Paul Celans Gedicht „Selbdritt, Selbviert“

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PAUL CELAN

Selbdritt, Selbviert

Krauseminze, Minze, krause,
vor dem Haus hier, vor dem Hause.

Diese Stunde, deine Stunde,
ihr Gespräch mit meinem Munde.

Mit dem Mund, mit seinem Schweigen,
mit den Worten, die sich weigern

Mit den Weiten, mit den Engen,
mit den nahen Untergängen

Mit mir einem, mit uns dreien,
halb gebunden, halb im Freien.

Krauseminze, Minze, krause,
vor dem Haus hier, vor dem Hause.

1960

aus: Paul Celan: Die Niemandsrose. S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 1963

 

Konnotation

Das im Mai 1960 entstandene Gedicht ist das lyrische Dokument der Freundschaft zwischen zwei jüdischen Dichtern, die „ein Meridian des Schmerzes und des Trostes“ verband: Paul Celan (1920–1970) und Nelly Sachs (1891–1970). In einem Briefwechsel hatten sich die zwei wahlverwandten Dichterseelen drei Jahre lang einander angenähert, bis sie nach einem Treffen in Zürich beschlossen, miteinander „auf geheimen Sternenstraßen“ zu wandeln.
Am 25. Mai 1960 wartet Paul Celan „selbdritt“, nämlich gemeinsam mit seiner Frau Gisèle und seinem Sohn Eric, auf die Ankunft von Nelly Sachs am Flughafen Zürich. Kurz zuvor schrieb er das Gedicht, das auf ein rumänisches Volkslied zurückgeht und mit den Konnotationen der botanischen Bezeichnung „Krauseminze“ spielt. Im Ton eines Kinderlieds spricht das Ich von der engen Verbundenheit mit einem Du, mit dem man durch „Weiten“ und „Engen“ und „Untergänge“ hindurchgeht.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2009, Verlag Das Wunderhorn, 2008

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