Werner Fuld: Zu Barbara Köhlers Gedicht „Guten Tag“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Barbara Köhlers Gedicht „Guten Tag“ aus Barbara Köhler: Blue Box. –

 

 

 

 

BARBARA KÖHLER

Guten Tag

immer hinterher im regen stehen
gelassen bleiben als ob gehen
die frage sei: dahingestellt
& was aus allen wolken fällt

mir zu betrifft mich offenherzig
verheult verlacht den rest verschmerz ich
vergeh verkomme auf dich zu
entferne mich was bleibt bist du

bei trost bei dir beizeiten
JUST TRAVELLIN’ es kommt nicht an
auf sprüche soviel ist versprochen

und haltlos was ich sagen kann
verstummt verspielt zwischen uns beiden
der regen naß bis auf die knochen

 

Alles verspielt

Das Sonett ist nicht nur eine der bekanntesten, sondern auch eine der traditionellsten Gedichtformen. Durch seine klare tektonische Struktur bestimmt es die strophische Gliederung des Inhalts und läßt dabei kaum Experimente zu. So beliebt es einst war, so verpönt ist es heute, zumal bei der jüngeren Dichtergeneration. Deshalb ist es um so überraschender, wenn eine experimentierfreudige, junge Autorin wie Barbara Köhler (geboren 1959) auf diese scheinbar abgenutzte Form zurückgreift. Was macht sie damit?
Auf den ersten Blick erfüllt sie das literarhistorisch geforderte Muster. Ihr Gedicht ist sofort als Sonett kenntlich und wirbt mit dieser formalen Vertrautheit. Dann aber merkt man, daß etwas so nicht ganz stimmen kann: Die Zeilen bieten nämlich verschiedene Lesarten an. Eine Möglichkeit ist, das Zeilenende traditionell als Zäsur zu verstehen; die andere, über dieses Ende hinwegzulesen und mit neuen Zäsuren einen ganz anderen Sinn zu finden. Das sähe am Beispiel der ersten Strophe dann so aus:

immer hinterher im regen stehen gelassen
bleiben als ob gehen die frage sei:
dahingestellt
& was aus allen wolken fällt mir zu…

Solche Varianten lassen sich durch das ganze Gedicht verfolgen. Die Autorin eröffnet also hinter der soliden Fassade ihres Sonetts eine zweite Sprechbühne, auf der das Geschehen, quasi aus dem Off, kommentiert wird. Sie fällt sich selbst ins wohlgesetzte Wort, verdreht und variiert es. Dabei bleibt die Situation immer eindeutig: die schmerzliche Trennung von einem Freund oder einer Freundin. Doch das abschiedsschwere, wenngleich noch immer liebevolle Ende des zweiten Quartetts was bleibt bist du ist keineswegs das letzte Wort, denn anders gelesen heißt es in der Verknüpfung mit der ersten Terzine bist du bei trost – das schießt wie ein Bewußtseinsblitz widerständig durch die gleichsam offizielle Lesart.
Solche Doppelbödigkeit des Sprachspiels ist für Barbara Köhlers Gedichte charakteristisch. Vielleicht hängt es mit ihrer Herkunft aus der DDR zusammen, daß sie eine eigene deutsche Zweisprachigkeit entwickelt hat, um sich inmitten aller Sprachschablonen noch mit sich selbst verständigen zu können. Daß es eine Sprache geben könnte, „die nicht gebraucht werden kann“, ist ihre immer wieder auf die poetische Probe gestellte Hoffnung. Deshalb erschließen sich ihre Gedichte, wie dieses Sonett, nicht bei der ersten, beiläufigen Lektüre. Doch wäre es ein Mißverständnis, sie für kompliziert zu halten. Im Gegenteil: Kompliziert wäre der Versuch einer Einigung auf eine verbindliche Lesart, während die Freiheit, beim Lesen zwischen den Sinnebenen wählen zu dürfen, sich mit der Phantasie des Lesers verbündet und gelernte Regeln einfach außer Kraft setzt.
Am Ergebnis ändert das hier freilich nichts; am Ende ist alles verspielt, und beide sind naß bis auf die knochen. Nur der Titel „Guten Tag“ setzt da noch einen ironischen Akzent.

Werner Fuldaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Einundzwanzigster Band, Insel Verlag, 1998

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