Arthur Rimbaud: Illuminations / Illuminationen

Rimbaud-Illuminations / Illuminationen

IN FAHRT

Schlingernde Fahrt beim Sturz in die Strom-Schnellen
Der Strudel beim Steven,
Rasende Reling,
Die gewaltige Drift der Strömung
Reißen die Reisenden, inmitten
Der Tromben des Tals und des Stroms,
Durch unerhörte Schauer von Licht
und die Neuigkeit der Chemie.

Dies sind die Eroberer der Welt,
Sie suchen das ganz persönliche chemische Glück;
Sport und Komfort reisen mit ihnen;
Die Erziehung der Rassen, Klassen
Und Tiere führen sie mit auf diesem Schiff.
Ruhe und Taumel
Im diluvialen Licht,
An den schrecklichen Abenden des Forschens.

Denn das Geplauder inmitten der Apparate, −
aaaaaBlut ; Blumen, Feuer, Juwelen −
Erregte Rechnereien auf diesem flüchtigen Deck
Erweisen, – rollend wie ein Damm, jenseits der
aaaaabeweglichen Wasserstraße,
Monströs, in endloser Selbsterhellung, – ihr
aaaaaWissens-Arsenal;
Sie, gejagt in die harmonische Ekstase
Und in das Heldentum der Entdeckung.
In den verblüffendsten Zusammenstößen der Atmosphäre
Sondert sich ein junges Paar auf der Arche,
– Ist es die alte Wildheit, die man verzeiht?
Und singt und postiert sich.

 

 

Arthur Rimbaud: Nach dem Gesang der Abgesang

auf die Poesie, dann Auswandern ins „andere“ seiner selbst und der von ihm, in den Dichtungen, imaginierten Landschaften. Sein beredtes Schweigen löste einen Mythos aus. Vor 150 Jahren geboren, am 20. Oktober 1854, und schon mit 37 verstorben, gleich einem „Juif errant“ durch die Zeiten geisternd: Phantom Rimbaud. – Nehmen wir aber hier den Dichter beim Wort: Vermutlich in den Jahren 1872-76, bei einem London-Aufenthalt (mit Verlaine) und durch Eindrücke von Stockholm und der Schweiz angeregt, schrieb Rimbaud Prosagedichte, die Verlaine später unter dem Titel „Illuminations“ versammelte. Dieses Wort (englisch und französisch lesbar) bezeichnet sowohl Be- als auch Erleuchtungen (Rimbaud verwendete es, in einem Untertitel, als mißverstandenes Synonym von Painted Plates, kolorierte Stiche). Manche der Texte wirken in der Tat wie Gravuren, in denen sich Zartheit und Härte, ja, Brutalität abwechseln. Es sind Malereien in Sprache und in Klängen, die, zwar fixiert, dennoch schweben und entschweben. Vor allem in den Städtebildern: fragile Konstruktionen, die sich unendlich verschachteln und ins Nichts führen: nach außen, ins Offene gewendete carceri, Irrgärten der Moderne, in deren grelles Licht („lumière qu’on a crée“). Rimbaud schlägt einen ungehört-unerhörten Ton an – „inouï“. Ein Klang, der zugleich bannt, freisetzt – und vorgreift. Komponisten wie Benjamin Britten oder zuletzt der junge Matthias Pintscher (in der Oper: „L’Espace dernier“) haben diese Texte in Musik zu übersetzen versucht. Aber wie dieses „inouï“ in eine andere Sprache bringen? Die Unübersetzbarkeit ist der ewige Anreiz des Übersetzens.

