Donald Berger: The Long Time | Die währende Zeit

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Donald Berger: The Long Time | Die währende Zeit

Berger-The Long Time | Die währende Zeit

VOLKSBÜHNE

Ich mag, wie du an jenem Tag ausgesehen hast.
Ich kannte dich nicht und immer noch
Kenne ich dich nicht,
Am Tag der gehenden Xe, nein, der gehenden Räder.

Ich muss vor zwei zuhause sein.
Ich lasse ein Miniaturgesicht herein.
Der Schatten unter der S-Bahn-Brücke ist kalt,
Das mannshohe Graffiti fast tröstlich.

Nimm jene Gedanken einer Hand, die Feuerblume, setze sie
Über das Fenster, auf dem, auf Englisch, zu lesen ist:
The Unknown Friends.

 

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„Immer begeistert, rechts und links“.

– Ein Nachwort über den Dichter als Ohrenzeugen. –

Flüstern, damit das völlig volle Ohr sein Fenster schließe,
zur Stunde sagt man die Zeit an, um durch den alten Winter hindurch
und zurück zu kommen

(Donald Berger: „Für jeden“)

Donald Bergers Gedichte sind von einem Ohrenzeugen geschrieben, mit Bleistift und Notizheft stets zur Hand – so steht er vor meinem Auge. Doch was er bezeugen will, liegt in der Ferne. Die paradoxe Lage des Ohrenzeugen, der im Schreiben rekonstruiert, wovon er sprechen will, gehört zur raison d’être der Dichter, seit man Orpheus nicht mehr direkt begegnen und nur durch Hörensagen dessen Kunst aktualisieren konnte; das ist der Grund der erkenntniskritischen Skepsis etwa in Rainer Maria Rilkes Zyklus „Die Sonette an Orpheus“. Wenn in Bergers Gedichten die Ereignisse, von denen sie handeln, in der Ferne liegen, dann steht mit deren späterer Gestaltung stets die Kunst selbst auf dem Spiel. Die Gedichte sind sich dessen völlig bewusst und fragen: Wie können wir unsere Kraft der Dokumentation begründen?
Das Gedicht „Scotch und eine Orange“ erinnert an die Washingtoner Begegnungen zwischen Abraham Lincoln und Walt Whitman, zwischen dem Politiker und dem Schriftsteller. Als Beglaubigung gilt zunächst der Bericht Whitmans selbst („berichtet Whitman“), und das lyrische Subjekt gründet darauf seine Kunst, den Bericht konkret auszuschmücken, etwa durch die Art des wechselseitigen Verneigens. Diese Beschreibungen haben die Aufgabe, den Bericht Whitmans zu legitimieren, doch markiert das Gedicht sie zugleich als Spekulationen und zieht sie damit sofort in Zweifel. Daher gibt sich das Ich gegen Ende hin als Dichter zu erkennen und spricht von seinem Plan, ein Drehbuch zu schreiben, das eine noch weiter ausgreifende Erzählung enthalten werde: mit dem Zweck, Whitman letztlich recht zu geben. Dass Whitman mit einer Flasche Scotch und einer Orange in der Hand seinen Nachbarn besucht, ist eine der Zutaten von heute, die beglaubigen sollen, wozu sie ausdrücklich keinen Zugang haben. Damit steht gerade das Schweigen von Lincoln und Whitman, das zur historischen Wahrheit gehöre, mit gleichem Recht nicht im Drehbuch, wie die Zutaten dort zu finden sind: „und die Wörter, die sie nie / Sagen, werden nicht darin sein“. Die Zutaten legitimieren das Schweigen, von dem das Gedicht spricht.
Letztlich befreit diese mäandernde Reflexion die Gedichte post mortem, denn wie im Gedicht „Der Scharfschütze“ kann die Aufmerksamkeit zum kleinsten Detail abschweifen. Was dann wie in einer Epiphanie aufscheint, liegt in einer anderen, neuen, unausgesprochenen Ferne. Daher schreibt John Ashbery, der große amerikanische Poet, Vorbild und Freund von Donald Berger, über den hier nun vorliegenden Gedichtband, am Beispiel des Gedichts „Die Wand“:

Am Anfang von Die währende Zeit, der überwältigenden Gedichtsammlung von Donald Berger, sagt er uns: „Gar nichts ist / geplant, der ganze Tag schaukelt gewissermaßen nur fort / in den Schatten dort drüben, schaukelt fort nach rechts dort drüben, / neben das Bild des Bauernhofs.“ Mit anderen Worten: Nichts ist vorab zurechtgelegt. Wir schaukeln lediglich fort in den Raum, sind aber sofort eingenommen vom ,Bild des Bauernhofs‘. Bergers kosmische Räume und ,währende Zeiten‘ haben eine Art, sich selbst urplötzlich und atemberaubend in einer einzigen, exklamatorischen Offenbarung zu konzentrieren.

