Christine Bustas Gedicht „Am Rande“

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CHRISTINE BUSTA

Am Rande

Manchmal auf einer Schwelle sitzen,
ausruhn vom Gehen, das nicht ankommt,
die Tür hinter dir und nicht klopfen.

Alle Geräusche wahrnehmen
und keines verursachen.
Das Leben, das dich nicht annimmt, erhören:
Im Haus, auf der Straße,
das Herz der Maus und des Motors,
die Stimmen von Luft und Wasser,
die Schritte des Menschen, der Sterne,
das Seufzen von Erde und Stein.

Manchmal setzt sich das Licht zu dir
Und manchmal der Schatten,
treue Geschwister.
Staub will nisten auf dir
Und unbetretbarer Schnee.

Langsam unter der Zunge
wärmt sich dein letztes Wort.

1960er Jahre

aus: Christine Busta: Unterwegs zu älteren Feuern. Otto Müller Verlag, Salzburg 1965

 

Konnotation

Charakteristisch für die Gedichte der österreichischen Dichterin Christine Busta (1915–1987) ist eine tiefe Schöpfungsdemut. Die in großer Armut aufgewachsene Autorin, deren Dichtkunst von Kritikern eine Neigung zur „frömmelnden Aussage“ vorgehalten wurde, zeigt sich ergriffen von der Sakralität aller Phänomene und von den selbstverständlich scheinenden Elementen des Lebens.
In naiver Schlichtheit kultiviert diese Autorin das Staunen vor den Einzelheiten der Welt. Auch formal manifestiert sich eine ruhige Gelassenheit und in sich ruhende Aufmerksamkeit für die Dinge des Lebens. Diese Emphase ist poetisch prekär, denn aus einer legitimen Ergriffenheit vor den Wundern der Schöpfung kann sich bald eine Tendenz zur harmonisierenden Verklärung aller empirisch greifbarer Realien entwickeln. Eine religiöse Überhöhung wird zum Grundmuster der Wirklichkeitsdeutung. Wie im Fall dieses 1965 erstmals publizierten Gedichts.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2010, Verlag Das Wunderhorn, 2009

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