Bertolt Brecht: Gedichte Band VII 1948–1956

Brecht-Gedichte Band VII 1948–1956

DAUERTEN WIR UNENDLICH

Dauerten wir unendlich
So wandelte sich alles
Da wir aber endlich sind
Bleibt vieles beim alten.

 

 

 

Zum siebenten Band

Seit dem Erscheinen von Band VI der „Gedichte“ im Jahre 1964 – in der folgenden Zeit kamen sieben Bände der „Schriften zum Theater“, je zwei Bände der „Schriften zur Literatur und Kunst“ und „Schriften zur Politik der Gesellschaft“ sowie die Bände XIII und XIV der Stücke heraus – wurden die Texte und Datierungen der für die Bände VII bis IX vorgesehenen Gedichte und Gedichtfragmente und eine Reihe zurückgestellter, weil noch ungesicherter Texte weiter überprüft. Die Resultate, die in die drei jetzt vorgelegten Bände unserer Ausgabe eingegangen sind, repräsentieren somit den Stand der Überprüfung 1967/68. Im Vergleich zu den im Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, bereits erschienenen Bänden VII bis IX ergaben sich daraus für die entsprechenden Bände unserer Ausgabe Veränderungen in der Aufteilung der Texte auf die Bände sowie in der Anordnung innerhalb der einzelnen Bände.
Für den vorliegenden siebenten Band bedeutet dies: Ein Gedicht wurde gänzlich ausgeschieden, und zwar „Über die Berge I“ (Suhrkamp-Ausgabe, Band VII, S. 54), da es eine Vorstufe des hier abgedruckten Gedichts „Über die Berge“ darstellt. Die Gedichte „Richtigstellung“ II („Daß man mich jemals sagen hörte“), „Über den Ernst in der Kunst“ und „Höre beim Reden!“ (früher unter dem Titel „Lehrer, lerne!“) sind jetzt Band IX zugeordnet. Das erste gehört zu dem Fragment eines Stückes über Albert Einstein, das zweite zu „Gedichte aus dem Messingkauf“, das letzte ist ein Fragment. – Dagegen sind sechzehn Gedichte aus Band VIII und ein Gedicht aus Band IX der Suhrkamp-Ausgabe in den vorliegenden siebenten Band unserer Ausgabe vorgezogen worden.
Der siebente Band enthält Gedichte aus den Jahren 1947 bis 1956. Brecht kehrte im Herbst 1947 nach Europa zurück. Nach einjährigem Aufenthalt in der Schweiz reiste er nach Berlin weiter, das bis zu seinem Tode im August 1956 wieder sein fester Wohnsitz und Arbeitsplatz war. Viele der Gedichte aus diesen neun Jahren erschienen in Zeitungen und Zeitschriften, in Heften der Versuche, in Auswahlbänden und Anthologien des In- und Auslands. Die zwei bekanntesten Auswahlbände, Hundert Gedichte (Aufbau-Verlag, Berlin 1951, herausgegeben von Wieland Herzfelde) und Gedichte und Lieder (Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1956, herausgegeben von Peter Suhrkamp), konnten nur einen geringen Teil der Gedichte aus dieser Zeit aufnehmen.

