Text+Kritik: Elke Erb – Heft 214

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch Text+Kritik: Elke Erb – Heft 214

TEXT+KRITIK: Elke Erb – Heft 214

SCHONEN ERWEITERT1

Für „Flip-out-Elke“

Bin in Altes Lager2 gewesen; allet schubbert ab.
Das Pferd ist zu Fuß ein Tusch hinterm Tod.
Ich habe Ales stenar3 gesehen, steht zwar noch,
aber die Steine sind wie die Wörter verrutscht:
Der Tusch ist ein Pferd hinterm Tod zu Fuß.
So bastelt man kein Sonnenobservatorium.

„Gedanken wie Reisig zu Füßen“4
„Es fängt an dunkel zu werden
Es hört auf hell zu sein“5
„Meine eigenen, störrische Zweige,
zum Winter geworfen“6
„Es hört auf dunkel zu sein
Es fängt an hell zu werden
Und zwei ist eins“7

Von der Erbin8 lernen, heißt erben lernen: Odin war nur
ein Führer, Loki ist Anrührer, Anführer und Aufrührer!
Schoningers Adler resp. Rabe – „ist Greif“
9.
Zu allem, was recht ist, paßt – was einseift.
Dann sorgt die Biathletin10 für Ordnung:
Frauen ins Land, Männer an den Strand.

Eins ist zwei und
Werden zu hell an fängt es
Sein zu dunkel auf hört es
Sein zu hell auf hört es
Werden zu dunkel an fängt es
„Lieblicher sprachst du (…)
nicht darf ichs verschweigen,

wenn unsre Schandtaten wir / sollen nennen genau.“11
Frieden ist ewiger Streit, ruhig rollt das Rad,
auf Preis folgt Nachlaß, dann Preisgabe,
Zurücktritt, Unterwerfung des Geistes:
Eingeschworen ist die Pik Zehn,
auf die einheizende Herz Neun.

Gedanken wie Geschling zwischen den Zehen:
„Es fängt an dunkel zu werden
Es hört auf hell zu sein“.
Gletsch, Gleiß und Giersch zu ihrer Zeit,
der Film fängt gleich an:
„Es hört auf dunkel zu sein
Es fängt an hell zu werden
Und zwei ist eins“.

„Unser Gelächter war urböse (…),
gespeist von dem Urquell des Unmotivs,
und wir versuchten vergebens,
den Schutzherrn unseres Gemütes zu betrüben.“12
Nach dem Schlangenverderben
beginnt des Wurmes Werden.

Eins ist zwei und
Werden zu hell an fängt es
Sein zu dunkel auf hört es
Sein zu hell auf hört es
Werden zu dunkel an fängt es
„Lieblicher sprachst du (…)
als du in dein Bett mich entbotst:
nicht darf ichs verschweigen…“

Wann sorgt die Biathletin für Ordnung?“ –
„Welche Ordnung?“ – „Die Mutter der Ordnung!“ –
„Einmal genannt ist die Mutter der Ordnung
jede Ordnung.“ – „Eine spontane Ordnung!“
„Was heißt Regel beim Dichten? – Zweierlei heißt es.
– Was denn? – Normal und Abgewandelt!“13

Gedanken wie Geäst zwischen den Zeiten:
„Es fängt an dunkel zu werden
Es hört auf hell zu sein“.
„Die fünfte Freiheit ist Zeitenwechsel
14
in der Halbstrophe.“
15 Für janz Doofe:
„Es hört auf dunkel zu sein
Es“ fing „an hell zu werden
Und zwei ist eins“,

Pferdeschwänze drehen am Rad, betrauern
gefallene Adoranten,16 Schiffsheber, Akrobaten,
Krieger und Dollentrolle,17 die sich selbst ausheben.
Unterstrapazierte Kindergermanen geben kein Gas;
säen und ernten nicht, sparen keinen Strom.
AIDS riskieren oder Arsch abfrieren.

