Wladimir Majakowski: Vers und Hammer

Majakowski-Vers und Hammer

DAS BESTE GEDICHT

Aus dem Saale
aaaaaaaaaaaaaregnets
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaverfängliche Fragen,
man beschießt mich mit Zetteln,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaman schont mich
aaaaanicht.
„Genosse Majakowski,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaabitte
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaanoch was vorzutragen,
sprechen Sie bitte
aaaaaaaaa aaaaaaIhr bestes Gedicht.“ –
Auf den Tisch gestützt,
aaaaaaaaaaaaaaa aaaaadenk ich:
aaaaaaaaaaaaaaaaaaa aaaaaaaaaNun lies –
und wähl was Würdiges,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaSchönes!
Doch welches verdient den Vorzug?
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaDies?
Oder nein,
aaaaaaaaavielleicht jenes?
Ich krame
aaaaaaaaaim Vers-Vorrat
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaahin und her,
der Saal blickt
aaaaaaaaaaaaawartend
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaempor;
da kommt
aaaaaaaaades „Nordarbeiters“
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaZeitungssekretär
und flüstert mir
aaaaaaaaa aaaaawas
aaaaaaaaaaaaaaaaaaains Ohr…
Da schnarr ich
aaaaaaaaaaaaaa(mein lyrischer Ton ist mißraten)
als schmetternde
aaaaaaaaaaaaaaaJericho-Schalmei:
„Genossen!
aaaaaaaaaavon Kantoner
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaArbeitern und Soldaten
erstürmt ist
aaaaaaa aaaSchanghai!“
Wie wenn man
aaaaaaaaaaaaaain Händen
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaDachblech knüllt,
kracht Klatschen
aaaaaaaaaaaaaaaund Beifalls-Braus.
Eine Viertelstunde
aaaaaaaaaaaaaaaaaist lärmerfüllt
vom Jaroslawler
aaaaaaaaaaaaaaaApplaus.
Nach China
aaaaaaaaaaastürmts
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaüber Tausende Kilometer
als Antwort
aaaa aaaaaaauf Chamberlains Geschrei.
Sein Dreadnought,
aaaaaaaaaaaaaaaaanoch droht er,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaanein, schon dreht er
den Stahlrüssel weg
aaaaaaaaaaaaaaaaaavon Schanghai.
Ich sage:
aaaaaaaadas gesamte
aaaaaaaaaa aaaaaaaaaMusengeseich
samt schönstem Dichterruhm
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaist Quatsch.
Mit der schlichten
aaaaaaaaaa aaaaaaZeitungsmeldung –
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaakein Vergleich
wenn Jaroslawl
aaaaaaaaaaaaaaihr derart
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaBeifall klatscht.
O Solidarität!
aaaaaaaaaaaaKitt der Arbeiterschaft,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaastärker
als der Bienen
aaaaaaaaaaaaaGemeinde
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaim Juni-Juli!
Klatsch Beifall, Jaroslawler
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaTuchweber und Ölmühlenwerker,
dem unbekannten
aaaaaaaaaaaaaa aaBruder –
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaadem chinesischen Kuli!

 

 

 

Bibliographische Notiz

Dem vorliegenden Band liegt der 1959 im Arche Verlag unter gleichem Titel erschienene zugrunde. Der von dem Musikkritiker und Übersetzer Willi Reich übertragene Text „Wladimir Majakowski. Tragödie in zwei Akten“ und die kleinen Schriften waren dort wohl zum ersten Mal in deutscher Sprache veröffentlicht worden. Der von Siegfried Behrsing übersetzte Aufsatz „Wie macht man Verse“ erschien erstmals 1949 im Verlag Volk und Welt, Berlin (DDR). Für die Gedichte verweist die ursprüngliche Arche-Ausgabe auf den Band Ausgewählte Gedichte und Poeme in der Nachdichtung von Hugo Huppert, 1953 ebendort erschienen. Huppert hat seine Übertragung der Gedichte inzwischen überarbeitet. Der vorliegende Band übernimmt diese Änderungen mit freundlicher Genehmigung des Insel Verlags, Frankfurt am Main und folgt damit Band I (Gedichte) der Werke Wladimir Majakowskis, die, herausgegeben von Leonhard Kossuth, 1969 bei den Verlagen Volk und Welt, Berlin (DDR) und Insel, Frankfurt am Main, als Gemeinschaftsausgabe erschienen sind.

Luchterhand Literaturverlag, Nachwort

Über dieses Buch

Im Zentrum dieser Auswahl von Schriften und Gedichten Majakowskis: „Wie macht man Verse“ – ein Text, der, 1926 entstanden, das politisch-poetische Programm Majakowskis vorstellt:

das Wesentliche der gegenwärtigen Arbeit an der Literatur besteht nicht in der Beurteilung dieses oder jenes fertigen Produkts vom Standpunkt des Geschmacks aus, sondern in der richtigen Methode, den Produktionsprozeß an sich zu erlernen…

Selbstauskunft bietet die „Tragödie in zwei Akten: Wladimir Majakowski“ – das erste Bühnenstück Majakowskis, eine satirisch überhöhte Auseinandersetzung mit der traditionellen Rolle des „Dichters“. Abgeschlossen wird der Band mit Gedichten und kleineren Schriften des „Technikers der Wortbearbeitung“ – Beiträge zur Revolutionierung der sprachlichen Produktionsmittel im Zeitalter von Kino und Fotografie.

Luchterhand Literaturverlag, Klappentext, 1989

 

„Wenn ich sterbe, werden Sie mit Tränen der Rührung

meine Gedichte lesen“

Er war ein Himmelsstürmer, der fünfzackige rote Sterne in das russische Firmament schoß – und er war ein verletzlich Liebender, der um Zuneigung bettelte; er war ein poetischer Gigant, der mit seinem dröhnenden Baß Riesensäle füllte – und er war ein zarter Lyriker ohne Fortune; er war hochberühmt, sein Stück Das Schwitzbad wurde von Meyerhold inszeniert im Bühnenbild von Malewitsch und mit der Musik von Schostakowitsch – und er war der infamst angefeindete sowjetische Schriftsteller seiner Zeit, vor allem Lenin verwahrte sich:

Ist es nicht eine Schande, für die Herausgabe von Majakowskis 150 Millionen in fünftausend Exemplaren zu stimmen? Es ist unsinnig, dumm, eine Erzdummheit und Anmaßung. Meiner Meinung nach sollte man von zehn solchen Sachen jeweils nur eine und in nicht mehr als 1.500 Exemplaren für Bibliotheken und Sonderlinge drucken. Und Lunatscharskij sollte man für seinen Futurismus verhauen.

Wladimir Majakowski, 1893 in Georgien geboren und 1930 – siebenunddreißig Jahre jung – sich von eigener Hand tötend, war Heros und Herostrat zugleich. Wie kein anderer polarisierte er seine Zeitgenossen. Während er etwa im weißen Marmorsaal des Pressehauses am Moskauer Nikitskij-Boulevard gegen Schrei-Orgien und Tätlichkeiten ankämpfen mußte, erkannte sein Kollege Boris Pasternak ihn genau:

Die Triebfeder seiner Unverschämtheit war eine trotzige Verschämtheit, und hinter seiner vorgetäuschten inneren Sicherheit verbarg sich eine phänomenale ängstliche, zu grundloser Schwermut neigende Unsicherheit. […] Auch die beabsichtigte Provokation seines gelben Jacketts war trügerisch. Er kämpfte mit dessen Hilfe durchaus nicht gegen die Röcke der Spießer, sondern gegen den schwarzen Samt seines eigenen Talents […]. Er war ein Koloß.

Während Lenin abwägend-skeptisch zu Gorki sagte:

Er krakeelt immerzu, erfindet windschiefe Ausdrücke, und was er tut, ist nicht das, was not tut, meine ich – nicht das Richtige und wenig verständlich. Ein Durcheinander, schwer lesbar. Begabt? Sogar hochbegabt? Hm, hm, man wird ja sehen!

bejubelte Sergej Tretjakow in ihm „das Mundstück der Zukunft“, und porträtierte ihn Ilja Ehrenburg:

Groß, mit einem schweren Unterkiefer, mit Augen, die zwischen Traurigkeit und Härte schillerten, laut, ungelenk, jederzeit bereit, in eine Rauferei einzugreifen, halb Athlet, halb Träumer, die Kreuzung aus einem mittelalterlichen Jongleur und einem fanatischen Ikonen-Stürmer.

