Gottfried Benn: Probleme der Lyrik

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Gottfried Benn: Probleme der Lyrik

Benn-Probleme der Lyrik

SOLL DIE DICHTUNG DAS LEBEN BESSERN?

Das für den heutigen Abend gestellte Thema ist von beiden Referenten hierzu, von Herrn Dr. Reinhold Schneider und mir, in ihren Büchern wiederholt erörtert worden. Sie brauchen von Herrn Dr. Schneider nur einige Seiten gelesen zu haben, ebenso von mir, und Sie wissen ungefähr, was wir darüber denken. Ich will meinerseits nicht mit Wiederholungen beginnen, sondern eine andere Methode anwenden, um dem Thema nahezukommen.
Ich will die Methode anwenden, daß ich zunächst das Thema genau betrachte und mir vor Augen führe Wort für Wort. Soll, das ist nicht anders auszulegen, als daß man hier eine Bestimmung für oder über die Dichtung treffen will, die verbindlich ist. In den Zehn Geboten kommt dies Soll in jeder These des Dekalogs vor, entweder Soll oder Du sollst nicht. Es ist ein hartes Wort, dies Soll aus Kapitel 20 von Mos. 2, – und das Volk sah den Donner und Blitz, lesen wir, und den Ton der Posaune und den Berg rauchen. Da sie aber solches sahen, flohen sie und traten von fern. Nun, wir wollen nicht von ferne treten, aber etwas apodiktisch steht es vor uns, dies Soll, und es führt uns sofort zu der weiteren Frage: Wer fragt eigentlich, wer stellt die Forderung, über die Dichtung eine Erklärung zu erwarten. Ist es ein Nationalökonom, ein Pädagoge, ein Geistlicher; ein Staatsanwalt; oder soll es die vox populi sein, der consensus omnium oder das demokratische Ideal, demzufolge jeder alles wissen und über alles mitreden soll? Man weiß es nicht, und ich lasse die Frage zunächst unbeantwortet.
D i e   D i c h t u n g: Da es keine Rhapsoden mehr gibt und wir selber keine sind, heißt Dichtung ein Buch, ein Buch mit Dichtung, ein Buch voll Dichtung. Ein solches Buch also soll das Leben bessern oder nicht bessern – das steht noch offen. Nun gibt es viele Bücher, die ganz offensichtlich das Leben bessern wollen, zum Beispiel ökonomische Bücher, in denen die Frage nach einem Ausgleich von Freiheit und Zwang, von individueller Unbeschränktheit und materieller Massengesellschaft erörtert und zum Schluß ein Ausweg gezeigt wird, der bessere Zustände mit sich bringen soll. Oder es gibt ärztliche Bücher über Neurosen, Verdrängung, Managerkrankheit, diese Bücher geben Ratschläge, empfehlen, verbieten, um das Leben zu bessern. In dieser Buchreihe müssen wir nun also das Buch voll Dichtung sehen, hinsichtlich dessen uns die Frage auferlegt ist zu prüfen, ob es bessern soll. Wir können hier das Theater als aufgeblättertes Buch hinzunehmen. Nun kommt das dritte Wort, und das enthält eine Grundfrage: Was ist eigentlich das Leben selbst? Was ist gemeint, was davon soll gebessert werden? Seine Physiologie oder seine Affekte, das produktive oder das denkerische Sein. – „Leben“ ist sehr summarisch, und hiermit beginnt unser Thema heikel zu werden, und es könnte sich hier eine Kritik des Begriffs Leben andeuten, die etwas ungewöhnlich ist, jedenfalls unzeitgemäß, aber wir kommen nicht darum herum, unser Thema auferlegt es uns. Seit langem begann ich darüber nachzudenken, wie seltsam es sei, daß dieser Begriff des Lebens der höchste Begriff unserer Bewußtseins- und Gewissenslage geworden ist. Neben Schillers Vers „Das Leben ist der Güter höchstes nicht“ findet man nur wenige kritische Einschränkungen dieser Art. Das Leben −: hier erzittert die weiße Rasse, es ist der letzte Glaubenshalt des Augenblicklichen, unseres Kulturkreises. Ist es ein Residuum des biologischen neunzehnten Jahrhunderts, das das heutige Europa verpflichtet, um jedes Leben zu kämpfen, auch um seine armseligste Frist, um jede Stunde mit Spritzen und Sauerstoffgebläse, während wir doch Kulturkreise kennen, in denen das gemeine Leben, das allgemeine Leben überhaupt keine Rolle spielte, bei den Ägyptern, den Inkas oder in der dorischen Welt, und noch heute hören wir von Vorgängen bei gewissen Nomadenstämmen Asiens: wenn die Eltern lästig werden, steckt der älteste Sohn den Speer durch die Zeltwand, und der Alte wirft sich von innen mit dem Herzen dagegen. Also eine universale, eine anthropologische Forderung ist die von uns erwartete Pflege des Lebens nicht. Nur bei uns, innerhalb gewisser Breitengrade ist es der Ordnungs- und Grundbegriff geworden, vor dem alles halt machte, der Abgrund, in den sich alles trotz sonstiger Wertverwahrlosung blindlings hinabwirft, sich beieinander findet und ergriffen schweigt. Dies erscheint mir tatsächlich nicht so klar und selbstverständlich, wie es die Allgemeinheit sieht, und zwar aus den ernstesten Gründen. Denn anzunehmen, daß sich der Schöpfer auf das Leben spezialisierte, es hervorhob, betonte und etwas anderes als seine üblichen Gestaltungs-Umgestaltungs-Spiele mit ihm betrieb, erscheint mir absurd. Diese Größe hat doch bestimmt noch andere Betätigungsfelder und wirft das Auge auf dieses und jenes, das weitab liegt von einem so unklaren Sonderfall, kurz für einen so pflanzenentfernten Kulturkreis von rein spirituellem Erlebnismaterial, wie wir es wurden, ist dieser diktatorische Lebensbegriff doch erstaunlich primitiv, fast als ob er aus der Veterinärmedizin stammte.
Dies problematische Leben soll also gebessert werden. Immer größer werden die Schwierigkeiten. In welcher Richtung – in  p o l i t i s c h e r, aber das tun doch die Abgeordneten und die Wahlversammlungen? In  t e c h n i s c h e r? Aber damit träten wir ja mit auf die Seite der Ingenieure und Krieger, die die Grenzen verrücken und Drähte über die Erde ziehen. In  s o z i a l e r? Ich las kürzlich bei einem englischen Nationalökonomen, daß der Arbeiter in England heute komfortabler und mondäner lebt als in früheren Jahrhunderten die Großgrundbesitzer und die Herren der Schlösser. Er führte das im einzelnen aus: an den Wohnungen, die früher dunkel und eng waren und nicht zu heizen, an der Nahrung, man mußte alles Vieh zu Martini schlachten, da man es die Wintermonate nicht ernähren konnte, an den Krankheiten, denen man ohne Wehr gegenüberstand. Also heute leben die Arbeiter wie die Reichen vor drei Jahrhunderten und in drei Jahrhunderten wird wieder das gleiche Verhältnis sein und immer so fort und immer geht es weiter hinan und empor mit Menschheitsdämmerungen und Morgenröten und mit sursum corda und per aspera ad astra, die Armen wollen rauf und die Reichen wollen nicht herunter, das alles ist doch schon gar nicht mehr individuell erlebbar, das ist doch ein funktioneller Prozeß der Tatsache der menschlichen Gesellschaft – wo sollte dabei bessernd die Dichtung stehen? Oder soll sie in  k u l t u r e l l e r  Hinsicht bessern? Nun berühre ich einen Sachverhalt, hinsichtlich dessen ich mit meiner Meinung wohl allein stehen werde. Ich bin nämlich der Ansicht, daß Kunst und Kultur nicht allzu viel miteinander zu tun haben. Ich habe schon oft dafür plädiert, daß man scharf zwischen zwei Erscheinungen unterscheiden sollte, nämlich der des Kunstträgers und der des Kulturträgers. Kunst ist nicht Kultur, Kunst hat eine Seite nach der Bildung, der Erziehung, der Kultur, aber nur, weil sie eben das alles nicht ist, sondern das andere, eben Kunst. Die Welt des Kulturträgers besteht aus Humus, Gartenerde, er verarbeitet, pflegt, baut aus, wird hinweisen auf Kunst, sie anbringen, einlaufen lassen, Kurse, Lehrgänge für sie einrichten, er glaubt an die Geschichte, er ist Positivist. Der Kunstträger ist statistisch asozial, weiß kaum etwas von vor ihm und nach ihm, lebt nur seinem inneren Material, für das sammelt er Eindrücke in sich hinein, zieht sie nach innen, so tief nach innen, bis es sein Material berührt, unruhig macht, zu Entladungen treibt. Er ist uninteressiert an Verbreiterung, Flächenwirkung, Aufnahmesteigerung, an Kultur. Er ist kalt, das Material muß kalt gehalten werden, er muß die Gefühle, die Räusche, denen die anderen sich menschlich überlassen dürfen, formen, das heißt härten, kalt machen, dem Weichen Stabilität verleihen. Er ist vielfach zynisch und behauptet, auch gar nichts anderes zu sein, während die Idealisten unter den Kulturträgern und Erwerbsständen sitzen. Der Kunstträger wird in Person nirgendwo hervortreten und mitreden wollen, für bessern vollends hält er sich in gar keiner Weise für zuständig – von einigen sentimentalen Ausläufern abgesehen −, „unter Menschen war er als Mensch unmöglich“, dies seltsame Wort von Nietzsche über Heraklit – das gilt für ihn.
Oder schließlich soll die Dichtung in  m e d i z i n i s c h e r  Richtung vielleicht bessern, trösten, heilen? Es gibt viele, die das bejahen. Musik für Geisteskranke und Verinnerlichung durch Rilke bei Fastenkuren. Aber wenn wir bei Kierkegaard lesen: „Die Wahrheit siegt nur durch Leiden“, wenn Goethe schreibt „leidend lernte ich viel“, wenn Schopenhauer und Nietzsche den Grad und die Fähigkeit zu leiden als den Maßstab für den individuellen Rang ansehen, wenn Reinhold Schneider schreibt: „Am Kranken soll die Herrlichkeit Gottes offenbart werden, das Wunder, das er an ihm tut“, und wenn Schneider weiter das Schwinden des Bewußtseins des Tragischen als den Untergang unserer Kultur bezeichnet, darf dann die Dichtung oder der Dichter an einer Besserung dieser tragischen Zustände mitarbeiten, müßte er nicht vielmehr aus der Verantwortung vor einer höheren Wahrheit halt machen und in sich selber bleiben? Eine höhere Wahrheit in Ihrem Munde, werden Sie mir zurufen, was ist denn nun das? Ich antworte, ich kann mir einen Schöpfer nicht vorstellen, der das, was im Sinne unseres Themas bessern heißen könnte, als Besserung betrachtete. Er würde doch sagen: Was denken sich diese Leute, ich erhalte sie durch Elend und Tod, damit sie menschenwürdig werden, und sie weichen schon wieder aus durch Pillen und Fencheltee und wollen vergnügt sein und auf Omnibusreisen gehen, und was die Dichtung angeht, halte ich es mit dem Satz von Reinhold Schneider: „Es gehört zum Wesen der Kunst, Fragen offenzulassen, im Zwielicht zu zögern, zu beharren.“ Wer die Dichtung so empfindet, der kommt vielleicht weiter. Im Zwielicht – soviel über den Schöpfer und das Bessern.
Ich habe mich bisher in der Unternehmung einer formalen Kritik des uns aufgestellten Themas versucht, aber ich werde dabei nicht stehenbleiben. Ich werde die Essenz selber prüfen und zu mir sprechen lassen. Vorher aber möchte ich noch zusammenfassend sagen, unser Thema ist eine sehr deutsche Frage, eine sehr deutsche Formulierung. Ich glaube nicht, daß diese Frage in Frankreich, Italien oder Skandinavien so gestellt werden könnte. Uns liegt sie nahe, da wir aus unserer Literaturgeschichte meinen könnten, daß die Dichter selber, sie als Vorbild, Idol, geschlossenes moralisches Ich, als Vorleben die Jugend und die Zeit bessern könnten. Es trifft zu, wenn wir die letzten hundert Jahre unserer Literatur ansehen, so sehen wir in ihr viele große Männer, aber biedere Gestalten, wie Storm, Fontane, idyllische, wie Mörike, Stifter, Hesse, bürgerliche wie Thomas Mann, Gerhart Hauptmann, alles menschlich edle Figuren, alles Ehrenmänner. Dagegen Dostojewski spielte Roulette wie ein Maniakalischer. Tolstoi wusch sich wochenlang nicht, um wie ein Kulake zu stinken. Maupassant schrieb, daß ein normaler Mann in seinem Leben dreihundert bis vierhundert Frauen erotisch kennenlerne. Verlaine schoß auf offener Straße auf Rimbaud, verwundete ihn und kam zwei Jahre ins Gefängnis. Von Oscar Wilde wollen wir erst gar nicht reden. Also auch ein vorbildliches, andere besserndes Leben kann man aus den Produzenten der Dichtung nicht herleiten.
Um mich noch mehr in die Probleme unseres Themas zu vertiefen, sah ich mich um, was die Dichter selber von ihrer Tätigkeit halten, ob sie sie in die Richtung, andere zu bessern, deuteten. Ich fand das aber nicht bestätigt. Hebbel schreibt, dichten heißt die Welt wie einen Mantel um sich schlagen, und sich wärmen. Eine recht egozentrische These. Ibsen sagte, dichten heißt, sich selber richten – dies Wort ist berühmt, aber ich kann mir nicht viel dabei denken. Bei Kafka hören wir: „Alles, was sich nicht auf Literatur bezieht, hasse ich, es langweilt mich.“ Anatole France schreibt: „Wir müssen zum Schluß doch zugeben, daß wir jedes Mal von uns selbst sprechen, wenn wir nicht schweigen können.“ Interessant ist eine Bemerkung von Rilke: „Nichts meint ein Gedicht weniger, als in dem Lesenden den möglichen Dichter anzuregen.“ Wunderbar ist das Wort von Joseph Conrad, dichten heißt, im Scheitern das Sein erfahren. Zum Schluß noch Majakowski. Er notiert: „Die Arbeit des Dichters muß zur Steigerung der Meisterschaft und zur Sammlung dichterischer  V o r f a b r i k a t e  Tag für Tag fortgesetzt werden. Ein gutes  N o t i z b u c h  ist wichtiger als die Fähigkeit, in überlebten Versmaßen zu schreiben.“ Beachten Sie an diesem Ausspruch die Worte „Vorfabrikate“ und „Notizbuch“. Wir befinden uns hiermit bereits im Vorfeld abstrakter, bewußter, artistischer Kunst. Nirgendwo bei diesem Streifzug erblicken wir oder hören wir von den Autoren etwas von Besserungsbestrebungen in Bezug auf andere. Aber Goethe, wird man sagen, der war doch fur ein strebendes Bemühen, das allen zugute käme, der war doch für Bildung, Erziehung, Besserung – aber, frage ich dagegen, was war Goethe eigentlich nicht? Und studieren wir seine Gedichte, die vollkommensten, die schönsten – „Warum gabst du uns die tiefen Blicke“ oder das „Parzenlied“ oder „Nachtgesang“: „O gib vom weichen Pfuhle träumend ein halb Gehör“ −: sie zeigen in der höchsten Gelungenheit immer wieder nur die Vollendung des Dichters in sich selbst – daß es eine Vollendung aus sich selbst ist, das behaupte ich nicht.
Aber jetzt stürze ich mich in die Flut, lasse die Wogen über mir zusammenschlagen – soll die Dichtung das Leben bessern? – ich atme diese humane, diese idealistische hoffnungsdurchtränkte Essenz in mich ein. Aber, frage ich mich sofort, wie kann denn einer, der dichtet, noch einen Nebensinn damit verbinden? Wer dichtet, steht doch gegen die ganze Welt. Gegen heißt nicht feindlich. Nur ein Fluidum von Vertiefung und Lautlosigkeit ist um ihn. An den Tischen mag geschehen, was will, jeder seine persönlichen Liebhabereien haben, Karten spielen, essen, trinken, selig sein, von seinem Hund erzählen, von Riccione – sie stören ihn nicht, und er stört sie nicht. Er dämmert, er hat Streifen um sein Haupt, Regenbögen, ihm ist wohl. Er will nicht verbessern, aber er läßt sich auch nicht verbessern, er schwebt. Oder er sitzt zu Hause, bescheidene vier Wände, er ist kein Kommunist, aber er will kein Geld haben, vielleicht etwas Geld, aber nicht im Wohlstand leben. Also er sitzt zu Hause, er dreht das Radio an, er greift in die Nacht, eine Stimme ist im Raum, sie bebt, sie leuchtet und sie dunkelt, dann bricht sie ab, eine Bläue ist erloschen. Aber welche Versöhnung, welche augenblickliche Versöhnung, welche Traumumarmung von Lebendigem und Toten, von Erinnerungen und Nichterinnerbarem, es schlägt ihn völlig aus dem Rahmen, es kommt aus Reichen, denen gegenüber die Sterne und Sonnen Gehbehinderte wären, es kommt von so weit her, es ist: vollendet.
Ein beladener Typ! Sie können wahrscheinlich noch über manches nachdenken: L’art pour l’art, Kausalität, Indochina, er kann das nicht mehr, die Welt mag sein, wie sie will, sie geht vorüber, aber er heute auf diesem Breitengrad, dem 53., Durchschnittstemperatur im Juli I9,8, im Januar 0,5 Grad, muß seinen Weg abschreiten, seine Grenzen erleben – Moira, den ihm zugemessenen Teil. Arbeite, ruft er sich zu, du hast siebzig Jahre, suche deine Worte, zeichne deine Morphologie, drücke dich aus, übernimm ruhig die Aufgabe einer Teilfunktion, die aber versorge ernstlich. Valéry hatte gesagt, der Vollmensch stirbt aus, heute müßte man sagen, der Vollmensch ist ein dilettantischer Traum, eine voluminöse Allheit, eine archaische Erinnerung. Das Zeitalter Goethes hat ausgeleuchtet, von Nietzsche zu Asche verbrannt, von Spengler in die Winde verstreut – glimmend und schwelend ist die Luft, aber nicht von Johannis- oder Kartoffelfeuern, vielmehr von den brandigen Scheiten der Kulturkreislehre, der eine Kreis versinkt, ein anderer steigt auf, und wir sind die Puppen und Chargenspieler in diesen solaren Stücken.
Wie schön wäre es für einen, der Dichtung machen muß, wenn er damit irgendeinen höheren Gedanken verbinden könnte, einen festen, einen religiösen oder auch einen humanen, wie tröstlich wäre das für seinen Geheimsender, der die Todesstrahlen ausschickt, aber ich glaube, daß vielen kein solcher Gedanke tröstend zuwächst, ich glaube, daß sie in einer erbarmungslosen Leere leben, unablenkbar fliegen da die Pfeile, es ist kalt, tiefblau, da gelten nur Strahlen, da gelten nur die höchsten Sphären und das Menschliche zählt nicht dazu.
In dieser Sphäre entsteht die Dichtung. Und damit treten wir vor das Problem der monologischen Kunst. Das Gedicht ist monologisch. Diese Behauptung ist keine Konstitutionsanomalie von mir, auch jenseits des Atlantiks finden wir sie vertreten. In USA versucht man auch die Lyrik durch Fragebogen zu fördern, man sandte einen solchen Fragebogen an 14 Lyriker in USA, die eine Frage lautete: An wen ist ein Gedicht gerichtet? Hören Sie, was ein gewisser Richard Wilbur darauf antwortete: Ein Gedicht, sagt er, ist an die Muse gerichtet, und diese ist unter anderem dazu da, die Tatsache zu verschleiern, daß Gedichte an niemanden gerichtet sind. Das Gedicht, die Lyrik ist für unsere Frage der beste Test. Ein Gedicht ist immer die Frage nach dem Ich, und alle Sphinxe und Bilder von Sais mischen sich in die Antwort ein. Also der atlantische Kulturkreis heute und hier: das moderne Gedicht, das absolute Gedicht ist das Gedicht ohne Glauben, das Gedicht ohne Hoffnung, das Gedicht an niemanden gerichtet, ein Gedicht aus Worten, die Sie faszinierend montieren. Und doch kann es ein überirdisches, ein transzendentes, ein das Leben des einzelnen Menschen nicht verbesserndes, aber ihn übersteigerndes Wesen sein. Wer hinter dieser Behauptung und dieser Formulierung weiter nur Nihilismus und Laszivität erblicken will, der übersieht, daß noch hinter Faszination und Wort genügend Dunkelheiten und Seinsabgründe liegen, um den Tiefsinnigsten zu befriedigen, daß in jeder Form, die fasziniert, genügend Substanzen von Leidenschaft, Natur und tragischer Erfahrung leben. Überblicken Sie Ihren Weg: durch die Jahrtausende den religiösen Weg und den dichterisch-ästhetischen Weg: Die ganze Menschheit zehrt von einigen Selbstbegegnungen, aber wer begegnet sich selbst? Nur wenige und dann allein.
Also, werden Sie nun vielleicht denken, der Redner beantwortet die an ihn gestellte Frage schlechtweg negativ. Nein, das tut er nicht. Die Dichtung bessert nicht, aber sie tut etwas viel Entscheidenderes: sie verändert. Sie hat keine geschichtlichen Ansatzkräfte, wenn sie reine Kunst ist, keine therapeutischen und pädagogischen Ansatzkräfte, sie wirkt anders: sie hebt die Zeit und die Geschichte auf, ihre Wirkung geht auf die Gene, die Erbmasse, die Substanz – ein langer innerer Weg. Das Wesen der Dichtung ist unendliche Zurückhaltung, zertrümmernd ihr Kern, aber schmal ihre Peripherie, sie berührt nicht viel, das aber glühend. Alle Dinge wenden sich um, alle Begriffe und Kategorien verändern ihren Charakter in dem Augenblick, wo sie unter Kunst betrachtet werden, wo sie sie stellt, wo sie sich ihr stellen. Sie bringt ins Strömen, wo es verhärtet und stumpf und müde war, in ein Strömen, das verwirrt und nicht zu verstehen ist, das aber an Wüste gewordene Ufer Keime streut, Keime des Glücks und Keime der Trauer, das Wesen der Dichtung ist Vollendung und Faszination.
Und damit Sie sehen, wie ernst die Situation ist, der ich Ausdruck zu verleihen mich bemühe, schließe ich mit einem Vers von Hebbel, in dem Sie auch das Wort hören, das meinem Stil fremd ist, das aber viele von Ihnen vielleicht erhoffen, es ist ein Vers aus dem Gedicht „An die Jünglinge“, er lautet:

Ja, es werde, spricht auch Gott,
und sein Segen senkt sich still,
denn er macht den nicht zum Spott,
der sich selbst vollenden will

 

 

Die Darstellung dieses schwierigen Gegenstandes, den ich bisher kaum für darstellbar hielt, ist Ihnen in einer Weise gelungen, die mich geradezu verblüfft. Dieser Vortrag geht weit über alles hinaus, was man gemeinhin unter Lyrik versteht – die ,Welt‘ ist darin enthalten.

Max Niedermayer an Benn am 9. Juli 1951

Der Hessische Rundfunk hat das Übertragungsrecht des Vortrages erworben und schickt einen Aufnahmewagen zu der Veranstaltung hin, ich fürchte, daß auch das schon der strengen Wissenschaft nicht recht ist.

Benn an Ernst Robert Curtius am 1. August 1951 anläßlich seines Vortrags an der Universität in Marburg

Ein Glück, daß Sie nicht da waren! Ging schief! Zu grosser Hörsaal, zu viel Leute u. miserable Akustik, die hintre Hälfte schrie „lauter“, peinliche Sache, ich musste kürzen. Schlechte Organisation. Einmal u nie wieder.

Benn an F.W. Oelze am 22. August 1951, einen Tag nach dem Vortrag

 

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Mind the gap

− Über die Lücke zwischen Lyrischem Ich und Wort. −

Meine Damen und Herren, wenn Sie am Sonntag morgen Ihre Zeitung aufschlagen, und manchmal sogar auch mitten in der Woche, finden Sie in einer Beilage meistens rechts oben oder links unten etwas, das durch gesperrten Druck und besondere Umrahmung auffällt, es ist ein Gedicht.

Gesperrt an diesem Einleitungssatz Gottfried Benns zu seinem am 21. August 1951 an der Universität zu Marburg gehaltenen Vortrag ist jedenfalls der Stil, eine gewisse Umständlichkeit, der man mit einem mulmigen Gefühl anzumerken meint, dass er aus der Kurve heraus Anlauf nimmt auf größere Zusammenhänge, wenn nicht gar auf gewaltige und die höhere Kultur ursächlich berührende Phänomene, wie zum Beispiel auf „Probleme der Lyrik“.
Abgesehen davon, dass Sie sich, wenn Sie am Sonntagmorgen Ihre Zeitung aufschlagen, was sich bei Gottfried Benn noch Sonntag morgen schreibt, leider zu den Nachzüglern und Spätzündern zählen müssen, die sich ihre Augen noch am Papier schmutzig machen, hätten Sie das heute auch kaum noch zu befürchten. Sie werden, nehmen wir unsere, in dieser Beziehung, noch immer unschlagbare FAZ mal aus, kaum auf diese besondere Umrahmung stoßen, die den potentiellen Schock eines Gedichts typografisch im Zaum hält. Wenn Sie sich auf der Höhe der Zeit befinden, werden Sie bei MSN oder Google-News Ihren unersättlichen Informationshunger stillen, und in der besonderen Umrahmung (die sich durchaus auch rechts oben befinden kann) findet sich mit Sicherheit kein Gedicht, sondern allenfalls die Anzeige fürs „Flirt Café“ oder das zuckende Portal von „Congstar“.
Die Realität als tägliche Kostprobe im Nachrichtenformat und das Gedicht als Tüpfelchen auf dem i, was die feinstoffliche Existenzialität des Menschen angeht, haben sich endgültig getrennt.
Auch wenn, im Netz immer wieder dramatische Verknappungen wie „Werder weiter sieglos!“ grundsätzlich den Raum in die Elegie freizugeben scheinen, werden hohe poetische Ziele nicht weiterverfolgt. In erfolgsorientierten Kreisen, besonders denen der emotional vorsätzlich ins Mausgraue spielenden „Urban Professionals“ und erst recht in der neuen Kriegerkaste der Finanzwirtschaft und des sogenannten Managements, wird heute das Gedicht höchstens als unbegreifliche, weil materiell oder effektiv gar nicht fassbare Absurdität empfunden.
Das heißt aber nicht, dass in unserem Vaterland nicht trotzdem eine ganze Reihe von Menschen dasitzen und Gedichte machen. Ähnlich, wie nach dem Ende der Kunst, wie Hegel das ausfuhrt, es auch weiterhin etwas geben wird, das sich als Kunst repräsentiert, wird das lyrische Prinzip weiterverfolgt, auch wo seine Ergebnisse ins Leere greifen. Es lohnt der Unerheblichkeit halber nicht, die Beweggründe in irgendwelchen sattsam bekannten Trivialitäten zu suchen, wie: Brunnenrauschen, Frühlingsglück und anderes Herzzerreißende, zumal die Ergebnisse jenseits der Ergriffenheit auch nicht berauschender sind. Beliebigkeit, Belanglosigkeit und Indifferenz der Stoffe, dividiert durch die geschrumpfte Individualität des Autors, haben die „Lyriklandschaft“ nicht erfrischt, sondern entvölkert. Besonders Gedichte, in denen die Dichter nur noch als die Dompteure witzereißender Wortrümpfe auftreten.
Da braucht es keinen Kasten außen herum, oder keine Umrahmung, wie Benn es nennt, weil Explosionsgefahr mangels Explodierfähigkeit des Beobachters nicht besteht.