Eins ist zwei und
Werden zu hell an fängt es
Sein zu dunkel auf hört es
Sein zu hell auf hört es
Werden zu dunkel an fängt es
Anzufangen auf hört es
Aufzuhören an fängt es
Zuzuhören auf hört es
Zuzugreifen an fängt es

Nokia: „Ich habe jede Möglichkeit so antizipiert,
dass mich Alleen voll Gehängter nicht stören werden,
ein Ziel zu verfolgen, das bei mir immer wiederkehrte.
Den Menschen das abbetteln, was sie nicht geben wollen,
habe ich kein Talent, weil ich an die innere Überwältigung glaube.“18
Die Unterwerfung des Geistes, dem es an Opfern gebricht.

In der Schonung haben wir gefickt.
„Es fängt an dunkel zu werden
Es hört auf hell zu sein“
Aus der Lichtung bricht die Schneise – wüßte der Dadaskalde19
noch die Richtung; brunzt die Scheiße, ich wüßt’s wohl balde:
„Es hört auf dunkel zu sein
Es“ fing „an hell zu werden
Und zwei ist eins“.

Dann steigt der Greif und Donner fährt ins Gebirge.
Der Winterwanderer
20 beschreibt ein Sommergewitter:
Brachst die Knochen der Spielgefährtin,
machst den Dreigewaltigen zum Hoschi,
barbiertest den mächtigen Kampfbart,
malträtierst die leblosen Schreihälse.

Eins ist zwei und
Werden zu hell an fängt es
Sein zu dunkel auf hört es
Sein zu hell auf hört es
Werden zu dunkel an fängt es
Anzufangen auf hört es
Aufzuhören an fängt es
Zuzuhören auf hört es
Zuzugreifen an fängt es

Verschiedene sich angelegentlich kreuzende Wege resp. Verse
führen zu der Straße resp. Strophe in das Gebiet resp. Gedicht,
in dem steht, was in Schonen und rund um Schonen rum abgeht:
Abgedrehte Vegetationszyklen und jeweiliges Wetter beugen sich
über schräge Großsteingräber und zerfurchte Felszeichnungen.
Die allgemeine und spezielle Poetologie, die Erörterung zwischen-

menschlicher Beziehungen hingegen,
die – zugegeben, innere – Überwältigung
des spröden Geistes, und der Kommunismus
folgen genauso auf dem Fuß wie der Formalismus.
In der Schonung knospt’s –
„Es hört auf dunkel zu sein
Es“ wird angefangen geworfen sein „hell zu werden
Und zwei ist eins“.

Der Feind des Trichterbechermannes ist der Steinschläger,
Trassen hauend – „Hucker“, die wir sind, „nicht Maurer“
21
für Paperbacks? „Wir gehn über die grauen Wiesen.
Wir grüßen den lautlosen Regen über dem Leunawerk.“
22
Fehlt dem Raubein das gryphische23 Element,
hat er glatt die Schiffssetzung verpennt –

„die monologe gehen fremd“.24
Vorbeigefahren, eingeschliffen:
Eins ist zwei und null zugleich.
„Werden zu hell an fängt es
Sein zu dunkel auf hört es
Sein zu hell auf hört es
Mainstream ist woanders.

„Ich nehme keine Befehle entgegen. Ich folge dem Ratschluß
meiner“
25 Schwänze. „Ich sehe den Zauber der Entzauberung.“26
„Frauen, die unser Leben teilen, in den enteigneten Betrieben.
(…) nicht gedrückt in die winterliche Struktur.“
27
„Die Poesie verwandelt ihre Widerstände in Siege.
(…) Je knapper die Siege sind, desto besser.“28

Schonen29 … ist die Herausforderung meiner Wassersuppe!30
Für immerdar, notfalls anagrammatisch sowohl als auch wahr:

„Letztes Jahr war die treu’ Erbin unsere Betreuerin, doch dann
machte sie in Dubna eine Ausbildung an der Gusli vor sich hin,
hütete die Raute auf ihrem Nokia und trieb die Aeronautik voran;
jetzt stehen unsere Teams im Stau und scheißen auf die Maustaste,
scheißen auf die Maustaste…

Inti, das braungebrannte Arschloch, und Tenno der Spinner
zweifeln an unserer Intention. Wie sollen wir die Stete bestreiten?
Ohne die Erbin fehlen Idee und Agens für die ganze Diagenese.
Wir liegen im Koben und hauen uns die Birne zu wie ’n’ Bienenkorb,
Birne zu wie ’n’ Bienenkorb…

In der Lederkote glüht die Elektrode,
qualmt die ganze Reihe Most in der Isotherme.
Es windet sich das Hirn, was trieb denn den Senn in’ Amber rin,
in’ Amber rin… “31

In Schonen werden wir wohnen und uns Wonnen gönnen,
die zu ersinnen wir uns vorläufig noch grämen, aber
im Nachhinein der Ausdeutung frönen – stracks,
franks und schlanks über den Tod hinaus…

Schonen ist breit, frei – und Utopie
mitten im Hier und Jetzt sofort.