Der Schriftsteller Viktor Schklowski hielt der 1921 in Petrograd gebildeten Literatenvereinigung Serapionsbrüder, die von Majakowski als traditionelle Idylliker verachtet wurden, entgegen: „Majakowski wird Euch in den Ruhestand versetzen, denn ihn hat das Jahr 2000 als Personalchef engagiert“, und er erzählt in seinen Erinnerungen an Majakowski von dessen frühem Ruhm:

Die Kutscher kannten ihn.
Einmal stritt er in einer Kutsche mit einem Verleger, ob er ein berühmter Autor sei. Der Kutscher wandte sich um und sagte zum Verleger:
Wer kennt denn Wladimir Wladimirowitsch nicht?

Als einmal eine Zeitung ihn um ein Foto bat – vermutlich der berühmten gelben Jacke wegen; die muß zu einer Zeit, da auch linke Intellektuelle von Heinrich Mann bis John Dos Passos streng bürgerlich gekleidet und ohne Krawatte und Weste undenkbar waren, besonders schockierend gewirkt haben –, legte Majakowski der Aufnahme die ironische Beschreibung bei:

Ich bin ein Flegel, dessen höchstes Vergnügen es ist, in einer enganliegenden gelben Jacke ins Gewühl der Menschen zu stürzen, die ihre Bescheidenheit und ihren Anstand vornehm unter artigen Gehröcken, Fracks und Jacketts behüten.
Ich bin ein Zyniker, der alleine schon durch seinen Blick, auf welchen Anzug er auch immer trifft, Fettflecken von der Größe annähernd eines Desserttellers hinterläßt.
Ich bin ein Droschkenkutscher, der, läßt man ihn ein Wohnzimmer mit dem Jargon dieses für die Salondialektik wenig geeigneten Berufes sogar die Luft wie mit schweren Äxten verhängt.
Ich bin reklamesüchtig, einer, der tagtäglich fieberhaft jede Tageszeitung durchstöbert, ganz voll Hoffnung, seinen Namen zu finden
[…].

Doch wäre das bloß Attitüde; Haltung ist es noch nicht. Die leitet sich von seinem Wort ab, von der schier maßlosen Emphase einer Zeit, deren Geschichtsoptimismus er Sprache gab. Dem historischen Aufbruch entsprach Majakowskis Aufbrechen des Gedichts. Sein Vokabelrausch entsprach dem Technikrausch der Epoche: Wenn in Amerika die Häuser die Wolken zu kratzen begannen, wollte El Lissitzky, der revolutionäre Architekturfuturist, auf seiner gigantisch den Himmel stürmenden Tribünenleiter Lenin schier ins Universum heben. Was in Amerika der Fließbandrhythmus des Fordismus war, sollte in der jungen Sowjetunion die Elektrifizierung sein: Tempo und Produktion, Telegraf und Flugzeug, rasende Züge auf weltumspannenden Schienennetzen und die Maschine als Ende der Arbeitssklaverei: so buchstabierte sich der Glaube an die Machbarkeit der Welt, an den Weg zu Freiheit und Fortschritt. Nicht zufällig nahm Majakowski früh den Begriff „Futurismus“ für sich in Anspruch, den doch zugleich der Italiener Marinetti in seinem „Futuristischen Manifest“ geprägt hatte – alsbald ein Wegbereiter des Faschismus.
Anfangs waren Dynamik und Pathos des antibürgerlichen Affekts noch ganz unspezifisch; der Kunstkommissar von Witebsk, Marc Chagall, hißte als revolutionäres Symbol eine Fahne mit einem fliegenden Pferd. Einige der deutschen Expressionisten schlossen sich – wie Johannes R. Becher – den Kommunisten an, andere – wie Gottfried Benn – den Nationalsozialisten; aus dem innigen Freundespaar Bertolt Brecht/Arnolt Bronnen wurden politische Feinde. André Breton schrieb im „Surrealistischen Manifest“: „Die einfachste surrealistische Tat besteht darin, mit dem Revolver auf die Straße zu gehen und blind in die Menge zu schießen“, und bald hieß es bei Majakowski im „Linken Marsch“:

Entrollt euren Marsch, Burschen von Bord!
Dem Zank und Geflunker jetzt – Pause.
Still, ihr Redner!
Du
hast das Wort,
rede, Genosse Mauser.

Doch am Anfang stand auch bei Majakowski die Boheme-Revolte, erst später klärte sich das Lebensziel, das Viktor Schklowski in seinen Erinnerungen an Majakowski benannte:

Die Oktoberrevolution rettete Majakowski.
Die Revolution genoß er physisch.
Er hatte sie sehr nötig.

Der Schüler Majakowski, der sich nach seiner Don Quichotte-Lektüre aus Holz ein Schwert und einen Harnisch geschnitzt hatte, erlebte die Revolution von 1905 eher als romantischfarbenprächtiges Ritterspiel:

Keine Lust zum Lernen. Kriegte Fünfen. Wurde nur darum in die Vierte versetzt, weil ich (bei einer Rauferei am Rion) von einem Steinwurf ein Loch in den Kopf gekriegt hatte und man beim Nachexamen Mitleid mit mir hatte.
Für mich begann die Revolution folgendermaßen: mein Kamerad Isidor, Koch bei einem Geistlichen, sprang vor Freude barfuß auf den Herd: General Alichanow war umgebracht! Der Unterdrücker Georgiens. Demonstrationen und Kundgebungen gingen los. Ich ging gleichfalls los. Es war herrlich. Erlebe es malerisch: in Schwarz die Anarchisten, in Rot die Sozialrevolutionäre, in Blau die Sozialdemokraten, in den übrigen Farben die Föderalisten.

Der frühe Tod des Vaters, 1906, und der Umzug der Witwe mit den drei Kindern nach Moskau, die Lektüre des Gymnasiasten – „Unterm Pult: Anti-Dühring“, – und der Kontakt zu illegalen Revolutionären, die bei der verarmten Familie zur Untermiete wohnten, waren eine harte Schule. Die Examina hießen Verhaftung – die erste 1908, bei der Majakowski, gerade der Partei der Bolschewiki beigetreten, das Taschenbuch mit den Adressen von Druckern, Setzern, Verteilern auffraß und bei der er sich der Haft durch schlaue Dummheit entzog:

Kommissar Woltanowski (hielt sich offensichtlich für schlau) ließ mich nach Diktat schreiben: war verdächtigt, eine Proklamation geschrieben zu haben. Vermurkste heillos das Diktat. Schrieb: „sotziahldimokritisch“. Sie fielen wohl drauf rein. Setzten mich gegen Bürgschaft auf freien Fuß.

Die nächste Verhaftung brachte ihm elf Monate ein – und das erste Interesse an Belletristik; vorerst mit verheerenden Folgen in Form von Versen, die Majakowski selber später geschraubt und trübselig nannte:

Wälder in Purpur- und Goldgloriolen,
Kirchturmkuppeln im Sonnenglanz.
Hunderte Tage, von Monden verhohlen,
harrte ich aus unterm Leidenskranz.

Füllte mit derlei Zeug ein ganzes Heft. Meinen Dank den Gefängniswärtern; sie haben es bei meiner Entlassung beschlagnahmt. Sonst hätt ich’s womöglich noch drucken lassen!

Es folgen Revoluzzer-Jahre. Majakowski ist Kunststudent, er erfindet sich die gelbe Jacke, streunt mittellos umher, zumeist mit seinem Freund, dem Maler David Burljuk, von dem er später sagt, „er hat mich zum Dichter gemacht“, weil er ihm diese Anekdote zuschreibt:

Spreche Burljuk die Verse vor. Füge hinzu: von einem meiner Bekannten. David blieb stehen. Faßte mich ins Auge. Fuhr mich an: „Das haben Sie doch selber verfaßt! Sind ja ein genialer Poet! […]
Am Morgen darauf schon, als Burljuk mich jemandem vorstellte, sagte er im Baßton: „Sie kennen den nicht? Mein genialer Freund, der berühmte Poet Majakowski.“
Puffte ihn in die Seite. Doch Burljuk ist unbeugsam. Noch im Weggehen knurrt er: „jetzt greifen Sie zur Feder. Sonst bringen Sie mich in eine saudumme Lage“.

