Heinrich von Morungens Gedicht „Herrin, sieh doch auf mein Leid“

HEINRICH VON MORUNGEN

Herrin, sieh doch auf mein Leid

Herrin, sieh doch auf mein Leid,
eh mein Leben ich verliere.
Sprachst ein Wort dawider mich:
Nimms zurück, du selig Weib!
Du sagst immer nein, ach, nein,
das bricht mir das Herz entzwei.
Magst nicht einmal sagen ja,
ja, ja, ja, ja, ja, ja?
Das soll meine Hoffnung sein.

(Übersetzung: Martin Reinke)

12. Jahrhundert

 

Konnotation

Heinrich von Morungen (ca. 1150–1222), ein Protegé des Markgrafen Dietrich IV von Meißen, hat mit der kühnen Bildhaftigkeit seiner Dichtung dem Minnesang zu einer neuen Sinnlichkeit verholfen. Im Vordergrund steht bei ihm das Dienst- und Vasallenverhältnis des Liebenden zu seiner Dame. Für Heinrich ist die Minne eine magische Macht, die den Liebenden blendet und ihn seiner Sinne beraubt – sie kann ihn in Wahnsinn und Tod stürzen, aber auch zu höchstem Liebesjubel empor tragen.
Von Heinrich sind 35 Minnelieder mit 115 Strophen überliefert, davon allein 104 Strophen in der großen Sammlung des Codex Manesse. Der Troubadour formuliert hier das Drama des abgewiesenen Liebhabers – sein Gesang nährt sich von der Hoffnung, dass irgendwann sein Flehen erhört wird und „die Herrin“ seinen Liebessehnsüchten entgegen kommt.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2007, Verlag Das Wunderhorn, 2006

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