Die 1953 geschriebenen „Buckower Elegien“ sind Brechts letzter Gedichtzyklus. Sie sind nach dem Ort Buckow bei Berlin genannt, wo Brecht ein Haus mit Garten an einem See gepachtet hatte. Eine Auswahl der hier abgedruckten Gedichte erschien in Heft 13 der Versuche und in der Zeitschrift Sinn und Form (1953). Vier Elegien („Der Himmel dieses Sommers“, „Die Kelle“, „Die Musen“ und „Bei der Lektüre eines spätgriechischen Dichters“) sind gegenüber der Suhrkamp-Ausgabe, wo sie in Band VIII stehen, hier aufgenommen worden. – Die in „Die Wahrheit einigt“ zitierten vier Zeilen stammen aus A. Twardowskis „Wassili Tjorkin“, Brecht fand sie, ebenfalls zitiert, in dem sowjetischen dokumentarischen Roman Ein Strom wird zum Meer von W. Galaktionow und A. Agranowski über das Bauprojekt der Wolga-Wasserkraftzentrale. – „Bei der Lektüre eines sowjetischen Buches“: Hier handelt es sich um den soeben erwähnten Roman Ein Strom wird zum Meer und nicht, wie zuerst angenommen, um Marietta Schaginjans Das Wasserkraftwerk, das Brecht um die gleiche Zeit las.
„Die Freunde“: Es geht um den Bühnenbauer und Maler Caspar Neher, den in früheren Bänden bereits erwähnten Freund und Mitarbeiter. Als Brecht nach Europa zurückkehrte, nahmen Neher und Brecht die Zusammenarbeit wieder auf. Sie begannen sofort mit einer Bearbeitung der Antigone des Sophokles, die im Februar 1948 in Chur (Schweiz) zur Aufführung kam. – „An meinen Freund, den Maler“: Die Reproduktion einer Version des Neherschen „Wasser-Feuer-Menschen“ („Hydatopyranthropos“) war der Hauspostille (1927) beigegeben.
In „Wahrnehmung“ steht für das Wort „Mühen“ auf anderen Blättern auch „Anstrengungen“ oder „Schwierigkeiten“.
„Ein neues Haus“: Dies war das von ihm gemietete Haus in Berlin-Weißensee, in das er im Frühjahr 1949 mit seiner Familie einzog. Da es von seiner Arbeitsstätte, dem Berliner Ensemble, zu weit entfernt war, nahm er im Zentrum Berlins eine kleinere Wohnung, in der er von 1952 bis zu seinem Tode wohnte.
Das Gedicht „An meine Landsleute“ widmete Brecht im Herbst 1949 Wilhelm Pieck, als dieser Präsident der Deutschen Demokratischen Republik geworden war.
Die Zusammenfassung der beiden Vierzeiler unter „Sprüche“ erfolgte für diese Gedichtausgabe.
Das Gedicht „An den Schauspieler P. L. im Exil“ ist an Peter Lorre gerichtet, mit dem Brecht vor 1933 in mehreren Inszenierungen zusammengearbeitet hatte und mit dem er auch im amerikanischen Exil weiter befreundet war.
Die „Neuen Kinderlieder“ (auch „Kinderlieder 1950“) wurden für diese Ausgabe zusammengestellt.
Der Herausgeber der Hundert Gedichte, Wieland Herzfelde, wählte als Abbildung für die vordere Umschlagseite eine merkwürdig geformte Wurzel, den sogenannten „Theewurzellöwen“, der Brecht zu dem Gedicht „Auf einen chinesischen Theewurzellöwen“ veranlaßte, das auch auf der Umschlagrückseite abgedruckt wurde.
Das „Lied vom Glück“ schrieb Brecht für den Film Frauenschicksale, den Slatan Dudow drehte.
Die „Inschrift für das Hochhaus an der Weberwiese“ wurde nicht an diesem, sondern an einem anderen Hochhaus in Berlin angebracht; am Hochhaus an der Weberwiese steht die zweite Strophe vom „Friedenslied“.
„Deutschland 1952“ war bestimmt für Emil Burris Szenarium eines Films nach Mutter Courage und ihre Kinder, der nicht gedreht wurde. Das Gedicht wurde zuerst auf der hinteren Umschlagseite des Versuche-Sonderheftes Die Gewehre der Frau Carrar (1953) veröffentlicht.
„Nicht feststellbare Fehler der Kunstkommission“ und „Das Amt für Literatur“ erschienen in der Berliner Zeitung am 11. und 15. Juli 1953, „Jakobs Söhne ziehen aus, in Ägypten Lebensmittel zu holen“ im Vorwärts, Berlin, am 10. August 1953.
„Zum Einzug des ,Berliner Ensemble‘ in das Theater am Schiffbauerdamm“: Das Berliner Ensemble, dem nach seiner Gründung 1949 Gastrecht im Deutschen Theater gewährt wurde, übersiedelte im März 1954 in ein eigenes Haus, das „Theater am Schiffbauerdamm“ – heute am Bertolt-Brecht-Platz –, in dem 1928 die Uraufführung der Dreigroschenoper stattgefunden hatte.
Die drei Vierzeiler „An die Studenten der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät“ gehören zur „Friedensfibel“, die Brecht als Fortsetzung der Kriegsfibel geplant hatte. Der dritte Vierzeiler ist mit dem dazu gehörenden Foto, das Studenten im Hörsaal zeigt, auf der hinteren Umschlagseite der Kriegsfibel abgedruckt.
„Panzereinheit, ich freue mich“: Diesen Vierzeiler schrieb Brecht, wahrscheinlich für die geplante „Friedensfibel“, zu einem Foto, das er in der Zeitschrift Neues China fand mit der Unterschrift: „Die Besatzungen einer Panzereinheit der chinesischen Volksbefreiungsarmee unterschreiben den Appell des Weltfriedensrates zur Ächtung des Atomkrieges.“
„Ich benötige keinen Grabstein“ erinnert an „Exegi monumentum aere perennius“ („Ich habe mir ein Denkmal gesetzt von größerer Dauer als Erz“), jene berühmte Ode des Horaz, den Brecht sehr mochte und immer wieder las.
Unter dem Titel „Wechsel der Ringe“ wurden die zwei Vierzeiler für diese Ausgabe zusammengestellt.
Das „Gegenlied“ schrieb Brecht, als er bei der Vorbereitung der Ausgabe der „Gedichte“ das Hauspostillengedicht „Von der Freundlichkeit der Welt“ wieder zu Gesicht bekam.
Brechts Bearbeitung der Lenzschen Tragikomödie Der Hofmeister, für die er das kleine Lied „O stille Winterzeit“ schrieb, wurde 1950 vom Berliner Ensemble aufgeführt.
Das Lied „Vom Glück des Gebens“ schrieb Brecht 1950 für die Oper Persische Episode von Rudolf Wagner-Regeny und Caspar Neher.
Der „Herrnburger Bericht“ ist eine Chorkantate für Schulen, die Paul Dessau komponierte. Sie wurde 1951 anläßlich der Weltfestspiele für die Jugend geschrieben und aufgeführt.
Das „Lied der Ströme“ war für den gleichnamigen Film bestimmt, für den Dmitri Schostakowitsch die Musik schrieb. Uraufführung: Wien 1955.
Die Bearbeitung von Ben Jonsons Volpone, bei der Brecht half und für die er die Lieder schrieb, wurde 1952 in Wien angefertigt und aufgeführt.
Für die Bearbeitung von George Farquhars The Recruiting Officer, die unter dem Titel Pauken und Trompeten vom Berliner Ensemble aufgeführt wurde, schrieb Brecht (1955) neue Lieder.
Mit diesem Band wird der Großteil der Gedichte aus den Jahren 1913–1956 beschlossen, für die seinerzeit eine chronologische Anordnung angestrebt wurde. Die folgenden Bände VIII und IX enthalten nachgetragene Gedichte, Gedichtfragmente sowie eine kleine Abteilung „Übersetzungen, Bearbeitungen, Nachdichtungen“. Der vorgesehene zehnte Band bringt Berichtigungen, Textfassungen und Datierungen betreffend, sowie Berichtigungen und Ergänzungen zu den Anmerkungen der einzelnen Bände, dazu ein alphabetisches Register der Titel und Gedichtanfänge.