Bereits auf den Ausbruch des Krieges, 1914, reagiert Majakowski mit der Tagebucheintragung „Erstarkt ist das Bewußtsein vom Herannahen der Revolution“ und mit der Arbeit an seinem ersten Poem Wolke in Hosen, dessen Titel schon das sehr Wolkige seiner Utopie kennzeichnet, obwohl er später behaupten wird, die Zeile sei ihm eingefallen, als er in einem Eisenbahncoupe eine mitreisende Dame über sein ruppiges Äußere beruhigen wollte, indem er sich mit dem Satz „Ich bin nur eine Wolke in Hosen“ zu verharmlosen suchte. Zeitlebens ärgerte sich Majakowski, wenn dieses Poem neben der gleichzeitig entstandenen „Wirbelsäulenflöte“ als sein gelungenstes benotet wurde; aber daß es ihm schon während der Arbeit wichtig war, zeigt der Umstand, daß er ins finnische Mustamäki reist, um Gorki daraus vorzulesen:

Las ihm Teile der „Wolke“ vor. Gorki, in tiefe Rührung geraten, weinte mir die Weste voll. Hatte ihn mit Versen aus der Fassung gebracht. In mir regte sich leiser Stolz. Bald aber stellte sich heraus, daß Gorki jedwede poetische Weste vollzuheulen pflegt.

Die Grundgebärde des Poems ist aufgeschlüsselt in den Zeilen:

Hört zu! –
hier predigt
(sich wälzend, wehklagend)
des heutigen Tags Brüllmaul Zarathustra!

Schrei, Predigt, Klage, heidnische Götzen-Hoffart (aus der später Führerkult wird) – wie in einem Kaleidoskop, in dem über die folgenden Jahrzehnte hinweg die spitzen Scherben immer neu ineinander- und gegeneinandergeschüttelt werden, finden sich hier die Versatzstücke der Poesie Wladimir Majakowskis. Er war eine aggressive Mimose, ein nihilistischer Visionär, Verwerfer und Entwerfer von Welt in einem:

Rühmt mich!
ich reich nicht an höhere Wesen;
auf alles Geleistete setz ich
mein ,nihil‘.

[…]

Stumm wälzte der Straßendamm Drangsal einher.
Ein Aufschrei strebte, dem Schlund zu entrutschen.
Im Kehlloch sträubten sich, stellten sich quer
weichpolstrige Taxis und klapprige Kutschen.

Schwindsüchtige Plattbrust,
gequetscht unterm Massenpassanten,
dem Trabfluß.

[…]

Ach, Regen beschluchzte die Bürgersteige,
ein Gauner, umzwängt von Pfützen,
leckt den Leichnam der Straßen, katzenkopfgesteinigt.
Von ergrauten Wimpern
(jawohl!),
von Wimpern hangender Eiszapfen spritzend,
enttauen dem Augschatten Zähren
(jawohl!),
als ob Dachrinnen gesenkte Leidblicke wären.

Die Schnauze des Regens schien
jeden Fußgänger abzulutschen;
fettschimmernde Kraftmeier
protzten sich blähend in Kutschen;
durch und durch verfressen,
platzten Übersättigte förmlich;
ihr Schmer rann vom Wagen runter durch Risse,
vermischt mit durchspeicheltem Weißbrot
und gekauten Koteletten, erbärmlich
zu dicken Güssen.

Er war auch ein ertrinkender Schwimmer. Während der Arbeit an Wolke in Hosen, im Juli 1915, hatte Majakowski die beiden Menschen kennengelernt, die das Zentrum seiner Existenz werden sollten, seine große Liebe, doppelgestaltig: das Ehepaar Lilja und Ossip Brick. Er wird – zum Entsetzen der prüden sowjetischen Moralwärter – fürderhin mit beiden leben und kaum einer der leidenschaftlichen und sehnsuchtsvollen Briefe an Lilja von einer seiner vielen Reisen endet ohne ein „Küsse Ossjka auf den Schnurrbart“, oder „Schrecklich küsse ich Ossik“. Es war die klassische – und vertrackte – Liebe zu dritt, zu der Majakowski sich bekannte und die er stolz-trotzig verteidigte:

[…] denn die Heuchler waren es, ihre klotzige Empörung gegen meine ,Unmoral‘ in der süßlichen Mohrrübensoße eines vorgetäuschten Mitleids mit mir zu servieren: „ach, armer Majak, was mußt du erdulden, wie mußt du innerlich darniederliegen, […]“.

Sein deutscher Übersetzer Hugo Huppert, der Majakowski gut kannte, geht in seinen Erinnerungen auf das Wagnis, dieses Glücks ein, das die drei Menschen in einem knapp zehn Quadratmeter großen Zimmer hüteten:

In einer nach geistigen Begriffen so vielschichtigen Gemeinschaft dreier Menschen zu leben, wie Majakowski mit dem Ehepaar Brick, heißt zunächst: bürgerliche Normsitten aufzugeben, in einer stillen Verschwörung gegen das Muckertum sich häuslich einzurichten wie in einer belagerten Festung, eine ungemeine, ja extreme Daseinsweise auszuprobieren, aber auch alle Verwicklungen und Verwirrungen zu bewältigen, die sie mit sich bringt. […] –„Mit Majakowski hat mich meine Schwester (Elsa Triolet) 1915 in Moskau bekannt gemacht“, schrieb Lilja, „als ich einmal aus Petrograd, wo ich damals lebte, zu unserm kranken Vater gereist kam. Bald siedelte Majakowski nach Petrograd über, besuchte mich, und zum erstenmal hörte ich seine Verse, es war die Wolke in Hose –, und es war wundervoll […]. Seitdem haben wir uns nicht mehr getrennt.“
Und beide haben sich seltsamerweise auch von Liljas Mann Ossip Brick nicht getrennt; dieser wurde sogar Majakowskis bester Freund. Der Dreibund bewährte, rechtfertigte, beglaubigte sich, in seiner Gültigkeit ausdauernd, vielleicht gerade dank seiner für Außenstehende kaum begreifbaren psychischen Problematik.

[…] Es war eine unkontigentierte Raserei am Werk, die nur für eines keinen Sinn hatte: simple Liebesrivalität, in Eifersucht verkleidete Ichsucht. – „Es gibt ein vorfabriziertes Modell zeitgenössischer Liebes- und Ehenöte, wie geschaffen für leicht ansprechbare Kinobesucher und für die tiefenpsychologisch orientierte Auslebe-Praxis des kleinköpfig-glattfrisierten Amerikanertyps mit der Shagtabakpfeife im Mundwinkel…“, so ungefähr waren Majakowskis erbitterte Worte, als er mir einmal, mitten im Menschengewühl und Basarrummel der Petrowka-Passage stehenbleibend, vorm Flatterlicht einer Schaufensterfront den Charakter des versteckten Kampfes auseinandersetzte, den gewisse Kreise gegen seine vermutliche ,Liebe zu dritt‘ führten, welche geeignet wäre, den schon ohnehin durch die Promiskuitätswerbung der Alexandra Kollontai erschütterten Leumund des Sowjetlebens noch weiter zu gefährden.

Majakowski war kein Besitzstandwahrer; er wollte alles von sich geben und möglichst alles nehmen; er hatte den großen Hunger nach allem; er sparte sich nicht auf, nicht seinen mächtigen Körper, den er mit unzähligen öffentlichen Auftritten, mit Wodka und Kettenrauchen strapazierte – und nicht seine Seele, die er preisend preisgab: Ein männlicher Mann, der sich hingab. Deswegen tauchen in dem Augenblick, in dem er Glück zu horten beginnt, die Schatten auf. In seinem ersten Liebesgedicht „Lilitschka!“ ist bereits vom „meine Schläfe kühlenden Pistolenlauf“ die Rede und im Prolog zur „Wirbelsäulenflöte“ heißt es „setzt man nicht am besten den Schlußpunkt mit einer Kugel ins Herz?“ – genau das, was er fünfzehn Jahre später, am 14. April 1930, tat: mit eben dem Mauser, den er 1915 als Stummfilmschauspieler in dem Eisenstein-Streifen Nicht fürs Geld geboren bediente, den er im „Linken Marsch“ besang. Einstweilen irrt Majakowski in seinem Lebensmäander umher. Im Oktober 1917 notierter: „Das war meine Revolution“ und besingt sie in wuchtigem Ton:

Poltert auf Plätze den Marsch der Empörung!
Hoch, stolzer Häupter wogendes Feld!
Wie einer zweiten Sintflut Verheerung
waschen wir wieder die Städte der Welt.

Träger Tage Trott:
der Jahre Büffelgespann.
Wettlauf rührt als Gott
des Herzens Trommel uns an.

Doch schon 1918 sind seine Reflexionen von der Skepsis eines Heinrich Heine:

Die Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik hat andere Sorgen als Kunst. Für mich aber ist gerade sie die Sorge. […] Auf dem Felde der Kunst und des Unterrichts einstweilen nur Kompromißler. Mich würde man sicher zum Fischfang nach Astrachan schicken.

Wenig später schickt sich Majakowski gleichsam selber „zum Fischfang“. Er verabschiedet das Gedicht als literarische Form, deklariert es zum Instrument der Revolution. Vor dem Wort Propaganda hat er keine Scheu, er besetzt es positiv und ist stolz darauf, daß die in Petersburg stürmenden Matrosen seine Zeilen auf den Lippen hatten:

Friß Ananas, Bürger, und Haselhuhn.
Mußt bald deinen letzten Seufzer tun.

