Karl Krolow: Herbstsonett mit Hegel

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Karl Krolow: Herbstsonett mit Hegel

Krolow-Herbstsonett mit Hegel

VERSUCH ES MIT DEM VERSCHWINDEN

Versuch es mit dem Verschwinden
ganz langsam aus dem Bild.
Du wirst dich wiederfinden,
wo manches nicht mehr gilt −

kein Verlieren und kein Besitzen,
und auf nichts mehr einen Reim.
Da gelten Einwegspritzen
oder man geht auf den Leim

und hält sich Plastiktüten
unauffällig vors Gesicht.
Man merkt die sanften Blüten
aus den nahen Shit-Wiesen nicht

und fällt schon, bleibt im Fallen
und atmet noch: − leicht verderblich,
der Körper. Er schwebt über allen
Verschwundenen, lautlos und sterblich.

 

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Während vier Jahrzehnten

hat jemand Gedichte geschrieben, also ein Leben lang. Diese Tatsache, die jedem geläufig ist, der ganz allgemein und hier im besonderen auf Gedichte achtgibt, ist nicht das Verwunderliche, auch wenn es zum Staunen ist. Das Verwunderliche ist: Nach vier Jahrzehnten kontinuierlicher Arbeit unterbricht sich ein Autor und setzt neu an. Wie aber beginnt man neu, wenn geleistet ist, was den Jahren, der Einsicht, der Ruhe und Unruhe eines Lebensalters entspricht? Ist hier prometheische Kraft im Spiel, oder ist es lediglich der Beweis dafür, daß jemand lebt?
Die die Thematik, die bisher eingebrachten Erfahrungen wohl kaum der Anlaß zu einer rigorosen Erneuerung sein können, müßte es das Medium der Form, der Sprache sein, das hier eingreift, so wie es seit Menschengedenken in das Gleichmaß der Wiederholung immer wieder eingegriffen hat.

PLOPP
Bedien dich oder vergiß es −
in einem kühlen Grunde
das geht so ein gewisses
PLOPP dir aus dem Munde.

 

Da kommt die Kaugummiblase
dir schon wie Sprache vor.
Da wird dir kalt um die Nase,
seit man den Bart dir schor.

 

Da ist auch kein Volkslied mehr.
Du brauchst nur weiter zu kaun.
Das Mühlrad nebst Zubehör
ist nichts für die Kaugummifraun.

 

Und PLOPP steht das Herz dir stille.
Das war schon das Leben: das war’s,
wie bekannt, mit erstarrter Pupille.
Der Tod hängt im Ansatz des Haars.

Das also wäre das Geheimnis, so sähe des Rätsels Lösung aus? Den Reim hat sich der Autor nach zwei Jahrzehnten reimloser Zeit zurückgeholt; der Reim diktiert nun Chansons, Sonette, Terzinen, Sestinen, Rondos, Reime. Und in diese dem Reim verschworenen Zeilen bricht – für diesen Ort dieses Autors – ein neues Vokabular ein. Ein Vokabular, das, wie gesagt, keineswegs unbekannt ist, doch von jeher Vertretern jüngerer Generationen vorbehalten war. Denn wer will sich schon mit fortschreitenden Jahren, wenn er mit Kopf und Herz endgültige Dinge bewegt, das Plopp einer Kaugummiblase zu eigen machen? Jene respektlosen Wörter, die keine Differenzierung des Gefühls aufkommen lassen – oder vielleicht sogar von der Kaltschnäuzigkeit, von der herzlosen Jugend so verbraucht wurden, daß sie schon gar nicht mehr erschrecken und nur noch verblichene Reminiszenz sind.
Von der Kraft muß die Rede sein, die aus diesem Zusammenspiel von Volkston, Straßenzitat und Gedicht, von Chanson- und Sonett-Melodie hervorgeht, aus dieser geglückten Form für ein Sprachengemisch, das eine unverändert gebliebene Klarsicht, Rebellion, Zartheit birgt, eine Gewaltlosigkeit, in der die gewalttätige Gebärde aufgeht, oder umschlägt in die Katastrophe, wie „im Walde“: „Du kannst sinnig in den Wald gehn, / denkst, niemand sieht dir nach, / kannst einfach weiter bei HALT gehn  / Da spürst du den Schulterschlag…“ Wir haben es mit neuen Gedichten Karl Krolows zu tun. Es sind Lebenszeichen, auch die des Gedichts. „To whom in may concern −.“

Suhrkamp Verlag, Klappentext, 1981

 

Beiträge zu diesem Buch:

Holger Schlodder: Abheben, Aufreißen und Herumhängen
General-Anzeiger (Bonn), 25.9.1981

Ludwig Harig: Wie weiland bei Hegeln
Süddeutsche Zeitung, 24./25./26./27.12.1981

Peter Demetz: Karl Krolows graue Tinte
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.2.1982

Walter Helmut Fritz: Karl Krolow: Herbstsonett mit Hegel
Neue Deutsche Hefte, Heft 1, 1982

Klaus Jeziorkowski: Merlin vom Park Rosenhöhe
Die Zeit, 3.12.1982

 

Was zu mir gehört

Vera B. Profit: „Können Sie sich erinnern, seit welchem Lebensjahr es Ihnen selbstverständlich ist, daß Ihnen etwas gehört, beziehungsweise nicht gehört?“

Karl Krolow: Verhältnismäßig früh. Aber ich werde mit Sicherheit nicht das richtige Datum nennen. Das läßt sich auch, glaube ich, nicht datieren, sondern das ist ja ein Vorgang, in den man hinein… auch hineingerät, würde ich sagen. Nicht von heute auf morgen, sondern über eine gewisse Zeit schon. Ich müßte sagen, daß ich ziemlich früh das Gefühl für das hatte, was meines sei, meins wäre oder nicht meins sein könnte und würde. Aber wie alt (ich damals) gewesen (bin)? Es wird irgendwann zwischen fünf und zehn Jahren doch gewesen sein. Aber das ist jetzt schon beinahe abenteuerlich, die Angabe. Fünf ist es sicherlich nicht gewesen, aber zehn mit Sicherheit schon. So würde ich das formulieren.

Profit: „Was empfinden Sie als Eigentum:
a. was Sie gekauft haben?
b. was Sie erben?

c. was Sie gemacht haben?“

Krolow: Nun, es ist jedes auf seine Weise Eigentum. In meinen Besitz zu kommen, mir angehörig oder einfach nur ein Gegenstand, der zu mir, zu meiner Tätigkeit, zu meinem Leben, zu meinen Notwendigkeiten im weitesten Sinne gehört, das (alles gehört mir)… Wie war die Frage noch einmal?

Profit: Was empfinden Sie als Eigentum? Was Sie gekauft, geerbt oder gemacht haben?

