Es ist kurz nach fünf Uhr abends. Über der hochstehenden, schon etwas abgeblühten Magerwiese wimmelt es von sirrenden und taumelnden Insekten − Mücken aller Art, Bienen, Schmetterlingen. Ich kann beobachten, wie ein mittelgrosses weisses Schmetterlingspaar über und zwischen den dichten Gräsern in lautloser Hektik mal flattert, mal schwebt, ohne je einen Stengel, eine Dolde zu streifen. Und plötzlich der gemeinsame Stechflug nach oben, fast senkrecht in den wolkenlos blauen Sommerhimmel, stetig umeinander kreisend, aufeinander treffend, sich wieder voneinander absetzend, sich aufwerfend, sich fallen lassend, aufeinander zu, voneinander fort torkelnd, nun unversehens einen eben aufkommenden Kondensstreifen kreuzend, dann noch einmal weiter aufwärts rudernd, wieder sich treffend, wieder auseinanderdriftend, und jetzt stürzt der eine der beiden Schmetterlinge überraschend und scheinbar schwer wie ein Stein hinunter in die Gartenhecke, während der andere völlig unbeteiligt und ganz geruhsam sich schräg in die Tiefe gleiten lässt, um seinerseits ins grüne Dickicht zu tauchen. Sekunden später schweben die beiden schon wieder zu zweit über den hohen wehenden Gräsern und setzen unaufhaltsam ihren Tanz durch die wabernde Heissluft fort.
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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