Wolf Biermann: Alle Gedichte

Biermann-Alle Gedichte

REALISMUS BEI BRECHT

Brecht, die zerbrochene Welt
zeigte er uns in seinem geschliffenen
Spiegel. Wir Neueren
haben nun auch den Spiegel zerbrochen
und zeigen in den Scherben die Welt
ganz

 

 

 

Kleines Nachwort

Alle? Ja alle. Aber nur all die Gedichte, die mir dicht genug sind, alte, neuere, ganz neue.
Mein Freund Hannes Stein und ich einigten uns auf ein steilstures Auswahlprinzip: Weg mit den schlechten – weg aber auch mit den guten Gedichten, die eben nur ganz gut sind. So wenig Zeug wie möglich! Nur allerbeste Ware! Und nur das, was jeder von uns beiden in seiner hochgestochenen Blindheit dafür hält.
Dabei mogelte ich hinter seinem Rücken drei, vier Texte mit rein, die er zu schwach fand. Mein Herz hängt eben doch an manchem räudigen Hund, der irgendwann mal unsere Feinde schön gebissen hat oder mein Herz geleckt.
So blieben am Ende nur sechzig Gedichte übrig, eine magere Ausbeute. Darum macht dieses blau eingebundene Bündel nicht so viel her wie der kompakte Band mit allen Liedern, die sich unter den grünen Buchdeckeln gut verbreitet haben.
In meinen veröffentlichten Lyrikbänden gibt es allerhand Gereimtes, und in den Arbeitsheften finden sich lyrische Versuche en masse: leichte Fingerübungen, starke Worte, schwache Kraftakte. Ich schrieb wohl mehr Gedichte als Lieder. Aber zu viele Gedichte sind dabei, die leider keine wurden, es sind eher getiftelte Gedachte. So waren denn Müllhalden aus lyrischem Bruch abzutragen. Halbfertiges war zu sichten, Verfehltes, Ausgewalztes, Zerdichtetes und Verwürgtes war auszulesen. Seien Sie also dankbar für jedes gedeuchtelte Gedicht, das Sie in dieser Sammlung nicht lesen müssen.
Wenn aber stimmen sollte, was der Lyriker Gottfried Benn behauptet, dann hätte dieses blaue Büchlein noch erheblich schmaler werden müssen. Als dieser rechte Nervenarzt grade auf seinem linken, will sagen: dem literarischen Bein stand, diagnostizierte er, daß sogar die produktivsten Poeten nicht mehr zustande brachten, als fünf bis sechs wirklich bedeutende Gedichte.
Also fünf. Wenn ich annehme, daß wiederum drei meiner besten Gedichte schon im Buch ALLE LIEDER stehn, dann findet der kritische Leser in dieser Auswahl womöglich nur zwei Gedichte, die den steilen Maßstäben des Mannes genügen, von dem ich kein einziges dieser hochgestochenen Kategorie kenne.
Alle Lieder – alle Gedichte. Man könnte einwenden: Wozu überhaupt die Trennung. Aber Lied ist nun mal Lied und Gedicht Gedicht. Ein starkes Gedicht, das schon seinen Ton hat, singt selber, es braucht nicht noch komponierte Töne dazu. Die ästhetische Ökonomie verabscheut Doppeltgemoppeltes. Es gibt freilich Zwischenformen. Denken Sie an mein Lied „Ich möchte am liebsten weg sein – und bleibe am liebsten hier…“ – das sieht ein Blinder mit dem Krückstock: Dieser Text käme gut auch ohne seine Melodie durch die Welt. So ist es nun mal mit lebendigen Regeln, sie gelten nicht immer. Die Grenzen sind fließend, und nur das beweist ihre Schärfe.
Also: alle Gedichte. Alle? Grämet Euch nicht, Freunde, oh, Freunde, frohlocket nicht! Das Wörtchen „Alle“ soll nicht den irrigen Eindruck erwecken, ich hätte den lyrischen Löffel abgegeben. Aber es ist doch an der Zeit, die Summe eines Lebens zu ziehn, das noch dauert.
Mein Bart ist weiß geworden. Jetzt, nach dem Ende des Kalten Krieges, blinzle ich erleichtert ins Dämmerlicht wie nach einem irren Albtraum. Der Kommunismus ist ein Riesenkadaver. Ein paar Nostalgiker wollen ihn durch Mund-zu-Mund-Beatmung wieder ins Leben bringen, die Aasfresser der Nomenklatura schlagen sich am stinkenden Fleisch die Bäuche voll.
Dabei bin ich ja und bleibe ein Kommunistenkind. Die Leute in meiner Familie gehörten zu den marxistischen Träumern, die versuchten, die beste aller Welten zu schaffen. Albträume, Goldenes Wenn. Der kommunistische Tierversuch an lebendigen Menschen ist blutig zerscheitert, und er wurde sang- und klanglos abgebrochen. Dieser Niedergang liefert den geschichtlichen Hintergrund für alle meine Gesänge.
Die Gedichte selbst, das hoffe ich, brauchen weder meinen politischen Kommentar noch eine poetische Gebrauchsanweisung. Aber das wild bewegte politische Umfeld, die wild wechselnden Zeiten will ich den Lesern doch in Prosa vors Auge halten. Ich denke dabei vor allem an die Jüngeren, in deren geistigem Koordinatensystem der Zweite Weltkrieg und der Völkermord an den Juden, ja sogar die Verwüstungen des Kalten Krieges womöglich näher am Dreißigjährigen Krieg liegen als an ihrem Alltag.
Apropos Koordinaten: In der Mathematik, so lernen es die Kids, gibt es ein festes System mit dem x-y-Achsenkreuz, in dem sich variable Elemente durch die vier Hauptsegmente hin und her bewegen. Hier, mit den Gedichten, funktioniert es wie umgekehrt: Die Texte sind festgeschrieben, aber das geschichtliche, das privat-politische Koordinatensystem, in dem sie stehen, bewegt sich. So wandelt sich ihre Bedeutung grade, weil sie sich nicht wandeln.

Als ich jung genug war, war ich sehr alt und glaubte zu wissen. Die rote Brause sprudelte mir so angenehm im Schädel. Nie war ich so glücklich wie 1953, als ich in die DDR übersiedeln durfte. Alles war gut und konnte nur noch besser werden. Die Pforten des irdischen Paradieses sah ich schon schimmern.
Die Idee von einer Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung klang so süß. Die Argumente für die Machbarkeit einer klassenlosen Gesellschaft waren schlagend wie die Schläge meines Herzens. Und solche Steine waren mein täglich Brot:

DIE PHILOSOPHEN HABEN DIE WELT NUR VERSCHIEDEN INTERPRETIERT – ES KÖMMT ABER DARAUF AN, … WOFÜR WÄREST DU DIR ZU GUT? VERSINKE IM SCHMUTZ, UMARME DEN SCHLÄCHTER, ABER ÄNDERE DIE WELT, SIE BRAUCHT ES! // DAS SEIN BESTIMMT DAS BEWUSSTSEIN! // VORWÄRTS UND NICHT VERGESSEN! // DIE VERHÄLTNISSE UMSTÜRZEN, DIE DEN MENSCHEN ZU EINEM GEKNECHTETEN UND ELENDEN WESEN MACHEN! // SO WIE ES IST, BLEIBT ES NICHT… // DAS FRÜHJAHR KOMMT, DER SCHNEE SCHMILZT WEG…

– sang im Berliner Ensemble Helene Weigel als Mutter Courage mit dem bühnenbayrischen Ton. Hinter den sieben Stacheldrahtzäunen mit den tausend Wachtürmen, hinter Minengürteln und Selbstschußanlagen, hinter Hundelaufgittern und Stolperdrähten war die DDR die größte DDR der Welt, ein riesiges Zwergenland. Und für immer! SEID BEREIT – IMMER BEREIT! Solange sie dauerte, dauerte meine Deutsche Demokratische Republik ewig: Zeit genug, den neuen Menschen zu schaffen! Lenin. Ende der Entfremdung! Marx. Keine Tragödien mehr! Shdanow. Ein ewiger Friede! Stalin. Weltrevolution! Trotzki. Eine planetare Idylle! –
Aber der Kommunismus erwies sich nicht – wie der Meister dichtete – als das Einfache, das schwer zu machen ist, sondern als das Schwere, das einfach nicht zu machen war. Weniger gekalauert: Er erwies sich als das Falsche, das zum Glück nicht machbar war. Der Regen floß eben doch nicht so simpel von oben nach unten, wie der Sohn eines Augsburger Papierfabrikanten es uns im proletarischen Kampflied vom Klassenfeind gepredigt hatte.
Statt dessen floß unter den roten Fahnen das Blut der Menschen in Massen. In der sogenannten Stalinzeit wurden nicht nur zwei Millionen kommunistische Kader ermordet. Die Gesamtzahl der Ermordeten – die Toten des Krieges nicht eingerechnet – wird auf weit über 50 Millionen geschätzt: Bauern, Arbeiter, die intellektuelle Elite – erschossen, verschleppt, zu Tode gefoltert, vernichtet durch Sklavenarbeit. Lenins Kampfgefährte Grigorij Sinowjew verkündete flott:

Von den hundert Millionen Einwohnern Rußlands müssen wir neunzig für uns gewinnen und den Rest, dem wir nichts zu sagen haben, ausrotten.

