Oskar Loerkes Gedicht „Leitspruch“

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OSKAR LOERKE

Leitspruch

Jedwedes blutgefügte Reich
Sinkt ein, dem Maulwurfshügel gleich.
Jedwedes lichtgeborne Wort
Wirkt durch das Dunkel fort und fort.

1940

aus: Oskar Loerke: Die Gedichte, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1983

 

Konnotation

Das eben ist das Herrliche an der höchsten Dichtung, daß sie keine Sklavin der aktuellen Ereignisse ist, sondern selbst ein aktuelles Ereignis.“ Als der Dichter Oskar Loerke (1884–1941) diese Maxime seiner Arbeit formulierte, hatte er sich als Repräsentant der „naturmagischen Poesie“ bereits etabliert. Er konnte aber nicht ahnen, wie tief aktuelle politische Erschütterungen ans Fundament seiner Dichtung rühren würden.
Loerke hatte sein Gedicht als „konstituierte Form“ von der Politik freihalten wollen. Aber die Machtergreifung Hitlers zertrümmerte auch die alten Vorstellungen von autonomer Dichtung. Loerke wurde 1933 aus der Preußischen Akademie der Künste hinausgeekelt und zog sich zurück, blieb aber Lektor im S. Fischer Verlag. Drei Monate vor seinem Tod, im November 1940, verfasste er seinen „Leitspruch“, ein Bekenntnis zur Wirkungsmacht des Geistes gegen die Tyrannei „blutgefügter Reiche“.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2007, Verlag Das Wunderhorn, 2006

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