Urs Engeler Editor, Ankündigung, 2004

 

Der Text der „Illuminations“ ist ein schillernder Sprachkörper,

mal von quecksilbriger Eleganz, mal von kristalliner Härte. Gleich Edelsteinen eingestreut sind exquisite Vokabeln, Wort-Fremdkörper. Diese in der Tat prismatischen Reflexe einer vieldeutigen Dynamik in der anderen Sprache so einzufangen, daß alle Lesarten virulent bleiben und sich die Sprachmusik erhält, ist ein heikles Unterfangen. Die erotischen und sexuellen Konnotationen sind unüberhörbar, doch ihnen einen eindeutigen Ausdruck zu verschaffen, hieße den Text zu veröden, gar zu vergröbern. So läßt sich der Schlußteil von „BEING BEAUTHEOUS“ gewiß als Masturbationsszene lesen, doch nagelt man seinen Sinn darauf fest, würde man ihn seiner unterschwelligen Aufladung, die sich in der vieldeutigen Verwendung des Wortes „canon“ kristallisiert, berauben. Ein Wort wie „spunk“ schließlich bleibt unersetzbar, unübersetzbar, es spukt mit all seinen Bedeutungen herum und führt letztlich auf eine Lautgeste, ein akustisches Ereignis, das ein ganzes Spektrum von Äußerungsformen bis zum Ejakulatorischen evoziert.
Diese Übersetzung versucht, ohne den Gebrauch von Holzhammer und Zeigefinger, der Lust Rimbauds zu folgen, seine poetische Sprache zu schärfen und zuzuspitzen – und wieder im Stich zu lassen. Und Rimbaud zu folgen heißt, mit ihm unterwegs zu sein, die Dynamik seiner Reise nachzuvollziehen: die „Illuminations“ enthalten ja Fetzen wirklicher Reisen (und haben insofern „biographische“ Anhaltspunkte). Aber erst indem sie imaginiert und noch kommende Bewegungen einbeziehen, erlangen sie die Fähigkeit, sich immer wieder neu aufzuladen. Sprach-Batterien. Weniger dem Mythos huldigen, als auf diese Energie der Texte selber setzen, auf ihre bleibende Leuchtkraft, überreich an Präsenzen. Texte, die sich aus ihrem eigenen Dunkel heraus immer wieder neu erleuchten, um uns als Lesende neu zu finden (und zu er-finden). Dem Wiedergänger Rimbaud eine neue Umschrift.

Rainer G. Schmidt

Die Leiden sind gewaltig

– Zum 150. Geburtstag von Arthur Rimbaud erscheint eine wunderbare Neu-Übersetzung der Illuminations.
Sein Dichterleben war kurz und intensiv. Im Alter von fünfzehn Jahren schrieb Arthur Rimbaud seine ersten Gedichte, mit zwanzig gab er das Schreiben bereits wieder auf. Sein lyrisches Werk erstaunt noch immer durch Kühnheit und Modernität. –

„Meine Vaterstadt ist die weitaus blödeste aller kleinen Provinzstädte“, schreibt Rimbaud in einem Brief 1870. Seine Vaterstadt ist Charleville, eine Provinzstadt in den Ardennen, hier ist Jean-Nicolas-Arthur Rimbaud am 20. Oktober 1854 geboren. Hier wächst er auf, bei seiner Mutter, zusammen mit drei Geschwistern. Den Vater, Infanterie-Hauptmann der französischen Armee, kennt er kaum, denn dieser verlässt die Familie schon bald für immer.
Als der junge Rimbaud sich über die Enge seiner Verhältnisse beklagt, ist er fünfzehn Jahre alt und noch Gymnasiast. In der Zeitschrift Revue pour tous hat er eben sein erstes Gedicht publiziert, in der Schule gilt er als hoch begabt – aber in Charleville scheint ihn nichts zu halten. Sein erster Fluchtversuch führt ihn mit dem Zug nach Paris, aber da er ohne Fahrkarte unterwegs ist, wird er verhaftet. Sein Lehrer Georges Izambard erwirkt seine Freilassung. Aber einen Monat später ist der junge Dichter bereits wieder auf der Flucht. Und kaum heimgeschafft, macht er sich gleich noch einmal davon. Rimbaud ist ein Rebell.

Ich ist ein anderer“
Im Mai 1871, als in Paris ein Aufstand tobt, die „Commune“, schreibt Rimbaud seine beiden berühmten „Seher-Briefe“. Er ist inzwischen sechzehneinhalb Jahre alt und teilt zwei Freunden mit, dass er ein Dichter sein wolle:

Es geht darum, durch die Verwirrung aller Sinne im Unbekannten anzukommen. Die Leiden sind gewaltig, aber man muss stark sein, als Dichter geboren sein, und ich habe mich als Dichter erkannt. Das ist ganz und gar nicht mein Fehler. Es ist falsch, zu sagen: Ich denke. Man müsste sagen: Ich werde gedacht. (…) Ich ist ein anderer.