Ich selbst bin daher auch längst mit einem Auge und mit halbem Ohr auf die personell schwach besetzte „Brunnenglück-Seite“ übergewechselt und erachte die Betrachtung von Wolken und das Belauschen von Bäumen (natürlich bei fortwährend aktualisierter Sprache und unter absoluter Beachtung der sogenannten Randerscheinungen, auch der trivialen und der technischen) für eine radikale Kur gegen den Kommunikationstumor und erlaube mir, zeitgenössisch zu sein gerade in der Differenz zu den platten Status-quo-Ablichtungen der Zeit-Jockeys und Equipment-Junkies.
Man muss nicht alles mögen, was es gibt, aber man muss es kennen. Das epileptisch-pornographische Sausen dieser biedermeierlichen Ruhe vor dem Sturm ist schließlich die Erkennungsmelodie des historischen Augenblicks. Man muss die Zugeballerten im Auge behalten, auch wenn man am Schreibtisch, im Bus oder in der Straßenbahn sitzt, unterwegs in halkyonische Gefilde. Nichts darf vor dem Gedicht sicher sein, nicht einmal die Benzinpreise, alles aber darf das Gedicht im geeigneten Fall gelassen verschmähen.
Nur durch das Wissen um die eigene Zeit erwirbt sich das Gedicht die Starterlaubnis in den zweckfreien Raum.

Dr. Gottfried Benn, der in seinem berühmten Vortrag zu Marburg ein verschwenderisches Namedropping betreibt, in dem er sich selbstbewusst als modernes lyrisches Epizentrum platziert, vorenthält uns den Namen jener befreundeten Dame, von der wir in seiner Rede nur erfahren, dass sie eine „sehr bekannte politische Journalistin ist“, die ihm gegenüber einmal äußerte: „sie mache sich nichts aus Gedichten, und schon gar nichts aus Lyrik“.
Was fur ein wunderbarer Satz!
Was für ein antizipierender, damals schon die inzwischen eingetretene Gegenwart entlarvender Satz! Bereits nach wenigen Seiten, bei einer Rede sollte man natürlich eher von Minuten sprechen, beschwört Benn dann das moderne lyrische Ich, dem er bereits 1923 seine spekulative Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Bei ihm ist dieser Ausdruck, der ja nicht auf ihn zurückgeht, allerdings durchaus gerechtfertigt, denn Benn repräsentiert, vielleicht wie kein Zweiter, den modernen Dichter, kurz bevor dieser Epochenbegriff das Zeitliche segnet und das Subjekt in der Postmoderne verdampft wird. Daran ändert sich auch nichts, wenn er an anderer Stelle schreibt: „Ich habe leider keine Ahnung, was modern ist.“ Im Sinne der von ihm zitierten Dame könnte man seine Behauptung einfach zu Ende führen mit: „sondern ich weiß es ganz genau!“
Wir werden auf diese habituelle Zweischneidigkeit als Wesenszug des Dichters zurückkommen.
Mehr als ein halbes Jahrhundert jedenfalls weste dieses lyrische Ich im Allgegenwärtigen, das moderne in Sonderheit, und es geisterte als Phantom durch die Deutschklassen, die Zeitungen und das Schattenland der Literaturkritik.
Ohne erhellende Folgen.

Benn jedoch ist (bis in seine späten Jahre) genau in diesem Sinne modern, in dem modern damals modern war und in dem dieses modern heute veraltet oder zumindest, außer im Rückbezug, unbrauchbar geworden ist.
Es ist eine gezielte Technik und rhetorische Figur in fast allen Reden und Aufsätzen Benns, erst einmal so zu tun, als ob er nicht richtig gehört hätte, wenn bestimmte Begriffe fallen, dann in die Begriffe, mit Vorliebe in die ganz großen, hineinzuschauen wie in ein leeres Schnapsglas, mit einer Mischung von Verdruss und Melancholie, und sie anschließend, nach ekstatischer Ausleuchtung, den Termiten des Nihilismus preiszugeben.
In „Soll die Dichtung das Leben bessern“ wird das auf die Spitze getrieben, in „Altern als Problem des Künstlers“, in „Gibt es heute eine Moderne“, im „Doppelleben“: you name it!
Gerade in diesem historischen Moment, wo das Ich selbst nicht nur als dreifaltiges, in rivalisierende Zuständigkeitsbereiche zerfallenes, wie bei Freud, sondern als „verlorenes“, als „zersprengtes“, den Gammastrahlen geopfertes erkannt und durch Benn besudelnd besungen wird, soll es plötzlich in den Umrissen des „lyrischen Einflüsterers“ wieder als eine Figur mit festen individuellen Umrissen herhalten.

Bereits 1984 habe ich mit einer eigentlich unverzeihlichen Verspätung von fast zwanzig Jahren geschrieben: Für das lyrische Ich wird’s langsam Zeit fürs Müttergenesungswerk.
Wer, so fragte ich mich damals bereits seit längerem, würde sich heute noch beim Aufscheinen des Lyrischen Ich einen Knoten ins Taschentuch machen, um sich seiner im Bedarfsfall als Nothelfer vor den Fluten und Brünsten des Gedichts zu erinnern. Mein Gehirn würde es sich gewiss verbitten, seine Verschaltungsleistungen und neuronalen Sprachbaupläne unter die Schirmherrschaft dieser ulkigen Figur zu stellen.
Außerdem erinnerte es die sich seiner Erinnernden doch höchstens an eine peinliche Affiziertheit im Unausgegorenen, eine vergeudete Jugend zwischen Pop und der Sehnsucht nach Schönheit und Form, der man damals in seiner Begleitung sich hilflos vergewisserte, bis in den 80er Jahren neue Verhältnisse geschaffen wurden.
Immerhin haben wir nun aber bereits zwei historische Kostüme: das moderne, das vermeintlich im Erkennen und Goutieren des Beobachtereffekts in Bezug auf das entstehende Werk sich ausdrückt und das mithilfe dieser Konstruktion das künstliche und daher genuin moderne vom vorkünstlichen, vormodernen Gedicht zu unterscheiden vermag, und das lyrische Ich (als Polier und Polanti) auf der poetischen Baustelle.
Als drittes wird das Wort hinzukommen, um das „viel Lärm“ gemacht wird, bevor es sich ein paar Seiten, oder ein paar Redeminuten, später im Nichts verliert.
Zur Untermauerung dieser Schlüsselbegriffe wird in der Bennschen Rede mit der Fülle und Macht der großen Namen aufgestampft. Eine ganze Armee von Verlaines, Ezra Pounds, Flauberts, Tolstois und Georges werden in den Zeugenstand zitiert, die, wenn man ihre Namen alle streichen würde, den in der Erstausgabe gerade mal 48 Seiten langen Text um gut ein Fünftel schrumpfen ließe.

Das klingt jetzt alles ein bisschen so, als würde ich einem Gott die Zehennägel schneiden. Dies aber ist nicht meine Absicht! BENN IST EIN WUNDER.
So, wie auf eine ganz andere Art und doch in seltsamer Gegenüber-Entrücktheit Rilke ein Wunder ist.
Benn ist ein Wunder, das sich tendenziell zuspitzt, je tiefer man in seinen unzüchtigen und gleichermaßen hochgradig gezüchtigten Stil eindringt. Einer Engführung folgend und gehorchend, die sich dann bei Celan ins Rettungslose zuspitzt, in Richtung Schwarzes Quadrat der Sprache, wo die gebundene Rede ihren Ausklang im Schweigen findet.
Rilke dagegen ist ein Wunder, das immer weiter aufgeht, je mehr man sich ihm gewachsen zeigt. Rilke, dieser andere Kolossaldichter der Moderne, der für die Schwätzer kurz hinter der Gipsfigur endet, sprich am eigenen Horizont, für die Taucher, Höhenrekordler und Extremsprachler aber gegen unendlich geht: der Sprache im Gestus der Übersteigung auszufalten vermag, soweit die Sinne tragen. Der letzte Nacken, der noch einer Nonne gewachsen sich zeigte.
Die Bennschen Gedichte hingegen sind trance- und traumgefleckt, braun wie Laub, golden mit Gischt übersprüht und scharf wie Tellerminen. Völlig neuartig zum Zeitpunkt ihres Entstehens und einzigartig noch immer, reichen sie mit ihren Wurzeln hinab zu den klassischen Hainen und bukolischen Herden, den (alten) Göttern, Hetären, Huren und Hohepriestern. Sie sind durchdrungen vom mächtigen Stamm der abendländischen Kultur, Idealität und Transzendenz, und verästeln sich nach oben in die feinsten Regungen, die Idiosynkrasien des Zeitalters. Sie werden dem Leser verabreicht mittels der elektrischen Schläge des von Benn so geschätzten „Artistischen“, und wer nicht getroffen wird, mag sehen, wo er bleibt.
Benn will immer modern sein, modern und gnadenlos. Er will den Turbulenzen von Sein und Geschichte seine Seismogramme unter die Nase reiben und den Eros bloßlegen wie einen ewig-wunden Zentralnerv, dessen schmerzhafte Wurzel im Stammhirn endet. Seine Gedichte wirken dabei wie ein Abwehrzauber. Betörend. Sie beschwören Einheit, Idealität und Form, die Metaphysik des Sittlichen, indem sie sich ihnen, ihrer begrifflichen Monumentalität, vor die Füße kotzen. Unerreicht bis heute die seine Gedichte in winzige Splitter zersprengende Universalität, ihre Sprachmacht, erzwungen durch den Hymnus im Schulterschluss mit der unerbittlich krassen Demontage:

Ich brülle, Geist, enthülle dich!
Das Hirn verwest genauso wie der Arsch!

Solche Sätze werden hingefiebert, aber einen Moment später ist ihr Autor schon wieder der Blaumeister par excellence, der Meer & Mythenerwecker, der Stundenbeschwörer, hingebröckelt vor die kalte Stadt im Monde! Die Wirkung der Bennschen Gedichte ist, wenn man die richtige Dosis zur rechten Zeit anwendet, noch immer hypnotisch.

Meine Zweifel an der Tauglichkeit gewisser Vorstellungen und Begriffe in Benns Reden und Aufsätzen, insbesondere in „Probleme der Lyrik“, lassen also die Größe des Dichters völlig unangetastet, wie ich überhaupt die Überzeugung vertrete, dass jemand, der zur Verehrung von Größe nicht fähig ist, von der Kritik gefälligst Abstand nehmen sollte.
Um in unserem Falle wirkungsvoll argumentieren zu können, muss zuerst einmal die notorische Falschmeldung ausgeräumt werden, bei „Probleme der Lyrik“ handle es sich um Benns Poetologie.
Diese kleine Schrift ist keine Poetologie, es ist eine Rede, die sich (unter anderem) mit poetologischen Fragen befasst; wenn man unbedingt will, auch mit damit im Zusammenhang stehenden Problemen. Selbst unter den vom Poststrukturalismus zugebilligten mildernden Umständen für das Unsystematische und Kursorische, als sozusagen drittem Weg bei der Wahrheitsfindung, ist es keine Poetologie, weil Stringenz und zusammenfassender Duktus fehlen. Es fehlt jede Form von komplexer Verknüpfung in Richtung von Regel oder Lehre. Mit gleichem Recht könnte man eine politische Rede als Politologie bezeichnen.
Auch ist Benn in diesem Buch nicht an allen Stellen auf der Höhe seiner Argumentationskunst. Die Pfeile schwirren, vor allem was die erste Hälfte des Vortrags angeht, in alle Richtungen. So verwahrt er sich zwar gleich eingangs gegen die durchaus brauchbare Vermutung, Gedichte würden entstehen, indem er dagegenhält, Gedichte werden gemacht oder hergestellt. Im Rest der Marburger Rede entstehen sie jedoch munter weiter, wie eh und je, und zwar lockeren und weitwallenden Gewands, das, wenn es im Galopp der Parforce-Formulierungen aufschlägt; immer wieder das notorisch blaue Innenfutter der Bennschen Subversion enthüllt. Die Rede führt uns in gaukelnder Weise durch eine nach oben stark abgeflachte Literaturkunde, die meist erst dann interessant wird, wenn der Redner Benn sich dem Dichter Benn selbst zuwendet und zum Beispiel einen ungeheuer ernsten Begriff wie Artistik definiert und sagt: „Artistik ist der Versuch der Kunst, innerhalb des allgemeinen Verfalls der Inhalte sich selber als Inhalt zu erleben…“
Da ist natürlich was dran!

