FRIEDRICH HÖLDERLIN
Lebenslauf
Größers wolltest auch du, aber die Liebe zwingt
All uns nieder, das Leid beuget gewaltiger,
Doch es kehret umsonst nicht
Unser Bogen, woher er kommt.
Aufwärts oder hinab! herrschet in heil’ger Nacht,
Wo die stumme Natur werdende Tage sinnt,
Herrscht im schiefesten Orkus
Nicht ein Grades, ein Recht noch auch?
Dies erfuhr ich. Denn nie, sterblichen Meistern gleich,
Habt ihr Himmlischen, ihr Alleserhaltenden,
Daß ich wüßte, mit Vorsicht
Mich des ebenen Pfads geführt.
Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,
Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern’,
Und verstehe die Freiheit,
Aufzubrechen, wohin er will.
1800
Konnotation
Friedrich Hölderlins (1777–1843) Ode „Lebenslauf“ existiert in einer einstrophigen Fassung aus dem Jahr 1798 und in einer Erweiterung auf vier Strophen aus dem Sommer 1800. Die „Ich“-Anrede der Kurz-Ode wird in der vorliegenden Langfassung zum „Du“ objektiviert. Aber in beiden Versionen greift Hölderlin auf das geschichtsphilosophische Motiv vom „Lebenslauf“ als „Bogen“ (und von seiner aufsteigenden und absteigenden Bewegung) zurück.
An dieser Ode in asklepiadeischen Strophen frappiert zunächst die Koppelung der „Liebe“ an die absteigende, niederdrückende Bewegung: Die „Liebe“ steht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem „Leid“, das unser menschliches Dasein „beuget“. Der Lebensweg führt hinab in den „Orkus“ – und selbst „die Himmlischen“ können nicht dabei helfen, den Sinn des Leids zu verstehen. Es bleibt dem Menschen überlassen, das Aufwärts und das Hinab seines Lebens verstehen zu lernen: „Alles prüfe der Mensch“.
Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2009, Verlag Das Wunderhorn, 2008








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