Für Ernst Jandl – Texte zum 60. Geburtstag. Werkgeschichte

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch Für Ernst Jandl – Texte zum 60. Geburtstag. Werkgeschichte

Für Ernst Jandl – Texte zum 60. Geburtstag. Werkgeschichte

AN ERNST JANDL GEDACHT

Der Dichter Ernst Jandl ist ein Autor, der Literatur als Literatur versteht und lebt, der sich ganz für ein Werk, das für die Faktizität der Literatur als Grundmöglichkeit menschlicher Tätigkeit steht, freigemacht hat. Ich glaube, daß Autoren wie Ernst Jandl die Literatur erhalten, indem sie die Literatur verändern, nicht als bloße Erneuerer, sondern als solche, deren poetische Erfahrung die Formen dieser Erfahrung umbauen, um sie lebendig zu halten gegenüber dem Kanon, der sich als tote Form etabliert.
Die Konsequenz und die Ausschließlichkeit von Ernst Jandls Werk, das, in Variation eines seiner Sätze „nicht von sich ablenkt“ – „nicht an anderes denken macht, eine Dichtung, die nichts enthält, das man wissen kann“, die Singularität seiner Texte, die Weltdichtung, wie er es nennt – dieses Werk auf einer wohl hohen Ebene der Eigenständigkeit und Einsamkeit –, ist auf einer anderen Ebene leidenschaftliches Engagement für die Freiheit der Dichtung, für das Schreiben als Möglichkeit: diese Erfahrung und die Überzeugung führten Ernst Jandl zu denen, mit denen er für die Sache der Dichtung bereit ist, poetologisch und praktisch-sozial zu wirken. Er hat seine oft schmerzlich-kalte, aufschreckende, verzweifelt-depressive Poesie, die, so formal sie sich geben mag, aufklärerisch in das Bewußtsein und in den Bewußtseinszustand, in den Sprachzustand eindringt (oft verstärkt durch seine Vortragskunst), zur Verfügung gestellt – nicht als Parole, Lehre oder Mitteilung, sondern – als Sprache, als Verwandlung eines Weltbezuges ins Wort. Helmut Heißenbüttel zu Jandl:

In Wahrheit steckt aber gerade in der Veränderung der poetologischen Grundsätze auch der erneute Zugang zum Existenziellen und Sozialen.

Im Bereich des Existenziell-Sozialen ist Ernst Jandl für manchen seiner Generation und vor allem für Schriftsteller der jüngeren Generation ein Bruder; wie er den Bruder in seinem Gedicht „Bruder“ meint.

Mein es aber den anderen
den im Geistigen
der auf der Wüsten heißesten Grund
sitzet und gar Bruder denket,
solcher hat bezogen den Schrei
auf ein Richtiges auch,
obschon.

Trotz dieses „obschon“, trotz dieser Einschränkung, trotz dieses Zweifels am Bruder, am Gemeinsamen, trotz der Berührungsangst, die ihn befällt, hat sich, was aus dem Gedicht deutlich heraustritt, ein „dennoch“ erhalten. Diesem „dennoch“ verdanken die österreichische Literatur und viele österreichische Schriftsteller ungeheuerlich viel.
Geschichte und Schicksal der modernen Literatur und vor allem der Tradition der Literatur, der Ernst Jandl zuzurechnen ist, haben es mit sich gebracht, daß in seinem Werk jedes Lokalkolorit fehlt, daß alles regional Gebundene übersprungen ist, ein Sprung, der notwendig war, weil die Zustände der Moderne durch faschistische und andere ideologische Kunstfeinde die Moderne zersplittert hatten. Das Gemeinsame mußte in einem Wiederfindungsprozeß erneut angeeignet werden. Ernst Jandl gehört, neben den Autoren der Wiener Gruppe, zu den österreichischen Autoren, die nach dem Zweiten Weltkrieg zurück hinaus in die internationale Landschaft der Literatur gefunden haben. Er hat wieder Zusammenhänge hergestellt, mit Leidenschaft bewußt hergestellt, und das geschah für eine Geisteshaltung, die in Österreich eine, wenn es ums historische Herzeigen geht, große, wenn es um ihre konkrete Gegenwart geht, ins oft verfolgte Abseits gedrängte Tradition hat. Diese Geisteshaltung ist die österreichische Aufklärung, nicht eine oberflächliche, die den Verstand mit den Mitteln des Verstandes reinigt, sondern eine, die die Konventionen des Verstandes sprengt und tiefere Dimensionen durchleuchtet: die Psychoanalyse oder der logische Positivismus.
Aus dem Problemkreis der letzteren ließe sich Ernst Jandls Poesie vielschichtig erklären, und dies wäre sicher nicht ohne Rückkoppelung für die genannte Philosophie und für die Formen ihrer Weiterentwicklung. Ernst Jandl gehört der Generation an, die das Schicksal dieser Aufklärung noch miterlebt hat und die die Gefahren kennt, die dieser Aufklärung weiterhin drohen. Ich meine, daß diese Bedrohung bestimmend war, daß um Ernst Jandl eine konkrete Gemeinsamkeit entstanden ist, eine Gemeinsamkeit, die nichts mit jener abstrakt-utopischen Gemeinsamkeit zu tun hat, die ihrer Zeit meist so weit voraus ist, daß sie für die Zeit, in der sie postuliert wird, nur noch die kraftlose Negation übrig hat, so daß Feind und Freund gleichermaßen ein schematisches Konstrukt bleiben. Die Gemeinsamkeit, die viele mit Ernst Jandl erlebt haben, ist eine von der konkreten Sache her bestimmte Gemeinsamkeit, ein Toleranzraum, in dem die wenigen ihr Unwesen treiben, das heißt, sich nicht so vereinnahmen lassen, daß sie sich für eine Identität ihr offenes Bewußtsein rauben lassen.
Ernst Jandl hat die österreichische Dichtung über den Zustand pluralistischen Nebeneinanders und zeitloser Traditionsbezogenheit hinausgeführt, dorthin zurück heim, wo eben Dichtung allein daheim sein kann und wo sie immer daheim war: wo Wahrheit kein Besitz ist.
Man geht sicherlich nicht fehl, wenn man Ernst Jandls Dichtung mit der österreichischen Sprachphilosophie von Fritz Mauthner, Ludwig Wittgenstein oder Oswald Wiener in Verbindung bringt, deren Philosophie – nicht in allen ihren Phasen – im Gegensatz zu der Anschauung steht, daß es möglich sei, den Verstand von der Unschärfe der Sprache zu reinigen, daß also die Sprache dem Verstand vorgeschaltet ist, daß Verstand und Sprache untrennbar verbunden sind und eine für den Verstand gereinigte, exakte Sprache nicht konstruierbar ist. Vereinfacht heißt das, daß exakte Erkenntnis und alltägliche Sprachkommunikation in das Stimmengewirr eines wahrlich babylonischen Sprachleibes eingebettet sind.
Sprachvertrauen, Sprachskepsis, Sprachkrise, Sprachzertrümmerung, Sprachspiele, Sprachreinigung, logische Sprache, Sprache als Haus des Seins: alle diese Begriffe meinen jene Probleme, die Philosophie und Poesie von ihren Anfängen an betroffen gemacht haben. Sie sind der Grundgehalt aller Theorien, in denen Weltbewältigung versucht wird. Sprache selbst ist Theorie, oft erstarrte Theorie als ergon, als Werk, freier und offener als energeia, als Geschehen. Belege lassen sich dafür aus der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie holen. Karl Popper sagt:

Die konservativen Tendenzen bewahren und schützen eine ungeheure komplexe strukturelle Leistung, die revolutionären Tendenzen fügen diesen Figuren neue Varianten zu.

Nur die radikale Bereitschaft, Theorien der Kritik auszusetzen, hält die Dialektik von Bestand und Aufhebung des Bestandes in Ausgewogenheit, wenn man diese Ausgewogenheit will. Wenn Sprache erstarrt, erstarrt das Denken, erstarrt das Leben, das auch nur lebt, weil es weiterlebt, wie Sprache als gewachsene Sprache nur lebt, wenn sie wächst, aber nicht dadurch, daß neue Wörter hinzukommen, sondern daß das geschieht, was Oswald Wiener so formuliert:

zwischen Sinn und Ausdruck die Brechstange hineinzuhauen als ständige Analyse des Denkens.

Paraphrasierend dazu ein Satz Karl Poppers:

Es ist die wichtigste biologische Funktion, zu ermöglichen, daß die Theorien widerlegt werden, daß unsere Theorien an unserer Stelle sterben.

Das literarische Werk Ernst Jandls nimmt an dieser Problematik auf eine bisher, so glaube ich, noch nicht in allen Konsequenzen durchdachte Weise teil. Seine Dichtung, als sprachbezogene Reflexion, ist kein metasprachlicher Vorgang, keine Analyse von Sprachformen, kein poetischer Begleittext zu theoretischen Erörterungen, wie seinerzeit im Umkreis von Max Bense Literatur gemacht worden ist. Das Signifikat seiner poetischen Akte ist Entgrenzung der Sprache als Signifikant. Seine Gedichte weisen nicht auf die Wirklichkeit hin, schon gar nicht auf abzubildende Wirklichkeit. Sie setzen dort an, wo Sprache und Welt eins sind, im Raum des Bedeutens. Dort suchen Sprachphilosophen Widersprüche, dort vermuten Neopositivisten die Quellen der Metaphysik, und es geht ihnen darum, diese Quellen von der Metaphysik zu reinigen, folgend dem Ideal der Klarheit, wie es schon Descartes formuliert hat. Ernst Jandl jedoch entfacht dort, bildlich verstanden, den Krieg der Bedeutungen, und dies auf eine Weise, daß einem beim Lesen seiner Gedichte evident wird, daß Begriffe phonetisch verschoben, deformiert, das Zugleich von deformierter Wirklichkeit und deformierter Sprache zeigen können. Im Gedicht „wien: heldenplatz“ entlarvt sich in der Sprache eine Wirklichkeit, die durch Sprachverführung und Sprachmißbrauch zu dieser Wirklichkeit geworden war. Ich kenne tatsächlich keine Lyrik, in dessen Werk, wieder bildlich gesprochen, die Autoaggression das Immunsystem der „Sprache“ derart zerstört. Diese Zerstörung ist keine Auflösung der Sprache, keine Zersetzung des Geistes, sondern der Einsicht Karl Poppers vergleichbar, daß letztlich Begriffe Theorien sind, angeeignete oder interpretierte Wirklichkeit, und daß deshalb die Irrtümer in der Sprache zugegen sind und auch die Möglichkeit, die Irrtümer aufzudecken, zu vermeiden, aufzuheben. Ein uns „ans Herz“ gewachsenes Gedicht, von Ernst Jandl semantisch verschoben, kann in sein Gegenteil umschlagen, das feierlichste Wort seine Negation meinen, das Böse, Negative, Schmerzliche, Tödliche, Groteske wird nicht mit einer zur Verfügung stehenden Sprache beschrieben, es wird als Sprache gezeigt, an der Sprache, in der Sprache, in allen Dimensionen der Sprache.
Helmut Heißenbüttel analysiert in einem Aufsatz das berühmte Gedicht, das die existentielle Not eines Sechzehnjährigen aufblitzen läßt. Er schreibt:

Es war etwas in diesem Gedicht, das auf ein Existentielles verwies… es ist nicht einfach Ausdruck von diesem Existenziellen, sondern seine Verwandlung in Wort, Vokabuläres, tiefer, in Morphologisches, in Phonologisches. Ich begriff zum erstenmal, was es bedeutet, die Verwandlung ins Wort als etwas zu sehen, das nicht in der bedeutenden, gehaltsbestimmten, ideologischen Ebene der Sprache liegt.