Der Ort der Offenbarung liegt neben dem konkreten Bild, jenseits eines konkreten Orts also. Die Übung Bergers, für ein solches Ereignis ständig neue Schichten von Interpretationen übereinander zu schieben, ist genau ein Erbe von John Ashbery. Der Ohrenzeuge wird schließlich die Aufnahme von Eindrücken vermeiden: Daher sind die ersten Zeilen des Gedichts „Für jeden“, die diesem Nachwort vorangeschickt sind, besonders bedeutsam: Das darin geforderte Flüstern ist ein endliches Schließen der Ohren zugunsten einer neuen, in der Reflexion möglichen Poesie.
Leitend in dieser Transformation, die die Kraft der Dokumentation in neue Bahnen lenkt, ist der Ton, der lakonisch und unruhig zugleich ist und die Lektüre trägt. Doch dem Ton ist eine höchst raffinierte Gedanklichkeit unterlegt, die sich oft in langen Perioden entfaltet. Exemplarisch hierfür ist das Gedicht „Abendessen in der Sonne“. So ist dem Verstehen aufgegeben, sich dem Ton hinzugeben, in all seiner Vielfalt, ob rhapsodisch, parodierend, melancholisch oder ausgelassen. Gerade das Lachen bekommt eine produktive Rolle (vgl. „Haus des Vergnügens“). Zugleich ist – innerhalb der Töne – die Probe darauf zu machen, inwiefern das im Ton zusammenfließende Material in einer gedanklichen, und das heißt zunächst: syntaktischen Strenge bemeistert ist, oder anders ausgedrückt: ob sich in den Tönen ein Sinn durchsetzt.
Alles, was Donald Berger in seinem Notizbuch notiert, ob gesprochen oder gelesen, ist schon vorab in die akustische Dimension der Gedichte gebracht. Plastisch formuliert das Gedicht „Fast alles“ den Prozess:

Leuchte in ein Trommelfell hindurch
und es wird beim anderen herauskommen

Was aus dem optischen Leuchten in Klang verwandelt wird, erweist sich als produktiv, denn nun sendet das (andere) Ohr ganz eigene Klänge aus. Der Sprechsammler hat sich in der Rivalität der Künste für das Schriftliche, genauer: für die Poesie entschieden. Er nimmt von seiner poetischen Schriftlichkeit her auch ironisch Stellung zu philologischen (vgl. – „Altfranzösisch“), naturwissenschaftlichen (ebd.) und literaturkritischen (vgl. „Abendessen in der Sonne“) Methoden. Das Hören wird nur in der Poesie produktiv.
Wie kann im notierten Material, das der Dichter sieht, hört oder liest und in Töne bettet, Neues entstehen – wie kann er aus dem Material produktiv eine unverkennbare Individualität schaffen? Das oft und oft in den Gedichten reflektierte Wissen um die eigene Kreativität klärt darüber auf (vgl. „Zu sein, wo die Sonne ist“, oder „Über das Ding“). In dieser Reflexion stellen die Gedichte die Frage nach dem Sinn. Die Antwort geht dahin, dass die Kreativität sich nicht in der schieren, allein registrierenden Aufnahme erschöpft, sondern zur Voraussetzung hat, dass das Material schon jeweils in einer bestimmten syntaktischen Gestalt an den Dichter kommt. Syntaktisch entsteht der neue Sinn, und damit das möglich ist, muss das Material selbst schon eine syntaktische Gestalt besitzen. Tatsächlich setzt in den Gedichten eine gedanklich-poetische Arbeit ein, die darin besteht, die aufgezeichnete Syntax in eine übergreifende Syntax des Gedichts zu bringen. Das wird oft nur nonchalant bewerkstelligt (vgl. „Die flachen grünen Hügel“), so dass der Boden, auf dem ein Gedankengang fußt, zu schwanken scheint. Wie weit also gelingt es den Gedichten, im Schutz der Töne und in ihrer montierend dokumentierenden Zeilenfolge durch ihre Syntax (gegen die dokumentierte Syntax) einen neuen Sinn durchzusetzen? Diese Frage provoziert den insistierenden Versuch, die Gedichte zu verstehen, und insofern war sie auch die maßgebliche Herausforderung für mich als Übersetzer.
Das Bild des Dichters mit dem Notizheft in der Hand, aufmerkend auf jede Trouvaille, setzt die Literaturgeschichte der amerikanischen und der europäischen Lyrik voraus. Donald Berger, 1956 in New York City geboren, schreibt zunächst im Material der Alltagssprache und beruft sich auf amerikanische Pop- und Beat-Dichter wie Allen Ginsberg und William S. Burroughs (vgl. das Zitat des Titels „Naked Lunch“ im Gedicht „Du solltest sehen“). Doch Berger beherrscht zugleich die Kunst, mittels der Syntax neue Wortbedeutungen und ein eigenes Referenzsystem zu schaffen. Das Gedicht „Für jeden“ ist dafür ein Beispiel, und auch das Titelgedicht selbst („Die währende Zeit“) gehört dazu: Während die Wendung „eine lange / Zeit“ die unbestimmte Zeit meint (und selbst schon eine merkwürdige Aneignung der Redewendung „a long time ago“ darstellt), verändert die auf den einen bestimmten Tag fixierte lange Zeit („Es war eine / lange Zeit. An welchem / Tag?“) den Blick. Nun geht es um das vom lyrischen Ich erlebte Vergehen selbst. Die mit der Dauer eines Tags umrissene Zeit wird zu einer subjektiven, verinnerlichten, nicht vergehen wollenden Zeit – einer währenden Zeit. Was solche, die Bedeutung verändernden Aneignungen von Wörtern angeht, steht Donald Berger in der Tradition einer symbolistischen und surrealistischen Poesie, die ihm sein Lehrer James Tate an der University of Massachusetts Ende der 1970er Jahre vermittelte.
Die Gedichte sind nicht zuletzt kraft beider Einflüsse, des Pops und des Symbolismus, an ein Leben gebunden, das von der Poesie durchwegs geprägt ist. Nicht nur kann man von einer Kreativität sprechen, die eine an die Sprache und das Sprechen gebundene Analyse übersetzt, sondern diese Analyse bestimmt selbst – vermittels des unablässigen Aufschreibens – das Leben Bergers und geht insofern daraus hervor, durchaus befördert durch das amerikanische Bildungssystem, dem Bergers Beruf selbstverständlich ist. Seit dreißig Jahren unterrichtet Donald Berger Literatur und Schreiben, zunächst in Providence, Rhode Island, dann an der University of Maryland, in deren Nähe, in Washington D.C., er bis heute lebt, und gegenwärtig an der Johns Hopkins University in Baltimore. Die Nennung von Wohnorten ist freilich irreführend, da sie das abundante Umherreisen des Autors nicht einrechnet. Donald Berger schrieb mir im Sommer 2013, exemplarisch:

Unsere Reise war ganz interessant, aber viel zu viel am Ende, immer begeistert, rechts und links, viel zu erzählen, viel gelernt, aber Stress während der Umsteigungen, Schiffe, Flugzeuge, Auto, undsoweiter. […] Ich mag die Idee von den Bergen in Österreich im Sommer.

Diese Zeilen sind auf Deutsch geschrieben, in einem Deutsch, das nicht nur davon zeugt, dass Berger in seinen Aufenthalten im Ausland einzelnen Orten und Ländern den Vorzug gegeben hat, namentlich Tübingen und Berlin, wo er insgesamt vier Jahre verbracht hat. Die Formulierungen zeigen auch, dass Berger begonnen hat, das Deutsche als Sprache seiner dokumentierenden, ironischen und verwandelnden Art zu unterwerfen. Das Wort „mosquito bridge“ in dem Gedicht „Ich vergesse“, das seine Künstlerfreunde in Deutschland festhält: Monika Rinck (sie hat in diesem Band das Gedicht „Ex-Dichter“ übersetzt), Christian Rothman (der für die Umschlaggestaltung die Vorlage gab) und Ulrike Draesner – dieses Gedicht setzt eine Transformation der Berliner Möckernbrücke in „Mückenbrücke“ voraus. Erst dieser Witz macht das englische Wort möglich. Donald Berger schrieb mir zuletzt, wiederum auf Deutsch:

es ist ein Wunder, dass wir auf der Brücke zwischen den beiden Sprachen stehen können, und hin und zurück vom Ende zum Ende gehen, laufen, und sogar gleiten können.

