Georg Trakl: Gedichte

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Georg Trakl: Gedichte

Trakl-Gedichte

DER HERBST DES EINSAMEN

Der dunkle Herbst kehrt ein voll Furcht und Fülle,
Vergilbter Glanz von schönen Sommertagen.
Ein reines Blau tritt aus verfallener Hülle;
Der Flug der Vögel tönt von alten Sagen.
Gekeltert ist der Wein, die milde Stille
Erfüllt von leiser Antwort dunkler Fragen.

Und hier und dort ein Kreuz auf ödem Hügel;
Im roten Wald verliert sich eine Herde.
Die Wolke wandert übern Weiherspiegel;
Es ruht des Landmanns ruhige Geberde.
Sehr leise rührt des Abends blauer Flügel
Ein Dach von dürrem Stroh, die schwarze Erde.

Bald nisten Sterne in des Müden Brauen;
In kühle Stuben kehrt ein still Bescheiden,
Und Engel treten leise aus den blauen
Augen der Liebenden, die sanfter leiden.
Es rauscht das Rohr; anfällt ein knöchern Grauen,
Wenn schwarz der Tau tropft von den kahlen Weiden.

 

 

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Nachwort

I

Blickt man von Süden her über den von Touristen und ihren Autos unpassierbar gemachten Mozartplatz in Salzburg, so hat man ein vierstöckiges, frei stehendes Haus vor sich, in dem sich das jedem Besucher der Stadt bekannte Café Glockenspiel befindet. Rechts neben dem Haus liegt der kleine Waagplatz, nur ein paar Meter lang und breit, begrenzt von der gleichen Häuserfront, die auch den Mozartplatz nach Osten abschließt. Im Hause Waagplatz Nr. 2 wurde Georg Trakl 1887 geboren, im gegenüberliegenden Hause Nr. 3, eben jenem mit dem Café, hat er seine Kindheit und Jugend verbracht. In den Räumen des heutigen Cafés befand sich bis zum Jahre 1913 die Eisenhandlung des Tobias Trakl. Die zahlreiche Familie bewohnte die oberen Stockwerke.
Der Eisenhändler, ein gutmütiger, stiller, kaisertreuer Kleinbürger, war beliebt und erfolgreich. Er wurde nicht nur Hausbesitzer, er ließ seine sechs Kinder Gymnasien beziehen und von Gouvernanten und Musiklehrern unterrichten. Materielle Sorgen hat die Familie zunächst nicht gekannt – sie setzten erst nach dem Tode des Vaters kurz vor dem Weltkrieg ein. Georgs Kindheit in der herrlichen, von Glorie und Verfall gezeichneten Stadt hätte unbeschwert sein können, wären da nicht ein paar beunruhigende Umstände gewesen. An der Seite eines freundlichen Mannes, dem nichts über eine Partie Karten und ein Glas Bier ging, zeigte Frau Maria Trakl Sinn für Höheres, sammelte Möbel und Kunstgewerbe, bekundete aber auch einen Hang zur Selbstisolierung – nie ertrug sie lange Mann und Kinder, sie verfiel in Schweigen, zog sich in ihre Zimmer zurück, die sie mit den erworbenen Schätzen füllte, zeigte sich ganze Tage nicht und erschien erst wieder, und nur für kurze Zeit, wenn sie ihre Sammlungen vor jedem fremden Blick verschlossen hatte. Schaut man heute auf die Fotografien der Kinder, hat man einen weiteren Grund zum Nachdenken. Von den Gesichtern der Geschwister, ernsten, ganz durchschnittlich lieben Kindergesichtern heben sich zwei ab: das Gesicht Georgs und das der jüngeren Schwester Grete. Wie, fragt man sich, sind diese beiden wilden, einander so ähnlichen Masken in diesen friedlichen Clan geraten…

 

II
Der unerfreulichste Aspekt, den unter Umständen ein Dichter bieten kann, ist nicht von ihm verschuldet, sondern von seinen Exegeten. Otto Basil macht sich mit Recht lustig über eine Trakl-Kirche, die von den Dunkelheiten eines Genies lebt und die Schreckenslaute des Bedrängten für einen Quell der Erkenntnis ausgibt. Die manischen Offenbarungen, die aus dem Mund dieser Verse fallen, weisen keine Wege; sie verkünden nicht, sie künden an; sie sind der unerwartete Windstoß, der dem Hagelschlag vorausgeht. Trakl hat sein Geheimnis, wie jeder Mensch. Seine Geschwister, seine wenigen Freunde haben von ihm gesagt, er sei ein ganz normaler Junge gewesen, der gern spielte, im Garten tobte, Karl May las. Später habe er sich in sich selber zurückgezogen, seine Leistungen in der Schule hätten sich verschlechtert. Mit siebzehn Jahren flüchtet Trakl zum erstenmal in den Ätherrausch. Als er wegen schlechter Leistungen von der Schule abgeht, wird er Lehrling in einer Apotheke. Von diesem Moment an hat er leichten Zugang zu jenen Drogen, denen er verfällt. Es bleibt nicht dabei. Daß er oft schon vormittags mehr als einen Liter Wein trinkt, weiß man aus seinen Briefen.
Und man kennt die einzige, die verbotene Liebe zu seiner Schwester Grete, weil sie in den Gedichten steht. Die Briefe an Grete hat die Familie vernichtet. Trakl war nicht der Mann mündlicher oder schriftlicher Geständnisse. Selbst den vertrauten Freunden oder Förderern gegenüber geht er nicht über Andeutungen hinaus. Ludwig von Ficker, dem Herausgeber des Brenner, schreibt er im Herbst 1913 einen Brief, dessen eigentliche Bedeutung dem Empfänger selbst unbekannt blieb und für den es bis heute keinen Schlüssel gibt:

Es haben sich sonst in den letzten Tagen für mich so furchtbare Dinge ereignet, daß ich deren Schatten mein Lebtag nicht mehr loswerden kann… Mein Leben ist in wenigen Tagen unsäglich zerbrochen worden, und es bleibt nur ein sprachloser Schmerz, dem selbst die Bitternis versagt ist.

Inzest und Rausch einerseits, die Unfähigkeit andererseits, sich über eine heuchlerische Gesellschaft hinwegsetzen zu können – beides macht das Verhängnis eines Lebens aus. Trakl blieb den Vorurteilen seines Milieus verhaftet, es war ihm nicht möglich, sich aus ihnen zu befreien. Aus den Kavernen dieser Dichtung hallt es von Schuld. Trakls einziger Widerstand gegen das, was er durchlebte, was ihn umgab, war Klage und das Aufrufen einer archaischen Zeit ohne Entfremdung, „da in seiner Kammer der Mensch Gerechtes sann“. Trakls Haß auf seine Zeit, auf die Städte Wien und Innsbruck, auf die Leiden der Armen, auf die Schmach einer Operettenkultur und die Jagd nach Geld formuliert sich nicht im Gedicht, er wird von den Freunden bezeugt. Einer erzählt, wie Trakl mit starrem Gesicht eines Tages gesagt habe: „Ich wünsche jedem Deutschen das Beil des Henkers.“ Was Trakl meinte, sagt eine andere Episode mit anderen Worten. Da trug man bei einer Dorfkirmes hinter der Blasmusik einen geschmückten Kalbskopf an ihm vorbei, der als Preis beim Wettschießen ausgesetzt war. Trakl, sagt der Zeuge, habe an allen Gliedern zu zittern begonnen und gesagt: „Das ist unser Herr Jesus Christus.“

 

III
Trakls Leben verlief ereignislos, freudlos, erfolglos zwischen Salzburg, Wien und Innsbruck. Es war nicht lebbar. Ein junger Mensch schlug die Apothekerlaufbahn ein, weil sie, nach seinem Scheitern an der Schule, als einzige ihm ein Universitätsstudium ermöglichte und weil er Drogen brauchte. Er bestand die notwendigen Prüfungen, wurde Magister der Pharmazie, leistete als Einjährig-Freiwilliger seine Militärzeit ab, auch diese im pharmazeutischen Bereich.
Die Versuche, eine bürgerliche Existenz zu führen, schlugen fehl. Er litt bereits an Angstzuständen, floh von den Straßen, konnte kein Verkehrsmittel benutzen. Ein paarmal war er Beamter. Dies ist der Verlauf eines solchen Versuchs: Ende 1912 soll er einen Posten im Arbeitsministerium erhalten. Er bittet um einen Aufschub von vier Wochen, erhält ihn und schreibt einen Monat später, nachdem er zwei Stunden Dienst getan hat, sein Abschiedsgesuch.
Der Gymnasiast hatte begonnen, Gedichte zu schreiben oder, mit dem Wort seiner Umwelt, zu „spinnen“. Zwei Einakter des Neunzehnjährigen hatte das Salzburger Stadttheater aufgeführt. Die frühen Gedichte, jene also, die vor 1910 geschrieben wurden, hatte Trakls Jugendfreund Buschbeck vergeblich Verlagen angeboten. Buschbeck hat sie übrigens Jahrzehnte später, nämlich 1939, herausgegeben, ohne dem toten Trakl damit einen besonderen Dienst zu erweisen. Das eigentliche Werk Trakls, das an die zweihundert Seiten füllt, entsteht in den letzten vier Lebensjahren. Zu Trakls Lebzeiten erscheint, von wenigen Beiträgen in Zeitungen und Zeitschriften abgesehen, nur ein schmaler Band Gedichte bei Kurt Wolff. Die Größe dieser Dichtung, die vom späten Hölderlin herkommt in jenem Sinn, daß wirkliche Dichter einander das Wort erteilen, wird von wenigen erkannt, von Ludwig von Ficker vor allem und seinen Mitarbeitern. Karl Kraus schreibt über Trakl:

… Es sind die Vollkommenen, die fertig wurden, als es zu spät war. Sie sind mit dem Schrei der Scham auf eine Welt gekommen, die ihnen nur das eine, erste, letzte Gefühl beläßt: zurück in deinen Leib, o Mutter, wo es gut war!

