinen Erwartung“ wären ohne einen besonderen Gebrauch des freien Rhythmus nicht in dieser Weise zu verwirklichen. Braun verwendet freie Rhythmen in einer innerhalb der DDR-Lyrik einmaligen und bisher noch kaum näher untersuchten Qualität. Die Sprachführung in seinem Gedicht folgt Bewegungsformen des Denkens, die kein geradlinig verlaufender, auf ein eindeutig benennbares Resultat zielender, kein abgeschlossener Prozeß sind. Der Vorgang des Denkens ist vielmehr gezeigt als Kette von einander befördernden und behindernden Denkimpulsen. Der lyrische Sprachakt gibt nicht vor, das Resultat eines Denkprozesses zu sein, sondern sucht seinen Ablauf nachzubilden. Seine Gedanken äußernd, bewegt das lyrische Ich diese weiter. Die Zufälligkeit einer Fügung, in der Sprache liegende Möglichkeiten, wie z.B. der Doppelsinn eines Wortes, vermögen dem Denkverlauf selbst Impulse zu verleihen. So lebt das Gedicht von der Spannung des Sprechduktus. Verseinteilung, Zeilenbrechung, Interpunktion sind ausschließlich von Erfordernissen des gestischen Sprechens bestimmt. Die Satzkonstruktionen wechseln ständig: kurze, eindeutige Aussagen (oder Fragen) mit komplizierten, spannungsvollen Sätzen, in denen die verschiedenen syntaktischen Einheiten (Einschübe) einander in ein jeweils anderes Licht setzen.
In „Allgemeine Erwartung“ läßt sich trotz der spannungsvollen Satzkonstruktion letztlich immer noch ein – wenn auch oft mehrschichtiger – Satzsinn herstellen. In dem Gedicht „Leichter, ungeheurer“ ist das mitunter nicht mehr der Fall. An dem nachfolgenden Gedichtband Training des aufrechten Gangs (1979) läßt sich absehen, daß Braun in der Ausweitung der Brechtschen Methode des gestischen Sprechens an eine Grenze gelangt ist, die seine Wirkungsintention grundsätzlich betrifft. Literatur als „Vorgang zwischen Leuten“, der Leser als strukturierende „Instanz“ für das Gedicht – dieses von Braun in der Symmetrischen Welt noch voll realisierte Prinzip scheint sich am Ende der siebziger Jahre so nicht mehr aufrechterhalten zu lassen.34

„An ein Land nur verschwend ich mich länger nicht“
Als den „entscheidenden Vorgang dieses Jahrhunderts“ hat Volker Braun 1972 den Prozeß der Integration der sozialistischen Länder bezeichnet und diese Überzeugung damit begründet, daß „die Revolutionen überhaupt nur als internationale zu fassen […] und auch unsere deutschen Aufgaben nicht für sich zu lösen und zu betrachten sind“.35 Im dritten Teil seines Bandes Gegen die symmetrische Welt reflektiert Braun solche Fragen, die er selbst als „Ausweiten des Blickfeldes auf die Weltgeschichte dieser Zeit“ bezeichnet hat. Zwar waren auch in den beiden früheren Gedichtbänden die Kämpfe dieser Zeit immer präsent, doch verlagern sich in den neuen Gedichten die Akzente: Nunmehr interessiert den Lyriker das „Übergreifende zwischen den Völkern“, dieser „Augenblick, einer anderen Zeit / Zwischen den Kämpfen“ („Au Rendez-vous“). Dem Individuum tun sich in einem derart objektiv erweiterten (und durch das Gedicht ins Bewußtsein gehobenen) Bezugsfeld neue Entfaltungsmöglichkeiten auf:

Der Gewinn, auf den man aus sein kann bei dieser Korrespondenz der Leute vieler Länder, ist doch der, der für den einzelnen in dieser Gemeinschaft herausspringt.36

Insofern sind für Braun die Ausweitung des Blickfeldes auf den Weltprozeß und das „Hineintauchen in die persönlichsten Dinge“ untrennbar miteinander verbunden und charakterisieren in dieser Verknüpfung eine neue Phase seines Schaffens.
Das liedhafte Gedicht „Der geflügelte Satz“ (gemeint ist der Satz „Proletarier aller Länder, vereinigt euch“ aus dem Kommunistischen Manifest) weitet unter dem Gesichtspunkt des Internationalen den Blick für künftige Aufgaben:

1
Als wir eines Tages wußten
Daß das Wichtigste getan war
In unserem Land
Kamen wir uns auf einmal seltsam
Allein vor und einigermaßen verlassen
Und gedachten mit Bestürzung
Jenes Satzes der Klassiker:
Arbeiter aller Länder, vereinigt euch.
(S. 69) 

Auch dieses Gedicht lebt von der Spanne zwischen dem Erreichten und dem zu Leistenden. Der leitmotivische Gedanke „Das kann nicht alles sein“ ist Impuls für weiterführende Überlegungen. Angesichts des erreichten gesellschaftlichen Entwicklungsstandes in der DDR und in der sozialistischen Staatengemeinschaft wird für das lyrische Ich die Idee einer sozialistischen Weltrevolution, so wie sie im Kommunistischen Manifest entwickelt ist, zum Bezugspunkt des Nachdenkens über die Gegenwart. Zwei einander widerstrebende, aber eine Einheit bildende Momente spielen dabei eine Rolle. Der Satz „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ (bei Braun heißt es auf die sozialistische Gesellschaft bezogen: Arbeiter) wird einerseits als möglich gewordene Perspektive ins Bewußtsein gehoben. Marx und Engels hatten, ausgehend von der Tatsache, daß sich der Kapitalismus zu einem Weltsystem formierte, die Überzeugung ausgesprochen, daß sich die sozialistische Revolution nur als eine internationale vollziehen könne. Lenins Theorie über den Weg der sozialistischen Weltrevolution ging andererseits schon von dem Gesetz der ungleichmäßigen ökonomischen und politischen Entwicklung der kapitalistischen Länder aus.
Die „Herbeizitierung“ einer Perspektive durch den „geflügelten Satz“ enthält noch ein weiteres Moment: Braun hatte in einem anderen Zusammenhang beklagt, daß unsere Gesellschaft wenig geneigt ist, Utopie als Form kritischen Befragens des Gegenwärtigen anzunehmen.37 In seinem Gedicht hat sie diese Funktion ganz offensichtlich auch, wenn es z.B. heißt: 

Und wir konnten uns auf nichts mehr
Besinnen als auf die nötigsten Handgriffe
Und kehrten uns schon den Rücken –
Da stieg hinter uns auf und stand schwarz da
Der geflügelte Satz:
Arbeiter […].

Durch den Satz wird eine objektiv vorhandene Dimension unseres Tuns in Erinnerung gerückt, die Gefahr läuft in der Alltäglichkeit, in der Beschränkung auf das Nötigste, auch durch Selbstgenügsamkeit und Gewöhnung aus dem Blick zu geraten. Der „geflügelte Satz“ wird gegen die „symmetrische Welt“ gesetzt. Das Pathos des Gedichts wird kontrastiert durch den Gestus der Provokation; im Schlußvers erscheint es dennoch ungebrochen:

7
Und als wir uns zur Ruhe legten
Erschöpft, und an nichts dachten, träumte uns
Daß, wie die Himmel und Flüsse
Wie das Gras, also natürlich
Unsre Arbeiten wachsen über den Kontinent
Und uns verbinden: da vor allem
Und stärker als je
Erschien uns der vertraute Satz
Wie eine Erleuchtung:
Arbeiter alter Länder, vereinigt euch.
(S. 71) 

Aus dem neuartigen Zusammengehörigkeitsgefühl der sozialistischen Staatengemeinschaft entsteht ein kollektives Selbstbewußtsein und Vertrauen in die geeinte und zu einende Macht die den gesamten Weltzusammenhang einschließt. Dies ist im Gedicht Traum, Vorgriff, utopischer Entwurf. Im gesamten Gedichtband besteht Braun mit Hartnäckigkeit darauf, heutiges Tun in einer solchen Dimension zu sehen.
In der zunehmenden Verflechtung des gesellschaftlichen Fortschritts in der DDR mit der Entwicklung in den anderen sozialistischen Ländern, in dem stärkeren Aufeinander-Bezogensein dieser Länder sieht Braun einen Prozeß, der in seiner Bewegungsrichtung der „allgemeinen Erwartung“ des Autors entspricht. Schon im Gedicht „Allgemeine Erwartung“ kam der Aspekt erweiterter Möglichkeiten der Kommunikation ins Bild:

Am Abend treffe ich andere Leute
Aus anderen Ländern, die ich womöglich verwechsle
Aber macht das was?

