Pablo Neruda: Den Schmerz der Welt in Hoffnung verwandeln

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Pablo Neruda: Den Schmerz der Welt in Hoffnung verwandeln

Neruda/Poeplau-Contzen-Den Schmerz der Welt in Hoffnung verwandeln

ODE AN DAS DANKE

Dank an das Wort,
das Dank sagt.
Dank an das Danke,
weil das Wort
Schnee schmilzt oder auch Eisen.

Bedrohlich sah die Welt aus,
solange nicht das Danke
mild wie eine helle Feder
oder süß wie ein Blütenblatt aus Zucker
von Lippe zu Lippe sprang,
mal groß, aus vollem Mund,
mal kaum hörbar geflüstert,
so war das Wesen wieder Mensch
und kein Fenster,
so fiel ein wenig Licht in den Wald,
und unter den Bäumen ließ es sich singen.

Natürlich kannst du,
ein Wort nur, danke,
nicht alles ausfüllen,
aber wo du hereinwehst,
kleines Blütenblatt,
werden die Dolche des Stolzes weggesteckt,
und zum Vorschein kommt für einen Centavo
Lächeln.

Übersetzung: Monika López

 

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Neruda und kein Ende – Werke und Tage

Der vorausgegangene Text – eine Art Zwischenruf – ist das Ergebnis eines Prozesses politischer Desillusion, der mich vom Sympathisanten zum Kritiker des real existierenden Sozialismus werden ließ. Vorher hatte ich mich vom eher unpolitischen Autor zum linken Literaten gemausert und war, abgestoßen von Fehlentwicklungen der westlichen Welt und angezogen von marxistischen Utopien, in gefährliche Nähe zu Diktaturen des Ostblocks geraten, obwohl Kuba und China mich schon damals mehr interessierten als die DDR oder die UdSSR. Die ideologische Radikalisierung, die meine Generation nach 1968 vollzog, wurde durch Texte von Pablo Neruda beschleunigt und befördert, bis Dissidenten wie Czesław Miłosz und Joseph Brodsky die Parteibarden, unter denen Bertolt Brecht sich als resistenter gegenüber dem Zeitgeist erwies als, sagen wir, Louis Aragon, von den Podesten stürzten.
Beim Wiederlesen von Nerudas Gedichten fällt mir auf, dass die Diskussion um ideologische Verstrickungen des Autors den Texten wenig anzuhaben vermag, weil diese hitzebeständiger oder, um ein Modewort zu gebrauchen, nachhaltiger sind als die politischen Positionen, zu denen Neruda sich bekannte: Aere perennius – dauerhafter als Erz –, wie Horaz seine Oden nannte. Trotzdem mache ich keine Abstriche an meiner negativen Einschätzung seines parteioffiziellen Opportunismus, der sich in Stalin-Hymnen ebenso ausdrückte wie in giftigen Invektiven gegen Kafka oder Octavio Paz, deren Namen hier einmal mehr stellvertretend für andere stehen. Nerudas ideologische Irrtümer und politische Verfehlungen waren nicht ernster, sondern harmloser als die faschistischer Sympathisanten wie Ezra Pound und Gottfried Benn – ganz zu schweigen von Louis-Ferdinand Céline, der den deutschen Besatzungstruppen in Frankreich vorwarf, nicht scharf genug gegen die Juden vorzugehen. Neruda besaß weder den plebejischen Furor Célines noch die elitäre Arroganz Benns oder die Gelehrsamkeit Pounds, im Gegenteil: Seine Gedichte waren und sind volkstümlich, ja volksverbunden, trotzdem aber äußerst artifiziell, was kein Widerspruch ist. Den sehe ich eher zwischen seiner Selbsteinschätzung als Nationaldichter oder Sprachrohr der Massen und der entschiedenen Modernität seines Werks, das die Innovationsschübe der Poetik vom französischen Symbolismus bis zum Surrealismus selbstbewusst nachvollzieht, ohne Konzessionen zu machen ans Dogma des sozialistischen Realismus, dem er sich nach außen hin verschrieb. So besehen, darf Neruda für sich in Anspruch nehmen, was für Benn und Brecht, Pound und Celine ähnlich gilt: dass sein literarisches Werk nicht gleichzusetzen ist mit seiner politischen Parteinahme, weil die Vieldeutigkeit der Poesie der ideologischen Engführung widerspricht und Absichtserklärungen des Autors unterläuft oder transzendiert.