Rimbaud arbeitet in jenen Wochen fieberhaft an seinen Gedichten und schickt einige Kostproben an Paul Verlaine, den um zehn Jahre älteren Dichter. Dieser erkennt sogleich das ungewöhnliche Talent und lädt den jungen Kollegen nach Paris ein. Die beiden „poètes maudits“ verbindet eine wechselhafte, oft konfliktreiche Beziehung, bis Verlaine sogar zwei Revolverschüsse auf seinen jungen Freund abgibt und diesen verletzt. Er muss für zwei Jahre ins Gefängnis.

Kein Geld für die Druckkosten
Im Alter von zwanzig Jahren wendet sich Rimbaud bereits wieder von der Literatur ab, so plötzlich und unerklärlich, wie er zu schreiben begonnen hat. Sein Werk ist gewaltig und zugleich überschaubar: Neben den frühen Gedichten, in denen er noch seinen Ton sucht, stehen vor allem die beiden Zyklen Une saison en enfer und Illuminations – exemplarische Werke der modernen Literatur. Die Texte sind dicht und nicht immer leicht zugänglich, sie operieren mit ungewöhnlichen Bildern und komplexen syntaktischen Fügungen. Um deren Drucklegung kümmert sich Rimbaud selber kaum. Die Saison en enfer bietet er einem Brüsseler Verleger an, dieser lässt 500 Exemplare drucken. Einige davon gelangen an Freunde, der Rest wird eingelagert – da der Autor die vereinbarten Druckkosten nicht bezahlen kann – und erst 1901 wieder entdeckt.
Gefragt, ob er sich noch der Literatur widme, antwortet Rimbaud:

Je ne pense plus à ça. – Ich denke nicht mehr daran.

Er arbeitet in London als Sprachlehrer, reist durch Deutschland, die Schweiz und Italien. Er tritt in die holländische Fremdenlegion ein und desertiert bald wieder, reist durch Skandinavien, dann nach Zypern, wo er als Bauaufseher arbeitet. Er wird Kaufmann in Aden, später in Harar in Äthiopien. Bankrott und Neustart, Handel mit Kaffee und Waffen und Gewürzen – während in Europa seine Gedichte erscheinen, ohne dass er davon weiss. Auch von seinem schnell wachsenden Ruhm ahnt er nichts. Ein Tumor am rechten Knie zwingt ihn schliesslich zur Rückkehr nach Europa. In Marseille stirbt er in einem Spital, am 10. November 1891, 37 Jahre alt. Beigesetzt wird er in seiner Vaterstadt, wo er noch einmal seine Mutter besucht hat.

Wegbereiter der Expressionisten
Rimbauds Werk hat die französische Literatur des vergangenen Jahrhunderts massgeblich beeinflusst. Die Gedichte sind tausendfach kommentiert worden, und zahlreich sind auch die Übersetzungen ins Deutsche: von Stefan George, K.L. Ammer, Paul Celan und anderen. Sie waren stets geprägt von den gerade herrschenden ästhetischen Konzeptionen, am stärksten wohl bei den Expressionisten, die in Rimbaud einen Wegbereiter sahen. Rimbaud muss immer wieder neu übertragen werden, und rechtzeitig zum 150. Geburtstag werden nun die Illuminations in einer sehr ansprechenden Neu-Übersetzung präsentiert, die Lust auf Rimbaud-Lektüre weckt. Die zweisprachige Ausgabe von Rainer G. Schmidt, einem altgedienten Rimbaud-Übersetzer, findet eine überzeugende Nähe zu den Prosagedichten – mit einem genauen Blick auf deren semantische Offenheit.