Ein Spalt beginnt sich zu öffnen, der schließlich zum Abgrund wird, in dem der Dichter Majakowski eines Tages verschwindet: Natürlich merkt er selber, daß diese zwei Zeilen nur die umgewendete Verführungsformel der Reklamesprache sind, eine verkehrte Genußmittelwerbung – Drohung statt Lockung. Der Großartigkeit seines „Linken Marsches“ entbehrt das ganz und gar:

[…]
Genug vom Gesetz aus Adams Zeiten.
Gaul Geschichte, du hinkst…
Wolln die Schindmähre zu Schanden reiten.
Links!
Links!
Links!

He, Blaublusen!
Nach vorn!
Stürmt Ozeane!
Oder
ist im Hafen der Sporn
der Panzerschiffe vermodert?!
Laßt
den britischen Löwen brüllen –
kronefletschende Sphinx.
Keiner zwingt die Kommune zu Willen.
Links!
Links!
Links!

Dort
hinter finsterschwerem
Gebirg liegt das Land der Sonne brach.
Quer durch Not,

über bittre Meere
stampft euren Schritt millionenfach!
Droht die gemietete Bande
mit stählerner Brandung rings –
Rußland trotzt der Entente.
Links!
Links!
Links!

Adleraug sollte verfehlen?!
Altes sollte uns blenden?!
Kräftig
der Welt an die Kehle,
proletarische Hände!
Wie ihr kühn ins Gefecht saust!
Himmel, sei flaggenbeschwingt!
He, wer schreitet dort rechts aus?
Links!
Links!
Links!

Majakowskis These – die er 1926 in dem Essay „Wie macht man Verse“ ausführlich erläutert – lautet jetzt:

Poesie fängt da an, wo Tendenz ist.

Er ist stolz darauf, weder Jamben noch Trochäen zu kennen und folgt der Theorie der Arbeiterkorrespondentenbewegung, die schließlich in Deutschland ihre wichtigsten Interpreten fand – nicht zuletzt mit Friedrich Wolfs zur These zugespitztem Aufsatz „Kunst ist Waffe“. Bei Majakowski hört sich das so an:

1. Wir müssen Schluß machen mit dem albernen Gerede von der „Entrollung epischer Gemälde“ während der Barrikadenkämpfe; denn solche Kämpfe würden die entrollte Leinwand wohl rasch in Fetzen reißen;
2. der Wert des Tatsachenmaterials (daher auch das Interesse für die Berichterstattung der Arbeiter- und Bauernkorrespondenten) während der Revolution muß höher, darf keineswegs niedriger eingeschätzt werden als ein sogenanntes ,poetisches Erzeugnis‘. Eine eilfertig unternommene ,Poetisierung‘ ist nur geeignet, das Material zu verfälschen und seines Gehaltes zu berauben.

Majakowskis Existenzentwurf der Unermeßlichkeit – er sieht sich als irdischen Prometheus, der den Menschen nicht das Feuer, aber Brot, Glück und Frieden bringt – hat die eigene Maßlosigkeit zur Konsequenz: Es ist heute kaum noch zu verfolgen, in wievielen Veranstaltungen an wievielen Orten er nahezu gleichzeitig auftrat bis an den Rand der physischen Erschöpfung – Odessa, Jalta, Simferopol, Jewpatorija, auch Prag, Warschau, Berlin, Paris; die Briefe an Lilja gleichen oft einer Flaschenpost aus dem Fliegenden Holländer.

Am 15ten lese ich in Jalta, dann am 19 und 21 Jewpatorija und Simferopol, und ich denk vom 1ten bis zum 10ten Kaukasus, von dessen Gipfeln nach Moskau.

Die zweite Konsequenz ist poetisches Unmaß: Majakowski verläßt bewußt die Ebene – und damit auch die Qualität – der Literatur. Ab September 1919 arbeitet er neunundzwanzig Monate lang – für die Russische Nachrichtenagentur ROSTA, deren nationale und internationale Informationen er in atemberaubender Geschwindigkeit in Agitationsverse, Karikaturen, Appelle, Spottgedichte und Kampfaufrufe umsetzt:

Ich Majakowski
genial oder nicht,
sage euch…
weil ich den unnützen Quatsch gelassen
und jetzt für die Rosta schreib, für die Massen –
ich sage,
bevor sie euch mit Kolben verjagen,
hört auf.
Hört auf!
Vergeßt.
Speit darauf,
auf die Reime,
die Arien
und den rosenfarbenen Strauch
und ähnliche Gespinste
aus dem Vorrat der Künste.

Es war nicht nur die Epoche der Interventionskriege, während derer englische, französische und amerikanische Truppen gelandet waren, um – verbündet mit antirevolutionären russischen Armeen – die Sowjetunion niederzuringen; es war auch die Zeit größter Armut, des Hungers und – unter anderem – der Papierknappheit. Deswegen hatte die ROSTA in Moskau große Schaufenster eingerichtet, vor denen sich – wie zeitgenössische Fotos belegen – Menschentrauben drängten, um die neuesten Nachrichten zu lesen und – da viele Menschen des Lesens nicht kundig waren – zu sehen. Majakowski nämlich zeichnete Parolen, Plakate und Karikaturen – revolutionäre Comicstrips; übrigens in ihrer skelettierten Einfachheit noch ganz stark im abstrahierenden Stil des Futurismus, vergleichbar dem heute gesuchten und teuren Revolutionsgeschirr. Der sowjetische Literaturwissenschaftler Wiktor Duwakin schildert plastisch das soziale wie politische Umfeld dieser spektakulären Propagandaaktion und ihre Wirkung:

Das Moskau des schweren Damals – das waren düstere Häuser, aus deren Fenstern in phantastischsten Formen und Größen die Rohre provisorischer Öfen aus altem Eisenschrott ragten, den man unter Ruinen hervorgesucht hatte, welche als Brennstoff für Holzhäuser taugten. Die schmutzigen, seit langem nicht instandgesetzten Mauern und Gesimse nahe diesen Rohren starrten vor schwarzem Ruß. Die wenigen Passanten stapften auf zertrümmerten Trottoiren und Fahrdämmen, den Blick auf den Boden geheftet, um den Weg zu wählen. Ihre Aufmerksamkeit hemmten keineswegs die zerrissenen Straßenbahnleitungen, die leeren Schaufenster, deren von zweijähriger Staubschicht mattes Glas nur so flimmerte von Löchern und Rissen: Spuren noch der Oktoberkämpfe von 1917. All das nahm man als etwas Gewohntes hin, als Alltagsdetail.
Aber aus unerfindlichem Grund bleiben da plötzlich auf der Twerskaja (der jetzigen Gorkistraße, die damals noch eng und gewunden war) alle stehen. Unweit des Moskauer Sowjets, bei einem Schaufenster des schon längst leeren Konditorladens unter dem bereits blinden Aushängeschild
Abrikossow, Söhne & Co., ist hinter dem riesigen Fensterglas ein Mensch zu sehen, der etwas hinlegt, etwas aufhängt. Er entfaltet ganz große Bogen Papier. Da sieht man plötzlich einen dicken Bourgeois, und da auf dem traditionellen weißen Roß einen wutschäumenden Häuptling in Hosen mit Generalsstreifen, und aus den Hosen guckt eine Wodkaflasche, indes der hohe Herr mit einer Lanze auf einen verwundeten Arbeiter einsticht. Und ein Arbeiter aus der Zuschauermenge trommelt, mit einem lustigen Fünkchen in den Augen, heftig ans Fensterglas, formt dann ein Sprachrohr aus seinen Handflächen und ruft überlaut: „Rechts etwas höher, links etwas runterlassen!“ Michail Tscheremnych (nach dessen Anweisung jenes Bild hergestellt ist) hat nun schon Kontakt mit den Betrachtern; sie unterhalten sich bereits und erteilen mit Gesten und Blicken allerhand Ratschläge, vor allem natürlich mit den Händen, da man ja durch das Glas nicht schreien kann. Schließlich ist mit vereinten Kräften alles richtig angebracht, „alles in Butter“.

Zu den Postern gab es knappe Texte wie

Willst Du? Tritt ein!
1. Willst die Kälte bezwingen?
2. Willst den Hunger bezwingen?
3. Willst essen?
4. Willst trinken?
Schnell in die Stoßgruppe
vorbildlicher Arbeit!