In der poetischen Sicht auf den Prozeß der sozialistischen ökonomischen Integration scheint eine Zukunftsvision, ein utopisches Moment auf, das in der „Allgemeinen Erwartung“ nicht bildlich realisiert war. Vorgänge der sozialistischen ökonomischen Integration erscheinen in mehreren Gedichten als Voraussetzung dafür, daß sich neuartige, universelle Beziehungen zwischen den Menschen entwickeln können. Eine Weiterung des eigenen Horizonts, ein Heimischwerden im Nachbarland, ein vertieftes Gefühl für das Ausmaß des in Gang geratenen Entwicklungsprozesses begründen ein echtes Glücksgefühl. Im Gedicht Annäherung wird es heiter-ironisch verkündet („denn zwei Länder geben mehr / An Spaß her, als nur eins, nach so schwieriger / Verbindung“), im Gedicht „Gdańsk“: dagegen pathetisch („in der zukünftigen Welt / Aus Arbeit vieler. Jedem gehörig / Ihr Glanz […]“).
Dennoch ist die sozialistische ökonomische Integration für Braun alles andere als eine „Feiertagsangelegenheit“ (Melchert).38
Sosehr er sie unter dem Aspekt der „allgemeinen Erwartung“ feiert, interessiert sie ihn als komplizierte Praxis, die alle Beteiligten vor neue Aufgaben stellt, angefangen bei der Bewältigung der sprachlichen Barrieren (wie z.B. im Gedicht „Aussage des ungarischen Ingenieurs Lajos K. vor der Konfliktkommision“)39 bis hin zu der Notwendigkeit, individuelle Haltungen und Einstellungen zu verändern („Die Haltung einer Arbeiterin“).
Daß die sozialistische ökonomische Integration als das geschichtlich Neue auch neuartige Widersprüche mit sich bringt, kann das Interesse des Lyrikers Braun nur anregen. Sein Gedicht „Leichter, ungeheurer“, das ohne Zweifel absichtsvoll diesen thematischen Komplex des Bandes abschließt, spricht dafür. Es ist sowohl von der gedanklichen Konzentration, der poetischen Struktur wie der frei-rhythmischen Rede her der schwierigste Text des Bandes. In dem Gedicht werden Lebensprobleme reflektiert, die aus dem Tatbestand erwachsen, daß sich im Zuge der wissenschaftlich-technischen Revolution nicht automatisch und rasch für jeden einzelnen Arbeiter die Arbeitsbedingungen grundlegend verbessern. Vorgeführt wird an einem exemplarischen Beispiel, daß dieser gesellschaftliche Prozeß ebenfalls widerspruchsvoll verläuft: Ähnlich wie im Gedicht „Die Haltung einer Arbeiterin“ verschärfen sich zunächst die Arbeitsbedingungen für das lyrische Subjekt. Konnte im ersten Gedicht das Problem noch durch eine veränderte Haltung der Arbeiterin und durch eine Zusatzerfindung relativ unaufwendig aus der Welt geschafft werden, ist das in „Leichter, ungeheurer“ nicht mehr möglich. Das lyrische Ich gerät im Verlauf der Gedichthandlung in eine Krisensituation, die sein Leben als Ganzes insofern betrifft, als die neue Maschine als Synonym für das Leben schlechthin fungiert. Die komplizierte Struktur des Textes, das Mit-, Neben- und Durcheinander unterschiedlicher Gedankengänge, korelliert mit der neuartigen und komplizierten Situation, in der sich das lyrische Ich befindet:

Wie geht das weiter?
aaaaaaaaaaaaaaaawie kreist das durch mich?
Bin ich noch zu retten?
aaaaaaaaaaaaaaaaaaan den Maschinen
Wie gewöhnlich
aaaaaaaaaaaaawas habe ich da noch zu reden?
Da kann ich mich einpacken
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaoder die Frau
In brüderliche Entschlüsse
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaawenn ich nicht rede:
Oder wie
aaaaaaaawenn ich fern
aaaaaaaaaaaaaaaaaa aseh und nichts weiter
Dreh ich das Ding mit, das größere
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaadas Leben
Das ich ungeheurerweise
aaaaaaaaaaaaaaaaa aaaleichter nenne?
Darum dreht es sich!
aaaaaaaaaaaaaaa aDas fährt durch den Kopf!
Das ist neu!
aaaaaaaaaaDas ist die ganze Geschichte.
(S. 75) 

Das Gedicht bringt praktisch-politische Probleme von beträchtlichem Ausmaß zur Sprache: das Verhältnis von sozialistischer ökonomischer Integration und Weltwirtschaft, den Zusammenhang zwischen der internationalen Abstimmung der nationalen Wirtschaftsprogramme und der Ausformung der sozialistischen Demokratie, das Verhältnis von Planung und Leitung des Produktionsprozesses auf der Grundlage des Komplexprogramms und die Stellung des Arbeiters in diesem Prozeß u.a. Es unterscheidet sich von den vorangegangenen Texten zu diesem Themenkreis durch seine kritische Sicht. Dadurch wird nicht zurückgenommen, was in den anderen Texten an Bejahung der Prozesse der Annäherung enthalten ist. Dennoch: Die Entwicklung der sozialistischen Länder innerhalb einer sich verschärfenden internationalen Situation in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre, das zunehmend problematische Eingebundensein in das Weltwirtschaftssystem setzen auch für die sozialistische ökonomische Integration und ihre praktische Realisierbarkeit neue Akzente. Die programmatischen Hoffnungen auf schnelle Wandlungen in den sozialistischen Ländern (immer unter dem Aspekt ihrer Auswirkung auf das Individuum), die Braun in „den ersten Jahren der Integration“ artikulierte, haben sich in der nachfolgenden Entwicklung doch als beträchtlich schwerer realisierbar erwiesen.
In der Literaturkritik wurden die sogenannten „Integrationsgedichte“ aus dem dritten Teil des Bandes besonders hervorgehoben; die Gewichtigkeit des neugewonnenen Themenbereichs wurde betont. Das allgemeine Lob des Bandes wurde vielfach hauptsächlich mit diesen Gedichten begründet. Vor dem Hintergrund eines veränderten gesellschaftlichen Entwicklungsniveaus innerhalb der sozialistischen Staatengemeinschaft, erster Erfolge in der Realisierung des 1971 beschlossenen Komplexprogramms des RGW ist die Dominanz dieses Wertungskriteriums erklärbar. Im Blick von heute erscheint es jedoch so, als ob Braun mit ziemlicher Ausschließlichkeit auf ein Thema festgelegt wurde, das sich so, wie es in der Symmetrischen Welt verhandelt wurde, nicht ohne weiteres weiterführen ließ. Die Fixierung in der öffentlichen Wertung schuf für das nachfolgende Werk einen Anspruch, der vereinzelt zum ahistorischen Anforderungskatalog wurde.

