Das ist die Nachtigall, sie singt

Das ist die Nachtigall, sie singt

IN ANDEREN SPRACHEN

Wenn der Elsternflug mich befragte,
das Wippen der Bachstelze,
in allen Jahrhunderten vor meiner Geburt,
wenn das Stumme mich fragte,
gab mein Ohr ihm die Antwort.

Heute erinnert mich
der Blick aus dem Fenster.
Ich denke in die Dämmerung,
wo die Antwort auffliegt,
Federn bewegt,
im Ohr sich die Frage rührt.

Während mein Hauch sich noch müht,
das Ungeschiedne zu nennen,
hat mich das Wiesengrün übersetzt
und die Dämmerung denkt mich.

Günter Eich

 

 

Nachwort

Ich habe mancherlei Bücher aufgeschlagen, um mehr über die vielstimmigen Vogelgedichte zu erfahren; zum Beispiel Das Buch der Natur aus dem 14. Jahrhundert von dem Regensburger Kanoniker Konrad von Megenberg. Schließlich ist es die erste in deutscher Sprache geschriebene Naturgeschichte, das einflußreichste naturwissenschaftliche Lehr- und Handbuch des späten Mittelalters im gesamten deutschen Raum. Beispielhaft in der vorliegenden Versammlung der Vögel habe ich den Adler zitiert, von dem Augustus sagte, er sei der edelste Vogel und ein König aller Vögel, was durchaus auch heute noch gelten kann.
Doch heute und hierzulande gilt unsere Vorliebe anderen Vogelarten, ob nun Amsel, Drossel, Fink und Star; vor allem aber der Nachtigall, der Meistersopranistin, die nicht nur stimmlich die Welt verschönert hat, auch Heerscharen von Dichtern inspirierte und immer noch inspiriert.
Annemarie Schimmel schreibt in ihrem Buch Nimm eine Rose und nenne sie Lieder. Poesie der islamischen Völker: Die klassische arabische Dichtung sei berühmt für die detaillierten Beschreibungen von Kamelen und edlen Rossen, die die Helden durch die Wüste trugen…; doch auch Wölfe, Wüstenvögel und tiergestaltige Geister bevölkerten jene Poesie. Das häufigste Motiv aber sei das des Seelenvogels, vor allem der Nachtigall, die in tausend und abertausend Versen in der Liebeslyrik um die Rose „Gul“ besungen wird: Seele, die sich nach dem ewig schönen Geliebten sehnt.
Der abendländische Dichter, der wieder und immer wieder für uns die Nachtigall herbeizaubert, ist Heinrich Heine. Ja, er geht so weit, zu schreiben:

Im Anfang war die Nachtigall
Und sang das Wort: Züküht! Züküht!
Und wie sie sang, sproß überall
Grüngras, Violen, Apfelblüt.

Wohl wissend, daß es bei diesen beseligenden, schöpferischen Fähigkeiten nicht bleiben kann, heißt es weiterhin:

Sie biß sich in die Brust, da floß
Ihr rotes Blut, und aus dem Blut
Ein schöner Rosenbaum entsproß;
Dem singt sie ihre Liebesglut.

Und damit ist der Beleg erbracht, daß die Nachtigall ein Synonym für Liebesfreud und Liebesleid ist. Heine sollte posthum der Nachtigallen-Orden verliehen werden. Und wünschenswert wäre, diese Protagonistin begriffe, wie sie ihren Dank abzustatten habe, indem sie Heines Grab auf dem Friedhof von Montmartre mit Liedern überhäuft.
Lerchen, selbst Spatzen bevölkern unsere Volieren. Ramón Guirao schreibt ein Gedicht zur „Lerche über mir“. Ich kannte den Autor nicht, bevor ich die Rose aus Asche las, herausgegeben und übersetzt von Erwin Walter Palm. Dieses Vogelgedicht aber habe ich nicht mehr vergessen können, es ist mir unvergeßlicher als das im gleichnamigen Buch zu findende, weltbekannte Gedicht von Rafael Alberti „Getäuscht hat sich die Taube“. Ramón Guirao vollbringt es, die Lerche im Unwirklichen so wirklich zu machen, daß das „ewig granatfarbene Licht des Sonnenuntergangs“ sichtbar wird, daß wir vom Wunder überzeugt werden, eines Tages geschähe das Abenteuer, und wir vergessen einander ewig.
Hesse überträgt seine, des Menschen Müdigkeit:

Mit Dämmerung und Amselschlag
Kommt aus den Tälern her die Nacht.
Die Schwalben ruhn, der lange Tag
Hat auch die Schwalben müd gemacht.

Und er wird zum heiligen Franziskus, wenn er schreibt:

Liebe Vögel im Laub,
Liebe Brüderlein,
Lasset uns singen und fröhlich sein,
Bald sind wir Staub.