Die in Strukturen eingetragenen Normen der Sprache, die umschreibbaren Bedeutungen, die Kategorien des Sprachgeschehens geraten ins Gleiten, und es scheint so, daß diese Verschiebungen die reichere Sprache, die vielschichtigere Wirklichkeit ergeben. Dieser prinzipiell andere Zugang zum Existenziell-Sozialen zeigt, daß es nicht ausreicht, als Schriftsteller die richtigen Ideen zu haben, ohne radikale Reflexion der Sprache gibt es keine adäquate Wirklichkeit. Ernst Jandls Dichtung denunziert die Identifikationsmechanismen, die in der Sprache liegen, sie zeigt unmittelbar, wie Sinn offengehalten wird, wie man die Gewohnheitsplatonikerin Sprache ihrer Hypostasierungen entwöhnt. Vielleicht ist das Offenhalten die Aufgabe der Dichtung, der Dichtung als poetische Theorie von Welt: weil es nichts Endgültiges gibt.
Ernst Jandl hat einmal in bezug auf Autobiografie gesagt, daß er aus dem Selber-Leben keine schön umgesetzte Literatur gemacht hat, sondern daß er aus den Inhalten des Selber-Lebens etwas grundsätzlich anderes gemacht hat als Autobiografie. Dieses grundsätzlich andere ist die Gestalt der Dichtung, die Rechtfertigung künstlerischer Arbeit als einer der möglichen Arten von Arbeit und Verwirklichung, es ist eine Arbeit, die mit den aus dem Kleinbürgerlichen entliehenen Begriffen „elitär“ und „Hochkultur“ nicht zu beleidigen ist. Ernst Jandl hat mit seinen Gedichten Weltdinge geschaffen, in denen sich Grenzen und Ränder der Welt zeigen: unsere menschliche Begrenztheit durch Sprache, insofern ist seine Poesie human und sozial, wie jede Form großer Dichtung.

Alfred Kolleritsch

MENSCHEN AUF UND UNTER DEN WIESEN
(für Ernst Jandl)

Als ich im Winter 1960/61 vor einem großen Studentenpublikum der Frankfurter Universität – innerhalb der gerade zum erstenmal eingerichteten „Poetik-Dozentur“ – auch ein sogenanntes „Sprechgedicht“ Ernst Jandls verlas und zu kommentieren versuchte, erntete ich stürmische und anhaltende Heiterkeit. Es war wie ein Jux. Ich versuchte so ernst wie möglich zu erklären. Denn es handelte sich um nichts weniger als um Jux, kaum um Spiel, bei dem dem Spieler dann – von den Wörtern – mitgespielt wurde. Ernst Jandl las vor einem Vierteljahrhundert mir hinreißend Texte aus dem damals noch nicht gedruckten Skript Laut und Luise vor. Hier wurde Gedichte-Sprechen zu einer unglaublich intensiven Verlautbarung und Identität mit dem Leben. Es war das artikulierte Leben selber. Übertrieben gesagt: Dieser damals kaum bekannte Autor schien nur für die Augenblicke des Sprechens seiner Gedichte zu „leben“. Jandls damalige „Sprechgedichte“ charakterisierte er folgendermaßen:

das sprechgedicht wird erst durch lautes lesen wirksam. länge und intensität der laute sind durch die schreibung fixiert.

Solche „Wirksamkeit“ erlebte ich, erlebten viele andere. Ich kenne sehr wenige Lyriker, die eine auch nur annähernd starke unmittelbare Wirkung (aller Art) ausüben wie Ernst Jandl.
Was damals verblüffte, ist heute längst erkannt und anerkannt, gerühmt: die Wörter kommen bei Jandl in heiterer(?) Kopulationsfreiheit zu Wort, die zu bestimmten Okulationsvorgängen führt. Wortverschneidungen, das Aufkleben und Abziehen von Buchstaben gehören hierhin, wie die Stimme, der Laut, jene Verlautbarung, das Sprechen, das Abnutzen, das Wiederholen, das Verhunzen, das Verkommen, die Trauer, die dabei aufkommt, eine Art melancholisches Wörtergesumm des Kleinstlebewesens Wort, des Wort-Einzellers. Solche Texte mutete und muten zu und sind mutig und selbstverständlich und so nur von Ernst Jandl zu verwenden. Es scheint, sie mundeten ihm. Aber sie drehen sich auch im Munde beim Sprechen um, widerständig, niedergeschlagen, albern vor Depression, sinnfähig überall in der Sinn-Losigkeit, von dieser höchsten Artikulations- und damit Überzeugungskraft, die zum Erstaunen bleibt. Video ist keine Erfindung von Ernst Jandl. Schade. Aber es ist das ihm gemäße Mittel, von dem er auf seine Weise Gebrauch macht: höchst ernsthaft, hinreißend liquid und manchmal nichts als niedergeschlagen. Die Wörter lallen nicht. Sie leisten Widerstand. Sie kommunizieren enorm. Sie bedrängen. Aber dahinter ist diese Einsicht, ein schöner und ernster Sinn, weder Schwachsinn noch Tiefsinn. Eines der depressivsten Gedichte, die ich kenne, ist Ernst Jandls Vierzeiler „sommerlied“:

wir sind die menschen auf den wiesen
bald sind wir menschen unter den wiesen
und werden wiesen, und werden wald
das wird ein heiterer landaufenthalt.

Karl Krolow

 

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wir alle wünschen jandl alles gute.

Am 1. August feiert Ernst Jandl seinen 60. Geburtstag. Seit mehr als 30 Jahren schreibt und veröffentlicht er Gedichte, seit Laut und Luise (1966) ist er als Sprachspieler und Sprachclown bekannt. Spätestens nach dem Erfolg von Aus der Fremde (1979) wurde mit diesem Klischee aufgeräumt, das breite Spektrum der literarischen Produktion Ernst Jandls rückte ins Bewußtsein der Öffentlichkeit. Mit der Verleihung des Büchner-Preises und des Großen Österreichischen Staatspreises 1984 ist der – vorläufige – Höhepunkt des literarischen Ruhmes erreicht. Die Wertschätzung Ernst Jandls ist mittlerweile aktenkundig. Die geistigen Umweltschützer schweigen, Rudolf Henz hält die Laudatio, alle waren schon immer für Ernst Jandl.
Ein Blick auf die Rezeptionsgeschichte zeigt anderes: Einige waren schon immer seine Freunde. Als Jandls Schreib- und Weltverständnis auf den gesunden Kunstverstand der Österreicher trafen, bildeten sie den geistigen Bezugspunkt. In einer Zeit, als die jungen Autoren in den Schriftstellerverbänden nur unliebsame Zaungäste waren, verhalf ihnen Ernst Jandl zu einem organisatorischen Zusammenhalt: Die Gründung der Grazer Autorenversammlung ging wesentlich auf seine Initiative zurück. International hatte er sich damals schon längst einen Namen gemacht; viele der neueren Lyriker beziehen sich auf Jandl, haben von ihm gelernt, schätzen ihn. Die Autoren, die sich an diesem Band beteiligt haben, stellen sich nicht alle als persönliche Freunde mit Glückwunschadressen ein. Es zeigt sich ein Spektrum von Stimmen, die Stellung nehmen zu Ernst Jandl und vor allem zu seinem Werk – freundlich-intensive Reaktionen allesamt, ungeachtet aller individuell verschiedenen Kunstauffassungen.
Das Klima war nicht immer so freundlich. Ernst Jandl:

im übrigen schrieb und schreibe ich ,texte‘, deren einordnung ich anderen überlasse, in einer auf verschiedene weise aus dem gewohnten in ein ungewohntes gleichgewicht gebrachten sprache.

Diese Gleichgewichtsstörung stieß in den 50er und frühen 60er Jahren auf heftigen Widerstand. Experiment meinte damals ein Probieren, ein Üben, ein Hinarbeiten auf ein „gültiges“ Produkt. Jandls verstörende Experimente hingegen lösten 1957 in den neuen wegen einen handfesten Skandal aus. Welcher Weg führt nun von den neuen wegen zu Aus der Fremde?
In einer Werkgeschichte wird versucht, diesen dynamischen Rezeptionsprozeß nachzuzeichnen, eine Bestandsaufnahme zu leisten, die dieses Werk immanent würdigt. Erfaßt werden neben den Buch-, Schallplatten-, Tonband- und Video-Publikationen die Hörspiele und Theaterstücke – soweit sie realisiert wurden; ebenso die Zeitschriftenveröffentlichungen, wenn sie eine nachweisbare Rezeption zur Folge hatten.
Die Collage von Rezensionen kann als Lesebuch dienen, soll vor allem aber ein Anstoß sein für weitere Auseinandersetzung. – Der Popularität Ernst Jandls steht nämlich ein erstaunliches Forschungsdefizit entgegen: Außer einigen verstreut publizierten Studien existiert bisher nur eine selbständige Veröffentlichung mit wissenschaftlichem Anspruch (Materialienbuch, hg. v. Wendelin Schmidt-Dengler), die dem Gesamtwerk gerecht wird.
Nahezu alle Beiträge wurden speziell für diesen Band geschrieben – den Autoren sei herzlich für die Überlassung ihrer Manuskripte gedankt. Gedankt sei auch Wendelin Schmidt-Dengler, der die Entstehung dieses Buches mit Ratschlägen und tatkräftiger Hilfe unterstützte, Hansjörg Waldner für die Mitarbeit an der Druckvorlage und nicht zuletzt Ernst Jandl für die wertvollen Hinweise

wir alle wünschen jandl alles gute

Kristina Pfoser-Schewig, Vorwort

 

 

Jandl als Lehrer und Dichter. Eine Schulstunde

Jandl als Lehrer? Jandl ist in erster Linie als Dichter und Vertreter der „konkreten Poesie“ bekannt, daß er Lehrer war, interessiert dabei nur am Rande, wenn überhaupt. Auch er selbst spricht von einer „unzureichenden Motivation“1 in bezug auf seine Entscheidung, den Lehrerberuf zu ergreifen. In seinen Überlegungen „Zur Problematik des freien Schriftstellers“ betont Jandl aber andererseits, „daß ich mir diese Tätigkeit [des freien Schriftstellers, B. M.] von Anfang an nur neben einer anderen vorstellen konnte, neben einem Beruf, mit dem ich mir mein Geld verdiente“.2
Tatsächlich hat Jandl bereits 1950, in dem Jahr, in dem er das Studium der Germanistik und Anglistik abgeschlossen hatte, seine Tätigkeit als Lehrer aufgenommen. Im Nachlaß finden sich zahlreiche Belege, die seinen Lehreralltag dokumentieren, unter anderem: Sitzpläne, Stundenvorbereitungen, annotierte Schulbücher und Lehrerhandbücher. Anhand dieser Dokumente soll der Versuch unternommen werden, eine Schulstunde bei Ernst Jandl zu rekonstruieren. Das Material reicht von den 1950er Jahren bis in die 1980er Jahre. Besonders detailliert sind die Aufzeichnungen im Zeitraum von 1955 bis 1966. Also in einer Zeit, in der viele Gedichte entstanden, die Jahre später Eingang in den Deutschunterricht finden sollten und damit zu des Dichters Popularität beigetragen haben!
Dazu ist zu sagen, daß die „Lesebuchauswahl Jandlscher Gedichte […] auf einen kleinen Kreis immer wieder zitierter Texte beschränkt [bleibt]“.3 Dieser umfaßt laut Hermann Korte folgende Gedichte: „ebbe/flut“, „loch“, „raupe“, „etüde in f“, „vater komm erzähl vom krieg“, „my own song“ sowie „ottos mops“, „lichtung“, „auf dem land“ und „schtzngrmm“.