Beispiele internationaler Resonanz
Brauns Gedichtband erschien 1974 im Suhrkamp-Verlag und 1977 in einer Übersetzung von Alain Lance in Paris. Ausgewählte Gedichte sind in internationalen Lyrikanthologien enthalten. Die Literaturwissenschaft des Auslands hat Brauns Band auf verschiedene Weise herangezogen, wenn es um die Charakteristik der DDR-Literatur der siebziger Jahre ging.
Die Rezeption in der BRD vermag besonderen Aufschluß über Wandlungen im Umgang mit dem Gegenstand DDR-Literatur zu geben. Schon in den zahlreichen Besprechungen nach dem Erscheinen des Bandes in der BRD war erkennbar, daß er als „symptomatisches Buch“ für einen neuen Entwicklungsabschnitt der DDR-Literatur fungiert. Bei aller Unterschiedlichkeit der Wertungen im einzelnen wird die behauptete und in einem gewissen Sinne gewünschte Signalwirkung des Bandes im wesentlichen aus folgenden Überlegungen abgeleitet: Mit diesen Gedichten verabschiede Braun ein Lyrikkonzept, demzufolge der Dichter ein Agitator sei, „affirmatives“ Pathos werde abgelehnt, ein Grundton „fragender Skepsis“ werde bestimmend, die Gedichte wiesen auf „Mißstände im eignen Haus“,40 sie „demonstrieren die Schwierigkeiten mit erfahrbarer Realität“.41 Die Signalwirkung des Bandes wird aus den kritischen Passagen über das Noch-nicht-Erreichte in den Beziehungen und „Praktiken“ der sozialistischen Gesellschaft in einigen Gedichten abgeleitet, wobei nach dem Kontext, der Einordnung dieser Elemente in das Gesamtgefüge des Bandes nur unzureichend oder gar nicht gefragt wird. Sie werden isoliert und zum eigentlichen Anliegen und Verdienst des Bandes deklariert. Das gilt für Texte wie „Eigene Kontinuität“, „Undiplomatische Äußerung“, in gewissem Sinne auch für „Allgemeine Erwartung“. Die Herauslösung dieser Texte bzw. einzelner Verse aus anderen Gedichten wird als Untermauerung z.B. folgender These benutzt:

Es geht um nichts Geringeres als darum, die bestehende Ordnung – der DDR – im Blick auf ihre erklärten Ziele in Frage zu stellen.42

Dieser Strang der Rezeption in der BRD, er macht das Hauptgewicht aus, ist durch eine gewisse Unentschiedenheit in der Bestimmung der politisch-weltanschaulichen Position des Autors gekennzeichnet. So schwanken die Einschätzungen zwischen den Wertungen „Systemkritiker“ und „Opportunist“. Die einen feiern ihn als Kritiker des realen Sozialismus in der DDR wobei das Verhältnis von Realität und Ideal in den Gedichten aufgesucht wird:

Volker Braun hat erkannt, daß die ständige Antizipation des ideologisch Gewünschten den Menschen von heute um seine gewiß bescheidenen, doch konkreten Glücksmöglichkeiten bringt.43

Andere Rezensenten können angesichts der kritischen Töne in Brauns Gedichten, die gerade aus der Position eines an der sozialistischen Revolution Beteiligten erwachsen, ihre Enttäuschung nicht verbergen:

Im Augenblick der Wahrheit versagt er […] Braun macht – um es mit aller Deutlichkeit zu sagen – die Konzessionen eines Opportunisten.44

Eine Reihe linker Kritiker und Literaturwissenschaftler aus der BRD und Frankreich gewinnt einen anderen Zugang zu den Texten Brauns, der eine Art gegenläufigen Rezeptionsstrang zu dem vorgenannten bildet. Claude Prévost würdigte in der l’Humanité Braun als Dichter des Widerspruchs und als „Dialektiker des Wachstumsprozesses“:

Nichts ist seiner [Brauns – I. P.] Vorstellung fremder als ein Sozialismus, der als stilles Gewässer dargestellt wird.

In Prévosts Besprechung geht es kaum um einzelne Gedichte des Bandes, sondern um die Kennzeichnung der Haltung eines Schriftstellers, der sich produktiv-kritisch als Teil jener Bewegung begreift, die in seinem Lande vonstatten geht.45 Interessant ist, daß einige Kritiker Brauns Band für die Leser im eigenen Land als wichtig erachten und dies unterschiedlich begründen. In der BRD geschah das mit Bezug auf einzelne Fragestellungen, z.B. in den Landschafts- und Naturgedichten des Bandes. In ihnen werden Probleme aufgegriffen – etwa Folgen des wissenschaftlich-technischen Fortschritts für die Landwirtschaft, Umweltverschmutzung u.a. –, die in der BRD ebenfalls zur Diskussion anstehen. So heißt es bei Peter von Becker in der Süddeutschen Zeitung:

Ich kenne keinen lebenden deutschen Schriftsteller, der in die Beschreibung von Natur und Landschaft den Prozeß der Industrialisierung mit solch selbstverständlicher sinnlicher Schönheit fernab aller spekulativen Hochofenromantik einbezogen hätte wie Volker Braun.46

Die französischen Kritiker Marc Petit und N. N. begründen die Bedeutsamkeit der Gedichte auch für Leser, die unter anderen gesellschaftlichen Bedingungen leben, mit den utopischen Momenten, die der Band enthält. Petit arbeitet heraus, wie Braun – an Hölderlin und Brecht anknüpfend – eine dialektische Sicht auf die Geschichte poetisch umsetzt. („Prag“ und „Marx“ seien gleichermaßen anwesend.) Diese Sicht münde im Band ein in eine große utopische Vision der Menschheit, die für Leser außerhalb der sozialistischen Gesellschaft ebenso erregend und bedeutsam sei wie für die Leser in der DDR.47
Überraschende Wirkung: Brauns Gedichte auf der Bühne Verschiedenartige künstlerische Aufnahmen der Gedichte von Braun ergänzen das Bild einer weitgehend „unauffälligen“, in Kreisen von Spezialisten jedoch sehr nachhaltigen Wirkung. So finden sich in Lyrik und Prosa der siebziger und beginnenden achtziger Jahre verschiedentlich Bezüge zu Texten aus der Symmetrischen Welt – angefangen von einzelnen Zitaten (z.B. Brauns Frage bzw. Behauptung „Das kann nicht alles sein“ in Armin Müllers Der Magdalenenbaum oder Erich Loests Es geht seinen Gang) bis hin zu größeren thematischen Bezügen und zur Verwendung analoger lyrischer Verfahren (z.B. in Bernd Rumps Lied „Kann das schon alles sein?“48 oder Heinz Czechowskis „Unwirsche Auskunft“).49 Die Wirkung literarischer Werke auf nachfolgende Literatur ist keine Besonderheit Braunscher Texte, sondern ein Merkmal, das in der DDR-Literatur der siebziger Jahre auffällig wird: In neuentstehende Werke gehen Texte der DDR-Literatur aus den vorangegangenen Jahrzehnten bereits als poetische Vorgeschichte, als geschichtlicher Bezugspunkt ein.
Eine Wirkung besonderer Art dagegen erfuhr Brauns Band durch ein Experiment des Berliner Ensembles: 1978 hatte hier der Volker-Braun-Abend 1: Gedichte und Lieder Premiere, dessen Programm im wesentlichen mit Texten aus dem Band bestritten wurde. Der Braun-Abend wurde 21 Mal aufgeführt, erfuhr jedoch kaum eine öffentliche Besprechung. Nach dem Mitschnitt zweier Aufführungen wurde 1980 eine Schallplatte produziert, auf der neun Texte aus der Symmetrischen Welt zu finden sind.50 1980 wurde der Volker-Braun-Abend 2: Allgemeine Erwartung aufgeführt und ebenfalls auf einer Platte aufgezeichnet. Der zweite Abend enthielt spätere Gedichte Brauns; Höhepunkt des Abends war jedoch eine einzigartige szenisch-dramatische Rezitation des Gedichts „Allgemeine Erwartung“ durch Ekkehard Schall.
Über den ersten Braun-Abend kann nur noch anhand des Plattenmitschnitts geurteilt werden, der die lebhaften Reaktionen des Publikums, dessen Beifall und Lachen, mitgibt. Der Eindruck ist überraschend: Brauns Gedichte werden von den Schauspielern (Arno Wyzniewski, Barbara Dittus, Renate Richter, Ekkehard Schall u.a.) mit einer Freude, Leichtigkeit und Frische vorgetragen, die einen unerwarteten Zugang zu den Texten ermöglichten, ihnen ein „[n]icht zu verwischendes Gesicht“,51 geben. Im Vortrag erwiesen sich die Gedichte im eigentlichen Sinne als Sprechgedichte, wurde Wort-Setzung als Sinn-Gebung erlebbar.52 Der freie Rhythmus offenbarte sich wie selbstverständlich in seinem Bezug auf das gesprochene Wort, auf den Gestus der alltäglichen Rede – die ja in gewisser Weise in bestimmten Situationen auch szenischen Charakter hat, der von den Akteuren „ausgespielt“ wurde (etwa in der Interpretation des Gedichts „Aussage des ungarischen Ingenieurs Lajos K. vor der Konfliktkommission“ durch Jaecki Schwarz). Die ironische Hintergründigkeit vieler Textpassagen erschloß sich durch die Leichtigkeit der schauspielerischen Interpretation, wurde nacherlebbar als souveräne Haltung von Leuten, die etwas geleistet haben, sich aber nicht zufrieden geben. In diesem Sinne stellte sich das Einvernehmen mit dem Publikum her:

Und das war die Paradoxie des literarischen Ereignisses: Drängende, unbequeme, kritische Gedanken zu einem großen, atemberaubenden Thema wurden so formuliert, so dargeboten, daß dies ein Abend der Kunst wurde, des Genusses an Sprache und denkerischer Eleganz, ein Abend auch erregend-lustvollen Gelächters […]. Bestimmend blieb aber das öffentliche Nachdenken über Kommunismus, über die ,allgemeine Erwartung‘ an unser Leben, in diesem Staat nach jener Kette von Kämpfen, die ihn erst ermöglichten, bestimmend blieb die Reflexion über den realen Sozialismus.53

Was hier von einer Theaterbesucherin treffend beschrieben wird, ist alles andere als die „Paradoxie des literarischen Ereignisses“. Durch das kollektive Erlebnis der Gedichte erst wurden sie zum „Vorgang unter Leuten“. Es wurde in Gang gesetzt, worauf sie aus sind: Impulse zu geben, über unser Leben hier und heute und künftig nachzudenken, über die gemeinsame Sache vieler, die es zu verändern und gestalten gilt. Hört man die Gedichte, die jetzt schon zehn und mehr Jahre alt sind, wird erlebbar, wie aktuell sie sind.

Ingrid Pergande aus Ingrid Pergande, Ulrich Kaufmann (Hrsg.). „Gegen das GROSSE UMSONST“. Vierzig Jahre mit dem Dichter Volker Braun, 2009. Erstdruck unter dem Titel „Politische Poesie als Vorgang zwischen Menschen. Volker Brauns Gedichtband Gegen die symmetrische Welt“. In: Inge Münz-Koenen (Hrsg.): Werke und Wirkungen. DDR-Literatur in der Diskussion. Leipzig Reclam 1987, S. 214–255 [Dort unter dem Namen Ingrid Hähnel]

Schöne Bilder von Zukunft

– Über den Gedichtband Gegen die symmetrische Welt von Volker Braun. –

Volker Brauns frühere Gedichte (etwa „Provokation für mich“) waren außer von Hölderlin auch von Majakowski beeinflußt, in den oratorischen Wechseln wie auch in dem Anspruch, die junge DDR-Geschichte nicht als lyrischer Kommentator zu begleiten sondern, wie eben Majakowski, der nicht über sondern für die Revolution schreiben wollte, als Mithandelnder.
Viel davon hat sich bis in die heutigen Gedichte erhalten, viel Antithese, Affront und listiges Fragen. Nur das selbstsichere Pathos steckt in diesen Gedichten nicht mehr. Es ist mit den Jahren des Aufbruchs, der Landgewinnung und des Einlebens im Kombinat und Kollektiv dahin, wie bei uns einige Abwehrhaltungen gegen Restauration dahin sind. Dieses Pathos, das wie Siebenmeilenstiefel über kleinliche Erwägungen und Zweifel hinwegging, ist Differenzierungen gewichen, einem Blick für Ambivalenz, an dem allerdings nicht Resignation klebt oder Anpassung.
Der Titel Gegen die symmetrische Welt ist programmatisch, und seine Verbindlichkeit geht ohne weiteres über Staatsgrenzen hinweg. Symmetrie im Sinne effizienter Menschenverwaltung wird überall angestrebt. Die ist auch leicht übersetzbar in „fortschreitende Entfremdung“, in Realitätsverlust, schließlich: eine wohlgeordnete programmierte Ereignislosigkeit.
Volker Braun läßt sich auch ein bißchen kosmopolitische Dekadenz durchgehen, die die Bedeutung eines spezifischen Fortschrittsbegriffs und allzu fixierte Wertkategorien auf ein wahreres Maß zurückholt. In diesem Sinne sind seine Gedichte strategisch, ungefährlich nur in dem Maß, in dem ihre Gefährlichkeit unerkannt bleibt – fast nur eine Frage nach der Auflagenhöhe. Sie sind, was sie de facto leider nicht sein können: die Wiedereinführung des Zweifels im Sozialismus.
Trotz aller Unterschiede ist es nicht so erstaunlich, daß heute in beiden Staatsgesellschaften ähnliche Gratwanderungen unternommen werden zwischen Zuversicht, sogar dosierter Affirmation einerseits und Skepsis und krimineller Phantasie andererseits. Auf dem Umweg über das früher angestrebte „wir“, das ein elitär gestimmtes „ich“ ersetzen sollte, hat Volker Braun Subjektivität gewonnen, ein neues Ich.
Historisches Bewußtsein ist nicht mehr Abklatsch einer offiziellen Geschichtsdoktrin, sondern kreatürliche Erinnerung, Ballung vieler vergangener und zukünftiger Möglichkeiten:

Ich, gemodelt aus vieler Geschlechter Stoff
Die ich in mir spüre, einer gemischten
Gesellschaft Fortsatz

Aber ziellos geht deshalb die Geschichte nicht, wenn auch Brauns Phantasie mit der Uhr spielt, die zwangsläufige Chronologie aufhebt. Gegen diese zwangsläufige Chronologie setzt er Ansprüche, die – es ist schwierig für dieses Wort ein besseres zu finden – utopisch sind.

ENTSCHEIDENDE ENTDECKUNG

An diesem Morgen ist die Straße
Voll halb geöffneter Lider
Ein Getümmel von Brüsten in den Kaufhallen
Ein Wogen von Achselhöhlen.
Rolltreppen, von Gefühlen überladen.
An jeder Kreuzung öffnen sich
Meine Glieder in vier Richtungen
Des Lebens, jede leuchtend und einfach.
Die Menschen blühn auf einmal aus sich
Wie ein Feld von Mohn, wie ein Feld
Von zarten Gedanken, die sich einander zudrehn
Und einander entfalten. Und mein Kopf
Liegt noch immer
Im beharrlichen Gras deines Schoßes.

Überall in den Gemetzeln, in den „Hoffnungen aller vergeudeten Zeiten“ suchen Menschen, Städte, Länder, sucht die Geschichte erst nach „der Form des Lebens“. Schön sind in diesen Gedichten die aufzuckenden, noch nicht konturierten Bilder von Zukunft, wie vom Blitzlicht herausgeschält; sie sind, obwohl noch Sprache, schon wahr und wirklich.
In dem Gedicht „Allgemeine Erwartung“ heißt es, daß „die Maschine läuft“, Stromverbrauch und Krankenstand gesenkt werden, „das Volkseigentum gemehrt“ – „das kann nicht alles sein“. Und Aufbau – was ist das, wenn aufgebaut worden ist?

Alles, klagt er
Steht! keine Ruinen, nix Trümmer
Schade, schade. Man hätte etwas
Erhalten sollen!

So drückt sich nicht falsche Sehnsucht aus, sondern der Wunsch, das Aufgebaute solle wahrer sein, indem es das Nichtaufgebaute sichtbar miteinschließt.
Strategische Poesie – dieses Etikett ist bei aller Fragwürdigkeit keine Übertreibung, wenn man an die übertriebene Bedeutung denkt, die der Literatur in sozialistischen Ländern beigemessen wird. Es ist zwar kaum so, daß ein Autor in staatliche Entscheidungen eingreifen kann, aber der Staat traut es ihm paradoxerweise zu. Und deshalb wohl nimmt er oft Ärgernis – zu hoch angesetzte Angst. 

Was soll ich noch
Hinnehmen als ruhmreiche Strategie:
Oder erklärbare Taktik:
Oder als Witz?

Gemeint ist das realpolitische Techtelmechtel der DDR mit Spaniens Franco, dessen Gesicht auch im Neuen Deutschland durch Abdruck geehrt wurde.
Volker Braun fürchtet mit Recht die symmetrische Welt in seiner Gesellschaft, und er legt, wenn nötig, auch sein Eigengewicht auf die Goldwaage, die „oben“ für Wörter bereitsteht. Die Schönheit seiner Gedichte ist eine schwierige Schönheit, sperrig gegen zu leichten Konsum. In ihrer Form steckt ein guter Widerspruch zu den Inhalten, aber auch ein Anspruch der Form auf bessere Inhalte, der Anspruch der Fiktionen an die Fakten.