Krolow: Jedes auf seine Weise, schon. Jedes auf seine Weise. Auch was ich, würde ich sagen, gefunden, und ergänzend, erfunden habe. Und unter (Umständen), was ich erfunden habe im weitesten Sinne, also literarische Erfindung. Mein eigentümlichster oder auch notwendigster Besitz ist und bleibt in einem wechselnden Verhältnis freilich zu diesen Erfindungen, Hervorgebrachten, Phantasierten, (sie) stehen mir mal (näher), (sind mal) wichtiger, mal weniger wichtig. Also, ein nicht ständig gleichbleibendes Verhältnis zu so in meinen Besitz durch Phantasie, durch Erfindung Geratenem.

Profit: „Auch wenn Sie den betreffenden Gegenstand (Kugelschreiber, Schirm, Armbanduhr usw.) ohne weiteres ersetzen können: empört Sie der Diebstahl als solcher?“ „Warum?“

Krolow: Ja. Sicher wird es mir ärgerlich sein, oder betrübt werde ich sein. Über den Vorgang überhaupt als solchen, und gewiß, daß er auch mich betrifft, wie er jedermann betreffen kann. Aber ich würde nicht sagen, daß es eine Katastrophe wäre. Das nicht. Ein Ärgernis, gewiß. Es kommt auch darauf an, was einem entzogen ist, würde ich beinahe sagen. Mit dem Diebstahl ist es so… gewiß, gewiß… Es ist kriminell, das ist schon wahr. Es kommt drauf an, es gibt ja auch – ich gerate jetzt wieder in die Phantasieregion – es gibt ja auch Diebereien, aus Leidenschaft heraus für den Gegenstand, aus einem gewissen Zwang heraus. Ich kann mir zunächst mal Diebe dieser Art noch am ehesten vorstellen. Also nicht die gewöhnlichen Leute, die, wie wir sagen, einem etwas klauen, sondern die, für die dieser Gegenstand, unabhängig von dem Besitzer, von einer solchen Anziehungskraft ist, daß sie ihn sich selber dringlich wünschen und zupacken.

Profit: „Wissen Sie, was Sie brauchen?“

Krolow: Manchmal ja, manchmal nein. Ich denke schon, daß man sich im Laufe der Zeit dem Ensemble, das einem zugehörig ist, überläßt. Auch einem Wunsch, um sich ihn zur gegebenen Zeit zu erfüllen oder erfüllen zu lassen.

Profit: Wer war oder ist für Sie unentbehrlich oder unersetzlich?

Krolow: Meine Frau.

Profit: Was war oder ist für Sie unentbehrlich oder unersetzlich?

Krolow: Seit fünfzig Jahren meine Frau.

Profit: „Erleben Sie einen Hund [oder eine Katze] als Eigentum?“

Krolow: Als Gefährten. Als Gefährten sicher. Ob er mir juristisch gehören könnte oder wie auch immer man das formuliert… daran denke ich eigentlich nicht. Aber-es ist so-eine Katze, ein Hund, mit dem ich meine Zeit, meine Eigenheiten, die er zu spüren bekommt, die sie zu spüren bekommt, teile, wird (zum) Lebensgefährten. Auch auf eine ganz bestimmte Weise mir hörig. Noch in der Hörigkeit dieses Gefährten, dieses Tieres (verbirgt sich) ein besonderes Verhältnis, das nichts mit Besitz zu tun hat. Glücklicherweise. Oder aber, eben mit… ja, wie wird man hörig? Das ist eine andere Frage. Katzen werden es in gewissem Sinne nie. Sie sind unabhängige Tiere. Die Hunde, wie man weiß, sind da anders. Unterschiedlich genug immer noch, der eine oder der andere. Aber nein. Es bleibt der Gefährte.

Profit: Offensichtlich würde ich annehmen, daß Sie nie einen Menschen als Eigentum erleben?

Krolow: Gewiß.

Profit: „Warum schenken Sie gerne?“

Krolow: Wahnsinnsfrage. Schenke ich gerne? Ich gebe… ja was ist das? Es ist auch eine gewisse Besinnungslosigkeit dabei. Abgeben. Weitergeben. Man gibt einen Teil seiner selbst im Geschenk ja auch mit. Dies finde ich. So sollte ein Geschenk aussehen, daß es ein Teil des Schenkenden ist. Das können Winzigkeiten sein. Ich gebe etwas… ja gern, und weiß, daß ich es gern gehabt habe, und (daß) der Beschenkte dies auch weiß, und es sehr zu schätzen weiß, daß ich gerade diesen bestimmten Gegenstand, dieses bestimmte Ding ihm überantworte. Natürlich jetzt kein gewöhnliches Geschenk. Was ist Geschenk? Wo beginnt das, wo hört das auf? Und schenken? Man schenkt sich selbst eigentlich mit dabei. Dies würde ich sagen. Wenn das der andere im Gefühl hat, ist es um so besser. Ich setze es beinahe voraus. Nur dann macht es nicht nur Spaß, sondern es ist eine Übergabe bestimmter Art.

Profit: Empfinden Sie Ihre Gedichte als Geschenk? Und diese Frage zielt auf zwei mögliche Interpretationen ab: wurden sie Ihnen geschenkt und schenken Sie sie in einem gewissen Sinne weiter? Oder schenken Sie sie überhaupt an andere?

Krolow: Das könnte man so nennen. Warum nicht? Aber das ist… natürlich, man bekommt auch mal einiges… nein, umsonst bekommt man nichts. Also, es sind ganz sicher mir zugehörige Sachen, und, wenn Sie so wollen, Sie haben es mir in den Mund gelegt, ist das Gedicht schon ein Geschenk von Begabung und Augenblick und Umständen. Inspiration würde ich nicht sagen, aber jedenfalls Disposition dringlichster Art. Es ist mehr als Geschenk, mehr als Geschenk. Es ist ein Stück meines (Lebens)… meiner Existenz sozusagen. Aber ich formuliere das nicht richtig. Ich kriege das nicht hin. Sie haben es eigentlich gesagt. Ich kann es Ihnen nur bestätigen, was Sie fragen, oder nach der Frage gesagt haben in einem Satz. Ich bringe es nicht in einem Satz unter, wie Sie sehen.

Profit: Warum weigerten Sie sich vorher das Wort „Inspiration“ zu benutzen?

Krolow: Ja. Es ist eines dieser… na ja… unglaublichen Dinge, wie es, zum Beispiel, die Metaphysik ist.

Profit: Vorher haben Sie gesprochen von Begabung, Zufall, aber nicht das Wort „Inspiration“ genannt. Blitz sogar, aber nicht Inspiration.