Elisabeth Hauptmann, Nachwort

 

LIED DER WERKTÄTIGEN FRAUEN
nach Bertolt Brecht

Du Bauernbursche, maßlos und verwegen,
wenn du an meiner Brust wie einem Euter hängst,
so werd ich sagen: Mach schon, meinetwegen,
Geliebter du, mein wollüstiger Hengst.

aaaaaDoch vergiß nicht über deinem Gestampf,
aaaaawas Lenin und Liebknecht uns lehrten.
aaaaaWir stehen noch immer im Klassenkampf.
aaaaaVorwärts, Genossen, Gefährten!

Du Werkzeugmacher mit den hohlen Wangen,
wenn du die Hand mir unters Linnen schiebst,
daß mich zerreißt dein wachsendes Verlangen,
so sage: komm. Sag nie, daß du mich liebst.

aaaaaUnd vergiß nicht über deinem Gestampf,
aaaaawas Lenin und Liebknecht uns lehrten.
aaaaaWir stehen noch immer im Klassenkampf.
aaaaaVorwärts, Genossen, Gefährten!

Erforscher du des Materialismus,
falls dich der Rücken schmerzt, wenn du mich küßt,
ich heile dich von deinem Rheumatismus,
und du wirst trommeln wie ein Rotgardist.

aaaaaDoch vergiß nicht über deinem Gestampf,
aaaaawas Lenin und Liebknecht uns lehrten.
aaaaaWir stehen noch immer im Klassenkampf.
aaaaaVorwärts, Genossen, Gefährten!

Manfred Bieler

 

Fakten und Vermutungen zur Herausgeberin
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Bertolt Brecht: Lob des Lernens gesungen von Nina Hagen 2016 in Potsdam.

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