Martin Zingg, Der Bund, 18.10.2004

Ein schriller Psalm der Aktualität

– Zum 150. Geburtstag eines rätselhaften Dichters. –

Für Revolutionsromantiker und Schwärmer ist dieser Dichter die ideale Projektionsfigur. Die intensive Leuchtkraft und rätselhafte Bildwelt seiner Dichtung haben wir zwar bis heute nur punktuell verstanden. Arthur Rimbaud, als 15-Jähriger ein einsamer Meteor am Dichterhimmel der Moderne, der nach seinem frühen Verstummen als Lyriker zum Handelsvertreter und Waffenhändler in Diensten des Negus von Abessinien mutierte, eignet sich wie kein anderer Dichter zur Heldenverehrung. Dem Mythos Rimbaud folgt bis heute eine riesige Heerschar von begeisterten Sekundärliteraten, die ihrem Dichtergenie und ihrem Lieblingsketzer beliebige Projektionen anheften. Er lebt fort als Ikone, als Plakat, auf dem unter der retuschierten Fotografie eines frühreifen und ziemlich finster blickenden Jünglings der Satz „Ich bin ein anderer“ steht. Ein 15-jähriger Gymnasiast, der in einer steilen Größenphantasie der modernen Dichtung ihr Evangelium diktiert? Ein lyrischer Partisan, der die erotische Bindung an seinen Freund Paul Verlaine für eine fantastische Confessio der Liebe nutzt? Das ist der Stoff, aus dem die Sekundanten Rimbauds immer wieder neue Bewunderungsprosa stricken.
Und es ist ja wahr: 1871 schrieb der noch nicht 16-jährige Rimbaud zwei Briefe, in denen er das Programm künftiger Dichtung entwarf. Das Ziel des ehrgeizigen Jungdichters: Den Poeten zum „Seher“ verwandeln, der „im Unbekannten ankommen“ will. Diese Befähigung zum „Dichter-Seher“ vollzieht sich nach Ansicht Rimbauds „durch eine lange, gewaltige und überlegte Entregelung aller Sinne“ (in neueren Übersetzungen: „durch planvolle Verwirrung aller Sinne“). Der ins Unbekannte Schauende, der Seher-Dichter, ist für Rimbaud „der große Kranke, der große Verbrecher, der große Verfemte – und der Höchste aller Wissenden“. Diesem stolzen Absolutismus der Poesie folgt bis heute die Rimbaud-Rezeption, die im unruhigen Leben ihres Helden immer auch die exemplarische Biografie eines radikalen Ketzers und Gesetzesbrechers verehrt.
Der verzweifelte Ketzer, der den Traditionsbruch feierte und sich blasphemische Flüche verordnete („Merde à Dieu“), war gegen katholische Regressionen nicht gefeit. Er taumelte hier durch ebenso viele Widersprüche wie als Revolutionär, als der er sich für kurze Zeit im Frühjahr 1871 imaginierte. In diesem Jahr der politischen Turbulenz verfasste Rimbaud ein revolutionäres Programm für die Pariser Kommune, für das er aber später, in seiner drei Jahre währenden fieberhaften Phase lyrischer Produktion, kaum mehr Interesse aufbrachte. Stattdessen warf er sich auf die Lektüre okkulter Schriften, etwa auf die so genannten Hermetischen Bücher, die der mythischen Figur des Hermes Trimegistos zugeschrieben werden. In einem zentralen Abschnitt seines Prosagedichts Ein Aufenthalt in der Hölle (Une Saison en enfer) spricht Rimbaud von der „Alchemie des Wortes“, eine jener berühmten Formeln, die heute noch von sprachexperimentellen Autoren dankbar aufgegriffen werden.
Dass es in seinem Werk um Verschmelzungsprozesse disparatester Materialien geht, erhellt aus dem Anfang seines Kapitels „Alchimie du Verbe“: „Ich gewöhne mich“, heißt es da, „an die einfache Halluzination: ich sah ganz deutlich eine Moschee an Stelle einer Fabrik, eine von Engeln geführte Trommlerschule, Kutschen auf den Himmelsstraßen, einen Salon auf dem Grunde eines Sees.“ Aus solch halluzinatorischer Dynamik blendender Bilder gewinnen seine Schriften ihre poetische Intensität.