Krolow: Ja, es ist für mich belastet. Ja, zum Beispiel durch das für mich nicht gleich vergeßliche Verhältnis einiger Inspirations-Scheuer, die sich nicht scheuten, die Inspiration zu verunglimpfen. Oder das, was ich gestern, ich glaube, Flaubert zu zitieren, meinte, ich sagte, daß die Inspiration die Schwester der Pornographie sei. Ich habe etwas (Angst)… vor dem metaphysischen Dunst, der darüberliegt. Davor habe ich eine gewisse Scheu, wie ja überhaupt vor den großen Worten, die auftauchen. Es gibt auch die, an die ich mich nicht gerne heranwage mit Analyse oder auch nur Beschreibung, die in unseren Gesprächen alle aufgetaucht sind, und die mir alle schwer gefallen sind, die sich auf eine bestimmte Weise meinem Vermögen beim Heranwagen entziehen. Schönheit, Treue, Liebe, Freundschaft, Heimat oder gar Vaterland gehören zu solchen, unheimlichen Worten, wie auch Inspiration. Gut, ich ziehe eine bestimmte Präsenz, eine bestimmte Euphorie als Formulierung vor. Inspiration ist mir schon beinahe zu sehr ein Geschenk von hoch oben. Die Luft ist mir zu dünn.

Profit: Wenn ich Sie richtig verstehe, bevorzugen Sie die „einfacheren“ Worte, in Anführungszeichen?

Krolow: Die unauffälligen. Ja.

Profit: Warum? Sind Sie der Wahrheit näher? Rücken Sie der Wahrheit näher?

Krolow: Sie sind so angenehm anfällig, so angenehm… nicht unumstößlich…

Profit: Nicht unumstößlich?

Krolow: Nicht unumstößlich. Sondern jederzeit können sie in die Krise geraten, überhaupt zu verschwinden. Das Anonyme oder das Reden in großen Worten. Es ist ein Pathos drin, das ist… für mich also etwas was mir schwerfällt nachzuvollziehen. Es ist Deklamation drin, es ist Szene drin. Alles dies. Ich möchte aber nicht den Auftritt, ich möchte nicht die Szene, ich möchte nicht Applaus oder das Gegenteil, sein Gegenteil, sondern einfach nur widerrufbar da sein, in Zeilen, in Worten, im Schweigen oder auch im Sprechen, im Gespräch, wenn es möglich ist, einander nicht mißzuverstehen. In unauffälligen Worten ist etwas… Menschliches. So unmenschliche oder übermenschliche oder edelmenschliche Dummheiten oder Worte oder Wörter, wie sie eben zum Teil hier mir Mühe machen. Einerseits überlege ich mir, was für eine Bewandtnis es mit ihnen haben könnte, wie sie auf die rechte Weise auszusprechen, anzusprechen sind, wie sich mit ihnen einzulassen. Sie haben einen gewissen Anspruch, denn das sind alles sehr anspruchsvolle Bereiche. Die Worte versagen mir schon leicht. Nicht nur heute, heute oder gestern, versagen mir die Worte, weil sie etwas Unerreichbares haben. Die Schönheit hat ebenso etwas Unerreichbares, wie die Treue oder auch ganz andere Sachen; auch die Natur in ihrem Überwältigenden vor allem hat etwas, was ich nicht erreichen kann; gerade indem ich oft so sehr angewiesen bin, mit Worten auf die rechte, mir rechte Weise sie zu erreichen. Das ist haarsträubend. Auch eine unablässige Herausforderung. Es wieder zu tun, es wieder zu versuchen, es wieder so nahe wie möglich zu sagen, ohne es je richtig sagen zu können, d.h. ohne es zu erreichen. Sie merken, ich habe jetzt einige Schwierigkeiten, lange zu sprechen oder ist es auch nur die Wärme oder auch nur die augenblickliche Schwierigkeit… es tut mir also leid. Aber Sie sehen, ich erreiche nicht… Es sind die mundtotmachenden Wörter, die mir widerfahren, indem ich zu reagieren, d.h. zu antworten versuche. Auf eine Art erstickenden Gemurmels muß ich mich beschränken, als einen unangemessenen Zustand… Hilflosigkeit gegenüber den schwierigen Worten, Begriffen, Wünschen, Hoffnungen, manchmal sogar auf ein Stammeln noch am ehesten muß ich mich beschränken.

Profit: Heute habe ich noch eine einzige…

Krolow: Das sind die überlebensgroßen Wörter, die hier zur Sprache kommen sollten, während ich oft damit mich umgebe, eben mit diesem Fast-Nichts, ja an Gegenständlichkeit, Stofflichkeit, Faßbarem. Das sich Entziehende ist das, was mich am meisten manchmal in Bewegung bringt. Die Schwierigkeit oder dieses Mundtotmachen, würde ich mal sagen, empfinde ich als legitime Reaktion. Daher mache ich es mir, ob ich will oder nicht, schwierig, niemals das rechte Wort zu finden, das widerrufbare Wort, das Wort ohne Dauer, aber doch von einer kurzen Dauer, empfindlich genug, übertragbar genug auf einige, die ähnlich sensibilisiert sind, wie ich selber. Ich meine damit eben, den sensibilisierten Leser etwa meiner Gedichte. Das ist ein bescheidener Kreis; dazu gehören die sensiblen Leser, sie sind unsichtbare Mitbeobachter, Mitarbeiter. Aber auch literarische Vorbilder, die einem über die Schulter sehen, wie Flaubert oder Mansfield. Es entsteht ein persönlicher Geisterraum, aber das ist auch schon wieder ein viel zu großes Wort, aber jedenfalls Wirkungsraum wäre etwas zu… ist mir schon zu deutlich. Aber es ist natürlich so etwas. Ich fürchte mich vor diesen starken Worten. Es sind sehr viele starke Worte auch in diesen Gesprächen, und die sich ziehenden Sätze, die abgebrochenen Sätze in einem gewissen Sinne, die unvollkommenen Sätze sind, wie die Ellipse im Gedicht, wie das elliptoide Gedicht, wo man so viel Zutat leisten muß, so viel dazutun muß, um es in die Hand zu bekommen. Aber man bekommt es nie in die Hand, das Gedicht, das sich entzieht und dennoch wirksam ist. Aus dieser Dialektik heraus, aus dieser Spannung heraus, leben ja manche Kunstschöpfungen überhaupt. Das Gedicht in seiner Winzigkeit und in der Intensität ist da ein gutes Beispiel. Meine Gedichte, z.B. die das Verschwinden schildern, auf eine ganz bestimmte Weise sich unauffällig machen, einen Lebensabgang schildern. Die Gedichte meiner letzten zehn oder fünfzehn Jahre haben eigentlich, mehr oder minder von diesem Weggehen, von diesem Fast-Nichts, gelebt. Ich bin gelegentlich verwundert, daß andere das Gegenteil sagen. Aber ich von mir aus würde es so empfinden. Ein langer Abschied vom Wort ist eigentlich ein besonderes Nocheinmal, ein inniger Umgang, ein inniger, verbaler Umgang mit Sprache, auf die ich angewiesen war, die mich aussuchte oder ich sie aussuchte, wie auch immer. Ich vermeide immer noch Inspiration… Aber die schönen Bücher über Fast-Nichts, von denen Flaubert sinnierte, nachdachte, sich wünschte, die sind bis heute eigentlich nicht geschrieben worden. Aber ich habe mich auf den Weg begeben, wie es Flaubert tat – und auch nicht tat, und es sich nur vorstellte – wie es sich manche vor mir und neben mir, wenn auch auf andere Weise, vielleicht etwas lauter, ausdenken, wünschen. Sehen Sie, ich bewege mich in einer ziemlich… nun… schimärischen Welt, indem ich so rede, wie ich jetzt eben in der letzten Viertelstunde gesprochen habe. Aber sie ist eine Schimäre, auf eine Weise lebendig und dringlich, wie die wenigsten Realien und die wenigsten Stofflichkeiten, die wenigsten handfesten Gegenstände, Gegenständlichkeiten, von denen ich sprechen werde, gegenständliche Schreibweisen. Wie Sie merken, lasse ich mich gerne verwirren von Ihren Fragen, oder von Ihnen, indem Sie mich fragen und dazu beitragen. Das ist die Gelegenheit herumzuirren, die in ihrer Greifbarkeit denkbar schlecht dran sind. Labil genug, um beinahe schon in Richtung Gedicht zu geraten.