Nicolas Born, 1974, aus Nicolas Born: Die Welt der Maschine, Rowohlt Verlag, 1980

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Reinhard Baumgart: Gegen die symmetrische Welt
NDR III (Bücherjournal), 22.2.1975

Peter von Becker: Utopischer Realismus. Volker Brauns dritter Gedichtband
Süddeutsche Zeitung, 11.2.1974

Nicolas Born: Volker Braun: Gegen die symmetrische Welt
Sender Freies Berlin (Das neue Buch), 2.1.1975

Karl Corino: Ich bin bis ins Innere ruhig. Die politischen Gedichte des DDR-Lyrikers Volker Braun
Stuttgarter Zeitung, 7.12.1974

Sigrid Damm: Jeder Schritt, den ich tu, reißt mich auf
Neue Deutsche Literatur, 23. Jg. Heft 4, April 1975

Eberhard Haufe: Poesie der rigorosen Dialektik
Thüringer Tageblatt, 8.2.1975

Hans-Jürgen Heise: Ich steig aus den Parolen…
Die Welt, 24.12.1974

Helmut Hirsch: Gegen die symmetrische Welt
Berliner Rundfunk (Blick in neue Bücher), 11.2.1975

Manfred Jäger: Gegenwart schreit nach Veränderung. Zweifel an der symmetrischen Welt. Gedichte von Volker Braun
Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt“, 12.1.1975

Peter Jokostra: Geröll einer verschlackten Sprache. Volker Brauns Gedichte
Rheinische Post, 18.1.1975

Yaak Karsunke: Selbstbewußtes Ungenügen. Die neuen Gedichte von Volker Braun
Frankfurter Rundschau, 22.3.1975

Werner Liersch: Gegen die symmetrische Welt
Stimme der DDR (Die Rezension), 25.1.1975

Rulo Melchert: Zwei Länder geben mehr an Spaß her
Junge Welt, 7.3.1975

Rulo Melchert: Eingang in eine Dichterwelt
Sächsische Zeitung, März 1975

Heinrich Vormweg: Gegen die symmetrische Welt
Westdeutscher Rundfunk (Kulturelles Wort), 25.3.1975

Jürgen P. Wallmann: Frage nach der Gegenwart
Nürnberger Nachrichten, 10.1.1975

Jürgen P. Wallmann: Ein Propagandist verzichtet auf Parolen
Der Tagesspiegel, 2.2.1975

Klaus Walther: Dichtung in unserer Zeit
Freie Presse, 10.1.1975

 

Volker Braun: Nicht nur der Kunst ist der Menschheit

Würde in die Hand gegeben

Aber Marx wußte was er sagte, was weiß ich?
In diesem neunzehnten Jahrhundert, voll
Von nackten Tatsachen, und keine Kunst
Die sie auffraß, sah man noch durch
Auf den Tag, an dem die Ketten reißen.
Was immer kommen mußte, schrecklicher
So rettender wars. Das hätte schwächeres Fleisch
Befeuert fortzudenken. Die große
Gewißheit der Klassiker und die langen
Gesichter der Nachwelt. Wohin soll ich denken?
Nach vorn immer durch den Vorhang von Blut
Der Blick auf die Kulissen und nicht hinter.
So viele Kunst und hat nichts zu bedeuten.
In der Vorstellung verbrauchen sich die Köpfe.
Was immer kommt ist besserschlechter oder als.
Was mir die Augen, öffnet nicht die Lippen.

(Volker Braun: „Rechtfertigung des Philosophen“)

Die sichtbaren Veränderungen, die nicht nur im Tonfall der Gedichte sondern im Denken der Dichter vor sich gegangen sind – eine grassierende Desillusionierung der Vorstellung von Wirklichkeit und Geschichte in den Köpfen der Zeitgenossen – Volker Brauns Gedichte aus den letzten Jahren zeigen sie wie eine transparente Folie: Verse disparater Gedanken, Verse gebrochener Gefühle und betroffener Zäsuren: „Was mir die Augen, öffnet nicht die Lippen…“. – Suchten andere Autoren das allgemeine gesellschaftliche Dilemma in der Parabel zu treffen, Metaphern der Bitterkeit, berechtigter Enttäuschungen, demonstrativer Aversion oder resignativer Mahnung, ging Braun das Übel konkret an, stellte sich, stellte sich in Frage, streitbar und damit angreifbar. Sagten andere: „Nein“, sagte er „Ja, aber“. Einseitigkeiten sollten seine Sache nicht sein, zumindest möchte er sie, soweit es von ihm abhängt, zu seiner Sache nicht machen, selbst nicht in einer Zeit, die außer schwarz und weiß keine Farben gelten lassen will:

Womöglich war es mein Fehler
daß ich mich nicht entschloß
in Schwarz zu gehn oder ganz in Weiß
zu den vorgeschriebenen Stunden

Weder Resignation noch Ressentiment scheinen ihm jetzt angemessen, weder lange genug geübte Zusage noch trotzige Absage, wie wir sie nicht selten lesen. Nur der Vers geht ihm nicht mehr glatt von der Zunge, der fällt, sich selbst unterbrechend, ständig mit wenn und aber ins gültige Wort; schwierige Selbstbehauptung hält ihn lebendig, Leben, das durch Widerrede und Zweifel sein tägliches Recht fordert. Er liest wieder in den Briefen Georg Büchners:

Der Gedanke, daß für die meisten Menschen auch die armseligsten Genüsse und Freuden unerreichbare Kostbarkeiten sind, machte mich sehr bitter…

und er kommentiert:

Hier herrscht das Experiment und keine steife Routine.
Hier schreit eure Wünsche aus: Empfang beim Leben…

Der jugendliche Elan, den man emotional-ungestüm und messianisch die Versperioden vorantreiben sah, dieser Elan ist jedoch längst einer nachdenklich-stockenden Nüchternheit gewichen, die sich nur hartnäckig an einen Satz, wie den historischen von Thomas Müntzer, als noch mögliche Zuflucht hält: „Ich kann es nicht anders machen“ (wer hätte nicht dazu gleich den Satz von Müntzers Gegenspieler Luther: „Hier stehe ich…“ parat?) Von „experimentieren“, gar von „herrschen“ kann die Rede da nicht mehr sein, nicht von Wünschen oder selbst von „allgemeinen Erwartungen.“ Bleiben nur Stufen der Erfahrung:

Um nicht zu stolpern, falln den Hals zu brechen
Hinab und hinauf, die Knochen schneller
Als der Verstand, oder viel verstehend
Hocke ich da, lachend über die Gangart
Der Mitbürger auf demselben Terrain
Das sie trickreich bewohnen. Was zum Teufel
Kratzt mich untern Sohlen auf dem Marsch
Ins Morgen. Gestern wußt ichs aber heute
Muß ichs lernen. Stufen…

Diese Stufen gehts mühsam, manchmal holpernd hinauf oder auch wieder hinab wie im Gleichnis vom Besteigen hoher Berge, und die einstige Verheißung ist nur noch ein „geflügelter Satz“:

Wir, die wir einst nichts zu verlieren hatten
Als unsere Ketten, aber eine Welt zu gewinnen
Fragen uns nun erbittert:
Was haben wir gewonnen?
Was ist das für eine Welt?

Solche Fragen, grundsätzlich gestellt, nicht Äußerungen gekränkten zeitweiligen Unmuts oder achselzuckender Abkehr, können so absolut nicht mehr beantwortet werden, schon gar nicht mit formelhaften Argumenten, ideologischen Sprüchen, selbstermutigenden Slogans, wie sie auch Braun einst gern hatte. Das selbstgemute „Wir“ früherer Gewißheit spricht sich im monologisch abwägenden oder den Dialog mit einem Adressaten suchenden Vers vorsichtiger als „ich“ aus, ein Ich, das sich allerdings nicht außerhalb von Gesellschaft sieht, im Gegenteil. Je mehr es sich zur Gesellschaft kritisch stellt, ihr nur umso peinigender verbunden und verkettet ist es:

Ich den alles trifft und der alles vergißt
Ich begegnete mir in der erregten Menge…
Ich der alles trifft und den alles vergißt
Mit dieser offenen Wunde in den Gedanken.