Trotzki schlachtete die wahren Revolutionäre des Roten Oktober, die roten Matrosen in der Festung Kronstadt. Vernichtungs- und Arbeitslager gab es schon in den zwanziger Jahren. Wenn Klein-Stalin und Klein-Hitler im Mutterleibe gestorben wären – gäb es die Shoah? Gäb es den Archipel Gulag? Ich weiß es nicht. Schauspieler für jede Rolle sind immer da im Welttheater. Vielleicht wäre ohne Hitler in Deutschland ein spanischer oder ein italienischer Faschismus an die Macht gekommen.
Im Osten jedenfalls war es nicht nur Stalin. Auch seine Widersacher, die er dann umbrachte, waren bereit, für ihre hochgesteckten Ziele jede Niedrigkeit zu begehen. Seit ich das wußte, dachte ich manchmal bitter: Was’n Glück, daß mein Vater wenigstens von seinen echten Feinden in Auschwitz ermordet wurde und nicht von seinen falschen Genossen im Gulag. Hölderlin: Und hätte doch so gern weniger gewußt…
Mir ist ein Unterschied aufgefallen: Viele Überlebenden der Shoah quälen sich mit dem Gedanken: Warum habe ausgerechnet ich überlebt? Den Häftling im GULAG aber quälte die absurde Frage: Warum wurde grade ich eingesperrt! Der Terror unter Stalin war willkürlicher, anarchischer und universaler. Jeder Beliebige wurde vernichtet: Kommunist, Antikommunist, jüdischer Jude, nichtjüdischer Jude, verjudeter Arier, der Fremde, der Eigene, der Apparatschik in der Nomenklatura und der Einzelgänger, den man nicht einordnen konnte. Viele Opfer Stalins starben mit dem Namen Stalin auf den Lippen.
Die Nazis waren da sehr viel berechenbarer. Wer arisch war und Heil Hitler schrie und sich ohne Murren zum Mörder machen ließ, mußte vor der Gestapo keine Angst haben. Es gab ja auch Juden in Deutschland, die bereit waren, an der Seite der Nationalsozialisten die verachteten Ostjuden zu vertreiben. Aber auf Hitler war Verlaß: Unter seiner Führung wurden die assimilierten deutschnationalen Heil-Hitler-Juden genauso umgebracht wie die Jidden in Polen und Rußland.
Soll hier verglichen werden? Ja. Soll hier gleichgesetzt werden? Nein! Soll hier aufgerechnet werden? Lächerlich! Ich bin kein Massenmorde-Apotheker und bin kein ordentlicher Professor für vergleichenden Völkermord. Will wer wissen, was damals schlimmer war: Gulag oder Shoah? Heute: Bosnien, Tschetschenien oder Afrika? Ich sag es Dir im Vorübergehn: Das schlimmste Verbrechen ist immer das, das gerade vor unseren Augen passiert. Und das Allerschlimmste ist, daß wir es geschehen lassen, ohne uns dagegen zu wehren.
Mit der roten Nelke im Knopfloch wollten wir ein ewiges Paradies auf die Erde herunterzwingen und sind dabei nur in immer schlimmere Höllen geraten. Das hört man in jedem Pissoir: Der Kommunismus ist eine gute Idee, aber die Menschen sind zu schlecht dafür… Nein, nein! Der Kommunismus ist eine Schnapsidee, er scheiterte nicht an der Schwachheit der Menschen. Sogar die stärksten und aufrichtigsten und klügsten Menschen mußten ja zerscheitern an diesem aufklärerischen Denkfehler, den wir Kommunismus nannten. Der lebenskluge Goethe, der verachtete Fürstenknecht, der hatte es schon an der Französischen Revolution gemerkt. Er durchschaute, daß Leute, die Gleichheit und Freiheit zugleich versprechen, Scharlatane sind oder Lügner.
So bin ich, wie andre auch, enttäuscht in falschem Hoffen. Aber zugleich bin ich froh über diese Ent-Täuschung. Das soll nicht bedeuten, daß ich mich nun lumpenhaft bescheide. Glaubt ja nicht, daß ich nun wie ein geprügelter Hund durch die Welt schleiche. Bilde keiner sich ein, daß Leute wie ich traumlos und ohne tatkräftige Hoffnung auf eine bessere Welt nur noch ihren kleinen Garten pflegen. Wie alle hartgesottenen Realisten bleibe ich ein Träumer. Aber den eitlen Traum vom roten Narrenparadies habe ich ein für allemal ausgeträumt.
Als ich ein Kind war, hörte ich aus der Goebbelsschnauze das Nazilied: BOMBEN AUF ENGELLANT… Von meiner Oma Meume lernte ich: HÄNSCHENKLEIN GING ALLEIN… und meine Mutter Emma lieferte mir dazu das kommunistische Abendgebet ihres Lieblingsdichters Heinrich Heine:

Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten

Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrthen, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann…

Als Knabe übersiedelte ich von Hamburg in die junge DDR, ich wollte so gern ran an die Zuckererbsen.
Dann, als Jüngling, entsetzte mich, daß die doktrinären Quacksalber im Politbüro die stalinistische Syphilis mit Hustentropfen heilen wollten.
Erst als ausgewachsenem Exemplar dämmerte mir endlich, daß meine allmächtigen Genossen die Todfeinde des Kommunismus sind. Nun brandmarkte ich die Parteifürsten der SED als heuchlerische Bonzen, als feudalsozialistische Fürsten und als die effektivsten Antikommunisten. Ich sprach und sang in der unbescheidenen und aggressiven Tonart, mit der Luther dem Papst das Wort Gottes um die Ohren schlug.
So war es kein Mißverständnis, daß Walter Ulbricht mich im November 1965 exkommunizieren und verketzern ließ. Sein Nachfolger, Erich Honecker, warf mich im November 1976 in die Löwengrube des Kapitalismus.
Seit 1976 lebte ich wieder in meiner lieben Vaterstadt Hamburg. Das Glück der Ausbürgerung mißdeutete ich als Riesenunglück. Ich brauchte erst ein paar Jahre, ehe ich begriff, daß die Partei mal wieder nur mein Bestes bewirkt hatte. Endlich raus aus dem Mustopf. Und erst, nachdem ich ein bißchen von der Welt gesehn hatte, das war Anfang der achtziger Jahre, schwante mir, daß es heillos ist, immerzu den wahren gegen den falschen Kommunismus zu verteidigen. Wer nicht den Mut hat, zu brechen, der zerbricht oder verfault. Also bekenne ich mein Verdienst: Ja, ich bin ein Verräter. Der richtige, der gute Verrat kostet mehr Mut als die Nibelungentreue der bedingungslosen Gefolgschaft zu einem Führer oder einem Heilswahn. Nein, ich bin kein Kommunist mehr. Wer heute noch treu an dieser Idee hängt, der hatte sie nie.

In den letzten Jahren habe ich hauptsächlich das Opus magnum eines jüdischen Dichters ans deutsche Land gezogen. Jizchak Katzenelson: Dos lied vunem ojsgehargetn jidischen volk.
In den Schauspielhäusern etlicher deutscher Städte trug ich die Verse über den Massenmord am jüdischen Volk vor. Ich las das Poem in Hamburg, in Köln, in München, auch im schönen Burgtheater in Wien. So geriet ich mit dem großen Gedicht über die Shoah gradewegs in einen verbissenen Streit um die Bewertung der deutschen Vergangenheit.
Es sind die fünfzigsten Jahrestage, an denen sich die Deutschen herumzanken. Niederlage oder Befreiung – that’s the question. Über das Glück der Niederlage könnte einer wie ich ein Pfund Worte wie goldenes Blech reden.
Nicht über mich und meinesgleichen, aber über die meisten Deutschen brach die Befreiung wie ein Unglück herein. Sie hätten den Krieg viel, viel lieber gewonnen. Soll ich etwa aufklären? Soll ich predigen oder beweisen? Soll ich tote Hunde verkatzen?
Vor drei Wochen verblüffte mich eine alte Frau in Israel, Chavka Raban aus Krakau. Ich traf sie im Kibbuz der Warschauer Ghettokämpfer Lochamei Ha ’getaot und fragte sie aus. Sie erzählte von ihren Erinnerungen an meinen geliebten Katzenelson. Sie war dabei, als der jüdische Widerstandskämpfer Laban in Krakau erschossen wurde.
Die alte Frau berichtete vom Warschauer Ghettoaufstand, vom Bunker in der Milastraße, sie sprach vom Überleben in der Todesfabrik Auschwitz – sie erzählte von ihrer Befreiung im KZ Bergen-Belsen. Und plötzlich verblüffte sie mich mit einem irren Satz:

Für die jungen Deutschen muß es auch schwer sein.

Wie schwer es ist, zeigt die heutige Diskussion um das Kriegsende. Sie überlagert sich mit dem Streit um die DDR, ihre Erben, ihre Täter, ihre Opfer.
Mir kommt eine Diskussion um die Bewertung des Jahres 1945 jetzt, nach der deutschen Wiedervereinigung, doppelt fruchtlos vor. Die Täter, egal, ob sie Leichenberge hinterließen oder nur zerstörte Leben, verteidigen sich kalt und hart. Keiner schämt, keiner beknirscht sich. Keiner will irgend etwas an irgendwem wiedergutmachen.
Mein erstes Konzert im Osten nach dem Fall der Mauer gab ich in Leipzig. Am 1. Dezember 1989 sang ich den achttausend Menschen in der eiskalten Messehalle II ein neues Lied für meinen toten Freund Robert Havemann vor:

BALLADE VOM GUT KIRSCHENESSEN

Ich hatte im Halbschlaf heute früh
Einen irren schönen Traum
Mein alter Freund, als ob er lebt
Saß oben im Kirschenbaum
Im Garten Grünheide am Möllensee
Saß Robert Havemann
Saß fröhlich auf dem Ast und rief:
Komm, Dichter!
komm dichter an mich ran

Er warf mir paar Kirschen runter ins Gras
Und spuckte die Kerne aus
Und lachte mich an: Willkommen, Wolf
Jetzt biste wieder zu Haus
Du kommst nicht als verlorener Sohn
Nicht folgsam geworden und brav
Und kommst nicht wie’n geprügelter Hund
Und auch nicht
aaaals schwarzes Schaf

Wolf, hol dein Wimmerholz raus! und sing
Vom irdischen Paradies
Ja, sing mir die Hölle auf Erden, ach
Und sing mir
Le Temps des Cerises
Da packte ich meine Gitarre aus
Das Lied der Commune de Paris
Ich sang ihm deutsch und auch français
So süßsauerselig
aaaund trällerte froh wie nie

Ich sang ihm paar alte, paar neue auch
Ich sang ihm die schönsten Lieder
Da wurde der Himmel plötzlich schwarz
Von tausendfachem Gefieder
Ein Schwarm flog in die kalte Nacht
Und krächzte im Nieselregen
(Vornweg das ganze Politbüro):
„Dem A-bend-rot
aaa-ent-ge-gen“

Gen Westen gegen den Wind anschrien
Im Flug die verzauberten Raben
Jetzt weiß ich: Sie haben uns alles verziehn
Was sie uns angetan haben
Ich hatte im Halbschlaf heute früh
Den irrsten und schönsten Traum
Und Robert lachte, als ob er lebt
Da oben, da oben
im Kirschenbaum

(27. Nov. 89)