Profit: Wenn Sie an Ihr Leben zurückdenken oder in die Zukunft schauen, was oder wer war für Sie das sinnvollste aller Geschenke? Geschenk darf jetzt verstanden werden als ein Gegenstand, eine Gabe oder ein Erlebnis. Oder was würde für Sie das sinnvollste aller Geschenke sein?

Krolow: Eigentlich ein Augenblick an einem Göttinger Briefkasten. Ich ging und eine Studentin zu diesem Göttinger Briefkasten, um einen Brief reinzulegen. Wir kamen bei der Gelegenheit ins Gespräch, und es war meine spätere Frau. Die spätere Frau, meine jetzige Frau, habe ich auf diese Weise kennengelernt, indem wir Worte wechselten, nachdem wir das Gleiche getan haben, einen Brief verschickten. Eine ganz einfache, unauffällige, augenblickshafte… Erlebnis… Situation… mit solchen Folgen. Natürlich wußte es keiner. Aber wir kamen ins Gespräch. Wir sahen uns wieder. Wir sahen uns öfter, obwohl wir ziemlich entfernt voneinander in Göttingen wohnten. Es war das Jahr 1938. Es war der Beginn eines Sommersemesters. Es waren die ersten Apriltage des Jahres 1938. Und dies war ein Augenblick für das Leben. Wie sollten wir’s wissen? Aber es war so. Und wenn Sie mich so fragen, kann ich nur sagen, das wichtigste Geschenk, oder das schönste, oder das längst…, das längstanhaltende, oder das unvergleichbare Augenblicksgeschenk, das man nicht im Augenblick erkennen kann, das man aber so ein Leben spüren wird, behalten wird, mit dem umgehen wird. Der erste Augenblick, der in einer Eheschließung noch nicht endete, sondern zum zweiten Mal begann, und dann bis heute dauerte. Im 54. Jahr. Dies würde ich als das für mich für mein Leben, für meinen Beruf sogar, eigentlich überhaupt für meine Existenz, wichtigste Geschenk ansehen bis zu diesem Augenblick.

Profit: Wieso wußten Sie, daß diese Frau einmal ihre Frau sein würde?

Krolow: Ich wußte gar nichts natürlich. Es ist nach und nach dazu gekommen, durch Bekanntwerden miteinander, durch Freundschaft, durch Wiedersehen. Meine Frau hat nicht immer in Göttingen studiert. Sie lebte in Schlesien und kam also von weit. Wissen kann man nicht, was das Schönste ist im Augenblick, in dem es geschieht, würde ich sagen. Und das gilt nicht nur für eine menschliche Beziehung und menschliche Begegnung, sondern auch für anderes, was unerhört sein kann, das man aber in seiner Unerhörtheit oder Einzigartigkeit, wie es eine menschliche Verbindung ist, nicht erkennen kann, sondern nur als eines der vielen Ereignisse von Winzigkeit, das hinter jedem Schicksal steht.

Profit: Woher kam Ihre Frau?

Krolow: Sie kam, ich sagte es, aus Schlesien, also weit. Von ihrem Bruder wurde ihr die Universität empfohlen, sonst würde sie als Ostdeutsche wahrscheinlich gar nicht mal da, in Göttingen, angefangen haben zu studieren, sondern an der für Schlesien zuständigen Universität… Das wußte man nicht. Aber es lag nahe und viele Schlesier haben es getan. Und wir hatten uns eigentlich durch diesen unglaublichen Rat des Bruders erst dann in Göttingen gesehen. Sonst nicht.

Profit: Zweite Frage. Wenn Sie an Ihre Hinterlassenschaft denken…

Krolow: ja

Profit: denken Sie in erster Linie an das, was sie geschrieben haben? An Ihren Sohn? An Menschen, die Ihnen lieb waren? Woran denken Sie?

Krolow: Das kann man nicht so auf den Punkt bringen. Es ist einmal das eine vorherrschend, es ist das andere Mal das andere vorherrschend. Was heißt, daß Sie im Grunde … diese ganz verschiedenen Fragen mir gestellt haben, (als ob) Personen oder Werke einander an Wichtigkeit gleich sind. Ich kann mich nicht festlegen. Was nahe läge (ist) auch das, was mein Leben ausgemacht hat, was man Werk nennt, und was als Hinterlassenschaft zu einem sehr großen Teil schon an dem Ort, ich sage Mausoleum der Literatur, liegt, das Marbach heißt. Aber warum soll ich nicht genau so sagen, es ist… es ist der Mensch mit dem ich eben begonnen habe… meine Frau? Die Jahre, noch einmal gesagt, auf diese Weise zählen sie zu dem, was mir… ich würde nicht sagen als Hinterlassenschaft, wir leben ja beide noch, mein Gott!, aber wichtig bliebe, über die Zeitlichkeit hinaus, über das Leben hinaus, wenn es so geschehe mit dem Schicksal. Ja, Schicksal ist äußerst unauffällig gelegentlich. Und der Briefkasten ist genauso unauffällig, zufällig, banal… denke ich an Nietzsche, und ich denke oft an den Satz, man sagt sich, ich sage mir den Satz vor, man soll das Schicksal, den Zufall, pardon, man soll den Zufall nicht um seine Unschuld bringen. Es steht irgendwo bei Nietzsche. Und genau das ist es. Der Brief in den Briefkasten getan war Schicksal, Zufall zugleich, Leben zugleich. Das wär’s mit dem Lebensende. Ende. So denke ich. So hoffe ich. So wird es wohl auch sein.