Es existiert noch Trakls telegrafische Antwort an Kraus:

Ich danke Ihnen einen Augenblick schmerzlichster Helle.

 

IV
In den letzten Monaten vor dem Krieg verläßt Trakl ein paarmal die gewohnte Umgebung. Einmal ist er in Venedig, einmal in Berlin. Für einen Moment scheint seine materielle Not ihr Ende zu finden: Ludwig Wittgenstein, der später so berühmt gewordene Philosoph, will, nachdem er Erbe eines großen Vermögens geworden ist, einigen bedeutenden Dichtern eine beträchtliche Summe zukommen lassen, einen Teil soll Rilke erhalten, einen anderen Trakl. Als Ludwig von Ficker zusammen mit ihm die Bank betreten will, in der das Geld bereitliegt, weigert sich Trakl die Schwelle zu überschreiten und flüchtet.
Am 24. August 1914 bricht der Medikamentenakzessist Trakl mit seiner Sanitätsabteilung nach Galizien auf. Während der Schlacht bei Grodek hat er einen Verbandplatz zu leiten, der ohne ärztliche Hilfe ist. Vor seinen Augen erschießen sich Schwerverwundete, die ihre Qualen nicht mehr ertragen. Um den Verbandplatz schaukeln tote Bauern in den Bäumen, die man als angebliche Spione erhängt hat. Während des Rückzugs schreit Trakl plötzlich, er könne so nicht weiterleben. Er versucht, sich eine Kugel in den Kopf zu schießen. Man reißt ihm die Pistole weg und bringt ihn in die Psychiatrie nach Krakau. Dort sieht ihn Ficker noch einmal. Trakl spricht nur davon, daß man ihn vor ein Kriegsgericht stellen werde.
Er stirbt ein paar Tage später, siebenundzwanzig Jahre alt, durch Kokain, das er heimlich bei sich getragen hatte. Seine Schwester Grete tötet sich drei Jahre darauf.

Stephan Hermlin, Nachwort

 

Georg Trakl in der DDR

Durch den Leipziger Reclam-Verlag werden seit zehn Jahren den DDR-Lesern deutsche Dichter des 20. Jahrhunderts vorgestellt, deren Werke vor dem Mauerbau 1961 noch als „bürgerlich-dekadent“, ja als „schädlich“ für den Aufbau des Sozialismus galten. Eingesetzt hatte diese, gemessen an der engstirnigen Kulturpolitik der fünfziger Jahre, unerwartete Rezeptionsfreudigkeit 1965, nachdem man weitgehend die theoretischen Positionen des bis 1956 hochgeschätzten Georg Lukacs (1885–1971), wie er sie in seinem Expressionismus-Essay von 1934 vertrat, hatte überwinden können. Damals erschien ein schmales Bändchen mit 72 Gedichten Georg Heyms (1887–1912), dessen Auswahl und Nachwort von Stephan Hermlin stammte.
Als wäre durch diese verlegerische Tat eine ideologische Sperre durchbrochen worden, edierte drei Jahre später der Ostberliner Germanist Werner Mittenzwei die expressionistische Lyrikanthologie von Kurt Pinthus Menschheitsdämmerung (1920), in deren Einleitung „Der Expressionismus. Aufbruch und Zusammenbruch einer Illusion“ er die These von Georg Lukacs, der Expressionismus sei eine präfaschistische Literaturströmung gewesen, verwarf und die positiven Aspekte betonte:

Aus der expressionistischen Dichtung spricht noch nicht die Stimme der Revolution, aber doch die Ahnung und Erwartung kommender grosser Umwälzungen.

Doch war damit die Expressionismus-Rezeption keineswegs erschöpft: 1967 publizierte Klaus Kändler zwei inzwischen längst vergriffene Bände Expressionismus. Dramen, 1969 Martin Reso einen Band Expressionismus. Lyrik und schliesslich 1971 Friedrich Albrecht die Anthologie Ludwig Rubiners Kameraden der Menschheit (1919) als Dokument des „linken aktivistischen Flügels der expressionistischen Bewegung“, das den Uebergang zur sozialistischen Literatur der Weimarer Republik anzeigen sollte. Diese neu gewonnenen Positionen wurden 1972 durch Reinhard Weisbachs Buch Wir und der Expressionismus abgesichert.
Nach Gedichtausgaben von Friederike Kempner (1971), Peter Hille (1975) und Rainer Maria Rilke (1975), dem ein positives Verhältnis zur russischen Literatur nachgerühmt wurde, liess der Reclam-Verlag 1975 auch ein Bändchen mit knapp 80 Trakl-Gedichten folgen, dessen Auswahl Franz Fühmann und dessen Nachwort wiederum Stephan Hermlin, der sich offensichtlich in Salzburg, dem Geburtsort des Dichters, umgesehen hat, besorgten. Der vermutlich bedeutendste Lyriker des expressionistischen Jahrzehnts ist lange Zeit von der DDR-Germanistik verkannt oder, was schlimmer ist, überhaupt nicht wahrgenommen worden, in Günther Deickes und Uwe Bergers Deutschem Gedichtbuch (1959), als dessen Auswahlkriterium das „Ueberkommene vom Standpunkt der Arbeiterklasse prüfend“ galt, ist er mit kümmerlichen sechs Gedichten vertreten, und im zweiten Band des Leipziger Lexikons deutschsprachiger Schriftsteller (1974) werden seine Gedichte als „Traumbilder, erfüllt von der Ahnung einer untergangsreifen, chaotischen Zeit, von Ablehnung und Ekel gegenüber Erscheinungen der imperialistischen Gesellschaft“ bezeichnet, als ob solche Zustände und ihr lyrischer Reflex in sozialistischer Umwelt unvorstellbar wären.
Eine Trakl-Forschung, ähnlich einer inzwischen längst abgeklungenen Kafka-Forschung als Sekundärliteratur (Klaus Hermsdorf, Helmut Richter) zu offiziell verbotenen und nur 1965 in einer limitierten Auflage gedruckten Texten, gibt es in der DDR nicht und wird es wohl in absehbarer Zeit nicht geben; der einzige Ansatz dazu, ein Aufsatz Silvia Schlenstedts 1959 in den Weimarer Beiträgen, fand keinerlei Beachtung:

Hier zeigen sich deutlich die Grenzen Trakls im Erfassen der Wirklichkeit seiner Zeit, Grenzen, die bedingt sind durch seine weltanschauliche Position. Obgleich er spürt, dass der Mensch in der bürgerlichen Welt leiden muss, dass diese Welt krank und überlebt ist, obgleich er diese Welt ablehnt, identifiziert er sich mit ihr: typisch für einen Sprecher einer, historisch gesehen, untergehenden Klasse sieht er nicht nur seine Klasse, sondern die ganze Welt untergehen…

Jörg Bernhard Bilke, Die Tat, 19.3.1976

 

Der Herbst des Einsamen

– Vor hundert Jahren, am 3. November 2014, starb der Dichter Georg Trakl: Eine Erinnerung an die Zeit, als die erste Begegnung mit seinen Versen zu einer Zäsur in meinem Leben wurde. –

Das erste Gedicht, das ich von Georg Trakl las, war „Der Herbst des Einsamen“, das zweite „Grodek“. Die Texte, mit Schreibmaschine abgeschrieben, besitze ich noch immer, lose Blätter in einem Schnellhefter zu „Lyrik der Neoromantik und des Expressionismus“. Den Hefter hatte ich zu Beginn meines Studiums angelegt, Mitte der Achtzigerjahre. Vorn die Mitschriften und Exzerpte zur Vorbereitung des Seminars, hinten, auf dem Hefterdeckel, ein paar eigene Schreibversuche, spontane Kritzeleien, nur einzelne Wendungen und Worte.
Die Begegnung mit Georg Trakls Gedichten war als Ereignis so groß und umfassend, dass ich es zunächst kaum verstehen konnte. Zwei Nächte lang schlief ich kaum, um alles über den Heeresapotheker, Morphinisten und Opiumesser aus Salzburg zu lesen, was in unserer Institutsbibliothek vorrätig war. Dabei hätte ich nicht sagen können, woher die unmittelbare Wirkung dieser Gedichte auf mich eigentlich rührte:

Unter Dornenbogen
O mein Bruder klimmen wir blinde Zeiger gen Mitternacht.