Da haben Sie eins von den Liedern, die auch gern im Gedichte-Buch stehen würden und das sich unter diesem Vorwand wenigstens ins Nachwort reingedrückt hat. Die treffendsten zwei Zeilen sind schnell gefunden:

Jetzt weiß ich: Sie haben uns alles verziehn
Was sie uns angetan haben…

Als ich das sang, da lachten in Leipzig die fast befreiten Untertanen bös auf. Aber inzwischen weiß ich: Man soll nicht versuchen, allzu witzig zu werden. Verziehen? Von wegen. Was waren wir doch für Kinder! Die Kreaturen des alten Regimes können nicht vergeben, daß sie an uns zu Verbrechern geworden sind. Wahrscheinlich verzeiht ein Opfer viel, viel leichteren Herzens als ein Täter.
Wissen Sie, was ein „TUI“ ist? – Mit diesem Schmähkürzel brandmarkte Meister Brecht eine traurige Art von Intellektuellen: die Tellekt-Uell-Inns. Es gibt solche einen TUI mit PDS-Pfründe im Bonner Bundestag. Er ist ein Namenloser aus der tristen Menge der Schundschreiber: viele Bücher, aber keine einzige Seite. Immerhin lieferte er mit einer seiner Schund-Schwarten den Stoff, aus dem dann der Musenliebling Fassbinder sein unvergessenes Frankfurter Judenfresserstück zusammenklitschte. Aber schwache Literatur sei keinem kleinlich angerechnet. Kunst läßt sich eben nicht zwingen. Die Liebe einer Bordsteinschwalbe am Fischereihafen in Altona kann man für fünfzig Märker kaufen, aber die Liebe der Musen gibts für kein Geld der Welt.
Solche aggressiven Trauergestalten wie dieser Schriftsteller sind Gysis letztes Aufgebot im Kampf gegen die Furien der Wahrheit in den Akten des MfS. Und eben dieser Schriftstuller, Schrumpfsteller, Gruftstaller und Schroffstümper, dieser immune Kotzbrocken mit dem juristischen Jagdschein eines Parlamentsabgeordneten veröffentlichte im bundestäglichen Pressedienst der Gysi-Partei einen Haßausbruch gegen Vertreter der authentischen DDR-Opposition: Gegen Bärbel Bohley, gegen solche wie Jürgen Fuchs, Katja Havemann und Joachim Gauck.
Er belegt diese aufrichtigen und tapferen Menschen nicht nur mit dem flotten Totschlägerwort „Hitlers Kinder“ – er droht auch uns allen, die noch gelegentlich nach Opfern und Tätern des DDR-Regimes fragen, mit einem Rachefeldzug. Er schnauzt im Jargon eines durchgeknallten Polizeioffiziers:

Wir werden die Umtriebe protokollieren für die nächste Wende. Sie kommt gewiß…

Ich hatte nicht die Kraft, gleich „Gewalt!“ zu schrein. Soviel Haß schnürt mir die Luft ab. Mein Asthma aus den Bombennächten von Hammerbrook kroch mir wieder in die Bronchien. Die politische Atmosphäre in Deutschland wird immer giftiger. Die Wiedervereinigung sieht immer mehr aus wie eine Widervereinigung.
Früher hatte ich naiv geglaubt, die Zerstückelung unseres Vaterlandes nach dem Krieg sei die gerechte Strafe der Götter gewesen. Jetzt kommt es mir in verzagten Stunden so vor, als sei diese verfluchte Wiedervereinigung ohne „e“ die vielleicht noch schlimmere Strafe.
Der Zusammenbruch der DDR entpuppte sich in den letzten fünf Jahren als eine Wende ohne Wandlungen. Das ist schade. Eine Revolution ohne genug Revolutionäre gebiert eine Demokratie ohne Demokraten. Das Häuflein Aufrichtiger von vor 1989 ist nach der Wende ohne Macht und Einfluß wie eh und je. Es wimmelt in den Medien von nostalgischen Monstern, wie wir sie aus der Zeichnung von Goya kennen: Los Monstruos – Stolpe, Gysi, Markus Wolf, Schalck, de Maiziere, Schnur, bis herunter zu Böhme und Anderson. Und die noch mächtigeren Erben des alten Regimes kennt keiner, sie räkeln sich in der Anonymität. Glück gehabt 1945 – und Schwein hatten wir auch 1989. Das erste Mal war es unser Glück, daß die sowjetischen Panzer rollten, das zweite Mal, daß sie zum Glück nicht rollten. Wir haben uns weder von der Hitlerherrschaft selbst befreit noch von der Honecker-Diktatur. Ohne die Alliierten würden die Deutschen wohl heute noch Heil Hitler schreien. Ohne die Panzer der Sowjetarmee, die im heißen Herbst 1989 – Gorbatschow sei Dank! – nicht rollten, wäre Egon Krenz heute der lachende Staatsratsvorsitzende der DDR. Wären russische Panzer gerollt wie am 17. Juni 1953, dann hätte der Berliner Marx-Engels-Platz womöglich den blutigen Beinamen: Platz des himmlischen Friedens, und Schalck-Golodkowski wäre, was er vor der Wende war: ein im Westen umworbener kapitalmächtiger Koloß.
1945 wie 1989: Die Deutschen wollen offenbar kein Recht, sondern nur recht behalten, sie wollen keine Gerechtigkeit, sondern ihre Ruhe, sie finden keinen Frieden, denn sie suchen nur ihren Frieden.
Seit der Wiedervereinigung haben die alten Eliten im Osten Deutschlands die totalitäre Macht verloren, aber die wirtschaftliche ist ihnen geblieben. Das realsozialistische Privateigentum hat nur seine sozialistische Verkleidung abgestreift. Die Bonzen genießen ihren Raub aus den Zeiten der Diktatur jetzt in der Sonne der Demokratie. Sie haben außerdem clever die Kriegskasse der DDR beiseite gebracht.
Immerhin gehörte dieser Staat zu den zehn stärksten Industrieländern der Welt. Es geht um Geldberge und nicht um Ideologiesümpfe. Die DDR besaß nicht nur Konten auf jeder Bank der Welt, sondern Banken in jedem Land der Welt, Wirtschaftsimperien rund um die Erde. Immobilien rund um den Erdball. Rauschgifthandel en gros. Weltweite Waffengeschäfte. Stille Teilhaberschaften, abgeschottet durch private Mittelsmänner. Die plumpen Finger der bundesrepublikanischen Finanzbürokratie kommen da nicht ran. Davor graut mir: Wenn diese Milliarden demnächst rechtsstaatlich gewaschen sind, dann werden die Kretins des DDR-Nomenklatura jeden zweiten Rechtsanwalt mieten können, jeden dritten Journalisten kaufen, jeden vierten Richter bestechen und jeden fünften Staatsanwalt erpressen.
Irgendwo las ich ein infames Trostwort: Regt euch nicht auf – die DDR hinerließ ja keine Leichenberge, sondern nur Aktenberge. Stimmt, die lachenden Erben der DDR waren keine Massenmörder, sie sind nur Massenverstümmler. Aber sie waren die Kreaturen und Quislinge und Nutznießer eines Systems, das in der Stalinzeit mehr Menschenleben gekostet hat als der gesamte Zweite Weltkrieg in allen Ländern Opfer an Soldaten und Zivilbevölkerung.
Wir, die ehemaligen DDR-Oppositionellen, werden nun als erbarmungslose Verfolger unserer Verfolger von unseren Verfolgern hingehängt. Dabei sind Menschen wie Bärbel Bohley und Freya Klier nicht etwa rachebesessen, sondern gradezu evangelisch versöhnungssüchtig. Aber wie soll man Untaten verzeihen, die kaltlächelnd geleugnet werden.
Wie die Chinesen nach verheerenden Überschwemmungen zur Strafe den Ho-Wang-Ho mit Ruten peitschten, so geißeln wir mit Moralgeseire die lachenden Schweinehunde. Als heillos erweist sich unser schrulliges Spekulieren auf Brechts sanfte Gewalt der Vernunft. Nur ein paar empfindsame Seelchen, die nichts wirklich verbrachen, beknirschen sich. Sie schämen sich für läßliche Sünden, für ein bißchen Feigheit und Mangel an Zivilcourage. Die wirklichen Lumpen strecken uns die Zunge raus – aber nicht am Galgen.
Vor mir liegt das bedeutendste Poem dieses Jahrhunderts. Ich fand es nicht in Brechts gesammelten Werken, und Sie finden es leider auch nicht unter meinen Gedichten. Es entstand 1961 in einem Gerichtssaal und wurde in der juristischen Prosa der Protokolle zu einem Prozeß in Jerusalem niedergeschrieben. Die Autoren heißen Landau und Eichmann.
Dem Beamten Eichmann, Adolf wurde in fünfzehn Punkten der Mord an den ungarischen Juden vorgeworfen, die Ermordung der Warschauer Juden in Treblinka, die Errichtung von Auschwitz, die medizinischen Versuche an Häftlingen, Deportation von eineinhalb Millionen Polen, Massenmord an Kindern, Vernichtung durch Arbeit.
Richter Landau sagt:

Haben Sie die Anklage am ersten Tag dieses Prozesses gehört?

Der Angeklagte Eichmann antwortet:

Jawohl.

Und nun beginnt das große

EPOS VON DER BEKENNENDEN UNSCHULD

Sind Sie in bezug auf den ersten Punkt
schuldig oder nicht schuldig?
– Im Sinne der Anklage nicht schuldig.
Sind Sie in bezug auf den zweiten Punkt
schuldig oder nicht schuldig?
– Im Sinne der Anklage nicht schuldig.
Sind Sie in bezug auf den dritten Punkt
schuldig oder nicht schuldig?
– Im Sinne der Anklage nicht schuldig.
Sind Sie in bezug auf den vierten Punkt
schuldig oder nicht schuldig?
– Im Sinne der Anklage nicht schuldig.
Sind Sie in bezug auf den fünften Punkt
schuldig oder nicht schuldig?
– Im Sinne der Anklage nicht schuldig.
Sind Sie in bezug auf den sechsten Punkt
schuldig oder nicht schuldig?
– Im Sinne der Anklage nicht schuldig.
Sind Sie in bezug auf den siebten Punkt
schuldig oder nicht schuldig?
– Im Sinne der Anklage nicht schuldig.
Sind Sie in bezug auf den achten Punkt
schuldig oder nicht schuldig?
– Im Sinne der Anklage nicht schuldig.
Sind Sie in bezug auf den neunten Punkt
schuldig oder nicht schuldig?
– Im Sinne der Anklage nicht schuldig.
Sind Sie in bezug auf den zehnten Punkt
schuldig oder nicht schuldig?
– Im Sinne der Anklage nicht schuldig.
Sind Sie in bezug auf den elften Punkt
schuldig oder nicht schuldig?
– Im Sinne der Anklage nicht schuldig.
Sind Sie in bezug auf den zwölften Punkt
schuldig oder nicht schuldig?
– Im Sinne der Anklage nicht schuldig.
Sind Sie in bezug auf den dreizehnten Punkt
schuldig oder nicht schuldig?
– Im Sinne der Anklage nicht schuldig.
Sind Sie in bezug auf den vierzehnten Punkt
schuldig oder nicht schuldig?
– Im Sinne der Anklage nicht schuldig.
Sind Sie in bezug auf den fünfzehnten Punkt
schuldig oder nicht schuldig?
– Im Sinne der Anklage nicht schuldig.