Vera B. Profit: Menschlich – Gespräche mit Karl Krolow, Peter Lang Publishing, 1996

Karl Krolow. Proteus als Lyriker

Medialität
Über fünf Jahrzehnte hat Karl Krolow die deutsche Lyrik begleitet und mitbestimmt: durch Übersetzungen, Essays, Rezensionen, vor allem aber durch seine eigene, niemals stockende lyrische Produktion. Außer Celan hat es in dieser Zeit keinen Autor gegeben, der sein Schreiben wie seine Existenz so sehr auf das Gedicht konzentriert hätte. Im Unterschied zu Celan bewies Krolow solche Hartnäckigkeit, obwohl weder Schicksal noch Subjektivität ihn dazu disponierten. Krolow ist nicht der Typus des Dichters, den Apoll geschlagen hat. Das Geheimnis seiner Fruchtbarkeit hängt wohl mit dem zusammen, was man schon früh Krolows „Medialität“ genannt hat: die Fähigkeit, seismographisch den Veränderungen des lyrischen Bewußtseins zu folgen.
Solche Medialität dürfte mit Krolows Neigung zur Distanz zusammenhängen – Distanz zu sich selbst wie zum Werk. Krolow ist Artist ohne Artistenmetaphysik. Das Gedicht ist Lebensinhalt, aber nicht schon deshalb auch Lebensrechtfertigung. Nicht als Priester-Magier tritt der Autor auf, sondern als maître de plaisir, dem Selbstgenuß und die Lust der Leser gleich wichtig sind. Die Tätigkeit des Gedichteschreibens erscheint ihm als etwas Chimärisches, als ein widerleg- und widerrufbares Geschäft, als Abenteuer. Er fordert Distanz zwischen Autor und Gedicht:

Leute, die sich nicht von dem lösen können, was sie produzierten, und mit dem, was sie hervorbrachten, in einer Art Handgemenge bleiben, bekommen zu wenig Luft für das, was noch aussteht, was sie noch nicht schafften (…) Es geht darum, weiterzukommen von Gedicht zu Gedicht.

Dieses „Weiterkommen“ meint Fortschreiten, nicht Fortschritt. Notwendig negiert es die Vorstellung von Abgeschlossenheit und Vollendung. So mußten alle Versuche, Krolow in eine Reihe mit Celan, Eich und Ingeborg Bachmann zu stellen, zu Mißverständnissen führen. Krolow ist kein Hermetiker, dessen Sprache am Rande des Schweigens operiert. Sein Gedicht ist nicht der Pression des Alles-oder-Nichts ausgesetzt, woran das Gedicht und zuletzt auch der Autor scheitert. Krolow hat sich immer wieder für das „offene“, „poröse“, „luft- und lichtdurchlässige“ Gedicht ausgesprochen, das sein Thema an ein nächstes weitergeben kann. Das macht eine umfangreiche Produktion erst möglich, provoziert aber auch die Frage nach der Qualität. Peter Härtling hat von den „zwei Krolows“ gesprochen und bekannte ausdrücklich sein Faible für „die glitzernden Perlen aus der Gablonzer Ecke seines Repertoires“, Warum nicht. Auch sie verraten den Profi.

 

Das Ungewicht der Welt
Angefangen hat der Hannoveraner Beamtensohn und Romanistikstudent mitten im Krieg, 1943, mit einem Gedichtheftchen, dessen Titel Hochgelobtes, gutes Leben deutlich zu den Zeitläuften kontrastierte. Er begann als Landschaftsdichter, als Schüler der deutschen Naturlyrik und ihrer Vertreter Lehmann, Loerke, Britting und Langgässer. Wilhelm Lehmann hat, nach Krolows eigenem Zeugnis, den stärksten Einfluß ausgeübt. Die Berührungen in Motivik, Metaphorik und Versbau fallen in Krolows Frühwerk ins Auge. Dem genaueren Hinsehen erschließen sich freilich auch die Unterschiede. In Lehmanns „Fliehender Sommer“ aus dem Band Der grüne Gott, den Krolow noch im Erscheinungsjahr 1942 las, heißt es:

Pappel braust wie ein Prophet.
Aus dem vielgezüngten Munde
Stößt sie orgelnd ihre Kunde.
Elster hüpft, die sie versteht.

Auch Krolows „Pappellaub“ (1946) gestaltet das magische Verhältnis von Lebewesen und Pappel und zugleich die „Kunde“, in der die Natur sich selbst aussagt:

Sommer hat mit leichter Hand
Laub der Pappel angenäht.
Unsichtbarer Schauder ist
Windlos auf die Haut gesät.

 

Zuckt wie Schatten Vogelbalg,
Spötterbrust als winzger Strich:
Ach, schon wird es Überfall,
Wie sie blätterhin entwich.

 

Luft, die unterm weichen Flug
Kurzer Schwinge sich gerührt,
Schlägt wie blaue Geißel zu,
Die die dumpfe Stille führt.

 

Grüne Welle flüstert auf.
Silbermund noch lange spricht,
Sagt mir leicht die Welt ins Ohr,
Hingerauscht als Ungewicht.

Unübersehbar, wie bei Krolow das Motiv an spezifischem Gewicht verliert. Aus dem prophetischen Orgelbraus der Pappel wird das Flüstern eines schon fast ungegenständlichen Silbermunds. Während Lehmann im Bild des „vielgezüngten“ Mundes noch das mythische Pathos der Naturverkündigung bewahrt, unterhält die Substantivmetapher „Silbermund“ nur noch eine vage Verbindung zur Gegenständlichkeit des Pappellaubs. Sie. wirkt preziös und dekorativ. Zugleich aber wird die schwere Gegenständlichkeit – und damit das Gewicht der Welt – aufgehoben zum „Ungewicht“. Aufgehoben, also erleichtert wirkt die Natur als etwas Vergeistigtes, fast schon Abstraktes.
Die Natur hat bei Krolow ihr Eigenleben; sie ist dem Menschen fremd, und doch kann der Mensch sich ihr magisch verbinden. Das lyrische Ich erscheint durchlässig, porös, den Sensationen der Natur ausgeliefert. Umgekehrt projiziert das Subjekt seine Existenzangst, sein Vergänglichkeits- und Vergeblichkeitsgefühl in die Natur und macht sie zur Folie seiner „Schwindelgefühle“:

Hinter der Haut, die mich hält (…) liegt
Eisige Landschaft, ganz nah mir, beginnt das Entsetzen.