Die mit Abstand meisten Texte finden sich in der Taschenbuchausgabe von Laut und Luise, die […] Jandls Popularität dauerhaft begründete. Anders formuliert: Die Schule hat jene aus heutiger Sicht bereits längst Geschichte gewordene Rezeptionsphase gleichsam festgeschrieben und damit das […] Klischee vom ‚Sprachclown‘- und ‚Sprachspiel‘-Jandl maßgeblich mitverbreitet.4

Die Schule bereitete Jandl damit ein doppeltes Schicksal: einmal als Lehrer und ein andermal als Dichter, der in der Schule gelesen und „bearbeitet“ wird. Hier wollen wir uns aber dem Lehrer widmen und eine Schulstunde bei Ernst Jandl besuchen.
Der Sitzplan, der mit äußerster Sorgfalt aufgezeichnet wurde, gibt Aufschluß über die Größe der Klasse und die Form des Unterrichts. Es ist ein Frontalunterricht, etwas anderes lassen die mit Lineal gezogenen Bankreihen, in denen die Namen der Schüler verzeichnet sind, nicht vermuten. Auch der Platz des Lehrers bleibt nicht ausgespart, wird aber nur lapidar mit „LEHRER“ beschriftet. Nachdem die Namen aller Schüler verlesen und ihre Anwesenheit überprüft wurde, kann der Unterricht beginnen. Möglicherweise wurde dieses Ritual von der einen oder anderen Klassenbucheintragung unterbrochen und verzögerte somit den Beginn der Schulstunde um ein paar Minuten. Die Stundenvorbereitung für den 6. September 1963 sieht vor, sich mit den englischen Begrüßungsformeln zu beschäftigen. Jandl nimmt dazu das in Österreich notorische Englischlehrbuch Ann and Pat zu Hilfe. Hier finden sich jene Übungen wieder, auf die Jandl in seinen Stundenvorbereitungen äußerst penibel verweist.
Am Lehrerhandbuch läßt sich ablesen, wie die einzelnen Schüler im Schuljahr abgeschnitten haben. Darin sind vor allem die Bewertungen der Schularbeiten, mündliche Wiederholungen sowie die Mitarbeit festgehalten. Aber auch einzelne Störenfriede oder Erlässe über das Verhalten in öffentlichen Gebäuden und Parkanlagen trägt Jandl hier ein. Die Vorbereitung für die einzelnen Stunden enthalten zuweilen Diktate, die bereits als ein Stück konkreter Poesie gelesen werden können, wie z.B. jenes vom 12. Oktober 1958, das folgende Sätze enthält:

Robinson und Freitag wollten die Wilden loswerden. Ich konnte ihn nicht loswerden. Ich konnte den Gedanken nicht loswerden, daß ich ihm hätte helfen sollen. Er konnte seine Läuse nicht loswerden. […] Ich wollte diese Furcht nicht loswerden. Eine Schule muß schlechte Schüler loswerden.

Daneben finden sich lose Blätter, etwa eine Zusammenfassung der Literaturgeschichte, Leselisten von Maturanten und ein Blatt zur „Literaturpflege“, unterteilt nach: Romanen, Dramen, Novellen und Lyrik, wobei Jandl zu letzterer keine Angaben machte! Die Hefte bzw. Blätter, die die Stundenvorbereitung enthalten, bewahrte Jandl nach Ablauf des Schuljahrs, getrennt nach Schulstufe und Unterrichtsfach, in einem Kuvert auf. Die Deutschstunden unterscheiden sich von den Englischstunden insofern, als sie mit Hinweisen auf die organisatorische Abwicklung des Schulalltags durchsetzt sind wie die Anmeldung für das Tagesschulheim, Bestellungen für die Schulmilch usw. Das läßt vermuten, daß Jandl auch die Funktion des Klassenvorstands innehatte, der zu Beginn des Schuljahrs sich an die Schüler wendet, um ihnen den Unterschied zwischen Volksschule und Mittelschule zu vermitteln. Dazu gehört auch ein Mittelschülern entsprechendes Verhalten, das heißt, die Einrichtungsgegenstände müssen pfleglich behandelt werden, auf Sauberkeit ist zu achten, Pünktlichkeit und Höflichkeit gehören auch zu den Tugenden der Jandlschen Schulstunden. Darüber hinaus werden einzelne Schüler mit verschiedenen Ämtern betraut.
Was sagt nun das Lehrerdasein Ernst Jandls über sein Dichtersein aus? Dazu nochmals Jandl in seinen Überlegungen „Zur Problematik des freien Schriftstellers“; an einer Stelle zitiert er Walter Jens mit folgenden Worten:

Nur der Beruf gibt dem Schriftsteller jene Existenzgrundlage, die er sich durch sein Schreiben nicht verdienen darf. Zugleich aber gibt der Beruf ihm allein die Möglichkeit, sich am Leben zu reiben und die Wirklichkeit handelnd und leidend zu durchdringen. Wer tags […] vor einer Schulklasse steht, ist vor der Gefahr des Narzißmus gefeit […]. Zugleich aber kann der Schriftsteller jetzt wirklich zu seinem Vergnügen schreiben, die Kunst verliert den Charakter des grimmigen Ernstes. Nur der ‚freie‘ Schriftsteller muß vor jeder schlechten Kritik zittern, um zugleich jede gute maßlos zu überschätzen.5

Jandl schreibt dazu:

Das ist mir aus dem Herzen gesprochen.

Damit soll gesagt sein, daß der Dichter Jandl ohne seinen Lehrerberuf wahrscheinlich nie ans Tageslicht gekommen wäre, er benötigte die „Unbemerkbarkeit“ der „graue[n] Lehrerhülle“,6um in ihrem Schutz kreativ arbeiten zu können, weshalb er sie erst abgestreift hat, als das existentielle Risiko nur mehr gering war bzw. die Entlastung durch das Lehrerdasein einer immensen zusätzlichen Belastung für den Dichter gewichen war.

Ich zog mit meinen Gedichten landauf landab und es geschah, daß sie wahrgenommen, akzeptiert und gedruckt wurden. Ich erhielt zuletzt auch den einen oder anderen Preis dafür, während ich als Lehrer in Auflösung geriet.7

Barbara Mühlberger, aus Ernst Jandl: Musik Rhythmus Radikale Dichtung. Herausgegeben von Bernhard Fetz, Paul Zoslnay Verlag, 2005

Angespannt – eingespannt

– Notizen zu Ernst Jandls kulturpolitischem Engagement. –

Der Schweizer Dichter Urs Widmer lobte im Jahr 1975 eine besondere Brauchbarkeit seines Wiener Kollegen Ernst Jandl:

Das muß man gesehen haben, wenn ihm die blauen Zornäderchen an der Schläfe anschwellen. Dann stammelt sein Mund, aus seiner Kehle kommt Staub und seine Augen verdrehen sich. Die, die ihn kennen, tun die Finger in die Ohren. Dann schreit er. Niemand schreit so wie er. Wenn wir einmal einen Krieg auszufechten haben werden, spannen wir ihn vor unsern Karren und er schreit uns eine Schneise in die Feinde hinein.8

Widmer verbinden mit Österreich, speziell mit dem Grazer Forum Stadtpark und der Zeitschrift manuskripte, viele Dichterfreundschaften und Lokalkenntnisse; er darf als verläßlicher Zeuge gewürdigt werden für Ernst Jandls seelische und taktiererische Disposition, nach scheinbar langmütigem, doch schon mit körpersprachlichen Anzeichen des Sich-nicht-wohl-Fühlens begleitetem Zuhören einen Dialog oder eine öffentliche Debatte durch silbengenau artikuliertes lautes Sprechen entweder in die einzige ihm zuträglich erscheinende Richtung zu drängen – oder aber zu beenden. Widmer betonte auch Jandls Bereitschaft, sich einspannen zu lassen für andere.
1975, als dieses Porträt veröffentlicht wurde, war Ernst Jandl fünfzig Jahre alt und stand nach sechs Jahren Dienstfreistellung wieder als Gymnasialprofessor in den Fächern Deutsch und Englisch in Wien vor seinen Schülern. 1977 wurde ihm neuerlich „ein Urlaub unter Entfall der Bezüge (Karenzurlaub) gewährt“9 – er sollte, zuletzt gesundheitlicher Umstände wegen, nie mehr in den Schuldienst zurückkehren. Diesen Dienst hat er ernst genommen:

Ich habe als Lehrer durch Jahrzehnte meine Schüler mit Respekt behandelt und dasselbe auch von ihnen verlangt. Nicht anders halte ich es als Dichter.

Mit diesem Resümee entschlug sich Jandl im Januar 1995 der Aufforderung des staatlichen „Kultur-Service“, sich als Dichter an einem Schulprojekt zu beteiligen, bei welchem Gymnasiasten „respektlosen Umgang“ mit Literatur einüben sollten.10
Seine Sprech-Kanone, seine Schrei-Orgel zielt gegen Feinde der Kunst und gegen Feinde seiner Künstlerfreunde – das können Wissenschaftler, Bürokraten und Politiker sein sowie alle, die ein Notwendiges seiner Meinung nach zu langsam und nicht erfolgverheißend angehen. Tagelang, halbe Nächte lang bearbeitete Ernst Jandl im Mai 1978 am Telephon in wechselnder Lautstärke Diplomaten, Ärzte, Luftfahrtspersonal, um die bestmögliche Erstversorgung und den schonendsten Heimtransport des Dichters Reinhard Priessnitz (1945–1985) aus Athen sicherzustellen, der sich dort bei einem Sturz innere Kopfverletzungen zugezogen hatte. Jandls Wiener Wohnung: ein Gefechtsstand. Jeder ins Vertrauen gezogene Hilfswillige und vielleicht noch Nützliche wurde zu allen Tag- und Nachtzeiten über den jüngsten Stand der Rettungsaktion informiert. Jandl ruhte nicht, bis er Reinhard Priessnitz am Flughafen Schwechat in die Arme schloß. Nach Athen war Priessnitz als einer von zwölf österreichischen Teilnehmern an der erstmaligen Auslands-Sitzung des Bielefelder Colloquiums Neue Poesie gekommen. Ernst Jandls Überzeugungskraft hatte im Wiener Außenministerium die dafür nötigen Reisegelder locker gemacht.
Im Mai 1994 stand in Österreich die Abstimmung über den Beitritt zur Europäischen Union an. Ein Dutzend Wissenschaftler und Künstler riefen öffentlich zu einem Nein auf – darunter der Architekt und Stadtplaner Roland Rainer und der Maler Friedensreich Hundertwasser, beide Mitglieder des Österreichischen Kunstsenats,11 dem auch Jandl angehört. Wiederum von seinem Schreibtisch aus, in unzählbar vielen und hitzigen Telephongesprächen, sammelte Ernst Jandl Unterstützungszusagen und Geld für großflächige Inserate in den Tageszeitungen Die Presse, Der Standard und Kurier,12 bis endlich folgender Text festgelegt war:

Wir österreichischen Architekten, Komponisten, Künstler, Musiker und Schriftsteller Friedrich Achleitner, Heimrad Bäcker, Paul Flora, Barbara Frischmuth, Hans Hollein, Ernst Jandl, Franz Koglmann, Alfred Kolleritsch, Friederike Mayröcker, Gustav Peichl, Gerhard Rühm und Max Weiler fordern ein Vereintes Europa. Wir stimmen am 12. Juni 1994 mit Ja.