Diese fünfzehn mal drei Zeilen sind modernste Lyrik – und dabei kinderleicht auswendig zu lernen. Jedes Wort in diesem monotonen Werk der Weltliteratur steht für ungefähr 22 Tausend Ermordete, ich habe es durchgerechnet. Solch eine kalte Rechnung würde Eisler und Brecht gefallen. Sie träumten mit materialistischem Augenzwinkern davon, naturwissenschaftlich exakte Messungen für den Gehalt von Kunstprodukten einzuführen… Die originelle Pointe dieses Gedichtes schrieb allerdings das Leben: Der grauenhaft schuldlose Mann wurde von den Juden in Israel hingerichtet.
Wenn nicht mal ein überführter Großmeister im Völkermord wie Adolf Eichmann beschämt ist, was soll man von kleindeutschen Folterknechten, Allesmitmachern, Verleumdern und MfS-Geistlichen, gemeinen Spitzeln, KoKo-Großgangstern, von analphabetischen Mauerschützen und kultivierten Mauerarchitekten erwarten?
Ich bin gegen die allzu flotte, die wohlfeile Versöhnlichkeit mit Menschenschindern. Eine dunkle Lichtgestalt wie Egon Bahr empfiehlt uns eine weltläufige Vergeßlichkeit, die im Grunde genau so widerlich ist wie ihr provinzielles Gegenteil: die geifernde, eifernde Rachsucht. Der Talmud aber sagt:

Wer gegen die Grausamen allzu versöhnlich ist, der wird am Ende grausam sein – gegen die Versöhnlichen.

Die Deutschen gehörn abgeschafft! – Mein Lehrer Hanns Eisler krächzte mit wienerischem Witz gelegentlich diesen melancholischen Standardkommentar zur Weltgeschichte.
Im offiziellen Selbstbild der DDR war Hitlerdeutschland das Erbe allein der gehaßten Westrepublik. Vor vierzig Jahren glaubte ich an solche Märchen, damals wäre es ein Klacks für mich gewesen, den Lesern den Antifaschismus der DDR zu verklären, der in Wahrheit von Anfang an eine groteske Heuchelei war.
Unsere Fürsten prägten ein absurdes Geschichtsbild. Aus Sicht der Parteiideologen war die DDR von Hitlers Wehrmacht überfallen worden, genau wie Polen und die Sowjetunion, und hatte sich dann an der Seite der Roten Armee heldenhaft befreit. Die Bundesrepublik war in diesem Punkte tumber, schamloser und ehrlicher.
Ich schrieb mir mal eine Ballade über JAN GAT (zu deutsch: „Hans Loch“) in der Hafenstadt Rotterdam. So heißt dort ein Mahnmal, das hingebaut wurde, um an das Bombardement der Wehrmacht im Jahre 1940 zu erinnern. In dieses Lied schrieb ich mir auch eine Strophe über die Bombennacht, die ich selbst drei Jahre später, im Juli ’43 erlebte, als die Bomber der Royal-Air-Force unsere Stadt Hamburg platt machten.

Und weil ich unter dem Gelben Stern
In Deutschland geboren bin.
Drum nahmen wir die englischen Bomben
Wie Himmelsgeschenke hin
Wir hatten Schwein, du auch, Hans Loch
Wir hatten mehr Glück als Verstand
Bloß machen zwei halbe Schweine noch
– kein ganzes Vaterland

1945 ja, aber auch 1989 –
Unser schwieriges Vaterland hatte wirklich schon zweimal mehr Glück als Verstand. Manche schließen aus dieser doppelten Erfahrung, daß man keinen Verstand haben darf, wenn man Glück haben will. Aber darf ich überhaupt „DIE“ Deutschen sagen? Sagt in Deutschland etwa ein junger Mensch: Wir Deutschen sind Massenmörder?
Für mich und meinesgleichen war der 8. Mai ein Tag der Befreiung. Als Mischling ersten Grades wäre ich nach dem Fahrplan der Rassegesetze etwa 1946 an der Reihe gewesen.
Daraus ergibt sich, daß die Niederlage Deutschlands für meinesgleichen ein Sieg war. Ich verstand nichts im Luftschutzkeller, außer Luftholen und Mamas Hand. Aber meine Mutter freute sich über die englischen Bomben. Es war nur so unpraktisch, daß sie uns auf den Kopf flogen. Komplizierte private Interessenlage im historischen Kuddelmuddel.
In diesem Punkte hatte ich Glück: Ich habe den mir auferlegten Teil Weltgeschichte immer zugleich als Familiengeschichte erlebt. Das ist zwar lästig, aber auch sehr praktisch für einen Produzenten lyrischer Wortebündel. Bei mir überlagerte sich das Politische immer mit dem Privaten, ich habe die Kälten des heißen und die Feuer des kalten Krieges auf der bloßen Haut gespürt.

Im Stadtteil Hammerbrook lag ich im Sommer 1943 im Zentrum des Fegefeuers unter dem Bombenteppich, den die Alliierten über die Hansestadt gelegt hatten. Fünfzehntausend Menschen verbrannten allein in diesen beiden erleuchteten Nächten. Kein Gesicht, keine Farbe, keinen Geruch, keine Situation habe ich je aus dem Gedächtnis verloren. Die Erinnerung an dieses Inferno ist mir eingebrannt wie nichts sonst. Alles vorher, alles nachher habe ich vergessen, aber über diesen Brand könnte ich Ihnen einen Roman schreiben, wenn ich Romane schreiben könnte.
Es gibt ein tolles Foto vom ausgeglühten Gehäuse einer Taschenuhr in Hiroshima. Die Zeiger der Uhr sind im Zeitpunkt der Explosion auf dem Ziffernblatt festgeschmolzen. Seit ich dieses Bild sah, wußte ich, daß die kleine Lebensuhr in meinem Rippenkäfig auch festgebrannt ist, sie ist stehengeblieben im Feuergebläse dieser einen Nacht. Sechseinhalb Jahre war ich damals, und so alt blieb ich mein Leben lang. Ich bin ein graugewordenes Kind, das immer noch staunt.
Ich erinnere mich übrigens genau, daß kein einziges Kind unter diesem Bombenteppich geweint hat oder gejammert. Der Schrecken war offenbar zu übermächtig. Ich hielt in dieser hellen Nacht bis zum dunklen Morgen ein gedeckeltes Aluminiumeimerchen in der kleinen Faust. Es war eine Art Milchkanne, in der aber Mirabellenkompott schwappte. Meine Mutter hatte mir den Henkel in die Hand gedrückt, als der Fliegeralarm kam. Wir stürzten runter in den Luftschutzkeller. Als das Haus dann über uns niederbrannte, schlug der Luftschutzwart mit der Spitzhacke den dünn gemauerten Durchgang auf zum Nebenkeller.
Das ist meine Erinnerung: Urvertrauen. Ich drücke mein Gesicht in den weichen Mantel der Mutter, so konnte ich atmen. Geborgenheit mitten im Weltuntergang. Mama. Wir zwei bleiben allein sitzen. Kein Mensch mehr da. Die Hitze. Der Qualm. Wir tappen endlich doch den andern hinterher, raus aus dem Keller durch das Mauerloch in den Keller des Nachbarhauses – von da nach oben. Dann durch die Feuerwand im Toreingang auf die Straße gesprungen. Luft holen! Wassertuch vor die Nase! Der Feuersturm riß ein brennendes Dach hoch über den brennenden Häusern durch die Luft, brüllende Blechpappe. Ein Stück Asphalt kochte, eine Frau blieb mit den Schuhn in der schwarzen Pampe stecken und sank um. Die Schwabenstraße, in der wir wohnten, lag quer zum Sturm. Wenn aber die Straßenzüge in der Richtung des Feuerwindes lagen, dann verstärkten sie den Sturm wie riesenhafte Düsen. In solchem Gebläse brennt alles weg wie Zunder. Funkenflug, glühende Holzteile brannten sich in die Kleider ein. Das nasse Tuch vorm Gesicht trocknete aus, kein neues Wasser.
Schwächere drehten sich lieber mit dem Rücken zum Sturm und ließen sich treiben. Wer nicht mit dem Gesicht gegen das Feuer lief, wurde immer tiefer ins Zentrum der Brände gefegt. Großes Vakuum: Die heiße Luft rast nach oben, die frische Luft strömt von allen Seiten ins Zentrum. (Aber das ist alles nachgelieferte Physik. Die Assel auf dem Holzscheit im Kamin hat keine Physik im Kopf.) Dann der Fabrikhof Ecke Nagelsweg. Die Panik, als irgendwelche Fässer explodierten. Berstende Chemie. Die Farbenspiele.
Meine Mutter zerrte mich in eine riesige Fabrikhalle, ein niedriger Raum voll mit Fässern. Schmale Gänge, frische Luft. Ein Däne aus der Nachbarschaft mit seiner Frau. Die beiden. Wir beiden. Wir suchen frisches Wasser für die Tücher. Nichts. Säure. Ätzende Flüssigkeiten. Das Tuch ist versaut. Dann die Explosion. Der Raum schlägt voll schwarzen Rauch. Keine Hand vor Augen zu sehn, kein Weg zu finden durch die Tonnen, kein Ausgang, keine Luft. Das ist der Tod.
Der dänische Mann hat die kleine Eisentür zum Hof gefunden. Er schreit. Er zündet sein Feuerzeug an, die Flamme zuckt weg. Das Lichtlein, da hin! Wir taumeln zum Ausgang. Jetzt wieder durch eine Feuerwand! Und die Hand weggerissen. Mama, Mama.
Die Leute schieben und stoßen und trampeln nieder, Mama. Ich bin allein auf der Welt. Die Menschen brüllen. Das ist der Tod. Ich stand ruhig am Rand des Getümmels mit meinem Eimerchen. Es war ja keine Gefahr mehr, es war das Ende. Hilflos wie ein Affenbaby im Labor-Versuch mit der Drahtmutter ohne Affenfell. Das Tierchen liegt auf dem Rücken und streckt alle viere von sich. Alles aus. Keine Mama. Das ist eben der Tod.
Dann meine Tante. Im Gewühl prallte sie auf mich. Sie kreischt. Sie krallt mich. Sie schreit nach ihrer Schwester. Mama. Wir haben uns wieder. Und weiter. Weg hier! weg! Das kleine Pförtnerhaus auf dem Fabrikhof. Da rein! Leute. Im Wasserbecken über dem Klo kein Wasser mehr für die Tücher. Die Hitze. Der Qualm. Das ist der Tod. Wie grün die weiße Wäsche brannte, im Nebenraum auf der Leine. Wieder sind wir die letzten. Es war so still. Das Feuer in diesem Pförtnerhaus kroch schon das Holzgeländer runter. Die blauen Flämmchen. Das geht uns nichts an. Die Glut. Das tiefe Rot. Raus jetzt! Nah an der Mauer entlang im Windschatten. Zur Brücke! Böschung runter ins Wasser. Geh du vor! Kein Grund unter den Füßen. Das ist der Tod.
Meine Mutter reißt mich an den Haaren wieder hoch. Also doch durch den schlimmsten Sturm über die breite Straße auf die andere Seite. Das könnte der Tod sein, iss es aber nicht. Der Soldat sieht uns von unten, kommt uns entgegen, will uns übers Geländer helfen. Ein Steinbrocken von der Hochbahnbrücke erschlägt den Mann vor unseren Augen. Einen halben Meter vor uns. Das ist der Tod. Grimms Märchen: DE MACHANDELBOOM.
Der zermatschte Mann