Damit ist die gern vorgenommene Scheidung zwischen dem Idylliker und dem Elegiker, dem pastoralen und dem metaphysischen Krolow fragwürdig. Idyllisches vermag in die Erfahrung von Schrecken und Vergänglichkeit umzuschlagen. Die Nachtstücke aus den Jahren 1944 bis 1948 zeigen das besonders deutlich. Das Ich, das eben noch Distanz übte, verfällt dem Nichts, dem Sog der Selbstauflösung:

Rückwärts mit leisem Schrei
Stürz ich ins Leere hin,
Hart hinterm Tod vorbei.
Fühl, daß ich’s nicht mehr bin.

Mit solchen Beobachtungen ist der naturmagische Aspekt der Krolowschen Lyrik verlassen. Die Zeichen der Welt (1952) zeigen den Dichter im Vollbesitz seiner Fähigkeiten: Der Bereich von Naturidylle und -dämonie wird um die aktuellen Themen von Zeit und Bewußtsein, Geschichte und Politik erweitert. Der Abschnitt „Heute“ präsentiert Titel wie „Gedichte von der Liebe in unserer Zeit“, „Koreanische Elegie“ und „Ode 1950“ (man denke an Audens „Spain 1937“). Mit diesem Band beginnt eine Klimaveränderung in Krolows Werk. Zwar heißt es zu Beginn „Schöne Erde! Wer sie wüßte! / Wer die süße Weise fände“ – doch das Einverständnis mit der Welt wird nach und nach aufgekündigt. Das Kernwort „Erde“, früher mit bukolischer Heiterkeit gesprochen, wird zum Funktionsbegriff des geschichtlichen Daseins.
Verstechnisch entspricht diesem Perspektivenwechsel der Übergang von den gereimten Vierzeilern zu hymnisch-elegischen Langgedichten; zunächst weit ausschwingenden sechszeiligen Reimstrophen, dann mehr und mehr reimlosen freirhythmischen Langzeilen. Die großräumigen Formen kommen der neuen Tendenz zur Metaphorisierung entgegen, zur Häufung und paralogischen Reihung surrealistischer Metaphern, vor allem von Genitivmetaphern. Das erste Drittel von Nachtstück mit fremden Soldaten (1948) etwa enthält unter anderem folgende, zum Teil an Lorca anklingende Metaphern: „Blätter der Zeit“, „Nymphe des Dunkels“, „Gras meiner Brust“, „Salz der Laugen“ usw. Krolow selbst hat diese Metaphernsucht als Gefahr gesehen:

Anstelle der Knechtschaft des Stoffes konnte die Knechtschaft durch das Bild treten.

 

Lyrische Anekdoten
In Fremde Körper (1959) wird die surrealistische Metapher zum entscheidenden und gleichsam alleinherrschenden Instrument der dichterischen Vorstellungskraft, die sich mehr aus der Sprache als aus der Welt speist. Imaginäre Welten entstehen. In den Metaphern schwindet die Grenze zwischen Sache und Bild, ziehen sich nichtexistierende Ähnlichkeiten zum irrealen Bild zusammen: „Die Erinnerungen des Laubes“, „Wasser der Luft“. In einer überwiegend nominalen Sprachbehandlung werden die Bilder bis zur Identität aneinandergerückt: „Die Brieftaube Gewohnheit“, „Das sanfte Wasser Himmel“, „Taschenspieler Tag“. Diese Technik, Irrealitäten aus lauter Realitätspartikeln zusammenzufügen, bewährt sich auch im Gedichtganzen. Die Metapher wird Keimzelle der lyrischen Anekdote. Dabei handelt es sich – nach Hugo Friedrich – um „kurze, unwirkliche, ja spukhafte Vorgänge, in denen, gleichsam geisterseherisch wahrgenommen, Dinge, Tiere, Menschen Beziehungen zum Unbeziehbaren anknüpfen oder auf andere Weise Geheimnisvolles tun“, Beispiele solcher Anekdoten bieten „Der treulose Fluß“, „Der Goldfisch auf der Lauer“, „Der müde Athlet“, „Robinson“ oder „Begegnung auf der Straße“:

Der Mann, der sich gemächlich dort
Auf seinen Händen vorwärts bewegt
(Der Blutandrang ist in seinem Gesicht
Von weitem deutlich erkennbar),
Ist mein Freund.
Er nutzt die schöne Jahreszeit
Zu seinen Spaziergängen.
Wenn wir uns auf der Straße begegnen,
Hält er immer zuerst inne.
Während des Gesprächs
Muß ich sein Taschenmesser halten,
Das er sonst zwischen den Zähnen trägt.
Er ist nämlich ängstlich und fürchtet
Einen Überfall auf seine Beine, die
Sich sicher in der Luft bewegen.
Um uns liegt der Augenblick
Unpräpariert da.
Die Kunstpostkarte Sommer
Hat Syringenfarbe, solange wir
Leise aufeinander einreden,
Bis wir dann unseren Weg fortsetzen,
Und ich noch einige Zeit lang
Im Rücken die Spitze
Der Taschenmesser-Klinge spüre,
Die ich ihm beim Abschied
Wieder zwischen seine Zähne legen mußte.

Der Mann, der sich im Handstand durch die Welt bewegt, ist trotz aller Verfremdung sichtlich die Chiffre der poetischen als einer artistischen Existenz. Die Fremden Körper erhalten ihre Verfremdung durch den abweichenden Blickpunkt, von dem aus sie auf den Kopf gestellt erscheinen. Ähnlich zeigt auch „Der müde Athlet“ „den Zenit / Den Handstand“. Und auch das spätere „Ariel“ macht deutlich, daß Lyrik für Krolow eine akrobatische und luftige Angelegenheit ist. Freilich heißt es dort auch – und in unserem Kontext erhält das fast programmatische Züge –:

Meine Übung
macht müde, am Ende
kommt man doch wieder
auf seinen Füßen zu stehn.

Man liest das als Vorgriff auf die spätere realistische Tendenz. Erst nach und nach läßt Krolow Alltag und Realität einfließen. Die Bände nach 1965 belegen die Tendenz zur Versachlichung: Landschaften für mich (1966), Alltägliche Gedichte (1968), Nichts weiter als Leben (1970). Aber erst mit Zeitvergehen (1972) und Der Einfachheit halber (1977) hat sich die realistische Tendenz gegen eine zwischenzeitliche Neigung zu rokokomäßiger Kleinmeisterei durchgesetzt.

 

Realismus und Reduktion
Krolows Realismus ist vor allem die Sache eines neugewonnenen Subjektivismus. Er hat mit der emphatischen Ich-Süchtigkeit der späteren Neuen Sensibilität nichts zu tun. Er bleibt, selbst in gewissen kraß-veristischen Varianten, eine Sache des poetischen, nicht des empirischen Ichs. Programmatische Äußerungen im Gedicht markieren die Tendenz zur Versachlichung. Etwa: „Ich lasse den Gegenständen ihre Namen“ oder gar:

Ich weiß, daß Physik wahr ist.