– Ja. – Ja? Ich hatte kaum Lektüre-Erfahrung, ich war nicht gebildet oder „vorgebildet“, ich kam vom Bau (Baufacharbeiter mit Abitur hieß meine Lehre, mit Fächern wie Baukonstruktionslehre, Werkstoffkunde, Statik) und hatte erst ein gutes Jahr zuvor, während meiner Armeezeit, begonnen zu lesen. Trakl schlug mich vollständig in Bann.
Tatsächlich zählten die Seminare zur Lyrik des Barock, der Romantik und des Expressionismus zu meinen ersten Exkursionen ins Gebiet der Literatur. Und genauso lesen sich meine Exzerpte zu Trakl im Expressionismus-Hefter – beflissen und bemüht um jedes Detail einer unbekannten Welt, die ich erobern wollte, weil ich gespürt hatte, dass sie mein Eigenes enthielt oder damit in Verbindung stand. Am Ende umfasste mein Exzerpt gut zwanzig Blätter, mit blauer Tinte eng beschrieben, auf dem breiten Blattrand für Ergänzungen sind die Signaturen der gelesenen Bücher vermerkt, fast ausschließlich Titel aus Vorkriegszeiten, eine Dissertation von 1926, ein Artikel der Zeitschrift Klingsor oder Das Sinnesleben des Dichters von Dr. med. Walther Riese, Stuttgart 1928. Aus heutiger Sicht eine krude Anhäufung hochtrabender literarischer Vergleiche (meist Hölderlin, auch Goethe) und hermeneutischer Exzesse von „Schauungen der Seele“ über „intuitive Gesichte“ bis hin zur „geistig-intuitiven Wesensschau“ – und auch das Wort vom „neuromantischen Chaotiker“ habe ich notiert.
Ich verstand wohl nicht viel, aber ich spürte, dass all diese Inaugural-Dissertationen und Analysen etwas umkreisten, das mir in Gedichten wie „Herbst des Einsamen“, „Sonja“ oder „Elis“ vom ersten Lesen an begegnet war: die „blaue Stille“, die „braune Stille“, das „Wandeln in Verlassenheit“ oder ein Vers wie „Am Abend regt auf Inseln sich Geflüster“ im Gedicht vom „Traum des Bösen“.
Schließlich war ich von meinen Nachtschichten mit Lektüre und Exzerpieren derart übermüdet, dass ich im Seminar, auf das ich mich doch so sorgfältig vorbereitet hatte wie auf kein anderes bisher, keinen einzigen Satz herausbrachte. In einer Art Dämmerzustand oder Halbschlaf lernte ich, wie ein Versmaß namens Endecasillabo funktioniert – ein fünfhebiger Jambus zieht sich durch mit Auftakt und klingender Kadenz, bis ein gedachtes Metrum und der Rhythmus des Ganzen harmonieren. Elf Silben, die Hauptbetonung immer auf der zehnten. Ergebnis ist der Eindruck von Feierlichkeit: „Der dunkle Herbst kehrt ein voll Frucht und Fülle“, so hebt der „Herbst des Einsamen“ an. Ich lernte etwas über Vokalistik (das A bei Trakl als ein Laut bittender Erhabenheit), über Assonanzen und den Klang des Ganzen – wie das Musikalische die Sinneinheit des Gedichts übernimmt und es dabei zu Korrespondenzen vordringt, die weiterschwingen in der Tiefe unseres Selbst.
Vielleicht hatte mein Schweigen im Seminar auch damit zu tun, dass ich irritiert war vom Schwung der Deutungen, dem Pathos der Hermeneutik alter Schule und erst später begriff ich, was diese allererste Zeit mit Trakls Versen für mich eigentlich bedeutete: den Beginn eines neuen, eigenen Lebens. Eine Verwandlung, eine Zäsur. Erst jetzt, mit Trakls „Herbst des Einsamen“ im Ohr, konnte ich mein bisheriges Dasein auf Baustellen und in Maurer- und Zimmermannsbrigaden endgültig hinter mir lassen – so dachte ich damals.
Was genau genommen ja niemals geschieht, denn alles, was war, bleibt für immer ein Teil des eigenen Lebens, und auch das Bauwesen geht ins Schreibwesen ein, wenn nicht als Thema oder Stoff, so doch als eine Einstellung im Umgang mit der Sprache, und auch sonst war es damals noch lange nicht vorbei. Als die Mauer fiel, kam der Maurer wieder ins Spiel: „Du hast ja noch dein ganzes Werkzeug, Junge“, sagte meine Mutter, als wir am 10. November, einen Tag nach der Grenzöffnung, miteinander telefonierten – ein Dasein als Maurer schien ihr unter allen Umständen geeignet, eine Existenz zu sichern, geeigneter jedenfalls als die Literatur.
Was also war dieses Neue, das von Trakls „Herbst des Einsamen“ ausging? Kurz gesagt: Es war das Erlebnis des Gedichts, eine Art Epiphanie – etwas wird in Worten hörbar, das sich nicht in Worte fassen lässt. Und nicht nur etwas, sondern vielmehr, das Eigentliche, Wesentliche, so jedenfalls empfand ich es damals. Dazu das Gefühl, den Eingang in eine neue Freiheit gefunden zu haben, die Verheißung einer eigenen, phantastischen Welt jenseits der öden, reglementierten, die uns umgab.
Wie seltsam dabei, dass es gerade die Gedichte Georg Trakls waren, die dieses Gefühl einer Öffnung bewirkten, Gedichte, in denen doch eher die Bilder von Abschließung und Abwendung überwiegen, eine Abkapslung vom äußeren Leben, die mir wie eine Unabhängigkeitserklärung vorkam:

In blauem Kristall
Wohnt der bleiche Mensch, die Wang an seine Sterne gelehnt…

Ja, sicher, er ist allein und bleich, aber ganz für sich, und er hat seine eigenen Sterne, für euch unerreichbar, dachte ich, aber für ihn so nah und vertraut, dass er jederzeit seine Wange daran legen kann. So ungefähr. Die Wohnorte der Seele sind ein großes Thema in Trakls Werk – Franz Fühmann hat in seinem großen, unübertroffenem Essay Vor Feuerschlünden. Erfahrung mit Georg Trakls Gedicht darauf hingewiesen. Die Sehnsucht nach einer Behausung des Eigenen, Geistigen war etwas, das auch uns umtrieb, damals im Seminar. Die Literatur konnte das sein, daran hatte ich fortan keinen Zweifel mehr, und genau das war der Beginn jenes neuen Lebensgefühls.
Voraussetzung dafür waren zweifellos die Umstände der Zeit Mitte der Achtzigerjahre. Die Verweigerung von Gefolgschaft wird eine Rolle gespielt haben – die Dichter der sogenannten mittleren Generation (unserer Väter, wenn man so will) dominierten die Literatur der Gegenwart mit ihren an Brecht und der Aufklärung geschulten Poetologien. Und mindestens ebenso wichtig scheint mir heute die überbordende Emotionalität der jungen Jahre, als ein Gedicht als die kostbarste Sache der Welt angesehen werden konnte und ebenso behandelt wurde. Heute kann man das belächeln, diese manchmal unerträgliche Ernsthaftigkeit, jenen Überschuss an Glauben und Gefühl, ohne den jedoch kein tragfähiger Anfang zustande kommt und der auch in späteren Zeiten fortwirkt als eine Art Glutkern im Umgang mit Literatur, trotz gewachsener Skepsis und nachlassender Neugier.

Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
Von tödlichen Waffen, die goldenen Ebenen
Und blauen Seen, darüber die Sonne
Düstrer hinrollt…

Das zweite Trakl-Gedicht, das wir im Seminar besprachen, war „Grodek“. Es hatte mich damals nicht im gleichen Maße berührt wie „Der Herbst des Einsamen“, ich wusste auch kaum etwas darüber, meine Exzerpte gaben dazu nichts her. Ich wusste auch nicht, dass Grodek in Galizien liegt, bei Lemberg, hatte keine Ahnung von den Hintergründen des Gedichts, das mir heute als eines der stärksten erscheint. Nach der Schlacht bei Grodek war Trakl zwei Tage mit neunzig Schwerverwundeten in einer Scheune eingeschlossen, ohne Arzt und ohne Medikamente. Mit Soldaten, die darum bettelten, erschossen zu werden und solchen, denen das noch selbst gelang. „Sterbende Krieger, die wilde Klage / Ihrer zerbrochenen Münder“ – Trakl war ihr Sanitäter, er war verantwortlich. Die Wände der Scheune seien voller Blut und Gehirn gewesen, so heißt es in einem Augenzeugenbericht, auf den sich Ludwig von Ficker bezieht, Trakls Freund und Förderer.
Als Trakl nach zwei Tagen das Notlazarett verlassen konnte, hingen die Bäume voller Leichen, eine Vergeltungsaktion der k.u.k. Armee, der Trakl angehörte. „Was kann ich tun, wie soll ich helfen?“, soll er den Toten zugerufen haben. Im Oktober 1914 wurde Trakl zu „Beobachtung und Diät“ nach Krakau gebracht. Er hatte versucht, sich umzubringen, und er hatte sich als Dichter bezeichnet, was den Ärzten des Garnisonshospitals ihre Diagnose („Geistesstörung“) zu bestätigen schien. Wenige Tage vor seinem Tod bittet Trakl den Kurt Wolff Verlag telegrafisch um die Zusendung eines Exemplars von Sebastian im Traum, jener Sammlung, die auch das Gedicht „Der Herbst des Einsamen“ enthält. Am 3. November stirbt der Dichter an einer Überdosis Kokain, das er heimlich immer bei sich trug. Sein neues Buch hat er nicht mehr gesehen.
Am 6. Februar 2008 hatte ich eine Lesung von Gedichten in Innsbruck, im Literaturhaus am Inn, in dem auch das Archiv des Brenner untergebracht ist, jener Zeitschrift, in der Trakl die meisten seiner Texte publiziert hat. „Hier liegt Trakl“, plötzlich hatte ich diesen Gedanke, mitten in meiner Lesung – warum nicht schon eher, fragte ich mich später, auf dem Heimweg, als ich den Augenblick ins Notizbuch schrieb, es war, als hätte erst das Lesen der Gedichte ein Licht eingeschaltet in meinem Kopf. Und tatsächlich: Genau in meinem Rücken, hinter der Bühne, backstage sozusagen, lag der Eingang ins Brenner-Archiv. Nach der Lesung fragte ich danach, und es stellte sich heraus, dass der Leiter des Archivs im Publikum gewesen war. Zwei Minuten später hielt ich das Kästchen mit Trakls letztem Brief (dem sogenannten Testamentsbrief) in den Händen.
Oben lag der Brief mit dem Vermächtnis („dass meine liebe Schwester Grete, alles was ich an Geld und sonstigen Gegenständen besitze, zu eigen haben soll“), darunter die letzten beiden Gedichte, „Klage“ und „Grodek“. Vor seinem Tod hatte Trakl den Brief mit den Gedichten nach Innsbruck geschickt – zur Veröffentlichung im Brenner. „Grodek“: das leicht fleckige graue Papier und die Bleistiftschrift – ein paar Sekunden hielt ich das Blatt in den Händen. Keine andere Dichtung hat mich schlaflos gemacht. Gut zwanzig Jahre nach unserem Seminar mit Lektürenächten und Exzerpten stand ich in Innsbruck, in der obersten Etage eines Hochhauses mit Blick auf den Inn, gelehnt an einem Archivschrank aus, Stahl und starrte auf das Blatt mit dem Gedicht. Es war, als hätte ich eine ziemlich lange Reise gemacht und wäre plötzlich angekommen.
Das erste Gedicht mit dem Titel „Klage“ war klar und akkurat in der Handschrift – um Fehlern im Druck vorzubeugen, erklärte der Archivar. „Grodek“ jedoch, das zweite Gedicht, war nur bis zur fünften Zeile gut lesbar. Mit dem Vers von den sterbenden Kriegern und „der Klage ihrer zerbrochenen Münder“ endete das Bemühen des Dichters um eine gute Druckvorlage – als wäre es ihm plötzlich nicht mehr darauf angekommen. Trakl hatte aufgegeben, mitten im Gedicht.
„Wahrscheinlich hat er es schon geahnt, ein paar Tage später war er tot.“ Der Archivar nahm mir das Blatt aus den Händen und verwahrte es im Kästchen. „Oben etwas Staub auf dem Stahlschrank, klimatisierter Raum, zehnte Etage“, steht in meinem Notizbuch über diesen Tag in Innsbruck. Nicht nur der Glutkern der frühen Jahre (die Bereitschaft abzuknien vor einem guten Gedicht) ist entscheidend für das Schreiben, auch die manische Sucht nach dem Detail, wie belanglos es auch immer erscheint – nur etwas Staub auf einem Stahlschrank, in dem „Grodek“ liegt.

