Christoph Buchwald, Michael Buselmeier & Michael Braun (Hrsg.): Jahrbuch der Lyrik 1996/97

Buchwald, Buselmeier & Braun-Jahrbuch der Lyrik 1996/97

DER LETZTE GAST

Im Schatten der von mir gepflanzten Pinien
will ich den letzten Gast, den Tod, erwarten:
„Komm,  tritt getrost in den betagten Garten,
ich kann es nur begrüßen, daß die Linien

sich unser beider Wege endlich schneiden.
Das Leben spielte mit gezinkten Karten.
Ein solcher Gegner lehrte selbst die Harten:
Erleben, das meint eigentlich Erleiden.“

Da sprach der Tod: „Ich wollt’ mich grad entfernen.
Du schienst so glücklich unter deinen Bäumen,
daß ich mir dachte: Laß ihn weiterleben.
Sonst nehm ich nur. Dem will ich etwas geben.

Dein Jammern riß mich jäh aus meinen Träumen.
Nun sollst du das Ersterben kennenlernen.“

Robert Gernhardt

Alle Jahre wieder

Alle Jahre wieder ein Jahrbuch der Lyrik, aber nicht jedes Jahr wieder eine Anthologie mit den neuesten deutschsprachigen Gedichten. Wie das vorangegangene Jahrbuch (1995/96), das von Joachim Sartorius für die Zeitschrift Lettre International zusammengestellte Gedichte über das Gedichtschreiben, die Poetologie und die Poesie versammelte, so möchte auch dieser Band ein besonders eindrucksvolles Projekt vor der Furie des allzu schnellen Verschwindens bewahren: 42 Gedichte (überwiegend aus den siebziger und achtziger Jahren) die Michael Braun und Michael Buselmeier für die Wochenzeitung Freitag in einer von Ausgabe zu Ausgabe fortgesetzten Kolumne poetologisch argumentierend, interpretierend oder biographisch kommentiert haben. Zu schade, wenn diese Anthologie bekannter und unbekannter Autoren, ungewöhnlicher Funde, Denk- und Schreibweisen im Zeitungsaltpapier untergegangen wäre.
Das Jahrbuch der Lyrik wird immer wieder einmal solche für Poesieleser interessanten Unternehmungen abdrucken, um über die jährliche Auswahl unveröffentlichter neuer oder in Zeitungen und Zeitschriften gedruckter Gedichte hinaus über eigenwillige, besondere, ungewöhnliche Zugänge zum Gedicht zu informieren. Das Jahrbuch 1997/98 jedoch wird wieder in der gewohnten Form erscheinen: Mit neuesten Gedichten, die in Auswahl und Zusammenstellung eine Vorstellung vom „gegenwärtigen Stand des poetischen Handwerks“ geben wollen.

Christoph Buchwald, Nachwort

Nach Borges

ist für die Aufgabe des Übertragens entscheidend, die „poetische Emotion“ des Originalmanuskripts in die andere Sprache hinüberzuretten. Damit ist gleichzeitig ein Wesensmerkmal der neueren argentinischen Lyrik gemeint, das sich durch Intensität und Vielstimmigkeit des poetischen Sprechens charakterisiert. Seit den achtziger Jahren steht diese Poesie im Zeichen der kontinentalen Demokratisierung, die in ganz Lateinamerika von einem faszinierenden Lyriktrend begleitet wird. Die Mehrzahl der hier vorgestellten dreizehn Lyrikerinnen und Lyriker hat an den neugegründeten Poesiefestivals im uruguayischen Montevideo, in Mexiko-Stadt, in Santiago de Chile, im peruanischen Lima, im kolumbianischen Medellín und Bogotá oder am jüngsten „III. Festival al Latinoamericano de Poesia“ zur Jahresmitte 1995 im argentinischen Rosario am Río Paraná teilgenommen. Die Auswahl ihrer Gedichte lädt zum ersten Kennenlernen einer europäisch-jüdisch-lateinamerikanisch geprägten Lyrikszene Argentiniens ein, die von Buenos Aires bis nach Mar del Plata am Südatlantik und Tucumán im andinen Norden des Landes reicht.

Tobias Burghardt, Vorwort zur Auswahl argentinischer LyrikerInnen im Jahrbuch der Lyrik.