Die anschließend folgende Anleitung aber, wie durch die vier „diagnostischen Symptome“, einem ähnlichen Ungetüm wie das „lyrische Ich“, schlechte Gedichte zu erkennen sind, lässt aus heutiger Sicht schwer zu wünschen übrig und man ahnt in den Formulierungen bereits den heraufdämmernden Zeitgeist der 60er und 70er Jahre, der sich mithilfe eines in diese Richtung gehenden Vokabulars auf die Fabrizierung von Gedichten verlegte, deren Geisteszustand sich in nichts bedrückender widerspiegelt als in der Architektur (und Städteplanung) dieser beiden Jahrzehnte, die so etwas wie einen in kulturellen Zeiträumen jemals erreichten absoluten Tiefstpunkt darstellt.
Natürlich hat Benn als überragender Dichter geahnt, wohin die Moderne führt, nämlich in die Selbstenthebung der Kunst. Ebenso hat Benn als Stilbrecher und Stilbilder auch gewusst, wohin das sich selbst Überlassene und durch keinen Telos gebändigte Experiment führt. Deshalb hat er kategorisch gefordert, dass in der Lyrik das Mittelmäßige schlechthin unerlaubt ist, unerträglich sogar; und er hat mit seiner Begründung diesen bereits vom Alter gekrümmten Nagel auf den Kopf getroffen, dass nämlich jede andere Textsorte nicht so unter der Durchschnittlichkeit ihrer Veranstalter zu leiden hat, weil sie dann immer noch interessant, lehrreich oder unterhaltend sein kann.
In verantwortungsloser Nonchalance schreibt er aber fast gleichzeitig an Oelze, in ganz und gar unangebrachter Weise auch noch in Bezug auf sein eigenes Werk „Trunkene Flut“:

Man muß auch gelegentlich Mittelmäßiges machen, es wirkt [achten Sie auf den Ausdruck] innerlich in einem als Sprungbrett für Besseres.

Nicht nur die Person Benns, auch sein Denken führt ein verwegenes und in Hinblick aufs Prinzipielle fast ruchloses Doppelleben. Das mittelmäßige Gedicht jedoch, ich pflichte dem ersten Entwurf erbarmungslos bei, ist schlimmer als das Quietschen von Kreide auf einer Schiefertafel oder das einer Gabel auf dem Topfboden.
Fast grollend führt er ganze Kausalketten ins Feld, warum jeder süße und sanfte Plunder der Lyrik dahinwelkt unter den Geboten der Journale und der Wissenschaft, die Rute wird im Staffellauf weitergereicht von Aristoteles über Kepler an Gehlen und Planck, und im selben Moment schreibt er, wieder an Oelze: „Lyrik ist doch schließlich immer romantisch und sentimental.“

Ausgerechnet er, der international am stärksten ausstrahlende Neutöner der deutschen Dichtung im 20. Jahrhundert, wenn wir Rilkes noch gewaltigere Wirkung ursächlich anders definieren, distanziert sich von den „Neutönern“, schreibt abfällig: „das soll wohl sehr global sein!“ und diagnostiziert damals bereits, dass noch immer an der alten Kiste gehämmert wird, an der schon August Stramm und der Sturmkreis gehämmert haben, wobei er da noch nicht einmal mit dem Anfang anfängt und sich vom Fortleben des Kistchenhämmerns noch keine Begriffe macht.
Im Seitenblick auf den französischen Lettrismus, der das von Beckett so grandios verhöhnte Zischen und das inzwischen kulturell unterdrückte Rülpsen literaturfähig zu machen bereit war, lehnt der schonungsloseste unter den Neuerern, dessen Sprache die Nazis anekelte, das Experiment als frei flottierende Geräuschkulisse ab.
Die zu allen Zeiten unabdingbar notwendige Kritik des Künstlers an der laufenden Kultur, die dem Diskurs die zuverlässigsten Hinweise für ihre laufende Korrektur zukommen lässt, wird hierdurch geleistet und bildet im Gewirr des Selbstbezugs den wichtigsten Wert seiner Reden und Schriften.

Das Experimentelle, wo es nicht nachgeahmt wird, sondern sich ereignet (das haben Benn und alle großen sowohl Hoch- als auch Querformate vorgeführt), ist eine Amplitude des Selbsteinsatzes, gebunden an künstlerische Rigorosität, Ergebnis der endogenen Durchschlagskraft einer Person oder eines Werks, und folgt niemals den Schnittmusterbögen von Manifesten, außer vielleicht in diesem kurzen Augenblick, in dem solche Manifeste entstehen.
Jedes eine jeweilige Zeit in Staunen versetzende Gedicht ist experimentell, das heißt: abweichend, weil es sonst sich am Funken des Verblüffenden nicht zu entzünden vermöchte und daher epigonal und wertlos wäre. Dieses Experimentelle ist die Folge einer Energie und nicht das Ergebnis einer kumpelnd und knurrend im Verschworenen verharrenden Geheimgesellschaft von unentwegt psychisch kollabierenden Deutschlehrern. Man muss sich, um dieses Beispiel auf die Füße zu stellen, und zwar ganz einfach mittels schonungsloser Lektüre, einmal vor Augen führen, um wie unendlich viel radikaler, experimentell versierter, rücksichtsloser, aufstoßender, berauschender (und, ganz nebenbei bemerkt, natürlich auch klüger) Benn war als beispielsweise Schwitters, der dichterisch kaum an den Verfasser des Struwwelpeter heranreicht und auch die funkelnden und furiosen Dadaisten wie Hülsenbeck, Arp oder Hugo Ball an Suggestivität nie erreichte.
Ein brüllendes Auto ist nämlich keineswegs schöner als die Nike von Samothrake! Obwohl natürlich der, der nicht weiß, was die Nike von Samothrake ist, in einem brüllenden Auto sicher besser aufgehoben ist als im Louvre oder im Pantheon.
Vollkommen richtig hat Benn erkannt und geschrieben, dass die Avantgardisten im Einzelnen auch schon ihre Vollender waren. Genau das ist das Entscheidende! Apollinaire, dieser geniale Arrangeur und Beherrscher aller Genres, ist noch immer eines der besten Beispiele für diese unüberschätzbare Grundeinsicht!
Vor mehr als einem halben Jahrhundert also beklagt Benn das damals schon fast ein halbes Jahrhundert in der Warteschleife hängende Rülpsen, Röcheln und Zungenschnalzen, oder Ambitionen, die auf den Flügeln des Lettrismus endlich die Buchstaben in Freiheit setzen mochten, als ob es nichts Wichtigeres gegeben hätte, unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, oder gibt, unmittelbar vor dem globalen Bio-, Klima- & Subjektkollaps.
Als ob es das Dringendste wäre, uns endlich von der unerträglichen Literatur eines Thomas Mann oder Rilke zu erlösen, die uns immerhin bis zu Thomas Pynchon getragen hat und weiter, nur weil Keuchhusten in den Ohren von Mikrorebellen geiler klingt.

Benn wittert alles. Er wittert die Zerrüttung. Er wittert die leergefegten, begradigten und entbiologisierten Landschaften der Bundesrepublik mit ihren Einehen und prototerroristischen Einfamilienhäusern. Nicht umsonst zitiert er Nietzsche, der sagt: „mein Genie sitzt in meinen Nüstern!“
Er spürt das Zerbrechen in Einzelpositionen, in Sekten, Minderheiten und „Privatlädizerln“, er wettert, wie Thomas Bernhard, herab von der immer einsamer werdenden literarischen Kanzel, aber er hütet sich, die Exponenten der anderen Lager unerwähnt zu lassen. Er lobt sie sogar.
Dann wieder, noch während er reihum die großen Namen abnickt, schreibt er an Oelze: „Mit den Gedichten ist es so eine heikle Sache, ich finde eigentlich alle, die ich irgendwo lese, furchtbar, und ebenso werden das die anderen von meinen finden“, genau wissend, dass dies, zumindest was seine angeht, nicht im Geringsten zutrifft.
Trotz „Sela, Psalmenende“ liefert er weiterhin inbrünstige poetische Figuren, die mit einem lässigen „teilsteils“ den Gainsboroughs und Chopins Logenplätze auf den poetischen Trümmern deutscher Kleinbürgerlichkeit einräumten. Er polemisiert gegen die Mitte, die Bürger: „Zum Frühstück etwas Midgardschlange und abends eine Schnitte Okeanos“, aber für wen wäre gerade diese Kost angemessner als für ihn.
Benn gelang es immerhin als vorläufig Letztem, mit dem Gedicht auf breiter Basis und durch alle Sparten die deutsche Intelligenz zu erreichen, auch die, die bereits den Abstieg vom Bildungsbürger zum Intellektuellen hinter sich hatte, bevor die gesellschaftlich und wirtschaftlich wirkungsvollen Schichten in „Sport, Spiel, Spannung“ und im philosophisch-belletristischen Analphabetentum versanken. Dass gerade die letzten Reste den Kulturpessimismus als lästige und sogar reaktionäre Inszenierung abtun, passt perfekt in jede Harald-Schmidt-Show.
Gerade aber so ein Unding wie „Probleme der Lyrik“ liefert einen eindrucksvollen Beleg dafür, dass alles anders geworden ist, seit man sich erfolgreich über alles lustig macht. Vor allem auch die Zahlen. Meine Ausgabe erreichte 1966, 15 Jahre nach der Erstveröffentlichung, die 9. Auflage, das 25.-30. Tausend.
Eine Rede, das müssen Sie sich einmal vorstellen, in der die Phäaken, die Ananke oder Okeanos vorkommen, die heute vom relativ komplexen Rechtschreibprogramm meines Computers nicht einmal mehr als Namen erkannt werden. Eine hochspezielle Rede, fünfzehn Jahre in schwebender Aufmerksamkeit gehalten, für die heute die fünfundvierzig Minuten ihres Vortrags schon die absolute Obergrenze schöngeistiger Belastbarkeit selbst für Willige bilden würden.

Ich will in dieser kulturellen Wunde nicht weiter bohren. Spätestens aber an dieser Stelle lassen sich einige Merkmale der Bennschen Vorträge und poetologischen Spekulationen hinsichtlich ihrer Brennweite und ihrer heutigen Relevanz zusammenfassen. Es fällt auf, dass die Widersprüchlichkeit der Argumente stark zunimmt, je mehr er sich seiner Obsession nähert. Mehr als sein Metier ist das Gedicht nämlich seine Obsession.
So wirkt der begründende Gestus in „Probleme der Lyrik“ sofort zerfahren, wenn er versucht, das zu konkretisieren, was er kraftvoll auswirft, sobald er es einfach nur setzt. Gar nicht wissen will, wie und warum und für wen, sondern das dass seiner Ausdruckswelt, zynisch, roh und dennoch schwer mit Gott behangen, einfach nur in den Raum stellt! Die Widersprüchlichkeit, die die Gedichte oft so kraftvoll polarisiert, macht die Argumente wackelig und dubios. Zum Beispiel wenn er in modisch-moderner Attitüde verkündet, dass er dem Journalismus näher stehe als der Bibel. Aber dann brettern die Psalmen durch seine Gedichte, die Schreie Hiobs, der mahnende Ton der Korintherbriefe, und auch wenn es im Parlando Stellen gibt, die nackt sind wie Schlagzeilen, so dienen diese doch eher als Wegebauten zu den inbrünstig verdichteten „Wallungswerten“. Selbstredend endet „Probleme der Lyrik“ mit einem Satz von Hegel und nicht mit einer Zeitungsnotiz.
Diese habituelle Zweischneidigkeit des Dichters, in dem der radikale Benn nicht weiß, was der reaktionäre tut, spiegelt sich im „Doppelleben“, sowohl dem gelebten als auch dem gedichteten: „das Gedicht ist schon fertig, ehe es begonnen hat, er [der Dichter] weiß nur seinen Text noch nicht“, schreibt er, aber man glaubt es ihm nicht.
Über diesen autogenen Gedächtnisverlust eines im noch Unentdeckten bereits vorliegenden Textes versucht der moderne Dichter die wackelige Brücke zu schlagen, möglichst ohne die Kirche im Dorf zu lassen. Keiner von denen, die ja „alle schwierige Dichter sind, hinterläßt“, so lautet sein Fluch, „mehr als sechs bis acht vollendete Gedichte“, wobei erschwerend hinzukommt, dass „in jedem Jahrzehnt immer nur wenige große Lyriker leben, über die Nationen verteilt“, für die es dann allerdings jedes Mal heißt, „einen Löwen zu bändigen“, sobald sie ein Gedicht in Angriff nehmen.
Über diese gefährlichen und fürchterlichen Umstände hinaus müssen alle diese großen Dichter auch noch damit leben, dass sie, wenn sie schreiben, mindestens zu mehreren sind und sich trotz ihres modernen lyrischen Ichs in einem unbekannten Verfasser verlieren, der diese sechs bis acht gebändigten Löwen ergänzt mit den Ungebändigten, unter dem angemaßten Namen eines leiblichen Autors publiziert.
Es ist ein wahrer Rollercoaster!
In der gleichen absurden und unglaubwürdigen Ambivalenz wie Eliot versucht Gottfried Benn, allerdings ebenfalls nur scheinbar, sich und seine Leser um seine Biographie zu beschummeln: „Aus Jüterbog oder Königsberg stammen die meisten, und in irgendeinem Schwarzwald endet man seit je“, schreibt er, wie gewohnt überspitzt.
Er heftet sich Marinettis Marschbefehl: „Das Ich in der Literatur zerstören!“ an die Brust, aber an allen Ecken und Enden von Benns Werk und besonders in seinen Briefen wird auf das protestantische Pfarrhaus gepocht, es wimmelt von Zaunpfählen, mit denen in die Heimat und in die Kindheit gewinkt wird, von Hinweisen auf die Biographie, die Herkunft, die Geprägtheit.
In blanker Kontradiktion zum soeben zitierten, ins Beiläufige verwiesenen Herkunftsvermerk seiner Person und seiner Dichtung schreibt er fast unmittelbar danach:

Ich würde sagen, dass hinter jedem Gedicht ja immer wieder unübersehbar der Autor steht, sein Wesen, sein Sein, seine innere Lage…

 

Na, wer hätte das gedacht? fragt man sich da, oder aber: Na, was denn nun?!