Lutz Seiler, Süddeutsche Zeitung, 31.10./1./2.11.2014

Georg Trakl (1887–1914)1

Ein melancholischer Idylliker. Das war früher ein Widerspruch, da die Idylle freundliches Leben und Behaglichkeit atmet. Von Trakl wird sie umgebogen mit einem neuen Sinn erfüllt. Dieselben Eindrücke, die etwa in Joh. Heinrich Voss bejahendes Lebensgefühl wecken, werden Trakl zu schweren seelischen Erschütterungen:

Ein Lied zur Guitarre, das in einer fremden Schenke erklingt,
die wilden Hollunderbüsche dort, ein lang vergangener Novembertag,
Vertraute Schritte auf der dämmernden Stiege, der Anblick gebräunter Balken,
Ein offenes Fenster, an dem ein süßes Hoffen zurückblieb –
Unsäglich ist das ,alles, o Gott, daß man erschüttert ins Knie bricht.

 

(Aus „Unterwegs“ [II])

Er malt Stilleben, die in ihrer Reizbarkeit jederzeit explodieren könnten, wenn nicht der schwere Mantel sanfter Melancholie sie niederdrückte. Diese Melancholie wird verstärkt durch das Bewußtsein, einem verderbten und verfluchten Geschlechte anzugehören, sie wird aktiv überhaupt nur in der Erinnerung an dunkle Tragödien des Vaterhauses. Sie wurzelt aber in der einsamen Welt des Dichters, der von seiner Jugend an wie ein Gezeichneter abseits seine Wege geht.
Die Freude am Gegenständlichen äußert sich in vielen der früheren Gedichte wie bei dem alten Voss in Aufzählungen: Es ist ein Licht…, Es ist ein Heidekrug…, Es ist ein Weinberg…, Es ist ein Raum…, Es ist eine Insel…, Es sind kleine Mädchen…, es sind Zimmer…, es sind Schatten… („Psalm“ [I, 2. Fassung]). Doch diese Eintönigkeit wird aufgehoben durch zwei Kunstmittel, die der harmlose Idylliker vor anderthalb Jahrhunderten noch nicht kannte: durch eine oft allzu knappe schlagwortartige Anhäufung ohne jeden Übergang und durch naturalistische Flecken, die grell belebend hervortreten. (Z.B. „Im Winter“ [I] und „Vorstadt im Föhn“.) Doch auch Lessings Forderung2 von der Umwandlung der Schilderung in Handlung hat bei Trakl Kostbarkeiten gezeitigt, die den japanischen Malereien an Schärfe der Beobachtung nicht nachstehen. Dazu tritt die Fortentwicklung der Bilder und Vergleiche – bekanntlich der beste Maßstab dichterischer Stärke – die, immer ursprünglicher, stärker und kühner, bei Trakl Blüten treibt, die beispielsweise schon Liliencron3 versagt waren, weil eine Generation dichterischer Entwicklung die beiden trennt. Unser Auge wird durch die Künstler von Geschlecht zu Geschlecht immer empfindlicher entwickelt, und Trakl zwingt uns oft und oft seine Bilder so eindringlich auf, daß sie unvergeßlich bleiben. In der Schule schrieben wir in das Heft: Der Vogel ist im Busch. Der Lehrer verbesserte diese farblose Allgemeinheit in das Sichtbare: Der Vogel sitzt im Busch. Trakl schafft das abgeschlossene japanische Bildchen: „Goldammern wiegt ein Busch in seinem Schoß“ [Der Spaziergang]. In der Schule schrieben wir kurz und abgegriffen: Man hört Glockenklänge. Bei Trakl sehen wir auch die Wellenbewegung der Luft, wenn er sagt: „Zitternd flattern Glockenklänge“ [Die schöne Stadt]. Oder wie wunderbar wird die österliche Stimmung geschildert:

Liebe; da in schwarzen Winkeln der Schnee schmolz,
Ein blaues Lüftchen sich heiter im alten Holunder fing,
In dem Schattengewölbe des Nußbaums;
Und dem Knaben leise sein rosiger Engel erschien.

 

Rosige Osterglocke im Grabgewölbe der Nacht
Und die Silberstimmen der Sterne

 

[Sebastian im Traum]

Andere Bilder: „Unter dem Haselgebüsch weidet der grüne Jäger ein Wild aus. Seine Hände rauchen von Blut und der Schatten des Tiers seufzt im Laub über den Augen des Mannes.“ [Verwandlung des Bösen, 2. Fassung]. Oder: „Aufflattert mit trunknem Flügel die Nacht“ [Gesang einer gefangenen Amsel]. Oder: „Schlafend wölbt sich über den Gießbach der Steg“ [Der Wanderer, 2. Fassung]. Oder: „Tiefer liebte er die erhabenen Werke des Steins; den Turm, der mit höllischen Fratzen nächtlich den blauen Sternenhimmel stürmt; das kühle Grab, darin des Menschen feuriges Herz bewahrt ist“ [Traum und Umnachtung]. Wie innig zart sagt er: „So schmerzlich gut und wahrhaft ist, was lebt / Und leise rührt dich an ein alter Stein; / Wahrlich Ich werde immer bei euch sein. / O Mund! Der durch die Silberweide bebt“ [Heiterer Frühling, 2. Fassung]. Oder besonders kühn: „Über unsere Gräber / Beugt sich die zerbrochne Stirne zur Nacht“ [Untergang, 4. Fassung]. Wie kühne Personifizierungen: „Ein böses Herz lacht laut im schönen Zimmern“ [Menschliches Elend – Menschliche Trauer, 2. Fassung]. Oder: „Eine schwarze Höhle ist unser Schweigen, / Daraus bisweilen ein sanftes Tier tritt / Und langsam die schweren Lider senkt“ [An den Knaben Elis]. Oder: „Schweigsam über der Schädelstätte öffnen sich Gottes goldene Augen“ [Psalm I, 2. Fassung]. Oder: „O, das gräßliche Lachen des Golds“ [An die Verstummten]. „Unter Dornenbogen/ O mein Bruder, klimmen wir blinde Zeiger gen Mitternacht“ [Untergang, 5. Fassung].
Und an anderer Stelle: „O! Verzweiflung, die mit stummem Schrei ins Knie bricht“ [Verwandlung des Bösen, 2. Fassung]. Zum Abschluß das kleine Gedicht „Die Raben“:

Über den schwarzen Winkel hasten
Am Mittag die Raben mit hartem Schrei
Ihr Schatten streift an der Hirschkuh vorbei
Und manchmal sieht man sie mürrisch rasten.
O wie sie die braune Stille stören,
In der ein Acker sich verzückt
Wie ein Weib das schwere Ahnung berückt,
Und manchmal kann man sie keifen hören
Um ein Aas, das sie irgendwo wittern,
Und plötzlich richten nach Nord sie den Flug
Und schwinden wie ein Leichenzug
In Lüften, die von Wollust zittern.