… SO DAT HE GAANZ TOMATSCH WURR. // SO WEISS WIE SCHNEE, SO ROT WIE BLUT. // MEIN MUTTER, DER MICH SCHLACHT / MEIN VATER, DER MICH ASS / MEIN SCHWESTER DER MARLEENEKEN / SUCHT ALLE MEINE BEENEKEN / BINDT SIE IN EIN SIEDEN TUCH / LEGTS UNTER DEN MACHNADELBAUM / KIWITT KIWITT! WAT FÖRN SCHOEN VOGEL BÜN ICH! … UND TWEEMOL SING ICH NICH UMSÜNST…!

Unter der U-Bahnbrücke standen wir dann im flachen Wasser des Kanals. Wir drängten uns an den Pfeiler. Das tiefere Wasser. Die alte Frau – ihr Pappköfferchen – die offne Tasche schwamm noch oben. Dann lösten sich ihre Finger von den Griffen, ein Koffer driftete ab. Die Frau sackte unter, kein Wort. Das ist der Tod. Mama. Die Nächsten kamen die Böschung runter gehetzt ins Wasser und stellten sich auf die Alte. Dann mußten wir weg da! Die brennende Fabrik, die explodierenden Fässer, die Feuersäulen in der Nacht. Herrlich! Die Feuergarbe hoch über den tiefen Himmel, alle paar Sekunden.
Und die Wasser teilten sich nicht. Kein Vor, kein Zurück. Meine Mutter nahm mich auf den Rücken und schwamm mit mir durchs Tiefe ans andere Ufer, raus aus dem Feuer an einen sanften Rasenplatz am gegenüberliegenden Ufer des Kanals. Da lagen schon paar angesengte Leute. Wie schön das große Gelb im Rot! Das Knistern der glühenden Waggons drüben auf den Gleisen. Das ist kein Tod. Ich hatte mein Eimerchen nicht losgelassen. Die Mutter ruckelte den strammen Deckel hoch und gab mir einen Schluck. Die saure Süße! Wollen Sie auch mal? Zehn Münder, zwölf Schluck, und das Eimerchen ist leer.

ICH BIN DER, DAS MERKT EUCH, IHR KLUGSCHEISSER, DER SEIN EIMERCHEN FESTHÄLT!

Dann übern Südkanal auf einer halb weggebrochenen Eisenbahnbrücke. Das Wasser blinkt unter den Schwellen. Die kleinen schwarzgekohlten Leichen. Am Bahndamm der Erstickte. Rosa mit Tiefblau.
Das ist nicht der Tod. Das sind die Toten.
Und der lange Weg dann zur Moorweide. Endlich auf der grünen Wiese. Die guten Bäume. Verteilung vom Lastwagen runter. Die großen Butterstücke in die grapschenden Hände. Konserven in die Kinderwagen. Brot. Panische Fressenausgabe an die Überlebenden. Mund stopfen. Herz stopfen. Bereicherungsräusche der Ruinierten. Krankenschwestern. Uniformierte Männer. Ein Picasso ohne alle Kunst: Die große Schwangere mit der weggebrannten Gesichtshälfte, das lebendige Auge im Totenschädel, als wärs nix. Das Kind lacht auf ihrem Arm.
Nun lagerten wir also mit den Überlebenden auf genau derselben Moorweide am Bahnhof Dammtor, wo sich zwei Jahre vorher die Hamburger Juden hatten sammeln müssen für den Abtransport nach Minsk. Das war der sichere Tod. Die hatten damals eine Gruppenreise gelöst zum verbilligten Tarif ohne Retour. Mein Opa, meine Oma aus der Schlachterstraße am Hamburger Michel. Meine Onkels und Tanten, meine Cousins und Cousinen mit dem Judenstern auf der Jacke. Keiner glaubte, daß es wirklich in den Tod geht, keiner hat es überlebt. Die gelben Sterne im Nebel. Der Vogelkäfig mit dem gelben Kanarienvogel. BUTSCHE BIERMANN – BUTSCHE BIERMANN – SCHLACHTERSTRASSE – SCHLACHTERSTRASSE. Die alte Luise Biermann wollte lieber das sprechende Federviehchen mitnehmen als einen Koffer, so als wüßte sie, daß sie am Ziel dieser Reise keinen Koffer mehr braucht.
Der 8. Mai kann darum für mich nicht ein Tag der Niederlage gewesen sein: Die entscheidende Niederlage seiner Geschichte erlitt Deutschland im Jahre 1933. Deutschland ging kaputt, als Hitler nach den Spielregeln der Demokratie eine Macht eroberte, mit deren Hilfe er die Demokratie abschaffte. Verheerende Niederlagen folgten: Das Ermächtigungsgesetz, das Verbot der Gewerkschaften, die Auflösung aller anderen Parteien. Die Vertreibung von Brecht und Kurt Weill und Thomas Mann und Hanns Eisler ins Exil besiegelte allein schon Deutschlands Untergang. Deutschland ohne Lotte Lenya ist ein Keinland. Ein anderes Zeichen der Niederlage Deutschlands waren 1940 die angenähten Judensterne. Jede Errichtung eines neuen Konzentrationslagers eine verlorene Schlacht. Die Ausbürgerung Albert Einsteins eine Selbstverstümmelung. Die glänzende Olympiade von 1936 unterm Hakenkreuz war ein Debakel. Die sogenannte Reichskristallnacht 1938 war eine schwere Niederlage Deutschlands. Die Eindeutschung Österreichs war ein Verlust. Die Annektion von Böhmen und Mähren 1939 verheerte Deutschland. Ein Unglück, der Freundschaftspakt zwischen Stalin und Hitler. Der gemeinsame Überfall auf Polen ein Desaster. Der Blitzkrieg gegen die Niederlande und Frankreich – das waren lauter verlorene Schlachten. Das war eine Kette furchtbarer Niederlagen Deutschlands. Die Niederlage vom 8. Mai 1945 aber war in dieser Logik ein Sieg und bleibt meine Rettung.

Und heute? Für einen Teil der Ostdeutschen markiert das Jahr 1989 den Zusammenbruch einer Schreckensherrschaft, für die anderen bedeutet es den Beginn einer schrecklichen Kolonisierung des Ostens. Lächerlich viele Ostdeutsche nostalgieren sich in eine alimentierte Debilität, und die meisten Westmenschen fassen sich schmerzverzerrt ans Portemonnaie.
Befreiung oder Niederlage. Wie wäre es mit dem Kunstwort „Niederfreiung“? Wer mich kennt, meine Gedichte, mein Leben, der braucht von mir kein Wort zum Sonntag nach dem Krieg.
Das Wenige, was ich rausgekriegt habe, ist ja alles gesagt und gesungen. Mir geht es da nicht anders als dem Polen Kazimirz Brandys, der mal das Paradox des Schriftstellers so schön formulierte: Er schwanke immer zwischen der Angst, schon alles – und der Angst, noch gar nichts geschrieben zu haben.

Kennst Du die Lüneburger Heide? die sandigen Wege? Da wächst der Machandelboom aus dem schönsten und blutigsten Märchen der Gebrüder Grimm. Dort gedieh das genügsame Heidekorn: der Buchweizen. Stattliche Höfe, niedrige Hektarerträge, plünnige Ecken. Der bescheidene Roggen kommt gut durch. Die Kartoffel mag den mageren Boden. Weiter südlich um Uelzen und Richtung Celle, wo fettere Böden sind, wachsen Zuckerrüben und Gerste.
Dort beackerte der Dichter Hermann Löns die Sprache so wacker wie der völkische Bauer seine Scholle. Heidekraut, Heidekraut. Reimverknotete tumbe Vierzeiler, Tüften in Zentnersäcken, Haber in Doppelzentnern. In des Heidesängers Liedern säet ein ewiger Sämann, und der soll rassisch so rein sein wie das Saatgut. Das ist deutschnationale Provinz, wo Männer noch Männer sind und Frauen noch Frauen. Nicht der verhetzte Blick des degenerierten Fabrikarbeiters, nicht die Verworfenheit des wurzellosen Intellektuellen in der Großstadt. Von dunkelhäutigen Fremden – Juden, Zigeunern, Mohren, Vietnamesen – rede ich schon gar nicht.
Die schlanken Wacholderbäume stehn stramm im arischen Abenddämmer, verzauberte giftgrüne Wächter am sanften Hügel im Heidekraut. Sie starren stumm durch die Abendnebel ins grausige Moor. Elfen tanzen unter dem deutschen Mond im Birkenhain, und Hexen humpeln durch Spinnenweb im Fichtenwäldchen. Eine Herde Heidschnucken lagert am Hang. Romantische Märchen unter den hohen Himmeln über dem flachen Land. Die schlichten Lieder von Hermanns Löns, das ist Heimatkunst in ihrer verstocktesten Vollendung:

Ja grün ist die Heide,
Die Heide ist grün.
Aber rot sind die Rosen,
Wenn sie da blühn.