„Ein Gedicht entsteht nicht aus Gefühlen, sondern aus Worten.“ Mallarmé wird immer sehr gerne für alles Mögliche zitiert. Ich zitiere ihn auch immer wieder gerne für alles Mögliche. Immerhin entsteht das Gedicht in diesem Postulat wieder und wird nicht, wie der Kontext hier sogar eher rechtfertigen würde: gemacht.
„Was ist denn nun eigentlich mit dem Wort“, fragt Benn. Ich darf es vorwegnehmen, in „Probleme der Lyrik“ bleibt die Frage nach einer kurzen, jonglierenden Betrachtung unbeantwortet.
„Das Verhältnis zum Wort ist primär“, heißt es seltsam platt, und ein paar Sätze weiter, in einer fast gespenstischen Formulierung: „Das Wort ist der Phallus des Geistes, zentral verwurzelt.“ Mit einem dezenteren, dafür aber sogar treffenderen Bild könnte man die folgenden Ausführungen als „zentral verwurstelt“ bezeichnen. Was bringt Benn auf den Gedanken, diesen nach dem modernen lyrischen Ich und den vier diagnostischen Symptomen dritten leeren Koffer in den Raum oder in die Rede zu stellen, dieses dritte Kostüm: das Wort?
Es sind die Bennschen Nüstern, die ihn das Thema anschneiden lassen. Der Blick in die Ateliers von Madame Schiaparelli, die den Reißverschluss Haute-Couture-fahig macht, gerade so wie Benn den Reißverschluss in der Dichtung Haute-Couture-fähig macht, der Blick auf die reduktionistischen Entwürfe Coca Chanels, den Börsenkurs, die U-Bahn, das Plakat. Es ist, mit anderen Worten, der Wille zur bedingungslosen Modernität, von der er angeblich nichts versteht, die er aber mit jakobinischem Eifer verfolgt, insgeheim darauf bedacht, dem Nihilismus durch das Hintertürchen der ihren Gegenstand zumindest in Umrissen wiedergebenden Negation die Figuren von Idealität und Sinn wieder abspenstig zu machen.

Er spürt den Drang der Abstraktion zur Eliminierung ihres Gegenstands, dennoch treibt er diese Abstraktion voran.
Er ahnt, dass das ungegenständliche Gedicht in der einmaligen Durchführung seine Vollendung findet und alle weiteren Dubletten keine größeren Aufschlüsse mehr bieten als das Sandkörnchen im Sand über den Sand.
Er weiß nicht, dass auch die Moderne scheitern muss an der Tatsache, dass sie trotz ihres direktesten Weges zum Jetzt dieses Jetzt nur augenblicklich repräsentiert, solange die User am Bildschirm sitzen und ihre Sachen eintippen. Keine Sekunde länger. Er stürzt sich aufs Wort, als ob der Baustein die Architektur bestimmen würde und nicht der Architekt, der Baumeister oder von mir aus noch der Maurer.
Aber eigentlich spricht er gar nicht über das Wort, sondern er versucht, es zu übertrumpfen. Mit dieser typisch Bennschen Mischung von Stoffen und Aspekten. Nicht erkennen oder definieren liegt ihm am Herzen, sondern abheben! Er umringt es, umzingelt es, dieses ausgelöste Watt, mit eigenen Beispielen, mit Überworten, und stellt es dadurch als Abstraktum in den Schatten der eigenen Wortmacht. Er greift ein Stichwort auf, das eine in der eigenen Spur krachende Avantgarde ihm liefert, und verwandelt es in ein Oratorium.
Er kosmologisiert es in einem seiner schönsten Sätze: „Worte, Worte – Substantive! Sie brauchen nur die Schwingen zu öffnen und Jahrtausende entfallen ihrem Flug.“

Bereits Anfang der 20er Jahre, als er seine Gedanken über das lyrische Ich aufnahm, stand der Tractatus logico-philosophicus im Raum. Da ging es ums Wort. Wittgensteins logischer Atomismus hätte ihm vermutlich mehr zugesagt als die einflügeligen lettristischen Propellersätze.
Damals also, und erst recht 1951, gab es bereits eine ziemlich ausgefeilte Sprachwissenschaft, die Gewitterzone der Großhirnrinde war längst kein Geheimnis mehr, das Broca-Zentrum tat seit fast 100 Jahren Dienst, das Wernicke-Areal lag in greifbarer Nähe, so dass man, wenn man eine solche prominente Bezugnahme auf das WORT denn schon ankündigt, eine wissenschaftlich stabilere Position, in diesem Falle eine „wortgetreuere“ Auskunft hätte erwarten dürfen.
Man möchte ihm, wenn er über die Beziehung des lyrischen Ich zum Wort ziemlich schwummrig ausführt, dass es, das Wort, von in evolutionären Fernen liegenden Flimmerhaaren herangetastet werden soll, noch warnen: Mind the gap!
Bitte beachten Sie die Lücke zwischen dem Schwummrigen und dem neuesten, doch sonst so geschätzten Erkenntnisstand.
Er aber ruft: Achtung: die schwarze Letter ist bereits ein Kunstprodukt! Er fabuliert an dieser Stelle, dass sich die Balken biegen. Jedes Gedicht, postuliert er, dem aufkeimenden Zeitgeist folgend, ist von mehreren, damit aber nicht genug, es ist auch noch von einem unbekannten Verfasser, obwohl er im gleichen Atemzug, nur an anderer Stelle, fordert: „Nichts darf zufällig sein in einem Gedicht!“ Gerade dann müsste doch aber alles zufällig sein, wenn alle daran mitschreiben und jeder unbekannte Verfasser ein Stück des Löwen für sich reklamiert, den er bändigen möchte.
Natürlich gibt es Prosa, Reden und Aufsätze, in denen die Schlüssigkeit des Arguments und das sichere Greifen nach Beispielen außer Frage stehen, wie etwa im Vortrag „Altern als Problem des Künstlers“, der breit und anekdotisch im Fiasko des Künstlertums kramt, dann aber doch immer zum leitenden Gedanken zurückfindet. Parteiisch zwar, was kein Wunder ist, ergreift er in dieser Rede Partei für Flaubert, der bei Erscheinen der Education sentimentale vom Literaturbetrieb geschmäht wurde: „Ein Kretin, ein Zuhälter, der das Wasser der Gosse beschmutzt, in dem er sich wäscht.“ Dieser Ton kommt ihm wohl bekannt vor. Auch der elegisch elastische Glanz der ungehaltenen Stefan-George-Rede von 1934 folgt einem viel gezielteren rhetorischen Aufbau.
Nicht so jedoch „Probleme der Lyrik“ oder „Soll das Gedicht das Leben bessern“. Da ist er mit sich zerstritten. Und zwar deshalb, weil er da zugleich schweben und herabstoßen möchte. Er ist wie ein Falke, der im selben Moment steigen, kreisen und herunterstürzen möchte. Preisen und schmähen. Erhalten und vernichten. Das Ich leugnen und es via Negation prunkvoll in die Mitte stellen.
Man mag sich den Falken gar nicht vorstellen, dem das gelingen könnte. Er müsste am Ende genauso zerfetzt sein, so zersprengt von Stratosphären, wie die berühmten frühen Gedichte unseres Arztes für Haut- und Geschlechtskrankheiten in der Berliner Belle-Alliance-Straße.

Auch mag er später manchmal an Hölderlins berühmten Vers gedacht haben: „Warum achtetet ihr mich mehr, Da ich stolzer und wilder, Wortereicher und leerer war?“ Jedenfalls deutet er das in den Briefen an Oelze so an. Aber auch das stimmt nicht. Sein Ruhm wuchs ab 1948 weit über den frühen hinaus.
In „Soll die Dichtung das Leben bessern“ gibt es ähnliche Schieflagen. Man fragt sich eh kopfschüttelnd, warum man ausgerechnet jemand wie Benn, einem Dichter, der als Arzt zu Protokoll gab: „Das Allgemeine wird gestreift. Gott, als Käseglocke auf die Scham gestülpt“ ein solches Thema stellt? Doch nicht etwa, weil das Allgemeine gestreift wird und man sich von dieser Bewegungsrichtung einen Anstoß in der Sinnfrage erhoffen durfte?
Musste das nicht, allen Anspielungsreichtum des Sprichwortes auskostend, zwangsläufig bedeuten: „den Bock zum Gärtner zu machen“? Oder stellte man ihm die Frage, weil er dieser ungeheuerlichen Blasphemie an anderer Stelle fast hölderlinisch hinterherschickte:
„Und dennoch denken wir des Gottes oft“?

Ach, diese schwatzhaften Aufsätze von mir aus früherer Zeit, Materien, denen ich nicht gewachsen war, sicher und gesichert ist nur das Gedicht.

So schreibt er 1941 an Oelze. Aber auch in den berühmten späteren Reden geht Benn ungerührt an der Fülle seiner Widersprüche vorüber, rückt da und dort einen Krawattenknoten zurecht, nimmt den einen oder anderen großen Namen in die Pflicht, aber immer dann, wenn er sich der Verpflichtung, modern zu sein, entledigt, in jenen rauschaufwärts bewegten Passagen, die glattweg in die Bennsche Rhapsodie münden, wird er interessant, glaubwürdig und genau.
Dann wird sie vorgeführt, diese „transzendente Realität der Strophe voll von Untergang und voll von Wiederkehr“. Dann werden aus den Problemen der Lyrik poetische Lösungen. Dann erscheint das Ontologische als Landschaft, die Kühnheit der Konstruktion erweist sich einer normativen Regelpoetik weit überlegen und es gilt für ihn, was auch für T.S. Eliot oder für Mallarmé gilt und deren gleichermaßen nur von gelegentlichen Trancen durchbrochenes, poetisch geschärftes Bewusstsein.
Benn erkennt dann die Krise des Augenblicks, und er besitzt das, was Eliot einmal „The strength to force a moment to its crisis“ genannt hat.

Gerhard Falkner, Vorwort

 

In seiner wohl bekanntesten Rede

„Probleme der Lyrik“ macht Gottfried Benn die in seinen Augen spezifischen Merkmale moderner Lyrik zum Thema und unternimmt damit den Versuch einer zeitgemäßen Phänomenologie. Den Vortrag hielt er 1951 vor Studenten und Professoren an der Universität in Marburg, an der er selbst zwei Jahre lange Theologie und Philosophie studierte. Auch mit seinen weiteren großen poetologischen Arbeiten wie „Altern als Problem für Künstler“ und „Soll die Dichtung das Leben bessern?“ prägte Benn die Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Klett-Cotta, Klappentext, 2011

 

„Die schöpferische Macht des Unbewussten“

− Fragebogen anläßlich der Überarbeitung eines Buches von Dr. Med. Otto Kankeleit 1955. −

1.) Welche bewusst geschaffenen Umstände und Voraussetzungen sind Ihrer geistigen Tätigkeit förderlich? (Fleiss, Gedächtnis, Lebensweise, Ernährung, Raumgestaltung usw.)

Benn: Alleinsein, Notizen machen, Notizen sammeln. Wohnung, mir ganz gleichgültig, ebenso Ernährung. Ständiger Wohnsitz sehr wichtig, hier sammeln sich die Geister.

2.) In welchem Ausmass und in welcher Weise entsteht bei Ihnen die schöpferische Leistung aus dem Unbewussten?

Benn: Ich weiss nicht, was das Unbewusste ist. Das ganze Leben ist unbewusst.

3.) Haben Sie bei Beginn einer neuen Schaffensperiode Ausnahmezustände irgendwelcher Art erlebt, in welchen das Unbewusste vorübergehend die Führung übernommen hat? (Visionen, ekstatische Zustände usw.)

Benn: Bin mit Herbeiführung u. Duldung von Ausnahmezuständen sehr vorsichtig.

4.) Gebrauchen Sie zur Anregung oder Konzentration irgendwelche Mittel? (Kaffee, Alkohol, Tabak, – Bilder, Musik, Meditation.)

Benn: Kaffee wenig, zur Bekämpfung körperlicher Müdigkeit, 15 Cigaretten, abends etwas Alkohol. Musik, mittlere u. schlechte, anregend. Viel Lesen!

5.) Spielen Träume oder bildhafte Vorstellungen und Erinnerungen beim schöpferischen Prozess eine Rolle?

Benn: Träume können sehr nützlich sein, leider habe ich sie morgens fast immer wieder vergessen.

6.) Sind Ihnen vom schöpferischen Prozess unabhängige Ausnahme-Erlebnisse irgendwelcher Art bekannt? (Das Erlebnis des Bedeutsamen, Ahnungen, Hellsehen, usw.)

Benn: Das einzige Ausnahmeerlebnis bin ich mir selber.

7.) Besonders dankbar wäre ich Ihnen, wenn Sie mir einen schöpferischen Vorgang in seinem Ablauf schildern würden.

Benn:

„Es liegt etwas vor…“

− Gespräch von Wolfgang Christlieb mit Gottfried Benn 1954. –

Gottfried Benn: Merken Sie sich eines, es gibt keine Restauration – es gibt keine!

Wolfgang Christlieb: Aber wieso, Herr Benn, wir haben doch eine…

Benn: Ach was! Lächerliche Bemühungen. Geistige Vorgänge sind irreversibel. Erkenntnisse, die einmal gewonnen, Positionen, die einmal eingenommen sind, können nicht mehr aufgegeben werden. Darum ist es für mich keine Frage, auf dem begangenen Weg zu bleiben. Das, was ich in mir als Auftrag, als inneres Diktat vorfinde, werde ich fortsetzen zu beschreiben.