Bert Papenfuß

 

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Inhalt

– Gabriele Wix: Elke Erb: Leben im Kommentar

– Bert Papenfuß: Schonen erweitert

– Cornelia Jentzsch: Ich höre nicht auf, mich zu wundern. Elke Erbs poetische Weltsicht

– Nico Bleutge: Gedanken wie Reisig zu Füßen. Die Erkenntniskraft des Gedichts – vier Umkreisungen zu Elke Erb

– Ann Cotten: Das Staunen und die Unschuld und die Macht und die Einsamkeit

– Ferdinand Schmatz: Elke Erbs Dichtung

– Oleg Jurjew: Kommt Elke Erb zu Besuch…

– Olga Martynova: Ich gebe, damit du gibst. Zum Verhältnis von Dichten und Übersetzen bei Elke Erb

– Ilma Rakusa: Rohr – Sprachrohr – Instrument. Elke Erb als Übersetzungskünstlerin

– Theresia Prammer: Das leibliche Instrument. Eine Berührung mit Elke Erbs Lebewesen

– Annett Gröschner: Zumutung. Meine frühen Erb-Lektüren

– Jan Kuhlbrodt: Von der Beweglichkeit. Genre und Selbstreflexion bei Elke Erb

– Daniel Falb: Ein Tag im Leben der Sprache. Daten bei Elke Erb und Hanne Darboven

– Steffen Popp: Elke Erb – Auswahlbibliografie 1966–2017

 

Elke Erb

ist eine der bedeutendsten zeitgenössischen Dichterinnen deutscher Sprache. Dichtung ist für sie ein Erkenntnismittel; ihre Texte haben einen abstrakten Zug, der nicht ins Diskursive geht, sondern beharrlich zum Kern der Wahrnehmung, der Begriffe und Dinge vordringt; Denken und Aufmerksamkeit werden in ihnen aufs Höchste angeregt und gefordert. Dies und die dahinter stehende eigensinnige, unkorrumpierbare poetische Haltung vermitteln alles, was man von Dichtung erwartet: Berührung, Engagement, Trost, Tiefe und Freiheit. Jene Freiheit, die man nicht besitzen kann wie ein Gut, sondern die man sich erarbeitet – und nimmt. Die Ermunterung zu solcher Freiheit ist es, die Elke Erbs Dichtung ihren Lesern vermittelt.
Die Beiträge des Heftes von Literaturwissenschaftlern, Dichtern, Übersetzern und Kritikern geben Einblicke in das vielschichtige Werk Erbs als Lyrikerin, Essayistin, Herausgeberin und Übersetzerin – jenen Arbeitsfeldern, die den Begriff von Dichtung im weiteren Sinn ausmachen.

edition text + kritik, Klappentext, April 2017

 

Im März 2017 erschien das text+kritik-Heft über die Dichterin Elke Erb, herausgegeben von dem Schriftsteller Steffen Popp. Aus diesem Anlass las sie am 5. April 2017 im Haus für Poesie aus ihrem Werk und wurde von Steffen Popp befragt. Mit ihr kamen text+kritik-Autor Ferdinand Schmatz und -Autorin Annett Gröschner zu Wort.

 