***

Beeindruckend ist allein schon der quantitative Umfang von Nerudas Werk. Goethes Gedichte umfassen 410 Seiten (ohne den Kommentarteil), die Schillers, der kürzer lebte, aber als Vielschreiber gilt, nur 350. Nerudas gesammelte Gedichte aber füllen 850 Seiten, obwohl die von Erich Arendt übersetzte Ausgabe nur eine Auswahl bietet – politisch oder erotisch verfängliche Verse waren zu DDR-Zeiten nicht druckbar, und der Herausgeber ließ sie wohlweislich weg. Auffällig ist, dass es sich bei Neruda trotz der in allen Schaffensphasen wiederkehrenden Liebesgedichte weniger um Lyrik im engen, intimen Sinne handelt als vielmehr um Welten und Zeiten umspannende Epik, politische und persönliche Rechenschaft, öffentliche Rede und inneren Monolog, vergleichbar mit Proust und Joyce, denen der Dichter viel verdankt. Rückblickend auf Lateinamerikas Literatur im 20. Jahrhundert ist Neruda das fehlende Bindeglied zwischen den nicaraguanischen Poeten Rubén Darío und Ernesto Cardenal: An Darios „Modernismo“ knüpfte er ebenso an, wie Cardenal mit „Gebet für Marilyn Monroe“ und anderen Versen in Nerudas Fußstapfen trat.
Es genügt, das dickleibige Gedichtbuch an einer x-beliebigen Stelle aufzuschlagen, um sich von der Qualität seiner Poesie zu überzeugen, auch wenn der Text von Erich Arendt, wie jede Übertragung, nicht alle Nuancen und Details des Originals adäquat wiedergibt:

ODE AN DEN ANZUG

 

Jeden Morgen
wartest du, Anzug, auf einem Sessel,
dass meine Eitelkeit,
meine Liebe, meine Hoffnung,
mein Leib dich ausfülle.
Kaum
hab ich mich vom Schlaf gelöst,
vom Wasser Abschied genommen,
fahre ich in deine Ärmel,
suchen meine Beine
die Leere deiner Beine,

und so umfangen
von deiner unentwegten Treue,
geh ich hinaus auf den Rasen,
trete ein in die Dichtung,
blick in die Fenster,
und Dinge,
Menschen, Frauen,
Taten und Kämpfe
formen mich

[…]
und also,
Anzug,
forme ich auch dich,
deine Ellbogen wetzend,
dein Geweb zerschleißend,
und so wächst dein Leben
zu meines Lebens Ebenbild

Bezeichnend ist, wie selbstverständlich und unprätentiös der Dichter von banalen Alltagsdingen spricht, die er durch den „hohen Ton“ der Ode und die direkte Anrede nobilitiert, ohne in sentimentales Selbstmitleid abzugleiten, wie dies bei den von Neruda beeinflussten Poeten der „neuen Subjektivität“ der siebziger Jahre gang und gäbe war. Das Gedicht „Ode an die Traurigkeit“ wiederum erinnert an den Schlussteil von Goethes Faust II, wo die Sorge, der Faust den Zutritt verweigert, durchs Schlüsselloch in den Palast eindringt:

Traurigkeit, Käfer
mit sieben gebrochenen Beinen,
Spinnenei,
widerwärtige Ratte,
Skelett einer Hündin:
Hier trittst du nicht ein.
Hier kommst du nicht durch.
Heb dich hinweg.
Kehr
gen Süden mit deinem Regenschirm,

kehr
gen Norden mit deinen Schlangenzähnen.
Hier lebt ein Dichter.
Durch diese Türen vermag
die Traurigkeit nicht einzudringen

Weitere Reminiszenzen drängen sich auf:

Im ernsten Beinhaus war’s, wo ich beschaute,
wie Schädel Schädeln angeordnet passten

So beginnt ein Altersgedicht von Goethe, das irrtümlich „Betrachtung von Schillers Schädel“ betitelt wurde und bei den folgenden Versen Nerudas Pate gestanden haben könnte:

ODE AN DEN SCHÄDEL

 

Ich fühlte ihn
erst,
da ich stürzte,
mir das Leben
entglitt,
und ich fiel
aus
meinem Sein, wie aus zertretener Frucht
der Kern

[…]
und einzig,
fest
wie eine Schale,
fand ich
meinen armen
Schädel

[…]

Doch Neruda war kein Poeta doctus wie Ezra Pound, der sich aus dem Fundus der Weltliteratur, vom I Ching bis zu Petrarca und Dante, bediente, und es ist fraglich, inwieweit er Goethes Lyrik gekannt hat. Andererseits war Neruda kein Heimatdichter, der nicht über den Tellerrand Chiles hinausblickt, sondern ein großer Reisender und unersättlicher Leser von Seefahrt- und Abenteuerromanen. Zu seinen Lieblingsautoren gehörte Jules Verne, und Nerudas „Ode an einen Albatros auf großem Wanderflug“ ist eine Hommage an den Ancient Mariner von Coleridge, einen kanonischen Text der englischen Literatur:

An diesem Tage starb
ein mächtiger grauer
Albatros.
Hier,
auf die nassen
Gestade
stürzte er nieder.

[…] Er war
im Tode
wie ein schwarzes Kreuz.
Von Schwingenspitze zu -spitze
drei Meter Gefieder
und das Haupt

wie ein Bootshaken gekrümmt
die zyklonischen Augen
geschlossen.

[…]
Albatros Vogel, verzeih,
sagte ich in meinem Schweigen,
da ich ihn liegen sah hingestreckt,
starr
im Sand, nach
der unermesslichen Überquerung.

[…]
Du dunkler Kapitän,
vernichtet in meinem Vaterland,
wollte der Himmel, dass deine Schwingen,
die stolzen
weiterflögen über
die letzte Woge, die Woge des Todes.

Man ist versucht, immer weiter zu zitieren, denn Nerudas Werk ist wie die Brandung an der endlos langen chilenischen Küste, mal wildbewegt, dann wieder glatt und still, oder sie wird zum Tsunami und türmt sich zu furchterregender Höhe auf. Die Gedichte zu kategorisieren ist so aussichtslos wie der Versuch, die Wellen des Meeres zu zählen, das Hegel als „sich aus sich selbst hervortreibende und sich in sich selbst zurücknehmende Bewegung“ bezeichnet hat, eine Definition, die zu Nerudas Poesie ebenso passt wie zur Odyssee von Homer. Die oben zitierten Verse sind den Elementaren Oden entnommen, die als Kontrapunkt zu den Hymnen auf Stalin vom Meer erzählen, 1954 erstmals erschienen. Nerudas Durchbruch aber, darin stimmen Verächter wie auch Verehrer des Dichters überein, markierte der 1933 publizierte Lyrikband Aufenthalt auf Erden:

Mich umgibt eine einzige Sache, ein und dieselbe Bewegung:
des Erzgesteins Schwere, das Licht der Haut,
sie heften sich an den Klang des Wortes Nacht:
des Weizens Farbe, des Elfenbeins, der Tränen,
die Dinge aus Leder, aus Holz, aus Wolle,
gealtert, verblichen, einförmig geworden,
vereinen sich um mich zu Wänden rings.

