Alexander Gumz & Thomas Wohlfahrt (Hrsg.): Weltklang – Nacht der Poesie

Gumz & Wohlfahrt-Weltklang – Nacht der Poesie

IDYLL

Ich lag und sann, da kamen Kram-Gedanken.
Natürlich ist es recht, den Kram im Kopf zu haben.
So hältst die Sterne du in ihren Bahnen.
Statt aus der Welt heraus zu existieren
und fremd zu sein wie dir mehr als den Tieren.
Laß deinen Kram wie Himmelskörper strahlen
und denke dir zum Abschluß Brombeerranken.

Elke Erb

 

 

 

Von Dichtern und Gedichten

In dem winzigen Moment, da ein Hai vor dem Blutrausch still hängt. Yang Lian

WELTKLANG – die lange Nacht der Poesie eröffnet das poesiefestival berlin nun bereits zum elften Mal. WELTKLANG meint: den Klang von Sprachen wie in einem Konzert wahrzunehmen und als besonderen künstlerischen Ton zu begreifen. Deshalb lesen alle Autoren ihre Texte ausschließlich in ihrer Muttersprache. WELTKLANG, das große Konzert von Versen in Stimmen und Sprachen, vertraut auf die der Dichtung innewohnende Kraft als eigenständige Kunst. Es sind die musikalischen Elemente, die in Klang- und Rhythmuslinien, in Verstraditionen und Bilderwelten den Gesetzen der jeweiligen Sprache folgen oder damit spielerisch, artifiziell oder subversiv operieren.
WELTKLANG, das war in allen Vorgängerjahren nicht anders, präsentiert eine Art seismografische Stimmungslage zur Gegenwart; so auch im Jahr 2010, zu dem alle Dichterinnen und Dichter des Abends ihre Gedichte wieder selbst ausgewählt und eingereicht haben. Es ist nicht vermessen zu sagen, dass WELTKLANG jedes Jahr eigene Konturen und Schwerpunkte, ja ein eigenes literarisches Weltbild hervorgebracht hat. Dies wahrnehmbar zu machen, dazu ist große Dichtung immer wieder neu imstande. Allein das macht diese Versammlung von Dichtern und Gedichten am ersten Abend des poesiefestival berlin einzigartig und so unschätzbar wertvoll.
Wie aber klingt dieser besondere Ton im Jahr 2010? Hier lässt sich, wie mir scheint, eine bedeutende Gradänderung konstatieren: Aus den Gedichten heraus schien die Welt in den letzten Jahren immer brüchig, gefährdet und unsicher, im großen Ganzen wie im Persönlichen. Nur hier und da blitzten Mut und Vertrauen, eine eigene Schönheit in den Texten auf.
Vor zwei Jahren zog sich der Topos Zeit als zentrale Achse von Sein und Vergehen durch die Texte. 2009 wurden wir konfrontiert mit einer großen dichterischen Suchbewegung zu der Frage: Wie weiter mit der Welt und mit uns darin? Von Wandlung und Vergehen, vom Irre-Werden an der Zeit, von Werteverlusten und hektischem, orientierungslosem Agieren als einem gesellschaftlichen wie privaten Aggregatzustand sprach die Gedichtesammlung im letzten Jahr und gab damit ihren spezifischen Grundton an.
In diesem Jahr scheinen die Koordinaten eines wie immer gearteten kritischen Eingebundenseins von Dichter und Gedicht in Gesellschaftliches nicht mehr bedient werden zu können. Wie auch? Wenn die Welt aus den Fugen ist und etwa kriminelle Finanzspekulationen uns alle als Geisel nehmen? Aus guten Gründen entzieht Dichtung den scheinbar notwendig waltenden Systematiken ihre kritische Gefolgschaft und setzt jenseits und anders an.
In den letzten 20 Jahren haben wir erleben dürfen, wie falsch aufgestellte Systeme implodiert sind. Zunächst der Sozialismus mit Spätfolgen bis heute, von denen zum Beispiel Dmitry Golynko aus Russland zu berichten weiß. Er konstatiert im dichterischen Bild:

schlüssel zu den rändern gibt es faktisch nicht
der rand lässt sich nicht öffnen, das schlüsselloch
wurde nicht eingesetzt…

Und nun der sich liberal gebende, auf schnöde Gewinnmaximierung für wenige fokussierte kriminelle Finanzkapitalismus… Das ganze kulturlose Mantra, wonach allein Geld die Welt regiere, erleben wir heute als Fratze.
Die Dichterinnen und Dichter dieses Bandes, so scheint es, rückversichern sich dessen, was wirklich ist, bei sich und anderswo, und stellen aus diesem poetischen Wissen heraus ihre Verse neu auf:

Michael Krüger, das Multitalent aus München, hinterfragt in der Haltung des Erinnerns die Dichotomien von Ich und Du, Lüge und Wahrheit, Lebendigem und Totem. „Ich kannte einen“, heißt es bei Krüger, „der kannte nichts Dunkleres als das Licht, das er ein Leben lang untersuchte mit kurzsichtigen Augen.“

Elke Erb, die schon lange nur ihrer eigenen Wahrnehmung traut und dieser eine oft schonungslose, aber auch nahezu reine Realität in Sprache verschafft, die durch ihre Form allgemeine Gültigkeit erzielt, weiß, geradezu furchtsam:

Die Person, es könnte sein,
sie zielt auf Auflösung…
Ihre Wahrheit ist nicht mehr genug.
Es ist genug, sie reicht nicht.