Schon Liliencron hätte nicht bemerkt, geschweige unsere Klassiker, daß der Schatten der hastenden Raben eine Hirschkuh streift oder daß durch ihren Flügelschlag die Lüfte von Wollust zittern. Wir sehen heute schärfer und mehr.
Doch auch sprachschöpferisch hat Trakl allen früheren Lyrikern gegenüber einen Vorsprung. Er hat zunächst neue Ausdrücke geschaffen, die bleiben werden. Wie neu und doch überzeugend malen folgende Stellen: „Jägerruf und Blutgebell“ [Herbstseele, 2. Fassung] beginnt ein Herbstgedicht, „braungolden“ [Traum des Bösen, 1. Fassung) sind die Klänge des Gongs, oder er spricht von dunkelgoldnen Frühlingstagen“ [Kindheit II] von der Silberstimme des Windes im Hausflur“ [Hohenburg, 2. Fassung], „reglos nachtet das Meer“ [In Venedig], „Niederblutet dunkler Tau“ [Nachergebung, 5. Fassung] und sehr kühn „die Schritte ergrünen leise im Wald“ [Der Wanderer, 2. Fassung] oder „Am Saum des Waldes will ich ein Schweigendes gehen“ [Offenbarung und Untergang].
Ganz neue Wirkungen ergeben sich auch dadurch, daß Trakl das Eigenschaftswort mit dem Zeitwort statt dem Hauptwort verbindet, wodurch es gesteigert wirkt. Z.B.: „Rötlich steigt im grünen Weiher der Fisch“ [Die Sonne], „Purpurn zerbrach der Gesegneten Mund“ [Stundenlied] „Silbern weint ein Krankes / Am Abendweiher“ [Abendland, 4. Fassung], „Und es blühte silbern der Dorn“ [Frühling der Seele II], „Die Kerzenflamme, die sich purpurn bäumt“ [In der Heimat], „Rosig hängt ein Tropfen Tau“ [Drei Blicke in einen Opal], „Rot vom Wald niedersteigt die Jagd“ [Geburt II].
Überhaupt werden die Farben von Trakl in der kühnsten Weise verwendet und erlangen unter seinen Händen eine Leuchtkraft, die mit den modernsten Malereien wetteifern kann. Wo sind die Zeiten, da ein moderner französischer Dichter4 mit einem Sonett Aufsehen erregte, in welchem die Vokale bestimmten Farben gleichgesetzt wurden? Bei Trakl finden wir nicht nur sinnliche Erscheinungen neu und beziehungsreich gefärbt, auch Unsichtbares, Gefühle und Leidenschaften werden durch starke Farben gleichsam sinnlich wahrnehmbar. Blau sind dem Dichter nicht nur der Felsenquell und der Weiher, sondern auch der Odem Gottes, ein Lüftchen, die Klage des Abends, der Frühling, ja die Seele. Braun ist das Dorf, der Wein, der Garten, die Stille des Herbstes, braun sind die Schatten, braun erhellt sind die Kirchen. Purpurn ist die Traube der Nachtwind, der Schlaf, der Nachttau; golden sind die Schatten der Schwermut, die Schritte des Einsamen, die Abendstille, die Kühle, der Kriegsschrei des Knaben. Schwarz sind der Wald, das Fieber, der Schlaf, die Höhle des Schweigens, der Regen und die Tränen; weiß die Sterne, das Wasser des Teichs. Rot ist der Jäger und rot ist die Pein; sonst verwendet Trakl Rot, Gelb und Grün drei so gewöhnliche Farben, fast nie.5 Dagegen mit wundervoller Schönheit „rosig“: „Von rosigem Hügel kommt der balsamische Wind“, „Rosige Osterglocke im Grabgewölbe der Nacht“ [Sebastian im Traum], rosige Seufzer und rosige Inseln, „rosig hängt ein Tropfen Tau“ [Drei Blicke in einen Opal], „Zaubrisches Rosengewölk“ [In Venedig], „Sichelmond in rosiger Schlucht“ [Der Wanderer, 2. Fassung]. Ganz neu, zuweilen auch sprachschöpferisch neu, erscheinen bei ihm monden, kristallen und hyazinthen. Er spricht von „mondenen Pfaden der Abgeschiedenen“, „mondenen Wintertagen“, mondenen Füßen, „mondenen Augen“. „In altem Gestein / Schaut aus kristallenen Augen die Kröte“ [Der Wanderer, 2. Fassung], „Drunten ans Tor klopft ein Engel mit kristallenem Finger“ [Verwandlung des Bösen, 2. Fassung], „Es zerbrach kristallen sein Herz“, „es klang kristallen sein Schritt“ [Traum und Umnachtung]. „Hyazinthen“ sind die Locken der Magd, ist der Hain, das Antlitz der Dämmerung, aber auch die Stimme des Knaben; „silbern“ schließlich sind die Hände, „silbern“ dämmern die alten Alleen, „Aus dem östlichen Tor trat silbern der rosige Tag“ [Winternacht]. Wen der „blaue Frühling“, der „schwarze Regen“ oder die „goldene Kühle“ ungeheuerlich anmuten, der erinnere sich, daß nicht nur die sinnlichen Erscheinungen zu verschiedenen Zeiten in verschiedener Beleuchtung andere Farben annehmen, die Maler z.B. mit ihren schärferen Augen auch blauen Schnee und blaue Pferde malen, sondern daß auch Gefühlswert und Gefühlsstimmungen abfärben. Wir haben als kleine Kinder gelernt: der Schnee ist weiß, der Wald ist grün, und wer nicht das Glück gehabt hat, sein Auge über solche Grundfarben hinaus zu entwickeln, der sieht den Schnee auch dann weiß wenn er ausgesprochen blau ist und den Wald auch darin grün, wenn er rosa oder violett ist.
Trakls aristokratische, übersättigte Dichtung liebt alte Städte, Kirchen, verfallende Parks und Alleen, altes Geräte ebenso, wie sie die primitive Gesundheit und Einfachheit der Idylle als verlorenes Paradies immer wieder aufsucht. Jäger und Hirten, der Dorffriedhof, die Abendglocke, das scheue Wild, die einsame Schenke, Holunder, die Amsel, Brot und Wein kehren in allen Dichtungen wieder. Mit einer Art frommer Pietät setzt er alte Ausdrücke an Stelle der gebräuchlich gewordenen modernen wieder ein vor allem „Odem“ und „odmen“ für Atem und atmen: „Geduldige Stille odmen die Föhren“ [Das Gewitter], „Des Herbstes goldner Odem“, „Blaue Kühle / Odmet das nächtige Tal“ [Die Heimkehr, 2. Fassung], „Der blaue Odem weht“ (Geistliches Lied]. Oder er schafft gewollt harte, unbehauene, kindliche Wörter, die noch an Klopstock erinnern, nennt den Mond die stille Mönchin“ [Die Schwermut] oder spricht von der goldenen Gestalt der „Jünglingin“ [Das Herz] oder von dem Schatten der „Fremdlingin“ [Offenbarung und Untergang]. Eine kindliche Wirkung erzielt er auch durch den häufigen Gebrauch von „höchst“ und „sehr“, plötzlich hineingesetzt mitten in anspruchsvolle Wörter: „Dieser höchst seltsame Garten / Dämmernder Bäume / Erfüllt von Schlangen, Nachtfaltern, / Spinnen, Fledermäusen“ [Der Schlaf, 2. Fassung], „Es ruht des Landmanns ruhige Geberde. / Sehr leise rührt des Abends blauer Flügel / Ein Dach von dürrem Stroh“ [Der Herbst des Einsamen], „Sehr still genießt / Ihr Gold die Sonnenblume und zerfließt“ [In der Heimat], „Im Teich vorbei auf süßer Fahrt / Ziehn Liebende sehr wunderbar“ [Romanze zur Nacht]. Doch diese naive Kindlichkeit stößt immer wieder an verderbte raffinierte Träume. Angstgesichter, Schreckgespenster suchen ihn heim: Tote, die ans Fenster klopfen, aufflatternde Fledermäuse, schreiende Ratten, der Friedhof und die verwesenden Toten, Spitäler, Aussätzige, blutbeflecktes Linnen, das Schlachthaus, Mönche, Irrsinnige, schwangere Frauen, Totenkammern, Fäulnis und greulicher Gestank verpesten diese friedliche Welt. „Wie scheint doch alles Werdende so krank!“ ruft der von schwärzestem Pessimismus Erfüllte in seinem Gedicht „Heiterer Frühling“ [2. Fassung], überall wittert er Verfall, aus blühendem Leben schlägt ihm schon Leichengeruch entgegen, und demutvoll senkt er sein Haupt, um wehrlos, duldend und leidend diese furchtbare Welt zu ertragen, gegen die er nur in sanfter Klage, wie Hölderlin, Einspruch erhebt. Ein krasser Eindruck in seiner empfindlichen, wundgeriebenen Seele verfolgt ihn immer wieder wie ein Angsttraum. Er sieht einmal ein zartes Wild im Tod zusammenbrechen, und jahrelang erscheint jetzt dies Bild (von ihm vielleicht auch als persönliches Schicksal empfunden) in seinen Gedichten: „Im Dornenstrauch verendet weich ein Wild“ [Der Spaziergang] oder „Ein Wild verblutet sanft am Rain“ [Im Winter I], „Sterbeklänge von Metall; / Und ein weißes Tier bricht nieder“ [In den Nachmittag geflüstert], „Ein blaues Tier will sich vorm Tod verneigen“ [Verwandlung, 2. Fassung], „Ein blaues Wild / Blutet leise im Dornengestrüpp“ [Elis, 3. Fassung], „sterbend Tier grüßt im Entgleiten“ [Sonja], „Schweigend erscheint die Nacht, ein blutendes Wild, / Das langsam hinsinkt am Hügel“ [Siebengesang des Todes] – von den ersten bis zu den letzten Gedichten wird er dies Bild nicht mehr los.
Man braucht nur das Inhaltsverzeichnis der Gedichte zu überfliegen, um immer wieder den Themen eines Melancholikers zu begegnen: Herbst, Melancholie des Abends, Traum des Bösen, Die Raben, Die Ratten, Allerseelen, Menschliches Elend, Dämmerung, Trübsinn, De profundis,6 Untergang, Die Verfluchten, Der Herbst des Einsamen, Ein Winterabend, Verwandlung des Bösen, Siebengesang des Todes, Passion, Vorhölle, Gesang des Abgeschiedenen, Die Schwermut, Nachtergebung, Klage, dazwischen eingesprengt auch freundlichere Farben. Doch der Grundton klingt überall durch. Zwei Zitate kennzeichnen den ganzen Dichter:

Immer wieder kehrst du Melancholie,
O Sanftmut der einsamen Seele

 

[„In ein altes Stammbuch“]

und

Und zum Grabe wird der Raum
Und zum Traum dies Erdenwallen

 

[„Nachtergebung, 5. Fassung“]

Wie Nikolaus Lenau ist auch ihm der Herbst die einzige Jahreszeit von Belang, eine unerschöpfliche Quelle seiner Melancholie. Der Tod lauert hinter allem. „Heut keltern sie den braunen Wein“, singt er in einem Herbstlied:

Da zeigt der Mensch sich froh und lind.
Heut keltern sie den braunen Wein.
Weit offen die Totenkammern sind
Und schön bemalt vom Sonnenschein.