Jaques Prévert macht für die Kinder aus der leidigen Rechenstunde eine Zauberwerkstatt: Der Lehrer verliert seine Realität, das ganze Einmaleins wird zum Lied, da hilft auch das Schreien des Lehrers nichts, es hat lediglich den Anfang gemacht: Die Wände sinken ein, die Fensterscheiben werden wieder Sand, die Tinte wird wieder Wasser, der Federhalter wird wieder Vogel. Und die ganze, dem Kinde unverständliche Welt ist verschwunden.
Lessing, ein Meister der Fabel, bittet die Nachtigall, ihm bei der Lehre für uneinsichtige Menschen behilflich zu sein; Robert Wolfgang Schnell zeigt an, daß einem Märchen offizieller Schutz nicht zustehe. Und Ringelnatz erdreistet sich, dem rührseligen Volkslied alle Rührseligkeit zu nehmen, wenn es heißt:

Wenn ich zwei Vöglein wär,
Und auch vier Flügel hätt,
Flög die eine Hälfte zu dir.

Nicht erst in unserer Lebenszeit nehmen die Dichter diesen oder jenen Vogel zum Anlaß, ihre Geschichte, ihre Gedanken festzuhalten. Li Tai-Bo (701–762 n. Chr.), aus der Tang-Dynastie, von Günter Eich übertragen, hat den Blick auf die Terrasse festgehalten; er demonstriert den auch heute noch gültigen Gang des Lebens. Tschang-an ist der Ort, von dem Li Tai-Bo verbannt war, doch wir kennen den Kummer, wenn uns Wolken die Sonne verdunkeln oder was Heimweh heißt.
Liu Dsung-Yüan (773–819 n. Chr.) entwirft uns den „Fluß im Schnee“:

Nun ist erstarrt der Vögel scheuer Flug
aaaauf allen Fluren.

Ein alter Mann allein, in seinem Kahn,
aaamit dichtem Schiffbehang und weitem Hut,
Sitzt einsam noch und angelt
aaain der verschneiten Flut.

Ja, doch, wir kennen diesen Anflug von Schmerz, wenn wir einen Blick auf dieses Bild des alten Mannes werfen, dessen Einsamkeit uns voraus ist.
Genug der Tagvögel. Vier Hölderlin-Zeilen wollen mir nicht aus dem Sinn:

Wie mein Glück, ist mein Lied. – Willst du im Abendrot
Froh dich baden? hinweg ists! und die Erd’ ist kalt,
Und der Vogel der Nacht schwirrt
Unbequem vor das Auge dir.

„Unbequem“ sagt Hölderlin. Gemeint aber ist wohl: erschreckend, hoffnungslos, tödlich.

Wir danken den Vögeln nicht nur für ihren Flug, der uns bis ins Unendliche übertrifft, für den Gesang, auch dafür, daß sie uns ein Bild sind, wenn uns die Sprache nicht ausreicht.

Elisabeth Borchers, Nachwort

 

Inhalt

Die Nachtigall, die Meistersopranistin unter den Vögeln, verschönert nicht nur stimmlich die Welt, sondern hat auch Heerscharen von Dichtern inspiriert – schon im alten China war die Nachtigall ein Symbol der Poesie, der Liebe und der Weisheit. Der vorliegende Band versammelt einige der schönsten Gedichte von Hölderlin, Eichendorff und Heine bis zu Bertolt Brecht, Ingeborg Bachmann, Paul Celan und Günter Eich.
Insel Verlag, Ankündigung

Rund sechzig Vogel-Gedichte

Amsel, Drossel, Fink und Star und die ganze Vogelschar – sie sind auch in diesem Inselbändchen versammelt, allerdings auf lyrische Weise. Die Herausgeberin Elisabeth Borchers hat rund sechzig Vogel-Gedichte ausgewählt und daraus eine „Versammlung der Vögel“ zusammengestellt. Dabei reicht die internationale Palette der Poeten von Gotthold Ephraim Lessing über Heinrich Heine, Hermann Hesse, Pablo Neruda und Bertolt Brecht bis zu Anna Achmatowa. Auch chinesische Lyriker aus der Tang-Zeit wie Li Tai-Bo oder Liu Dsung-Yüan sind vertreten.
Hier kommen sie alle zu Wort: Adler, Nachtigall, Kolibri, Spatz, Eule, Reiher, Rabe, Pfau usw. Der besondere Reiz der Auswahl ist, dass sie weniger bekannte Gedichte versammelt und diese durch zahlreiche farbige Vignetten (entnommen der Tierkunde von Walter Wüst und Die Vögel Europas von John Gould) illustriert sind. Komplettiert wird das Inselbändchen durch ein Nachwort der Herausgeberin.
Manfred Orlick, amazon.de, 23.3.2016

 

Fakten und Vermutungen zur Autorin
Porträtgalerie
Nachrufe auf Elisabeth Borchers: Park ✝ FAZ ✝ Welt

 

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