Zeitschriftenlese

Es gehört wohl zu den stärksten Passionen junger, selbstbewusster Zeitschriftenmacher, die jeweils amtierenden Literaturpäpste zu grimmigen Bannflüchen zu reizen. Auch im Falle von Heinz Ludwig Arnold, dem Erfinder der Zeitschrift Text + Kritik, kam es zu Verwerfungen, als der junge Germanistikstudent im November 1962 den großen Friedrich Sieburg, seines Zeichens Chefkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, um ein existenzsicherndes Inserat für seine neue Zeitschrift anging. „Sie scheinen nachgerade an einem hoffnungslos gewordenen Qualitätsbegriff festhalten zu wollen“, so komplimentierte Sieburg artig den jungen Editor, um anschließend die Peitsche zu zücken: „Sie nennen für die erste Nummer drei Namen, die mir alle drei gleich widerwärtig sind, nämlich Günter Grass, Hans-Henny Jahnn und Heinrich Böll. Das ist … eine trübe Gesellschaft, dem deutschen Waschküchentalent entstiegen und gegen alles gerade Gewachsene feindselig gesinnt.“ Zwei Jahrzehnte später, so behauptet die Legende, war es Sieburgs Nachfolger Marcel Reich-Ranicki, der mit derben Beschimpfungen der „Schweine-Bande“ um „Arnold-Dittberner-Kinder“ nicht geizte.
Der so Attackierte ließ sich nicht einschüchtern. Der damals 22-jährige Arnold setzte in seinen ersten beiden Heften unverdrossen auf seine Hausgötter Grass und Jahnn – und es gelang ihm scheinbar mühelos das, was bei Rainer Maria Gerhardt, dem heute vergessenen Literaturgenie der Nachkriegszeit, noch in astronomisch hohen Schulden und einem tragischen Freitod geendet hatte. Unter dem ursprünglich von Arnold gewünschten Zeitschriftentitel fragmente hatte Gerhardt schon 1951/52 in seinem großartigen literarischen Journal dem restaurativen Nachkriegsdeutschland die Leviten gelesen, war aber an notorischem Geldmangel und ästhetischer Kompromisslosigkeit schon früh gescheitert.
Heinz Ludwig Arnold und seine frühen Mitstreiter Gerd Hemmerich, Lothar Baier und Joachim Schweikart hatten mit Text + Kritik mehr Glück. Das Konzept, sich in kritischen Aufsätzen immer nur einem wichtigen Gegenwartautor zu widmen, schien zunächst nur auf ein germanistisches Fachpublikum zu zielen. Nachdem er aber auf listige Weise beim Chefmanager von HAPAG-Lloyd eine Spende von 1000 DM rekrutiert hatte, begann Arnold mit seinem neuen Literaturblatt von Göttingen aus die literarische Welt zu erobern. Das Debütheft über Günter Grass, ein 32 Seiten-Heftchen, ist noch heute, in stark erweiterter und aktualisierter Fassung, zu haben. Für den Eröffnungsbeitrag, eine „Verteidigung der Blechtrommel“, hatte Arnold den Brüsseler Germanisten Henri Plard gewinnen können, den er während seiner literarischen Lehrjahre als Sekretär Ernst Jüngers kennen gelernt hatte. Auf sein literarisches Adjutantentum bei Ernst Jünger, das von 1961 bis 1963 währte, blickte Arnold später mit einigem Ingrimm zurück, zuletzt in seinem Text + Kritik-Heft zu Jünger, das die schärfste Kritik am Anarchen aus Wilflingen enthält, die jemals aus literaturwissenschaftlicher Perspektive geübt wurde.
Die Lust an der literaturkritischen Auseinandersetzung zeichnet ja nicht nur das Jünger-Heft, sondern viele andere Projekte der edition text + kritik aus, die 1969 im juristischen Fachverlag Richard Boorberg ein festes verlegerisches Fundament gefunden hatte und dort ab 1975 als selbständiger Verlag agieren konnte. Text + Kritik war nie ein Forum für urteilsschwache Germanisten, die jede interpretative Wendung mit einem Überangebot an Fußnoten absichern, sondern ist bis heute die bevorzugte Schaubühne für philologische Feuerköpfe, die cum ira et studio für oder gegen einen Autor und sein Werk eintreten. So muss jeder Autor, dem die Ehre zukommt, in einem Text + Kritik-Heft analysiert und seziert zu werden, mit kritischen Dekonstruktionen des eigenen Werks rechnen.
Mittlerweile hat die öffentliche Aufmerksamkeit nachgelassen, aber die angriffslustige Essayistik ist auch nach insgesamt 157 Heften das Markenzeichen von Text + Kritik geblieben. In Neuauflagen und Aktualisierungen wurden veraltete Urteile revidiert, beim Wechsel der Denkschulen und Interpretationsmethoden aber auch so mancher Purzelbaum geschlagen. In der 5. Auflage des Ingeborg Bachmann-Heft exponierte sich z.B. eine schrille feministische Literaturwissenschaft, der Sonderband Nr. 100 über „Literaturkritik“ publizierte massive Attacken auf Marcel Reich-Ranicki. Einem euphorischen Sonderheft über „die andere Sprache“ der „Prenzlauer-Berg-Connection“ folgte mit der Nummer 120 alsbald die Selbstkorrektur im desillusionierten Blick auf den Zusammenhang von „Literatur und Staatssicherheitsdienst“. Die subtilsten, stilistisch funkelndsten Schriftsteller-Entzauberungen haben in den letzten Jahren Hermann Korte und Hugo Dittberner verfasst. Über Sarah Kirsch, in der Nummer101, findet man z.B. die wunderbare Sentenz, die Dichterin schreibe „Gedichte, die durch forcierte intellektuelle Unterbeanspruchung langweilen“. Diesen Königsweg literaturkritischer Unruhestiftung will Text + Kritik nicht mehr verlassen.