 

[„Im Herbst“]

Dieser tiefeingewurzelte Pessimismus, der nicht eine vorübergehende Pubertätserscheinung, sondern die innerste Natur des Dichters ist, rechtfertigt nicht die Klage seiner Freunde, daß sein früher Hingang eine unabsehbare Entwicklung jäh abgebrochen habe. Denn Trakl stand schon als Jüngling am Ende. Er hätte sicher auch ohne den Weltkrieg bald Lenaus Schicksal7 gehabt. Seine Schwermut war unheilbar. Er war dem Leben verloren und hätte nur noch kurze Zeit dies Dasein in seinen wunderbaren Träumen fortgefristet. Wie todeswund und absolut echt schreibt er schon mit fünfundzwanzig Jahren seine Seele „In ein altes Stammbuch“! Hölderlins beginnende Umnachtung läßt sich nicht nachmachen. Trakls Gedichtband ist ein Abschluß, und keine Strophe deutet eine Rettung auch nur an. Das gilt auch für seine Prosaskizzen, die sich nur äußerlich, durch die ungebundene Form von den Versen unterscheiden. Doch wird jedermann dem Schlußurteil eines Freundes und Dichters beistimmen: daß niemand in Österreich je schönere Verse schrieb als Georg Trakl.
Trakls seelische Einsamkeit ist vielleicht beispiellos in der Literatur. Ein Frühverstorbener, um den er klagt, und ein paar Widmungen deuten allein auf einen Verkehr mit Menschen; das Weib wird, abgesehen von einer ekstatischen Vision, nie erwähnt. Einer, der dem Tod entgegenwankt, denkt nicht an Liebeslieder. Die Wirklichkeit und alles Irdische waren ihm frühzeitig problematisch geworden, interessierten ihn zuweilen noch als Farbe trunkene Stimmung eines Augenblicks, doch seine wunde Seele verlangte immer gieriger nach Betäubung und Dämmerndem, verschleierndem Traum. Dieser Nachtdichter wäre, dem grellen Sonnenlicht ausgesetzt, sicher vor körperlichem Schmerz wahnsinnig geworden. Wie nur noch Novalis,8 so verherrlicht er die Dämmerung, den Abend, die Nacht. Er ist der Dichter der Träume, Gesichte, der sanft verströmenden Klage. Allem Handeln weicht er aus und hüllt Geschehnisse gerne in ein Dämmerlicht, unbestimmt ineinander verschwimmend. Oder er gibt sie als kraß eindringliche Traumbilder, naturalistische Fetzen, die in wüster Folge in dem weichen Bett der klagenden Rhythmen grell aufleuchten. „Dämmernd“ und „vag“ sind zwei seiner Lieblingsworte, und feste Begriffe, Dinge, verwischt er gern ins Verschwommen-Allgemeine. Er sagt: „Für Einsames ist eine Schenke da“ [Ein Herbstabend], „Über ein Träumendes neigt sich gerne grünes Gezweig“ [Hohenburg, 2. Fassung], „Die Arme lassen ein Ersterbendes los“ [Die Verfluchten], „Beklagend ein Totes im Abendgarten“, „Wer bist du Rührendes unter hohen Bäumen“ [Passion, 3. Fassung].
Doch über diese allgemeine Entwicklung hinaus hat sich Trakl auch eine besondere Sprache für seine tiefsten Erlebnisse geschaffen, stilistische Eigentümlichkeiten und bestimmte Zeichen, die immer wiederkehren und den nicht Eingeweihten nur ahnungsvoll berühren. Manche seiner Gedichte können überhaupt nur erfühlt werden unter dem Eindruck seines ganzen Werkes, für sich alleinstehend sind sie uns Hieroglyphen.
Man könnte diese symbolische Sprache für einen Privatluxus erklären, wenn wir nicht wüßten, daß noch jeder große Sprachschöpfer mit neuen Zeichen auftrat, die anfangs nur seinem engeren Kreis in ihrer vollen Bedeutung verständlich waren, bis sie dann mit dem allgemeinen Erfolg der Werke auch Allgemeingut wurden. Hat doch, um nur einen zu nennen, Nietzsche9 sicher über hundert solcher Prägungen in Umlauf gebracht.
Zunächst sein Verhältnis zu den Farben. Daß er seine Lieblingsfarben, mit einer gewissen Besessenheit auch dort anwendet, wo sie in anderen eine Anschauung kaum mehr zu wecken vermögen, daß er vom „purpurnen Nachttau“ oder dem „goldenen Schritt des Einsamen“ spricht, wäre weiter nicht auffallend. Aber über den Farbwert hinaus scheint ihm aus einzelnen Farben eine besondere magische Kraft zu strömen, am stärksten aus Weiß. Wenn er sein Schlafgedicht beginnt: „Verflucht ihr dunklen Gifte, / Weißer Schlaf!“ [Der Schlaf, 2. Fassung], oder ein Gedicht, „Das Herz“, mit der Zeile: „Das wilde Herz ward weiß am Wald“, wenn er mit Vorliebe von der weißen Nacht spricht, oder Karl Kraus10 mit Weißer Hohepriester der Wahrheit“ [Karl Kraus] anredet, oder an anderer Stelle: „Immer denkst du das weiße Antlitz des Menschen“ [Hohenburg, 2. Fassung], Ein weißer Fremdling tritt ins Haus“ [Musik im Mirabell, 2. Fassung], „Wo kalt und böse / Ein verwesend Geschlecht wohnt / Der weißem Enkel / Dunkle Zukunft bereitet“ [Der Abend], „Und die weiße Stimme sprach zu mir: Töte dich!“ [Offenbarung und Untergang]. Dann beginnt schon das Deuten, daß entsprechend dem weißen Magier [Abendmuse, Psalm, 2. Fassung etc.], der auch wiederholt genannt wird, und der im Gegensatze zum schwarzen Magier die höheren, sich himmlischer (nicht irdischer) Kräfte bedienende Magie betreibt und seinem Wesen nach ursprünglich Priester war, „weiß“ hier bald himmlisch, bald fromm, bald rein bedeutet.
Merkwürdig ist in dieser Sprache die Verwendung des Wortes „läuten“. Ganz natürlich klingt „Und die Blumen des Sommers die schön im Winde läuten“ [Gesang des Abgeschiedenen], kühn schon „Und es läutet leise das Herz in der Nacht“ [Offenbarung und Untergang], mystisch „Leise läutet im blauen Abend der Toten Gestalt“ [Verwandlung des Bösen, 2. Fassung), „Leise läutet der steinerne Bau“ [Vorhölle], „Und es läutet der Schritt des Fremdlings durch die silberne Nacht“ [Sommerneige].
Ungewöhnlich ist auch der Gebrauch des Wortes „geistlich“. „So geistlich ergrünen / Die Eichen über den vergessenen Pfaden der Toten [In Hellbrunn], „Gedächte ein blaues Wild seines Pfads, / Des Wohllauts seiner geistlichen Jahre!“ [Sommerneige], „Immer tönt der Schwester mondene Stimme / Durch die geistliche Nacht“ [Geistliche Dämmerung, 2. Fassung], „Geistlich dämmert / Bläue über dem verhauenen Wald“ [Frühling der Seele II]. Eine seiner Dorfidyllen nennt Trakl geradezu „Geistliches Lied“ und ein anderes Gedicht „Geistliche Dämmerung“. Wie auch in allen diesen Fällen „geistlich“ durch „fromm“ ersetzt werden kann, so bedarf es doch zuerst einer Prüfung und Vergleichung aller Fälle, um bei dieser spezifischen Traklschen Sprache Gewißheit zu erlangen.
Auffallend ist auch die oftmalige Betonung runder Augen: „Unter alten Eichen / Erscheinst du, Elis, ein Ruhender mit runden Augen“ [Elis, 3. Fassung], „Mit versteinerten Schritten stampfst du am Bahndamm hin mit runden Augen“ [Winternacht], „Ruhig war unser Schritt, die runden Augen in der braunen Kühle des Herbstes“ [An einen Frühverstorbenen], „Besänftigte wandeln wir an roten Mauern hin / Und die runden Augen folgen dem Flug der Vögel“ [Helian]. Warum betont der Dichter immer wieder, daß die Augen rund sind?
Ganz merkwürdig wird die Schläfe hervorgehoben: „Balde an verfallener Mauer blühen / Die Veilchen / ergrünt so stille die Schläfe des Einsamen“ [Im Frühling II], „Zackige Blitze erhellen die Schläfe / Die immerkühle, / Wenn am grünenden Hügel / Frühlingsgewitter ertönt [Abendland, 4. Fassung], „An des Einsamen elfenbeinerner Schläfe / Erscheint der Abglanz gefallener Engel“ [Nachtlied III], „Silbern schimmern die bösen Blumen des Bluts an jenes Schläfe, der kalte Mond in seinen zerbrochnen Augen“ [Traum und Umnachtung], „Mit schwarzem Flügel / Rührt die Knabenschläfe die Nacht“ [Geburt II].
Auffallenderweise werden auch immer wieder die Augenbrauen (bald blau, bald weiß) bestimmend in den Vordergrund gerückt: „Schwester, deine blauen Brauen / Winken leise in der Nacht“ [Klage I], „Sonne alter Tage leuchtet / Über Sonjas weiße Brauen“ [Sonja], „Wo die Zeder, ein weiches Geschöpf, / Sich unter den blauen Brauen des Vaters entfaltet“ [Helian], „Mit zerbrochnen Brauen, silbernen Armen / Winkt sterbenden Soldaten die Nacht“ [Im Osten], „Lasset das Lied auch des Knaben gedenken, / Seines Wahnsinns, und weißer Brauen und seines Heimgangs“ [Helian]. Geheimnisvoll bleibt auch die phantastische Verwendung der Stirne, die tiefere Bedeutung der „bläulichen Wasser“, der fremden Schwester“, die immer wiederkehrt und zusammen mit anderen Lieblingsworten und Zeichen eine ganz persönliche, man möchte sagen Privat-Sprache des Dichters bilden, aus der sich fast alle bedeutenden Gedichte aufbauen.
Diese feste Zeichensprache wird, obgleich Dulden und Lieben ihr ständiges Thema ist, zuweilen im ekstatischen Rausch oder mit der verzweifelten Leidenschaft eines Gefolterten hervorgestoßen, Blöcke und Trümmer, in denen sich immer wieder ein Vogelnest, eine einsame Blume findet. Aus starren Strophenformen ging Trakl über zu den freien Rhythmen, schließlich zu hymnisch-verzückter Prosa, von unheimlich suggestiver Kraft. Hölderlins Rhythmen und die Prosa der „Hymnen an die Nacht“ von Novalis werden hier durch den letzten Sproß von Alt-Österreichs alter, satter, farbenfreudiger Kultur weiterentwickelt. Auffallend dabei ist, daß dieser große wählerische Künstler in dem ersten Teil des Gedichtbandes zuweilen böse gegen den Rhythmus verstößt oder bei seiner sonstigen anspruchsvollen Form sich mit billigen Dehnungen des Zeitwortes und mit Flickwörtern hilft: „In blauem Schleim und Schleiern tanzt des Greisen Frau, / Das schmutzstarrende Haar erfüllt von schwarzen Tränen“ [Drei Blicke in einen Opal], „Die Nacht ist schwarz. Gespenstisch bläht der Föhn / Des wandelnden Knaben weißes Schlafgewand“ [Die Verfluchten], „Gebilde gaukeln auf aus Wassergräben, / Vielleicht Erinnerung an ein früheres Leben“ [Vorstadt im Föhn], „Ihr Siechentum schließt geisterhaft sich ein“ [Dämmerung II], „Unwirklich scheinet der Lebendigen Reigen“ [Allerseelen], „Und sie gleichet einem Schatten“ [Die junge Magd], „Im grünen Tümpel glüht Verwesung. / Die Fische stehen still. Gotts Odem…“ [Kleines Konzert], „Und leise rührt dich an ein alter Stein: / Wahrlich! Ich werde immer bei euch sein“ [Heiterer Frühling, 2. Fassung], „Fenster, bunte Blumenbeeten,/ Schatten tanzen an Tapeten“ [In einem verlassenen Zimmer], „Balde rings die Sterne bleichen / Und ermattet von Beschwerde“ [Die junge Magd], „Balde an verfallner Mauer blühen / Die Veilchen“ [Im Frühling II], „Ein Heer von wilden Vögeln wandern / Nach jenen Ländern, schönen, andern“ [Melancholie des Abends], „Kirchen, Brücken und Spital / Grauenvoll im Zwielicht stehen“ [Winterdämmerung], „Sind schlanke Weiblein; Mönche der Wollust bleiche Priester, / Ihr Wahnsinn schmückt mit Lilien sich schön und düster“ [Drei Blicke in einen Opal].
Hätte der Dichter selbst seine Gedichte dem Druck übergeben können, so wäre sicher auch in einer der schönsten Strophen die falsche Mehrzahlbildung „Wägen“ und das mehrmalige „gräulich“ (für den Gestank, nicht die Farbe) verbessert worden.
In einem kleinen Gedenkblatt für Trakl in dem Almanach „Vom jüngsten Tag“ steht: „Der stärkste Eindruck seines friedlichen Lebens war es gewesen, als er einmal vom vierten Stocke eines Hauses einen Zigarettenstummel abwärts fallen und dann glimmen, hinglimmen, verglimmen sah, übergehen in ein Nichts, in graue Asche. Und stundenlang konnte er von dem gräßlichen Anblick sprechen, den ihm eine Kröte bereitet, irgendwo in der Nähe eines Tunnels…“ Wie tief sich Trakl einfühlen kann, daß selbst alltägliche Nichtigkeiten ihm zum Erlebnis, zur Erinnerung werden, ist schon eingangs betont worden; daß aber Derartiges überhaupt seine stärksten Eindrücke gewesen sind, ist ganz ausgeschlossen. Denn seine stärksten Gedichte erzählen immer wieder von zwei erschütternden Ereignissen, die auch in anderen Gedichten ihre Schatten werfen, weil der Dichter von ihrem Eindruck nicht loskommen kann: der zerfallende Leichnam eines Frühverstorbenen und eine dunkle Familientragödie. Ob erlebt, nur zum Teil erlebt, oder bloß nacherlebt, entzieht sich meiner Kenntnis, ist hier auch ohne Belang. Aber daß diese Schatten immer wieder aufsteigen, ihn im Leben und Traum bedrängen, wie ein gehetztes Wild verfolgen, bricht oft und oft erschütternd hervor.
Zunächst der Schatten des Frühverstorbenen. Es geht nicht bestimmt hervor, ob es ein Bruder des Dichters oder ein Jugendfreund war, ob er identisch ist mit dem Helian, nach dem eines der herrlichsten Gedichte benannt ist, und mit dem Knaben Elis, dem die Klage eines anderen Gedichtes gilt, ob er als Knabe oder später in sanftem Wahnsinn als Mönch gestorben ist, oder ob es sich überhaupt um zwei verschiedene Gestalten handelt, beides ist nach den zahlreichen Andeutungen, die oft nur mit einer Zeile die Stimmung einer Stunde oder einer Landschaft unterstreichen, möglich. Am Abend erscheint ihm der Geist des Frühverstorbenen im Zimmer, in seine einsame Kammer lädt er öfter den Toten zu Gast, im dämmernden Garten hört er Stimme und Schritt des verstorbenen Knaben, in trautem Gespräch wandelt er mit ihm unter Ulmen den grünen Fluß hinab, vom Friedhof folgt dem Einsamen im Schatten ein zarter Leichnam. „Silbern zerschellt an kahler Mauer ein kindlich Gerippe“ [Föhn] und in den furchtbaren Anklagen und Gewissensqualen des Prosagedichtes „Offenbarung und Untergang“:

Und es warf die Erde einen kindlichen Leichnam aus.

So gewagt es ist, aus Andeutungen einen furchtbaren Schluß zu ziehen so scheint es mir doch sicher, daß der Kern der Familientragödie die Blutschande ist. In „Traum und Umnachtung“ und im „Helian“ finden sich die ausführlichsten Belege für diesen so dunkel gehaltenen Familienroman. Auf dem Helden dieser Geschichte lastet der Fluch eines entarteten Geschlechts. Niemand liebt ihn, denn Lüge und Unzucht in dämmernden Zimmern verzehren den einsamen, vernachlässigten Knaben. Er liebt es, im dämmernden Hof die Ratten zu füttern oder am Abend über den verfallenen Friedhof zu gehen, in dämmernder Totenkammer die Leichen mit den grünen Flecken der Verwesung auf ihren schönen Händen zu besehen. Aber auch in der Natur hat er Stunden wilder Verzückung in Sternennächten, am grünen Fluß oder bei der Jagd. Frühe erwachen sein Stolz und seine Menschenverachtung. Und wieder ein Orgelchoral kann ihn mit allen Schauern Gottes erfüllen. Aber in dunkler Höhle verbringt er seine Tage, lügt, stiehlt und verbirgt sich, ein flammender Wolf, vor dem weißen Antlitz der Mutter. O der Stunde, da der Schatten des Mörders über ihn kam! Wollust verbrennt sein Herz, wie er im grünenden Sommergarten dem schweigenden Kind Gewalt antut und in dem strahlenden sein umnachtetes Antlitz erkennt. (Zur Ergänzung: im „Traum des Bösen“ heißt es in der letzten Zeile: „Im Park erblicken zitternd sich Geschwister“.) Die Schatten der Nacht fallen steinern auf ihn. Das Rauschen eines Frauengewandes läßt ihn zur Säule erstarren: in der Tür steht seine Mutter. Doch wieder überfällt ihn der Böse. Er wütet im nächtlichen Wald, rast gegen Gott daß er sterbe. Süße Martern verzehren sein Herz. Er liebt tiefer das kühle Grab. Weh der unsäglichen Schuld die es kundtut! Aber wie er Glühendes sinnend den herbstlichen Fluß hinabgeht, erscheint ihm in härenem Mantel ein flammender Dämon, die Schwester.

O, daß draußen Frühling wäre und im blühende Baum ein lieblicher Vogel sänge… Daß er seines Schicksals vergäße und des dornigen Stachels… O der Schauer, da jegliches seine Schuld weiß, dornige Pfade geht. Also fand er im Dornenbusch die weiße Gestalt des Kindes, blutend nach dem Mantel seines Bräutigams. Er aber stand vergraben in sein stählernes Haar stumm und leidend vor ihr… Eines Blinden klang die harte Stimme des Vaters und beschwor das Grauen. Weh der gebeugten Erscheinung der Frauen. Unter erstarrten Händen verfielen Frucht und Gerät dem entsetzten Geschlecht. Ein Wolf zerriß das Erstgeborene und die Schwestern flohen in dunkle Gärten zu knöchernen Greisen. Ein umnachteter Seher sang jener an verfallenen Mauern und seine Stimme verschlang Gottes Wind. O die Wollust des Todes. O ihr Kinder eines dunklen Geschlechts… O, der Nächtlichen; o, der Verfluchten. – … O, wie stille war das Haus, als der Vater ins Dunkel hinging… Weh der steinernen Augen der Schwester, da beim Mahle ihr Wahnsinn auf die nächtige Stirn des Bruders trat, der Mutter unter leidenden Händen das Brot zu Stein ward.

Diese Sätze aus „Traum und Umnachtung“ deuten an: eine blutschänderische Tat, Seelenqualen des jugendlichen Marders der Familienehre, schuldbewußtes Entsetzen vor der Erscheinung der Mutter, des harten Vaters, der bald darauf stirbt. Die anderen Schwestern verlassen das Haus, gehen zu knöchernen oder wie es im „Helian“ heißt, zu „weißen“ Greisen (?) und scheinen dort ebenfalls gestorben zu sein, vielleicht als Nonnen; denn als Engel mit kotbefleckten Flügeln, denen Würmer aus den vergilbten Lidern tropfen, suchen sie ihn heim („Psalm“ [I, 2. Fassung] und ähnlich im Helian“). Die Geschändete wird wahnsinnig und scheint frühe gestorben zu sein („Verwandlung des Bösen“ [2. Fassung]). Mit Wahnsinn wird auch der schuldige Bruder geschlagen. Grausige Visionen, in denen bald die Klagegestalt der Mutter, bald der Leichnam der Toten auftaucht, verfolgen ihn. In dem ersten der Rosenkranzlieder“, das an die Schwester gerichtet ist nennt er sie „Karfreitagskind“, will mit ihr beten. Nach „Reinheit“, „Reinheit!“ schreit seine gepeinigte Seele. („Frühling der Seele“ [II]). Andere Stellen, namentlich im „Helian“, lassen auch die Deutung zu, daß der Bruder Mönch geworden ist und in sachtem Wahnsinn in den Klostergängen einherwandelt während der Dichter als Letzter des verfluchten Geschlechtes in dem nun leeren Haus der Väter dem grausigen Ende der Familie nachsinnt.11

In dem kleinen Aufsatz „Trakl und Rimbaud“ habe ich, wie ich glaube als erster, die auffallend große Beeinflussung Trakls durch Rimbauds Prosa mit sechzig Beispielen nachgewiesen. Diese kleine Entdeckung, die ich 1924 gemacht hatte (zwei Jahre vor Erscheinen des schönen Gedenkbuches für Trakl), wurde im Märzheft 1925 in der Zeitschrift Klingsor veröffentlicht, und auch Ludwig Ficker,12 der so hochverdiente Förderer des unglücklichen Dichters, nahm von ihr Kenntnis. Ich lasse sie hier als Anhang zu dem obigen Vortrag, ebenfalls aus dem Jahre 1924, folgen. Die Zitate von Rimbaud sind entnommen der Inselausgabe seiner Werke (1907), die von Trakl der ersten Gesamtausgabe seiner Werke (1917) bei Kurt Wolff in Leipzig.