Dieses Ich verleiht sich selbst ein Statut seiner Dauer und Hinfälligkeit, und das Statut gleicht allen zeitlich beschränkten Statuten von Organisationen oder Parteien – es vergeht mit ihren Zwecken. Brauns Gedichte sind jetzt weder aufrufend noch meditierend, weder traurig noch optimistisch, weder linientreu noch revisionistisch – sie stehen jenseits solcher beschränkten Kategorien.
Manche werden über den Autor den Kopf schütteln, daß er sich noch immer oder noch immer wieder mit den „brennenden Fragen unsrer Bewegung“ (Lenin) herumschlägt, andere werden ihn – wie immer – verdächtigen, daß er es auf diese freimütige, direkte Weise tut. Daß er für seine Vorstöße Rückschläge in Kauf nimmt, taktische Rücksichten, Rückzüge, die nicht elegant aussehen, wenn er noch eben radikal vorgebrachte Schlüsse wiederum zur Position stellt – wer wirft auf ihn den ersten Stein?
Brauns Gedicht entsagt der geschlossenen Form, sein Sprecher verweigert sich der Lockung ins metaphorische Alibi – er kann sich aus den anstehenden Konflikten nicht heraushalten bei Strafe seines Talents, das Gedicht ist ihm „Material“ für den „Stoff zum Leben“, so nennt er einen Zyklus, geschrieben 1975/76, in welchem die Verse selbst in die erregte Debatte eintreten, in lyrische Prosa, in den dramatischen Dialog – es ist vielleicht das elementarste Stück seiner Dichtung überhaupt, ein mit bohrender Selbstbefragung vehement vorgetragener Text, der eben aus den bisher geübten Formen gerät. Klassische Zitate sind dem Text einmontiert, auf Zitate wird mit tatsächlicher Erfahrung allergisch reagiert. „Material II: Brennende Fragen“:

Früh um fünf im Train Bleu
Zwischen den schwarzen leeren europäischen Hügeln
Der Mann und die Frau, seine Hand an ihrem Leib.
Die Dämmerung rollt in die nassen Wiesen
Ihre Körper gleiten auf den Schienen nebeneinander
Und berühren sich auf dem Schotter der Masten
Plastikmüll quietschende Bremsen (was brauche ich)
An Stoff für dieses berührende Gedicht?)
Fahl ein Streif fließt in ihren Augen und wächst
Nach oben, sie wirft sich zurück
Ins Polster gepreßt, seine Hand noch immer
Oder ein Bach aus der Landschaft springt über Geröll

Mit zuen Augen, die schöne Bourgogne:
Durch die Scheiben fällt Wasser durchsichtig grau
Mit Muscheln und Kies, ein sinnliches Meer
Von Dächern und Fensterflügeln, in die Sonne bricht
Unvermutet. Die Bäume und Stangen
Greifen in ihre Brüste in ihren Schoß
Während Frankreich verschwimmt, oder wie hieß das Land?
Felder von durchdringendem Licht und sieben Himmel
Vor den Augen nichts, aber das alles in ihr
Rast durch sie, sie krümmt sich, sie schluchzt
Sie öffnet die Augen um acht auf die fremde
Stadt: unter den Gleisen rasselnd. Was hat sie gesehn
Von der Landschaft? nichts (aber was sah sie denn?
Was ist ein Gedicht: auf dem weißen internationalen
Papier, ein Stoff
Zum Leben?) sie lächelt hinaus…
Was fühlst du
in der Umarmung?
Die nackten Tatsachen Für einen Kuß
In der ,Stunde der Politik‘ (,des Weltfriedens‘, ,der Klassik‘)
Die Intensivschicht
aaaaaaaaaaaaaaaain der Mundhöhle, die Stellungnahme
(Du bist blaß, Luise?
Es ist nichts. Du bist ja da. Es ist vorüber.)
Mit der Zunge
aaaaaaaaaaadas Geschlecht streicheln, die Berichte
Das Kollektiv
aaaaaaaaaaaeine bleibende Empfindung
,Du bist nicht bei der Sache‘ – ,Wo du dauernd quatscht‘
(Willst du mir ein Glas Limonade zurecht machen.)
EVP –, 53, Flaschenpfand, Plandiskussion
Im offenen Fenster die Abgase, die brennden
Fragen

in deinen Augen, und die Fernsehscheiße!
,Mußtn immer was aussetzen‘. – ,Hatn angefang!‘
,Ich habs satt wenns kein Spaß macht‘ – ,Denkst wohl mir‘.
,Wenn du mir nie zuhörst‘. – ,Immer dein Mist‘.
,Du liebst mich nicht‘.
aaaaaaaaaaaaaaaaaaes folgen die Spätnachrichten.
(Die Limonade ist matt wie deine Seele – Versuche!
Wendet sich, sobald sie das Glas an den Mund setzt, mit einer
plötzlichen Erblassung weg und eilt nach dem hintersten
Winkel des Zimmers.)
,Dann geh ich ebn fremd‘ – ,Ich halt dich nicht!‘
(Die Limonade ist gut.)
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaDie Worte Schwanz, Brust etc.
Überhaupt Worte (Reizwörter, Sprach-
Regelungen, Memoranden zwischen den Zeilen
Zu entziffern) haben mehr Wirkung
Als die Dinge
aaaaaaaaaaawarum? weil sie verdecken
Verallgemeinern, vervielfältigen
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaweil sie verdecken was fehlt
Was fühlst du? So vieles geschieht
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaazu zweit
Ist die Welt am deutlichsten, unausweichlich
(Wenn du meinst was ich meine). (So meine ich es doch nicht.)

Schluß! sage ich, um bei der Sache zu bleiben
In diesem Gedicht                 im kühlen Abend
aaaaaaaaaruhen, auf den Rückenwirbeln
Auf dem Bett, in der Mundhöhle
In den Möglichkeiten
aaaaaaaaaaaaaaaaaaim offenen Fenster
So vieles geschieht! Schluß!
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaund das Einsundalles
Ist nichts ohne das andre
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaKannst du nicht schweigen?
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaadas fehlt, das Ganze
Das zwischen uns liegt (was fühlst du jetzt?
Ich kann es nicht sagen.)
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaadas Gerücht der Gedichte

Im offenen Fenster
aaaaaaaaaaaaaaaarußig, undeutlich
Erheben sich die Fragen
In Zeitungspapier gewickelt, namenlos
Ist das die Möglichkeit?
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaadie brennenden Fragen

Unsrer Bewegung
aaaaaaaaaaaaaaaauf dem Bett, auf dem Materialsektor
Undeutlich, unglänzend durch Anwesenheit
In deinen Augen                    in den Worten
aaaaaaaaadie ich darüber verliere.

Diesem Zyklus „Der Stoff zum Leben“; sind als Motto Verse aus T.S. Eliots The Wast Land vorangestellt – nach den hierzulande üblichen Attacken gegen diesen als dekadent verschrieenen Apologeten des Spätbürgertums allein schon eine Blasphemie. Und blasphemisch geht Braun hier generell seinem Stoff zu Leibe, travestiert im 1. Material Goethes berühmte Zeile „Wie herrlich leuchtet mir die Natur“ nicht nur durch poetische Brechungen, sondern indem er sie strikt durch die eigene Daseinssituation in Frage stellt: wie im Zeitraffer wechseln Szenen, Gespräche, Kommentar und Zitat, sinnlicher Akt mit abstrakter Reflektion, um die brennenden Fragen der Zeit in ihrer Bewegung zu erfassen.
Solchen Situationslyrismen werden historische Begebenheiten entgegengesetzt, Material gibt am Beispiel Che Guevaras die tödliche Problematik aktueller Historie.
„Die Suche nach dem Stoff (zum Schreiben, zum Leben), um gegebenenfalls den Tod zu finden“ – sie wird selbst Struktur dieser Texte, um die „Mechanismen des Zeitalters auseinanderzuschrauben, die Beziehungen zu zerfasern nach dem geheimen Blut der Geschichte.“ Wir können hier nur Fragment-Zitate für einen großen Zusammenhang geben. – Im prosaischen „Höhlengleichnis“ schließlich stoßen wir im Schlußsatz auf das Motiv, das seinem neuen Gedichtband den Titel gibt:

Aber in dieser Zeit begann ein neues härteres Training, des schmerzhaften und wunderbaren aufrechten Gangs.