Majakowski notiert 1920 in seinem Tagebuch:

Widme Tage und Nächte der ROSTA. […] Habe an die dreitausend Plakate und an die sechstausend Bildtexte zustande gebracht.

Viktor Schklowski erinnert sich des Furors und des Tempos dieser Agitationsarbeit:

Er sagte: „Ich muß mir bis an dieses Haus vier Zeilen ausdenken.“
Ich beobachtete ihn bei seiner Arbeit. Eine große Anspannung. Er trug einen kurzen Überzieher und eine kleine Mütze, die er sich weit ins Genick zurückschob; er war flink. Doch mußte er nicht bloß gehen und atmen, sondern auch Einfälle haben.
In der ROSTA stand ein kleiner Kanonenofen, der Rauch hing gerade immer in Höhe meiner Hasenfellmütze. Majakowski kann sich vor Rauch kaum mehr aufrichten. Man arbeitet auf dem Fußboden. Majakowski entwirft ein Plakat, andere fertigen Schablonen an, machen Ausschnitte aus Karton, wieder andere vervielfältigen zu Hause nach den Schablonen. Auch Lilja malt tüchtig mit, in einem Kleid aus einem grünen, gerippten Samtvorhang, besetzt mit Eichhörnchenfellen.

Majakowski wurde berühmt – und begann zu scheitern. Er verstand sich als Künder einer politischen Revolution und zugleich als Initiator einer ästhetischen; er wollte die Einheit des Neuen: der neuen Gesellschaft eine neue Sprache verleihen. Die Kunstkommissare wollten genau das nicht – sie forcierten den sozialen Umbruch, dem sie aber das Gewand der traditionellen Kunst zu erhalten suchten. Dieser Widerspruch ist der Widerspruch aller marxistisch inspirierten Revolutionsbewegungen. Schon Altvater Marx bezog seine ästhetischen Kriterien nicht etwa von Gustave Flaubert, sondern aus den elendskritischen Schundromanen des Eugène Sue. „Schiller für den Arbeiter“, aber nicht für den Avantgardisten Erwin Piscator (der in der Weimarer Republik am heftigsten von der Roten Fahne bekämpft wurde). Wie der Eisenacher Parteitag der SPD sich empört gegen den Naturalismus als die Kunst des Krassen und Ekelhaften wandte, so blieben in Deutschland Künstler wie Bertolt Brecht oder Hanns Eisler, Ernst Bloch oder Otto Dix von der KPD zumindest beargwöhnt. John Heartfield war noch in der DDR arbeitslos.
So war auch in der jungen Sowjetunion das Aufbrechen des ästhetischen Kanons von Beginn – also: von Lenin – an unerwünscht, und die kühnen Architekturentwürfe El Lissitzkys oder Mies van der Rohes blieben Skizze, das Theater Meyerholds wurde immer wieder verboten, die Musik von Schostakowitsch nicht aufgeführt und die Bilder von Malewitsch wurden abgehängt. Die Bilder der europäischen Moderne – Georges Braque und Fernand Leger, Pablo Picasso und Henri Matisse –, nirgendwo so früh und so vollständig gesammelt wie in Petersburg und Moskau, verschwanden in den Depots. Erwünscht und gefördert wurden Türmchen-Architektur und Wohllaut, realistischer Roman, braver Reim und jener heroische Arbeiter, der bald zu Hunderten in Bild und Skulptur die öffentlichen Plätze belegte. Nicht die Geburt einer eigenen, neuen Klassik war das Programm, sondern die Wiedergeburt eines umgebackenen Klassizismus:

In ,Gesammelte Werke‘
aaaängstlich sich duckende
Klassiker flennten.
aaaKein Mitleid!
aaaaaazu spät!
Vergeblich beschirmt sie
aaaGorki, die Gluckhenne,
mit den Flügeln
aaaeiner verschlissenen Autorität.
Futuristen:
aaamit Stahlträger-Beinen
aaaaaaKilometer fressend,
mit Greifhand-Kränen die Wege entrümpelnd,
zertrümmern Altvätrisches,
aaawert des Vergessens,
schubsen
aaain alle vier Winde
aaaaaapapiernes
Kultur-Gestümper.

Dieser Gesang Majakowskis mit dem von Walt Whitman entlehnten Tenor „Ich singe die Massen“ war aber mehr Wunschvorstellung als Beschreibung der sowjetischen Realität. Majakowskis LEF-Bewegung, um die sich alle Avantgarde-Künstler geschart hatten, galt in Wahrheit als linkes Sektierertum, und seine Widmung in der Buchausgabe des Poems Hundertfünfzig Millionen „Dem Genossen Wladimir Iljitsch mit kommunistischem Futuristengruß“ nützte gar nichts. Die Idee, das anfangs ohne Autorenangabe gedachte Buch – es sollte gleichsam ein Kollektivprodukt der hundertfünfzig Millionen Sowjetbürger sein – in einer Massenauflage herauszubringen, scheiterte am massiven Widerstand der Bürokratie. Das 1923 von Majakowski formulierte Programm der LEF (und der Neuen LEF von 1927) war inzwischen Häresie geworden:

LEF bedeutet die Meisterung eines umfassenden sozialen Themas mit sämtlichen Mitteln des Futurismus. […] Eine der Parolen, eine der großen Errungenschaften des LEF ist die Entästhetisierung der gewerblichen Künste, der Konstruktivismus. Poetische Zutat: Agitationskleinkunst und Wirtschaftsagitation, die Reklame. Ungeachtet johlender Entrüstungsstürme der Poeten betrachte ich „Käufer! komm / zum ,Mosselprom!‘ als Dichtkunst höchsten Gütegrades.
Grundhaltung:
gegen das Ausgedachte, gegen Ästhetisierung Psych-Erlogenheit in der Kunst; für Agitation, für hochwertige Publizistik und Aufzeichnung des Zeitgeschehens.

Majakowski lebte diesen Widerspruch bis zum Zerreißen. Er füllte riesige Säle, in denen er mit schnellem Witz und prankensicherer Schlagfertigkeit die obligaten Angriffe abwehrte – aber er mußte einen Windmühlenkampf um die Publikation seiner Texte führen. Schon 1921 schreibt er aus Moskau:

Hier heißts in derartiges Gezänk einsteigen, daß man sich den Mund fußlig reden muß. Von Arbeiten kann kaum die Rede sein: nichts als Zank, Agitation und dergleichen fressen mich samt der Leber von innen auf.

Es gab wohl auch einen anderen, einen inneren Widerspruch. Majakowski war nicht nur der Lauthals-Barde und der dröhnende Agitationskünder, er war auch ein leiser Lyriker, dem die Gebärde des Bittens und Abbittens nicht fremd war. Brechts berühmtem „O Falladah, die du hangest“ ähnlich ist sein zartes Gedicht „Gute Behandlung der Pferde“:

Winde rieben,
beschuht vom Eise,
die schlüpfrige, steile
Straße ab.
Da kracht auf die Kuppe
einer der Gäule.

Am Kusnezki-Most
staun sich schon gaffende Mäuler.
Die Hosen schlappern ihr Glockenmaul,
Gelächter klimpern
vor Langeweile:
„Ein Gaul ist gestürzt!“
„Gestürzt ist ein Gaul!“

Der Kusnezki lachte.
Nur ich allein
trat hin
und tat keinen Ton ins Geheule.
Ich schaute
in die Augen des Gauls hinein…
Und kopfstand, umstürzend, die Straßenzeile…

Trat hin, sah:
Träne um Träne träuft,
rinnt über die Backen,
versiegt in der Mähne…
Und tierische Schwermut,
die überläuft,
brach strömend aus mir
in vertauschender Strähne.

„Mein Pferd, nicht weinen,
Ich kenne die Beschwerde –
Wer sagt Ihnen denn, Sie sei’n weniger wert?
Kindchen,
wir alle sind ein wenig Pferde,
jeder von uns ist auf seine Art Pferd!“

Dieser Zwiespalt zwischen Faust-Attitüde und Streicheleinheit wird am schärfsten akzentuiert in Majakowskis Beziehung zu dem großen Rivalen Sergej Jessenin. Mit ihm verband ihn schon seit vorrevolutionären Zeiten eine freundlich-distanzierte Neck- und Kosebeziehung – bis zu Jessenins Selbstmord im Jahre 1925. Majakowski hatte den schweren Alkoholiker noch kurz zuvor im gemeinsamen Verlag getroffen und reagierte entsetzt auf diesen Tod; entsetzter noch auf das Abschiedsgedicht mit den beiden unvergeßlichen Schlußzeilen, das Jessenin mit dem Blut aus seinen aufgeschnittenen Pulsadern auf den Spiegel geschrieben hatte:

Sterben ist im Leben wenig neu,
doch auch Leben, freilich, ist nicht neuer.