Was aber ist von der Dichtkunst dieses schwierigen Autors noch übrig geblieben? Spricht hier noch immer ein „Mystiker im Zustand eines Wilden“ (Paul Claudel) zu uns, fasziniert er noch immer wie jener „brennende Dornbusch“, als den ihn Andre Gide beschrieben hat?
In seiner auch heute noch grundlegenden Studie Die Struktur der modernen Lyrik hatte der Romanist Hugo Friedrich 1956 das Werk Rimbauds zur „Ursprache moderner Lyrik“ stilisiert. Bei aller Eleganz des Stils gerät Friedrich bei der Analyse des verehrten Rimbaud sofort in Schwierigkeiten. Denn die autonomen Bildbewegungen in den Texten Rimbauds, die eine Kombinatorik des Alogischen und Befremdlichen der Referenz auf das Reale vorziehen, bringen auch kundige Interpreten ins Schlingern. „Der Kern dieses Dichtens“, resümiert Friedrich, „ist kaum noch von thematischer Art, sondern eine brodelnde Erregung.“ Wie werden aber die Erregungsqualitäten in poetische Qualitäten verwandelt?
Tatsächlich bestehen Rimbauds Gedichte oft aus übergangslos nebeneinander gesetzten Bewegungen, aus Fragmenten und gebrochenen Lineaturen, aus atemlos gesetzten Worthäufungen, die in schrille Konstellationen übersetzt werden. Friedrich spricht von „diktatorischer Sehweise“ oder vom „wühlenden Deformieren der Realität“. Auch jüngere Interpretationen sind hier nicht viel weiter gekommen und verweisen auf das beständige Gleiten zwischen sinnlichen Evidenzen und bizarren Einfällen als Motorik der Rimbaudschen Dichtungen. Die poetische Binnenstruktur der Rimbaudschen Sprache hat wohl am genauesten der Übersetzer Rainer G. Schmidt erforscht, der bereits vor 25 Jahren an einer deutschen Gesamtausgabe der Werke Rimbauds beteiligt war und jetzt eine gründliche Überarbeitung der Illuminations vorlegt. Schmidt verwirft nun die steilen Manierismen in seiner Übersetzung von 1979/80. Seine neue Übertragung ermöglicht eine faszinierende Erfahrung. Denn die exaltierte Dynamik der Rimbaudschen Fügungen, das Oszillieren zwischen den Bildern und Bedeutungen, haben noch nichts von ihrer Wirkungsmacht verloren. Es ist diese visionäre Bildschöpfungskunst, die jede Zeit- und Raumordnung in den Versen aufhebt, die auch den heutigen Rimbaud-Leser noch staunen macht.
Die lyrischen Nachgeborenen haben Rimbaud ihre Reverenz allzu oft durch ehrfürchtiges Nachplappern erwiesen. Wer verlässliche Traditionspflege schätzt, kann auf die Publikationen des Aachener Rimbaud Verlags zurückgreifen, der etwa 2001 eine Neuübersetzung der lyrischen Autobiografie Une Saison en enfer publiziert hat. Einer der wenigen ernsthaften Versuche, Gestalt und Werk des Dichters für die Gegenwart fruchtbar zu machen, war Volker Brauns poetischer Essay „Rimbaud. Ein Psalm der Aktualität“ aus dem Jahr 1983. Braun unternahm den paradoxen Versuch, die Vagabondage des Dichters als subversives Potential für sein eigenes Werk zu reklamieren und gleichzeitig die jüngeren Autoren und „Neutöner“ aus der „törichten Kinderstube der Moderne“ in die Schranken zu weisen. In eine ganz andere Richtung wies 1998 das Experiment des österreichischen Lyrikers Michael Donhauser, der in seiner Übersetzung der späten Verse Rimbauds den „poète maudit“ als zarten Naturmagier lesen wollte. Für zahlreiche kraftlose Rimbaud-Schwärmer gilt dagegen die lakonische Notiz Hugo Friedrichs:

Manche Späteren, die von seinem Vorbild mehr verführt als geführt sind, hätten von ihm lernen können, dass es für sie besser gewesen wäre, überhaupt stumm zu bleiben.

Michael Braun, Der Freitag, 22.10.2004 und Badische Zeitung 20.10.2004

Frei von Schein

– Rimbauds Illuminationen in einer neuen Übersetzung. –

Wer ist eigentlich schuld an der Moderne? Flauberts Hyperrealismus? Baudelaires eisgekühlte Sonette? Mallarmé und sein Würfelwurf? Der Detektivroman? Nietzsche? Oder doch das Wein- und Weihrauch-Geplapper der Décadents?
Der Lieblingskrimi der Literaturtheorie sind die „Vormoderne“ genannten fünfzig Jahre vor Joyce. Das 19. Jahrhundert neigt sich dem Ende zu, die Romantik pfeift auf dem letzten Loch, und ihr Widersacher, der psychologische Milieuroman, ist auch nicht mehr ganz frisch. Nun sind Neuerer gefragt, Physiker der Sprache, die mit dem Autor-Ich wie mit der Mimesis aufräumen, diesen beiden Mysterien der klassischen Literatur. Vorbei das Verdikt der Realität! Viel ist abzuschaffen – entsprechend lang die Liste der Schuldigen.
Einer der üblichen Verdächtigen ist ein sehr junger Autor aus dem nordfranzösischen Charleville, der „blödesten aller Provinzstädte“: Arthur Rimbaud, geboren im Jahr 1854. Mit 15 beginnt er unvermittelt zu schreiben, nach fünf Jahren Wanderleben gibt er es ebenso plötzlich wieder auf und verdient fortan sein Geld als Sprachlehrer und Legionär sowie im Handel. Bereits mit 37 stirbt er, ohne von seinem bereits beträchtlichen Ruhm zu wissen. Sein Werk ist schmal, der Ton zugleich programmatisch und hermetisch. Aus biografischen Konfessionen, Untergangsrhetorik und bizarrer Revolutionsästhetik ragen gleissende, in sich kreisende Metaphern – Rimbauds Dichtung, eine perfekte Ruinenstadt aus Wörtern, ist umso beunruhigender, als der Dichter sie für ein neues, ein anderes Verständnis errichtet. Denn nicht bei der eigenen Existenz oder gar der Gesellschaft soll seine Sprache ankommen, sondern, wie er in einem seiner berühmten „Seher-Briefe“ schreibt, „im Unbekannten“.
Dass Rimbaud bis heute eine Kapitalschuld an der Moderne zugesprochen wird und seine wenigen Gedichte tausendfach kommentiert worden sind: nicht verwunderlich bei dem Stil und der Biografie. Kaum ein Autor hat es sich nehmen lassen, über den Einfluss des „Sehers“ auf sein eigenes kleines Leben oder das grössere der Literatur nachzudenken. Zahlreich sind auch die Übersetzungen ins Deutsche. George und Celan haben sich an den widerborstigen Gesängen versucht, und rechtzeitig zum 150. Geburtstag erscheinen nun Rimbauds „Illuminationen“ – sein letzter, in mehreren Anläufen geschriebener Zyklus – in einer betont schlichten zweisprachigen Ausgabe bei Urs Engler Editor.

Rainer G. Schmidt, der bereits vor 25 Jahren an der deutschen Gesamtausgabe der Werke Rimbauds beteiligt war, zeichnet verantwortlich für die mit einem kleinen Apparat versehene Neuübersetzung. Kein einfaches Unterfangen. Mehr noch als in Rimbauds anderen Dichtungen sieht sich der Interpret in den „Illuminationen“ einer mäandrierenden poetischen Masse gegenüber. Vom Auge, vom Gedächtnis und vom Ohr her operiert der Dichter; Assoziationen geben sich als Kausalzusammenhänge aus und umgekehrt; die Rimbaud eigene, ins Utopische gewendete Melancholie vermischt Vergangenheit, konkrete Beobachtung und poetische Zukunft. Schwierig, da einen gangbaren Weg zu finden, auch nur einen Bruchteil der Fülle zu retten. „Sprach-Batterien“ nennt Schmidt die Gedichte im Nachwort, „überreich an Präsenzen.“ Was tun?