TRAKL UND RIMBAUD13

Man hat auf Klopstock, Hölderlin, Novalis, Kerner14 als Vorläufer Trakls hingewiesen. Ich füge hinzu den Namen: Arthur Rimbaud. Kein Dichter hat Trakl so tief beeinflußt wie dieser Bahnbrecher der modernen französischen Lyrik. 1907 ist im Inselverlag eine schöne Ausgabe von Rimbauds Leben und Dichtungen erschienen15 und mit Staunen bemerkt man, daß Trakl, der von 1907 bis zu seinem Tode 1914 den wesentlichen Teil seines Lebenswerkes geschaffen haben dürfte, hier die mannigfachsten Anregungen erhalten hat. Verwandt dürften ihn der tiefe Pessimismus und Nihilismus Rimbauds berührt haben, seine Ablehnung der ganzen emsig schuftenden Alltagswelt mit ihren so wichtig genommenen Zielen und Sehnsüchten, verwandt auch seine Ekstasen und Visionen, sowie die Sprengung der strengen französischen Versform und ihre Auflösung in freie Rhythmen und rhythmische Prosa. Fremd waren ihm dagegen Rimbauds eiserne Brutalität, beispiellose Frechheit und Lebensenergie. Um so auffrischender wirkten diese auf den müden österreichischen Lymphatiker,16 und die grellen naturalistischen Flecken, welche die monotone Melancholie seiner Gesänge beleben, verdanken ihre Farbe vielfach Rimbauds borstigem Pinsel.
Ein großer Teil der Steine, aus denen sich Trakls Sprache aufbaut, ferner der Grundwörter, um die Trakls Phantasie und Empfinden immer wieder kreisen, findet sich schon in der deutschen Ausgabe17 Rimbauds. Sie schließen den Zufall aus und erhalten Beweiskraft vor allem, wenn man bedenkt, daß dieser Vergleich sich bei Rimbaud auf knappe hundert Druckseiten beschränkt und daß außer diesen Grundwörtern auch eigenartige Bilder, Vergleiche, ja ganze Zeilen eine gewisse Abhängigkeit verraten. So kehren bei Trakls festem, begrenztem Wortschatz die folgenden Ausdrücke wieder, für die ich bei Rimbaud jedesmal nur ein Beispiel mit Seitenzahl in Klammer anführe:
Heidekrug (S. 202), Weiler (S. 221), Haselgesträuch (S. 202), Allee (S. 222), Heuschober (S. 221), Moos (S. 137), Föhn (S. 138), Abort (S. 169), Kot (S. 182), kotgefleckt (S. 213), verdreckt (S. 171), Aussatz (S. 158), greulicher Gestank (S. 179), verpestet (S. 163), Sohn des Pan (S. 219), Waisen (S. 128), Magier (S. 214), Endymion (S. 137), Faun (S. 140), Kidron (S. 205), Durchhaus (S. 225), sanfter Wahnsinn (S. 138), Abendglocke (S, 180), Lichtschnuppe (S. 204), Weihrauch (S. 204), Kristall (S. 231), kristallen (S. 218), Scharlach (S. 218), De profundis (S. 187), herzzerreißend (S. 211).
Trakls starke und kühne Farbenmystik18 ist ein wesentlicher Charakterzug seines Werkes: Rimbaud empfand die Farben der Vokale in einem Sonett,19 auf das heute noch die Literaten schwören. Auch bei ihm leuchten vereinzelt schon Farben in kühner Anwendung auf, er spricht nicht nur vom braunen, sondern auch vom blauen Wein (S. 174), nicht nur von weißen Tieren, sondern auch von blauen Stuten (S. 225) oder von „des Waldes goldnem Kuß“ (S. 140). Trakl hat sich später ein eignes reiches, poetisches Farbensystem geschaffen. Doch wichtiger als all dies sind mir die zahlreichen Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen in Bildern und Vergleichen, die ich hier einander gegenüberstelle.

Solche und ähnliche Anlehnungen finden sich bei Trakl so häufig, daß sein mit Recht bewundertes Gedicht „Helian“ allein nicht weniger als neun Stellen aufweist, die als Erinnerungen aus Rimbaud gelten können.
Auch bei dem Franzosen findet man die für Trakl so charakteristischen Nebeneinanderstellungen ohne Übergänge, die aber zusammen immer ein einheitliches Bild, eine einheitliche Stimmung ergeben. Doch wurde dieser mehr zufällige Schlagwortstil von Trakl bewußt gepflegt und zur Meisterschaft ausgebildet. Auch Rimbaud liebt, besonders in seiner rhythmischen Prosa (die mehr als seine Lyrik auf Trakl gewirkt hat), die Anrufungen mit kräftigen Ausrufungszeichen (während Trakl sparsamer und unendlich zarter im Flusse der Erzählung subjektiv hervortritt). Indem ich noch erwähne, daß Rimbaud ein vierstrophiges und Trakl ein dreistrophiges Gedicht „Die Raben“ geschrieben hat, komme ich zu dem Schluß: Rimbaud hat Trakl stark beeinflußt, nicht nur gegenständlich, sondern auch in der Technik. Aber er war ihm nur Wegweiser, denn in der künstlerischen Gestaltung des übernommenen Gutes hat der deutsche Dichter den Franzosen unendlich übertroffen. Trakl schuf sich einen strengen persönlichen Stil, Rimbaud blieb in chaotischen Krämpfen stecken. Wie ein verlotterter herkulischer Schmiedegesell, so steht der Franzose neben dem deutschen trübsinnigen Meister erlauchtester Goldschmiedekunst.

Adolf Menschendörfer, aus Adolf Meschendörfer: Gedichte – Erzählungen – Drama – Aufsätze, Kriterion Verlag, 1978

 

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„Dieser Text ist verschwunden.“

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Interviews: mit LehrerInnen, mit Hans-Georg Soldat

 

 

ODER TRAKL
der die menschheit sah
aufgestellt vor feuerschlünden
nacht in traurigen hirnen
neunzehnhundertvierzehn
bei grodek dann
seufzten die geister der erschlagenen
zehn lagen übereinander geschichtet
stöhnten die gepeinigten
schwer verwundet in der scheune
seine augen weit aufgerissen
blank das entsetzen
was kann ich tun?
wie soll ich helfen?
es ist unerträglich
der menschheit ganzer jammer
hier hat er ihn angefasst
machtvoll unversieglich
o weißer engel
schwester du

Jürgen Schneider

 

Klaus Mann: Ueber Georg Trakl in der Weltbühne vom 2.10.1924

Wilhelm Grashoff: Dichter der Schwermut und der Vergänglichkeit, Die Zeit, 12.1.1950

Eberhard Sauermann: LESEN oder meiden

Slata Roschal: Georg Trakl wiedergelesen – Ein melancholisches Entzücken

Ulrike Tanzer: Georg Trakls letzte Reise

 

 

Zum 50. Todestag des Autors:

Heinz Ludwig Arnold: Georg Trakl zum Gedächtnis
Die Tat, 30.10.1964

Zum 100. Geburtstag des Autors:

Adrien Finck: Trakl hier und heute
Hans Weichselbaum (Hrsg.): Trakl-Forum 1987, Otto Müller Verlag, 1988

Zum 90. Todestag des Autors:

Hans Weichselbaum: Endstation Grodek
Die Furche: 18.11.2004

Zum 100. Todestag des Autors:

Norbert Hummelt: Strassen der Verwesung
Neue Zürcher Zeitung, 21.7.2014

Gunnar Decker: Wahrheit ist Schmerz
Neues Deutschland, 3.11.2014

Arno Widmann: „So einsam war es in der Welt“
Frankfurter Rundschau, 2.11.2014

Beatrice von Matt: Blaue Stille, dunkle Gifte
Neue Zürcher Zeitung, 3.11.2014

Gerald Heidegger: „Wie weh ist die Welt…“
orf.at, 3.11.2014

Dieter Kaltwasser: Lasst ihn in seiner Einsamkeit
literaturkritik.de, 3.11.2014

Peter Paul Wiplinger: Trakl – eine Betrachtung
editionslabor.de, 3.11.2014

Eberhard Sauermann: Sinnsuche und -verweigerung
Die Furche, 30.10.2014

Jan Kuhlbrodt: Der erste Kontakt
signaturen-magazin.de

Andreas Puff-Trojan: Weißer Engel an verfallener Mauer
Hajo Jahn (Hrsg.): Der blaue Reiter ist gefallen. Peter Hammer Verlag, 2015

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + Instagram 1 & 2IMDbTouri-WebsiteÖM + IZA + di-lemmata + Archiv 12Internet ArchiveKalliope
Porträtgalerie: Keystone-SDA

 

Trakl 1: Manuskripte. Virtuelle Führung durch den Georg-Trakl-Nachlass im Brenner Archiv.

 

Trakl 2: Probleme der Edition. Virtuelle Führung durch den Georg-Trakl-Nachlass im Brenner Archiv.

 

Trakl 3: Krieg und Testament. Virtuelle Führung durch den Georg-Trakl-Nachlass im Brenner Archiv.

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