Und Celle! Celle! Das allerdeutscheste Städtchen dort an der Aller! Sie sollten es besuchen, besichtigen und genießen. Da gibts was zu sehn: Das Hohe Gericht und praktisch nebenan den Knast, in dem ein paar RAF-Häftlinge sitzen. Allein das Schloß mit dem fürstlichen Theater. Das sind die Attraktionen dort. Ansonsten ist Celle ein einziges Museum. Hier hat sich ein kerngesunder Stadtkern aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges erhalten. Celle: ein bezaubernder Flecken, ein unversehrtes Kleinod norddeutscher Baukunst, liebevoll restauriert, eine urbane Antiquität, und obendrein von richtigen Menschen bewohnt.
Dreifingerdicke kantige Holznägel halten die Kopfbänder des Fachwerks. Die satt gefirnißten Stirnhölzer sind geschnitzt, die Nasen der Balkenlage auf dem mächtigen Querbalken hat ein Zimmermann nobel verziert. Alles schön fein, alles schön grob: Man sieht an den behauenen Hölzern noch die Kerben vom Breitbeil. Deutsches Handwerk. Mit echtem Blattgold vergoldete Sinnsprüche, Goethe auf himmelblauem Grund: WAS DU ERERBT VON DEINEN VÄTERN, ERWIRB ES, UM ES ZU BESITZEN. So laufen gediegene Worte in Platt und in Deutsch und Latein samt Jahreszahlen über das braunschwarze Holz, geschlagen aus deutschen Eichen, die vor fünfhundert Jahren schon dreihundert Jahre alt waren. Welches Erbe von welchen Vätern, frage nicht. Der gehässige Vierzeiler von Heinrich Heine, hier klingt er grundehrlich:

Deutschland hat ewigen Bestand,
Es ist ein kerngesundes Land.
Mit seinen Eichen, seinen Linden,
Werd ich es immer wieder finden.

Eins von diesen uralten, schmalen Häuschen, die da Schulter an Schulter stehn und einander durch die wechselnden Zeiten stützten, ist die Synagoge des Ortes. Es gibt keinen Juden mehr in Celle, das versteht sich. Aber es gibt eine Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, und die lud mich ein, Jizchak Katzenelsons Poem „Dos lied vunem ojsgeharegetn jidischn volk“ vorzutragen, so, wie ich es nun in mein Deutsch gebracht habe.
Ich hätte lieber vorher mit keinem Einheimischen reden sollen, nicht darüber. Aber nun hatte ich einen Dokumentarfilm im Kopf, den keine Kamera je sah. Ins Mikrophon gab ich das, was meine Augen vom Blatt ablasen, den großen Klagegesang der Shoah: A-B-A-B – gereimte Verse über die Leiden im Warschauer Ghetto. Ich skandierte dicht gedichtete Achtzeiler über den bewaffneten Aufstand der letzten Juden gegen die Truppen des SS Generals Stroop. Ich intonierte den herzzerreißenden Gesang über todesmutige Juden im letzten Gefecht, bei dem es nicht etwa um Leben und Tod ging, sondern nur noch darum, aufrecht zu sterben. Aber in meinem Hinterkopf rumorten an diesem Abend auf der Bühne im Scheinwerferlicht wüste Wortfetzen ungeordneter Wirklichkeit, düstere Bilder, die nicht Dichtung wurden, ein Chaos aus dem frisch Gehörten:
Vier Tage vor der Befreiung der kleinen Stadt durch die britische Armee flog die US-Airforce einen Bombenangriff in drei Wellen auf den Bahnhof dort, es war der 8. April. Die Nord-Süd-Achse der Deutschen Reichsbahn sollte durchbrochen werden. Unglücklicherweise standen auf dem Bahnhof in Celle nicht nur ein Wehrmachtszug und ein Munitionszug, sondern auch 60 Viehwaggons, vollgestopft mit Häftlingen, die schnell noch aus verschiedenen Außenlagern ins nahe KZ Bergen-Belsen geschafft werden sollten.
Ein kleiner Schaden an der Lokomotive hatte die geplante Weiterfahrt dieses Zuges um etwa eine halbe Stunde verzögert. So kam es, daß all die Bomben konzentriert auf die viertausend Häftlinge niedergingen. Die Bomben brachten zudem die Munition im Zug daneben zur Explosion. Die Gewalt der Detonationen war so groß, daß Lokomotiven wie Spielzeug durch die Luft flogen. Zweitausend Häftlinge waren auf der Stelle tot. Zerfetzte Überlebende krochen aus dem Inferno. Allerhand ausgemergelte Gestalten preßten sich in Knicks und Hecken, sie versteckten sich in Trümmern, lagen blutüberströmt in Hühnerställen, hinter Holzhaufen, in Parks und im nahen Wäldchen. Manche flüchteten sich auf Dachböden von Häusern, deren Bewohner im Luftschutzkeller saßen.
Einige Bomben hatten auch Gebäude in der Nähe des Bahnhofes getroffen. Auch etliche deutsche Soldaten, Bahnpersonal und Celler Einwohner hatte es weggerissen. Und was taten die Bürger der Stadt, als die Bombenflugzeuge wieder weg waren? Löschten sie ihre kostbaren Fachwerkhäuser, pflegten sie ihre Verwundeten, bargen sie ihre arischen Toten? Gott bewahre! Sie veranstalteten erstmal eine wilde Hetzjagd auf die überlebenden KZ-Häftlinge. Angeführt von Bonzen der NSDAP, den sogenannten Goldfasanen, stürzten sich verschiedene Trupps aus lynchwütigen Bürgern in einer Hasenjagd auf die elenden Gestalten. Pimpfe der Hitlerjugend schlugen wie in einem Geländespiel mit Knüppeln die halbtoten Gefangenen tot, Greise des Volkssturms, statt ihre Krampfadern zu pflegen, gaben den Sterbenden den Rest. Zweckentfremdete Feuerwehrleute töteten die unbewaffneten Gefangenen rund um die Stadt wie verseuchte Tiere, und so lag denn das schuldlose Menschenfleisch in Heidesträuchern, zwischen Kiefern und Birkenbüschen. Wehrmachtssoldaten und SS-Leute, statt gegen die heranrückenden Truppen der Alliierten zu kämpfen, schossen flehenden Verwundeten das Gehirn aus dem Schädel. Polizisten, statt den eigenen Volksgenossen in der Not zu helfen, fingen die Fliehenden ein und vollendeten das Massaker an den ausgemergelten Gestalten in blauweiß gestreiften Häftlingsklamotten. Immerhin wurde ein Rest Überlebender auf einem Sportplatz gesammelt. Wer noch laufen konnte, hatte die Chance, einen kurzen Todesmarsch in das nahe KZ Bergen-Belsen zu machen.
Ich neige immer mehr zu der Meinung, daß die Kraft für wirklich große Verbrechen nur mit einer brisanten Mischung aus feiger Panik und heroischem Idealismus zustande kommt. Oder war das etwa kein rigoroser Idealismus an diesem Tag im April? Der Idealist, der totale, der pure, hat eben höhere Leitbilder, denen er sein borniertes Eigeninteresse zum Opfer bringt.
Bauernregel verdreht: WIE’S GESCHERRE – SO DER HERRE. So selbstlos wie die Bürger von Celle war schließlich auch Hitler im Führerbunker.
Das unmittelbarste Interesse des Regimes hätte es doch sein müssen, den Krieg nicht zu verlieren. Aber immer wenn in den letzten Monaten des Tausendjährigen Reiches irgendein Wehrmachtsgeneral an den zusammenbrechenden Fronten verzweifelt nach einer Lokomotive und nach Güterzügen durchs Feldtelefon schrie, um Waffen und Truppen zu transportieren, mußte er sich gedulden. Die kämpfenden Truppen wurden erst bedient, nachdem Eichmann alles an Kapazitäten hatte, was er brauchte, um seine Juden in die Todeslager zu transportieren.
Der Gräßlichste unter allen genialen Komponisten, Richard Wagner, wußte um dieses idealistische Faszinosum unseres Volkscharakters. Er formulierte in seinem verquasten Deutsch, was wahrhaft deutsch sei: „Die Sache, die man treibt, um ihrer selbst und der Freude an ihr willen treiben, wogegen das Nützlichkeitswesen sich als undeutsch“ verbiete.
Die Volksgenossen in Celle wußten doch an jenem 8. April daß der Krieg nicht nur verloren, sondern in wenigen Tagen auch für sie selbst vorbei sein würde. Sie hatten zudem keinen Befehl für diesen letzten Massenmord. Nein, es war kein Nützlichkeitsdenken, es war eine selbstlose, eine Extraleistung aus höheren Motiven und auf freiwilliger Basis. Dieses freudige Engagement beim Häftlingsabschlachten widersprach jedem berechnenden Vorteilsdenken. Mancher braune Aktivist hätte sich doch in letzter Minute noch bequem einen Juden in den Keller holen können, das hätte ihm ein paar Wochen später bei der Entnazifizierung geholfen. Die Geschütze der Alliierten grollten schon am Horizont, die letzte große Panzerschlacht des zweiten Weltkrieges im nahegelegenen Gebiet von Fallingborstel war verloren. Aber nein, nichts. Es wird zwar von einzelnen Bürgern berichtet, die einem Häftling einen Schluck Wasser gegeben haben sollen und sogar ein Stück Brot, bevor sie ihn auslieferten. Aber nicht ein einziger Verfolgter wurde von irgendeinem Bürger in diesem Celle versteckt oder gerettet.
Ach falsch, was rede ich! Ein einziger Verfolgter wurde dann doch versteckt und gerettet. Da sehn wir wieder, daß man nicht pauschalisieren soll. In einem Forsthaus nördlich von Celle wurde dieser eine Mensch beherbergt und versteckt: Es war Adolf Eichmann. Von dort hat die Katholische Kirche ihn dann mit gefälschten Papieren nach Südamerika in Sicherheit gebracht.
Was für ein mieses braunes Kaff! was für eine demoralisierende Idylle! Wären die Bomben doch auf die hübschen Fachwerkhäuser gefallen und nicht auf die Waggons!
Das ist nun ein halbes Jahrhundert her. Die allermeisten Mörder von damals sind gemütlich im Bett gestorben, geachtet und lebenssatt. Die blutbesudelten Pimpfe von damals genießen heut als Rentner ihren Lebensabend. Aber heute: die jungen Deutschen, die in dem Saal in Celle vor mir saßen und sich den Großen Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk reinzogen – was haben sie mit all dem zu tun? Nichts. Gar nichts – und alles.
Ich sah vor mir Studenten, Lehrlinge, Schüler, starrte in ihre aufgerissenen Augen, sah aufblühende Menschenkinder, sah angewelkte Leute meiner Generation, ein paar Weißhaarige. Und ich dachte: Ihr seid meine winzige Hoffnung! Ihr kaut fremdes Leid, als wärs die eigene Zunge. Ihr habt sogar Eintritt dafür bezahlt, daß ich euch mit Katzenelsons Gesängen das unsagbare Elend um die Ohren schlage.
Und so hätte ich am liebsten, parallel zu Katzenelsons Versen, ein prosaisches Pamphlet als verdeckten Text unterlegt: Laßt euch bloß nicht runterziehn in eine eingebildete Schande. Ihr Jüngeren, laßt euch von keinem linksalternaiven Betroffenheitstrottel einreden, daß ihr Schuld sein sollt an den deutschen Verbrechen. Schuld? Nein. Ihr habt keine – ihr nicht, ihr gar keine.
Das ist seit je der Dreh aller Fürstendiener, Folterknechte, Denunzianten: Sie schreien, als sei das Blut an ihren Händen eignes Blut. So machen es alle Spitzel, Totschläger und Massenmörder und Schreibtischmörder: Sie demokratisieren ihre Schuld im nachhinein dermaßen großzügig, daß am Ende alle gleichermaßen mit Schuld und Schande bekleckert sind. Und das soll im Klartext heißen: Wenn alle irgendwie schuldig sind, dann sind auch alle irgendwie unschuldig. Diese Schweine grunzen: Drr Mänsch ist schläächt, wir haben doch alle einen Rüssel im Gesicht und einen Ringelschwanz inner Hose. Diese flachen Tiefdenker philosophieren: Wer behält schon saubere Hände in so schmutzigen Zeiten…
Am Ende finden die Abgestumpftesten scharfsinnig heraus, daß ja auch ihre Opfer im Grunde selber Schuld hatten. Bald schon behaupten sie keck, daß auch die Verfolgten auf vertrackte Weise mit dem Unrechtsregime kollaboriert haben. Die banale Tatsache, daß auch die Grenze zwischen Schuld und Unschuld immer fließend ist, deuten sie um die Lüge, es gäbe diese Grenze überhaupt nicht. Und so liegt am Ende über allen gleichmacherisch der fatale Segen der Erbsünde.
Die Mörder rühmen den Ermordeten nach, daß die sich in die Rolle des Schmerzensmannes und der mater dolorosa hineingedrängt, daß sie sich sogar penetrant und geradezu leidenssüchtig angeboten hätten, der Menschheit den Märtyrer zu machen. Nach dieser Idiotenlogik haben eigentlich die Opfer die armen Täter zu Tätern gemacht. Ganz am Ende dieser falschen Ursache- und Wirkungskette erweisen sich die Opfer also als die wahren Untatentuer, und – logisch! – die Täter spreizen sich dann als das Leiden Jesu zu Pferde.
Es gibt zu diesem uralten Problem eine lapidare Zeichnung von A.R. Penck, die er mir schenkte, als er noch als Ralf Winkler in Dresden vegetierte.