Michael Braun, Saarländischer Rundfunk, April 2003

 

Fakten und Vermutungen zu TEXT+KRITIK

 

 

SELBSTBILDNIS
(für Elke Erb)

ich kann lesen, ich kann
schreiben ich kann nieseln

meine Zungenklemme meine
Zungensperre meine Maulschraube

meine Augenkrume aus Salz und
Zucker, mein Traumzuckerchen

ich kann sitzen, meine persönlichen
Flöhe, meine Sitzhöcker

meine Mundart, balzend
meine Schluckaufe meine Vielstimmerei

mein Glühen mein Emporholen mein
Schwadronieren mein Ritt auf dem Delphin

mein Untertauchen mein Hervorschnellen

Ruth Johanna Benrath

 

Wilhelm Reichmann

Manfred Rothenberger: In dem von Steffen Popp herausgegebenen und dir und deinem Schreiben gewidmeten TEXT+KRITIK-Band von 2017 stellt Ann Cotten in dem Aufsatz „Das Staunen und die Unschuld und die Macht und die Einsamkeit“ fest:

Das Einzige, was ein blutendes Herz sich etwas draußen vor der Tür fühlen lässt, ist, dass die Erb’sche Haltung nicht leiden kann. Sie kann zwar das Leiden aus der souveränen Schreibhaltung genauestens untersuchen und alle Aspekte der Dialektik des Leidens herauskombinieren. Sie kann das Leiden sogar sehr gut beschreiben – so gut, dass man es schon spürt. Aber wer die Dichterin selbst leiden sehen möchte, der oder dem wird mit den Texten nicht gedient.

Elke Erb: Das stimmt auch… (denkt länger nach) – nein, das stimmt nicht. Ob Ann das wohl selbst ist, von der sie da spricht.
Was heißt überhaupt: „den Texten“? Da hat sie keine klare Unterscheidung. Das ist unklar bei ihr. Ann unterscheidet nicht. Also: Natürlich schreibst du, und es gelingt dir, sonst würdest du es ja nicht gelten lassen. Und das ist kein Leiden, selbstverständlich.
Aber wenn ich jetzt, sagen wir mal, in Sonanz gehe, und dort vor Ergriffenheit verweile, weil mich das überstürzt erinnert an etwas, was ich in Zusammenhang mit Freude erlebt habe, dann ist das auch kein Leiden. Aber es gibt wirkliches Leiden, etwa in… sie kommen in ein KZ, und man sagt zu ihnen, ihr werdet da gutes Wetter haben, oder irgend so etwas. Das ist echtes Leiden. Da habe ich Leiden direkt ausgedrückt.
Es stimmt also hinten und vorne nicht, was Ann da sagt. Weißt du. Und noch dazu sagt sie:

Sie kann das Leiden sogar sehr gut beschreiben.

Was soll das denn bitte heißen? Jetzt sagt sie, sie kann das gut beschreiben, aber selber leidet sie nicht. Das kann doch nicht sein. Ann ist in ihrer Frechheit schon ganz schön naseweis.

Rothenberger: Aber sie schätzt dich sehr.