Christlieb: Sie sprechen von Auftrag (um das Wort Sendung zu vermeiden) – wie verträgt sich das mit der von Ihnen so oft erklärten Liquidation des „Idealismus“? Können Sie für sich persönlich eine Einstellung akzeptieren, die Sie der Zeit als Ganzes absprechen?

Benn: Es ist kein Widerspruch. Alle die Großen, die Titanen vom Schlag Michelangelos, Tizians, Goethes, um von den „Alten“ zu sprechen, waren keine „Idealisten“, wie der Bürger es nennt, sie lebten in der skeptischen Erkenntnis, daß es Dinge wie „Güte“ oder „Jenseitigkeit“ nicht gibt. Überhaupt der Gegensatz von „Kunst“ ist nicht „Natur“, sondern: „gut gemeint“ … Der Künstler lebt in einer gefährlichen Höhe, was er tut, kommt aus einem eisigen Zwang −. Nur der Dilettant kann es sich erlauben zu schwärmen…

Christlieb: Und woher kommt der „Auftrag“, den Sie für sich und die anderen anerkennen?

Benn: Natürlich kommt er irgendwo her. Es ist etwas da, ich weiß nicht, wie ich es nennen soll. Sagen wir so: es liegt etwas vor. Bloß bilde man sich nicht ein, daß man mit diesem Etwas in eine gefühlvoll-erbauliche Korrespondenz treten könne… Sich darein zu finden, und trotzdem seine Aufgabe fortzusetzen, ist das, was ich die Frömmigkeit des Künstlers nenne.

Aus: Gottfried Benn: Sämtliche Werke. Band VII/1, Klett-Cotta, 2003

Das Ausnahmeerlebnis Ich

– Benn als Selbstinszenierer. –

Ist das Bild, das wir von Gottfried Benn haben, das Bild, das wir von Gottfried Benn haben sollen? Man darf nicht so naiv sein, zu glauben, er habe sich darüber keine Gedanken gemacht. „Ich war, der ich sein werde“, hat er einmal gesagt. Aber man sollte auch nicht unterstellen, seine scheue, zurückgezogene, oft spießbürgerliche Haltung sei bloße Attitüde gewesen und seine Zelebrierung der Einsamkeit nur eine subtile Form der Auraproduktion. Das war, nach allem, was man weiß, keine Inszenierung, sondern durchaus auch er selbst. Der im Sternzeichen des Stiers geborene, konservative, genußsüchtige Melancholiker, der nie seine Weide verläßt. Zugleich stellt sich die drängende Frage, ob einer, der sagte, gute Regie sei besser als Treue, nicht doch immer wieder auch versuchte, sich selbst in Szene zu setzen – und sei es, indem er die Rolle spielte, die seinem Wesen gemäß war. Lebte er das Doppelleben, das ihm eigentlich entsprach? Um es mit ihm selbst zu sagen: „Das Eigentliche – aber was ist das?“
Der Brief den Benn Ostern 1949 an den befreundeten Frank Maraun schrieb, zeigt, wie sehr er, der in Briefen und Gesprächen bei jeder Gelegenheit die Ruhmsucht verspottete, – zumindest theoretisch – sehr an ihrer Entstehung interessiert war. Er schlägt Maraun als Dank für eine Erwähnung in einem Hörfunkessay, zwei Themen für Rundfunkbeiträge vor, die beide um die Frage des Ruhmes kreisen. Zum einen sei bis heute unerforscht, welche Reden bei Goethes Begräbnis gehalten worden seien. Und zweitens:

Wie entstand eigentlich um 1750–1800 der Ruhm? Presse gab es doch noch nicht, Magazine?? Wo erschienen eigentlich die Kritiken über die Räuber z.B. oder über Götz? Auf welchen Wegen entstand die Popularität, die die Größen von damals doch entschieden besaßen? Ganz interessante kulturhistorische Frage (mit Seitenhieben auf die heutige omnipotente Presse).

Eine interessante kulturhistorische Frage, allerdings. Vor allem auch in Bezug auf die Rolle, die Benn selbst spielte als Regisseur des eigenen Ruhms und Nachruhms. Ein Forschungsdesiderat, so könnte man sagen. Aber vielleicht ist es auch gerade die Forschung selbst, die die Antwort auf diese Frage gerne offen lassen würde. Denn zu lange hat sie dafür gearbeitet, Benn endlich von dem Odium zu befreien, 1933 ein verblendeter Propagandist der Nazis gewesen zu sein, zu lange hat sie dafür gekämpft, ihn als einen der größten Poeten und Prosaschriftsteller zu rehabilitieren, den Deutschland hatte im zwanzigsten Jahrhundert (was er auch ist), als daß sie Interesse daran haben könnte, ihn einer neuen Bedenklichkeitsprüfung zu unterziehen. Doch gehört es nicht auch zu den großen schriftstellerischen Leistungen, die Fiktion des eigenen Lebens so mitzuerzählen, daß sie der Wahrheit und den Erwartungen entspricht?
Im Band Prosa IV der Stuttgarter Ausgabe sind es vor allem die neu entdeckten Reden Benns anläßlich seines 65. und 70. Geburtstages, die anschauliches Beweismaterial liefern. Beweismaterial? Noch muß erst bewiesen werden, daß er nicht der war, den er darzustellen vorgab. Ist der Angeklagte am Ende gar nicht schuldig? Ist er – zumindest vor 1933 – der gewesen, als den er sich später inszenierte? War es am Ende gar keine Inszenierung, keine Regie?
Der 2. Mai des Jahres 1951, Benns 65. Geburtstag. Es gibt eine kleine Feier in Wiesbaden bei seinem Verleger Max Niedermayer, ihm ist das unangenehm, aber er macht mit, er haßt die Reden, die gehalten werden, er haßt es, selbst eine Rede halten zu müssen, aber er tut es. Er kennt die Konventionen. Er erzählt vom Militär und analysiert den Satz, „mehr sein als scheinen“. Aber, so fügt er hinzu, „das war der Spruch der hohen Ränge, der Generäle und Generalstäbler. Aber es gibt noch einen anderen Spruch, einen für die niederen Dienstgrade, die Soldaten u. Gefreiten und dieser Spruch scheint mir noch gehaltvoller zu sein.“ Ich bin, so will also Benn sagen, ein Mann des Volkes, ich maße mir keinen Spruch an, den sich der Adel ans Revers heftete. Und damit auch jeder in Kenntnis gesetzt ist über seine persönliche Demut und Bescheidenheit, fährt er fort: „Es ist ein Spruch gegen Eitelkeit und zu hohe persönliche Erwartungen.“ Soweit die Inszenierung. Und dann folgt die Wahrheit (und nicht nur die halbe). Dieser Spruch lautet:

ran an den linken Flügel ins zweite Glied, nicht gesehen werden, und schaffen.

Nicht gesehen werden und schaffen. Man wird, wenn man seine Tagebücher kennt, seine Briefe, seine Gedichte, nur schwer in Zweifel ziehen, daß es ihm ernst ist mit diesem preußischen Gebot des Arbeitens in Verborgenheit, jenseits der Bankette und der Öffentlichkeit. Und doch, wie merkwürdig ist es, dies so unverborgen auszusprechen – einem intimen Kreis, vor Personen, die ohnehin bestens im Bilde sind über seine Befindlichkeit. Ist das also bescheiden? Oder sogar eine Inszenierung der Bescheidenheit?
Fünf Jahre später, am 2. Mai 1956, lädt Benn, erneut widerwillig, aber dennoch erneut, zur Geburtstagsfeier ein nach Berlin. Es ist sein siebzigster Geburtstag. Zwei Monate später ist er tot. Schon am Geburtstag ist er krank, todkrank. Er spricht:

Dann danke ich den Künstlern u Rednern, die durch ihre eigene Persönlichkeit über meine schwierigen Arbeiten einen gewissen Glanz zu verbreiten sich bemühten.

So also spricht der Büchner-Preisträger und im In- und Ausland gerühmte, bewunderte, gepriesene Schriftsteller Gottfried Benn angesichts der Laudatio eines Berliner Kultursenators. Ist das noch bescheiden? Oder ist das nicht doch auch kokett?
So jedenfalls endete es, mit Gottfried Benn und dem Ruhm. Und so ging es los: Kurz nach der Veröffentlichung von Morgue und dem empörten und ehrfürchtigen Donnerhall, den sein todessüchtiges Gedichtwerk ausgelöst hatte, schickte er an seinen Verleger Alfred Richard Meyer in Wilmersdorf die Gedichte für den neuen Band Söhne und schrieb: „Hier ist der Schund. Taugt nichts.“ Da heißt es dann im Marbacher Benn-Katalog von 1986, daß „die wegwerfende Art, mit der er dem Verleger das Manuskript schickte (…), etwas gespielt wirkt.“ Ist das gerecht? Hat er wirklich gespielt? Hat er gespielt, als er, zwanzig Jahre später, an ein und demselben Tag, sowohl seiner „himmlischen“ wie auch seiner „irdischen Liebe“ erzählte, daß er nur sie liebe, aber heute so unendlich traurig – beziehungsweise eben – so unendlich glücklich sei. Oder hatte er eine Gefühlswelt, die nicht kausal strukturiert war oder linear, wie man es gerne hätte – sondern additiv und mutativ?
Eine ganz interessante, kulturhistorische Frage, wird man auch hier sagen müssen. Zumindest in der Frühzeit seiner Karriere scheint das Widerborstige, das leicht versteifte Beharren, der bedingungslose Nonkonformismus noch ohne Rücksicht auf Verluste ausgelebt worden zu sein. Als er am ersten März 1913, kurz nach Veröffentlichung der Morgue, im Kunstsalon Paul Cassirer mit anderen Schriftstellern seine erste öffentliche Lesung haben sollte, kam es fast zu einem Eklat. Weil ein anderer Autor, Paul Boldt, zu spät kam, und die Veranstaltung daher nicht beginnen konnte, verlor Benn fast die Beherrschung, wie Leo Matthias 1962 schrieb:

Wir mußten tatsächlich befürchten, daß Benn den Raum verlassen und den Abend sprengen würde. Es schien ihm vollkommen gleich zu sein, ob er das Publikum um seine Erwartungen betrog und sich selbst um die Sensation eines ersten öffentlichen Vortrags.

Und auch zehn Jahre später befaßte sich Dr. med. Gottfried Benn noch nicht mit den Bedingungen des Ruhms, obwohl ihm seit dem Erscheinen seiner Gesammelten Schriften immer mehr Anerkennung entgegengebracht wurde. Sein Freund Carl Einstein jedenfalls schreibt an eine Freundin im Jahre 1923 über sein Verhältnis zu Benn:

Jeder von uns schreibt blind drauf los – wenn man mal Zeit hat und man läßt die Sachen liegen. Ich habe noch nie zwei solche Käuze gesehen; ohne jedes Ausnutzen von Ruf oder Beziehung.

Und die Begründung lieferte Einstein auch gleich mit: Sie seien so achtlos, weil sie beide, so Einstein, „Erfolg für ein Pech halten“. Doch dann wächst der Erfolg, und Benn muß sich damit arrangieren. Junge Dichter pilgern in die Belle-Alliance-Straße und himmeln ihn an. In den Zeitungen erscheinen hymnische Besprechungen, Klaus Mann schwärmt, und Kurt Tucholsky nennt ihn und Brecht „die größten lyrischen Begabungen, die heute in Deutschland leben“. Wie geht man mit so etwas um? Darauf muß jeder eine ganz persönliche Antwort finden.
Man hat den Eindruck, als habe all dies bei Benn die Eitelkeit hervorgekitzelt, als habe der harte, radikale Autor, der so oft so gnadenlos war zu sich selbst, auch erkannt, daß er plötzlich zu einer öffentlichen Figur geworden war, einer Marke, wie man heute sagen würde. Zu der es paßte, wenn sie den jugendlichen Jüngern mitteilte, „er interessiere sich im Grunde für garnichts mehr. Das Leben sei banal“. wie Hanns Ulbricht berichtet. Sein Nachlaß jedoch zeigt, daß er sich durchaus noch interessieren konnte. Und zwar zum Beispiel, neben den Frauen, für seinen eigenen Ruhm. Aus derselben Zeit, in dem er den jungen Besucher mit jener schnoddrigen, wegwerfenden Nihilismusgeste abfertigte, vermerkte er wie ein Buchhalter auf dem Manuskript seines Typoskripts „Urgesicht“ die verschiedenen internationalen Erscheinungsformen: „Erschienen Frühjahr 1929: Deutschland: Neue Rundschau, März 29 Frankreich Bifur Paris VI. Boulevard St German. Amerika: Transition (Shakespeare and Co)“. Und bei Hindemiths Oratorium „Das Unaufhörliche“ schreibt er hinter das Datum der Uraufführung stolz „Aufführung in Zürich, Amsterdam, London“. In den zwanziger Jahren beginnt bei Benn also jene Neigung, die nach dem Krieg noch einmal eine große Blüte erlebte, sich über die internationale Anerkennung der eigenen Bedeutung zu vergewissern, Eitelkeiten eines Uneitlen. Und zwar, wie gesagt, durchaus unabhängig davon, ob nicht auch im Inland längst die Skepsis einer Begeisterung gewichen war. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg ist es für Benn die höchste Form der Anerkennung, daß über ihn „Doktorarbeiten von ausländischen Universitäten“ entstehen, fast selbstbeschwörerisch schmuggelt er diesen Hinweis in fast jeden seiner Briefwechsel, sei es mit Niedermayer, mit Oelze oder mit Astrid Claes. Und 1948 schreibt er:

Hier in Berlin versammeln sich neuerdings gelegentlich einige junge Ausländer aus der amerik. u französischen Literatur um mich, die mich wohl als gewissermaßen internationale Klasse empfinden.