Dieser Satz zielt auf einen wichtigen kritischen Aspekt. Ernst Bloch, bei dem Bild und Begriff vom aufrechten Gang philosophisch interpretiert werden – er erscheint schon in Herders „Ideen zur Philosophie der Geschichte“ – entwickelt ihn bei Betrachtung des Naturrechts und gibt ihm eine utopische Größe. Bloch sagte 1965 in einem Interview dazu:

… daß das Naturrecht, das Recht auf menschliche Würde, vom Bürgertum in der Aufklärung ausgebildet, nicht in den Marxismus hineingekommen ist. Die sozialen Utopien betrachtet Engels als Vorstufen zum wissenschaftlichen Sozialismus, das Naturrecht dagegen, das (…) die kämpferische Ideologie für die Herbeiführung und Ermöglichung von aufrechtem Gang ist, das ist nicht aufgenommen worden (…) Die Abschaffung des Zustandes, in dem es Mühselige und Beladene gibt, das ist das Thema der sozialen Utopien gewesen, dann das Thema des wissenschaftlichen Sozialismus. Dagegen die Abschaffung des Zustandes, in dem es Erniedrigte und Beleidigte gibt (was eine ganz andere, nicht ursächlich getrennte, aber doch andere Sphäre darstellt), diese Art Abschaffung ist nicht theoretisch vom Marxismus durchdacht worden. Infolgedessen haben wir heute praktischen Anschauungsunterricht schrecklicher Art, daß die bloße Vergesellschaftung der Produktionsmittel nicht die Springquellen des gesellschaftlichen Reichtums in Gang setzt (…) Die staatskritischen Prämissen (…) – dieses: Wie rette ich den einzelnen Menschen vor dem Staat? sind nicht zu Ende gedacht worden (…) Also das Subjektive nicht als ein Ersatz für die materiellen gesellschaftlichen Kräfte, sondern als der zweite Akt, der zugleich im ersten Akt, in der ökonomischen Bewegung mit enthalten ist, damit das Leben gesellschaftlich in Ordnung kommt und es nicht zwei Arten von Menschen gibt, Herren und Knechte…

– Volker Braun, „Ist es zu früh. Ist es zu spät“:

Der Sommer ist vor der Tür.
Die hellere Zeit. Und starr noch
Blüht alles, die Gedanken. Wie wenig frei
Gehn wir aus uns, und hängen
In unsern Häusern. Und was sind das für Genossen
Ungleich selbst, und dulden die Räubereien
Hinter den Meeren
Oder Preußens Pfützen…
Ist es zu früh. Ist es zu spät.

Ein Loch brechen in die Reden
Und sehn, wie wir uns selbst
Zu gemalten Männlein machen. Unter die alten
Töpfe schmeißen, aus denen wir ewig
Fressen, daß wir nicht reif sein
Uns zu geniessen. Das Freudigste
Im Zorn sagen
Um bei Sinnen zu bleiben.
Ich kann es nicht anders machen.

Braun hat diese selbstkritischen Erwägungen Thomas Müntzer gewidmet, weil ihm die Historie ständig Muster für die eigene prekäre Lage zu bieten scheint. Er notiert beim Lesen der Briefe Georg Büchners:

Wir ehren Müntzer, wir ehren Heine, wir ehren Lenin und wissen kaum, von wem wir reden. Diese Leute, gestehn wirs nur ein, sind noch immer kaum zitierbar (…) Müntzer: Sein Prager Manifest ist nicht so gänzlich verjährt; wie unsere Umarmung glauben machen will; man stelle den Mann nur auf die Bühne mit seiner ,ausgedrückten Entblößung‘, und er wird abgesetzt werden vor der ersten Vorstellung. Lenin: Das bloße Hersagen seiner Aprilthesen eine Provokation, das Aufzählen der Mitglieder seines Politbüros ein diplomatischer Skandal. Und das schreibe ich im sozialistischen Preußen und Sachsen; im kapitalistischen Hessen oder Bayern sind das noch Unpersonen (…) Wahrlich ,die Losung der Ulbrichtzeit hat ihren Sinn: wir haben diese Leute überholt, ohne sie einzuholen.

Wer so spricht weiß, daß eine deckungsgleiche Identität des Verses mit der wirklichen Gefühls- und Bewußtseinslage nur annäherungsweise zu erreichen ist, wenn Alternativen in der Realität fehlen.

Welche Verwüstung, welche Erbauung
in meinem beliebigen Kopf…

Und dieser Kopf, ist durchaus nicht beliebig, sondern nur wie jeder andere den oft sich selbst widersprechenden Widersprüchen ausgesetzt, auf denen er eigenwillig beharrt gegen die übliche verbreitete herrschende „im Kopf wohlgeordnete Welt“.

Wie mich dieses beliebige Jahr
getötet hat und belebt
Und entwaffnet bis an die Zähne…

Wie sie verkommen ist meine Freude
Erstochen von blanken Worten
Und wie sie überlebt wie eine zähe Katze
Überlebt und vor die Hunde geht
Und immer noch in mir zappelt…

Womöglich war es mein Fehler
Daß ich mich nicht entschloß
In Schwarz zu gehn oder ganz in Weiß
Zu den vorgeschriebenen Stunden.

Ich denke, wir gehören zu einer aussterbenden Art
Die es verlernt hat, sich gelten zu lassen
Und fröhlich fröhlich zu sein
Oder traurig

Und ich bin ein beliebiger Mensch und nicht zwei
Und dies zerreißt mich
Und das ist mein Fehler.

Sicher: Dieser beliebige Mensch ist nicht auswechselbar, wie ein beliebiges Jahr kein x-beliebiges ist, sondern wie die Vorkommnisse konkret; Vorkommnisse, die sich allerdings mit ihren harten Konflikten zwischen denkendem Individuum und funktionaler Gewalt auch in der sozialistischen Gesellschaft zäh wiederholen: Der Mangel an real existierender Freude. Volker Brauns Gedicht „Der Müggelsee“ jedenfalls, das ein bekanntes Muster aufnimmt und gleichzeitig zerstört, ist unschwer nach den Ereignissen vom November 1976 zu datieren, die nicht nur Freunde auseinanderrissen:

Aber am schönsten ist
Von des schimmernden Sees Traubengestaden her
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaain der Zeit Wirre
Die die Freunde verstreut roh
Vom Herzen mir, eins zu sein
Mit seinem Land, und

aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaGedacht
Mit Freunden voll das Schiff, fahre ich
Fort in dem Text, den der Ältere
Verlauten ließ, an einen anderen Punkt.

aaaaaaaaaaaaUnd auf den Bänken Bernd
Still lächelnd, Reiner, geblecktes Gebiß
Wolf schreind ein freches Lied
Und wir säßen im selben Boot

Auf der selben Welle noch, vor welchem Ufer
Ist mir egal und sei es getrockneter
Mist in Preußen, du kämest, Freude

Volles Maß auf uns herab!

Aber ich fahre hin, an den dunkleren Punkt
Der Geschichte, der ein froh Gesicht
Verzieht zur Fresse, und die beschämend
Schöne Natur geschenkt
aaaaaaaaaaaaaund Sarah vom siebzehnten Stock
Stürzt über die Mauer, ihr Liebes-
lied voll Raben! Raben!

Schwarz, unter Wasser.
Geblähte Fahnen. Aber aus dem Kahn
Kippen sie, die der Kurs fremd
Ankommt, oder von sturen
Schlägen gewippt in die Brühe.

Fröhliches Wasser

aaaaaaaaaaaaUnd sie gehen unter
Aus dem freudigen Text in den bitteren hier
Den ich knurre, ein Gram
Nicht des Schweißes wert.