Telephontisch-Aktionismus: Hier das Engagement für den Einzelnen, für den Dichterbruder in Lebensgefahr; dort ein staatstragendes, mehrheitlich konsensfähiges politisches Zeichen! Jandl trat in der EU-Frage überdies als Einzelkämpfer auf, indem er unmittelbar vor dem Abstimmungstag einen Offenen Brief „An einen großen alten Mann“13 veröffentlichen ließ. Jandl zum EU-Gegner:

Wir haben beide die Nazis und den Zweiten Weltkrieg erlebt, Sie als ein aufstrebender junger Professionalist, ich als ein zu Boden getretener Gymnasiast – doch wir haben aus dieser schrecklichen Zeit vermutlich nicht die gleichen Konsequenzen gezogen.

Zieht man in Betracht, daß in Wien im Winter 1993/94 Roland Rainers einstiger Berliner Karrierebeginn als reichskonformer Jungarchitekt öffentlich problematisiert wurde, erschließt sich mit Gewißheit der Adressat des Offenen Briefes.
Ernst Jandl schreibt keine Leserbriefe wie Thomas Bernhard. Er attackiert nie seine Heimat als ganze, auf die er ja auch sein Beamten-Gelöbnis abgelegt hat. Als 1970 eine Wiener Boulevardzeitung von der Frankfurter Buchmesse berichtete: „,Österreich-Beschimpfung‘ durch Artmann und Jandl“,14 stellte Jandl in einem Schreiben an die (amtliche) Wiener Zeitung richtig, daß er bloß in einer Wortmeldung bei einer Pressekonferenz den österreichischen Verlagen vorgehalten habe, sich um die neuen Autoren nicht gekümmert zu haben, so daß diese sich Publikationsmöglichkeiten in Deutschland suchen mußten. Jandl über Jandl:

Er weiß nun, daß die österreichischen Verlage und Massenmedien Österreich selbst sind und daß jede Kritik an ihnen einer Beschimpfung des Landes gleichkommt. Er wird sich trotzdem nicht scheuen, wo immer es sei, ihm irreführend scheinenden Behauptungen das entgegenzuhalten, was er für wahr hält.15

Ernst Jandl lebte in den frühen siebziger Jahren als DAAD-Stipendiat in Berlin, als in Wien seine Partei, die sozialistische (SPÖ), die Kunstförderung ausbaute, erstmals in größerer Zahl Stipendien und Preise ausschrieb und zu deren Vergabe Schriftsteller und Literaturkritiker in Jurys berief. Der Parteivorsitzende und Bundeskanzler Bruno Kreisky versprach, sich für die Nöte der Schriftsteller besonders einzusetzen. Als Jandl zur Vorbereitung seiner Rückkehr 1971 politische Hilfe erbat, um seine kommunale 29-Quadratmeter-Wohnung gegen eine größere zu tauschen – weil er mehr Platz zum Arbeiten und für seine Bücher brauchte –, konzedierte der Bundeskanzler:

Ich habe volles Verständnis für Ihre Wohnungssituation und glaube auch, daß Sie über eine adäquatere Wohnung verfügen sollten.16

Doch die Behördentour, auf die Kreisky Jandl schickte, blieb erfolglos. Jandl mietete ein Büro und haust dort noch heute behelfsmäßig. Wo immer sich Jandl für kulturpolitische Ziele der Sozialdemokraten einsetzte: das Engagement blieb zumeist ein einseitiges. Einzig zum Unterrichts- und Kunstminister Fred Sinowatz – 1971 bis 1983, dann Bundeskanzler bis 1986 – entwickelte er ein von Hochachtung und Dankbarkeit getragenes Gesprächsverhältnis; einer Subventionszusage des Ministers verdankte die von Jandl mitbegründete Grazer Autorenversammlung (GAV) ihren organisatorischen Aufbau. Doch die der Macht dieser Ära näheren Autoren heißen Friedrich Torberg, Peter Turrini, Gerhard Roth und Gerhard Bronner.
Am 8. Februar 1979 überreichte Minister Fred Sinowatz in der Wiener Galerie nächst St. Stephan dem damals schon 53 Jahre alten Jandl die erste staatliche Auszeichnung, den Würdigungspreis für Literatur. Drei Tage später ließ der Bruno-Kreisky-Freund Gerhard Bronner in seinem Radiokabarett Der Guglhupf Jandls Gedicht „die morgenfeier“ vortragen und kommentierte es wie folgt:

Wenn ich so was vorles, glauben die Leut, ich will sie pflanzen (…) und für so was kriegt man heutzutage 75.000 Schilling.17

Bronner verteidigte seine Attacke brieflich:

Wenn ein Dichter keine anderen Möglichkeiten findet, als ,beschädigtes‘ Leben aufzuzeigen mit ,beschädigter Sprache‘, dann soll er (…) das Dichten bleiben lassen.18

Jandl wird oft als Zeuge aufgeboten, wenn das österreichische Radio sein Wort- und Literaturprogramm als mustergültig herausstellt; doch seine Gedichte und Hörspiele werden wenig gesendet, obwohl er gerade zur akustischen Kunst viel beigetragen hat.
Jandl hat zwei Gedichte dem Wiener Bürgermeister Helmut Zilk gewidmet – von ihm empfing er 1984 den Großen Österreichischen Staatspreis; die Wiener SPÖ reproduzierte die Texte in den Gemeinderats-Wahlkämpfen 1987 und 1991 in Zeitungsanzeigen.19 Als im Herbst 1994 der (sozialdemokratische) Präsident der Arbeiterkammer sein Versagen mit üblen Ausreden beschönigte, geriet Ernst Jandl darob so in Wut, daß er während des laufenden Parlamentswahlkampfs das folgende Zeitungsinserat einschalten ließ:

Nicht SPÖ! Seit vierzig Jahren Mitglied der SPÖ, fordere ich die Verringerung der politischen Macht in allen Bereichen; die Ausschaltung notorischer Lügner aus der Spitzenpolitik; das Ende des Mißbrauchs von Parteimitgliedschaft; und wähle daher am 9. Oktober erstmals im Leben nicht SPÖ.20

Sieben Monate später, im Mai 1995, unterzeichnete Jandl einen öffentlichen Appell sozial Engagierter zugunsten des neuen, von der SPÖ nominierten Innenministers Caspar Einem.21
In summa weniger durch öffentlichen Protest, sondern als ein akkurater und alle Traktanda mit gebotenem Nachdruck – und der steten Bereitschaft, loszubrüllen – behandelnder Sitzungsteilnehmer erzielte Ernst Jandl bleibende Wirkung und Verdienste. Mit dem seine Radikalität verbergenden Habitus des gewesenen Schulmanns, mit Informationsmaterial gerüstet und durch Vorgespräche argumentativ gestärkt, strebt er Konferenzzimmertischen zu, um dort über kulturpolitische Aktionen, über Literaturpreise und über Zuteilungen aus dem Sozialfonds für österreichische Schriftsteller mitzuentscheiden – oder in Künstler-Akademien der Solidarität, dem gesellschaftlichen Progreß oder einer ästhetischen Richtung seine Stimme zu geben.
Jandl sitzt in der Berliner Akademie der Künste (seit 1970), in der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung (seit 1981) und im Österreichischen Kunstsenat (seit 1984). Er wurde 1986 als Korrespondierendes Mitglied in die Akademie der Künste Berlin-DDR aufgenommen und drängte nach der Wiedervereinigung Deutschlands auf eine Vereinigung der beiden Berliner Akademien.
Hierbei durfte er sich guten Gewissens über den Protest von Reiner Kunze hinwegsetzen, welcher diesen Zusammenschluß am glaubwürdigsten bekämpfte, indem er an sein leidvolles Schicksal und die Mitschuld von DDR-Staatsschriftstellern erinnerte. Denn es war Ernst Jandl gewesen, der Kunze 1977 (zusammen mit Friederike Mayröcker) den Salzburger Georg-Trakl-Preis verschafft hatte – und somit, zur Preisüberreichung, eine Ausreise aus der DDR, der bald Kunzes Übersiedlung nach Westdeutschland folgen sollte. Als der verfolgte Dichter 1977 aus Thüringen am Bahnhof Wien-Mitte erstmals westlichen Boden betrat, nahmen ihn Friederike Mayröcker und Ernst Jandl in Empfang. Jandl sprach in Salzburg die Laudatio auf Kunze.
Bisher dreimal versuchte Ernst Jandl selber, Freunde, Kollegen, Gleichgesinnte auf einer kulturpolitischen Plattform zu vereinen – mit unterschiedlichem Erfolg:

– Im Februar 1973 war er maßgeblich als Mitglied des Grazer Forums Stadtpark an der Gründung der Grazer Autorenversammlung beteiligt, war von 1983 bis 1987 deren Präsident und hat sich 1989 aus deren Vorstand zurückgezogen.22

– Am 15. September 1976 überraschte Jandl in seiner Dankrede anläßlich der Verleihung des Preises der Stadt Wien mit dem Vorschlag, die noch lebenden Preisträger aus 30 Jahren „in der Art einer künstlerisch-wissenschaftlichen Akademie der Stadt Wien“ zu vereinen:

Diese wäre ein Fundament für den Kontakt innerhalb der einzelnen Sparten, den nicht minder wichtigen interdisziplinären Kontakt, und schließlich für den Kontakt zwischen den Preisträgern und den Mitgliedern des Kunstsenats, vor allem den mit kulturpolitischen Aufgaben betrauten. Auf einer Frühjahrs- und Herbstversammlung (…) hier in Wien, ließen sich kulturelle Belange der Stadt Wien (…) erörtern und je nach Notwendigkeit Empfehlungen an den Stadtsenat und an Regierungsstellen des Bundes, sowie Erklärungen an die Öffentlichkeit beschließen, und dies zum Nutzen aller.23

Obwohl Jandl kurz danach mit seiner Idee auch an die Öffentlichkeit ging und dabei sogar auf ein erstes, gemeinsam mit der zuständigen Stadträtin ausgearbeitetes Statut hinweisen konnte,24 blieb die Akademiegründung aus. Noch war die Feindseligkeit eingesessener (zumeist sozialdemokratischer) Wiener Kunstfunktionäre aus den Reihen des PEN-Clubs gegenüber Jandls dichterischem Nonkonformismus zu virulent. Der Österreichische PEN behinderte mit Erfolg die von Jandl betriebene Anerkennung der Grazer Autorenversammlung als zweites autonomes PEN-Zentrum in Österreich.