Erb: Ich sie ja auch. Aber ich denke, dass das mit dem Leiden eigentlich für sie ein Thema ist, und nicht für mich. Das geht mich nichts an, was sie da sagt, und ich sehe auch nicht, dass Ann Cotten irgendwo leidet. Nicht, keine Zeile, nichts.
Ich weiß noch, wie sie mal mit Monika Rinck beim Papenfuß aufgetreten ist. Das fand ich ganz toll von den beiden. Da ging mir auf, wie gut sie sind. Auch real bleibend an den Dingen. An dem, was da ist… Moment, da muss ich mir gleich was notieren. Gib mir mal deinen dicken Kuli. Den darfst du nicht verschenken…
Weißt du eigentlich, wie sich das Alter an der Rechtschreibung rächt?

Rothenberger: Das Alter rächt sich an der Rechtschreibung?

Erb: Ich mache dauernd Fehler. Wirklich! Ich vergesse dies und das. Zum Beispiel lese ich Wilhelm Reich und schreibe etwas in das Tagebuch. Aber plötzlich steht da „Wilhelm Reichmann“. Na sowas. Laufend. Und das gibt es auch mit Zahlen. Ich will „63“ schreiben, schreibe aber „36“.

Rothenberger: Das kann sich auch kreativ auswirken…

Erb: … hmm, warte mal… was habe ich damals geschrieben in Winkelzüge:

Sind wir noch bei uns gewesen, als wir rechts und links von uns unterschieden haben.

Das ist doch magisch, auf einmal mache ich das, verstehst du – als würde ich Partei gehen mit der, die ich damals war. Das ist doch irre. Also so was.

Aus Tanzende Ordnungslust. Manfred Rothenberger im Gespräch mit Elke Erb, starfruit publications, 2024

Mit Tieren sprechen

Manfred Rothenberger: Als ich heute zu dir nach Wuischke gekommen bin, war im Vorraum ein Vogel eingesperrt und ist gegen die Fenster geflogen. Ich wollte den Vogel mit einem Eimer fangen und hinaustragen, da bist du gekommen und hast gesagt, nein, lass mich erst mal mit ihm sprechen, und hast dann zu dem Vogel gesagt, dass er durch den schmalen Spalt eines halb geöffneten Fensters hinausschlüpfen soll. Sprichst du öfter mit Tieren?

Elke Erb: Ja. Aber das ist doch normal. Ich weiß ja, dass mich der Vogel nicht hört.

Rothenberger: Und trotzdem sprichst du mit ihm?

Erb: Es könnte ja sein, dass er das irgendwie merkt. Dass ich gar nicht böse bin.
Aber da kannst du natürlich auch eine Enttäuschung erleben. Wie die Vögel immer tun, wenn du sie vor Katzen schützen willst – so, als ob du der letzte Dreck von Feind wärst.

Aus Tanzende Ordnungslust. Manfred Rothenberger im Gespräch mit Elke Erb, starfruit publications, 2024

 

 

Gedichtverdachte: Zum Werk Elke Erbs. Im Rahmen der Ausstellungseröffnung In den Vordergrund sprechen Hendrik Jackson, Steffen Popp, Monika Rinck und Saskia Warzecha über Elke Erbs Werk.

 

Franz Hofner: Hinter der Scheibe. Notizen zu Elke Erb

Olga Martynova: Elkes ABC

Elke Erb: Die irdische Seele (Ein schriftlich geführtes Interview)

Elke Erbs Dankesrede zur Verleihung des Roswitha-Preises 2012.

Im Juni 1997 trafen sich in der Literaturwerkstatt Berlin zwei der bedeutendsten Autorinnen der deutschsprachigen Gegenwartslyrik: Elke Erb und Friederike Mayröcker.

 

 

Klassiker der Gegenwartslyrik: Elke Erb liest und diskutiert am 19.11.2013 in der literaturWERKstatt berlin mit Steffen Popp.

