Merklich kürzer und frischer die Nächte nun, in der Früh hauchleichte Schleier von Nebel und Dunst, dahinter die abgedämpften Farben des Spätherbsts – halbbunte Grisaille, Oktember; rasch zieht sich die Sonne hoch, verbreitet sofort diffuse Wärme, die beim Gehen schon bald im Rücken zu spüren ist, im Genick. Nachhaltige Kosung.
Vor mir im faulenden Laub, lang und schmal hingestreckt, mein Schatten.
Wessen Karikatur?
&
Bin als Stipendiat in Estland, will endlich mein dürftiges Russisch praktizieren; Aerni und Pretzell sind mir nach der Ankunft behilflich, die beiden kennen sich aus vor Ort; ich will oder muss in die Schweiz telephonieren, meinen Sbirren berichten, aber wir können auf dem ländlichen Postamt keine Verbindung herstellen; Pretzell bietet mir zur ersten Information seine Bibliothek an, Dutzende, ach nein Hunderte von Enzyklopädien aller Art, alle in dunkelblaues Kunstleder gebunden, dazu geographische Karten, auf denen ausschliesslich Grenzen verzeichnet sind, Globen, entweder weiss übermalt oder lediglich aus verdrahteten Meridianen bestehend; all diese Ware steht nun, eilends gestapelt, auf dem Pannenstreifen; dennoch bleibt mein Russisch ärmlich und bruchstückhaft; mir fehlen viele – die meisten – Begriffe für alltägliche Speisen, Gerüche, Geräte, Sportarten, Kleidungsstücke, Körpergesten, Farbtöne und Vogellaute; auch ein Klo gibt’s hier weit und breit keins.
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








0 Kommentare