– 1989 war Ernst Jandl maßgeblich an der Gründung der Internationalen Erich-Fried-Gesellschaft für Literatur und Sprache in Wien beteiligt. Er leitete sie von 1991 bis 1994 als Präsident. In ihr lebte Jandls Idee einer Wiener Akademie wieder auf – aktualisiert durch die Möglichkeit, Schriftsteller und Literaturwissenschaftler aus dem ganzen deutschen Sprachraum, also auch Westdeutsche mit Ostdeutschen auf dem neutralen Wiener Boden zu vereinen. Unter den Mitgliedern und Symposiumsgästen: Hans Mayer, Walter und Inge Jens, Klaus Wagenbach, Adolf Muschg, Wolfgang Hildesheimer, Christa Wolf, Stephan Hermlin, Harry Kupfer, Horst Eberhard Richter, Eduard Goldstücker, György Konrád, Cees Nooteboom, Walter Höllerer, Heiner Müller, Paul Parin, Christoph Hein, Volker Braun, Elke Erb, Libuše Moníková – und die österreichischen Künstler Friederike Mayröcker, Alfred Hrdlicka, Barbara Frischmuth, H.C. Artmann, Alfred Kolleritsch, Andreas Okopenko, Milo Dor, Robert Schindel, Bodo Hell, Josef Haslinger.
Ein einziges Mal wurde eine bestehende kulturpolitische Plattform Ernst Jandl zur Leitung angeboten: das Kuratorium der Österreichischen Gesellschaft für Kulturpolitik, die Mitte der siebziger Jahre von der damaligen Sozialistischen (jetzt Sozialdemokratischen) Partei Österreichs (SPÖ) als Vorfeld-Organisation gegründet wurde. Jandl, Parteimitglied seit 1951, reagierte auf die 1993 von der Partei-Kultursprecherin, Ex-Ministerin und Nationalratsabgeordneten Dr. Hilde Hawlicek ausgesprochene Einladung mit einem Konzept, das die weitgehende Neubesetzung des Kuratoriums vorsah; Fachleute in allen großen Kunstdisziplinen, denen er vertraute, sollten eigene Vorstellungen verwirklichen dürfen. Doch Jandl kündigte seine Bereitschaft auf, als er merkte, daß die Partei nur auf ihn selbst als eine Galionsfigur Wert legte, aber an einer tiefgreifenden Umgestaltung der Gesellschaft kein Interesse hatte. Nach Jandls Nein übernahm Milo Dor das Amt.

Milo Dor, Jahrgang 1923, kommt aus dem PEN-Club-Vorstand, hat in den siebziger Jahren mit Hilde Spiel und Reinhard Federmann die Interessengemeinschaft österreichischer Autoren (IG) aufgebaut und den Ersten Österreichischen Schriftstellerkongreß im März 1981 vorbereitet. Diese IG Autoren wurde zum Dachverband aller österreichischen Literaten-Vereine ausgebaut und ermöglichte auf der Ebene sozialer, standes- und kulturpolitischer Interessenvertretung eine gedeihliche Zusammenarbeit zwischen PEN-Club und Grazer Autorenversammlung. Folgerichtig zog Ernst Jandl als Vizepräsident in die von Milo Dor präsidierte IG ein und blieb in dieser Funktion bis 1985 tätig. Wichtiger aber wurde die Zusammenarbeit zwischen Jandl und Dor in dem vom Kunstministerium finanzierten Sozialfonds der österreichischen Schriftsteller, wo über Beiträge zur Krankenversicherung, über Altersversorgung und Nothilfen zu entscheiden ist. Keine andere Institution in Österreich trifft in Zweifelsfällen die Feststellung, ob einem Bewerber um Unterstützung der Status eines Schriftstellers zukommt oder nicht. Ernst Jandl ist seit der Einrichtung des Sozialfonds 1977 das wortgewaltigste Mitglied dieser Kommission – und das mit dem größten literarischen Renommee.25
Um die Schriftsteller-Einkünfte zu steigern, legte er der Grazer Autorenversammlung im März 1980 eine Resolution vor, in der die Schriftsteller für eine Einzellesung ein Mindesthonorar von 3.000 Schilling fordern.

Dadurch sollen Lesungen zu einer realen Verdienstmöglichkeit für den Autor werden. Zugleich soll der Unsitte Einhalt geboten werden, daß Kulturfunktionäre die durchwegs unterbezahlten Schriftsteller unseres Landes als politischen Schaufensterschmuck mißbrauchen.26

In seinen allgemeinen sozialen Hilfsdienst ist Jandl hineingewachsen durch seine unaufdringliche Nächstenliebe, seine Stimmführerschaft im Kreis der Literaten Wiens sowie seine Bereitschaft, bürokratische Abläufe bis zum Erweis von deren Unsinnigkeit zu unterstützen. Daneben aber geht er ureigenen Wünschen und Zielen nach in Engagements auf Gegenseitigkeit, aus denen er Freude, Freunde, Zuspruch, Genuß gewann. Seine Liebe zum Jazz – erwacht in Jugendtagen, oftmals begründet als Protest gegen nationalsozialistischen Kulturdruck – hat ihn zu vielen subtilen Werbeaktionen für diese Musik und die sie Ausübenden animiert. So wünschte er sich bei der Überreichung des Großen Österreichischen Staatspreises 1984 Mathias Rüeggs Vienna Art Orchestra als musikalischen Beistand mit einem Erik-Satie-Programm. Er setzte sich für Ehrungen von Jazz-Freunden ein und hielt 1994 aus solchen Anlässen auf den Pianisten und NDR-Big-Band-Leader Dieter Glawischnig und auf die Leiterin der Wiener Jazz-Galerie Ingrid Karl öffentliche Lobreden. Durch eigene Auftritte und Interventionen bei Politikern half er 1994 den Bestand von Mathias Rüeggs Wiener Jazz-Lokal Porgy and Bess sichern.27
Dem „Internationalismus“ der Poesie diente Jandl, wo er Einladungen aussprechen konnte – etwa namens der Grazer Autorenversammlung oder der Erich-Fried-Gesellschaft. Auch das Grazer Forum Stadtpark, die Österreichische Gesellschaft für Literatur und Wiens kommunales Literaturquartier Alte Schmiede motivierte er zu Präsentationen von Kollegen – wie Allen Ginsberg – und seiner Übersetzer wie Michael Hamburger und István Eörsi. Er setzte sich 1975 in einer Wiener Zeitung für die Wiederentdeckung des aus Österreich stammenden Dada-Künstlers Raoul Hausmann (1886–1971) ein.28 1978 holte er die erste Delegation schwedischer Autoren nach Österreich, auch der erste nicht-staatliche Gruppenausflug junger ungarischer Autoren – wie Péter Nádas, Péter Esterházy, Péter Bereményi – unter ihrem Mentor Miklós Mészöly wurde über die GAV eingefädelt. Er warb um öffentliche Unterstützung für die Wiener Internationale Schule für Dichtung, die Christian Ide Hintze begründet hat.
Jandl hielt zu vielen Kollegen in den kommunistischen Ländern Kontakt, erwies der offiziellen Literaturwissenschaft Respekt – etwa in den Moskauer Institutionen für Weltliteratur –, mied aber das politische Netzwerk des Dissens. Er nahm Anteil am Schicksal von Autoren, die ihm dank ihrer Arbeit, dank ihrer poetischen Verfahren nahestanden – so Tadeusz Różewicz, Jiří Kolář und die in Prag besonders bedrängten Platzhalter der Avantgarde Josef Hiršal und Bohumila Grögerová. Den beiden verschaffte er den Österreichischen Staatspreis für Übersetzer 1988. Schon 1980 veröffentlichte Jandl das Gedicht „meinem freund josef hiršal zum 60. geburtstag“.29
In Wien unterstützte er die kleine Brünner Emigrantenbühne Theater Brett von Nika Brettschneider und Ludvík Kavín. In der DDR fanden junge radikale Dichter Kontakt und Unterstützung, darunter Bert Papenfuß-Gorek.
Mit aller nur denkbaren Zärtlichkeit begegnete Ernst Jandl dem im Krankenhaus Gugging (Niederösterreich) mit Hilfe des Psychiaters Leo Navratil zum Schreiben geführten Ernst Herbeck, Pseudonym „Alexander“ (1920–1991). Auf vielen Ebenen kämpfte Jandl für Navratils schreibende und malende Patienten, für seine Kollegen aus der sogenannten ,zustandsgebundenen Kunst‘, er unterstützte Solidaritätslesungen in der Anstalt, Radio-Dokumentationen, Patienten-Feste. 1977 setzte er Ernst Herbecks Aufnahme in die Grazer Autorenversammlung durch,30 bald folgte die Aufhebung der amtsärztlichen Entmündigung. Was in diesen kulturpolitisch aufgewühlten Jahren als „demokratische Psychiatrie“ oft nur Schlagwort und Gesinnungs-Losung war, realisierte Ernst Jandl als fürsorgevoller Freund.
Jandl kann brüllen gegen Unrecht, Dummheit, Bürokratie. In einem Heurigen-Garten sah ich ihn verlegen, stumm neben dem schwer sprechbehinderten, fast zahnlosen Ernst Herbeck sitzen. Kein Wort fehlte.