Erich Arendt weist zu Recht darauf hin, dass und wie Nerudas Poesie im Tellurischen wurzelt, im Geruch der Erde, den er als Kind einsog, und im Feuerschein der Vulkane, den er am Horizont erblickte, und das kurze Zitat verrät den Einfluss spanischer Barockdichter wie Góngora und Quevedo ebenso wie den der Surrealisten, denen Neruda nahestand, lange bevor er sich zum Kommunismus bekannt hat. „Und dennoch wäre es köstlich, einen Notar mit einer ausgerauften Lilie zu erschrecken“, heißt es an anderer Stelle, „oder eine Nonne mit einer Ohrfeige umzubringen“ – Sätze, die einem frühen Film von Luis Buñuel oder André Bretons Manifest des Surrealismus entnommen sein könnten. Was die spanische Barockpoesie mit dem Surrealismus verbindet, ist die Melancholie des Individuums, das sich keinem Kollektiv unterordnen will oder kann und ins künstliche Paradies des Rauschs oder der Sexualität entflieht wie im folgenden Prosagedicht:

Dann suche ich ab und an Mädchen mit jungen Augen und Hüften auf, Wesen, in deren aufgestecktem Haar eine gelbe Blüte wie ein Blitz flammt. Sie tragen Ringe an jeder Zehe und Reifen am Arm und an den Knöcheln Fußspangen und obendrein farbige Halsketten, Ketten, die ich abnehme und betrachte, denn ich will vor einem von nichts unterbrochenen festen Körper in Entzücken geraten und meinen Kuss nicht abschwächen.

Das Objekt seiner Begierde, den weiblichen Körper, setzt Neruda umstandslos mit Erde und Meer gleich – Sphären, die einander bedingen und durchdringen. Der Wärmestrom der Erotik durchzieht sein Leben und Werk von den ersten Schreibversuchen bis zu Pinochets Putsch, und es spricht für Neruda, wie selbstverständlich er Freunde, Geliebte und andere ihm nahestehende Personen in den Gedichten zitiert, unbekümmert darum, ob der Leser die Anspielungen versteht oder nicht:

Ich käme mit Oliviero, Norah,
Vicente Aleixandre, Delia
Maruca, Malva Marina, María Luisa y Larco,
la Rubia
Rafael, Ugarte,
Cotapos, Rafael Alberti,
Carlos, Bebé, Manolo Altolaguirre,
Molinari,
Rosales, Concha Méndez
und den andern, die mir nicht im Gedächtnis sind.

„Hat er sie wirklich geliebt“, fragte mich, als es die DDR noch gab, eine Bibliothekarin auf einer Tagung der Goethe-Gesellschaft, und ich habe vergessen, ob die Frage sich auf Goethes Gattin Christiane bezog oder auf dessen wechselnde Geliebte von Friederike Brion bis Ulrike von Levetzow. Im Hinblick auf Pablo Neruda lautet die Antwort: Ja! Der chilenische Dichter war ein großer Liebender, kein Latin Lover oder Don Juan, der wie ein Serienmörder Frauen verführt und dadurch ins Unglück stürzt, sondern ein Überzeugungstäter, der dreimal verheiratet und stets aufs Neue verliebt war. Neruda hielt seinen Geliebten die Treue, im Gedicht jedenfalls, denn er brauchte eine Frau als Adressatin, Muse und Inspirationsquelle seiner Kunst: nicht anders als Goethe, mit dem er in diesem Punkt vergleichbar ist. Doch genau genommen liebte Neruda nur sich selbst; er umgab sich mit Frauen und Freunden, in denen er die eigene Bedeutung gespiegelt sah, und projizierte sein überdimensionales Ego auf die Kommunistische Partei, auf Chile und ganz Lateinamerika, Spanien, Frankreich und den Rest der Welt, während er Kritiker und Gegner wie Pablo de Rokha und Ricardo Paseyro als „kleine Pisser“ oder „Papageien“ diffamierte: ein kindlicher Größenwahn, wie er bei vielen Künstlern anzutreffen ist, weil Klappern zum Handwerk gehört und jemand, der die eigene Bedeutung nicht maßlos überschätzt, nichts Bleibendes zu schaffen vermag.
Trotz oder wegen dieses Charakterdefizits, das zugleich seine Stärke war, hat Neruda sich in die Poesie des 20. Jahrhunderts eingeschrieben mit erotisch aufgeladenen Versen von einzigartiger Intensität wie etwa in dem Poem „Einsamer Herr“:

Die Abenddämmerungen des Verführers und die Nächte der Ehegatten
fügen sich wie zwei Laken zusammen, die mich begraben,
und die Stunden nach dem Frühstück, wenn die jungen Studenten
und die jungen Studentinnen und die Priester onanieren

[…]
und die Vettern mit ihren Basen seltsame Spielchen treiben,
und die Ärzte den Ehemann der jungen Patientin wütend anstarren,
und die Morgenstunden, in denen der Professor, wie aus Versehen,
seinen Ehepflichten nachkommt und frühstückt,
und dann noch die Ehebrecher, die sich mit wahrer Leidenschaft lieben,
auf Betten lang und hoch wie Schiffe.

* * *

Die zentrale Rolle des erotischen Begehrens tritt noch klarer hervor in seinem Gedicht „Sexuelle Flut“, das gegen die in Chile herrschende Bigotterie und Prüderie zu Felde zieht:

Ich sehe den ausgedehnten Sommer
und aus einem Kornspeicher ein Keuchen kommen,
Kellereien, Zikaden,
Dörfer, Reize,
Wohnstätten, Mädchen,
die mit den Händen auf dem Herzen schlafen,
von Räubern träumen, von Feuersbrünsten,

[…]
ich sehe Blut, Dolche und Damenstrümpfe
und Männerhaare,
ich sehe Betten, sehe Gänge, in denen eine Jungfrau aufkreischt,
ich sehe Bettdecken und Organe und Hotels.

Hiermit ist meine vorschnelle Behauptung widerlegt, Nerudas Poesie sei nicht von Erotik beseelt und der Dichter habe den Tod nicht zur Kenntnis genommen oder aus seinem Werk ausgesperrt. Das Gegenteil trifft zu: Das Bewusstsein der Vergänglichkeit ist in all seinen Gedichten präsent, nicht im religiösen oder philosophischen Sinn – metaphysische Spekulation lag ihm fern –, sondern in einem elementaren, physischen Sinn. Das Leben, dessen Füllhorn er vor den Lesern ausschüttet, ist von Auslöschung oder Vernichtung bedroht wie der Süden Chiles, wo Neruda aufwuchs zwischen feuerspeienden Vulkanen, Eisbarrieren und tobender See. Seiner prekären Existenz bleibt sich der Dichter stets bewusst, und in der „Liturgie meiner Beine“ (verreisen heißt auf Pidgin-Englisch in Neuguinea „throw away leg“, wirf dein Bein weg) schildert er den eigenen Körper so, wie er Socken oder einen Anzug besingt – Verdinglichung ist das richtige Wort dafür:

Die Menschen gehen zur Zeit über unsere Erde
fast ohne daran zu denken, dass sie einen Leib haben und darin das Leben,
und eine Furcht ist, eine Furcht ist in der Welt vor Worten
die den Leib bezeichnen,
und man spricht am liebsten von der Kleidung
[…]
Die Kleider haben Dasein, haben Farbe, Form, Zeichnung
und den höchsten Platz in unseren Mythen, viel zu viel Platz,
zu viel Möbel und zu viel Wohnungen sind in der Welt

