Felix Philipp Ingolds Skorpioversa – Der Poet (weiblich) (Teil 2)

Der Poet (weiblich)

Teil 1 siehe hier

Naturgegebene, vom Schicksal bestimmte Künstlerschaft? Genetisch bedingtes literarisches Talent?

Immer wieder hat Marina Zwetajewa ihre Gedichte mit Nachdruck und in vollem Ernst als ihre Kinder bezeichnet, und damit sich selbst als deren Mutter – die Mutter und der Dichter, Weiblichkeit und Männlichkeit fallen ineins. «Fest steht: ein Werk der Kunst ist ein Werk der Natur, also geboren, und nicht gemacht», heisst es in ihrem Versuch über «Die Kunst im Licht des Gewissens» (1932): «Und wäre Geburt etwa keine Arbeit? Vom Austragen der Frau und vom Austragen des Werks durch den Künstler ist so oft geredet worden, dass man es nicht mehr eigens betonen muss.» Und nochmals in «Der Dichter und die Zeit»: «Gedichte sind unsere Kinder. Unsere Kinder sind älter als wir, sie werden länger leben, weiterleben. Älter als wir sind sie, wenn man’s von der Zukunft her betrachtet. Deshalb sind sie uns bisweilen so fremd.»

Und dann der entscheidende Dreh: «Gedichte und Kinder bestellt man nicht bei Gott, sie sind von den Vätern!» Das heisst: Letztlich sind die Väter die Mütter; und ebenso sind alle Dichterinnen – Dichter.

Der Dichter, ob weiblich oder männlich, ist ein Handwerker („artisan du chant), der „einzig im Wort (Sang) sich verwirklicht”, indem er aus sprachlichen Versatzstücken „Sinn” generiert; er ist aber auch ein Diktator, der allein schon „durch Benennung Wirklichkeit schafft”: „ … vom Leben fordert er das, was es nicht bieten kann, denn es ist das, woraus und nicht das, was.”

Das Wort als solches sei für den Dichter „eine vollkommen eigenständige Wertsetzung”, hält Marina Zwetajewa in einem ihrer poetologischen Briefe dezidiert fest – das Dichterwort habe prophetischen Rang, der Dichter sei dessen auserwähltes Medium: „Und mehr als das. Der Einzugsbereich des Dichters ist – die Seele. Die ganze Seele. Über der Seele – der Geist, der auf die Dichter gar nicht angewiesen ist, und wenn er auf jemanden angewiesen sein sollte, dann auf Propheten. Die Prophetie wohnt dem Dichter inne, nicht als ihr Wesen, sondern als die Dichtung im Propheten.” – Charakteristisch für Zwetajewas religiös imprägnierte Poetik ist die Ermächtigung der Sprache als autonomes Schöpfertum (einerseits), die Entmächtigung des Dichters als Medium und Handwerker (andrerseits).

… Fortsetzung am 9.9.2026 …

© Felix Philipp Ingold
aus unveröffentlichten Manuskripten

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(List gelingt:) lustig tickt es in der Kiste; (Instinkt gilt:) links sinkt King in die Knie: guilty ! – Nil stinkt (Gischt). – (Stil:) Stuck, gut gestickt!

Michel Leiris ・Felix Philipp Ingold

– Ein Glossar –

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