Hans Haider, aus TEXT+KRITIK: Ernst Jandl – Heft 129, edition text + kritik, 1996

Der Dichter und sein Verein

– Ernst Jandl und die Grazer Autorenversammlung. –

Die Erfahrungen, die Ernst Jandl mit dem Kulturbetrieb Österreichs und seinen Institutionen seit 1945 machte, seine Position außerhalb der etablierten Formen der literarischen Produktion und die Qualität seines Werkes prädestinierten ihn Anfang der siebziger Jahre zur Integrationsfigur einer Opposition gegen eine rückwärtsgewandte, epigonale Literatur. Die Gründung der Grazer Autorenversammlung ist zu Ernst Jandls sämtlichen Werken zu rechnen.
Am Anfang der Grazer Autorenversammlung steht eine Erklärung, die Ernst Jandl am 22. Oktober 1972 im Grazer Forum Stadtpark bei der Eröffnung des Symposiums Formen der Selbstverwaltung verlas. Drei Tage zuvor war Alexander Lernet-Holenia, seit 1969 als Nachfolger Franz Theodor Csokors Präsident des österreichischen PEN, aus Protest gegen die Nobelpreisverleihung an Heinrich Böll, den damaligen Präsidenten des internationalen PEN, spektakulär zurückgetreten. Lernet-Holenia lehnte besonders die politischen Aktivitäten Bölls aufseiten der SPD Willy Brandts im bundesdeutschen Wahlkampf ab. Ernst Jandl begrüßt in seiner Erklärung die Nobelpreisverleihung und auch das politische Engagement Heinrich Bölls. Den österreichischen PEN-Club, der stets mit dem Attribut ,sogenannt‘ behaftet wird, bezeichnet Jandl „als eine schande für den internationalen pen-klub und als eine schande für Österreich“. Im österreichischen PEN herrsche eine „cliquenwirtschaft“, ein „getümmel von bestenfalls regionalgrößen“. Jandl spricht dem österreichischen PEN die Repräsentativität ab. Er fordert eine Reorganisation des Clubs, die ihn für die international anerkannten österreichischen Autoren, die bisher vom Verein ferngehalten wurden, öffnen sollte; dagegen sollten „alle diejenigen autoren auf die hinteren plätze verwiesen werden, die ungeachtet der quantität des von ihnen publizierten keine stimme innerhalb der deutschsprachigen und der internationalen literatur besitzen“.31 Diese Erklärung wurde außer von Ernst Jandl von vierzehn Autoren unterschrieben.32
Die Stoßrichtung von Jandls Proklamation ist klar: Die Führung des österreichischen PEN wird für literarisch bedeutungslos erklärt. Die wichtige österreichische Literatur werde von den Vertretern des PEN aus Unverständnis, Inkompetenz und Furcht vor dem Verlust der eigenen, bloß prätendierten Position im Kulturleben des Landes boykottiert, ignoriert oder an den Rand gedrängt. Der österreichische PEN hat für Jandl gewissermaßen das Recht, die österreichische Literatur zu vertreten, usurpiert. In einem weiteren Papier sieht Jandl als eine von vier erstrebenswerten „Alternativen“ die „Begutachtung der literarischen Leistung sämtlicher Mitglieder (des österreichischen PEN, R. I.) durch drei österreichische Universitätsprofessoren des Fachgebietes Germanistik (neue deutschsprachige Literatur)“.33 Mag auch das Vertrauen in die Objektivität germanistischer Wertung übertrieben erscheinen – das Ziel der Jandlschen Initiative ist deutlich: Den Selektionsmechanismen des Kulturbetriebes, der sich nach literaturfremden Spielregeln der Machtausübung richtet, sollte eine akademische Kanonbildung, die allein nach ästhetischen Maßstäben urteilt, entgegenwirken.
Das gewohnte Verhältnis zwischen Literaturwissenschaft und Literatur wird umgekehrt. Nicht Konservativität und Unverständnis für das Neue, sondern die Förderung avantgardistischer Strömungen wird von der akademischen Beschäftigung mit Literatur erwartet. Das Veraltete, rein Epigonale dagegen soll dem Vergessen anheimgegeben werden. Da die Schaltstellen der Literaturvermittlung in den Medien, den Zeitungen, im Rundfunk und im Fernsehen, in den Theatern, Verlagen und Literaturzeitschriften mehrheitlich von Personen besetzt waren, die eine formal konservative Literatur vertraten oder favorisierten, sah Jandl in jenem Teil der Germanistik, der sich mit experimenteller Literatur befaßte und ein ihr adäquates Literaturverständnis anstrebte, eine Gegenmacht gegen den offiziellen Literaturbetrieb und einen potentiellen Verbündeten. Die Kritik an einem selbstgefälligen und dünkelhaften österreichischen Traditionalismus, der die eigene Vergangenheit verklärte, war ein weiteres Verbindungsglied zwischen literarischer Avantgarde und progressiver Germanistik.
Die Geschichte des österreichischen PEN-Clubs nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erweist sich als Gradmesser für das kulturelle und literarische Klima dieser Zeit. Als 1947 der österreichische PEN-Club, der 1939 bis 1945 als Exilgruppe in London unter der Leitung von Robert Neumann eine umfangreiche humanitäre Tätigkeit entfaltet hatte, wiedererrichtet wurde, forderte der internationale PEN als Bedingung für die Anerkennung die einwandfreie Feststellung der antifaschistischen Haltung seiner Mitglieder. Insbesondere sollte all jenen Autoren, die 1933 aus politischen oder opportunistischen Gründen ausgetreten waren, der Beitritt verwehrt sein.34 Trotzdem wurden nicht nur prominente Literaten und Kulturpolitiker des Ständestaates, sondern sehr bald auch im Nationalsozialismus erfolgreiche und geehrte Autoren aufgenommen. Im Mitgliederverzeichnis des österreichischen PEN von 1955 stehen die Namen von zehn Autoren, die 1938 Beiträge zum „Bekenntnisbuch österreichischer Dichter“, der Jubelanthologie zum „Anschluß“, geliefert hatten.35
Dem PEN-Club gelang es bald, sich als die repräsentative österreichische Schriftstellervereinigung zu etablieren. Sein Einfluß auf die offizielle Kulturpolitik wird beispielsweise in der Praxis der Staatspreisvergabe sichtbar. An der Wiedereinführung des Staatspreises und an den Entscheidungen über die Preisvergabe war der PEN maßgeblich beteiligt.36 Ausgezeichnet wurden in den fünfziger Jahren mehrheitlich solche Autoren, die bereits unter dem Austrofaschismus oder unter dem Nationalsozialismus oder in beiden Systemen gefördert und ausgezeichnet wurden.37
Diese Kontinuitäten aufzubrechen war ein Hauptanliegen der Autoren, die 1973 die Grazer Autorenversammlung konstituierten. In einem von Ernst Jandl entworfenen, dem internationalen PEN vorgelegten Antrag auf Anerkennung der neu gegründeten Autorenversammlung als zweites autonomes österreichisches PEN-Zentrum heißt es, „daß bei uns weder die für Österreich katastrophale Zeit zwischen 1918 und 1938, noch die schon fast legendäre Zeit vor dem ersten Weltkrieg wirksam sind, während im österreichischen PEN-Club gerade diese beiden Epochen, vor allem die Zwischenkriegszeit, noch immer einen bestimmenden Einfluß ausüben“.38
So unterschiedlich die Autoren des PEN auch waren, verbindend wirkte eine rückwärtsgewandte Austriazität und ein Traditionalismus, der sich vornehmlich im Formalen äußerte. Ungebrochen schien bei diesen Autoren das Vertrauen auf die Sprache und auf den Kanon überlieferter literarischer Formen. Man konnte nach 1945, so glaubte man, einfach dort wieder anfangen, wo man 1938 aufgehört hatte. Autoren und Kulturfunktionäre wie Rudolf Henz, Ernst Schönwiese oder Rudolf Felmayer konnten im restaurativen Klima der fünfziger Jahre Schlüsselpositionen erwerben und sie über Jahrzehnte hinweg behaupten. Jandl resümierte 1973 die Entwicklung des literarischen Lebens in Österreich seit 1945 in einem Brief an Heinrich Böll:

Der gegenwärtige Österreichische PEN-Club ist in seiner Zusammensetzung ebenso wie in der Zusammensetzung seines gegenwärtigen Vorstandes ein ziemlich getreues Abbild eines kulturpolitischen Systems, das nach dem Ende des zweiten Weltkrieges von einer Reihe konservativer Autoren in der Absicht errichtet wurde, eine möglichst lückenlose Kontrolle über die österreichische Gegenwartsliteratur und ihre weitere Entwicklung auszuüben. Dies wurde weitgehend erreicht, und zwar durch die Besetzung von Schlüsselstellungen in den Massenmedien durch eben diese Autoren und ihre Sympathisanten, durch ein Monopol der Einflußnahme auf die Vergabe von Subventionen und Preisen und durch die Ausnützung aller Möglichkeiten des Protektionismus. Die an der Bildung und Aufrechterhaltung dieses Systems maßgeblich beteiligten Autoren mittleren und höheren Alters durften ein gewisses Maß an Vertrauen dadurch beanspruchen, daß sie die Jahre des Nationalsozialismus in der Emigration oder als zum Schweigen Verurteilte verbracht hatten und insgesamt als Antifaschisten galten.
Zu den wichtigsten Bestandteilen des von diesen Autoren errichteten Systems der Kontrolle über den gesamten Literaturbereich gehörte die persönliche Betreuung des literarischen Nachwuchses. Diesen galt es so zu erziehen, daß die Entwicklung persönlicher Eigenart ohne Verletzung der von den Betreuern gezogenen Grenzen erfolgte. Jede Überschreitung dieser Grenzen in Richtung auf eine weniger konservative Dichtung bedeutete den Verlust der Gunst des Betreuers und schließlich das Ende der Publikationsmöglichkeit.
So gewannen die konservativen älteren Autoren im Lauf der Jahre eine Reihe konservativer jüngerer Autoren zu ihren Verbündeten, ließen sie in freiwerdende Schlüsselpositionen nachrücken und konnten dadurch sicherstellen, daß die Kontrolle in den Medien unverändert bestehen blieb
.39

