In den späten 1950er Jahren nahm ich als Gymnasiast pflichtgemäss an einer grossangelegten Zivilschutzübung in Basel teil. Simuliert wurde eine katastrophale Kriegssituation − Luft- und Panzerangriff, Häuserkampf, Heckenschützen. Hunderte von Schülern und Rentnern wurden für die Übung als Komparsen aufgeboten. Zur langwierigen Vorbereitung gehörte die realitätsnahe Zurüstung aller Teilnehmenden: Als Darsteller der zivilen „Opfer“ bekamen wir mit Kunstblut beschmierte Kleider übergezogen und horrende Wunden aufgeschminkt. Offene Schädel- oder Beinbrüche wurden durch dreidimensionale, naturalistisch bemalte Gummiattrappen markiert, die man wie Manschetten anzulegen hatte, am Unterarm, um die Hüften, am Hals.
Am meisten frappierten mich die Ganzkörpertricots, die nackte Menschen − Überlebende mit monströsen Verbrennungen oder auch vergewaltigte Frauen − darstellen sollten: Nacktheit in Form von Kostümen, mit aufgemalten Brüsten und Geschlechtsteilen, Hämatomen an Schultern und Schenkeln; entsetzlich und lachhaft zugleich.
Die Übung dauerte von fünf Uhr abends bis tief in die Nacht. Ich lag als Schwerverletzter in einem Hauseingang am Matthäusplatz, musste mir − über Lautsprecherboxen, die in den Bäumen aufgehängt waren − den penetranten Gefechtslärm und das Wimmern und Schreien der Opfer anhören, das Knirschen der einbrechenden Fassaden, das Röhren der Bombenflugzeuge; echt waren nur die Sirenen der Feuerwehr- und Krankenwagen. Stundenlang wurde ich weder gesucht noch gefunden, legte schliesslich meinen bluttriefenden „Ellbogenbruch“ ab und las für den Rest des Abends, auf der Treppe hockend, zwei-drei Geschichten von Wolfgang Borchert, die ich vor Übungsbeginn in die Gesässtasche gesteckt hatte.
Das Buch mit meinen damaligen Unterstreichungen steht noch heute in meiner Bibliothek.
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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