ZEICHNUNG VON PENCK

Ach aus Dresden, meines Freundes
Irre Krakelzeichnung. Soll ich etwa
Längst gelöste Rätsel lösen?
Seht den Bösen! Seht den Guten:
Ja, er nennt den Bösen böse
Und das macht den Bösen böse

Sind die Mörder nun die Opfer?
Gibt es nicht mehr falsch und richtig?
Ist die höhere Wahrheit Lüge?
Gibts kein Oben? gar kein Unten?
Sollen wir die Feigheit wagen?
Soll ich Nein und Amen sagen

Ist vor lauter Kompliziertheit
Jedes klare Wort gevierteilt?
Sind hier noch die Mörder Mörder?
Sind geworfne Steine Steine?
Ratten Ratten? Deutsche Deutsche?
Wein ich, wenn ich weine?

Nein. Schuldlos seid ihr jungen Deutschen, schuldlos auch hier in diesem verfluchten Celle! Grün, grün ist die Heide, und sie bleibt es auch ohne den Juden- und Franzosenfresser Hermann Löns, dessen Lieder meine Mutter so liebte. Löns konnte es eben nicht besser.
Ihr Nachgeborenen seid an den Verbrechen der Nazizeit genau so schuldlos wie Löns an der Popularität seiner Heideschnulzen. So schuldlos seid ihr wie die Piloten der US-Airforce vom 8. April 1945. Ja, ganz und gar ohne Schuld seid ihr sogar wie die Gefangenen aus Polen und Holland und Frankreich und Rußland, die hier auf dem Bahnhof im amerikanischen Bombenhagel starben. Schuldlos seid ihr wie die davongekommenen KZ-Häftlinge, ach, die dann der feigen Meute in die Hände fielen.
Die fünfzigsten Jahrestage des Gedenkens sind – wen wundert’s – in diesem Jahr schon Inflation. Die Talkshows über die Nazizeit, all die Dokumentarfilme über das Leiden der Naziopfer, über den Krieg und über die jubelnden Heil-Hitler-Massen erzeugen einen Monotonieeffekt. Manche offiziöse Feier der Obrigkeiten mag sogar Leuten auf den Geist gehn, die gar keinen haben.
Ich bin auch genervt, wenn ich höre, wie die Politiker Gedenkarien absingen, die ein beamteter Redenschreiber komponiert hat. Parteiredner knödeln ihre Reden wie Löns seine Lieder: Rot sind die Rosen, wenn sie da blühn. Mir aber gefallen selbst die verfehlten Feiern. Dabei sehe auch ich lieber im Fernsehn zwei elegante Tennismaschinen im Endspiel von Paris als die Leichenberge auf den ersten Fotos der Befreier von Buchenwald.
Im Herbst blüht das Heidekraut in Altrosa, und es verblüht ins allerwärmste abgemaffte Braun. Blau-weiß gestreift waren die Lumpen um die Hungerskelette aus dem elenden Güterzug. Und so was wie in Celle passierte nicht nur in Celle.
Im nazibraunen Österreich, an vielen Orten passierte ähnliches. Im schwarzen Thüringen übertrumpften zwei Tage nach dem Tag der Kapitulation die Einwohner eines Städtchens sogar noch die Schande von Celle. Auf dem Bahnhof dort hatte seit Tagen ein abgekoppelter Güterzug gestanden, in dem tausendfünfhundert Häftlinge sich zum Tode quälten. Die schweren Schiebetüren waren verriegelt. Die Leute des Ortes wollten das Geschrei nicht länger mit anhören müssen, die Bitten um Wasser, das Gewimmer der Sterbenden, sie konnten den Gestank nicht länger ertragen. Da nicht mal eine Rangierlok zu organisieren war, schoben die Männer des Ortes kurzerhand den ganzen Zug mit menschlicher Muskelkraft aus dem Bahnhof heraus, weit genug weg auf die offene Strecke. Dann zündeten sie die Waggons an.
Celle ist in Deutschland kein höllisches Utopia, es ist kein „KEIN ORT, NIRGENDS“, sondern ein „JEDER ORT. ÜBERALL“.
Wenn Väter und Mütter ihre grauenhafte Schuld leugnen, dann drängen sie ihren schuldlosen Kindern diese Schuld auf. Das ist die politische Ökonomie der Schande. Aber Schuld ist eins – Verantwortung ist was anderes. So schuldlos ihr jungen Leute seid, so verantwortlich seid ihr dennoch. Pfeift auf die falsche Schuld, aber laßt Euch Euer unveräußerliches Recht auf die Verantwortung von keinem streitig machen! Ein Gewissen sollt ihr haben, aber kein schlechtes. Laßt euch die Zuständigkeit für Euer eigenes Volk niemals wegschwatzen, auch nicht von irgendwelchen völkischen Schwätzern. Nehmt diese unerträgliche Last der Geschichte ohne Murren auf Euch. Diesen Fluch muß man eben leider tragen als Deutscher, als Sproß unserer grandiosen und erbärmlichen Nation.
Als Kinder dieser kleinen Stadt, als Teil dieses erfinderischen und fleißigen und furchterregenden Volkes tragt ihr alle mit Stolz und mit Scham an unserer sehr gemischten Geschichte.
Das sind so ein paar dicke Äste in unserem Familienstammbaum: Walther von der Vogelweide, Martin Luther, Johann Sebastian Bach, Beethoven, Goethe, Hölderlin, Georg Büchner, Heinrich Heine, Fürst Bismarck, Karl Liebknecht, Joseph Goebbels, Thomas Mann, Adolf Eichmann, Adolf Hitler und Bertolt Brecht und Ernst Jünger und Heinrich Böll. WAS WIR ERERBT VON UNSERN VÄTERN… ist ein Erbe, das wir nicht ausschlagen können und schon gar nicht nur halb erben. Schuldig könnten wir Nachgeborenen nur werden, wenn wir leugnen und verleugnen. Wer sich allerdings für Untaten beknirscht, die er nie begangen hat, ist genau so ein Heuchler wie all die lachenden Verbrecher, die ihre Hände in Unschuld waschen.
Solche pamphletösen Volksreden wüteten in meinem Schädel an diesem Katzenelson-Abend in Celle. Aber kein Wort davon. Meine Augen blieben treu am Text, meine Lippen wichen nicht ab.
Katzenelson schrieb sein größtes Gedicht nicht im geliebten Hebräisch, sondern in Jiddisch, das die gebildeten Juden als einen Jargon des Ghettos verachteten. Die jiddische, die Muttersprache der Juden, die Mameloschn war aber lingua franca in den Güterzügen, in den Lagern. Die letzten Worte in den falschen Duschräumen waren griechisch, französisch, deutsch, russisch, ungarisch, polnisch – aber die Sprache der allermeisten Opfer war die jiddische. Jiddisch war das Hilfeschrein, jiddisch das Röcheln und jiddisch das Schweigen.
Am Schluß seines Poems verflucht der Dichter alle Deutschen, „achtzig Millionen Mörder“ nennt er sie, die Mitläufer, die schweigenden Zuschauer beim großen Schlachten. Katzenelson prophezeit uns im Zorn, daß wir uns selbst und für immerdar vernichten werden. Zugleich beklagt Katzenelson das Ende der Juden auf dieser Erde. Ich las für die Leute in Celle Katzenelsons fünfzehnten Gesang bis zum Ende und dachte für mich: Hoffentlich behält dieser Poet nicht Recht mit seiner schwarzen Prophetie, weder im einen noch im andren: Hoffentlich wachsen in Israel noch Juden, hoffentlich wachsen in Deutschland noch Menschen.