Das von Jandl beschriebene protektionistische und nepotistische System kultureller Machtentfaltung und ihrer Ausgrenzungen ist jedoch nicht primär politisch orientiert. Der PEN zählte bis 1956 Kommunisten wie Ernst Fischer, Hugo Huppert und Bruno Frei zu seinen Mitgliedern und wurde etwa von Hans Weigel als kommunistisch unterwandert diffamiert. Keineswegs läßt sich der PEN als politisch rechtsgerichtet bezeichnen. Ausgeschlossen vom PEN-Club und vom offiziellen Kulturbetrieb blieb eine avantgardistische, innovative Literatur, für die die Skepsis gegenüber der Sprache prägend wirkte, die eine Destruktion konventioneller literarischer Muster betrieb und bewußte Künstlichkeit anstrebte. Die Ablehnung dieser Literatur erfolgte aus ästhetischen Motiven. Das Politische dieser formal innovativen Literatur lag darin, daß sie sich einer Instrumentalisierung durch die Macht, gleich welcher Couleur sie sei, radikaler zu entziehen vermochte als eine solche, die mit dem Vertrauen auf die Sprache die Bestätigung traditioneller Sinnangebote und eines positiven Weltverständnisses forderte.
Mit welchen Widerständen eine Literatur, die die gewohnten Formen und Diskurse durchbrach, zu rechnen hatte, zeigt der Eklat, den die Publikation von experimentellen Gedichten Ernst Jandls, Ernst Keins und Gerhard Rühms in der Mainummer 1957 der Neuen Wege hervorrief. Die Zeitschrift unterstand dem Unterrichtsministerium und war an den Schulen verbreitet.40 Lehrer und schulnahe Kreise reagierten auf die Publikation mit Unverständnis und Entrüstung. Die Gedichte wurden als „Machwerke“ und „Schmutz und Schund“41 diffamiert, mit pädagogischem Eifer wurde von den Behörden gefordert, „solchen Unsinn aus dem Schulbetrieb fernzuhalten“.42 Nach einem zweiten Heft mit Texten von H.C. Artmann, Jandl und Kein mußte der Herausgeber Friedrich Polakovics aus der Redaktion der Zeitschrift ausscheiden. Einen ähnlichen Entrüstungssturm entfesselte sieben Jahre später die Veröffentlichung von Texten Konrad Bayers und Gerhard Rühms in Wort in der Zeit durch Gerhard Fritsch. Eine Reihe konservativer Autoren äußerten in Leserbriefen massive Ablehnung.
Seit den sechziger Jahren begannen sich die ästhetisch progressiven Autoren zu sammeln und zu organisieren. Das Forum Stadtpark wurde 1959 gegründet, ab 1960 gab Alfred Kolleritsch die Zeitschrift manuskripte heraus, in der Texte der Wiener Gruppe und solche jüngerer Autoren, die mit der Sprache experimentierten, ebenso veröffentlicht wurden wie eine auf radikale gesellschaftliche Veränderung zielende Literatur. 1968 wurde der steirische herbst als „Avantgardefestival“ eingerichtet. Seit Mitte der sechziger Jahre fanden Autoren wie H.C. Artmann, Konrad Bayer, Ernst Jandl oder auch Peter Handke in der BRD und in der Schweiz Publikationsmöglichkeiten und waren zu Beginn der siebziger Jahre einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden. Diese Literatur zu ignorieren, erwies sich auf die Dauer als unmöglich.
Der PEN-Club reagierte auf diese Entwicklung seit dem Ende der sechziger Jahre mit Kontaktaufnahmen zu den Vertretern einer jüngeren Generation von Schriftstellern. Sie gingen vor allem aus von Hilde Spiel, seit 1965 Generalsekretärin und seit 1971 Vizepräsidentin des österreichischen PEN, und Dorothea Zeemann, die ihr als Generalsekretärin nachfolgte. Unter den Autoren, die in den Räumen des PEN lasen, waren viele spätere GAV-Mitglieder, wie etwa Gustav Ernst, Barbara Frischmuth, Klaus Hoffer, Gert F. Jonke, Alfred Kolleritsch und Reinhard Priessnitz. Vor dem Ende von Spiels Amtszeit im Dezember 1972 wurden Peter Turrini, Christian Wallner und Peter Henisch in den PEN aufgenommen.43 Ernst Jandl befürchtete in dieser Situation nicht zu Unrecht, daß vorzugsweise eine jüngere Generation von Autoren, die sich den von den Vertretern des PEN gesetzten traditionalistischen Normen entzogen hatten, angesprochen, während die ältere Generation, besonders die Wiener Gruppe und die ihr nahestehenden Autoren, übergangen werden sollte. In der Sicht Jandls verfolgte der PEN eine „Taktik der Annäherung an einzelne mit dem Ziel, sie zum Eintritt in den PEN-Club zu bewegen und als Alibi für Offenheit und Pluralismus zu benützen, dadurch die Öffentlichkeit zu täuschen und unter den Gegnern des Systems, die durchwegs einzelne sind und über keine Organisation verfügen, Argwohn, Zwietracht und Verbitterung zu stiften“.44
Hatte schon Hilde Spiel die experimentelle Literatur als „Sackgasse“ bezeichnet,45 so war die Ablehnung der Literatur der Wiener Gruppe sowie Jandls und Mayröckers durch den im Dezember 1972 gewählten, mehrheitlich konservativen neuen PEN-Vorstand noch deutlicher: Hilde Spiel scheiterte in ihrer Kandidatur um die Präsidentschaft, neuer Präsident wurde, besonders auf Betreiben Friedrich Torbergs, Ernst Schönwiese. Der neue Generalsekretär Reinhard Federmann profilierte sich mit der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Die Pestsäule als dezidierter Gegner der Avantgarde-Literatur. Gleich in der ersten Nummer der Pestsäule erschien unter dem Titel „Ga-Ga“ eine Polemik Herbert Kuhners, in der Ernst Jandl folgendermaßen porträtiert wurde:

Neben ihm stand der Professor, Neodadas Hoherpriester, dessen Spezialität phonetische Lyrik war. Sein Gesicht war eine pralle Schweinsblase. Er hatte die Grenzen der Sprache überschritten. Seine Gedichte waren wie Säuglingslallen.46

Es waren also nicht die Vertreter einer älteren avantgardistischen Literatur, die der PEN als einzelne an sich heranzuziehen versuchte, sondern Autoren der sogenannten Grazer Gruppe im Umkreis des Forum Stadtpark wie etwa Wolfgang Bauer, Franz Buchrieser, Barbara Frischmuth, Wilhelm Hengstler, Klaus Hoffer, Alfred Kolleritsch. Die Furcht vor einer Aufspaltung der progressiven Autoren war ein wichtiges Motiv für Ernst Jandl und seine Freunde, ihrerseits die Möglichkeiten einer organisierten Opposition zu sondieren. Schon im März 1973 wurde im Forum Stadtpark die Vereinsgründung beschlossen: Der Grazer Autorenversammlung (GAV) gehörten bei ihrer Gründung 58 Autoren an. Vom internationalen PEN wollte der Verein die Anerkennung als zweites autonomes österreichisches Zentrum erlangen.
Wie die Gründung, so ist auch die Konsolidierung des Vereins dem Organisationstalent Ernst Jandls und seiner Rolle als Integrationsfigur zu verdanken. Ihm gelang es, die Gegensätze innerhalb des Vereins soweit abzudämpfen, daß sein Fortbestehen nicht gefährdet wurde. Auch den staatlichen Institutionen gegenüber setzte Jandl, wie es der spätere Generalsekretär der GAV Josef Haslinger formuliert, „einen pragmatischen Weg der sukzessiven Einflußnahme“47 durch. Es ging darum, in Österreich eine öffentliche, auch staatliche Anerkennung einer neuen Literatur zu erlangen, die ihrem internationalen Renommee angemessen war.
Ernst Jandls Haltung wird in der Differenz zu der Oswald Wieners besonders deutlich. Wiener, der damals in Berlin lebte, war Gründungsmitglied der Grazer Autorenversammlung, trat aber schon ein Jahr später wieder aus. Wiener hatte von Anfang an eine elitäre Position bezogen. 1973 schrieb er an Jandl:

Ich habe ganz bestimmte Auffassungen über die Aufgaben einer zeitgenössischen Literatur. Ich bin der Meinung, dass diese Aufgaben (…) nur von einer ganz kleinen Zahl der zeitgenössischen Autoren ansatzweise wahrgenommen werden. Ich bin ganz sicher, dass nicht mehr als vielleicht zwei oder drei der Mitglieder der Grazer Autorenversammlung in diese Kategorie fallen.48

Als Gründe für den Beitritt nennt Wiener das „Gefühl eigener Mitverantwortung für die Situation der jüngeren Kollegen in Österreich“, seine Sympathie für Jandl und die „Erinnerung an die Schikanen, denen ich in Österreich ausgesetzt gewesen bin“.49 Die Solidarität mit einer neuen österreichischen Literatur, die in Opposition zur im PEN vorherrschenden restaurativen und formal epigonalen Literatur und ihren die Schlüsselstellungen des Literaturbetriebs besetzenden Repräsentanten stand, erwies sich aber bald als schwächer als das Unbehagen an der Zusammensetzung des Vereins, dessen Mitglieder nach Ansicht Wieners den strengen Anforderungen an eine avantgardistische Literatur nicht genügten. In seiner Austrittserklärung formuliert er:

ich glaube, dass die zusammensetzung der grazer autorenversammlung weder im hinblick auf talent noch in bezug auf die individuelle interessenlage der einzelnen mitglieder homogen genug ist, eine hoffnung auf zusammenarbeit zuzulassen; schlimmer: ich glaube, daß fast alle aktivitäten der grazer autorenversammlung bisher als rein formal zu verstehende massnahmen gewirkt haben, die tiefer liegenden gegensätze nicht zur diskussion kommen zu lassen (auf diese weise bewegt man sich von konsens zu konsens, ohne sich wirklich zu bewegen).50

Eine kompromißlose Austragung der Konflikte zwischen den Mitgliedern des Vereins hätte diesen gewiß gesprengt. Ernst Jandls organisatorischer Umsicht und der Hartnäckigkeit, mit der er die Opposition gegen einen belanglosen Traditionalismus und den Kampf um die öffentliche Anerkennung einer neuen Literatur über alle ästhetischen und inhaltlichen Differenzen innerhalb der Autorenversammlung stellte, verdankt der Verein nicht nur sein Überleben, sondern auch seine rasche Expansion, die durch das Scheitern der Anerkennung als zweites österreichisches PEN-Zentrum noch befördert wurde. Die GAV wurde bald zu einem Massenverein, der den österreichischen PEN nicht nur zahlenmäßig überflügelte, sondern auch durch seine literarischen Veranstaltungen in den Schatten stellte. Die staatlichen Stellen reagierten rasch auf die Gründung der GAV: Bereits im ersten Jahr ihres Bestehens erhielt sie eine beinahe gleich hohe Subvention wie der österreichische PEN. Auch in den Jurys und damit bei der Preisverleihung erhielt die GAV ein entscheidendes Mitspracherecht. Als 1983 Ernst Jandl nach H.C. Artmann und Gerhard Rühm zum dritten Präsidenten der GAV gewählt wurde, war die GAV als repräsentative Schriftstellervereinigung Österreichs etabliert.51
1978 hatte Jandl den Österreichischen Würdigungspreis für Literatur erhalten, 1984 wurde die späte öffentliche Anerkennung Jandls durch die Verleihung des Großen Österreichischen Staatspreises bekräftigt. Daß gerade Rudolf Henz, einer der wichtigsten Betreiber restaurativer Kulturpolitik in Österreich seit 1945, die Laudatio hielt, war eine Ironie, die weniger auf Versöhnungswillen als auf Indifferenz deutet.
1987 hat Ernst Jandl für die Präsidentschaft der GAV nicht mehr kandidiert, 1989 hat er sich auch aus ihrem Vorstand zurückgezogen. Die literarische Arbeit erhielt für ihn einen deutlichen Vorrang vor der organisatorischen. In diese Zeit fallen auch Jandls vermehrte Auftritte in literarisch-musikalischen Veranstaltungen mit dem „Vienna Art Orchestra“. Gerade die Gewissenhaftigkeit und Genauigkeit, mit der sich Jandl der Organisationstätigkeit annahm, mag auf die Dauer zu einer Ermüdung geführt haben.
Zugleich ist der Rückzug Jandls aus der Leitung der GAV aber auch Symptom einer Krise, in die der Verein in den achtziger Jahren geriet. Denn einerseits hatte er durch die beinahe wahllose Aufnahme neuer Mitglieder und durch den Austritt vieler Gründungsmitglieder das Profil einer ästhetischen Avantgarde verloren. Andererseits wurde die berufliche Interessenvertretung, die für viele Autoren das Hauptmotiv für den Beitritt war, seit dem Ersten Österreichischen Schriftstellerkongreß 1981 zunehmend effizienter von dem Dachverband „Interessengemeinschaft österreichischer Autoren“ wahrgenommen. Die GAV versuchte den drohenden Verlust ihrer Existenzberechtigung oder zumindest ihrer Unentbehrlichkeit durch eine Vielzahl literarischer Veranstaltungen, Lesungen und Symposien zu kompensieren, die aber oft weder durch ihre Qualität noch durch ihr Konzept überzeugten. Die GAV lief Gefahr, in eben den Regionalismus abzugleiten, den Jandl einst dem österreichischen PEN vorgeworfen hatte.
Die GAV reagierte auf diese Krise zu Beginn der neunziger Jahre mit einer Erneuerung der Aufnahmemodalitäten. Auf Vorschlag des Generalsekretärs Gerhard Kofler wurde eine Jury, bestehend aus den Literaturwissenschaftlern Wendelin Schmidt-Dengler und Sigurd Paul Scheichl und der Autorin Marie-Therese Kerschbaumer, gebildet, die die Aufnahmeansuchenden begutachtet. Im Veranstaltungsprogramm des Vereins sollten, besonders durch die Initiative und Koordinationstätigkeit der Präsidentin (seit 1991 Heidi Pataki) und des Generalsekretärs, stärker „Schwerpunkte bzw. literarische und kulturpolitische Zielsetzungen“52 sichtbar werden. Tatsächlich scheint die einstige Beliebigkeit der Veranstaltungen inzwischen überwunden zu sein.
Ernst Jandl, der 1987 die Ernennung zum Ehrenpräsidenten der GAV mit dem Hinweis auf den bloß nominellen Charakter eines solchen Titels und auf derartige Usancen beim österreichischen PEN abgelehnt hat, ist als einfaches Mitglied im Verein weiterhin aktiv geblieben. Umgekehrt hat die GAV immer wieder durch ihre Veranstaltungen, zuletzt 1995 durch das „Fest für Ernst Jandl zum 70. Geburtstag“ in Mürzzuschlag, die Verbundenheit mit ihrem Gründungsvater und die Anerkennung seines Werks deutlich gezeigt. Für viele alte und neue Autoren, für die die Zugehörigkeit zur GAV nicht nur ein Signum der Progressivität ist, sondern auch Bestätigung und Ermutigung ihrer schriftstellerischen Produktion, ist Jandl eine Identifikationsfigur. Und auch für viele von denen, die andere, entgegengesetzte literarische Wege gehen, ist er der Maßstab, an dem sich noch die Opposition zu messen hat.
Ernst Jandl hat sich im Verhältnis zu den „kindern der wiener gruppe“ als „der onkel“53 bezeichnet. Für die neue österreichische Literatur ist er ein Vater.