Michael Ondaatje aus Kanada, der hierzulande eher als Romancier gefeiert wird, dabei aber nicht weniger als 13 Gedichtbände veröffentlicht hat, ist ein Meister sehr kleiner, ruhiger und beunruhigender Bilder, wenn er etwa in „Küsse auf den Bauch“ schreibt:

Geschichte ist,
worauf du gereist bist
und was du bei dir trägst.

Oder an anderer Stelle:

Ich bin des
Zimtschälers Frau. Riech mich.

Cole Swensen, die in einfachster Sprache, aber magisch-fantastisch auch Parallelwelten wie die der Geister durchforstet, räumt ein:

Was Geister wollen hat sich über lange Zeit verändert.

sie wollen kaum und das verursacht große Schmerzen.

Raul Zurita, die große Stimme aus den Anden, bewältigt seine traumatischen Erfahrungen mit der Pinochet-Diktatur mit einer Frage, die wie von einem Hochsitz aus in der Lage sein könnte, die Welt zu sortieren und zu verhandeln:

Nun. Zurita, rief er mir zu, da du allein mit deinen Versen und deiner Verzweiflung in unsere Albträume gekommen bist: Kannst du mir sagen, wo mein Sohn ist?

Auch Yang Lian, ein seit dem Massaker auf dem Tian’anmen-Platz rastloser Wanderer durch die Welt, weiß um die Brutalität der Macht „Lächeln ist die Sache von Mitschnitten, / Speise etwas zum Aufbrechen von Fingern.“

Selbst Anat Pick, Soundpoetin aus Israel und vor Jahren schon erfolgreich bei den Wiener Festwochen aufgetreten, verzichtet auf allen Bombast des Genres und lotet mit dadaistisch-minimalistischer Methodik das Grenzgebiet zwischen Sprache und ihrem möglichen Klang neu aus.

Nina Kibuanda aus dem Kongo, der im Pariser Exil lebt, greift in guter Siam-Manier heftig an und ein ins Gesellschaftliche und kündet von einer sehr heutigen Existenzform des Menschen: dem Migranten. Das poesiefestival berlin, das sich in diesem Jahr den poetischen Reichtum rings ums Mittelmeer zum Schwerpunkt gesetzt hat, widmet der Figur des Migranten, von der wir letztlich alle abstammen, ein solidarisches Augenmerk: „Ich sage ihnen“, so Nina Kibuanda mit großem Selbstbewusstsein, „dass wir zurückkommen / Nicht mit Waffen / Ratatatatatatata / Nein, nur mit der Sprache / Und zwar nur / Mit der Sprache.“

Die Welt ist politischer geworden und wir mit ihr. Mir scheint, dass sich Dichter verstärkt und vehement einmischen in den Irrsinn der Realitäten und sich durch Dichtkunst Gehör verschaffen, indem sie sich und uns rückversichern gegenüber den Dingen, die die eigentlichen, wichtigen sind im Leben. Und diese Art poetischer Weltaneignung hat ein Erkenntnispotenzial, das immer neu gesichtet werden will. Dies ist ihr Angebot an uns, durch nichts anderes zu ersetzen, in ihrem formbewussten, nicht selten formstrengen Handhaben des Verses.
Aus vielen verschiedenen Sichtwinkeln ist dieser Vers geformt, der eine poetische Neujustierung der Welt versucht. Auch Angst oder Sorge sind in ihm in Kunst verwandelt.
Natürlich wollen Gedichte über ihre Lautlichkeit und Form hinaus etwas bedeuten. Die deutschen Fassungen können Sie daher in diesem eigens für den 4. Juni 2010 in limitierter Auflage erstellten Buch mit- oder nachlesen. Einige bisher unveröffentlichte Gedichte werden Sie hier finden, die meisten wurden zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt. Dank der großartigen Arbeit der Übersetzerinnen und Übersetzer sind wir in der Lage, dem Wort- und Sprachkonzert auch dann zu folgen, wenn es komplexe Zusammenhänge mitteilt. Alle Autoren des heutigen Abends werden Sie später im Jahr unter der Rubrik WELTKLANG auf www.lyrikline.org, der internationalen Audio- und Bibliothek für Poesie im Internet, wiederhören und -lesen können.

Thomas Wohlfahrt, Vorwort

 

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