Die hier gebündelten Verse brauchen mich nicht. Kein Kommentar zu diesem Schwarzaufweiß. Aber ein Wort doch zu der hübschen blauen Seite mitten im Buch. Sie markiert, das ist klar, den Einschnitt 1976, meine Ausbürgerung.
Dabei ging es eigentlich nicht um das Schicksal irgendeines kleinen Schnauzbartes mit Gitarre. Nein, es war die unerwartet große Protestbewegung gegen diesen aufreizenden Willkürakt der Obrigkeit – sie bedeutete den Anfang vom Ende des Regimes.
Im Grunde hätte der Buchbinder die blaue Seite auch weiter hinten einfügen können. Es gibt ja eine andre historische Scheidewand, die für uns alle hier viel folgenschwerer ist. Ich meine das zweihunderste Jahr nach der Französischen Revolution von 1789: das Ende der DDR, der Fall der Mauer. Aber dieser Break provozierte keinen Umbruch in meiner Schreiberei. Was ich in Liebe und Haß zur DDR zu sagen habe, hatte ich mir schon lange vorher von der Seele gesungen.
Ich wußte absolut nicht und ahnte nicht einmal, daß dieser allmächtige Unterdrückungsapparat so winselnd, so ganz ohne Gegenwehr in sich zusammensacken würde. Was T.S. Eliot mit Prophetenpathos über die Welt schrieb, gilt jedenfalls für die Welt des totalitären Kommunismus:

This is the way the world ends
This is the way the world ends
This is the way the world ends
Not with an bang but a whimper

Dieses Gewinsel bleibt ein Gewinsel, auch wenn es inzwischen schon auftrumpfend geschnauzt wird. Ja ja, es ist wahr, ich hätte nie geglaubt, daß unsere Feudalsozialisten von vorgestern so schnell zugrunde gehn. Aber ich hätte es mir auch nie träumen lassen, daß sie dermaßen schnell im Kapitalismus wieder obenauf sind. Meine skeptisch verehrten Leser können es in diesem Büchlein nachlesen: Als Poet im Freiheitskriege hielt ich seit dreißig Jahren treulich aus, als Prophet bin ich nicht zu gebrauchen.
Etliche dieser Texte hatte ich schon ein bißchen vergessen. Nun fällt mir auf, daß ich in den Gedichten immer ein gutes Stück weiter und radikaler und tapferer war als in Wirklichkeit. Aber wen wunderts? Den schlechten Dichter erkennt man daran, daß er besser ist als seine Gedichte, den guten Dichter erkennt man auch daran, daß seine Gedichte besser sind als er. Nur ein Lump gibt mehr als er hat? – Dann bin ich eben ein Lump. Der wahre Dichter gibt zum Eigenen immer noch die Gratisgeschenke der Musen.

Wolf Biermann, Nachwort

 

Wolf Biermann: Alle Gedichte

Anläßlich der Verleihung des Büchner-Preises 1991 an Wolf Biermann sagte Marcel Reich-Ranicki in seiner Laudatio auf den Liedermacher und Poeten, daß dessen Kunst das Publikum spalten und den Kritikern Kummer bereiten würde. Wenn Reich-Ranicki im gegebenen Rahmen Zurückhaltung auferlegt war, so kann man an dieser Stelle deutlicher werden: Biermann, von denen einen geliebt, bewundert und verehrt, gilt den anderen – wegen seiner Direktheit – verächtlich nur als der Liedermacher mit der Kodderschnauze. Und der Dichter scheint seinen Kritikern sogar recht zu geben, wenn er in „Confessio“, einem Gedicht von 1985, bekennt:

Ich habe die Schnauze voll
mit großen Worten
Und laß sie raus, wie
andre Schreier auch…

Nun, natürlich agiert Biermann nicht nur „wie andre Schreier auch“. In einem Kommentar im Spiegel bescheinigte Rudolf Augstein dem Politbarden einmal, so „sprachmächtig wie sonst keiner in Deutschland“ zu sein. Wer die Reden und Texte Biermanns unvoreingenommen liest, kommt nicht umhin, Augsteins Einschätzung zu teilen.

Ich riech zehn Meilen gegen
Wind ne’ Freiheit, die
Nach Maulkorb stinkt

Den Mächtigen in der DDR, denen er mit ähnlichen Äußerungen immer ein Dorn im Auge war und die denn auch 1976 seine Ausbürgerung durchgesetzt haben, schrieb er bereits früh ins Stammbuch:

Ihr löscht den Brand nicht mehr,
Ihr macht, was ihr verhindern wollt:
Ihr macht mich populär

In der Tat hat erst die spektakuläre Ausbürgerung Biermanns im November 1976 (der Liedermacher weilte damals zu Konzerten in der Bundesrepublik) dem Künstler zu jener Popularität verholfen, von der er teilweise noch heute lebt.
Doch Biermanns Kritik galt stets nicht nur dem stalinistischen Herrschaftssystem in der DDR. Zur Profession des „unerschrockenen Kritikers und wortgewaltigen Poeten“ (so die Jury bei der Verleihung des Heinepreises) gehört es vielmehr, den Leuten – unabhängig von Wohnort und Ansehen – unbequeme Wahrheiten zu sagen. Und so kann er in einem Gedicht von 1986, ohne mit Widerspruch rechnen zu müssen, von sich sagen:

auch hier im westen blieb ich das schaaf
im wolfspelz und blöke moral, ich blieb
stets peinlich privat im politgetümmel
und wo mit werten geknüppelt wird, bin ich
ganz gut im geben, schlechter im nehmen
leb platt auf der erde und nicht im himmel der literatur

Das Gedicht „Vom Lesen in den Innereien“, aus dem diese Zeilen stammen, ist überdies eine Art von Psychogramm des eigenwilligen Liedermachers, der offenherzig von sich sagt:

… bin besserwisser, zernagt von zweifeln
und lebe bequem von unbequemen
wahrheiten. friste mein lebensunterhalt
als menschheitsretter ganz gut gegen gage…

Daß der „Drachentöter, bewaffnet mit Leier und lachendem Konto bei der Deutschen Bank“ über alle politischen Zeitverhältnisse hinweg seinen Prinzipien treu blieb, offenbart auch der nun vorliegende Sammelband, der – entgegen dem Versprechen durch den Titel – nicht alle Gedichte, sondern nur all jene, die der Verfasser für sehr gut befand, umfaßt. Im „Kleinen Nachwort“ von immerhin 43 Seiten (!) verteidigt Biermann das „steilsture Auswahlprinzip“ in direkter Ansprache an den Leser:

Seien Sie… dankbar für jedes gedeuchtelte Gedicht, das Sie in dieser Sammlung nicht lesen müssen.

Die rund sechzig Gedichte sind in zwei Blöcke geteilt – die Zäsur wird mit dem Jahr 1976 gegeben. Bei genauem Lesen allerdings stellt man fest, daß diese Unterteilung – so logisch und verständlich sie ist – dennoch nur Äußerlichkeiten markiert: die Entstehung der Gedichte in einem bestimmten Jahr. Inhaltlich betrachtet gibt es eher die Kontinuität einer rigorosen Wirklichkeitsbetrachtung.
Der Aufklärer und Moralist Biermann:

Das schlimmste Verbrechen ist immer das, was gerade vor unseren Augen passiert. Und das Allerschlimmste ist, daß wir es geschehen lassen, ohne uns dagegen zu wehren.

Biermann wehrt sich mit Worten. Die „bittren Balladen“ und „Lieder voller Traurigkeiten“, die er seinem Publikum hin und wieder „brüllt“ (Gedicht des Liedermachers), verfehlen ihre Wirkung nicht. Kann es ein größeres Lob für einen Dichter geben?

Detlef Gwosc, Deutsche Bücher, Heft 1, 1996

 

LETZTE VARIATION ÜBER DAS ALTE THEMA
Nach Wolf Biermann

Solange ich mein Maul aufreiß
Genossen, ist es gut.
Ich bin der Wolf, Rotkäppchen beiß
Ich bis aufs rote Blut

Und fresse sie mit Haut und Haar.
Sie war mal meine Braut.
Wir sind schon lang geschieden zwar
Doch hab ichs nie verdaut.

Sie liegt mir wie ein Stein im Bauch.
Sie liegt mal kreuz, mal quer.
Sie lacht manchmal und flüstert auch:
„Ich bin die DDR“.

Die DDR, das ist die Welt
Und wenn sie unterginge
So war ich doch ihr größter Held
Weshalb ich lauthals singe:

Solange ich mein Maul aufreiß
Genossen, geht es weiter.
Ich bin der Wolf, Rotkäppchen beiß
Ich bis aufs undsoweiter.

Kurt Bartsch

 

Zum 75. Geburtstag des Autors:

Evelyn Finger: „Im Paradies würde ich vor Langeweile sterben“
Die Zeit, 3.11.2011

Fakten und Vermutungen zum Autor + IMDb + Archiv + KLG
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum

 

 


 

Der Fall Biermann – die Geschichte von Wolf Biermann und der DDR.

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