Ernst Jandls Gedicht „sittich“

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ERNST JANDL

sittich

aaaaalorenz böhler unfallkrankenhaus
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaa    wien 1987

ich habe
kein gewicht.
so trägt mich
schwester anna
auf ihrer hand
wie einen sittich
hoch nach oben
und zeigt mir
durch große fenster
den blick auf die stadt.
der weg nach unten
macht mich schwer.
schwester
ich humple
an ihrer seite
in mein zimmer.

1987

aus: Ernst Jandl: poetische werke 9. Luchterhand Verlag, München 1997

 

Konnotation

Auch so kann der Mensch sein – ein elendes, verletztes, zartes, bemitleidenswürdiges Wesen. Der große Sprachvirtuose Ernst Jandl (1925–2000) zeigt den Tagtraum eines kranken Mannes. Das Ich imaginiert sich als kranker, gewichtloser Vogel in den Händen einer Beschützerin. In das Wunschbild eingeschlossen ist ein harter anthropologischer Befund von der „Conditio humana“. Denn das so allmächtig erscheinende Ich hat auch metaphysisch „kein Gewicht“, der Mensch ist an den Rand der Schöpfung gerückt.
Die ganze Selbstherrlichkeit des Menschen, der einst zur „Krone der Schöpfung“ ausgerufen wurde, ist in diesem Gedicht dahin, im Zustand der Verletztheit ist er auf helfende Hände angewiesen. Und so kann sich ein Bericht über die Folgen eines Unfalls in eine kleine Metaphysik des ausgesetzten Menschen verwandeln.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2009, Verlag Das Wunderhorn, 2008

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