Roland Innerhofer, aus TEXT+KRITIK: Ernst Jandl – Heft 129, edition text + kritik, 1996

 

 

(Hefe) schwärmen nämlich, oder unser Gefährt von
fliegenden Schlangen gezogen

wie (= als) Vivaldi ruderte / „radelte“ / auf
dem Teich auf dem krummen gleiszenden Glanzpapier
nämlich auf Algen-, Zypressen Grund .. aus dem Humus
das Zünglein der Zöglinge (Pflanzestock) : oder
ist das alles zu hermetisch? – sollte ich lieber
schreiben : in seinem Bettuch das Brandloch von der vergessenen
Zigarette? ach ich weisz es gibt nichts zu GREIFEN BEGREIFEN
und dennoch : ich umarme das Tier hänge mich an seinen
Bauch damit MICH die Schläge treffen mögen die ihm, dem Gaul,
vermeint waren, Nietzsche. Oder colloquial : „da wollte er,
neugekaufte Wäsche, immer erst gewaschen haben bevor
er sie anzog ..“ etc.
War es das Tier des Waldes das Tor des Waldes die Pforte
des Waldes, die Schwelle eines anderen Waldstücks, anderen
Landstrichs, nahe dem Bach der durch Forst, lichterloh,
also himmelwärts seine Äste, und er, der herzkranke Mann
(war es Vater? wars der Liebste?), er, mit Stock die Ruhebank
auf dem wurzelverkrüppelten Bühel erklomm, während wir,
Mutter und ich, weiter zur offenen Wiese (Mahd) WAS I SOLCHES
BLÜHEN WAR, solch blutender Sommer („SUGAR“), und gänzlich
ausgebreitet vor unserem Auge : nie mehr zu tilgen in mir,
und durch den Wiesenstrahl : schnellen Pfad
Margeriten und Minze wehende Gräser, diese unsere
Augen: ANGELN. .. ÄUGLEIN –
und plötzlich, von einem Moment zum andern alles
verebbend, plötzlich etwas wie Sättigung / Mattigkeit /
Blende, ich weisz nicht. Die Büsche neigten sich ..
und HIRSCHLEIN flüstert träufelt mir in mein Ohr :
„bleib noch I wenig bei mir ..“ und ich weine weine,
lege seine Hand an meine Wange an meine Brust.
(„lasz in meiner letzten Nacht dasz du mein Heil und
Schlänglein seiest..“)

13.2.01
für Ernst Jandl

Friederike Mayröcker

 

Wie man den Jandl trifft. Eine Begegnung mit Ernst Jandl, eine Erinnerung von Wolf Wondratschek.

Ernst Jandl im Gespräch mit Lisa Fritsch: Ein Weniges ein wenig anders machen.

Eine üble Vorstellung. Ernst Jandl über das harte Los des Lyrikers.

Ernst Jandl und die Musikaus der Ö1 Sendung: „Ernst Jandl und Musiker:innen“ vom 1.8.2025

Lieder nach Ernst Jandl Anna Mabo und Clemens Sainitzer am 26.7.2025 beim Festival Glatt & Verkehrt in Krems

Christian Muthspiels historisches Jandl-Solo für und mit ernst im Rahmen des Brucknerfests 2008

Weltgebräuche am 26.10.1986 in der Grazer Stadtpfarrkirche mit Ernst Jandl, Rezitation, Martin Haselböck, Orgel, und Christian Muthspiel, Posaune

 

Uraufführung von Anna Mabo und Clemens Sainitzer Lieder nach Ernst Jandl am 26.7.2025 beim Festival Glatt & Verkehrt in Krems

 

 

Zum 60. Geburtstag von Ernst Jandl:

Für Ernst Jandl – Texte zum 60. Geburtstag. Werkgeschichte
Herausgegeben von Kristina Pfoser-Schewig, ZIRKULAR, 1985

Zum 65. Geburtstag von Ernst Jandl:

Hans Haider: Die Berliner tageszeitung gratuliert zum 65. Geburtstag

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Karl Riha: „als ich anderschdehn mange lanquidsch“
neue deutsche literatur, Heft 502, Juli/August 1995

Nils Jensen: Interview mit Ernst Jandl. Laudatio für einen lauten Dichter
Buchkultur, Nr. 35, Oktober 1995

Hans Haider: 1994 und 1995 – Zweimal ein 70. Geburtstag
Hans Haider: Ernst Jandl 1925–2000. Eine konkrete Biographie, J.B. Metzler, 2023

 

Fakten und Vermutungen zu Ernst Jandl + Instagram + KLGIMDbPIAÖM + IZA + Archiv 1, 2 & 3Internet Archive + Kalliope + Georg-Büchner-Preis 1 & 2 + weiteres 12
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Nachrufe auf Ernst Jandl: der FreitagDer SpiegelDer Standart ✝ Die WeltDie Zeitgraswurzelrevolution ✝ Schreibheft ✝ Süddeutsche ZeitungBuchkulturwespennest ✝

Weitere Nachrufe:

André Bucher: „ich will nicht sein, so wie ihr mich wollt“
Neue Zürcher Zeitung, 13.6.2000

Martin Halter: Der Lyriker als Popstar
Badische Zeitung, 13.6.2000

Norbert Hummelt: Ein aufregend neuer Ton
Kölner Stadt-Anzeiger, 13.6.2000

Karl Riha: „ich werde hinter keinem her sein“
Frankfurter Rundschau, 13.6.2000

Thomas Steinfeld: Aus dem Vers in den Abgrund gepoltert
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.6.2000

Christian Seiler: Avantgarde, direkt in den Volksmund gelegt
Die Weltwoche, 15.6.2000

Klaus Nüchtern: Im Anfang war der Mund
Falter, Wien, 16.6.2000

Bettina Steiner: Him hanfang war das Wort
Die Presse, Wien, 24.6.2000

Jan Kuhlbrodt: Von der Anwesenheit
signaturen-magazin.de

Zum 90. Geburtstag von Ernst Jandl:

Alexander Kluy: „Und was wirst du dann sagen?“
Buchkultur, Österreich Spezial, 2015

 

Zum 20. Todestag von Ernst Jandl:

Gedanken für den Tag: Cornelius Hell über Ernst Jandl
ORF, 3.6.2020

Markus Fischer: „werch ein illtum!“
Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien, 28.6.2020

Zum 100. Geburtstag von Ernst Jandl:

Thomas Schmid: „Wir haben uns von dem, was die moderne Welt zur Hölle macht, seit 1945 noch nicht getrennt“
Die Welt, 31.7.2025

Klaus Nüchtern: Der Dichter gehört gehört
FALTER, 29.7.2025

Marcus Golling: So wie Ernst Jandl wird kein anderer jemals jandeln
Südwest Presse, 30.7.2025

Maria Renhardt: Ernst Jandl zum 100. Geburtstag: Gedichte[,] die nicht kalt lassen
Die furche, 31.7.2025

Peter Gnaiger: ottos mops trotzt: Zum 100. Geburtstag von Dichter-Legende Ernst Jandl
Salzburger Nachrichten, 25.7.2025

Tobias Stosiek: Ein „Sprachenschmutzer“
BR Klassik, 1.8.2025

Teresa Präauer: „die welt ist laut / laut ist schön!“
Süddeutsche Zeitung, 31.7.2025

Thomas Blum: t-t-t-t / t-t-t-t!
nd, 31.7.2025

Bernd Melichar: „Was ich will sind Gedichte die nicht kalt lassen“
Kleine Zeitung, 31.7.2025

Bernd Noack: Rinks oder lechts – die Richtung stimmt immer nie: Ernst Jandl zum 100. Geburtstag
NN.de, 31.7.2025

Florian Neuner: „auf den schaufeln von worten“
junge Welt, 1.8.2025

Michael Luisier: Der steinige Weg des Genies
SRF, 1.8.2025

Paul Jandl: Depressionen und Krisen quälten ihn – nur der Witz konnte ihn von sich selbst befreien
Neue Zürcher Zeitung, 1.8.2025

Walter H. Krämer: Ernst Jandl: Ottos Mops kotzt
evangelisch.de, 1.8.2025

Ronald Pohl: 100 Jahre Ernst Jandl: Erst durch seine Dichtung werden die Spießer lebendig
Der Standart, 1.8.2025

Ernst Jandl zum Hunderter: Neun Menschen erinnern sich
Die Presse, 1.8.2025

Peter Mohr: Wenn Ottos Mops kotzt
titel-kulturmagazin.net, 1.8.2025

Arne Rautenberg: du sein blumenbein
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1.8.2025

Christoph Hartner: Er hat uns eine ganz neue Sprache hinterlassen
Kronen Zeitung, 1.8.2025

Post macht Marke – Jandl macht Sprache
ots.at, 14.10.2025

 

 

Bild von Juliane Duda mit den Texten von Fritz Schönborn aus seiner Deutschen Dichterflora. Hier „Jandldadei“.



Peter Wawerzinek parodiert Ernst Jandl.

 

Ernst JandlDas Öffnen und Schließen des Mundes – Frankfurter Poetikvorlesungen 1984/1985.

 

Ernst Jandl … entschuldigen sie wenn ich jandle.

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