Majakowskis fundamentale Auseinandersetzung mit diesem Gedicht ist eine Auseinandersetzung mit der eigenen Position; sie beginnt mit den Worten:

Nach diesen Versen war Jessenins Tod zu einer Tatsache der Literatur geworden.
Sogleich mußte einleuchten, daß dieses starke Gedicht, eben als Gedicht, eine gewisse Anzahl schwankender Menschen zum Strick und zum Revolver greifen lassen würde.
Und keinerlei, aber auch wirklich keinerlei Pressekommentare waren imstande, dieses Gedicht zu entkräften.
Gegen dieses Gedicht konnte und mußte mit einem Gedicht vorgegangen werden,
nur mit einem Gedicht.

Schon der Ton dieses Aufsatzes zeigt: Hier geht es um ihn, hier ist Majakowskis zentraler Lebensnerv getroffen – der ein Todesnerv war. Nur der Dichter kann sich auf diese Herausforderung einlassen; nicht etwa der Propagandist, der Pamphletist. Nicht „eine gewisse Anzahl schwankender Menschen war gefährdet“ – sondern er, Wladimir Majakowski, der verzagte Optimist, der zweifelnd Hoffende, der gejagt Ruhmreiche. Daß er in den Mittelpunkt seiner einzigen poetologischen Überlegung diese Auseinandersetzung mit Jessenin, dessen Tod und Abschiedsgedicht rückt, um seine Position zu untersuchen und zu klären, die Position des Lyrikers Wladimir Majakowski, ist kein Zufall. Gleich eingangs proklamiert er sein Antwortgedicht zum „wirkungsvollsten meiner Gedichte aus jüngster Zeit“ und analysiert – fast einem Hochschullehrer ähnelnd – Struktur, Tempo, Reimprinzip und Rhythmus der eigenen Arbeit, zu der er bekennt: „Von den Versmaßen kenne ich kein einziges“:

Rhythmus ist die Urkraft, der Hauptantrieb des Verses. Erklären kann man ihn nicht; man muß sich darauf beschränken, ihn so abzuhandeln wie den Magnetismus oder die Elektrizität. Magnetismus und Elektrizität sind Erscheinungsformen der Energie. Der Rhythmus kann in vielen Gedichten, ja sogar im ganzen Lebenswerk eines Dichters ein und derselbe bleiben, doch wird das sein Werk nicht eintönig machen, weil Rhythmus dermaßen verwickelt und knifflich ausgeformt sein kann, daß man auch anhand mehrerer größerer Poeme seine Durchtriebenheiten nicht aufzulösen vermag.

Die großartigen Schlußzeilen von Majakowskis „An Sergej Jessenin“, eine pathetische Antwort, haben die Geste des Fortscheuchens heranschleichender Schatten:

Sterben
aaist hienieden
aaaakeine Kunst.
Schwerer ists:
aadas Leben baun auf Erden.

Es wird nur noch vier Jahre währen, bis Majakowski den Versuch aufgibt, das Leben auf Erden zu bauen, bis er der Armee der Schatten erliegt. Diese Schlußzeilen wirken wie der Schrei eines Ertrinkenden zu dem Freund: „Du gehst ja unter.“ Deswegen wohl hat Majakowski an diesen wenigen Worten Monate gefeilt, ungefähr sechzig Varianten der zwei Zeilen ausprobiert:

Während meiner ganzen Arbeit an diesem Gedicht dachte ich unausgesetzt an diese Zeilen. Die übrigen Teile formulierend, kehrte ich immer wieder zu ihnen zurück, bald bewußt, bald unbewußt.

Sogar das in die Mitte des Gedichts eingerückte Hoffnungsangebot für den Kollegen, der sich einsam im Hotel Angleterre das Leben nahm, klingt wie ein Zuruf an sich selber:

Vielleicht,
aawär im
Angleterre
aaaaSchreibzeug gewesen,
hätten Sie sich nicht
aadie Adern
aaaaaufgeschnitten.

Schreiben also als Überlebenshilfe. Das Gedicht „An Sergej Jessenin“ ist ein Rezept, das Majakowski sich selber ausstellt. In dem blutverschmierten Spiegel sieht er das eigene Gesicht, Gerinnsel seines Schicksals, bis hin zu den konkreten Details von Vorschußnöten und Biernächten, die ihm ja nicht fremd waren:

Sie sind weg,
aawie’s heißt:
aaaain eine andere Welt.
Leerer Raum…
aaFlugs – zu den Sternenlichtern!
Keinen Vorschuß,
aaBier und Bar entfällt.
Nüchtern…
Nein, Jessenin,
aamir gelingt
aaaakein Lächeln, –
Schmerz,
aanicht Spott,
aaaahält mich beim Hals gepackt.

Majakowskis Klage um den toten Rivalen ist auch Definition der Würde des Dichters – und damit expressis verbis Anklage gegen die unsäglichen Aufpasser und Richtliniengeber. Vor dieser sehr realen Armee floh er.
Tatsächlich wirken Majakowskis zahlreiche Auslandsreisen wie lauter kleine Fluchten, bei denen man bekanntlich die eigenen Bedrückungen nie los wird; diese schwarzen Raben saßen ihm auf den Schultern – ob in Mexiko oder Paris, Berlin oder New York. Es waren sehr einsame Reisen. Was für uns heute, mit unseren Erfahrungen der internationalen Kongresse und kosmopolitisch arrangierten Konferenzen verblüffend wirkt: Majakowski kannte kaum einen seiner ausländischen Zeitgenossen – und kaum jemand kannte ihn; es sei denn, als Gerücht. Er ist Brecht nie begegnet, hat in Berlin oder Frankfurt nie einen einzigen der kommunistischen oder links stehenden deutschen Intellektuellen getroffen – nicht Walter Benjamin, nicht Erwin Piscator, nicht Kurt Tucholsky, weder den Kreis um die Linkskurve noch den um den Malik Verlag oder die Leute des Münzenberg-Konzerns. Zwar sagte Johannes R. Becher 1940 rückblickend:

Von den Wellen der großen russischen Revolution herangetragen, brach sein Name über uns herein. Man erzählte einander von seinen Versen, irgend jemand hatte sie gelesen und gab das Gelesene weiter. Diese Erzählungen erschienen damals unwahrscheinlich, nahezu legendär […].

Aber er benutzte nicht zufällig die Begriffe Erzählungen und legendär; er selber hat – ohne Russisch zu können – vier Gedichte Majakowskis übertragen, doch die deutsche Buchausgabe von Hundertfünfzig Millionen in seiner Nachdichtung war mehr Becher als Majakowski:

Geschoßhagel prasselnd:
Dies ist der Rhythmus.
Feuerböen geschleudert zickzack,
Schlagwetter, Tretminen –
Plätze platzen
Haus hüpft an Haus…

Im Jahr 1925 gab es neun Gedichte von Majakowski auf deutsch; wohl eine Folge des Berlin-Besuchs im Jahr 1924, wo er sich in der Wohnung des Schauspielers Alexander Granach mit Künstlern des Max-Reinhardt-Theaters getroffen hatte. Majakowski rief eher in bürgerlichen Avantgarde-Kreisen ein Echo hervor als in proletarisch-kommunistischen; Ivan Goll präsentierte ihn in der Zeitschrift Menschen, Josef Kalmer in der Aktion oder in seiner Anthologie Europäische Lyrik der Gegenwart, in deren Programm es hieß, Gedichte seien ein Genußmittel, „mit dem Strohhalm zu saugen“. Mehr berauscht, als argumentierend schrieb Der Querschnitt über Hundertfünfzig Millionen:

Wenn man dies gelesen hat, bleibt der Simultaneindruck der Massenversammlung, unserer Maschinenzeit, ihrer Verulkung und Bewunderung, und über ihr die roten Fahnen.

Erst 1929 – ein Jahr vor Majakowskis Tod – erwarb der Malik Verlag von ihm „das alleinige Verlags- und Bühnenvertriebsrecht auf die deutsche Übersetzung sämtlicher […] Werke des Autors“. Eine größere Ausgabe jedoch kam nie zustande. Majakowski sprach keine internationale Sprache – so blieb er stets und ausschließlich im Bereich russischer kultureller Einrichtungen, mal dem der sowjetischen Botschaft in Berlin und mal dem von russischen Emigranten in Paris (deren Presse ihn gar verwundert lobte). Seine Reisen – der Kulturkommissar Anatoli Lunatscharski hatte ihm ein rühmendes Empfehlungsschreiben mitgegeben – wurden von der WOKS organisiert, der Unionsgesellschaft für Kulturverbindung mit dem Ausland. Und wenn etwa Arbeiter in der Berliner „Hasenheide“, die kein Wort Russisch konnten, dennoch, von der Dynamik seines Auftritts mitgerissen applaudierten, nachdem er mit tief dröhnender Stimme den „Linken Marsch“ geschmettert hatte, bemerkte er hinterher dankbar:

Ah, sie haben mich verstanden, weil sie gemerkt haben, daß ich einer von ihnen bin und mit ihnen teile, was ich habe!