 

Lesung von Elke Erb zur Buchmesse 2014

 

Zum 70. Geburtstag von Elke Erb:

Steffen Popp: Elke Erb zum Siebzigsten Geburtstag
literaturkritik.de

Zum 80. Geburtstag von Elke Erb:

Waltraud Schwab: Mit den Gedanken fliegen
taz, 10.2.2018

Olga Martynova: Kastanienallee 30, nachmittags halb fünf
Süddeutsche Zeitung, 15.2.2018

Michael Braun: Da kamen Kram-Gedanken
Badische Zeitung, 17.2.2018

Michael Braun: Die Königin des poetischen Eigensinns
Die Zeit, 18.2.2018

Karin Großmann: Und ich sitze und halte still
Sächsische Zeitung, 17.2.2018

Christian Eger: Dichterin aus Halle – Wie Literatur und Sprache Lebensimpulse für Elke Erb wurden
Mitteldeutsche Zeitung, 17.2.2018

Ilma Rakusa: Mensch sein, im Wort sein
Neue Zürcher Zeitung, 18.2.2018

Oleg Jurjew: Elke Erb: Bis die Sprache ihr Okay gibt
Die Furche, 8.3.2018

 

Annett Gröschner: Gebt Elke Erb endlich den Georg-Büchner-Preis!
piqd.de, 27.6.2017

Zum Georg-Büchner-Preis an Elke Erb: FR 1 & 2 + MOZStZSZEchoWelt + WAZ + BR24 + TTB + MAZ + FAZ 1 & 2 + TS + DPrbb +taz 1 & 2 + NZZ +mdr 1 & 2 + Zeit + JW + SZ 1 & 2 + Hayer +

 

Zur Georg-Büchner-Preis-Verleihung an Elke Erb: BaZBZStZAZ + FAZ + SZ

 

Verleihung des Georg-Büchner-Preises 2020 an Elke Erb am 31.10.2020 im Staatstheater Darmstadt.

 

Fakten und Vermutungen zu Elke Erb + InstagramKLGIMDbArchivInternet Archive + IZAPIA + weiteres  1, 23 + Georg-Büchner-Preis 1 & 2
Porträtgalerie: akg-images + Autorenarchiv Isolde OhlbaumAutorenarchiv Susanne Schleyer + Brigitte Friedrich Autorenfotosdeutsche FOTOTHEKDirk Skiba Autorenporträts + Galerie Foto Gezett 1, 23IMAGOKeystone-SDA
shi 詩 yan 言 kou 口
Nachrufe auf Elke Erb: Bundespräsident ✝︎ BZ 1 + 2 ✝︎ Die Zeit ✝︎ Facebook 1, 2 + 3 ✝︎ faustkultur ✝︎ FAZ ✝︎ junge Welt ✝︎ literaturkritik ✝︎ LiteraturLand ✝︎ mdr ✝︎ MZ ✝︎ nd ✝︎ signaturen ✝︎ Sinn und Form ✝︎ SZ ✝︎ Tagesspiegel 1 +2 ✝︎ tagtigall ✝︎ taz ✝︎ Volksbühne ✝︎

 

 

 

 

Im Universum von Elke Erb. Beitrag aus dem JUNIVERS-Kollektiv für die Gedenkmatinée in der Volksbühne am 25.2.2024 mit: Verica Tričković, Carmen Gómez García, Shane Anderson, Riikka Johanna Uhlig, Gonzalo Vélez, Dong Li, Namita Khare, Nicholas Grindell, Shane Anderson, Aurélie Maurin, Bela Chekurishvili, Iryna Herasimovich, Brane Čop, Douglas Pompeu. Film/Schnitt: Christian Filips

 

Zur Erinnerung an Elke Erb und Helga Paris. Lesung mit Steffen Popp, Brigitte Struzyk, Joachim Hildebrandt und Peter Wawerzinek am 6.7.2024 im Salon von Ekke Maaß, Berlin. Martin Schmidt: Improvisationen am Klavier

 

Bild von Juliane Duda mit den Übermalungen von C.M.P. Schleime und den Texten von Andreas Koziol aus seinem Bestiarium Literaricum. Hier „Die Elkeerb“.

 

Beitragsbild von Juliane Duda zu Richard Pietraß: Dichterleben – Elke Erb

 

Elke Erb liest auf dem XVII. International Poetry Festival von Medellín 2007.

 

Elke Erb liest bei OST meets WEST – Festival der freien Künste, 6.11.2009.

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber + Instagram +
DAS&D + KLG
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum + Keystone-SDA +
Dirk Skiba Autorenporträts + Galerie Foto Gezett 12 + IMAGO
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Steffen Popp liest „Dickicht (mit Reden und Augen)“ im Berliner Mauerpark im Sommer 2011.

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