Diese Sehnsucht nach internationalen Streicheleinheiten nahm offenbar früh durchaus die Form einer Attitüde an, als müsse sie ihn entlohnen für die Mühen und die Ignoranz in der Heimat – die aber de facto gar nicht existierte. Interessanterweise monierte die Vossische Zeitung schon im Jahre 1931 in einer ansonsten wohlwollend kommentierten Funkstunde Benns im Berliner Rundfunk:

er trat wieder auf in der Pose des einsamen Rufers in der Wüste (…)

Wirklich einsam jedoch fühlte er sich erst drei Jahre später, als die Wüste kam und ihn erst die Intellektuellen ächteten (weil er in seinen Gedanken Hitler verkannte) und dann die Nazis (weil er in seinen Gedichten das Leben verachtete). Es waren nicht die Jahre für Posen.
Doch dann, irgendwann, endlich, ist der Krieg aus, der Spuk vorbei. Benn ist so desillusioniert wie vorher schon. Er erlebt zwei bange Hungerjahre in Berlin, fühlt sich vergessen oder auf ewig verachtet und weiß nicht, was eigentlich schlimmer ist. Beim Publikum jedoch steigerte die Übermacht der enttäuschten Träume das Verlangen nach dem, was Durs Grünbein Benns „Rauschgift der Poesie“ nannte, ins Unermeßliche. Nachdem der Schweizer Arche-Verlag den Mut hatte, den verbotenen Autor zu publizieren und den Band Statische Gedichte veröffentlichte, wurde sehr bald der Wiesbadener Limes-Verlag zu Benns Hausverlag, bei dem zwischen 1949 und 1956 annäherend zwanzig Bände mit neuen Gedichten und Essays des Autors erschienen. Und auch wenn Benn an seine Tochter Nele schrieb, „nichts wäre mir fataler als offene Arme und Feuilletonlakritze“, als die legendäre Lobeshymne Friedrich Sieburgs zu den Statischen Gedichten erschien, ließ er sich voller Genugtuung, zumindest für einen kleinen Augenblick – wie er gegenüber Oelze gestand – in ebenjene Arme sinken:

Dies ist die erhabenste Kritik, die je über mich erschienen ist –, eigentlich müsste man hinfallen u. sterben.

Dieser Brief an Oelze belegt einen der seltenen Momente, in denen man das Gefühl hat, daß Benn einmal seine Maske herunterläßt, einmal die Genugtuung, den Stolz und, ja: das Glück erkennen läßt, das er nach fünfzehn Jahren der Vergessenheit empfindet über diese triumphale Rückkehr. Wenn er in jenen Briefen aus dem Jahre 1948 und 1949 gegenüber Frank Maraun oder Oelze von seinem „Come-Back“ spricht, dann drückt sich darin auch immer die Verwunderung aus, daß er nun, als alter Mann, tatsächlich noch selbst erleben darf, was er eigentlich erst von der Nachwelt erhofft hatte: Anerkennung. Das Wort vom „Come-Back“ aber unterstreicht auch, wie sehr Benn – inzwischen? – in den Kategorien von Karriere zu denken vermag, von Ruhm und Vergessen. Und es ist nicht zufällig genau jene Zeit, Ostern 1949, an der er Frank Maraun vorschlägt, über die Entstehung von Goethes Ruhm zu forschen. Solange Benn in den zwanziger Jahren seinen ersten großen Ruhm erlebte, fiel es ihm nicht schwer, ihn überzeugend und wahrscheinlich: tief empfunden zu verachten. An Ernestine Costa schreibt er:

ich bin nicht populär und wünsche, es nicht es zu sein. Ich halte das Publikum für Pöbel und Ruhm für pure Schiebung.

Und im Gespräch mit Nico Rost fällt 1929 der Satz:

Man wird in der Kunst immer fragen nach Substanz, nach dem Gehirn, das nicht überall mitlief, den Rummel mitmachte.

Und dieses Gehirn, das die Einsamkeit dem Rummel vorzieht, so schien er sagen zu wollen, bin ich.
Doch die fünfzehn Jahre zwischen 1933 und 1948 machten, zum Teil, einen anderen Menschen aus ihm. Erst manövrierte er sich selbst ins Abseits, dann wurde er dort schmoren gelassen, er emigrierte in die Welt des Militärs, schrieb zwar, aber jenseits aller Aufmerksamkeit geschweige denn Öffentlichkeit – „bis auf jenen Herrn Oelze“. Es gab keinen Ruhm mehr, den er verachten konnte. Auch war er älter geworden, er hatte langsam den Tod vor Augen, er fürchtete sich, seinen Zenit längst überschritten, sich selbst überlebt zu haben. Und dann geschieht etwas, was ihm wohl selbst nicht geheuer ist. Er scheint sich über Anerkennung, nach den Jahren des Schweigens, mehr zu freuen, als ihm lieb ist, die eine Hälfte verachtet die andere fast dafür, daß sie, alt geworden und unsicher, Freude empfindet über den späten Ruhm. Altern als Problem für Künstler. Es ist darum nur die eine Hälfte, jene des ewigen angry young man, des widerborstigen, einsamen Wolfes, zu dessen künstlerischem Selbstverständnis die These der Unverstandenheit gehört, die am 12. August 1949 an Thea Sternheim schreibt:

Mich kann nichts mehr tief treffen, auch kein Ruhm u. dergl mich mehr erfreuen. Als Fazit meiner Existenz sage ich, daß es nichts Besseres für einen potenten Kopf gibt, als immer wieder und das ganze Leben lang für anrüchig zu gelten und unterdrückt zu werden.

Denn mit der anderen Hälfte hatte er nach den fünfzehn Jahren, in denen er am Ende allen, den Guten wie den Bösen, als anrüchig galt, den Zustand des Unterdrücktsein ausreichend ausgekostet. Und genoß die Freuden hymnischer Rezensionen, des Büchner-Preises („ein glorreicher Tag, der glänzendste meines Lebens“), ständig neuer Veröffentlichungen im Limes-Verlag und des Bundesverdienstkreuzes I. Klasse. Und wenn er zu dieser Verleihung an Oelze im Jahre 1952 vermerkt „Ablehnen wäre Angeberei, also nehme ich es hin. Tragen werde ich es nicht“, so spricht der innerlich zerrissene Autor, der genau wußte, welche öffentliche Wirkung solche Haltung und Handlung provozieren würde. Nur „Angeberei“ – das war in der Tat seinen beiden Hälften sehr fremd. Wie präzise Benn hier nachdenkt über die Rolle des Schriftstellers als öffentlicher Figur, zeigt, daß er, der fleißige Zeitungsleser und Beobachter der zeitgenössischen literarischen Szene, die Formen der Selbstinszenierung bestens kennt. Daß er weiß, daß es bei einer solchen Auszeichnung und ihrer eventuellen Zurückweisung nur zum Teil um echtes Empfinden geht – und sehr viel um Pose. Und nur, weil er die Pose des Ablehnens noch lächerlicher findet als die des Annehmens, entscheidet er sich fürs Annehmen und den Ruhm, der nicht mehr anrüchig ist.
Es gibt zwei Felder, in denen sich Unbewußtheit und Bewußtheit, Selbstverständnis und Selbstinszenierung bei Benn besonders schwer trennen lassen. Die Einfachheit. Und die Einsamkeit.
Die Herkunft aus dem Pfarrhaus, seine bescheidenen Bedürfnisse an Wohnen und Luxus, seine störrische Unlust, zu verreisen – das war ganz Benn. Und doch, irgendwann ist die Beschwörung in Gedichten und Briefen seines „Dorfes“ von einst, dieses „ich meinerseits komme aus Brandenburg kaum heraus“, dieses stoische Festhalten an Berlin, der Arztpraxis, an seinem täglichen Pils bei Dramburg an der Ecke, an der kleinen Wohnung in der Bozener Straße 20, ist dies nicht irgendwann auch, sagen wir zu fünf Prozent, kalkulierte Attitüde? Aber nein, das ist anmaßend und ungerecht, wahrscheinlich ist er in jenen Dingen des alltäglichen Lebens tatsächlich – und sei es auch aus Unlust, aus Bequemlichkeit, aus Trägheit – genau der gewesen, der zu sein er vorgab.
Nur wenn er immer wieder darauf verweist, wie amusisch es in seinem Elternhaus zugegangen sei, daß sein Vater nie in seinem Leben ein Buch gelesen habe, daß dort keine Gainsboroughs hingen – zumindest diese Ahnengalerie ex negativo war ihm, und sagen wir zu zehn Prozent, auch die Folie, vor der er seine eigene Tiefe, seine Gedichte voll – inszeniertem? – Griechentums, besonders gut zum Funkeln bringen konnte.
Die Einsamkeit ist ein noch komplizierteres Kapitel. Nach den Jahren der echten, tiefen, schmerzvollen Einsamkeit (nicht ohne Frauen, aber ohne Öffentlichkeit) zwischen 1933 und 1948 erlebte Benn plötzlich das Paradox, daß gerade seine Beschwörungen der Einsamkeit als der Grundvoraussetzung für wahre Empfindung ihn zu einer kollektiven Symbolfigur werden ließen. Schon am 22. September 1950 schrieb Max Rychner, der subtile Kenner und Interpret Benns aus Zürich:

Ihre Insel hat lange zu den einsamsten gehört, aber gerade Ihre Einsamkeit ist heute ein ungemeines Faszinosum geworden bis weit in die erlösungsgierige Masse hinein.

Wie geht man mit so etwas um? Was wird aus der Einsamkeit – vor Gott und den Menschen –, die Benn so existenziell erlebte und die er vorantrieb in diesem ständigen, brutalen Prozessieren gegen sich selbst, wenn man merkt, daß sie für die Umwelt zu einem Attribut geworden ist, zu einem „Markenzeichen“ gar? Es ist, das wird man sagen müssen, unendlich schwer, dazu ein Verhältnis zu finden. „Organismen, die Perlen hervorbringen, sind verschlossen“ – wie kann man, in seiner Verschlossenheit, solche Verse erdenken und dabei vermeiden, an sich selbst zu denken? Aber hätte er deshalb solch wunderbare Verse nicht schreiben dürfen? Konnte er sie vielleicht nur schreiben, weil er auch an sich selbst dachte? Carl Schmitt notiert in sein Tagebuch über Benn:

Er tätowiert nihilistische Schauerlichkeiten auf seine brave pietistische Haut, so macht er sich unkenntlich.

Am 7. März 1950 ruft ihn die Spiegel-Journalistin Christa Rotzoll an und bittet um einen Interviewtermin: Sie will, daß er endlich wieder kenntlich wird. An seinen Verleger schreibt Benn, geschmeichelt und verwirrt:

Wie kommt der Spiegel dazu?

Am Samstag, dem 9. März um 16 Uhr kommt die Dame zum Interview, sie scheinen über sehr vieles gesprochen zu haben, aber nicht über die Fakten, darum reicht Christa Rotzoll zehn Tage später noch einen Fragebogen nach. Benns Antworten darauf haben sich erhalten und sind nun im Nachlaß aufgetaucht. – Sein handschriftlicher Entwurf für die Beantwortung des Fragebogens demonstriert – daß er sich überhaupt der Mühe eines ausführlichen Entwurfes unterzog! –, wieviel Mühe er darauf verwandte, seine Antworten am Ende spontan wirken zu lassen. Leider haben sich nicht die 23 Fragen erhalten, nur Benns Antwortskizzen, so daß man rätseln muß, wozu er „Zum Glück nie“ erwiderte und was die Frage Nummer 20 war, die er mit „Lassen wir das“ kommentierte. Bei Frage 13 jedenfalls notierte er anscheinend gleich drei Möglichkeiten lapidarer Antworten, „Zum Glück nie“ oder „Unmöglich“ oder „Das geht zu weit“. Wir wissen leider nicht, für welche Variante er sich am Ende entschieden hat, denn der Artikel von Christa Rotzoll, der am 7. April unter dem Titel „Er wütet in sich herum“ im Spiegel erschien, nimmt offenbar nur eine einzige seiner Antworten auf. Nämlich seinen Hinweis „Nur wer sich extrem isoliert, bleibt produktiv“. Das hatte er auch in seinem Entwurf schon genau so formuliert, eine schmucklose Version des poetischen Perlen-Motivs. Auch die anderen Antwortentwürfe zeigen den späten Gottfried Benn in allen seinen Facetten: Als Freund der Frauen („Parfüms – eine große Liebhaberei von mir!“), als knurrigen Einzelgänger („Bin Kinder- und familienfeindlich, wünsche ihnen allen gesunden Aufenthalt in fernen Ländern“), als wissenden, lokalpatriotischen Kosmopoliten („Ich kenne Paris u New York, möchte immer nur in Berlin leben“). Diesen letzten Hinweis nimmt Rotzoll nicht auf, im Artikel aber wird sich der kleine Seitenhieb finden: „Stilisiert Berlinisches klingt in der Stimme“, Stilisierung, ja, vielleicht war das seine ganz spezielle Form der wohldosierten Selbstinszenierung.
Doch anders als beim Gedicht, dessen monologische Form bei Benn am Ende den Leser oft gar nicht mehr zu suchen scheint, braucht Stilisierung die Öffentlichkeit als Resonanzboden. Ironischerweise war es der Autor eines Buches über das Unbewußte, der Benn im Oktober 1955 um Auskunft über sein Schaffen bat. Man findet in jenen sieben Antworten, die er für den Autor Otto Kankeleit zusammenstellte, wieder seine großen Themen, also „Alleinsein“, „ständiger Wohnsitz sehr wichtig“ und schließlich die Bemerkung „Ich weiß nicht, was das Unbewußte ist“. Dann muß er noch die Frage beantworten, ob ihm „vom schöpferischen Prozeß unabhängige Ausnahme-Erlebnisse irgendwelcher Art bekannt“ sind. Darauf Benn: „Das einzige Ausnahmeerlebnis bin ich mir selbst“. Das könnte man auf den ersten Blick für Eitelkeit halten, gar für Angeberei, aber wenn man weiß, daß dieses Erlebnis des eigenen Ichs im Gedicht und im Essay für Benn immer auch ein Erschrecken war, daß die Ausnahme, von der er hier lapidar ironisch spricht, doch eher die negative denn die positive ist, dann schließt sich mit dieser Antwort, gegeben kurz vor seinem Tod, auf wundersame Weise der Kreis. Die scheinbare Stilisierung war in Wahrheit ein tiefes Empfinden. Leider wissen wir nicht, wer über diese Antwort am meisten verstört war. Der Autor Benn selbst, weil er nur die Schatten sah hinter dem Ausnahmeerlebnis, das er sich selbst immer gewesen ist und die sich nun noch einmal vor seinem inneren Auge verdunkelten – und daß er deshalb diesen Fragebogen nicht zurücksandte? Oder Otto Kankeleit, der diese Antwort empfing und in ihr vermutlich pure Selbstinszenierung am Werke sah? Wir wissen es nicht. In jedem Fall erschien Kankeleits umfangreiches Werk Das Unbewußte als Keimstätte des Schöpferischen im Jahre 1959, ohne daß der Name Gottfried Benn dort auch nur ein einziges Mal auftauchte, geschweige denn mit einer seiner detaillierten Antworten.
Nur der Nachlaß macht jetzt mit dem „Ausnahmeerlebnis Ich“ bekannt. Man wird, wenn man ehrlich sein will (und das sollte man bei Benn eigentlich immer sein), sagen können, daß sich in jener Formulierung das Unbewußte und das Bewußte auf unauflösbare Weise ineinander verschlungen haben. So daß man nicht nur hier, sondern wahrscheinlich in jedem Fall auf die Frage nach einer möglichen Selbstinszenierung Benns mit seinen eigenen Worten antworten muß: Niemals – und immer.