Er konnte sich also in New York so wenig verständigen wie in Paris, wo er lediglich zu Louis Aragon engeren Kontakt fand, weil er dessen Frau Elsa Triolet – die Schwester von Lilja Brick – seit Vorkriegszeiten kannte. Dennoch bleibt fraglich, ob Aragons späteres Zeugnis aus dem Jahre 1935 nicht eher ein nachträglich stilisiertes, pariserisch übertriebenes Ruhm-Zertifikat ist als wirkliche Auskunft über den Einfluß Majakowskis auf ihn. Die Verständigung mit dem Russen, von dem nicht eine Zeile ins Französische übersetzt war, mußte über eine Dolmetscherin geschehen, als Aragon ihm am Abend des 5. November 1928 im Pariser Montparnasse-Café La Coupole begegnete:

Das war die Minute, die mein ganzes Leben verändern sollte. Der Poet, den der revolutionäre Wellenkamm emportrug, sollte zum Bindeglied zwischen der Welt und mir werden. Damit schloß sich das erste Glied der Kette, die ich akzeptiere und heut allen zeige; einer Kette, die mich aufs neue mit der äußern Welt verbindet. Gewisse Philosophen lehrten mich, die Welt zu leugnen. Der Poet Wladimir Majakowski lehrte mich: man müsse sich an die Millionen Menschen wenden, an jene, die diese Welt verwandeln wollen.

Den sprachlichen Barrieren entsprechend mickrig-oberflächlich sind Majakowskis lyrische Reportagen aus den bereisten Ländern, die sich von einem Klischee zum anderen hangeln, „Das Fräulein und Woolworth“ und „Die Pariserin“ besingen oder banalste Keksdosenreimerei nicht verschmähen:

In Deutschland
aavorm Anfang
aaaajedes Beginnes,
summt allenthalben
aader Name
aaaaStinnes.

Das wahre Ziel jeder Reise, ob nach Nizza oder nach Cuernavaca, hieß: Moskau. Kaum ein Brief von unterwegs, in dem er nicht die Sehnsucht nach Rußland betont und die Freude an dem Gedanken herbeiruft, bald wieder zu Hause zu sein. Was soll er auch auf der Brooklyn Bridge, am Kurfürstendamm oder im Spielcasino von Monte Carlo, all das erlebt er doch nur aus der Distanz eines Zoobesuchers. Er kennt niemanden in Amerika, nicht John Dos Passos oder Theodore Dreiser, nicht John Steinbeck oder Erskine Caldwell, kennt wohl auch deren Arbeiten überhaupt nicht. Die Adern im Marmor der Gesellschaftsstrukturen fremder Länder kann er nicht erkennen, weiß nichts von der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung, dem französischen Antisemitismus oder der beunruhigenden Umschichtung innerhalb der deutschen Arbeiterschaft, weg von der KPD und hin zu den Nationalsozialisten; seine enthusiastischen Zuhörer aus der Berliner „Hasenheide“ haben ja wenig später im Sportpalast dem Herrn Goebbels applaudiert. Die heimatlichen Querelen dagegen kennt er.
Denn Querelen vor allem sind es, in die er sich stürzt, deren Wellen ihn mehr und mehr zu verschlingen drohen. Die von ihm und seinen futuristischen Freunden 1923 gegründete LEF, wie sich die Linke Front der Künste nannte, und ihre bis 1925 erschienene Zeitschrift LEF, in den Jahren 1927 bis 1928 abgelöst von der Neuen LEF, wurde immer schärfer von der offiziellen Kulturpolitik attackiert. Deren Plattform waren nicht nur die großen Zeitungen wie die Prawda, sondern bald auch die offiziöse Gegengründung zur LEF, RAPP, die Russische Assoziation proletarischer Schriftsteller, eine organisatorische Vorform des Dogmas vom sozialistischen Realismus. Ihnen galt Majakowski als Mitläufer, und seine Erklärung vom März 1930, kurz vor seinem Freitod, „Ich stehe nicht abseits der Partei und halte mich für verpflichtet, alle Resolutionen dieser Partei zu befolgen, obwohl ich kein Parteibuch in der Tasche habe“, hatte ihm nicht genützt; auch nicht seine Schlagfertigkeit, mit der er 1928, auf einer Konferenz, pariert hatte: daß er der wahre proletarische Dichter sei und die Autoren dieser Gruppe seine Mitläufer. Die literarische Antwort – ein dem eigenen Poem „Gut und schön“ entgegengesetztes Gedicht „Schlecht“ – blieb lediglich ein Plan. Auch das spärliche Lob Lenins, der sich in typischer Funktionärsmanier als literarisch inkompetent erklärte, um dann prompt ein Gedicht zu beurteilen, war kein Zeugnis für den revolutionären Dichter Majakowski gewesen; dem 1922 entstandenen Gedicht „Die auf Sitzungen Versessenen“ hatte Lenin ein Attest verliehen, als handele es sich um ein Parteigruppenreferat:

Ich gehöre nicht zu den Verehrern seines dichterischen Talents, obwohl ich meine Inkompetenz auf diesem Gebiet gern zugebe. Aber schon lange habe ich vom politischen und administrativen Standpunkt aus kein solches Vergnügen empfunden. In seinem Gedicht macht er sich weidlich lustig über die vielen Sitzungen, verspottet die Kommunisten, die immerzu Sitzungen und abermals Sitzungen abhalten. Ich weiß nicht, wie es in dem Gedicht um die Poesie bestellt ist, aber was die Politik angeht, so verbürge ich mich, daß das vollständig richtig ist.

Doch seit 1924, nach dem Tode Lenins – dem Majakowski ein ergreifendes Poem widmete – verschärfte sich der Kampf. Die anfangs zünftlerische Polemik, schreibt sein Übersetzer und Biograph Hugo Huppert, „war schließlich in förmliche Hetze ausgeartet“. Majakowski füllte zwar noch die größten Säle – allein in den letzten vier Jahren seines Lebens hatte er neben seinen Auslandsveranstaltungen mehr als zweihundert Lesungen in fünfzig Städten der Sowjetunion gehalten –, aber seine Briefe zeigen in zunehmend bitterem Ton einen sinistren Kampf gegen die Kulturbürokratie. Der Druck seiner Bücher wird verschoben, Verlagsleiter lassen sich verleugnen, seine Manuskripte verschwinden, und weder die Selbsttröstung –

Mit Wolfszähnen wollt ich
aaaaaaaaaaaden Amtsschimmel
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaafassen…

noch der Aufschrei – „Ich fordere fünfzehn Minuten im Rundfunk. Ich fordere, lauter als die Geiger, das Recht auf die Schallplatte“ – brachten irgendeine Hilfe.
Majakowski war der berühmteste und zugleich der ohnmächtigste Dichter des Landes – das seine Stimme mehr und mehr erstickte. Gnadenlos wurde Meyerholds Schwitzbad-Inszenierung verrissen. Eine große Ausstellung, „20 Jahre Arbeit“, die mit Büchern, Fotos, Plakaten, Zeitschriften Majakowskis Lebenswerk dokumentieren sollte, wurde Anfang März 1930 geradezu klandestin veranstaltet – die Öffnungszeiten waren falsch ausgedruckt und es erschien kein einziger offizieller Vertreter des Leningrader Schriftstellerverbandes zur Eröffnung. Ossip und Lilja Brik waren verreist, nach England zu Liljas kranker Mutter, was den empfindlichen und verstörten Majakowski zu Hilferuf-Telegrammen trieb:

[…] ich begreife nicht, wem ihr schreibt – jedenfalls nicht mir.