Dieses Gleiten hat er selbst vorbereitet, und es besitzt somit eine große Richtigkeit, dass die vorliegende Publikation im Original in zwei Sprachen erscheint.
Dem erfahrenen Dichter fliegen schließlich nicht nur Wörter und Wendungen zu, sondern er schärft seine Aufmerksamkeit für literarische Vorlagen, wie etwa für den Roman The Boy Who Went Away von Eli Gottlieb („Abendessen in der Sonne“), oder für Shakespeares Romeo and Julia, dessen Wendungen er im Gedicht „Dir das Glück zu Füßen“ diskret zitiert und einer hochgestimmten, humanen und aktuellen Reflexion unterzieht. Und es sind die eigenen Gedichte, die die Literarizität seines Lebens steigern; sie haben – innere Gedichte gewissermaßen – noch nicht alle eine poetische, schriftliche Gestalt gewonnen. Berger schreibt, auf Rilke verweisend, über diese Gedichte, die beim Reisen, Wohnen, Leben und Lehren entstehen – dieses Mal auf Englisch:

Was das Schreiben angeht, ist kein Ende absehbar. Ich habe so viele Gedichte geschrieben, dass ich sie immer noch um das Haus herumjage und zu überreden versuche, durch die Tore eines neuen Manuskripts einzutreten. Ich denke, ich werde auf immer und ewig schreiben, und zwar in der Art und Weise und in dem Sinn, wie es Rilke in seinen „Briefen an einen jungen Dichter“ sagt; ich glaube nicht, dass ich aufhören könnte, Gedichte zu schreiben, selbst wenn ich es wollte. Das Schreiben verändert das Leben zum Besseren, bereichert es, wie ein Lehrer es ausdrückte, intensiviert es in jeder Hinsicht, aber entspannt es auch, und verlangsamt es und beschleunigt es, manchmal beides zugleich. Ist man gewohnt, Lyrik zu schreiben, wird alles, was der Tag bringt, angesehen und erwogen, ebenso wahllos wie mit der größten Absicht. Zu leben, während man es sich zur Gewohnheit gemacht hat, das Leben zu deuten, ist ein großes Geschenk. Die Kunst wartet stets, wie ein Riesenvater oder eine Riesenmutter, die ihre Arme am Ende einer langen Halle ausbreiten.

Donald Berger hat bisher drei Gedichtbände veröffentlicht, zuletzt im Jahr 1993 die Sammlung Quality Hilk. Sonst schreibt er in amerikanischen Zeitschriften. Dieses Buch bringt eine Auswahl jener Gedichte, die der Dichter in den letzten fünfzehn Jahren einfangen konnte.

Christoph König, Nachwort

 

Inhalt

Eine eindrucksvolle Stimme aus New York – erstmals übersetzt ins Deutsche.

Die Gedichte von Donald Berger, der 1956 in New York City geboren wurde, haben einen unverkennbaren Ton. Sie sind lakonisch und unruhig zugleich, unterlegt mit höchstem Raffinement. Berger arbeitet mit und im Material der Alltagssprache, er steht in der Tradition der amerikanischen Popdichter wie Allen Ginsberg und ebenso in der einer symbolistischen europäischen Poesie. Seine Gedichte entstehen als Übersetzungen einer an die Sprache und das Sprechen gebundenen Analyse und meiden das direkte Aussprechen von Gefühlen, sie geben nicht vor, eine „Wahrheit“ zu verkünden.

Wallstein Verlag, Ankündigung, 2015

 

Beiträge zu diesem Buch:

Udo Kawasser: Donald Berger ‒ Ein Dichter für DichterInnen ist zu entdecken
fixpoetry.com, 30.10.2015

Heinrich Detering: Lyrik-Empfehlung 2016
lyrik-empfehlungen.de

 

 

Fakten und Vermutungen zum Übersetzer + Germanistenverzeichnis

 

Fakten und Vermutungen zum Autor

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