Evelyn Schlag: ins weiße meer der schrift

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Evelyn Schlag: ins weiße meer der schrift

Schlag-ins weiße meer der schrift

AN TRAKL VORÜBERGEGANGEN
(philadelphia)

auf dem weg zum congress liegt
er auf dem gehsteig und pennt,
die wange an den asphalt geschmiegt
wie an ein frisches kissen.

schuhspitzen, hundeschnauzen,
ein immunkompromittierter patient,
der dieselben medikamente braucht
wie ein bornemisza-thyssen.

im schlaf greift seine hand sich
schwerelos den goldenen akkord
auf dem klavier. die finger fest-
gefroren in dem immer alten lied.

es sind seine wimpern, seine lippen,
seine zunge, sein oh lord.
um acht der erste vortrag: summen
verstärkt nasales nitrium-oxid.

das sweatshirt ist ihm den rücken
hochgerutscht. du siehst
den streifen graubraune haut
nach einer nacht knapp unter null.

er ist der sündenfall, den du
in allen vortragstiteln liest.
du willst ihm eine decke holen
aus deinem walnut street hotel.

noch im convention center legst
du ihm x-mal die decke um.
man erforscht hier das ödem
der kampfschwimmer in der marine.

sogar ein schaf atmet anders
nach pränatalem nikotinkonsum.
die abstracts versprechen vom
glück eine konkrete strähne.

 

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Der Auftakt

von Evelyn Schlags neuem Lyrikband – „kirschenzauber“ – wiegt uns in Sicherheit. Er evoziert Sommer, Kindheit und eine Zeit, als das Sprechen noch geholfen hat. Doch wir ahnen, das alles ist vorbei. Was folgt, ist „im krieg“. 13 Gedichte, die klarsichtig, ohne Pathos und Larmoyanz von der Ungeheuerlichkeit des Tötens und Auslöschens erzählen. „ich will nicht dass du ein verlust wirst! liebster … es gab heute 54 auf unserer seite, alle verloren. bis wohin muss ich zählen bis es dein körper in einem weißen sack ist?“ Diese Gedichte ‚treffen‘, weil hier eine schreibt, die – obwohl seit mehr als vier Jahrzehnten eine fixe Größe in der deutschsprachigen Lyrik – auch den sehr Jungen eine Stimme geben kann.
Die im „fotoalbum new york“ gruppierten Gedichte sind eine literarische Spurensuche nach den Eltern und dem Großvater, die in ihrem letzten Roman Please Come Flying (2022) in die geliebte fremde Sprache führte.
In der „ballad for the shooting stars“ zeigt sie einem Fotografen einen Tropfen Blut an ihrem Finger, entlockt ihm ein verzücktes „welch schönes blut du hast“ und verabredet sich für die Sternschnuppennacht mit ihm. Wer würde denn einen 13. August vorübergehen lassen?

hollitzer verlag, Klappentext, 2024

 

 

ins weiße meer der schrift

– In ihrem neuen Lyrikband ins weiße meer der schrift beeindruckt die Autorin Evelyn Schlag mit poetischer Erinnerungskunst auf höchstem Niveau. –

Die Engländerin Frances Yates war sich sicher: Die Gedächtniskunst, so die geadelte Historikerin Yates (1899–1981) in ihrem gelehrten Band Gedächtnis und Erinnern. Mnemonik von Aristoteles bis Shakespeare, gleiche „einem inneren Schreiben.“ Denn wer „die Buchstaben des Alphabets kennt, kann, was ihm diktiert wird, niederschreiben und dann das Geschriebene wieder lesen. Ebenso kann, wer Mnemonik gelernt hat, das Gehörte an Orte bringen und es dann aus dem Gedächtnis hersagen.“

„Denn die Orte gleichen den Wachstäfelchen oder dem Papyrus,“ meinte der römische Intellektuelle, Politiker und meisterhaft frei redende Rhetor Marcus Tullius Cicero, „die Bilder den Buchstaben, die Anordnung und Stellung der Bilder der Schrift, und das Hersagen gleicht dem Lesen.“