Florian Illies, in Jan Bürger (Hrsg.): Ich bin nicht innerlich, Klett-Cotta, 2003

 

 

ECKKNEIPENLEGENDE
Heinz Erhardt trifft Gottfried Benn – und umgekehrt

Und als der Krieg zu Ende war, im Jahre sieben danach,
da traf es sich im Schatten des RIAS-Funkhauses zu Berlin,
Prinzregentenstraße in ner Eckkneipe,
dass unser Doktor Benn beim Bier saß, sich erholte
vom Sermon und vom Interview,
welches er gegeben hatte droben im Funkhaus, drittes OG.

Noch schöpfte er Atem und rauchte dazu. –
Da wuchtet ein Herr der jüngern Generation,
Anzug mit Hornbrille, durch die Tür:
„Erlauben Sie, dass ich mich zu Ihnen setze?
Liegen geht ja nicht wegen der Tischblumen
und stehen hat so was Strammes, nicht wahr.“

Unser Doktor wundert sich über den Schelm.
Was will er? Spürt er die Aura nicht, die er hier unterläuft?
Ein „Bitte!“, zweisilbig-einsilbig – und der Ankömmling
setzt sich ihm übers Eck.

„Sie müssen sich nicht wundern
über mein zudringliches Wesen.
Eigentlich bin ich schüchtern wie der neue Mond.
Aber heute ist Vollmond,
darum nehme ich den Mund voll
und gehe beim Sender RIAS auf Sendung.
Nur schade, schade: Ich weiß nicht,
ob ich was zu versenden habe.“

Doktor Benn, mit Karyatidenblick,
rückt am Krawattenknoten.
„Niemand zwingt Sie, sich zu versenden.
Zumal das meiste schon gesagt ist.“

Nun kommt der Jüngere in Gang.
„Ihnen kann ich es ja sagen:
Ich reite seit Neuestem den Permafrost!
Halt, nein – Pegasos, Pegasos!,
für meinen Unterhalt,
ich bin Unterhaltungskünstler, wenn Sie gestatten.“

„Ach, und damit man Sie
aufgrund mangelnder Reitkünste
nicht bestatte, wollen Sie mir
eine Kostprobe Ihres Schaffens geben, Sie Scherzbold.“

„Auf Sie kommen keine Kosten zu.“

„Das werden wir ja sehen. Bitte, tun Sie sich keinen Zwang an.“

„Ihr Wille geschehe!“

„Bitte.“

„Der Lyriker

Erst denkt er nach links.
Dann denkt er nach rechts,
dann denkt er auf der Stelle.

Dann schreibt er sich hoch.
Dann schreibt er sich tief.
Einst liebte er mehr so das Grelle.

Dann streckt er den Arm,
dann vergisst er sich ganz
und dabei vergisst er zu denken.

Dann kriegt er die Angst,
dann wird er bedroht,
er will doch sein Ich nicht verschenken.“

„Das genügt!“, fällt ihm der Alte ins Wort.
„Sie denunzieren, wenn ich nicht irre, mit Ihren Reimen
den Büchner-Preisträger vom vergangenen Jahr.“

„Na, wie man’s nimmt, als Bücherträger
könnte ich glatt auch nen Preis verdienen,
das könn Sie mir glauben.
Aber was halten Sie von dem hier:

Der Nullmigrant.“

Das Antlitz des Doktors erhält einen Stich ins Fahle.
es die Neonbeleuchtung über dem Tresen?
Ist es die Androhung eines weiteren Machwerks?

„Ganz zu Beginn, da dient er sich an.
Dann duckt er sich, so gut er kann.
Er wandert nicht aus, nein, nein, er
schlüpft untern Rock beim Militär.
Und ist der finstre Spuk vorüber,
singt er alsbald wieder seine Lieder.
Kein Wunder: Der Weg war ja nicht weit –
zum Raum ward wieder mal die Zeit.“

Mit einem grimmigen „Danke“
meldet sich unser Doktor zurück.
„Mir scheint, Ihr seid mir
einer von den ganz schellenlauten Narren.
Nun, habt Ihr noch so Kram in petto?“

„Dein, Verzeihung, Ihr Wille geschehe! –

Der Nihilist

O eminenter Defätist,
der du das schwarze Loch durchmisst
und deinen Weltschmerz lustvoll ballst,
des Daseins Rätsel als Erster schnallst –
ich preise dich!

Du bist ein nichtsgesandter Streiter,
ein einen Schritt Hinüberreiter.
Im Fälteln deiner hohen Stirne
verlöschen angstvoll die Gestirne.

Du bist ein Engelschor-Auspuster,
frohlockst erst, ist es gänzlich duster.
Du bläst dem Kosmos die Lichter aus,
du bist die Katze – das All die Maus.

Denn du und deine Freundin Nichts,
ihr seid die Kinder wahren Lichts.

Nur eines stimmt mich reflexiv:
Der Nihilist, der doch so tief
die Daseinslüge ausposaunt,
benutzt ja Worte – und man staunt:

Das Nichts besingt er in tausend Texten –
die schillernd-bunten sind die kecksten –,
doch wird man vom Verdacht nicht frei,
dass dieses Nichts ein  E t w a s  sei.
Ein Etwas, das es ihm erlaubt,
sich zu erfassen, wie Luft den Staub.“ –

„Gratulation, Verseschmied“,
entfährt es da dem Doktor.

„Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere,
was alles erblühte, verblich.
Es gibt nur zwei Dinge: die Leere
und das gezeichnete Ich.

Ein Drittes sei höchstens erwogen
im Auge der strömenden Krisis:
Enttarnt sich das Nichts als erlogen
im Heben des Take-it-easys?“

Mit diesen Worten erhob sich der Alte,
rückte an seiner Krawatte, zahlte alle Biere
und verließ das Lokal,
dem nächsten Date mit der Sphinx entgegen.

Timo Brunke

 

Heinrich Detering: Wahnsinn und Methode. Poe, Benn und die Dialektik der aufgeklärten Poetik, Merkur, Heft 612, April 2000

Max Rychner: Gottfried Benn. Züge seiner dichterischen Welt, Merkur, Heft 18, August 1949

Max Rychner: Gottfried Benn. Züge seiner dichterischen Welt (II), Merkur, Heft 19, September 1949

Hans Egon Holthusen: Das Schöne und das Wahre in der Poesie. Zur Theorie des Dichterischen bei Eliot und Benn, Merkur, Heft 110, April 1957

L.L. Matthias: Erinnerungen an Gottfried Benn, Merkur, Heft 171, Mai 1962

Nico Rost: Begegnungen mit Gottfried Benn, Merkur, Heft 218, Mai 1966

Nino Franks Bericht über seinen Besuch bei Benn, Merkur, Heft 398, Juli 1981

Walter Aue: „Das ist Bahia, am Meer“. Wege zu Gottfried Benn

Norbert Hummelt: Auf einen Sprung zu Gottfried Benn

Hans Magnus Enzensberger: Überlebenskünstler Gottfried Benn

Jörg Magenau: Doppelleben oder: Gedenkt unsrer mit Nachsicht. Im Spiegel der Gegensätze: Ein Dialog über Gottfried Benn und Bertolt Brecht, 50 Jahre nach ihrem Tod, Deutschlandfunk Kultur, 13.7.2014

 

Soll die Dichtung das Leben bessern?

15.11.1955: Gottfried Benn und Reinhold Schneider im Kölner Funkhaus. Beitrag von Stephan Krass.

 

 

Helmut Böttiger: Gottfried Benn – Kleine Aster und andere Gedichte

 

Gottfried Benn: Kleine Aster – Gedichte und Prosa. Ulrike Draesner und John von Düffel im Gespräch mit Anja Brockert am 21.1.2019 im Literaturhaus Stuttgart.

 

Gottfried Benn | Blaubart & Ginster mit Ralf Schönfelder und Mario Osterland

 

Gottfried Benn. Der Mann ohne Gedächtnis. Lesung: Holger Hof. Moderation: Jörg Magenau. Im Literarischen Colloquium Berlin am 13.12.2011

 

Tondokument: Peter Rühmkorf und Adolf Muschg über Benn und Brecht am 16.9.2006 in der literaturwerkstatt berlin.

 

 

Zum 60. Geburtstag des Autors:

Carl Werckshagen: Gottfried Benn 60 Jahre
Schleswig-Holsteinische Volks-Zeitung, 27.4.1946

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Max Rychner: Gottfried Benn
Die Tat, Nr. 120, 3.5.1956

 

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Adolf Muschg, Jürgen P. Wallmann, Edgar Lohner: Abschied von Gottfried Benn?
Die Tat, 29.4.1966

Zum 10. Todestag des Autors:

Jürgen P. Wallmann: Kunst als metaphysische Tätigkeit
Die Tat, 2.7.1966

Bruno Hillebrand: Gottfried Benn – zehn Jahre nach seinem Tod
Neue Deutsche Hefte, Heft 110, 1966

Richard Exner: Jenseits von Sieg und Niederlage
Die Zeit, 29.7.1966

Zum 90. Geburtstag des Autors:

Peter Rühmkorf: „Und aller Fluch der ganzen Kreatur“
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.6.1976

Jürgen P. Wallmann: „Der Ruhm hat keine weissen Flügel“
Die Tat, 30.4.1976

Zum 20. Todestag des Autors:

Gert Westphal: Gottfried Benn – nach zwanzig Jahren
Neue Zürcher Zeitung, 23.7.1976

Heinz Friedrich: Plädoyer für die schwarzen Kutten
Merkur, Heft 30, 1976

Zum 100. Geburtstag des Autors:

Albrecht Schöne: Gottfried Benn?
Die Zeit, 2.5.1986

Peter Rühmkorf: Gottfried Benn oder „teils-teils das Ganze“
Deutsches Sonntagsblatt, 6.7.1986

Zum 50. Todestag des Autors:

Wolfram Malte Fues: Nur zwei Dinge
manuskripte, Heft 174, 2006

Jörg Drews: Das Gegenteil von ,gut gemeint‘
Tages-Anzeiger, 4.7.2006

Cornelius Hell: Persönlich, poetisch, politisch
Die Furche, 29.6.2006

Götz Kubitschek: Wiedervorlage: Gottfried Benn – Juni 2006
Sezession, Nr. 14, Juli 2006

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + InstagramKLG + IMDb + Archiv 12, 3 & 4Internet Archive + IZAKalliope + Georg-Büchner-Preis 1, 2, 3 & 4
Autorenäußerungen zu Person und Werk von Gottfried Benn
Porträtgalerie: akg-images + deutsche FOTOTHEK + gettyimages + Keystone-SDA
shi 詩 yan 言 kou 口
Nachrufe auf Gottfried Benn: AufbauDeutsche RundschauMerkur ✝ Tumba

 

Gottfried Benn – das letzte und einzige Fernseh-Interview mit Gottfried Benn am 3. Mai 1956 zum 70. Geburtstag.

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„Suppe Lehm Antikes im Pelz tickte o Gott Lotte"

Flüchtig

flucht tüchtig: Gift lüftet Gicht.

Michel Leiris ・Felix Philipp Ingold

– Ein Glossar –

lies Sir Leiris leis

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