In dieser Notsituation war Liljas kühle Replik: „Laß Dir, bitte, einen neuen Text für Deine Telegramme einfallen“, nicht hilfreich. Die Beziehung war intakt geblieben, aber dünn geworden; vielleicht auch perforiert durch Majakowskis zahlreiche Amouren, die von beiden Briks zwar akzeptiert wurden, ihre Bindung aber wohl nicht intensivierten.
Eine Vernichtungslawine löste sich. Wenige hatten begriffen, wie bloß die Nerven des scheinbar so Souveränen, die Massen Mitreißenden tatsächlich lagen, der auf Podien mit erhobener Stimme kämpfte und dessen Pose der geballten Faust als Zeichen unerschütterlicher Kraft mißdeutet wurde. Einer der wenigen Klarsichtigen war Lunatscharski, bis 1929 noch Volkskommissar für Bildung:

Um Poet zu sein, muß man sensibel sein. Auf Grobheit, Kälte, Verhöhnung reagiert der Poet, vielleicht nicht wahrnehmbar für die Menge, vor der er seine unabhängige Haltung wahrt, mit einem zuweilen verhängnisvollen Zusammenzucken und Erbeben des Herzens. Jawohl, Majakowski trug es mit Bitterkeit, daß als Antwort auf seine Hingabe, auf den Einsatz all seiner Kräfte fürs Proletariat, ihm oft genug nur ein argwöhnischer Blick, ein ausweichendes Urteil und kaltes Festhalten am Althergebrachten begegneten […].

Als Anfang April 1930 die Zeitschrift Presse und Revolution mit einer Grußbotschaft an den „hervorragenden Revolutionär der poetischen Kunst“ erschien, wurde auf Befehl des Staatsverlagsleiters Chalatow aus den bereits ausgedruckten Exemplaren das Bild Majakowskis mit der Grußbotschaft herausgeschnitten; ein Mitarbeiter erinnerte sich:

Er [Leiter des Staatsverlages] wetterte Blitz und Donner, wie denn die Presse und Revolution sich erdreistete, den ,Mitläufer‘ Majakowski einen großen revolutionären Dichter zu nennen, und forderte, unverzüglich den Namen des Mitarbeiters bekanntzugeben, der diese ,empörende Grußbotschaft‘ in Satz gegeben hatte […].

Eine Woche später, am 9. April, lief Majakowski auf einer Großveranstaltung im Plechanow-Institut in ein Sperrfeuer wütender Angriffe. Studenten warfen ihm vor, seine Gedichte seien für Arbeiter unverständlich, einer schrie: „Was hat das alles mit der Revolution zu tun? Es ist alles persönliches Zeug. Alles unbegreiflich“; der Protokollführer konnte nur noch schreiende Frauenstimmen notieren, bis er samt Wasserkaraffe vom Podium flüchtete; Majakowski brüllte: „Setzen, setzen, ich werde Sie zum Schweigen bringen“, doch selbst auf seinen todernsten Satz:

Wenn ich sterbe, werden Sie mit Tränen der Rührung meine Gedichte lesen.

erntete er nur schallendes Gelächter. Als ihn am nächsten Tag ein Freund finster und tief deprimiert im Foyer des Meyerhold-Theaters stehen sah und auf einen etwas gerechteren Prawda-Artikel hinwies, sagte Majakowski:

Jetzt ist es trotzdem schon zu spät.

„An alle“ hatte Lenins berühmtes Telegramm gelautet, mit dem er der Welt den Sieg der Revolution verkündet hatte; „An Alle“ hieß die Botschaft des Poems der Hundertfünfzig Millionen:

An Alle!
aaAn Alle!
aaaaAn Alle!

An Alle,
die völlig kaputt sind!
Gemeinschaftlich raus,
aaaaaaaaaaaaagemeinsam
raus aus den Häusern!
und vorwärts! macht mit!

Jetzt saß einer, der einst geschrieben hatte:

Allein ist man töricht,
aaaaaallein ist man Nichts

vereinsamt in seinem Arbeitszimmer in der Lubjanski-Gasse. Er schrieb, datiert Moskau, 12. April 1930, sein letztes „An alle!“ – seinen Abschiedsbrief, der mit den Zeilen beginnt: „Ich sterbe, macht niemand dafür verantwortlich, und bitte kein Gerede. Der Verstorbene haßte das“, und der mit seinem letzten Gedicht endet:

Wie man so sagt –
aa„der Fall ist jetzt erledigt“,
das Liebesboot
aaam Alltagskram zerschellt.
Ich bin mit dem Leben quitt,
aaes ist nicht nötig,
daß man sich Not
aaund Qual
aaaaentgegenhält.
aaaaaaDen Hinterbliebenen Glück.
aaaaaaWladimir Majakowski
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa12/IV 30

Veronika Polonskaja, eine Schauspielerin am Moskauer Künstlertheater, die Majakowski während ihrer Mitarbeit an Lilja Briks Film Das Glasauge kennen- und schätzengelernt hatte, und die manche für seine letzte Geliebte, andere für eine Vertraute halten, die aber weder die komplizierte Struktur seiner Persönlichkeit noch die Bedrohlichkeit der akuten Krise begreifen konnte, war der letzte Mensch, der Majakowski lebend sah. Sie besuchte ihn am Morgen des 14. April, wollte nur kurz und in Eile vorbeischauen, weil sie vormittags zur Theaterprobe eingeteilt war, und widersetzte sich seiner immer dringlicheren Bitte, ihn nicht allein zu lassen. Selbst der ihr unklaren Andeutung, es hinge gar zu viel davon ab, daß sie bliebe, hielt sie die dringende Theaterverpflichtung entgegen; wer nun einmal eine so fesselnde wie ehrenvolle Tätigkeit wie die Arbeit am Künstlertheater erreicht habe, könne und dürfe das nicht am Beginn einer Karriere hinwerfen. Polonskaja schreibt:

[…] Ich bat ihn, doch zu überlegen: der unmotivierte Schritt müßte in erster Linie ihn selbst in Verlegenheit bringen. Wer im Leben je eine so fesselnde Aufgabe kennenlernt wie die Arbeit im Künstlertheater, der könne nicht plötzlich dazu übergehen, ab heute nur noch als die Gattin ihres Mannes zu existieren, wäre er auch ein so großer Mann wie Majakowski. […] Ich ging, schloß die Tür und tat im Flur einige Schritte aufs Haustor zu, als hinter mir ein Schuß krachte.

Vorwärts, Genosse Mauser – im Lauf war eine einzige Kugel gewesen. Mit ihr hatte sich Wladimir Majakowski ins Herz geschossen. Der Titan einer Epoche war sich selber nur mehr ein „Zwischenfall“ gewesen. Die Arbeiter einer Moskauer Maschinenfabrik ehrten ihn mit einem groben wie zugleich innigen Pathos, das bewies, daß Majakowski nicht über ihre Köpfe hinweg gesprochen hatte: mit einem Kranz aus Hämmern, Gewindekurbeln, Zahnrädern und Stahllaschen mit der Aufschrift „Dem metallenen Dichter ein Metallkranz“. Anatoli Lunatscharski, später zum Botschafter in Madrid ernannt und auf dem Wege dorthin 1933 in Menton gestorben, ehrte ihn, der nicht nur Metall gewesen war, am verständnisvollsten:

Alles Irdische, Körperliche, von heißem Blut Umspülte, von unmittelbarer Daseinsgier Erfüllte empfand er mit größter Stärke und empfand es als den Majakowski-Organismus und als die diesem Organismus entsprechende Majakowski-Psyche. Einem solchen Poeten war die Welt nicht beklemmend. Das heißt nicht, daß er das Universum als eng empfunden hätte. Nein, das Universum gefiel ihm, es war sehr groß, und er wollte ihm sehr nah sein: er lud die Sonne zu sich ein, und die Sonne kam zu ihm und unterhielt sich mit ihm unter vier Augen. Aber die Sonne kam zu ihm nur im Traum. Jene Menschen hingegen, denen er in der Wirklichkeit nah war, und jene, denen er sich mit aller Kraft anzunähern trachtete, waren ihm nicht gewachsen. Daher die gewaltige Schwermut und die gewaltige Einsamkeit Majakowskis […]
All diese Elemente, die Majakowski in sich nicht abgetötet hatte, lebten bei ihm in den Formen einer starken Fähigkeit, Menschen zu verstehen, und einer starken Sehnsucht, verstanden, mitunter getröstet, geliebkost zu sein […]. Unter dem metallenen Harnisch, in dem sich eine ganze Welt widerspiegelte, schlug nicht nur ein heißes, nicht nur ein zartes, sondern ein gebrechliches und leicht verwundbares Herz […].

Fritz J. Raddatz, aus Fritz J. Raddatz: Lebenfresser, Europäische Verlagsanstalt, 1996

 

Christine Gölz: Wladimir Majakowski

Zum 85. Geburtstag von Wladimir Majakowski:

Fritz Mierau: Majakowski lesen
Sinn und Form, Heft 3, Mai/Juni 1978

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber
Fakten und Vermutungen zum Übersetzer
Fakten und Vermutungen zum Autor + Erinnerungen

 

Wladimir Majakowski – Dokumentarfilm Teil 1/2.

 

Wladimir Majakowski – Dokumentarfilm Teil 2/2.

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