Derlei scheint, im Mund eines Lyrikers, einer Kapitulation der Poesie gleichzukommen.
Aber wie immer ist das Programm nicht die Realisation. Poesie erscheint als Minimum in der trockenen Grazie der Behauptungen, in bewußt gesetzten Unbestimmtheiten, in der Stereotypie von Beobachtungen und Aussagen. Das Geheimnis liegt in der Entlastung. Wie das Gedicht sich erleichtert, so auch der Leser. Indem es keine Ansprüche an die Realität stellt, wird diese auf andere Weise sichtbar:

Die Seele der Worte
spielt keine Rolle mehr.
Darum bleibt es draußen
so schön.

Endlich scheint Krolow aus dem surrealistisch illuminierten Sprachinnenraum herauszutreten. Aber auch die sprachlose Faktizität bedarf der Sprache, um zu erscheinen. Metaphorik läuft nebenher, nicht um ein Beziehungsgeflecht zu schaffen, sondern um das eine Faktum durch ein anderes zu ersetzen:

Sie hing vom Bett herab.
Eine große, geöffnete Melone
statt Sprache.

Sprache kommt gegen die Fakten nicht auf. Die Dinge erscheinen ohne Bedeutung, ohne Tiefe. Doch damit hat das erlebende Ich sich nicht wirklich abgefunden. Indem es konstatiert, daß „nichts“, „sogar absolut nichts“ außerdem vorhanden ist, evoziert es das Geheimnis, den Widerschein der Dinge: „Hautflächen leuchten“ – sie scheinen ihr Licht aus sich selbst zu haben. Krolows Realismus schlägt in eine sachliche Phantastik um. Unverkennbar aber auch, daß Krolow in solchen Texten an ein Ende gekommen war.

 

Die verwegenen Wonnen der Form
Altern als Problem für Künstler? Aber Krolow wäre nicht Krolow, wenn er diesem Problem nichts abgewönne – nicht bloß eine weitere Nuance, sondern eine neue Wendung. „Der Herbst ist anders“, heißt es in einem Gedicht der neuen Phase, „glaub mir, der ist Dialektiker“. Und die dialektische Wendung des Bandes Herbstsonett mit Hegel (1981) war geradezu schroff antithetisch. Freilich war sie nicht Sache eines Alleingangs, sondern entsprach einer allgemeinen Rückwendung zur Form. Krolow tat aber nicht bloß mit, sondern setzte sich gleich an die Spitze der neuen Tendenz. Die wiedergekehrte Form hatte Verluste zu kompensieren, und sie tat es bei Krolow mit neuer Grazie. Doch sollte der Rückgriff auf Metrum, Reim und Strophe nicht täuschen. Der Dichter spricht, wie immer, mit Vorbehalt, mit Ironie. Das zeigen Titel wie „Terzinen“, „blauäugig“ oder „Sonett, oder auch nicht“. Vor allem die „Lieder“ mit ihren gelenkigen Rhythmen und den gehäuften, zuschnappenden Reimen zeigen, daß die alten Harmonisierungen nicht mehr zu haben sind. Der Reim ist nicht – wie für Karl Kraus – der Landeplatz einverstandener Gedanken, sondern Indiz für Diskrepanzen oder, bestenfalls, klingelnde, nervende Erinnerung an verschollenen Wohlklang:

Ich lese an der Wand –
ich warte, ich warte, ich warte.
Ich lebe wie verbannt
in einem anderen Land.
Das steht auf keiner Karte.
Ich suche nach deiner Hand.
Ich steh in der Mauerscharte,
seit mich Verlangen narrte –
diese Sehnsucht – ich erstarrte
und blicke unverwandt
und suche nach deiner Hand.
Ich rieb mir den Schlaf als Sand
aus den Augen. Ich verharrte
an dieser Mauerwand,
wo es geschrieben stand,
Ich suche im Schlaf und warte.

Diese Insistenz des Reims erinnert an Else Lasker-Schülers „Mein blaues Klavier“. Der Reim als Sehnsuchtston ist freilich bei Krolow in Skepsis umgeschlagen. Die „Sgraffiti“ – so der Gedichttitel – verweisen auf einen Nicht-Ort, auf ein Land, „das steht auf keiner Karte“, auch hierin dem romantisch-blauen Klavier der Dichterin verwandt.
„Sgraffiti“ steht schon in dem Band Zwischen Null und Unendlich (1982). Hier und in den folgenden Büchern häufen sich die Rückgriffe und Verweise auf die Lyriktradition. Man könnte von einer Pastichetechnik sprechen, um die besondere Art des Herübertragens in die Gegenwart zu bezeichnen. Es sind halbe Echos, ironisch oder sentimental gebrochen:

Es ist im Kopf ein Sterben
und es gibt eine Melodie,
die tödlich ist und die,
zerbrochen in viele Scherben,
Musik bleibt bei diesem Sterben,
Musik, und ich höre sie.

Diese Musik klingt wie von Brentano, dem auch ausdrücklich eine Huldigung gilt; sie hat rilkeschen Anklang, könnte aber auch vom späten Benn stammen – und ist doch Krolow; vor allem wenn man die Fülle solcher ironisch-gefühlvollen Litaneien mithört. Und wer nun sagen wollte, Krolow sei eine Art lyrischer Bauchredner? Auch dem kommt der Autor zuvor – Selbstanklage als Exkulpation. Ironie imprägniert all diese Texte.

 

PLOPP!
Zu Krolows Imprägniermitteln gehört seit den achtziger Jahren auch die Verwendung von Jugendjargon, Szene- und Comicsprache. Mit einem dementsprechenden PLOPP setzt die neue Phase 1980 ein:

Bedien dich oder vergiß es –
in einem kühlen Grunde
da geht so ein gewisses
PLOPP dir aus dem Munde.

 

Da kommt die Kaugummiblase
dir schon wie Sprache vor
. (…)

Krolow gelingt das Kunststück, aus dieser Nichtsprache Poesie zu machen. Er leitet uns an, sie herauszuhören, zu empfinden. Ist nicht sogar das Schöne noch einmal möglich? Krolow beschreibt es im Auftauchen eines schönen Gesichts:

Versteh, dies ist ein Gesicht
ohne Singsang. Du läßt den Schmus.
Du magst das Gerede nicht.
Das ist nur dieses Gesicht,
das hat den englischen Gruß
vom Himmel, den niemand sah
und den niemand sehen will.

Ein altes Thema, das Motiv der Verkündigung; doch der Dichter, der uns das Geheimnis der Schönheit übermitteln will, muß wie zu Blinden und Analphabeten sprechen:

Da beginnt für dich plötzlich Dichtung.
Und die ist lange her. Die ist wahnsinnig alt.