Klopstocks Ode „Der Zürchersee“ von 1750 gilt als Beispiel der Hymne auf Natur und Freundschaft, mit der sich einst bürgerliches Selbstbewußtsein im Vorfeld künftiger Revolution im Gesange freispricht, der „Freude volles Maß“ in neuer Sprache zu feiern. „Schön ist, Mutter Natur, deiner Schöpfung Pracht…“: die Zeile steht am Beginn einer Epoche deutscher Lyrik. Klopstock beschreibt eine Fahrt auf dem Zürchersee, im Boot die Freunde, die bei Namen genannt werden, die Lieder der nicht anwesenden Freunde singend, und die Göttin Freude selbst ist mit ihnen – Freude, die Schwester der Menschlichkeit. Unsterblichkeit aber ist die Sehnsucht der Fahrenden – ein großer Gedanke, des Schweißes der Edlen wert, wenn ihre Lieder – wie es ja nun eingetroffen ist noch von den Enkeln gekannt werden:

O so bauten wir hier Hütten der Freundschaft uns!
Ewig wohnten wir hier…

Braun, dem Nachgeborenen am märkischen Müggelsee, der sich der Ode Klopstocks erinnert, sind freilich solche wohl gefügten Zeilen heute verwehrt. Die Fahrt mit den Freunden im Boot – er nennt sie, wie Klopstock einst, bei Namen – ist nur noch eine Fahrt, gedacht in der Phantasie. Nah sind sie ihm nur noch in diesem bitteren Text, der oft mitten in der Zeile jäh abbricht – „verstreut roh vom Herzen mir“, die Freunde Bernd Jentzsch, Reiner Kunze, Wolf Biermann – von gemeinsamer Fahrt und Freude ausgeschlossen. Brauns Verse, von Klopstock vorgegeben, vorgegeben ihr harmonisches Maß, stocken mitten im Takt:

Aber am schönsten ist
… eins zu sein
Mit seinem Land, und

Der Hymnus auf die schöne Natur ist nicht möglich, Harmonie von Umwelt und Bewohnern gestört, Freundschaft nicht realisierbar mehr, sondern Vision. Gesang bitterer Text, nicht des Schweißes wert. Und aus der Unmöglichkeit der vollkommenen Ode, aus der schroffen Absage, entsteht ein anderes Gedicht, das uns nun durch diese Verstörung berührt: Freundschaft dauert im gebrochenen Vers.
Wie hieß es doch:

Was mir die Augen, öffnet nicht die Lippen

Was ihn sprechen läßt, ist mit Händen nicht mehr zu greifen, das Gedicht ist Instrument der Utopie. Einer Utopie freilich, die nicht frei in der Luft schwebt, sondern sich auf die Kenntnis historischer Entwicklungen beruft. Braun notiert bei der Lektüre von Briefen Georg Büchners:

Ich studierte die Geschichte der Oktoberrevolution und watete durch das Blut der dreißiger Jahre. Ich sah mich gegen eine Wand von Bajonetten wandern. Ich spürte die Tinte der Lügen brennend auf meiner Haut (…) Die Fragen zu fragen, gestern tödlich, heute ein Schnee. Der Gesamtplan der Wirtschaft, das Tempo der Industrialisierung, der Sozialismus in einem Land: „die Partei ist kein Debattierklub“ – aber die Geschichte diskutiert die Fragen zuende. Viele Verräter von einst wortlos rehabilitiert durch den Gang der Dinge. Ein Gang blutig, hart, irrational: solange wir geduckt gehn, blind, unserer Schritte nicht mächtig. Die sinnlosen Opfer, weil wir die Gangart nicht beherrschen (es gibt notwendige Opfer), „Personenkult“, die feige Ausrede, die alles erklären soll, ein Augenauswischen. Statt einzuhalten im fahrlässigen Marsch, das Gelände wahrzunehmen, die Bewegung zu trainieren. Das Training des aufrechten Gangs.

Aus solchen Erwägungen beziehen Brauns neue Verse ihre unbequeme Dialektik – Dialektik, von der man so viel redet, und die doch so schnell ideologisch-positivistisch-pragmatisch-dogmatisch-realitätsfremd beiseitekritisiert wird, ihr Sprecher ein Abweichler, auf den man mit Fingern zeigt, wie der historische und deshalb aktuelle Ketzer Bruno:

Schwieriger Umgang mit dem Abweichler
Es hilft nicht, die Instrumente zu zeigen:
Er hat sie beschrieben.
Er beharrt, auf seinem feindlichen Standpunkt
Daß sich die Erde bewegt
Die Vernehmer glauben sich zu verhören
Im Knast agitiert er die Mönche
Als wüßten sie nicht wo Gott wohnt
Die Folter verfängt nicht: er singt ein Tedeum
Wohin mit ihm? die Hölle nimmt ihn nicht auf
Verbrennen wäre die Lösung, doch die ist nicht neu.

Brauns Gedichte sprechen eine deutliche Sprache, die aber unsere Deutung verlangt, das heißt unsere Mitsprache, denn darauf ist er aus. Er, den alles trifft und der es ablehnt, die verordnete Miene zu tragen zu den vorgeschriebenen Stunden, er, der auf die Geräusche seines Landes hört wie auf den eigenen Schrei, in die eigene Stille, ein beliebiger Mensch, mit uns vertrauten Ängsten und Hoffnungen, ein Dichter, der gesteht:

Ich sehe alles ein. Ich lebe gern.
Arbeite esse rede. Aber was
Ist das woran mein Kopf stößt…

Ein beliebiger Mensch, der sich selbst eine Satzung zu geben sucht, seine Irrtümer zu begründen, diese Arbeit, die ihn zerreißt, der Prozeß dauert an.

Ich bewege mich auf dem Boden der Gesetze
Gewiß doch, ihr Lieben!
Meines Herzens, das in jedem Körper schlägt
Legal und zerstörerisch, unzüchtig und sanft.

Ich vereinige die wirkliche Sehnsucht
Und die wirklichen Küsse
Die Verzweiflung und die Detonationen
Der Sinne.

Vor allem aber, entgegen dem äußeren Anschein
Versammle ich in mir
Die Freude, den unbedenklichen Stolz
Das Aufatmen bei der Ankunft
Der Wahrheit.

Sehr ihr, ich kann nicht reden von dem
Was ich schon weiß: nur von dem was ich entdecke…

Wie heißt es doch in Ernst Blochs Schrift Naturrecht und menschliche Würde“am Schluß:

Der rote Glaube war immer mehr als Privatsache, es gibt ein Grundrecht auf Gemeinde, auf Humanismus, auch politisch und im Zweck. Dazu war das fordernde Recht unterwegs. Die Eunomie des aufrechten Gangs in Gemeinsamkeit; nicht nur der Kunst ist der Menschheit Würde in die Hand gegeben.

Auch davon sprechen die Gedichte Volker Brauns.

Gerhard Wolf, die horen, Heft 124, 4. Quartal 1981

  

VOLKER BRAUN

Die landschaft seiner worte ist keine
sanfte gegend
mit stillen sammelplätzchen
ansichtskartenidyll

umgewandelt zu großen bauplätzen
liegen die wortfelder
offen und rissig

wer herkommt soll nicht
sich erbaun sondern mitbaun

Franz Hodjak

 

In der Reihe Klassiker der Gegenwartslyrik sprach Volker Braun am 9.12.2013 in der Literaturwerkstatt Berlin mit Thomas Rosenlöcher.

Welche Poeme haben das Leben und Schreiben von Karl Mickel und Volker Braun in der DDR und Michael Krüger in der BRD geprägt? Darüber diskutierten die drei Lyriker und Essayisten 1993.

 

 

Die Geschichte macht keinen Stopp von Peter Neumann. Ein Besuch beim Büchnerpreisträger Volker Braun, der den Weltgeist immer noch rumoren hört.

 

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Katrin Hillgruber: Der ewige Dialektiker
Der Tagesspiegel, 5.5.2019

Rainer Kasselt: Ein kritischer Geist aus Dresden
Sächsische Zeitung, 7.5.2019

Hans-Dieter Schütt: Die Wunde die bleibt
neues deutschland, 6.5.2019

Cornelia Geißler: „Der Osten war für den Westen offen“
Frankfurter Rundschau, 6.5.2019

Helmut Böttiger: Harte Fügung
Süddeutsche Zeitung, 6.5.2019

Erik Zielke: Immer noch Vorläufiges
junge Welt, 7.5.2019

Ulf Heise: Volker Braun – Inspiriert von der Widersprüchlichkeit der Welt
mdr.de, 7.5.2019

Oliver Kranz: Der Schriftsteller Volker Braun wird 80
ndr.de, 7.5.2019

Andreas Berger: Interview zum 80. Geburtstag des Dresdner Schriftstellers Volker Braun
mdr.de, 7.5.2019

 

 

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shi 詩 yan 言 kou 口

 

Bild von Juliane Duda mit den Übermalungen von C.M.P. Schleime und den Texten von Andreas Koziol aus seinem Bestiarium Literaricum. Hier „Der Volkerbraun“.

 

Bild von Juliane Duda mit den Zeichnungen von Klaus Ensikat und den Texten von Fritz J. Raddatz aus seinem Bestiarium der deutschen Literatur. Hier „Braun, der“.

 

Beitragsbild von Juliane Duda zu Richard Pietraß: Dichterleben – Volker Braun

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