Schmidts Rezept heisst Gelassenheit. Beinahe alles ist wörtlich und ohne Umstellungen übersetzt, prosaisch. Neologismen und exotisches Vokabular werden nur dort verwendet, wo es nicht zu vermeiden ist; fast vergisst man den geschraubten Ton, den die Expressionisten an Rimbaud so schätzten. Auch der Apparat arbeitet der Sakralisierung entgegen. Wo das verschmierte und korrigierte Manuskript doppeldeutig bleibt, macht Schmidt keine grossen Geschichten, sondern rät: „An geraden Tagen ÂÐoÂð, an ungeraden ÂÐaÂð lesen.“

Etwas Seltsames geschieht hier mit Rimbaud. Schmidts Übersetzung holt ihn, ohne ihn mit viel Getöse zu stürzen, vom Podest belehrend raunender Sprachalchemie, auf das ihn ganze Generationen von Interpreten haben stellen wollen. Dass George und Celan wussten, worum es Rimbaud eigentlich geht – keine Frage. Aber dem Durchschnittsleser, der Rimbaud gern begegnen will, bringt das nicht viel. Ja, und nun fällt es einem wie Schuppen von den Augen. Plötzlich begreift man, was dieser gerade mal 20-Jährige wirklich getan hat, damals, als Hunderte von Dichtern klassizistische, symbolistische oder sozialkritische Welterklärungspoesie schrieben. Wie konkret, wie witzig er schreibt, und was für ein monströses Durcheinander er auch anrichtet. Welcher Abgrund zwischen der dahintänzelnden, ironischen, kristallinen Traurigkeit der „Illuminationen“ und dem dumpfen Verkünder-Pathos mancher bisheriger Übersetzer liegt. Welches, um es so zu sagen, die Situation war, in der Rimbaud lebte und schrieb: die Romantik eine verunglückte „Versuchung“, ein Wühltisch verbrauchter Metaphern, die Zukunft bis in die Theorie hinein „verkauft“, die Sprache neu zu erfinden. Schmidt lässt sich von Rimbauds exquisitem Personal, all den Sonnenuntergängen, Wahrsprüchen und chinesischen Königinnen nicht täuschen; das sind Experimente, an deren Ende keine Rhetorik, sondern (vielleicht) eine neue Klarheit steht. „Was wird aus der Welt geworden sein, wenn du abtrittst?“, fragt Rimbaud in „Jugend“ sich selber und antwortet vorgreifend: „Jedenfalls ist sie frei von heutigem Schein.“

Nie war Rimbaud im Deutschen so „frei“, so wenig aufgeplustert, so auf sich gestellt (und nicht auf postume Hilfeleistungen) wie in Schmidts Neuübersetzung. Die heillos mehrdeutigen Prosagedichte werden einfach vor die Leserschaft hingestellt, verstehe, wer will. Eben so, wie Rimbaud das Neue, das noch Unbekannte in seiner zerzausten, exaltierten Sprache aufgehoben wusste. Man muss Rimbaud keinen Georgeschen Ordenswimpel aufdrängen, um ihn ins Stammbuch der Moderne zu setzen. Es ist sogar falsch – auch die Moderne war mal jung. Zu viel Erklärung verbaut das Verständnis. Zu hoffen aber ist, dass ähnliche Neuübersetzungen folgen.

Milo Rau, Neue Zürcher Zeitung, 5.3.2005

 

 

 

Fakten und Vermutungen zum Übersetzer
Fakten und Vermutungen zum Autor

 

Arthur Rimbaud – Diashow mit Bildern aus seinem Leben, Zeitdokumenten von Charleville, Paris, London und viele von Rimbaud selbst gemachte Fotografien von Adens und Harrar. Dazu handschriftliche Manuskripte von Rimbaud, Zeichnungen von Delahaye und Freunden.
Von Joan Baez gelesene Gedichte wurden mit Musik unterlegt, im Bestreben, ein Bild von Rimbauds Leben, seinen Freunden und Plätzen zusammenzusetzen, das er wiedererkannt hätte.

1 Antwort : Arthur Rimbaud: Illuminations / Illuminationen”

  1. cyberlyrik sagt:

    Ein kraftvolles Gedicht. Energie trägt sich auf den Leser. So kann ein Gedicht sein.

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