Das gedankenlos-alltägliche „wahnsinnig“ erhält hier seine Rechtfertigung, wird zum einzig angemessenen Ausdruck. Ist sie nicht alt, die Poesie, und wahnsinnig? Der Autor, unsicher, ob wir begriffen haben, nimmt uns bei der Hand:

Verstehst du ungefähr: –
Erscheinung und Gestalt
aus dem Nichts und neben dir.

Plötzlich ist sie wieder da, die ästhetische Begriffssprache, mit der wir das Inkommensurable zu fassen suchen – nicht plump und mit Ewigkeitsanspruch, sondern mit halber Ironie, wie sie unsere Gefühlsunfähigkeit eben noch zuläßt.
Es ist der Schritt vom Gesicht zum Gedicht (nicht bloß Reimes wegen). Eros der Sprache und Zauber der Sinnlichkeit sind nicht zu trennen. Das gilt auch für die Texte, die man konventionell als Liebesgedichte bezeichnen würde. Es sind Gedichte eines alten Mannes an eine viel jüngere Frau; wenn das nicht schon zu grob und deutlich ist. Sanfte Entschiedenheit und zärtlicher Zynismus spielen miteinander. Auch hier gibt es die schwarzen Momente der Erotik, wie man sie von Krolow kennt, etwa dies nächtliche Carpe diem:

Der Tod lebt so beschleunigt.
Das war noch eben Paarung.
Die Reste von Behaarung
Komm näher und bereu nicht!

Ein neuer Ton, trocken und dennoch geschmeidig, lässig, manchmal gar nachlässig. Er tönt auch, nur geisterhafter, aus dem Band Ich höre mich sagen (1992). Da ist etwas wie selbstverlorener Singsang, bei dem die Kontrolle überspielt wird und das Gemurmel auf die überraschendsten Assoziationen kommt.
Auch das Thema wird unwichtig, ja es kann geradezu aus dem Blick geraten. In dem Gedicht „Vom Kauen der Fingernägel“ ist es bloß Anlaß, Vorwand, um vom „au“ des Kauens und das „i“ aus dem Finger auf immer neue Reimklänge und Gedankenverbindungen zu kommen. So lautet der Schluß:

Und Lebenslicht
ist kurz nur anzuschauen,
wenn man Glück hat und weiß es nicht.

 

Nun laßt uns gehn und treten
Glück ist wohl auch eine Frage des Trainings. Jedenfalls in der Poesie. Der Lyriker Krolow hat fast immer Glück. Gerade auch dann, wenn er von eher traurigen Befunden spricht. Die sind nicht bloß eine Frage des Alters, sondern auch der Einsicht. Das Wissen um Sterblichkeit wird normalerweise mit dem ironischen Krolowschen Nüchternheitston formuliert, den wir so gut kennen. Aber – das ist die Überraschung – es finden sich auch bislang ungewohnte, unerhörte Töne. Religiöse nämlich – wenn auch bloß zitathaft und vorbehaltlich. Krolow kennt ja die alten Kirchenlieder; und plötzlich erscheinen ihre Echos. Doch siehe da, sie passen sehr wohl in seinen Vers – als habe er bloß darauf gewartet. Etwa in das „Lied seit Menschengedenken“:

Nun laßt uns gehn und treten
den frommen Staub unterm Schuh
von Jahrhunderten, die beten
konnten und lernten nichts dazu.

Krolow, der Anti-Metaphysiker, verleugnet auch hier nicht seine skeptische Diesseitsattitüde. Er gehört ja noch zu jenen, die, wie Benn, Gott für ein schlechtes Stilprinzip halten.
Mit dem alten Benn teilt Krolow auch die Skepsis gegenüber der Geschichte. Er formuliert lakonisch:

Was man Geschichte nennt: –
kein Atem Gottes weht.
Unberechenbar besteht
sie aus einem Element –
Triumph oder Bestialität.

Das könnte von Benn stammen und wirkt doch leichter, wie nebenher gesagt. Das schwere Pathos ist fern. Krolow konstatiert bloß einen Befund, einen unter anderen. Er bekennt auch, daß er die Erde nie genug entdeckte. Und doch ist Karl Krolow seit fünf Jahrzehnten ein Dichter, der die Zeichen der Welt und die unserer menschlichen Vergänglichkeit in seinen bitter-schönen Versen umkreist.

Harald Hartung, aus Harald Hartung: Masken und Stimmen, „Dieser Text ist verschwunden.“, 1996

Carl Hanser Verlag, 1996

 

 

Preisverleihungsakt des Großen Niedersächsischen Kunstpreises 1965 an Karl Krolow

Zum 65. Geburtstag des Autors:

Peter Jokostra: Wenn die Schwermut Fortschritte macht
Die Welt, 11. 3. 1980

Walter Helmut Fritz: Großer Weg zur Einfachheit
Stuttgarter Zeitung, 11. 3. 1980

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Klaus Jeziorkowski: Das systematische Windspiel
Die Zeit, 8.3.1985

Zum 75. Geburtstag des Autors:

Joachim Kaiser: Einzigartiger lyrischer Zeitzeuge
Süddeutsche Zeitung, 10./11.3.1990

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Kurt Drawert: Das achte Leben der Katze
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.3.1995

Curt Hohoff: Schlechtes vom Menschen, nichts Neues also
Die Welt, 11.3.1995

Zum 100. Geburtstag des Autors:

Oliver Bentz: Lyrik, luft- und lichtdurchlässig
Wiener Zeitung, 8.3.2015

Fritz Deppert: Karl Krolow: Der Wortmusiker von der Rosenhöhe
Echo, 9.3.2015

Christian Lindner: Gedichte aus der frühen Bundesrepublik
Deutschlandfunk, 11.3.2015

Alexandru Bulucz: Immortellen, Nebel“
faustkultur.de, 11.3.2015

Peter Mohr: Allianz von Wort und Wahrheit
titel-kulturmagazin.net, 11.3.2015

 

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Nachrufe auf Karl Krolow: Der Freitag ✝ Spiegel ✝ Tagesspiegel ✝︎ Welt ✝

Michael Braun: Die Defäkation Dasein
Frankfurter Rundschau, 23.6.1999

Harald Hartung: Algebra der reifen Früchte
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.6.1999

Charitas Jenny-Ebeling: Dichter der Abschiede
Neue Zürcher Zeitung, 23.6.1999

Kurt Oesterle: Aufzuschreiben, daß ich lebe
Süddeutsche Zeitung, 23.6.1999

 

Bild von Juliane Duda mit den Texten von Fritz Schönborn aus seiner Deutschen Dichterflora. Hier „Krolowandel“.

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