Abhandlungen über die ars memorativa gibt es seit dem griechischen Dichter Simonides von Keos (557/556 – 468/467 v. Chr.), dem „Erfinder“ der Gedächtniskunst. Ein jedes dieser Traktate befleißigte sich gleicher Regeln für Orte, Bilder, Sach- und Wortgedächtnis. Englische Bücher über das Erinnern, die im 16. Jahrhundert erschienen, folgten in ihrer Gliederung noch eng dem Lehrbuch  Ad herennium  eines anonymen Lehrers für Rhetorik im Rom anno 86 bis 82 v. Chr.
Dies bisweilen arg trockene propädeutische Dokument reklamierte zwei Arten von Gedächtnis, ein natürliches und ein künstliches. Und was wäre ein anderes Wort für künstliche bewahrende Erinnerung? – Poesie. Und zwar im Besonderen in der Gegenwart die Poesie Evelyn Schlags. Vor mehr als vierzig Jahren kam ihr Erstlingsband heraus; seither erschienen von ihr, die seit Langem in Waidhofen an der Ybss ansässig ist, Prosa- und Lyrikbände.
Selten jedoch war eines ihrer Bücher allein schon als haptisches Objekt schöner als ihr neuer Band  ins weiße meer der schrift. Ein leicht übergroßes Format, augenschonendes Papier, da in gebrochenem Weiß, eine gut lesbare Schrifttype, luxuriös viele leere Seiten, wo gestalterisch nötig, dazu ein sensibel gestaltetes Covermotiv – voilà! einer der vielleicht schönsten, inhaltlich überzeugendsten Gedichtbände, die bisher in diesem Jahr in Österreich erschienen sind.
Hat jüngst der deutsche Literaturwissenschaftler, Literaturkritiker und Lyriker Björn Hayer in seinem Essayband Die neuen Schöpfer der Dichtung der Gegenwart Schlagworte zugeordnet wie „Vergangenheit und Zukunft“, „Politisches und Körperliches“, „herzhell leuchtende Tote“, „Traum und Realität“, „Verwandlungen im Licht und Geheimnis der Schattenberge“, „Worte und ihre geheimen Wege“, „Wandel und Wunder“ – so findet sich all dies hochkonzentriert, dabei wundersam artistisch  umgesetzt in ins weiße meer der schrift.
Schlag  schreibt in 62 Gedichten, die – mit Ausnahme eines Poems – zu sieben Themenschwerpunkten arrangiert sind, kunstvoll eindringlich über ihre Eltern und Kindheitserinnerungen an New York, über Liebe und Einsamkeit, über Krankheit und Vereinzelung, über – und das besonders beeindruckend im Auftaktkapitel – Krieg, Zerstörung, Traumata wie über das Sich-Finden. Und auch eine Christine Lavant-Mimikry-Suite von großer Kraft gibt es.
Das letzte, das erzählerischste Gedicht des Bandes ist ein Memorial, eine dem verstorbenen Freund Toni Gruber gewidmete  „nachruf“  betitelte Hommage, eine Eloge auf Empathie, Lebens- und Formulierungskunst.
Das vielleicht schönste Poem ist dem Schweizer Schriftstellerkollegen Andreas Neeser zugeeignet. Es ist mit  „cernicvi“  überschrieben, dem Namen der Stadt Czernowitz, Tschernowitz, Tscherniwzi, Tschernowzy, Cernauti, Czerniowcse, Csernyivci, die in den letzten 110 Jahren nacheinander zu Österreich-Ungarn, Rumänien, der Sowjetunion, zu Rumänien, zur Sowjetunion gehörte und seit 1991 zur Ukraine gehört (somit etymologisch wie historisch „Gedächtniskunst“ in einer Nussschale ist, und ja auch Heimatstadt von Rose Ausländer, Paul Celan, Gregor von Rezzori, Itzig Manger war):

die debattierenden lichter
der ganze luftschwarm
aus verwandten wörtern

 

legst du den kopf in den nacken
berühren sich vor dem himmelblau
die gewölbten balkone

 

straßen tragen den mädchennamen
es stecken liebesschlösser
am geländer der brücke

 

ein hund schläft in der alten synagoge
mit staubigen pfoten vom zement
der renovierung

 

dolden schwarzen holunders
bekleckern die steine
im hüfthohen gras

 

alles neigt sich dem anfang zu

 

(S. 42)

Am Ende angekommen, will man sich sofort dem Anfang wieder zuneigen dieses famos poetischen Bandes über  verlorene Orte, Bilder, Dinge, durch die Zeiten hindurch und in der Zeit abgängige Worte, Menschen, will erneut die Gedichte lesen, sie hersagen.

Alexander Kluy, literaturhaus-wien.at, 24.7.2024

Weiterer Beitrag zu diesem Buch:

Jelena Dabic liest Evelyn Schlags ins weiße meer der schrift
poesiegalerie.at, 12.4.2024

 

 

Fakten und Vermutungen zur Autorin + Instagram + IZA + KLG + Kalliope
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde OhlbaumIMAGOKeystone-SDA

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