Nur wenige erreichen Malta

„Der Dichtung eine Gasse“ – unter diesem Motto eröffnete Marcel Reich-Ranicki vor zwanzig Jahren in der FAZ seine „Frankfurter Anthologie“, ein – wie sich zeigen sollte – sehr erfolgreicher Versuch, neue Leser für Lyrik zu interessieren. Gedichte aus allen Epochen der deutschen Literaturgeschichte, vorrangig jedoch „Klassiker“, längst kanonisierte Texte, werden seither allwöchentlich in der FAZ vorgestellt und durch kundige Interpreten kommentiert. Was bislang fehlte, war ein kritisches Kompendium der Gegenwartslyrik, das der Dichtung der achtziger und neunziger Jahre den Weg bahnt.
Mit dem Jahrbuch der Lyrik 1996/97 liefern wir nun die aktuelle und zeitgemäße Gegenschrift zur „Frankfurter Anthologie“: Annäherungen an die jüngste deutschsprachige Dichtung, kritische Auseinandersetzungen mit den neuen Schreib- und Erlebnisweisen der Lyrik unserer Jahre. Wir präsentieren und kommentieren Beispiele lyrischer Geistesgegenwart und Zeitgenossenschaft – subjektiv und oft wie zufällig ausgewählt, gelegentlich auch auf Geburts- und Todestage reagierend, doch stets gegen den Strich: Gedichte z.B. von Friederike Mayröcker, Thomas Kling und Marcel Beyer, die nach ungewohnten, offenen Formen für ihre ästhetischen Erfahrungen suchen; Gedichte von Wulf Kirsten, Christoph Meckel und Gregor Laschen, die durch Anverwandlung alter Formen und Mythen gültige poetische Bilder zu finden vermögen; auch Gedichte von Poeten aus der Provinz, West wie Ost, die überregional nie beachtet wurden, Heinz G. Hahs oder Manfred Streubel; schließlich ein paar politische Gedichte (von F.C. Delius, Volker Braun, Peter Handke), die wie erratische Blöcke in die beruhigte Landschaft ragen.
Die 42 ausgesuchten Texte antworten wie die Glieder eines Kettengedichts aufeinander, manchmal freilich so leise, daß ohne unsere behutsam dechiffrierenden, oft biographisch orientierten Kommentare vieles unverständlich bliebe. Die Kommentare bieten Lesarten an und stellen einen Zusammenhang her, sie begründen die innere Logik der Anthologie. Fern jedem akademischen Gestus, verstehen sie sich als sympathetische Dialoge mit der zeitgenössischen Poesie. In diesen Dialogen wird nicht ,objektiv‘ analysiert, sondern das elementare Bewußtseinsereignis aufgezeichnet, das die Begegnung mit einem Gedicht noch immer darstellt.
Die hier versammelten Gedichte und Kommentare sind zwischen 1991 und 1995 in der Wochenzeitung Freitag sowie im Literaturprogramm des Saarländischen Rundfunks veröffentlicht worden. Diese beiden mutigen Institutionen waren als einzige bereit, der zeitgenössischen Lyrik eine Spalte einzuräumen. Für den Druck im Jahrbuch der Lyrik 1996/97 wurden die Kommentare leicht überarbeitet.

Michael Braun, Michael Buselmeier, Nachwort

Ein Gedicht

– so der nobelpreisgekrönte Josep Brodsky – ist ein zuverlässigerer Gesprächspartner als ein Freund oder eine Geliebte. Freilich muß man ihm nicht nur sehr genau zuhören, man muß seine oft verschlüsselten Aussagen auch zu verstehen wissen. Kernstück des diesjährigen Lyrik-Jahrbuchs ist deshalb eine Serie von 42 zeitgenössischen Gedichten, deren „Lesarten“ in sympathetischen Kommentaren behutsam angedeutet werden: eine aktuelle Verlängerung der „Frankfurter Anthologie“ bis in die Gegenwart, ein Lesebuch, das neue Wege zum Verständnis der allerjüngsten Dichtung eröffnet.
Wie üblich enthält der Band auch eine Auswahl unveröffentlichter Gedichte und – als „Blick zum Nachbarn“ – neue Poesie aus Argentinien.

C.H. Beck Verlag, Klappentext, 1996

Jahrbuch der Lyrik-Register aller Bände, Autoren und Gedichte 1979-2009

Fakten und Vermutungen zum Jahrbuch der Lyrik
Fakten und Vermutungen zu Christoph Buchwald
Fakten und Vermutungen zu Michael Buselmeier
Fakten und Vermutungen zu Michael Braun

Naheliegendes:

  1. Michael Braun & Hans Thill (Hrsg.): Das verlorene Alphabet
  2. Hans Bender (Hrsg.): Was sind das für Zeiten
  3. Michael Braun & Hans Thill (Hrsg.): Punktzeit
  4. Christoph Buchwald & Ursula Krechel (Hrsg.): Luchterhand Jahrbuch der Lyrik 1985
  5. Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Erich Fried bis Durs Grünbein

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