Pablo Neruda war ein rastlos Reisender, ständig unterwegs oder auf der Flucht von Chile nach Argentinien und von dort weiter nach Spanien, das er nach der Niederlage im Bürgerkrieg „eingeschreint“, wie man damals sagte, im Herzen trug. Als chilenischer Konsul lernte er Madrid, Barcelona und vor allem die Hauptstadt Frankreichs lieben: Chile sei zu lang, zu schmal und viel zu weit weg, soll er zu Jorge Edwards gesagt haben – man müsste es gegen etwas Kleineres eintauschen, näher an Paris.
Nach 1945, dem Jahr seines Eintritts in die Kommunistische Partei, besuchte er die Metropolen der zweiten, sozialistischen Welt, die ein Viertel der Erde umfasste, Moskau und Peking, Budapest, Bukarest, Warschau, Prag und Ost-Berlin. Aber auch in New York und Los Angeles ließ Neruda sich als Dichter feiern, sowie, nicht zuletzt, in Mexiko und Peru, deren präkolumbianischen Kulturen er ein Denkmal setzte in seinem Großen Gesang. Weit ausholend, mit epischem Atem, rekapituliert er hier die Vor- und Frühgeschichte Südamerikas, von den geologischen Formationen über die Pflanzen- und Tierwelt bis zu den indigenen Völkern, die Spanien ausrottete oder unterwarf, und von Simon Bolivars antikolonialem Befreiungskampf bis zum Neokolonialismus Europas und der USA.
All das ist nicht neu. Weniger bekannt sind Nerudas Lehr- und Wanderjahre in Südasien, Burma und Ceylon, wo er als chilenischer Konsul amtiert hatte. Der Aufenthalt im heutigen Myanmar und in Sri Lanka war eine sein Leben und Schreiben prägende Erfahrung, auf die der Dichter immer wieder zurückkam:

IM OSTEN DAS OPIUM

 

Schon von Singapore an roch es nach Opium,
Der gute Engländer wusste schon, was er tat.
In Genf donnerte er
gegen die Schmuggler,
und in den Kolonien jeder Hafen stieß
eine mit offizieller Nummer und hinreichender
Lizenz versehene Rauchwolke aus.
Der förmliche Gentleman aus London
als tadellose Nachtigall gekleidet
(gestreiftes Beinkleid und gestärkte Wäsche als Rüstung)
trillerte gegen den Verkäufer von Schatten,
hier im Orient jedoch
demaskierte er sich
und verkaufte die Schlafsucht an jeder Straßenecke.

* * *

Von Paris kommend, besuchte Neruda im Dezember 1960 Kuba, wo man ihn kühl, ja frostig empfing, obwohl er in seinem Poem „Heldenepos“ („Canción de gesta“) Fidel Castros Partisanen gehuldigt hatte. Ernesto Che Guevara, damals Direktor der Nationalbank, erwartete ihn um Mitternacht in seinem Büro, die in Schnürstiefeln steckenden Füße vor sich auf dem Tisch, und pries den bewaffneten Kampf als einzig richtigen Weg: „Schlechte Manieren“ – so hat Neruda im Nachhinein diese Begegnung kommentiert. Die Führer der Revolution, aber auch Kubas tonangebende Intellektuelle sahen in ihm eine Personifizierung all dessen, was sie überwunden zu haben glaubten: einerseits das Erbe des Stalinismus, der Friedensappelle nach außen mit blutigen Säuberungen im Inneren verband; andererseits die Illusion des Parlamentarismus, der die kapitalistische Gesellschaft zu reformieren suchte, statt sie revolutionär zu verändern. Che Guevara sympathisierte mit Maos Kulturrevolution, während Fidel Castro sich der UdSSR annäherte und zugleich Kubas Kommunistische Partei entmachtete, die der Chiles nahestand. Neruda hat das Zerwürfnis nie öffentlich gemacht und riet auch Jorge Edwards davon ab, dies zu tun, als der, zwecks Aufnahme diplomatischer Beziehungen nach Kuba entsandt, von Castro zur persona non grata erklärt und ausgewiesen wurde, weil er sich mit dem in Ungnade gefallenen Dichter Heberto Padilla solidarisiert hatte. Auch Sartre, Susan Sontag und Mario Vargas Llosa haben sich von Castros Regime distanziert, während Gabriel García Marquez dem Maxima Lider treu ergeben blieb.
Verkehrte Welt! Während Chiles Bourgeoisie ihm zujubelte und Perus Präsident Belaúnde Terry ihm einen Orden ans Revers heftete, wurde Neruda von der Studentenrevolte links überholt und bei öffentlichen Auftritten ausgepfiffen, unter Berufung auf Kuba, das damals noch Jugend und Sex-Appeal zu verkörpern schien. Gleichzeitig litt er an den Folgen des sowjetischen Einmarschs in Prag, den Castro trotz ideologischer Bedenken begrüßte, während Neruda eine geplante Europareise absagte mit der Begründung, ihm sei „allzu tschechoslowakisch“ zumute. Wie und was er dabei empfand, brachte er in seinem Gedicht „Die Wahrheit“ zum Ausdruck:

Gräuel und Entsetzen! Ich las Romane,
unendlich rechtschaffene,
und so viele Verse über
den Ersten Mai
dass ich jetzt nur noch über den 2. dieses Monats schreibe.

Was den Leser im Nachhinein mit Nerudas politischen Irrtümern versöhnt, ist sein mit Selbstironie gepaarter Humor, der ihn mit Blick auf Stalin sagen ließ, in seinen Gedichten kämen zu viele Schnurrbärte vor – man solle sie ausrupfen!

* * *

Pablo Neruda starb zwölf Tage nach dem Putsch des Generals Pinochet, der die Volksfrontregierung von Salvador Allende am 11. September 1973 im Blut erstickte. Seine sterblichen Überreste wurden mehrfach exhumiert und forensisch untersucht, aber weder in Chile noch in den USA fand man belastbare Beweise dafür, dass er mit einer Giftspritze getötet worden sei, wie Nerudas Chauffeur behauptet, dessen These eines Mordkomplotts im In- und Ausland nachgebetet wird, weil eine Verschwörungstheorie plausibler scheint als die schlichte Tatsache, dass der Dichter an Prostatakrebs starb. Seinem letzten Wunsch entsprechend, wurde er mit Blick aufs Meer neben Matilde Urrutia im Garten seines Hauses in Isla Negra beigesetzt, das vom Museum zum Wallfahrtsort avancierte, an dessen Zaun Liebespaare Blumen und Briefe deponieren: ein sprechender Beweis dafür, dass Nerudas Werk weniger in den historischen Gedichtzyklen weiterlebt als in der Liebeslyrik, die in Chile und anderswo Teil der Populärkultur geworden ist. Sein Nachruhm begann mit dem Erscheinen der in alle Weltsprachen übersetzten Memoiren Ich bekenne, ich habe gelebt, gefolgt von acht Lyriksammlungen und einem Prosaband, der die Liste seiner Publikationen auf über fünfzig Titel ansteigen ließ. Ein wichtiger Beitrag dazu war Antonio Skármetas Buch Mit brennender Geduld, das zweimal verfilmt und in Los Angeles sogar als Oper inszeniert worden ist. Adiós Poeta, die Erinnerungen von Jorge Edwards an dessen langjährige Freundschaft mit Neruda, sind dagegen ein Geheimtipp geblieben.
Am Ende steht das Vexierbild einer von Widersprüchen gezeichneten, ambivalent schillernden Persönlichkeit, die Hans Magnus Enzensberger, der dem Poeten auf Reisen durch die Sowjetunion mehrfach begegnet ist, in seinem Erinnerungsbuch Tumult (2014) so charakterisiert:

Neruda habe ich in Moskau wiedergetroffen. […] Die Serviererin mit Häubchen und weißer Schürze rollte auf ihrem Teewagen herbei, was er verlangte: Kaviar, Blinis und Champagner. […] Er hielt es für natürlich, dass ihm das alles zustand, weil er ein Dichter war. Neruda brachte es fertig, das Ableben dieses Mythos zu ignorieren. Er trat auf, als wäre er Lord Byron, wiewohl dieser berühmte Vorgänger seine Rechnungen vermutlich selbst bezahlt hat. […] Er war ein Überlebenskünstler, aber jede Berechnung lag ihm fern. Er hatte sie nicht nötig. Manchmal war er ein Kind, manchmal ein Grandseigneur, aber immer ein Dichter.

Hans Christoph Buch, aus Hans Christoph Buch: Pablo Neruda, Deutscher Kunstverlag, 2017

 

Hans Magnus Enzensberger: Überlebenskünstler Pablo Neruda

Ugné Karvelis: Ein Tag auf der Isla Negra, Sinn und Form, Heft 5, 1974

Fakten und Vermutungen zum Autor + KLfG + Instagram 1, 2, 3 & 4IMDbÖMPIA + Internet ArchiveKalliopeTod
Porträtgalerie: akg-images + deutsche FOTOTHEK + gettyimagesIMAGO + Keystone-SDA
Nachrufe auf Pablo Neruda: Berliner ZeitungNeue RundschauNeue ZeitNeues DeutschlandPENTatDie ZeitABC

Zum 1. Todestag des Autors:

Jürgen P. Wallmann: „Ich werde niemanden exkommunizieren“
Die Tat, 21.9.1974

Fritz Vogelsang: Ruhe, ich will noch lernen
Die Zeit, 15.11.1974

Zum 75. Geburtstag des Autors:

Uwe Berger: Seine Poesie ist Stimme des Volkes
Neues Deutschland, 12.7.1979

H. U.: Einheit von Poesie und Politik
Neue Zeit, 11.7.1979

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Hans-Otto Dill: Seine Dichtung – leidenschaftlicher Hymnus auf den Kampf der Völker
Neues Deutschland, 12.7.1984

Volodia Teitelboim: Ein Dichter, der auf Erden wohnt
Sinn und Form, Heft 6, November/Dezember 1984

Zum 100. Geburtstag des Autors:

Margit Klingler-Clavijo: Ich bekenne, ich habe gelebt
Deutschlandfunk, 12.7.2004

Josef Oehrlein: Die drei Archen des Dichters
Cicero

Karin Ceballos Betancur: Das Kind und der Dichter
Die Zeit, 8.7.2004

Holmar Attila Mück: Krieger mit der Lyra
Deutschlandradio Berlin, 12.7.2004

Claudia Schülke: „Militanter Stalinist und kolossaler Dichter“: Pablo Neruda
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.7.2004

Leopold Federmeier: Der trunkene Durst des begeisterten Schleuderers
Neue Zürcher Zeitung, 12.7.2004

Zum 5. Todestag des Autors:

Sergio Villegas: Beerdigung unter Bewachung
Sinn und Form, Heft 6, November/Dezember 1978

Zum 10. Todestag des Autors:

Karl Bongardt: Seinen Atem durchwob die singende Liebe
Neue Zeit, 24.9.1983

Zum 50. Todestag des Autors:

Holger Teschke: Sänger des Regens und der Klassenkämpfe
junge Welt, 23.9.2023

Manfred Orlick: „Ich bekenne, ich habe gelebt!“
literaturkritik.de, 23.9.2023

Gerhard Dilger: Dichterfürst im Zwielicht
taz, 23.9.2023

Benjamin Loy: Schwieriges Schweigen
ORFSound, 20.9.2023

 

Pablo NerudaFragmente zu einem Portrait. Ein Film von Hans Emmerling, 1974

 

Pablo Neruda – Lesung und Interview des Literaturnobelpreisträgers 1971.

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